„Warum muss ich ihnen verzeihen?” Interview mit Dr. Esther Mujawayo-Keiner

Dr. Esther Mujawayo-Keiner ist Mitgründerin der AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Witwen des Genozids vom April 1994 einsetzt. Im Interview erzählt sie die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Ort am Niederrhein und arbeitet als Soziologin und Traumatherapeutin.

Interviewer: Frau Dr. Esther Mujawayo-Keiner, wie haben Sie Ihr Leben in Ruanda vor dem Genozid in Erinnerung? War die Diskriminierung für Sie schon vorher präsent?

Mujawayo-Keiner: Ich bin 1958 geboren, die staatlich vorgegebene Diskriminierung begann bereits 1959. Ich habe mein ganzes Leben mit der Diskriminierung gelebt. Wir kannten es nicht anders.

Mit 19 bekamen Sie ein Stipendium zugesprochen. Sie gingen nach Belgien, um dort Soziologie zu studieren. Mit Ihrem Masterabschluss in der Tasche kamen Sie 1985 zurück nach Ruanda. Hatte sich das Land in der Zwischenzeit stark verändert?

Die Diskriminierung kam immer stärker angeschlichen. Immer und immer stärker. Bis zum Ende hin hätten wir es jedoch nie für möglich gehalten, dass es zu einer „Endlösung“ kommen würde. Ich meine, schon 1973 wurden an den Türen in den Schulen Listen mit den Namen und der zugehörigen Ethnie angebracht. Darüber stand: „Tutsi müssen draußen bleiben“. Sie nannten das „Intellektuelle Wende”, erstmals mussten Tutsi Universitäten und Gymnasien verlassen. Als immer mehr Intellektuelle ins Exil gingen, sind wir bei unseren Familien geblieben.

Haben Sie in der Familie offen über die Diskriminierung gesprochen?

Mein Vater hat mir immer gesagt: „Sie haben uns unsere Kühe und unser Haus genommen, sie haben alles verbrannt. Dein Innerstes jedoch werden sie niemals kriegen.“ Das wurde zu einem Vorsatz für mein ganzes Leben: Pass auf die Dinge auf, die dir nicht weggenommen werden können. Alles andere kannst du dir wiederaufbauen. Dann haben sie alle umgebracht und ich dachte plötzlich: „Toller Spruch, aber jetzt sind alle tot.“

Frau Mujawayo-Keiner, verzeihen Sie bitte, dass ich Sie in diese Zeit zurückversetze: Welche Erinnerungen haben Sie an den April 1994?

Im April 1994 war ich in Kigali. Mein Mann und unsere Kinder sind nie von meiner Seite gewichen. Meine Eltern und Geschwister sind zu ihren Familien zurück in ihre Geburtsdörfer gefahren. Sie kamen nie wieder zurück.

Wenig später begann auch in der Hauptstadt Kigali das Morden.

In der Nacht, in der sie kamen, versteckte ich mich mit meinem Mann. Wir haben alles immer sehr diskret gemacht. An diesem 19. April haben wir uns nachmittags noch zum Essen verabredet, kein Licht angemacht, nichts, damit sie uns nicht finden. Ich glaube, einer unserer Kollegen hat unser Versteck verraten, denn genau zur verabredeten Stunde stürmten sie plötzlich unser Haus. Wir waren alle zu Hause, wollten zu Abend essen. Sofort haben sie sich jeden Jungen und Mann gegriffen. „Alle auf eine Seite“, schrien sie. Ich erinnere mich an das Schlimmste. Nicht, dass mir mein Ehemann genommen wurde, sondern ich erinnere mich daran, dass ein kleiner Nachbarsjunge zu uns rüber wollte, zu der Seite, auf der die Frauen und Kinder standen. Sie haben ihn nur wieder zu den Männern herübergeschubst und gesagt: „Schlangen werden schnell erwachsen.“ Dann wurden sie abgeführt, draußen vor das Gelände. Dort haben sie, einen nach dem anderen, umgebracht.

Und die Frauen? Mussten Sie sich das Morden mit ansehen?

Mit den Augen haben wir es nicht gesehen. Wir haben Männer schießen gehört. Das Einzige, was wir dachten, war: „Ok, wenn sie erschossen werden, müssen sie wenigstens nicht leiden.“ Aber die Schüsse fielen nicht deswegen, einer der Männer hatte versucht zu fliehen. Es war furchtbar, denn als Reaktion haben sie allen die Füße abgeschnitten. Sie haben sie abgeschnitten und bluten lassen. Umgebracht haben sie sie erst am nächsten Morgen.

Wie ist es Ihnen und den Kindern ergangen?

Wir sind gerannt und gerannt und haben uns im Gebüsch versteckt. Wir sind auf dem schnellsten Wege zum Kloster, glücklicherweise haben uns die Nonnen die Tür aufgemacht. Dort konnten wir dann übernachten. Doch es gab kaum Wasser in dem Kloster und es wollte einfach nicht regnen. Wenn du nichts isst, kannst du trotzdem einige Zeit überleben, doch wenn du nichts trinkst, ist es gleich vorbei. Dein Körper hält das nicht aus. Am nächsten Morgen wusste ich keinen Ausweg mehr. Zurück zu dem Haus, wo sie mir meinen Mann nahmen? Nein, ich wollte zur UN. Ich wusste, dass es eine UN-Delegation in Kigali gab. Die waren alle in dem „Hôtel des Mille Collines“ (Anm.: Das Hotel wurde später durch den Film „Hotel Ruanda” weltbekannt). Zum Glück konnte ich noch mit dem „Internationalen Roten Kreuz“ kommunizieren und habe so erfahren, dass mein Arbeitgeber Oxfam mich sucht. Sie haben mir Nachrichten geschickt, wollten mich in Sicherheit bringen. Ich habe mir gedacht: „Du musst nur dieses Hotel erreichen“. Mir waren alle Mittel recht. Mit dem Rest meines Geldes bestach ich einen Soldaten und der hat uns tatsächlich dort hingebracht.

