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Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

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Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

Kenia am Scheideweg – Demokratie unter Beobachtung

2007 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und im Anschluss bürgerkriegsähnliche Zustände mit tausenden Toten; 2013 Wahlen unter Beobachtung mit knappem Ausgang, aber weitgehender Akzeptanz. Daher lautet wohl die entscheidende Frage für Kenia und seine Demokratie: Was geschieht 2017, wenn im August die nächsten Präsidentschafts- und County-Wahlen anstehen?

Mitte des Jahres 2016 waren die deutschen Medien voll von Berichten über Proteste und (Polizei-)Gewalt in Kenia. Die Auseinandersetzungen führte Raila Odinga, Ex-Ministerpräsident und Oppositionsführer, an. Er prangerte schon zu diesem frühen Zeitpunkt Wahlbetrug an. Seine Kritik entlud sich an der Zusammensetzung der Wahlkommission IEC, die angeblich der regierenden Jubilee Party nahe stehe.

Die Berichte in den hiesigen Medien darüber ebbten allerdings schnell wieder ab. Wo steht Kenia also ein halbes Jahr vor den Wahlen und wie schaut seine demokratische Verfasstheit aus?

Hier lohnt zunächst ein Blick in die jüngere (politische) Vergangenheit:

1963 - 1991

Am 12. Dezember 1961 erlangte Kenia seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Vorangegangen war ein gewaltsamer Freiheitskampf, der mindestens 100.000 Tote forderte. Die Unabhängikeitsbewegung ist eng mit dem Namen Jomo Kenyatta verbunden. Er wurde kurze Zeit später der erste Präsident des Landes.

De facto war Kenia seit jeher ein Einparteienstaat. Die Kenyan National Union (KANU) sollte knapp 40 Jahre die Politik des Landes bestimmen. Sie ist allerdings keine Partei in unserem Sinne: Sie hält keine regelmäßigen Parteiversammlungen ab und ist nur der Exekutive unterstellt.

Auch wenn es eine freie Presse und relativ offene Debatten im Parlament gab, entlud sich die Kritik vor allem an Kenyattas kompromisslosem Umgang mit politischer Gegnerschaft. Oginga Odinga (Vize-Präsident und Generalsekretär der KANU) beispielsweise kritisierte die westliche Einstellung und den Kapitalismus des Landes und gründete eine neue Partei, die Kenya People’s Union (KPU). Diese wurde nach ersten Erfolgen von Kenyatta sofort verboten.

Nach Kenyattas Tod 1978 übernahm verfassungsgemäß Vizepräsident Daniel arap Moi, der Nachfolger Odingas, die Macht. Er bemühte sich zunächst darum, viele der Repressalien Kenyattas rückgängig zu machen, entließ zahlreiche Gefangene und intensivierte die Bemühungen um die Korruptionsbekämpfung. Als Odinga erneut den Versuch einer Parteigründung unternahm, reagierte Moi wie sein Vorgänger und ging noch einen Schritt weiter: Er erließ im Mai 1982 ein Parteienverbot, das Kenia nun auch de iure zu einem Einparteienstaat machte. Vor allem in Folge eines gescheiterten Putschversuches von Luftwaffenoffizieren im August desselben Jahres weitete Moi die Repressionen und Verfolgung politischer Gegner aus. Freie Debatte im Parlament wurde erstickt, es fungierte lediglich noch dazu, Mois Gesetzesvorhaben zu bestätigen. Seine Regierungsweise – und meist auch die Kenyattas – können daher als autokratisch bis diktatorisch bezeichnet werden, beide blieben aber loyal zum Westen.

Ab 1990 führte zunehmender Druck aus dem Ausland (anfangs v.a. Norwegens, dann der USA, Kanadas, Großbritanniens, der Niederlande, Japans und Deutschlands und auch der Weltbank) mit Forderungen nach Beendigung von Korruption und Autokratie dazu, dass die KANU am 3. Dezember 1991 auf einem Sonderparteitag beschloss, das Gesetz zum Einparteienstaat abzuschaffen.

1992 - 2006

Die Hoffnung auf Veränderung und weitere Demokratisierung des Landes keimte auf, als 1992 für die Wahlen wieder mehr als eine Partei zugelassen wurde.

