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Panel 3 (Nachmittag): Der Mythos „Made in Europe“

Albanien ist genauso günstig wie China, aber liegt direkt vor unserer Haustür – so wirbt die italienische Wirtschaft für den Standort Albanien. Das läuft unter dem Label „Made in Europe“. Konsumenten glauben, dass sie faire und ökologische Mode kaufen – und werden damit in die Irre geführt. Drei Expertinnen wissen, dass die albanischen Näherinnen die Leidtragenden sind.

Ornela Liperi


Ornela Liperi ist Chefredakteurin von Monitor, das einzig wöchentlich erscheinende Wirtschaftsmagazin in Albanien. 1997 machte sie ihren Abschluss in Marketing an der Wirtschaftsfakultät in Tirana. Sie hat zahlreiche Paper, Studien und Artikel veröffentlicht, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und Integration in Albanien beschäftigen.

Edith Dietrich


Edith Dietrich studierte Slawistik und Soziologie und dreht seit 1997 Filme zu wirtschaftlichen Themen für den WDR und die ARD. Sie ist Dozentin an der HMKW University in Köln und lehrt an der Deutschen Welle Akademie. Bei ihren Recherchen hat sie exklusive Einblicke in die globale Modeindustrie gewonnen.

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Erjona Rusi

Erjona Rusi ist eine albanische Journalistin, die seit mehr als 16 Jahren für verschiedene Medien arbeitet. Derzeit arbeitet sie im Team des Nachmittagsprogramms für die albanische öffentliche Sendeanstalt. Als Korrespondentin arbeitete sie mit dem Balkan Investigative Reporting Network, dem Guardian und dem österreichischen Magazin Datum zusammen.

Sklavenarbeit für unseren Fortschritt Die Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ beschäftigt sich mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen, unter denen seltene Erden für Haus- und Heimelektronik gewonnen werden. Regisseur Tilman Achtnich zeigte den Film bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Die anschließende Diskussion sorgte für Aufregung.

Als der Film beginnt, haben wir schon einen langen Tag hinter uns. Wir möchten an den Feierabend denken; stattdessen fragen wir uns nun, wo die Metalle in unserer Elektronik überhaupt herkommen. Doch das ist schnell vergessen. Die Dokumentation nimmt uns mit in die Minen Boliviens und des Kongo. An vielen Stellen wird mit Handkamera gefilmt, sodass man zeitweise das Gefühl hat, selbst im engen Tunnel mit dabei zu sein. Wir hören die Geschichten der Stollenarbeiter, die tagtäglich für unseren Wohlstand schuften. Spätestens als die Bolivianerin Christina aus ihrem Leben erzählt, ist jeder im Saal betroffen.

Seit Napoleon hat sich nicht viel geändert

Die Nachfrage nach billigen Computern oder Handys ist groß – allein wir Deutschen kaufen pro Jahr zwei Millionen Tonnen Elektrogeräte. Doch kaum einer kennt die Kehrseite des technischen Fortschritts. Im Großteil der Geräte stecken Metalle, deren Herkunft kein gewissenhafter Verbraucher gutheißen kann. In Asien, Afrika und Südamerika graben Kleinschürfer Zinn, Wolfram, Tantal und andere Metalle aus der Erde. Rund 100 Millionen Menschen arbeiten in solchen Minen – oft illegal, unkontrolliert und unter unmenschlichen Bedingungen.

Christina Aruquipa zertrümmert Steine auf 4.300 Metern Höhe.

In den Anden Boliviens wird Wolfram gefördert. Auf 4.300 Metern Höhe ist es feucht und kalt. „Wir haben alle Rheuma“, erzählt ein Arbeiter. Weil es so staubig ist, sterben viele an Lungenleiden. Vor allem aber kommt zu wenig Geld bei den Menschen an. Von anständigen Löhnen sind sie weit entfernt. Alternativen gibt es keine – „Wir sind Sklaven unserer Armut“, stellen sie fest. Mutter Christina muss fünf Kinder über die Runden bringen. Sie wünscht sich, dass es ihnen einmal besser ergeht.

Clément Valuna und seine Kollegen holen Gold und andere Metalle aus dem Berg.

Auch in den Goldminen des Kongo ist die Arbeit oft lebensgefährlich. Der Abbau geschieht hier illegal – ohne Recht und Gesetz. Militär, Polizei und Behörden verlangen willkürliche Abgaben. Clement und seine Familie wollen weg, doch sie sind hoch verschuldet. Krieg und Bergbau sind hier eng verwoben: Große Teile des Gewinns aus dem illegalen Schmuggel fließen in die Finanzierung von Soldaten und Waffen. Indem wir das Geschäft mit den Bodenschätzen unterstützen, beteiligen wir uns folglich nicht nur an der Ausbeutung, sondern auch am Bürgerkrieg in vielen zentralafrikanischen Staaten. „Wir alle stehen in der Verantwortung“, so Achtnich nach dem Film.

