Im Gespräch mit Ellen Köhrer

Für sie ist Grün das neue Schwarz – die Journalistin, Autorin und Bloggerin Ellen Köhrer. Wie ist sie zum Thema Fair Fashion gekommen? Und welche Möglichkeiten gibt es für uns Verbraucher, faire Mode zu erwerben? Dies und vieles mehr haben wir Ellen Köhrer während der Konferenz gefragt.

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013: Mit 1135 Toten das schlimmste Unglück in der Geschichte Bangladeschs. Ellen Köhrer hatte 2012 selbst vor Ort eine Textilfabrik besucht und dabei die Arbeitsbedingungen hautnah miterlebt. Wir haben nachgefragt, was sie bei diesem Besuch empfunden hat….

Woher kommt meine Kleidung? Auf Nachfrage können selbst die Modehändler nicht beantworten, woher ihre Ware kommt und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird. Welche Tipps gibt Ellen Köhrer uns mit auf den Weg zum fairen Shoppen?

Über Ellen Köhrer

Geboren in Stuttgart, absolvierte Ellen Köhrer ihr Diplom in Journalistik und Betriebswirtschaft. Heute ist sie unter anderem für zahlreiche und namhafte Kunden, darunter NGOs, Stiftungen sowie Print- und Onlinemedien (Taz, Welt, Frankfurter Rundschau, GEOlino u. v. a.) tätig.

Am Herzen liegen der freien Journalistin, Autorin und Bloggerin dabei besonders Themen rund um die Mode- und Textilindustrie sowie Aspekte der Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik. Als einschneidendes Erlebnis in ihrer über 20-jährigen beruflichen Laufbahn, beschreibt Ellen Köhrer ihren Aufenthalt in Bangladesch. Hier besuchte sie nicht nur eine Textilfabrik, sondern interviewte darüber hinaus Gründer von Sozialunternehmen der Modebranche, um neben den Schattenseiten der Modeproduktion, gelungene Konzepte aufzuzeigen.

In den Jahren darauf folgte unter anderem ihr Blog Grün ist das neue Schwarz sowie die Veröffentlichung ihres Buches „Fashion Made Fair – Modern. Innovativ. Nachhaltig“ mit Magdalena Schaffrin (Prestel Verlag). Dieses stellt unter anderem Modemarken vor, die ihre Mode nachhaltig produzieren.

Aktuell lebt und arbeitet Ellen Köhrer in Berlin, wo es zahlreiche Modeläden gibt, die schönes Design und faire, nachhaltige Produktionsbedingungen vereinen.

 

 

 

 

Politische Teilnahme durch Digitalisierung?

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Martin Emmer gibt Einblicke in seine Forschung zur Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die politische Partizipation der Menschen in Deutschland und Ghana.

Prof. Emmer während der Keynote.

 

„I see a new Athenian Age of democracy forged in the fora the GII (Global Information Infrasctrucutre) will create.“ – Al Gore

 

Mit diesem Zitat beginnt der Wissenschaftler am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin die dritte Keynote der Bildkorrekturen-Tagung 2016. Professor Emmer gibt dem ehemaligen Vizepräsidenten der USA teilweise Recht: Auf der einen Seite habe Kommunikation vieles verbessert, auf der anderen Seite wissen wir aber, dass trotzdem noch Potential nach oben bestünde und lange nicht alles perfekt sei. „Ein Problem stellt hier vor allem die Teilnahme an der Digitalisierung dar“, so Emmer.

Was ist politische Teilnahme?

Emmers Definition von politischer Partizipation grenzt sich von älteren Definitionen ab, da sie kommunikative und partizipative Aktivitäten verbindet. Ältere Erklärungen konzentrieren sich nur auf die Partizipation und lassen die Kommunikation außen vor. Individuelle politische Kommunikation besteht laut Emmer aus folgenden Aktivitäten:

  • Politische Information
  • Interpersonelle politische Kommunikation und
  • Politisch-partizipierende Kommunikation.

Letztere findet online und offline statt. Emmer betont in diesem Zusammenhang, dass Teilnahme auch immer Kommunikation ist. Ein Beispiel nennt er im Vorgang des Wählens: „Die Bürger kommunizieren durch die Wahl ihren politischen Willen an das politische System“.