Diese werden allgemein allerdings nicht als frei und fair betrachtet. Vor allem wurde die Wählerregistrierung von der Regierung manipuliert und Gewalt gegen die Opposition verübt. Hinzu kamen parteiische Medien, Unregelmäßigkeiten in Wahllokalen und bei der Stimmenauszählung sowie Wahlgesetze, die Mois Partei und ihn selbst begünstigten. So konnte er seine Präsidentschaft verteidigen. Die Opposition wollte dies noch anfechten, doch das Ausland drängte dazu, die angeheizte Lage nicht weiter zu verschärfen.

In der Folgezeit kam es zur Gründung neuer Parteien: zum Beispiel die FORD-Kenya (Forum for the Restoration of Democracy–Kenya) von Kenneth Matiba und Odinga. Hier führten aber Konflikte zum Auseinanderdriften in FORD-Asili („Wahre Herkunft“) um Matiba und FORD-Kenya um Odinga. Nach dessen Tod 1994 spaltete sich letztere weiter auf. Den Streitereien lag zumeist die ethnische Vielfältigkeit des Landes zugrunde; jede Ethnie beanspruchte die Führung(sposten).  Außerdem gründete sich die Democratic Party of Kenya (DP) um Ex-Vizepräsident und Ex-KANU-Mitglied Mwai Kibaki, welche eher regierungsnah einzustufen ist.

Diese zerstrittene und zersplitterte Opposition ermöglichte die Wiederwahl Mois. Erstmals seit der Kenyatta-Ära gab es nun Kritik im Parlament an Ministerien, Etats und der Arbeit der Regierung ohne danach Repressionen befürchten zu müssen. Das Parlament verharrte dennoch weiterhin in einer schwachen Position gegenüber einem starken Präsidenten. Eine lebendige und engagierte Medienlandschaft und aktive soziale Organisationen sorgten dafür, dass das Regime unter Beobachtung stand.

Eine kurz vor den Wahlen 1997 beschlossene minimale Verfassungsreform wurde nicht mehr gänzlich umgesetzt. Daher war die Wahlkommission sichtlich überfordert und klagte über zu wenig Personal für Durchführung der Wahlen. Die Wählerregistrierung war wieder unfair ausgestaltet, die öffentlich-rechtlichen Medien blieben einseitig, andere Journalisten wurden vielerorts bedroht. Auch hier kann man noch nicht von freien und fairen Wahlen sprechen, auch wenn es merklich zu einer Verbesserung gegenüber den Wahlen davor gekommen war. Moi erhielt rund 40% der Stimmen, Kibaki von der DP kam auf 31%, Raila Odinga (genannt Raila, Sohn Oginga Odingas, trat mit der National Democratic Party (NDP) an, einer Abspaltung der FORD-K) auf knapp 11%. Die KANU erhielt dank eines für sie günstigen Zuschnitts der Wahlbezirke 113 gegenüber 109 Sitzen der Opposition.

Schon 1992 war es infolge der Wahlen zu Ausschreitungen gekommen. Auch 1997 waren sogenannte Ethnic clashes zu konstatieren.

Präsident Moi band Raila und NDP nach den Wahlen in einer Koalition ein – inklusive Ministerposten. Die Folgezeit war geprägt von der Diskussion um eine Verfassungsreform, die aber vor den nächsten Wahlen nicht umgesetzt werden sollte.

2002 fusionierte Railas Partei mit der KANU, dessen Generalsekretär er daraufhin wurde. Für die Wahlen 2003 machte Moi im Alleingang Uhuru Kenyatta, den Sohn Jomo Kenyattas und einen der Vize-Parteivorsitzenden, zum Kandidaten für das Präsidentschaftsamt. Moi durfte nicht mehr kandidieren (seit 1992 ist nur noch eine Wiederwahl des Präsidenten möglich). Deshalb verließen Raila und Moi-Gegner die KANU und gründeten die LDP (Liberal Democratic Party).