Woher wussten Sie von dem Hotel?

Ich hatte Glück, denn nur weil ich bei Oxfam arbeitete, wusste ich von dem Hotel und dass mein Arbeitgeber mir dort helfen würde. Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Der Soldat hätte das Geld einfach nehmen können und mich stehen lassen, aussetzen oder verraten. Warum er mich dorthin gebracht hat… ich weiß es nicht.

Wie ging es dann weiter?

Mitte Juni gab es einen größer angelegten Gefangenenaustausch. Wir konnten uns zwischen Regierungs- und RPF-Seite („Ruandische Patriotische Front“) entscheiden. Wir wussten, die Regierung würde uns nur umbringen, also gingen wir zur RPF. Die haben uns zu einem benachbarten Camp gebracht, unweit von Kigali.

Dort waren Sie sicher?

Dort waren dann auch Journalisten. Und dass ist manchmal sogar ganz gut (lacht). Über die Journalisten konnte ich eine Nachricht an meine Kollegen von Oxfam in Uganda schicken:
„Ich bin im Camp Kauga“. Danach hat ein Kollege von Oxfam dreimal versucht das Camp zu erreichen. Einmal hatte er auf dem Weg einen Unfall mit seinem Auto und ein zweites Mal wurden ihm die Tore des Camps nicht geöffnet. Erst beim dritten Mal ging alles gut und er hat uns dort rausgebracht. Am 1. Juli erreichten wir Uganda.

Wie lange hielten Sie sich im Nachbarland Uganda auf?

Das war es ja, das war nur ganz kurz! Am 4. Juli, nur drei Tage später, war der Schrecken vorbei. Wir sind gleich zurück zu unseren Häusern, da wir nach Überlebenden suchen wollten. Am 10. Juli erreichte ich mein Haus in Kigali. Während der ganzen Woche hatten wir nur schlechte Nachrichten gehört. Es war ein Wunder, noch am Leben zu sein.

Haben Sie den Tätern in 25 Jahren je verzeihen können?

Warum muss ich ihnen verzeihen? Das spielt für mich keine Rolle. Mir ist jetzt wichtig, in Frieden leben zu können. Der Spuk ist vorbei. Es sind schon Täter auf mich zugekommen und haben mich um Vergebung gebeten. Ich habe das akzeptiert. Manchmal glaube ich, dass die Täter krank sein müssen. Wenn man jeden Tag tötet, was ist man dann für ein Mensch? Man kann zwar so tun, als würde einem das nichts ausmachen, aber das glaube ich nicht. Was macht dieses ständige Verleugnen mit einem?

Dann war es vorbei. Wie ist ein Neustart nach der totalen Katastrophe möglich?

Ich habe mich erstmal auf alles konzentriert, was ich noch hatte. Man kann das Glück, das ich hatte, gar nicht beschreiben. Meine Töchter waren noch am Leben, ich hatte einen Job, hatte ein Haus. Schon bald hat Oxfam wieder seine Arbeit in Ruanda aufgenommen. Und wir haben gleich damit begonnen, eine eigene Organisation zu gründen, die AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Rechte der Witwen einsetzt.

Wie stark ist das Grauen von damals noch in ihrem Kopf präsent?

Es ist noch immer da. Man muss sich das wie ein Bild mit frischen Farben vorstellen, das lange Zeit in der Nähe eines Fensters hing. Das Motiv ist noch da, nur die Farben sind etwas verblichen.

Was sehen Sie auf diesem Bild?

Ich verbinde vor allem Naturbilder mit dieser Zeit. Ich kann mich noch erinnern, dass es eigentlich ein herrlicher Frühling gewesen war. Alles war bunt, das ging vielen der Überlebenden so. Vielleicht, weil überall noch das Blut zu sehen war. Oder vielleicht haben wir die blühenden Blumen umso deutlicher wahrgenommen, weil keine toten Körper mehr zu sehen waren. Das war das große Paradox für uns: Wo das Leben eigentlich am Abgrund stehen sollte, blühte die Natur einfach wieder auf. Das Leben drehte weiter seine Kreise.

Wie lässt sich ein solches Trauma verarbeiten?

Ich hatte schon bald nach dem Genozid die Chance, alles zu verarbeiten. Als ich für meine Ausbildung zur Traumatherapeutin nach Großbritannien gegangen bin, musste ich mich einer eigenen Therapie unterziehen. Ich habe mich gefragt: „Wie war all das möglich? Wie kann ich jemals wieder einfach so weitermachen und weiter als Mensch funktionieren, mit allem, was ich gesehen und gehört habe?“ Mein Traum von einem Leben vor dem Genozid war immer der Traum einer großen, glücklichen Familie. In Ruanda ist es unvorstellbar, jemals seine Familie zu verlassen. Alte Leute werden nicht allein gelassen.

Was hat Ihnen am meisten geholfen, diese Zeit hinter sich zu lassen?

