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Eine Pflanze als Politikum Baumwolle in Usbekistan

Baumwolle ist in Usbekistan allgegenwärtig. Die Pflanze ziert Brunnen, Hochhäuser, Mauern und das Wappen des zentralasiatischen Landes. 3,5 Millionen Tonnen wurden 2011 geerntet, eine Milliarde Dollar verdient der Staat jährlich mit dem Handel der Malvengewächse. Damit gehört Usbekistan zu den größten Baumwollexporteuren der Welt. Doch zu welchem Preis wird dort geerntet?

Baumwolle ist in Usbekistan Staatsangelegenheit. Bauern müssen die Pflanzen zu festgesetzten Kontingenten anbauen und an den Staat verkaufen. Falls sie sich dem widersetzen, droht ihnen der Verlust ihrer Felder, Strafanzeigen und Verurteilungen. Um eine reibungslose und vor allem preisgünstige Ernte zu garantieren, werden jedes Jahr im Herbst Million Usbeken zur Arbeit in den Baumwollfeldern gezwungen. Einberufen werden Staatsangestellte wie Lehrer, Ärzte oder Krankenschwestern. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. In den Krankenhäusern fehlen Chirurgen für lebenswichtige Operationen, Schulen werden geschlossen und öffentliche Aufgaben nicht wahrgenommen.

Stig Tanzmann (links) und Hugh Williamson bei ihrer Präsentation auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2017 (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Vor allem die staatliche Elite profitiert vom Anbau der Baumwolle, sagt Hugh Williamson, Direktor der Abteilung Europa- und Zentralasien bei Human Rights Watch: „Im usbekischen Baumwollgeschäft ist der Staat der mächtigste Akteur. Er hat das System aufgebaut und profitiert davon“.

Lediglich acht Cent verdienen die ArbeiterInnen pro Kilogramm geerntete Baumwolle. „In acht Stunden Arbeit kann man rund 50 bis 60 Kilogramm ernten. Das sind gerade einmal zwei bis drei Dollar pro Tag“, sagt Umida Nayazova vom Usbekischdeutschen Forum für Menschenrechte (UGF). Dieses Geld bleibt jedoch nicht in den Taschen der ArbeiterInnen. Für die Verpflegung während der Ernte müssen sie selbst aufkommen. Die Arbeit auf den Feldern ist außerdem gefährlich. Jährlich fordert die Erntearbeit Todesopfer, wie das UGF auf ihrer Website beschreibt. Unbekannte Chemikalien, prekäre sanitäre Situationen in den Unterbringungen und der Mangel an sauberem Trinkwasser sind einige der Gründe, die das Arbeiten bei der Baumwollernte zur Gefahr machen.

Als Entschädigung erhalten die Zwangsarbeiter umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag./ Quelle: UGF

Bis vor einigen Jahren kam in der usbekischen Baumwollernte auch Kinderarbeit zum Einsatz. Ganze Schulklassen mussten auf den Baumwollfeldern die Erntearbeit verrichten. Erst nach jahrelangem Druck von internationalen Organisationen und Regierungen, stellte die usbekische Regierung die Beschäftigung von Kindern 2012 ein. Laut Niyazova kann von einem Ende der Kinderarbeit jedoch keine Rede sein: „Kinder werden für die Erntearbeit noch immer aus den Schulen geholt“, sagt sie.

Doch wie lässt sich die Situation auf den usbekischen Baumwollfeldern nachhaltig verbessern? Williamson sieht in der Mechanisierung der Ernte eine Chance. Durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen müssten weniger Menschen auf den Feldern arbeiten und daher käme es auch zu weniger Zwangsarbeit. Wirklich beenden könne die Situation aber nur die Abschaffung des politischen Systems, das die Zwangsarbeit unterstützt, so Williamson. Stig Tanzmann von Brot für die Welt sieht nicht nur bei der Regierung Handelsbedarf. Für ihn müssen Abnehmerfirmen und Kunden ihr Einkaufsverhalten überdenken. „Als Abnehmer profitieren auch sie vom usbekischen Baumwollsystem“, sagt er. Schlussendlich sind die Konsumenten durch den Kauf von Kleidung aus usbekischer Baumwolle für die Situation vor Ort mitverantwortlich.

 

„Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich.“ Muyassar Turaeva

Muyassar Turaeva wurde in Usbekistan geboren. Während ihrer Schulzeit musste sie mehrmals als Erntehelferin auf usbekischen Baumwollfeldern arbeiten. Im Interview erzählt sie von langen Arbeitstagen, psychologischem Druck und warum Gemüse eine Hoffnung ist.