 „Was kann man tun?“

… lautet die Frage aus dem Publikum. Das lässt sich nicht so einfach beantworten. „Ein Allheilmittel gibt es nicht!“, so der Filmemacher. In Amerika herrschen beispielsweise viel schärfere Gesetze. Jeder Hersteller muss nachweisen, dass keine Konfliktminerale für seine Geräte verwendet werden. Das Gesetz führte jedoch dazu, dass über Nacht die Produktion einbrach und unzählige Menschen ihren Job verloren. Die Folge: Es wurde noch mehr geschmuggelt, der illegale Handel wurde noch befördert.

Deutschland setzt deshalb auf Veränderungen vor Ort. Der Geologe Uwe Näher versucht im Kongo, den Bergbau zu legalisieren und zu verhindern, dass sich die Militärs weiterhin daran bereichern.  Die Mine Kalimbi dient als Pilotprojekt. Das Entwicklungsvorhaben der Bundesrepublik garantiert erstmals Mindeststandards in den Bereichen Sicherheit und Lohn. Bisher stellt fair gehandelte Elektronik jedoch nur eine kleine Nische des Marktes dar. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Fair-Phone. Bezeichnend für den aktuellen Stand: Im Publikum besitzt unter 80 Zuhörer*Innen gerade einmal einer dieses Smartphone.

„Der politische Weg ist eigentlich der Beste, aber darauf können wir lange warten“, schätzt Achtnich die Lage ein. Deshalb könne der Druck nur von den Verbrauchern kommen. Ein Anfang sei, nur alle zwei oder vier Jahre ein neues Handy zu kaufen. Zudem müsse mehr auf Recycling gesetzt werden, anstatt die Metalle billig aus Entwicklungsländern zu beziehen.  „Eine Mine, die nichts absetzt, kann nicht mehr betrieben werden. Dann müssen andere Modelle gefunden werden“. Doch ganz sicher scheint Achtnich selbst nicht zu sein, ob dies der richtige Weg ist. Zumindest ein Punkt steht außer Frage: Irgendwo muss man beginnen.

„Hätte die bolivianische Frau nicht als Identifikationsfigur gereicht?“

Man merkt, dass größtenteils Journalisten im Saal sitzen. Hitzig wird die Diskussion erst, als die Aufmachung des Films zur Debatte steht. Das Publikum hat Einiges zu bemängeln: Die Doku gehe zu wenig auf die politischen Hintergründe ein. Dafür zu viel auf die deutsche Familie, mit der sich die Verbraucher identifizieren sollen. Zu viel Emotionalisierung, zu wenig Information. Das finden aber nicht alle und es wird laut im Saal. Achtnich bleibt gelassen und sieht die Sache realistisch: „Ohne Emotionalisierung und Verbrauchersicht bleibt beim Zuschauer nichts hängen. Die ARD nimmt den Film sonst nicht ab“. Auch als es darum geht, was so eine Doku erreichen kann, macht sich der Journalist nichts vor: Bis auf neue wachsweiche Richtlinien der EU habe sich nicht viel getan.

Eine Sache hat die Reportage jedoch bewirkt: Nach der Ausstrahlung wollten die Zuschauer für Christina in Bolivien spenden. Durch die Unterstützung konnte sie zwei ihrer Kinder zur Schule schicken. Angesichts der Größe des Problems ist das zwar nicht viel, aber dennoch ein Anfang. „Vor jeder Handlung steht erst mal ein Bewusstseinsprozess“, betont Achtnich. Ein Teilnehmer aus dem Publikum bringt es auf den Punkt: „Egal ob der Film gut oder schlecht ist: Es ist wichtig, über das Thema zu sprechen“.

Mutter Christina arbeitet zwölf Stunden täglich in der Wolfram-Mine.

 

Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“

„Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ ist eine 45-minütige Reportage aus dem Jahr 2012. Sie wurde für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ vom SWR produziert und am 10. September 2012 erstmals ausgestrahlt.

Buch und Regie: Tilman Achtnich
Kamera: Wolfgang Breuning | Schnitt: Florian Daferner |
Ton und Musik: Andreas Wetter | Produktion: Andrea Pfleiderer |
Redaktion: Harald Schibani (SWR)

Dr. Tilman Achtnich

Tilman Achtnich ist ein deutscher Journalist. Zunächst studierte er Geologie; 1982 wechselte er in den Hörfunk des SDR, 1985 zum Fernsehen des SDR/SWR. Er ist Autor zahlreicher Features und Dokumentationen in der ARD, den Dritten Programmen und auf Arte. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit den Themen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, z.B. Globalisierung, Zukunftsmedizin und die gesellschaftlichen Folgen. Seine mehr als 60 Dokumentationen wurden vielfach preisgekrönt.

 

Tatort: Bildkorrekturen

Sextourismus, Menschenhandel, Pädophilie, Entwicklungshilfe – Regisseur Niki Stein und Journalist Martin Block debattierten beim Bildkorrekturen-Kamingespräch nicht über die leichtesten Themen. Zwei Stunden fesselten sie ihr junges Publikum und erlaubten nebenbei einen Blick auf Hintergründe und Entstehungsbedingungen eines der bekanntesten „Tatorte“ aller Zeiten.

Von Peter Bieg Weiterlesen