Wieder Pläne für eine bessere Zukunft zu haben. Zu wissen, ja, es lohnt sich, für eine Sache zu kämpfen. Für unsere Rechte einzustehen. Zunächst haben wir für die Anerkennung des Genozids gekämpft. Schon früh haben wir uns darauf konzentriert, Lösungen zu finden. Lösungen für die zahlreichen Obdachlosen auf den Straßen, Lösungen für das Schulsystem, die Gesundheit. Vergewaltigungen und HIV waren ein großes Problem in Ruanda. Wir brauchten Medikamente, die für die Leute bezahlbar waren. Also haben wir verschiedene Projekte ins Leben gerufen. Wir haben einen Film gedreht, „Hope in Hell“, Hoffnung in der Hölle. Die Rolle der Protagonisten übernehmen fünf Frauen, die ihre Geschichte des Genozids erzählen. Diese Frauen sorgten sich vor allem um ihre Zukunft. Ohne medizinische Versorgung schwebten sie weiter in Gefahr zu sterben. Wir brauchten Unterstützung an allen Ecken und Enden, mussten für Aufmerksamkeit kämpfen. Nur durch die Wut und den unbedingten Willen der Frauen selbst ist uns das gelungen. Sie leben bis heute.

Sind die Tränen schon getrocknet? Von Karin Priehler, Lena Sauerer und Leon Willner

Ruandas Spitzname klingt idyllisch: „Land der tausend Hügel“. 25 Jahre nach dem Genozid an den Tutsi hat sich Ruanda scheinbar erholt, Tutsi und Hutu leben friedlich Tür an Tür. Das Land ist Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Gleichberechtigung. Kigali gilt als eine der saubersten Hauptstädte Afrikas. Im ganzen Land sind Plastiktüten verboten. Ein Großteil der wichtigsten Ämter ist von Frauen besetzt. Doch die Ermordung von rund 800.000 Menschen im Jahr 1994 wirft nach wie vor einen Schatten über das Land.

2019 wird ein emotionales Jahr für Dr. Esther Mujawayo-Keiner und Honoré Gatera. Beide sind Tutsi, beide haben den Genozid überlebt. „Der Spuk ist vorbei“, sagt Mujawayo-Keiner und wischt sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Mir ist wichtig, jetzt in Frieden zu leben.” Schon lange vor dem Genozid war sie Opfer der staatlich vorgegebenen Diskriminierung gewesen. Im April 1994 verlor sie die wichtigsten Stützen ihres Lebens. Ihre Eltern, Geschwister und ihr Ehemann kamen während eines Massakers ums Leben. Mujawayo-Keiner gelang die Flucht, gemeinsam mit ihren drei Kindern.

„Warum muss ich ihnen verzeihen?“ Dr. Esther Mujawayo-Keiner erzählt die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute.

Honoré Gatera war 13 Jahre alt, als die Grausamkeiten des Genozids einsetzten. „Ich habe seitdem keine einzige Minute der Geschehnisse vergessen“, erzählt Honoré und verschränkt dabei die Hände fest ineinander. Die Bilder hätten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Heute leitet der 38-Jährige das „Kigali Genocide Memorial“, das nicht nur als Begegnungsstätte dient, sondern auch an die Opfer erinnert. Die Überreste hunderttausender Menschen sind dort bestattet.

„Es geht um die Gemeinschaft!“ Honoré Gatera erzählt im Interview von seinen Erlebnissen, der Bedeutung von Erinnerungskultur in Ruanda und der Macht der Gemeinschaft.

Auch Mujawayo-Keiner, die zurzeit in Deutschland lebt, setzt sich aktiv für die Aufarbeitung ein. Sie hat den Verband „Association of Widows of April’s Genocide” (AVEGA) mitbegründet, der überlebende Frauen sowohl psychologisch als auch finanziell unterstützt.

Während die Ereignisse in Ruanda nach wie vor fest in den Köpfen der Menschen verankert sind, scheint der Genozid hierzulande kaum mehr eine Rolle zu spielen. Weder in den Schulen, noch in der medialen Berichterstattung, obwohl die juristische Aufarbeitung auch in Deutschland stattfindet.

Im Februar 2011 hatte der erste deutsche Prozess zum Völkermord vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main begonnen. Dem Angeklagten, einem ehemaligen Bürgermeister einer ruandischen Gemeinde, wurde vorgeworfen, im Jahr 1994 Massaker angeordnet zu haben. 4000 Menschen sollen dabei ermordet worden sein. Der Beschuldigte lebt seit 2002 in Deutschland. „Die Massenmedien hat der Prozess nicht erreicht“, sagt der Journalist Stefan Klein. Ab 1981 war er Afrika-Korrespondent für die „Süddeutsche Zeitung”. Auch Ruanda hatte er mehrere Male bereist.

Allerdings sei die Beweisführung in Prozessen dieser Art schwer. Ein geschickter Verteidiger habe in der Regel leichtes Spiel, vom Verdacht an einer Beteiligung abzulenken. Deutlich sinnvoller sei das Gacaca-System, ein traditionelles ruandisches Rechtssystem bei dem nicht die Bestrafung im Vordergrund steht, sondern die Wahrheit. „Die Dinge sollen an die
Oberfläche kommen, um so eine Versöhnung herbeiführen zu können“, so Klein.