Information gegen Hetze

Anhand seiner Studie „Mobile digital citizenship beyond the Western State: A comparative study on Germany and Ghana” untersuchte Emmer den Onlinezugriff, die politische Partizipation und Kommunikation sowie die politischen Einstellungen der Probanden. Die 1500 Teilnehmer wurden hier über einen Zeitraum von sieben bzw. acht Jahren einmal jährlich befragt. Ein wichtiges Ergebnis der Studie stellt die direkte Auswirkung des Onlinezugriffs auf politische Information und interpersonelle Kommunikation dar. Weiterhin wirkt sich der Onlinezugriff indirekt auf politisch-partizipierende Kommunikation aus. Einen zusätzlichen Effekt bildet die indirekte Beziehung von politischer Information und der politischen Einstellung des generellen Vertrauens.

Die Ergebnisse der Studie weisen laut Emmer allerdings auch Grenzen auf. Soziale Medien konnten zum Erhebungszeitraum Anfang der 2000er Jahre noch nicht erfasst werden, da sie zu dieser Zeit schlichtweg noch nicht oder nur in geringem Ausmaß existierten. Außerdem führt der Wissenschaftler an, dass man nicht wissen kann, was die Menschen genau tun, wenn sie online sind. Er fragt: „Informieren sie sich wirklich über politische Themen? Und wenn ja, nehmen sie nur im positiven oder auch im negativen Sinn an politischer Diskussion teil?“ Unter einer negativen Teilnahme kann beispielsweise die Hetze gegen Ausländer in sozialen Medien verstanden werden. Ein weiterer Kritikpunkt an vielen Arbeiten in diesem Bereich ist, dass derartige Studien meist nur für höher entwickelte Länder wie zum Beispiel die USA durchgeführt werden. Für weniger entwickelte Länder gilt im wissenschaftlichen Kontext oft die Prämisse, dass sich die Forschung in hoch entwickelten Ländern einfach auf diese übertragen lässt. Dies wird dadurch begründet, dass sich Entwicklungen in den hoch entwickelten Länder einige Jahre später in ähnlichem Maße in weniger entwickelten Ländern wiederholen. Aber stimmt diese Vermutung überhaupt?

Ghanaer politisch aktiver?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führte Professor Emmer eine Vergleichsstudie von Deutschland und Ghana in diesem Bereich durch. Ein Fazit: Obwohl in Deutschland mehr Menschen Zugang zum Internet haben (Deutschland: 80%, Ghana 50-60%), nutzen die Deutschen im Vergleich das Internet weniger zur politischen Diskussion (Deutschland: 8%, Ghana: 22%). Auch politische Inhalte werden in Deutschland weniger häufig online geteilt als in Ghana. Für die Anzahl der Kommentare unter politischen Artikel verhält es sich ähnlich.

DeutschlandGhana
Internetzugriff80%ca. 55%
Teilnahme an politischer Diskussion7,9%22,1%
Teilen von politischen Inhalten online 7,9%20,7%
Kommentieren von politischen Artikeln online 2,4%21,4%

Ausweitung der Forschung unumgänglich

Abschließend gibt er eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse. Eine separate Analyse des Einflusses bestimmter Medien auf die politische Kommunikation ist notwendig – wie beispielsweise der von Smartphones oder Sozialen Medien. Außerdem fordert Emmer: „Dieser Bereich muss auch in weniger entwickelten Ländern stärker erforscht werden, um strukturelle, kulturelle und politische Einflussfaktoren auf die politische Partizipation erkennen zu können.“

Vereinbarkeit von Forschung und Digitalisierung

Die Keynote endet mit einer angeregten Diskussion. Eine Frage bezieht sich beispielsweise auf die schnelle Entwicklung, die mit der Digitalisierung einhergeht, und deren Auswirkungen auf die Forschung in diesem Bereich. Hier betont Martin Emmer Vorteile, wie neue digitale Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Auch die Nachteile seien allerdings nicht zu vernachlässigen. Diese bestehen beispielsweise darin, dass durch die Digitalisierung alle neuen Methoden sehr schnell funktionieren müssen.

In den folgenden Videos beantwortet Prof. Emmer weitere Fragen zum Thema:

Digital Divide
Forschung in Subsahara-Ländern
Soziale Medien
Dynamische Forschung

 

Teil 4: Digital Immigrants aus dem analogen Steinzeitalter Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön unterentwickelt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön unterentwickelt aus. Wie kann das sein?