Frau Turaeva, wann arbeiteten Sie das erste Mal auf einem Baumwollfeld?

Turaeva: Das erste Mal wurde ich 1990 zur Baumwollernte herangezogen. Damals war ich in der neunten Klasse. Bis zur elften Klasse mussten wir jedes Jahr bei der Ernte helfen.

War die Arbeit auf den Baumwollfeldern freiwillig?

Turaeva: Nein, die Schulen wurden während der Erntezeit geschlossen und alle Kinder ab der neunten Klasse mussten bei der Baumwollernte helfen. Im ländlichen Raum wurden auch jüngere Kinder zur Baumwollernte herangezogen.

War es möglich, sich von der Arbeit auf den Baumwollfeldern befreien zu lassen?

Turaeva: Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich. Die einzige Möglichkeit nicht arbeiten zu müssen war ein ärztliches Attest. Befreit wurde man aber nur, wenn eine schwerwiegende Krankheit vorlag. Einige Ärzte verdienten viel Geld mit dem Verkauf von Attesten. Aber selbst wer von der Ernte befreit wurde, musste häufig andere öffentliche Diente vollrichten und zum Beispiel das Schulhaus reinigen. Die Befreiung von der Baumwollernte hatte aber auch Folgen.

Welche Folgen?

Turaeva: Ich erinnere mich noch an das erste Jahr Baumwollernten. Meine Mutter schaffte es, dass ich nicht zur Ernte musste. Die Zeit danach in der Schule war sehr schwierig. Der psychologische Druck war enorm. Die Direktorin beleidigte und erniedrigte mich vor allen anderen Kindern, weil ich nicht bei der Baumwollernte geholfen hatte. Ich wurde in der Schule isoliert, das ganze Schuljahr über war ich traumatisiert. Im folgenden Jahr wollte ich unbedingt mit zur Ernte.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit Baumwolle./ Quelle: UGF

Wann begann die Ernte und wie sah ein Arbeitstag aus?

Turaeva: Die Ernte dauerte vom 4. September bis Mitte November. An Arbeitstagen standen wir um 6.30 Uhr auf. Um acht Uhr mussten wir auf den Feldern sein und bis etwa 17.30 Uhr ernten. Anschließen wurde unsere Baumwolle gewogen und dann begann der Fußmarsch zurück zur Unterkunft, die häufig 40 Minuten weit entfernt war.

Wo waren die SchülerInnen während der Erntezeit untergebracht?

Turaeva: Als Schulkinder waren wir in Theatern, Sporthallen, Schulen oder Kindergärten untergebracht. Später wohnten wir in privaten Häusern. Bauern räumten zwei Zimmer leer, eins für die Jungs, eins für die Mädchen. Die Küche wurde gemeinsam genutzt. Die Unterkünfte waren umsonst, wir erarbeiteten sie uns mit der geernteten Baumwolle.

Gab es eine Mindestmenge an Baumwolle, die geerntet werden musste?

Turaeva: Ja, wir mussten mindestens 60 Kilogramm ernten. Geld bekamen wir nur, wenn wir mehr als die geforderten 60 Kilo ablieferten. Dann gab es umgerechnet 6 Cent. Heute bekommen die Erntehelfer 55 Cent. Das ist immer noch nicht viel, aber wenigstens eine positive Entwicklung.

Seit 2012 ist Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern in Usbekistan verboten. Wie hat sich die Situation seither verändert?

Turaeva: Die Situation hat sich verbessert. Die Baumwollfabrikanten stellen freiwillige Helfer für die Ernte ein. Der Preis pro geerntetes Kilo Baumwolle wurde angehoben. Ich denke, das ist eine gute Entwicklung, um die Zwangsarbeit zu bekämpfen. Außerdem hat die usbekische Regierung die Anbauflächen für Baumwolle reduziert. Es werden mehr Gemüse und Früchte angebaut. Das reduziert nicht nur den Wasserverbrauch, sondern auch die Zwangsarbeit bei der arbeitsintensiven Baumwollernte.

Was kann Deutschland tun, um die Situation der Erntehelfer in Usbekistan zu verbessern?

Turaeva: Deutschland kann technische Hilfe im Agrarbereich leisten und in den Ausbau der Frucht- und Gemüseanbaus investieren. Das hilft der usbekischen Regierung, die Anbauflächen für Baumwolle weiter zu verkleinern. Das hätte nicht nur eine positive Auswirkung auf die Umwelt, sondern würde auch die Menschenrechtsverletzungen bei der Baumwollernte reduzieren.