Ganz sicher sei er sich aber nicht, ob der vermeintliche Friede, der mittlerweile zwischen Hutu und Tutsi herrscht, auch in Konfliktsituationen Bestand hätte. „Gut möglich, dass diese Flammen von Hass, die damals zu sehen waren, auch jetzt noch sehr schnell und leicht zu entflammen wären.“ Denn was Stefan Klein damals mit am meisten schockiert hat, war die Tatsache, dass auch langjährige Nachbarn und Freunde übereinander hergefallen sind. Angestachelt wurden sie unter anderem durch „Radio Ruanda“. Das Medium hatte versteckte Botschaften gesendet, um die Bevölkerung zum Morden anzustiften. „Es hieß damals oft ‚Lasst uns die großen Bäume fällen'“, berichtet Klein. Jeder habe gewusst, dass damit die hochgewachsenen Tutsi gemeint waren. Die Hutu hatten den Tutsi oft die Beine abgehackt, da diese als Zeichen der Überlegenheit galten.

Den Genozid selbst hat Stefan Klein nur aus der Ferne beobachtet. Er war ein Jahr zuvor nach Singapur gezogen, um dort als Korrespondent zu arbeiten. „Ich musste damals einen Schnitt machen, mich erstmal in Singapur einleben und Fuß fassen“, so der Journalist. Afrika sei für ihn plötzlich weit weg gewesen. Aber er erinnerte sich oft daran, dass er, bei einem seiner letzten Besuche in Ruanda, etwas gespürt habe. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, konnte es aber nicht genau definieren.“

Eine der wichtigsten Rollen spielten damals die Vereinten Nationen. Die rund 5000 UN- Blauhelme, die im Land stationiert waren, griffen nicht ein, als das Morden begann. Sie hielten sich an das Peacekeeping-Mandat. „Was absoluter Blödsinn war, da es ja keinen Frieden gab, den man hätte bewahren können“, so Klein. Die Soldaten durften ihre Schusswaffen nur dann einsetzen, wenn sie selbst in Gefahr waren. Stefan Klein verweist auf die Maßnahme zur Friedenserzwingung („peace enforcement“). Damit hätte man die Lage vermutlich unter Kontrolle bringen können. Hinzu kommt, dass die Zahl der UN- Soldaten damals nicht aufgestockt wurde. Der kanadische UN-General und damalige Kommandeur der Truppe, Roméo Dallaire, hatte vergeblich um Unterstützung gebeten. Später konstatierte er, die internationale Staatengemeinschaft habe Ruanda ignoriert.

Es war also an der verbliebenen Bevölkerung, mit den Schrecken des Genozids umzugehen und das Land in eine neue Zukunft zu führen. Heute gibt es eine allgemeine Krankenversicherung, rund 80 Prozent der Kinder besuchen eine Schule und Hutu und Tutsi leben scheinbar friedlich zusammen. Doch der Wirtschaftsboom beruht in erster Linie auf den Ressourcen des Nachbarstaates Kongo, den Ruandas Staatschef Paul Kagame ausplündern und destabilisieren lässt. Kagame, der Wahlen für gewöhnlich mit 90 Prozent der Stimmen gewinnt, gilt als wichtiger Reformer. Doch seiner Regierung werden Machtmissbrauch und massive Einschränkungen der Pressefreiheit vorgeworfen.

Im Vorfeld der Wahlen von 2010 wurden ein ranghoher Oppositionspolitiker sowie ein kritischer Journalist unter ungeklärten Umständen ermordet. „Keine Zeitung in Ruanda wird das Thema ‚Kagame und Menschenrechtsverletzung’ auf die erste Seite setzen“, sagt Stefan Klein. Dabei sei es die Aufgabe von Journalisten, kritische Fragen zu stellen. Doch nur wenige haben überhaupt die Gelegenheit, bis zu Kagame vorzudringen. Er empfange nur äußerst selten Vertreter der Presse.

„Erst unter demokratischen Verhältnissen könnte man feststellen, ob eine Versöhnung tatsächlich stattgefunden hat“, so Stefan Klein. Erst, wenn sich das Land öffnen würde, freie Presse zulassen und Wahlen abhalten würde, könne man sehen, ob sich die Lage tatsächlich normalisiert hat. Denn ein nationaler Dialog habe bis heute nicht stattgefunden. Stefan Klein: „Solange das Regime den Daumen draufhält, wird man auf die Frage nach Frieden keine Antwort finden.“

 

Fotos: Christiane Fritsch

Stimmen zur Konferenz

Du bist, was Du isst – aber was Du trägst ist egal? Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie ist Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche immer noch immer noch ein Randgruppenthema. 2016 haben Textilien im fairen Handel nur sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht, Kaffee, Lebensmittel und Südfrüchte hingegen insgesamt 82 Prozent. Wie stehen die Teilnehmer*Innen der Bildkorrekturen 2017 zum Thema Fair Fahion? Inga Mohwinkel und Pia Schönfeld haben Einstellungen, Erwartungen und Bildkorrekturen eingefangen.

 

Ohne Fortschritt keine Fair Fashion - Die Zukunft für nachhaltige Kleidung aus Sicht der bildKORREKTURen Referenten 2017

Die bildKORREKTURen Tagung 2017 bot einen großen Einblick in verschiedene Bereiche zum Thema „Fair Fashion and Development“ und schnell wurde deutlich: Es sind Fortschritte in vielen unterschiedlichen Bereichen nötig, damit in Zukunft mehr Mode zu fairen Konditionen produziert und verkauft werden kann. Referent*Innen und Verantwortliche der bildKORREKTURen 2017 über ihre Wünsche für die Zukunft der Modebranche.

Bildbearbeitung, Interview & Text: Helena Klose
Fotorechte: Vera Katzenberger, Helena Klose, Louise Zenker

Sind wir nicht alle ein bisschen #digital Die Tagung ist vorbei, doch was bleibt sind die Einträge auf den Social Media Kanälen. Ein Rückblick via Social Media Posts.

