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Arbeiten im ehemaligen Staatsgebiet Wie die Stasi das Leben von Tobias Hollitzer prägt

von Kathrin Müller-Lance, Cindy Boden und Nicolas Horn

Er arbeitet jetzt da, wo sich früher feindliches Gebiet befand. Sein Büro liegt in einem der Räume der früheren Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (BVfS) in Leipzig. Dass damals ein Mitarbeiter der Stasi an seiner Stelle saß, macht Hollitzer nichts aus: „Ich spüre keinen DDR-Geist darin.“ Es ist nicht überzogen, zu sagen: Das BVfS-Gebäude hat Hollitzers Leben geprägt – und prägt es immer noch. Am 4. Dezember 1989 gehört er zu den ersten Besetzern der SED-Zentren in Leipzig. Zwischen 23 und 24 Uhr sei er damalsin die Bezirksverwaltung eingedrungen, erinnert er sich. Wirklich rausgekommen ist der heute 52-Jährige seitdem nicht mehr.

Die ersten 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR ist Hollitzer stellvertretender Außenstellenleiter der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit. Seitdem leitet er im benachbarten Gebäudetrakt das Museum Runde Ecke, das seit August 1990 die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ beherbergt. Er sei da halt „so reingerutscht“. Nun fühlt er sich dem Erinnern verpflichtet, weil er als einer von Wenigen dabei war, als die Leipziger Bürger die Behördenräume besetzten.

Der Umsturz kommt damals auch für Hollitzer unverhofft. „Es geht jetzt. Ich will das jetzt wissen“, denkt er sich an jenem Dezemberabend 1989 und spürt eine Mischung aus Angst und Neugier. Weil die Stasi ihre Türen für einige Demonstranten wie ihn öffnet, bleibt die friedliche Revolution gewaltfrei. Das vorderste Ziel ist erreicht: die Aktenvernichtung gestoppt. Als Hollitzer während der Besetzung immer mehr Stahltüren zu Stasi-Räumen öffnet, sieht er neben zerrissenen Karteikarten auch Säcke voll ungeöffneter Post. Schon in den Jahren der Diktatur zuvor habe man gemunkelt, dass Stasi-Mitarbeiter private Briefe kontrollierten und Telefonate abhörten. „Das Überraschendste war vor allen Dingen die Gewissheit, die sich da auftat”, erinnert sich Hollitzer zurück.

In dem von außen betrachtet monströsen Bau mit den abgerundeten Spitzen lagern damals tausende Akten, auch Hollitzers. „Das berührt mich gar nicht so“, sagt Hollitzer heute. Für die SED ist er damals ein Feind, obwohl er als Umweltaktivist gar nicht dezidiert gegen die Parteiführung kämpft. Warum er trotzdem ins Visier der Stasi geraten sei? „Man braucht eine Grundopposition für das Engagement, das Engagement bringt einen aber auch in die Opposition.“

Sein Wissen über die DDR hat der gelernte Bau- und Möbeltischler aus Akten, wissenschaftlichen Recherchen und persönlichen Erfahrungen gesammelt. Von seiner Vergangenheit  berichtet der frühere Umweltaktivist meist distanziert. Fast so, als ginge ihn seine Geschichte weniger an als die der unzähligen anderen Oppositionellen. Nur wenn es um seine eigene Stasi-Akte geht, gerät er ins Stocken. Von der Akte sei „nicht mehr so wahnsinnig viel da“. Aber sein Name taucht in anderen Dokumenten auf, auch ein Passbild von ihm wurde gefunden. Und so ganz aufgegeben hat er die Suche immer noch nicht: „Ich bin sicher, dass es einen Sack gibt, in dem die Akte liegt.”

Seine nüchterne Erzählweise behält er auch dann noch bei, wenn es um eine “für unmöglich gehaltene” Dimension der Stasi-Vergangenheit geht: die Einrichtung von Isolierungslagern. Dorthin sollten Menschen gebracht werden, die als potenziell gefährlich galten. Eine Liste mit Namen gab es auch für rund 100 Leipziger Bürger. “Wo ich auch meinen Platz drauf hatte”, fügt Hollitzer hinzu. Zum Glück sei es nur eine Planung geblieben.