Während in Estland und Kenia bereits Kinder in der Schule zu kleinen Digital Natives erzogen werden, sitzen unsere Schüler noch immer im analogen Steinzeitalter fest. Im vermeintlich hoch technisierten Deutschland werden häufig nur die Gefahren eines frühzeitigen Umgangs mit digitalen Medien gesehen. Von Tablets im Unterricht, Lernaufgaben per SMS oder virtuellen Klassenbüchern kann nicht die Rede sein. Sicherlich muss man diese Angebote sinnvoll in den Unterricht einbauen, einen Lehrer können Computer nicht ersetzen. Doch warum wird das natürliche Interesse der Jugend an technischen Neuheiten nicht deutlich mehr genutzt? Sei es spielerisch, als Präventionsmaßnahme oder in Bezug auf Medienkompetenz – die Chancen und Möglichkeiten sind riesig.

Stattdessen bleiben wir stehen bei Papier und Tafelkreide und schließen bedeutende technische Entwicklungen aus dem Lernalltag aus. Laut ICILS-Studie 2013 werden Computer in keinem anderen Land der Welt (!) seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland. So entsteht immer mehr eine analoge Parallelwelt Schule, in der Kinder nicht ausreichend für die Aufgaben in zukünftigen Arbeits- und Lebenswelten ausgebildet werden. Dabei muss es eigentlich eine Kernaufgabe jeder Bildungseinrichtung sein, den Schülern zu vermitteln, wie die Dinge im hier und jetzt um uns herum funktionieren. Nicht nur zu Zeiten Pythagoras’ oder Caesars. Programmier- und Kodierkenntnisse werden bald nicht mehr nur von Nerds und Geeks verlangt werden, wie ein Blick nach Estland zeigt. Hier sind sie schon heute in vielen „normalen“ Jobs Voraussetzung.

Goethe sagte: „Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.“ In Deutschland wissen die Schüler allerdings heute in der Regel schon allein durch Alltagserfahrungen mehr als ihre Lehrer, sind fitter im Umgang mit neuen Medien und zeigen dadurch den Mangel an digitaler Ausbildung direkt auf. Blamabel für eine selbsternannte Dichter- und Denkernation. Doch wäre es falsch den Fehler allein bei den Lehrkräften zu suchen. Dort ist nach einer Studie der Telekom Stiftung von 2015 das Bewusstsein für einen Wandel bereits entstanden. Demnach sehen nur 35,6% der Lehrer die pädagogische Unterstützung in Sachen Computernutzung für ihre Schüler ausreichend und wünschen sich zu 81,5%, dass bereits die Universitäten besser auf einen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht vorbereiten sollten. Es reicht also nicht, einfach nur jedem Kind einen Laptop oder ein Tablet in die Hand zu drücken, Mediendidaktik durch kompetente Lehrkräfte ist genauso entscheidend. Doch nicht nur in der Wirtschaft, auch im Bildungssystem mahlen die Mühlen im Bürokratie-Staat Deutschland langsam. Und so produzieren deutsche Bildungseinrichtungen nicht nur wertvolles Wissen sondern v.a. auch viel alten Staub. Es bleibt nur zu hoffen, dass hier bald mehr Schwung in alte Systeme kommt. Sonst wird der deutsche Nachwuchs abgehängt.

Fünf Dinge, die Indien besser kann als Deutschland

Die Nachrichten über Indien, die bei uns hängen bleiben, bedienen oft Vorurteile: Bollywood, Techies und Massenvergewaltigungen. Zeit, ein paar neue Seiten zu zeigen – von denen wir vielleicht auch noch was lernen können. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent für Indien, verrät uns fünf Dinge, die seiner Meinung nach in Indien besser laufen als in Deutschland:

Das Ende der Wartenummer Nie mehr bei Behörden anstehen? Die Esten können so gut wie alle Verwaltungsvorgänge online erledigen. Wie das in Estland funktioniert und woran es in Deutschland hapert. Von Luisa Hofmeier und Caspar Schwietering.

In Berlin hat es die Verwaltung letztes Jahr zum Hauptwahlkampfthema gebracht: Seit Jahren brauchen Berliner, wenn sie sich Ummelden oder einen neuen Personalausweis beantragen wollen, einen Termin bei ihrem Bürgeramt – und warten meist Monate darauf. „Hier gibt es ein Amt, aber keine Termine“ plakatierten die oppositionellen Grünen deshalb vor der Abgeordnetenhauswahl im September und die regierende SPD versprach mit neuen Stellen in den Bürgerämtern das Problem endlich in den Griff zu kriegen.