Vertuschte Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden alle Usbekinnen und Usbeken zur Baumwollernte gezwungen. Freie Berichterstattung über die Missstände ist aufgrund des repressiven Regimes kaum möglich. Nach dem Tod des alten Präsidenten gab es Ausblick auf Besserung – doch zu viele Akteure profitieren von der Zwangsarbeit.

Der ehem. usbekische Präsident Islan Karimov (1938-2016). (Quelle: kremlin.ru, CC 4.0)

Als am 2. September 2016 die Nachricht von Islam Karimovs Tod die Runde machte, herrschte fast so etwas wie Aufbruchstimmung in Usbekistan. Karimov hatte die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien während seiner 25-jährigen Präsidentschaft in eine der schlimmsten Diktaturen weltweit verwandelt. Als das Regime den bisherigen Premierminister Shavkat Mirziyoyev als Nachfolger Karimovs präsentierte, waren die Dissidenten in Land nach anfänglicher Skepsis sogar optimistisch, dass er entscheidende Reformen zur Liberalisierung Usbekistans anstoßen würde.

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 sendete das Regime erste Zeichen der Entspannung. Im November entließ der Staat Samandar Kukanov, einen der weltweit am längsten eingeschlossenen politischen Gefangenen, nach 23 Jahren aus der Haft. Auch nach der formellen Wahl Mirziyoyevs zum Präsidenten signalisierte das Regime den Willen zu Reformen und setzte Anfang 2017 den 18 Jahre lang inhaftierten Journalisten Muhammad Bekschanow auf freien Fuß. Doch hinter der vermeintlichen Entspannung steckte ein anderer Plan: Das Aufpolieren des usbekischen Images in der Welt, um ausländische Investoren anzulocken. Denn unter dem neuen Präsidenten wurde die ökonomische Fortentwicklung zur wichtigsten Priorität in Usbekistan.

„Uzbekistan’s government continued to show a blatant disregard for constitutional provisions, leaving freedom of expression and freedom of the press virtually nonexistent in the country.“

— (Freedom House: Freedom of the Press 2016)

Freiheit der Presse mit Füßen getreten

Schnell stellte sich heraus: Eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation scheint kaum im Interesse des Regimes zu liegen. Diese Erfahrung musste Edda Schlager Ende 2016 machen. Als einzige deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet, reiste sie vor den Präsidentschaftswahlen mit einem Touristenvisum nach Usbekistan, um die Stimmung im Land zu einzufangen. Am 10. November wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und verhört – noch am selben Tag kam sie vor Gericht und wurde aus dem Land geworfen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt.

Edda Schlagers eintägige Verhaftung ist ein beispielhafter Fall, der die Einschränkung der Pressefreiheit in Usbekistan dokumentiert. Auch wenn die usbekische Verfassung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit unterstützt, ist eine freie Berichterstattung aus und in Usbekistan in der Praxis nicht möglich. Polizeikräfte an jeder Ecke bestimmen das Stadtbild in Usbekistan, offen mit einem Mikrofon durch die Straßen zu laufen ist nicht möglich. Wenn Journalisten oder Menschenrechtler doch erwischt werden, so drohen ihnen nicht nur Repressalien in Form von Lizenzentzug oder Jobverlust – auch Folter ist in den usbekischen Gefängnissen an der Tagesordnung.

Das Regime tut alles dafür, seine Bürgerinnen und Bürger nur mit den Informationen der Staats-propaganda zu füttern. Medien müssen sich beim Staat registrieren und erhalten nur in den seltensten Fällen eine Lizenz. Seit der Niederschlagung der Proteste in Andijan 2005 können auch ausländische Journalisten und Medienhäuser ihrer Arbeit kaum noch nachkommen. Darüber hinaus kontrolliert das staatliche Telekom-munikationsunternehmen sämt-liche Internet-Services und blockiert für die Bürgerinnen und Bürger den Zugang zu missliebigen Seiten von Medien oder Menschenrechtsorganisationen. Im Pressefreiheits-Ranking der Nichtregierungs-organisation Freedom House steht Usbekistan auf dem drittletzten Platz – nur Nordkorea und Turkmenistan missachten die Freiheit der Medien noch stärker.