Trotz allem war für ihn immer klar: „Ich bleibe in Leipzig, nicht in der DDR.” Weil er nicht weg wollte, sollte sich eben der Staat verändern. Bei der Aufarbeitung des SED-Regimes geht er rigoros vor – was längst nicht allen passt. Viele fänden, die Zeit sei reif, sich anderen Fragen als den ostdeutschen zu widmen. Ein Vorwurf, den er heute immer wieder hört: „Die Ausstellung in der Runden Ecke zeigt zu konkret, was die Stasi war.” Für Hollitzer ist diese Aussage allerdings fast eher Lob als Kritik. Er will, dass sein Museum unbequem ist. Wenn „heute grundsätzliche Dinge infrage gestellt“ würden, frustriert ihn das. Man müsse neben der Stasi auch andere Facetten der DDR in den Blick nehmen, heiße es immer wieder. „Machen wir doch auch“, entgegnet Hollitzer dann.

Vor einigen Jahren, als Hollitzer noch bei der Stasi-Unterlagenbehörde arbeitete, sagte ein ehemaliger Oberstleutnant gegenüber der taz: „Es ist eine einseitige, verbitterte Jagd, die von Hollitzer und seinen Leuten ausgeht.“ Den jetzigen Museumsleiter lässt das kalt, die Zusammenarbeit mit ehemaligen Stasi-Oberen hält er für schwer möglich. Versöhnung könne nur von den Opfern ausgehen.

Den Antrieb für seine zeitintensive Arbeit zieht Hollitzer aus einer persönlichen Leitfrage: „Wie kann man Erfahrungen über eine Diktatur sammeln, ohne in der Diktatur gelebt haben zu müssen?“ Die Runde Ecke soll dabei helfen, das Erlebte über Generationen zu vermitteln. Das hat Hollitzer zu seiner Aufgabe gemacht und deshalb prägt die Stasi sein Leben auch noch nach der Wende.

Dass Hollitzer der Geist der DDR noch verfolgt, wird an einer Stelle besonders deutlich: Er hat keinen Personalausweis. Damals habe man den ja quasi „auf der Brust getragen“, sagt er. „Jetzt genieße ich, dass ich den nicht immer dabei hab.“ Stattdessen besitzt Hollitzer einen Reisepass – diese Ironie gefällt ihm.

Panel 1 (afternoon): Mass media, collective memory and counter publics in the internet. The example of the German Democratic Republic (GDR)

Discussants: Anna Brass and Dr. Martina Fischer

Anna Brass

Anna Brass

(Foto: privat)


Anna Brass gained her first international experience as an exchange student in the US during her high school years. After graduation she took part in the European Voluntary Service in France. Anna Brass studied languages, economics, and cultural studies in Germany and France. During her time studying at University, she also completed several-month traineeships at ZDF/ARTE (Germany), ARTE G.E.I.E (France) and a Munich based Production Company for documentaries. She got engaged as an assistant director and producer before beginning her studies in documentary film and TV journalism at the University of Television and Film in Munich.

Martina Fischer

Martina Fischer


(Foto:privat)


Dr. Martina Fischer is a political scientist and peace researcher based in Berlin (Germany). Currently she works as a policy advisor (human rights and peace desk) at “Brot für die Welt” („Bread for the World“), the development agency of the Protestant Churches in Germany. Before joining Bread for the World in 2016 she worked in peace research institutions for more than two decades. From 1998 onwards she worked for the Berghof Foundation (Berlin) as a senior researcher, deputy and acting director of the former Berghof Research Centre for Constructive Conflict Transformation. She has published extensively on peacebuilding in post-conflict societies and the role of civil  society in conflict transformation. She studied history, German language, journalism & communication science, and holds a PhD in political science from the Free University, Berlin.