Diesmal einigte sich die Opposition auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahlen 2002 und gründete die National Alliance of Kenya (NAK), deren Kandidat Kibaki wurde. Auch die LDP und NAK gingen eine Kooperation ein und bildeten die NARC (National Alliance Rainbow Coalition). Kibaki blieb Kandidat, Wamalwa sollte Vize-Präsident werden und Raila Premierminister, ein Amt, das mit der angestrebten Verfassungsreform wiedereingeführt werden sollte.

Es kam zum Regierungswechsel 2002: Mwai Kibaki holte die absolute Mehrheit mit 62,6% der Stimmen. Die Koalition NARC erhielt 125 Sitze, 64 gingen an KANU. Der Machtwechsel vollzog sich friedlich. Damit gingen 40 Jahre KANU-Herrschaft zu Ende.

Bereits in den ersten 100 Tagen wurden Reformen verabschiedet, zahlreiche Entlassungen von dienstalten Funktionären im Staatsdienst vorgenommen und Korruptionsbekämpfung in Angriff genommen. Die Antikorruptionsbemühungen kamen allerdings aufgrund zahlreicher Skandale um die Minister, die sich selbst beziehungsweise ihre eigenen Firmen mit lukrativen Staatsaufträgen versahen, schnell zum Stocken. Der von der Regierung befürwortete und von Raila und seiner LDP sowie von KANU abgelehnte Verfassungsänderungsentwurf mit einem Premierminister ohne Kompetenzen und einer intendierten Dezentralisierung wurde in einem Referendum 2005 mit knapp 57% der Stimmen abgewiesen. Daraufhin entließ Kibaki sein Kabinett. Die LDP und Raila wurden nun gänzlich ausgeschlossen. Das Kabinett wurde weiter auf 34 Minister und 49 Assistenten aufgebläht, um auch bündnisinterne Kritiker zu beschwichtigen.

Das aus dem Verfassungsreferendum siegreich hervorgegangene Bündnis gründete zunächst die Orange Democratic Movement-Kenya (ODM-K). KANU verließ allerdings das Bündnis schnell, die ODM-Bewegung verblieb unter der Führung Railas. Kibaki trat entgegen älterer Versprechungen für die Wahlen 2007 noch einmal an. Kibakis-Angänger formierten sich hinter NARC-K(enya). NARC-K und KANU bildeten die Party of National Unity (PNU).

Damit waren die Reformvorhaben um eine neue Verfassung vorerst gescheitert und es kam zu keinerlei Änderungen.

Seit 2007

Umfragen sahen vor der Wahl 2007 zunächst Raila und die ODM als klaren Wahlsieger, nachdem auch prominente Minister der Regierung der ODM beigetreten waren. Kibakis Wahlkampf ließ den Vorsprung aber schmelzen. Er ernannte außerdem 19 der 22 Mitglieder der Wahlkommission ohne weitere Absprachen der dafür vorgesehenen interparlamentarischen Parteiengruppe. Zusätzlich setzte er sechs neue Richter zwei Tage vor der Wahl ein, nutzte außerdem Staatsgelder für den eigenen Wahlkampf und verschaffte sich so Vorteile. Die Presse berichtete weitgehend ausgewogen, nur die öffentlich-rechtlichen Medien verblieben regierungsfreundlich beziehungsweise -unterstützend.

Die Wahlkommission war besser vorbereitet als 2002. Die Stimmabgabe selbst erfolgte geregelt. Hoher Andrang sorgte für längere Öffnungszeiten der Wahllokale und dafür, dass sich die Auszählung bis in den nächsten Morgen hineinzog. Die Wahlkommission hielt sich nicht an den abgesprochenen Modus der transparenten Auszählungsmethode. Deshalb bemängelte die Opposition früh Manipulationen. Kibaki wurde als Wahlsieger verkündet und bereits eine Stunde später am 30. Dezember 2007 vereidigt. Die Proteste begannen schon am Vortag der Ergebnisverkündigung, da diese so lange auf sich warten ließ.

Daraufhin brachen Aufstände im ganzen Land los, innerhalb eines Tages mussten über hunderte Tote beklagt werden. Kenia war am Rande eines Bürgerkriegs: Tausende flohen. Es kam zu Ethnic Clashes, Brandschatzungen, Vergewaltigungen von Frauen und Kindern. Die Polizei blieb meist machtlos und ergriff häufig vor Ort Partei für eine von beiden Seiten. Alte Landforderungen und Streitigkeiten brachen wieder offen aus. Insgesamt zählte man über 1100 Tote, 117.000 zerstörte Privatgrundstücke und 350.000 Vertriebene.

Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan vermittelte monatelang zwischen Raila und Kibaki, bis diese sich auf die Bildung einer Regierung unter Kibaki mit ODM-Beteiligung und Raila als Premierminister einigen konnten. Das Kabinett umfasste summa summarum 43 Ministerinnen und Minister und 54 Staatssekretäre.

Die Ursachen für die Ausschreitungen lassen sich durch uralte ungeklärte Landkonflikte, schwache Institutionen, anhaltende ethnische Spannungen und das Machtstreben einzelner Politiker (unter anderem Kibakis) erklären. Auslöser waren Wahlfälschungen, die auf beiden Seiten begangen wurden.

Die große Koalition hielt bis zum Ende der Legislaturperiode, in deren Zentrum nun eine Verfassungsreform stand. Für diese stimmten über 68% der Kenianerinnen und Kenianer in einem Referendum bei einer hohen Wahlbeteiligung von 71%. Hauptaspekte der Reform waren die Stärkung des Parlaments und eine konsequente Dezentralisierung, die Beschneidung der Machtfülle des Präsidenten, bessere Repräsentanz von Frauen, eine Justizreform und eine neue Staatsaufbaustruktur (aus 100 Distrikten wurden 42 Counties, die jeweils einen Vertreter in den neu geschaffenen Senat, die zweite Kammer des Parlaments, entsenden). Das Rechtssystem wurde an das Britische angelehnt. Geprägt ist es aber auch von afrikanischen Traditionen. In islamisch dominierten Gebieten gilt zum Teil auch Schariarecht.

Für die Wahlen 2013 formten Uhuru Kenyatta und William Ruto, mehrfacher Minister unter Kibaki bis dieser ihn 2011 seines Amtes enthob, mit der Jubilee-Koalition ein Bündnis aus TNA (The National Alliance, Kenyattas Partei), URP (United Republican Party, Rutos Party) und der UDF (United Democratic Forum Party). Kenyatta wurde als Präsidentschaftskandidat bestimmt. Auf der anderen Seite formierten sich hinter Spitzenkandidat Raila die “Coalition for Reforms and Democracy“ (CORD) aus ODM, Wiper Party, FORD-K und der Federal Party of Kenya.

2013 waren die ersten Wahlen nach neuer Verfassung. Sie brachten eine historisch hohe Wahlbeteiligung von 86% mit sich. Nur vereinzelt wurden Gewaltausbrüche gemeldet. Hauptsächlich blieb es friedlich im Land. Dennoch kam es zu Problemen: technische Ausfälle der elektronischen Wähleridentifizierung machten den Rückgriff auf manuelle Wahlregister notwendig. Auch die elektronische Übertragung der Ergebnisse funktionierte nicht. So waren schnell Erinnerungen an die Wahl 2007 präsent. Mit nur knapp über 50% wurde Kenyatta zum Wahlsieger ausgerufen, Raila kam auf rund 43%. Eine Klage des Unterlegenen wegen Wahlbetrugs wurde vom Obersten Gericht abgewiesen. Raila akzeptierte das Urteil. Für 2013 gab es wohl mehrere Faktoren, die die Wahl haben friedlich ablaufen lassen: ein neuer Polizeichef, ein anerkannter Oberster Richter, Druck aus dem Ausland und die neue Wahlkommission.

 

Kenia am Scheideweg? – Das Wahljahr 2017

Die Jubilee Allianz ist seit letztem Jahr keine Koalition mehr, sondern eine Partei. Der Zusammenschluss hielt bis heute. Das Gespann Kenyatta/Ruto wird aller Voraussicht nach wieder kandidieren. Auf der anderen Seite schien zunächst der mittlerweile 71-jährige Raila Odinga wohl für die CORD–Koalition um die Macht im Lande ins Rennen geschickt zu werden. Doch inzwischen melden auch der Minderheitsführer im Senat, Moses Wetangula, und der Vizevorsitzende der CORD, Stephen Kalonzo Musyoka, Ansprüche auf eine Kandidatur an.