Drei Tage wurde diskutiert, aufgeklärt und informiert über die Bilder, die sich überwiegend durch die Medien in unsere Köpfe eingebrannt haben. Im Fokus stand dabei immer die Entwicklung der Digitalisierung. Doch wie ist eigentlich unser eigenes digitales Verhalten?

Ein Leben ohne Internet – undenkbar?!

„73% der Menschen in Afrika besitzen ein Handy“, klärt Julia Manske von der Stiftung Neue Verantwortung auf. „In Indien gibt es mehr Handys als Toiletten“, so Mr. Nair im Indien Panel. Können wir uns ein Leben ohne Internet überhaupt noch vorstellen? Handys und das Internet sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Auch auf der Tagung nutzten die Leute die Social Media Kanäle, um sich auszutauschen, zu unterhalten, zu informieren.

Die Tagung beginnt und somit auch die Bereitschaft zu posten  …

Auf der Tagung standen die Panels zu Kenia, Estland und Indien stets im Fokus.

#Zitate, die nicht nur in den Köpfen bleiben

#Fragen, die Diskussionsbedarf weckten

#Networking

Nicht nur im World Café wurden verschiedene Fragen an die Studenten gestellt, die Diskussionen über das eigene digitale Verhalten anregen sollten. Auch beim ständigen Networking diskutierten die Teilnehmer rege. Dabei wurde deutlich, dass sich kaum mehr einer ein Leben ohne Internet vorstellen kann.

„Das Leben wäre kompliziert, hart und viel langsamer“, so die Studenten bei einer Umfrage zum Thema Ein Leben ohne Internet … Einige Studenten betonten, dass sie hin und wieder versuchen, bewusst auf das Internet zu verzichten, merken aber schnell dass es kaum mehr möglich ist – gerade auch für angehende Journalisten, die am liebsten in Echtzeit informieren wollen (Verlinkung auf Liveberichterstattung DWA).

#Posts der Referenten

„Ich tweete dann, wenn ich der Welt etwas zu sagen habe“, so Eric Chinje über sein eigenes Social Media Verhalten. Er kann sich ein Leben ohne Social Media kaum mehr vorstellen. „Für mich ist das Internet wie ein Motor“, sagt er. Auch auf der Konferenz hat er fleißig getweetet.

Dr. Wilson Ugangu hatte sein Handy an den drei Konferenztagen zuhause gelassen. Doch dank Eric Chinjes Bereitschaft zu tweeten hat er es trotzdem auf Twitter geschafft:

Jochen Spangenberg hat bereits über 12 000 Tweets seit seinem Beitritt auf Twitter 2009 gesendet. Doch schließlich gehört die Medienlandschaft zu seinem Spezialgebiet.

Social Media ermöglicht es …

… vom passiven Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Die Konferenz lebt von Diskussionen, die durch Twitter und Co. noch verstärkt werden. Doch letztendlich ist eine digitale Teilnahme nur eine halbe Teilnahme, denn Networking ist face-to-face immer noch am schönsten.

 

 

 

Privatsphäre in Kenia und Deutschland – Ein kurzer Überblick

Die Möglichkeiten große und vor allem viele Daten digital zu speichern ist in den letzten Kahrzehnten exponentiell gestiegen: Von der Diskette, über die Festplatte bis hin zur Cloud. Unter dem Schlagwort Big Data wird darüber diskutiert, wie Datensätze aus unterschiedlichen Quellen kombiniert, ausgewertet und kommerziell genutzt werden können. Wie steht es dabei um die Privatsphäre des einzelnen Nutzers? Welche Gesetze gibt es in Afrika und Europa, speziell in Kenia und Deutschland?

Wer heute über Privatsphäre spricht, spricht immer auch von Datenschutz. Denn gerade auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets sammelt sich mkit der Zeit ein wahrer Datenschatz: Hier werden Termine in den Kalender eingetragen, Nachrichten geschrieben, telefoniert, Onlineshops genutzt und Musik gehört. In Kenia wird sogar fast ausschließlich damit bezahlt. Das Leben spielt sich im Netz ab und wer im 21. Jahrhundert seine Privatsphäre schützen will, muss man auch seine persönlichen Daten schützen.

 

In Kenia wird die Privatsphäre in der Verfassung geregelt, ein Gesetz zum Datenschutz gibt es aber noch nicht
In Afrika gibt es in vielen Ländern bereits Gesetzesentwürfe zum Datenschutz. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise in Südafrika der „PoPI Act“ (Protection of Personal Information Act) beschlossen. Dadurch versichern südafrikanische Institutionen, dass sie mit persönlichen Daten verantwortungsbewusst umgehen. Außerdem können sie bei Verstößen zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch andere Länder Afrikas erachten Schutz von persönlichen Daten im Zuge der Digitalisierung als wichtig. Kenia legte beispielsweise im Jahr 2013 den Entwurf zur „Data Protection Bill 2013“ vor. Denn obwohl in der Verfassung von Kenia unter Punkt 31 die Privatsphäre geschützt ist, „Privacy“, ist darin der Schutz der perönlichen Daten noch nicht eingeschlossen.

Every person has the right to privacy, which includes the right not to have
(a) their person, home or property searched;
(b) their possessions seized;
(c) information relating to their family or private affairs unnecessarily required or revealed; or
(d) the privacy of their communications infringed.