Das Berliner Verwaltungsversagen ist ein spezieller Fall, aber überall in Deutschland müssen die Bürger bei fast jedem Kontakt mit der Verwaltung einen Behördengang unternehmen und dabei teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das kleine Estland: Sich Ummelden, einen neuen Ausweis beantragen, eine Firma anmelden und vieles mehr können die Esten online erledigen.

Behördengänge werden überflüssig

Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei ein Chip auf ihren Personalausweisen oder die SIM-Karte ihrer Smartphones. Mit der darauf gespeicherten elektronischen Identität können sich die Esten digital ausweisen und Dokumente unterschreiben. Behördengänge werden so überflüssig und auch die Banken des Landes greifen für ihre e-Banking-Angebote darauf zurück.

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zeigt Indrek Õnnik wie das System funktioniert. Das ist sein Job. Der 28-Jährige Este arbeitet beim e-Estonia Showroom in Tallin und versucht, die Welt von den Vorteilen der digitalen Verwaltung zu überzeugen. Auch Angela Merkel hat er deswegen schon getroffen. Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird er allerdings erst mal vom langsamen Internet aufgehalten.

Während er den Laptop auf den Knien balanciert und sich nach und nach die estnische e-Government-Seite aufbaut, nimmt er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, holt einen Kartenleser mit USB-Anschluss aus der Laptoptasche und verbindet ihn mit dem PC. Verdeckt tippt er den ersten PIN ein, um sich einzuloggen. „Jetzt prüft das System auf dem Server, ob wirklich ich das gerade bin“, erklärt er. Mit der Eingabe von gerade einmal vier Stellen hat er seine Identität nachgewiesen.

Auf dem Desktop ruft er eine Demo-Version des estnischen i-Votings auf. Seit 2005 können die Esten damit bei Wahlen online ihre Stimmen abgeben. Das Programm erkennt automatisch in welchem Wahlkreis Õnnik wohnt und zeigt ihm die passenden Kandidaten an. Zweimal muss er seine Wahl bestätigen. Anschließend folgt ein zweiter PIN. „Es gibt nichts, was man nur mit einem PIN-Code tun könnte, du musst immer beide haben“, kommentiert er. Genauso hat Õnnik schon einmal gewählt. Physisch saß er damals im westfälischen Iserlohn.

„Zu 99,9 Prozent gibt es niemanden, der unser System hacken kann.“

Gerade die Möglichkeit online zu wählen hat international aber auch für Kritik gesorgt. Wissenschaftler aus Michigan empfehlen in einer Studie von 2014 die Nutzung des elektronischen Wahlsystems in Estland einzustellen. „Wir glauben nicht, dass man das i-Voting-System heutzutage sicher ausgestalten kann“, heißt es. Õnnik hält dagegen. „Wir überarbeiten das System immer wieder. Wir benutzen niemals dasselbe. Und wir laden vorher Leute ein, das System zu hacken, damit nichts passiert.“

Mit Blockchain Technologie sei das gesamte estnische e-Verwaltungssystem gesichert, erklärt er, auch gegen Quantencomputer sei es immun. „Ich würde sagen, dass es zu 99,9 Prozent niemand gibt, der unser System hacken kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber wir würden es zu 100 Prozent merken, wenn uns jemand hacken würde.“ Ein Fall „Edward Snowden“, der über Monate Daten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) der USA entwendet hat, ist laut Õnnik in Estland nicht möglich.

Im Frühling 2007 wurde Estland jedoch Opfer von Denial-of-Service-Attacken. Mit einer Flut von Anfragen auf verschiedene Online-Adressen, die vermutlich aus Russland gesteuert wurden, legten Unbekannte unter anderem die Online-Services von Estlands Verwaltung und Banken lahm. Auch wenn keine Daten gestohlen wurden, stieg in Estland das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit. Das baltische Land versucht sich seitdem durch eine Vielzahl von Back-up-Servern auf der ganzen Welt zu schützen.

Deutsche haben Angst um ihre Daten

Seiner Digitalstrategie blieb das Land aber treu und machte im Jahr nach den Attacken auch die intimsten Daten seiner Bürger digital verfügbar. Seit 2008 können die Esten sowie deren Ärzte online auf ihre gesamte Krankenakte zugreifen. Um die Angst der Bevölkerung vor Missbrauch zu zerstreuen, gibt die estnische Regierung den Bürgern Einsicht darüber, wer auf ihre Daten zugreift. Unberechtigte Datenaufrufe stehen unter Strafe. Das hat die Esten anscheinend beruhigt: Zum Erstaunen der zumeist deutschen Zuhörer der Bildkorrekturen-Konferenz erklärten die estnischen Journalisten und Wissenschaftler auf dem Podium freimütig, dass sie der Regierung und deren Umgang mit Daten vertrauen.