Schon Mitte des vergangenen Jahres machte die Wahl Schlagzeilen, als es Proteste und Ausschreitungen – angeführt von Raila Odinga– wegen der Zusammensetzung der Wahlkommission gab.

Niko Wald, Podiumsgast des Kenia-Panels der Bildkorrekturen-Tagung, Journalist, Politikwissenschaftler und 2013 als Wahlbeobachter für „Brot für die Welt in Kenia“, möchte kein düsteres Bild über Kenia und die bevorstehenden Wahlen zeichnen: Die Diskussion um die Zusammensetzung der Wahlkommission zeige, „dass die Menschen in Kenia sehr großen Anteil an den Wahlen nähmen, sich um die Abstimmung sorgten und partizipieren wollten. Das sehe ich als positives Zeichen.“ Für Wald ist Kenias starke Zivilgesellschaft eine Stärke: „Nach meiner Erfahrung wollen die Menschen am politischen Prozess teilnehmen und partizipieren. Das zeigte auch die hohe Wahlbeteiligung 2013. Es gibt eine Zivilgesellschaft, die sich stark dafür einsetzt, dass es Wahlen mit einem glaubwürdigen Ergebnis gibt. Das ist schon einmal eine sehr wichtige Voraussetzung.“ Trotzdem stehe das ostafrikanische Land auch vor Schwierigkeiten: „Typisch für einen Staat, der aus der Kolonialisierung hervorgegangen ist – was auch mit einer relativ willkürlichen Grenzziehung verbunden war – ist, dass es zum Beispiel vergleichsweise viele Communities gibt und dass viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Das heißt, es gibt besondere Herausforderungen, wenn es um Nation-Building geht, um Wahlen und um die Frage, was Menschen als glaubwürdiges Ergebnis einer Abstimmung empfinden.“

Auch Wilson Ugangu, ebenfalls Podiumsgast auf der Leipziger Tagung, Dozent und stellvertretender Dekan der Fakultät „Media & Communication Studies“ der Multimedia University of Nairobi, sorgt sich um ein als glaubwürdig empfundenes Ergebnis der Wahlen im August, denn die Ereignisse im letzten Jahr seien keine guten Vorzeichen. „Die Wahlen 2007 sind eine offene Wunde in unserer Geschichte. Es gibt sichtbare Anzeichen dafür, dass auch die Wahlen 2017 umstritten sein werden.“ Damit spielt Ugangu nicht nur auf die Proteste 2016 an, sondern meint auch die aktuelle Debatte um die Wählerregistrierung. Regierung und Opposition hatten sich bereits auf einen Kompromiss geeinigt, doch da die Regierung in letzter Minute noch weitere Änderungen einbrachte, kam es zum Jahreswechsel im Parlament zu heftigen, teils auch körperlichen Auseinandersetzungen. „Im Moment geht es um ein glaubwürdiges System der Abstimmung und der Übermittlung von Ergebnissen, das die Integrität des Wahlprozesses gewährleistet“, sagt Ugangu. „Wenn dies nicht garantiert ist, dann wird das Schreckgespenst der Gewalt allgegenwärtig bleiben.“ Während die Opposition auf ein elektronisches System der Wählerregistrierung und Ergebnisübermittlung insistiert, favorisiert Jubilee ein manuelles System. Diese wurden in der Vergangenheit allerdings bereits zu Manipulationen genutzt. Ugangu betont: „Die kenianische Öffentlichkeit erwartet jedoch ein Wahlsystem, das dafür sorgt, dass diejenigen, die verlieren, das auf faire Art und Weise tun, ebenso wie diejenigen, die gewinnen.“ Die Vergangenheit habe gezeigt, dass gerade die Manipulationsanfälligkeit zu Gewalt geführt habe. Die politischen Lager müssen also dringend zu einer parteiübergreifenden Lösung kommen. Nur so können die Hoffnungen auf friedliche Wahlen im August dieses Jahres verwirklicht werden.

An gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie vor 10 Jahren, könnte die Demokratie des Landes und Kenia selbst zerbrechen. Im Moment scheint sie auf wackeligen Beinen zu stehen.