Die „Data Protection Bill 2013“ sollte im Mai 2014 dem Parlament präsentiert werden. 2016 wird darüber immer noch debatiert, ein Gesetz wurde bis heute noch nicht verabschiedet. Aufgrund der bereits erwähnten Verflechtung der Privatsphäre und dem Datenschutz, wird es erst mit diesem Gesetz möglich sein, den in Artikel 31 (c) und (d) genannten Schutz der Privatsphäre zu garantieren.

 

Datenschutz ist in EU-Mitgliedsstaaten ein Grundrecht, bei der Umsetzung gibt es allerdings noch Gesetzeslücken
Für die EU ist der Schutz persönlicher Daten ein Grundrecht. Ab Mai 2018 gilt die Datenschutz-Grundverordnung der EU zum Schutz von personenbezogenen Daten. Die einzelnen Länder dürfen die dort festgeschriebenen Regelungen nicht abändern. Es gibt allerdings verschiedene Öffnungsklauseln.

In Deutschland schützt das allgemeine Persönlichkeitsrecht die Privatsphäre. Dabei ist immer auch Artikel 1 Absatz 1 im Grundgesetz zu beachten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“.

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Art. 2 Abs. 1 GG).

Das Datenschutzgesetz der EU wird in Deutschland durch das Bundesdatenschutzgesetz umgesetzt.

§ 1 Zweck und Anwendungsbereich des Gesetzes (BDSG)
(1) Zweck dieses Gesetzes ist es, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird.

Des Weiteren gibt es das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es ist nicht explizit im Grundgesetz erwähnt, wurde allerdings vom Bundesverfassungsgericht in einem Volkszählungsurteil im Jahr 1983 festgelegt. Das Grundgesetz wird dabei im Prinzip um den Schutz persönlicher Daten erweitert.

 

Fazit oder „I don’t want to live in a world where there’s no privacy“

Die Privatsphäre und deren Schutz ist theoretisch in jeder Demokratie verankert. Es sollte also auch zukünftig als Ziel angesehen werden, persönliche Daten zu schützen. Je mehr Wege es gibt, Daten einzusehen, desto mehr muss die Gesellschaft und folglich die Politik Regeln finden, diese zu schützen. Daher sollte die EU sich darum bemühen, mögliche Gesetzeslücken zu schließen, denn Datenschutz macht heutzutage einen großen Anteil der Privatsphäre aus – und diese ist in Deutschland im Grundgesetz verankert. Auch die Entwicklung in Afrika, die zunehmende Vorlage von Gesetzesentwürfen zum Datenschutz, ist zu begrüßen. Die Verabschiedung dieser Gesetze sollte sich allerdings beschleunigen, denn die persönlichen Daten sind bereits vorhanden.  Edward Snowden hat uns dies vor Augen geführt und um es abschließend mit seinen Worten auszudrücken: „I don’t want to live in a world where there’s no privacy and therefore no room for intellectual exploration and creativity“.

World Café @ Bildkorrekturen Verschiedene Kulturen, ein Kernthema und viel Diskussionsbereitschaft

  • Mehr als 20 verschiedene Kulturen trafen im World Café aufeinander, um sich näher kennenzulernen und sich über ein Thema auszutauschen: Digitalization & Development – das diesjährige Thema der Bildkorrekturen.

  • In der ersten Runde hatten die Studierenden die Möglichkeit sich näher kennenzulernen. Sie unterhielten sich über ihre Lieblingsthemen, über die sie den ganzen Tag sprechen könnten, über Songs, die auf keiner guten Party fehlen dürfen und auch über ihre Aufgaben auf der Tagung.

  • In der zweiten Runde kam das Thema der Tagung „Digitalization & Development“ wortwörtlich auf den Diskussionstisch. Die Studierenden tauschten persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Cyberbullying aus und diskutierten über Themen wie Überwachung und Zensur im digitalen Zeitalter.

  • Das Thema Digitalisierung wurde von den Studierenden durchaus kritisch beleuchtet. Auch Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und deren Einfluss auf unser Leben brachten die Studierenden zum Ausdruck. Besonders oft war vom Facebook-Algorithmus und der damit einhergehenden Filter Bubble die Rede.

  • Oft stellten die Teilnehmer kulturelle und gesetzliche Unterschiede zwischen ihren Ländern fest, insbesondere wenn es um das Thema Pressefreiheit ging. Eine Studentin der DWAK berichtete zum Beispiel vom Problem der „Selbstzensur“ in ihrem Heimatland Kolumbien.

  • An einem anderen Tisch werden lockerere Töne angeschlagen. Es geht um die Frage, was man am meisten vermissen würde, wenn man eine Woche lang vom Internet getrennt wäre. Daraufhin Prof. Dr. Markus Behmer (Universität Bamberg): „Ein Tage ohne Internet wäre großartig – keine E-Mails. Aber schon nach einem Tag würde ich es vermissen. Insbesondere die SMS und E-Mails von meinen Töchtern.“

  • Neben Themen der Digitalisierung tauschten sich die Studenten auch über ihre zukünftige Rolle als Journalisten aus.

  • Die Moderation des World Cafés übernahmen die Bamberger Studierenden…

  • … und machten in ihrer Doppelrolle als Teilnehmer und Moderator ihre ganz eigenen Erfahrungen: „Es war ziemlich viel was auf einen eingeprasselt ist in dem Moment. Es war aber auch interessant, weil ich an meinem Tisch sehr viele unterschiedliche Leute hatte: Menschen aus verschiedenen Ländern, Unis und Institutionen und sogar eine syrische Journalistin im Exil. Das fand ich super.“ (Theresa Hoffmann, Universität Bamberg)

  • Natürlich hatten auch die Referenten (Eric Chinje aus Kenia, rechts) Spaß daran, sich am internationalen Austausch zu beteiligen.