Die Deutschen hingegen bleiben bei Datensicherheit und Datenschutz skeptisch. Laut des e-Government Monitors, einer jährlich erscheinenden Studie zur elektronischen Verwaltung in Deutschland, hielt die Angst vor Datendiebstahl und mangelnde Informationen darüber, was mit den Daten passiert, rund ein Drittel der Befragten davon ab, die bestehende elektronische Verwaltung in Deutschland zu nutzen.

E-Verwaltung in Deutschland? In der Theorie ist der Weg für eine papierlose Verwaltung auch hierzulande geebnet: Seit 2010 gibt es den elektronischen Personalausweis. Ist die Funktion der e-ID freigeschaltet, ist es möglich, sich digital auszuweisen und Dokumente übers Internet zu unterschreiben.

Der e-Government Monitor von 2016 zeigt jedoch: Kaum einer nutzt die Funktionen, lediglich vier Prozent der Befragten besaßen überhaupt ein Kartenlesegerät, das zur Nutzung des elektronischen Personalausweises benötigt wird. Und die 2012 eingeführte De-Mail, mit der sich ebenfalls mit den Behörden interagieren ließe, haben auch nur acht Prozent der Befragten installiert.

„E-Government gibt es in Deutschland nicht.“

Der Nationale Normenkontrollrat, der für die Bundesregierung die Wirkung von Gesetzen überprüft, hält das Verhalten der Bürger in einem Gutachten von 2015 für verständlich. Denn bisher bringen diese Funktionen kaum Nutzen. Das 2013 vom Bundestag verabschiedete e-Government-Gesetz verpflichtet immerhin alle Bundesbehörden, die vollständige elektronische Abwicklung von Verwaltungsakten zu ermöglichen.

Aber nur wenige kommunale Verwaltungen, mit denen Bürger meist zu tun haben, bieten die elektronische Übermittlung von Dokumenten via De-Mail und e-ID an. Bei ihren Kommunen konnten die Bürger im Mittel nur zwei – zumeist eher nebensächliche – Verwaltungsakte vollständig online abwickeln. „E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht“, urteilen die Autoren des Gutachtens deshalb.

Für Christian Welzel, der für den unter anderem vom Bundesinnenministerium finanzierte Berliner Thinktank Kompetenzzentrum Öffentliche IT arbeitet und zu den Autoren der Studie des Normenkontrollrates gehört, lässt sich Deutschland aber auch nur schwer mit Estland vergleichen. „Estland konnte ab 1991 eine komplett neue Verwaltung aufbauen und hat dabei von Anfang an auf IT-freundliche Lösungen gesetzt“, erklärt er. „Das Land ist außerdem mit 1,3 Millionen Einwohnern viel kleiner und hat eine zentrale Verwaltung.“

Das Einsparpotenzial in Deutschland ist enorm

Dagegen könne Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern und seinen föderalistischen, über die Zeit gewachsenen Strukturen nicht mithalten. Während in Estland alle Behörden über die sogenannte X-Road miteinander verbunden sind und bei Bedarf Daten austauschen, laufen die Verwaltungssysteme in Deutschland nebeneinander her. „Eine zentrale Marke wie e-Estonia könnte aber helfen, die digitalen Angebote der verschiedenen deutschen Verwaltungsebenen miteinander kompatibel und für die Bürger attraktiv zu gestalten“, glaubt Welzel.

Eine Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach estnischem Vorbild böte laut Experten in jedem Fall einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen. Laut Welzels Gutachten für den Normenkontrollrat könnte Deutschland bei einer vollständigen Digitalisierung seiner Verwaltung rund ein Drittel der Kosten vermeiden. Und Indrek Õnnik verweist bei der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig darauf, dass Estland durch die konsequente Implementierung der digitalen Unterschrift in Verwaltung und Privatwirtschaft jährlich zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts spare. „Stellt euch vor, Deutschland könnte auch zwei Prozent einsparen.“ Zwei Prozent, das wären immerhin 60 Milliarden Euro. Ob diese Summe die Ängste deutscher Bürger zerstreuen kann, ist aber eine andere Frage.