Zwangsarbeit bei der Baumwollernte

Frau bei der Ernte in Usbekistan 2015 (© Simon Buxton/Anti-Slavery)

Aus Sicht des Regimes gibt es genug Gründe, die Arbeit von Journalisten einzuschränken. Jeden Herbst werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zur minimal bezahlten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern einberufen. Während der Ernte verebbt das öffentliche Leben, selbst essenzielle Ein-richtungen wie Krankenhäuser oder Schulen stehen weitgehend still. Für die Regierung ist das ein riesiges Geschäft: Als weltweit fünftgrößter Exporteur von Baumwolle verdient das Regime laut Angaben von Human Rights Watch und dem usbekisch-deutschen Forum für Menschenrechte (UGF) jährlich über eine Milliarde Dollar, die in eine schwarze Staatskasse wandern.

Und so scheint das Regime empfindlich zu reagieren, wenn man ihm mit finanziellen Einbußen droht. Als Human Rights Watch und das UGF 2017 berichteten, dass Weltbank-Projekte im Land in Verbindung mit Zwangsarbeit standen, intervenierte der Chef der Finanzinstitution Jim Yong Kim beim usbekischen Präsident Mirziyoyev. Die Folge: die Situation besserte sich zumindest kurzzeitig – das System der Zwangsarbeit besteht aber weiterhin. So kommt es bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Usbekistan vielleicht auch auf die internationale Gemeinschaft an. Denn der Reformdruck von innen ist nur schwach ausgeprägt. Trotz des Wechsels an der Spitze Usbekistans profitieren zu viele Akteure von diesem auf Ausbeutung und Überwachung basierenden System. Wenn die Menschenrechtslage in Usbekistan nachhaltig verbessert werden soll, kommt es wie im Falle der Weltbank vor allem auf die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsgruppen an. Denn der Tod des Diktators 2016 hat das usbekische Regime nicht grundlegend verändert. Doch der Optimismus von damals scheint noch nicht komplett verflogen: „Es haben sich ein paar Türen geöffnet”, meint Edda Schlager. „Man muss sie nur noch durchqueren.“

„Cotton is mandatory for everyone. The government gave the orders [to pick] and you will not go against those orders. If I refuse, they will fire me… We could lose the bread we eat.“

Lehrer aus dem Turtkul-Distrikt in Karakalpakstan, lt. Human Rights Watch & UGF („We can’t refuse to pick cotton“, 2017)

„There’s still a chance!“

Human Rights Watch is trying to fight for labor rights in indigent countries, such as Uzbekistan. Hugh Williamson is the director of the Europe and Central Asia division and talked to me about HWR’s aims and how we could help to make a difference.

 

How do you convince people to show more interest concerning sustainability in fashion?

From my point of view, working for Human Rights Organization I would give them examples of where human rights abuses are linked to the fashion industry, such as the forced labor involved in growing cotton in Uzbekistan. I would give them examples and encourage them to think about where their clothes come from and the cotton which is in their clothes.

 

Your aim is to stop hard labor in Uzbekistan on cotton fields.

Yes, that’s one of the focusses on my work to stop forced labor in cotton fields in Uzbekistan.

 

How do you plan on achieving your aim to stop forced labor?

We aim to achieve that by documenting forced labor, for example. We travel to Uzbekistan to find examples of forced labor in the cotton fields. There are many examples of up to 1 million people per year who are involved in being forced to pick cotton. We also write reports about it, drawing it to the attention of the government, international media and other groups and putting pressure on Uzbekistan to stop the system.

 

You had a chance to get an idea of the local situation in Uzbekistan.

Yes, Uzbekistan is a country where Human Rights Watch has been researching abuses for many years and I recently went to Uzbekistan in September.

 

Is there any chance for Uzbekistan to ease their human rights or is that even achievable?

There is a chance. It’s a country with a terrible human rights record but since 2016 there is a new president in the country. He has made some small improvements on human rights. It is still a very repressive government but there are some small changes including the issue of forced labor. This is an opportunity for groups like Human Rights Watch and others to include our campaigning and increase our pressure on the government to try to improve the human rights situation in the country. So yes, there is a chance indeed.

 

What concrete measures can be done to stop forced labor?

You can help raise awareness about the issue. You can do that by getting interested in issues, finding out about the research we’ve done or other groups have done. Share the information on social media with your friends and family. Draw attention to it in society. You can also raise it with politicians. Human Rights Watch raises these issues with the government in the Bundestag. We would look for politicians. You could also join a campaigning organization. They raise these issues with your local politicians or with national politicians to put it on their agenda. Because then they’re more likely to act, if they know their ordinary citizens are also concerned about where their clothes and the cotton comes from. Raise it also in consumer organizations if you are part of a group which is concerned about the fashion industry. Also, raise it among the people who are also concerned and interested in fashion related issues.