  • Sarah Schneidereit, (Universität Leipzig, links) zieht ihr Fazit: „Was ich total spannend fand war, dass man sich auch über die Mediennutzung unterhalten hat. Man merkt, dass die Leute, die nicht aus Deutschland kommen, die Medien zum Teil anders nutzen und auch die Dinge ein bisschen anders sehen als wir hier und dementsprechend auch die Konferenz vielleicht ein bisschen anders für sich nutzen.“

  • Auch Nadia Issufo (rechts im Bild) hat das World Café gefallen: “I liked it because it was a good opportunity to share with others some experience about the new platforms, the social media. I think at the end we have the same opinions about digitalization, about how to use the platforms, the social media.”

Der Mensch hinter dem Text oder Journalisten im digitalen Zeitalter Ein Überblick über die Geschichte des Journalismus und über die Personalisierung der Journalisten mit Stimmen der Tagung.

Das 20. Jahrhundert hat den Journalismus verändert: Mit dem Radio etablierte sich ab 1920 das erste elektronische Massenmedium, ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts boomte das Fernsehen. Seit Mitte der 1990er Jahre revolutionierte das Internet die Informationsübertragung und damit auch den Journalismus. Inzwischen ist das Netz dank Smartphones mobil überall verfügbar, der permanente Internetzugang verändert unsere Mediennutzung. Die neuen Medien ziehen dadurch auch in den Journalismus ein: Ganze Zeitungen sind bei Facebook vertreten, amerikanische Moderatoren haben einen eigenen Youtube-Kanal und Reporter tweeten aus der ganzen Welt.

Dadurch veränderte sich zwangsläufig auch die Rolle des Journalisten. Die Aufgabe eines Journalisten besteht darin, für die Allgemeinheit politisch, wirtschaftlich und kulturell relevante Sachverhalte durch professionelle Beobachtung öffentlich zu machen. Diese Veröffentlichung findet auf andere Art und Weise statt als noch im letzten Jahrhundert. Inzwischen ist sie aktueller und kurzlebiger. Konsumenten nutzen nicht mehr ausschließlich die Zeitung, sondern greifen auf andere Medien zurück. Bei tagesaktuellen Ereignissen nutzen die Menschen vor allem das Fernsehen als Informationsquelle. Um sich über ein (selbst-)bestimmtes Thema zu informieren, löste das Internet 2014 das Fernsehen als Hauptinformationsquelle ab. Die Erwartungshaltung der Konsumenten zeichnet sich hierbei deutlich ab: die Menschen nutzen zunehmend die schnelllebigen Medien des 21. Jahrhunderts.

© IfD Allensbach.

© IfD Allensbach.

Vor allem Tageszeitungen blicken daher einer schweren Krise entgegen. Während im Jahr 2000 noch 54,4% der 20- bis 24-Jährigen Tageszeitungen lasen, sank die Anzahl bei derselben Zielgruppe 2015 auf 28,9%. Die Prognose ist, dass dieser Anteil weiter sinken wird.

© IfD Allensbach

Die Digitalisierung ermöglicht neben rascher Informationsgewinnung, beispielsweise in Form von Live-Berichterstattungen, auch eine zunehmende Beteiligung der Nutzer: Anrufe, Kommentarfunktionen und ganze Internet-Portale ersetzen den Leserbrief. Stichwort hierbei ist der Begriff „user-generated-content“, welcher im Zusammenhang mit dem World Wide Web entstand. Er bezieht sich vor allem auf Portale wie Wikipedia, Youtube und MySpace, in denen die Nutzer eigene Inhalte kreieren können. Diese Portale und soziale Netzwerke wie Facebook bringen neben den Vorteilen, die eigene Meinung aktiv zu verbreiten und sich besser über verschiedene Themen austauschen zu können, auch Nachteile mit sich. Im Rahmen der US-Präsidentenwahl 2016 wurden sogenannte „Fake News“ via Facebook geteilt. Nutzerkonten von angeblichen Nachrichtenportalen berichteten, dass verschiedene Prominente den republikanischen Kandidaten und späteren Präsidenten Donald Trump wählen würden. Wohingegen man seiner Konkurrentin, der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton, Satanismus und Phädophilie vorwarf.  Problematisch ist hierbei, dass fast 44% der Amerikaner Facebook als Nachrichtenquelle nutzen.

Vor dem Internet fabrizierten die Journalisten diese „Fake News“ noch selbst – in Form von Zeitungsenten, die sie in der nächsten Ausgabe wieder korrigieren konnten. Heute kann theoretisch jeder Nutzer sozialer Medien „Fake News“ dauerhaft generieren und große Menschenmengen damit beeinflussen. Auch Journalisten lassen sich daher von „Fake News“ in die Irre führen. Das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Leser-Beiträgen verschwimmen.

Der Künstler Andy Warhol sagte 1968: „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“. Diese Aussage wird heutzutage oft auf das Internet und die Möglichkeit jedes Individuums dort reichweitenstarke Inhalte einzustellen bezogen. Es stellt sich die Frage, ob auch der Journalist als Mensch hinter seinen Texten hervortreten sollte, um sich mit seiner Berichterstattung von der Masse abzuheben und persönlich zu berichten – via den neuen Medien.

Ein gutes Beispiel für einen persönlich bekannten Journalisten ist Richard Gutjahr. Der Journalist,  Moderator und Blogger ist der Meinung, dass man heutzutage auf Social Media nicht mehr verzichten könne, da dort die Informationen wesentlich schneller zugänglich seien. Einer großen Öffentlichkeit wurde er als weltweit erster Mensch mit einem iPad bekannt: 2010 stand Gutjahr dafür 23 Stunden vor einem Apple Store an. Er wollte wissen, worin die Faszination liegt wegen einem Produkt zu campieren. Es folgten weitere Liveberichte während des arabischen Frühlings in Kairo und den Terroranschlägen in Nizza und München. Auf einem Vortrag in Hamburg sprach er davon, dass man als Journalist neugierig bleiben muss und niemals vor Neuem zurück schrecken sollte – zu diesem Zeitpunkt testete er gerade Snapchat als Medienkanal.

„Das Internet ist eine natürliche Fortschreibung dessen, was wir Menschen von jeher getan haben: uns informiert und Geschichten erzählt. Bei den klassischen Medien hat mir da etwas gefehlt: der Rückkanal. Der ist jetzt da und wir wissen noch gar nicht so genau, was wir mit diesem Geschenk anfangen wollen und können. Wir tasten uns derzeit alle voran, um das herauszufinden. Ich sehe mich als Journalist geradezu in der Pflicht, mich auf diesem Feld weiterzuentwickeln. Schließlich sind Informationen das, womit wir unser Geld verdienen.“ (Richard Gutjahr im Gespräch mit t3n)

Das Hervortreten hinter dem Bericht liegt allerdings nicht zwangsläufig in den Händen des Journalisten. Die ZEIT veröffentlichte 2015 in ihrem Magazin ein Porträt des Tagesthemen-Moderators Ingo Zamperoni. Er war zu diesem Zeitpunkt als ARD-Korrespondent in Washington und kehrte im Herbst 2016 zu den Tagesthemen zurück. Seitdem ist er gemeinsam mit Caren Miosga Hauptmoderator der Sendung. Bevor er zum ersten Mal nach seiner Rückkehr moderierte, diskutierte die Tagesschau über seinen Schlusssatz – die Zuschauer reichten Vorschläge ein. Ingo Zamperoni will nach eigenen Aussagen die Nachricht im Mittelpunkt sehen, dennoch ist er ein beliebter Journalist und man berichtet über ihn.

Auf der Bildkorrekturen-Tagung äußern sich die eingeladenen Journalisten überwiegend negativ zur Personalisierung des Journalisten.
Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Isabell Pfaff arbeitet seit 2014 im Afrika-Ressort. Die Digitalisierung Afrikas vereinfacht den Zugang zu Informationen über aktuelle Ereignisse auf dem Kontinent. Sie spricht sich gegen eine Personalisierung aus, da diese von der Botschaft ablenke. Dennoch habe jeder Journalist Haltungen und diese werden von den Lesern auch in Form von Meinungsbeiträgen eingefordert. Die neuen Medien nutzt sie größtenteils nur als Journalistin, nicht als Privatperson.

„Ich habe erst als Journalist angefangen, Twitter und Facebook zu nutzen. Ich habe das vorher abgelehnt und nutze es auch nur beruflich. Ich twittere nur Dinge, die mit meinem Themengebiet zu tun haben. Ich habe kein Interesse daran, mich stark als Privatsperson darzustellen. […] Ich glaube, man kann das schon relativ gut trennen und viele Journalisten machen das auch. Ich bin eher gegen eine Personalisierung. Es lenkt von der Botschaft ab.“ (Isabell Pfaff)

Der Journalist und Fotograf Niko Wald betreibt seit 1999 einen eigenen Blog. Er schrieb für Non-Profit-Organisationen und arbeitet inzwischen für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in der strategischen Kommunikation. Für ihn schließt journalistisches Arbeiten persönliche Bindung zu dem jeweiligen Thema aus.

„Wenn man persönlich zu sehr  in einem Thema involviert ist, kann man journalistisch daran nicht arbeiten.“ (Niko Wald)

Eine gegensätzliche Meinung findet man bei der Tagungsteilnehmerin Brigitte Isaac. Die syrische Journalistin lebt seit einigen Jahren im Exil. In Deutschland kann sie zum ersten Mal frei ihre Meinung äußern. Das war in Syrien nicht möglich. Sie sagt, dass Journalismus objektiv sein sollte, dies aber nicht bei jeder Thematik möglich sei. Botschaften seien oftmals subjektiv. Wenn sie über Syrien spreche, hätte sie auch Gefühle über Syrien.

„If I talk about Syria, I have feelings about Syria.“ (Brigitte Isaac)

Bisher gibt es noch keine klare Prognose, wie der zukünftige Journalismus aussieht und welche Formen die Berichterstattung annehmen wird. In der heutigen Gesellschaft können sich Individuen persönlich entfalten und sich der Welt mitteilen. Es bleibt offen, ob auch im Journalismus eine Personalisierung relevant wird oder ob der Mensch hinter den Text tritt und nur die Nachricht im Vordergrund stehen sollte. Im Bezug auf „Fake News“ könnte die Personalisierung durchaus positiv ausfallen: die Informationen lassen sich leichter der Quelle zuordnen. Eine Personalisierung könnte allerdings auch von der eigentlichen Nachricht ablenken und würde nur eine bestimmte Berufsgruppe repräsentieren: im Bezug auf unsere Tagung wären dies afrikanische und europäische Journalisten. Die Digitalisierung beschleunigt die Informationsbeschaffung. Trotz dieser Entwicklung muss der Journalismus auch zukünftig professionell und authentisch bleiben. Dies bringt Jochen Spangenberg in seiner Keynote auf den Punkt: „Get it first, but first get it right.“