Energiewende in Deutschland: Chance oder Herausforderung?

Ein  Beitrag von Maleen Bösenberg und Mareike Rath.

„Die Energiewende ist ökologisch zwingend, technisch machbar und ökonomisch vorteilhaft.“ (Bartosch et al.: 2014)

Auch auf politischer Ebene wurden mit dem Energiekonzept 2010 und dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition 2013 Maßnahmen und Leitlinien festgelegt, die eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung gewährleisten sollen.

Noch bleiben nennenswerte und zukunftsträchtige Erfolge jedoch aus. Steckt die Energiewende strukturell und politisch noch in den Kinderschuhen?

Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) bezweifelt das: „Für einen nachhaltigen Klimaschutz müssen mindestens die Ziele des Energiekonzeptes von 2010 erfüllt werden. Allerdings werden die nötigen Maßnahmen, wie zum Beispiel das Erneuerbare-Energien-Gesetz, zurzeit heruntergeschraubt.“ Um aufzuzeigen, welche Maßnahmen nötig sind, um zumindest die Minimalziele des Energiekonzeptes 2010 zu erreichen, entwickelte er das „Szenario 100“. Darin wird unter anderem eine hundertprozentige Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien vorausgesetzt. Daher fordert Nitsch jetzt einen stärkeren Ausbau der Stromproduktion aus Wind, Sonne und Wärme, da ein späterer übermäßiger Ausbau volkswirtschaftlich ineffizient wäre. Dem „Szenario 100“ stellt Nitsch das „Szenario GroKo“ gegenüber, welches die Maßnahmen des Koalitionsvertrags 2013 beinhaltet und die Auswirkungen beschreibt, wenn nur diese umgesetzt werden. Da der Koalitionsvertrag keine neuen Impulse für die Umsetzung der Energiewende liefere, führe er die Trends der letzten Jahre fort und gefährde so den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Ziele des Energiekonzeptes 2010. Trotz der aktuellen Entwicklungen ist Nitsch der Überzeugung: „Die Energiewende kann gelingen, wenn die Rahmenbedingungen geändert und die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.“

Wie sehen diese Rahmenbedingungen aus und welche Bedeutung haben diese für die deutsche Wirtschaft?

Bildquelle: Vortrag Dr. Peter Stuckenberger

Bildquelle: Vortrag Dr. Peter Stuckenberger

„Man muss sich zunächst die Frage stellen, wohin der Markt geht. Die Herausforderung besteht darin, Techniken zu finden, mit der die Energiewende sicher und sauber vonstattengehen kann“, sagt Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy. Um die Energiewende umzusetzen nennt er fünf Herausforderungen, die individueller Lösungen bedürfen: ökonomische Effizienz, Zuverlässigkeit der Versorgung, sinnvolle Ressourcennutzung, Klimaschutz und die Akzeptanz der Bevölkerung. „Letztendlich wird der Preis darüber entscheiden, welchen Weg Deutschland einschlägt. Deshalb ist es wichtig, die Bürger umfassend über die Probleme, aber auch über die Chancen der Energiewende aufzuklären“, sagt Stuckenberger.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Nayla Fawzi sieht vor allem die Medien in der Pflicht, Verständnis in der Bevölkerung hervorzurufen. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Funktion der Medien im politischen Entscheidungsprozess am Beispiel der Energiepolitik infolge der nuklearen Katastrophe in dem japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi 2011. Hierfür befragte sie unter anderem Verantwortliche aus Ministerien und Forschungsinstituten sowie Journalisten nach ihrer Zufriedenheit mit der anschließenden Berichterstattung, die einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kernenergie forderte. Die Befragung ergab einen signifikanten Einfluss der Massenmedien auf den gesamten politischen Prozess. Auf diese Weise konstatiert sie die Annahme, dass Massenmedien sowohl politischer Akteur als auch politisches Instrument sein kann.

Oh wie nah ist Temelín: Atomstrom in Tschechien

Während in Deutschland und Österreich Anti-Atom Konsens ist, bleiben Atomkraftwerke in Tschechien unantastbar. Beobachtungen über unser Nachbarland.

Drei Nachbarn – drei Positionen

März 2011. In Japan kämpfen die Fukushima-Betreiber gerade um ihre Atomreaktoren, während meine Erasmus-Freunde und ich in Finnland zum gemeinsamen Saunagang antreten. Das Unglück ist auch unser Gesprächsthema. Michi aus Wien ist stolz, dass die Österreicher, die „sonst ja die deppertsten Sachen mitmachen“ nie in das Atomgeschäft eingestiegen sind. Die neusten Ereignisse haben den Anti-Atomkraft-Demonstrationen in seinem Heimatland neuen Aufschwung gegeben. Vor allem das Atomkraftwerk Temelín hinter der tschechischen Grenze lässt sie über den Nachbarn fluchen. Immerhin auf die Deutschen ist noch verlass, die planen in diesem Moment schon die Energierevolution. Über so viel Ökostrombegeisterung kann Petr aus Prag nur lachen – es sei ja auch leicht, keinen Atomstrom zu produzieren, wenn man wie die Österreicher zwei Drittel seiner Energie importiere*, „den schlimmen tschechischen Atomstrom natürlich auch“.

Tschechien: Verfechter der Atomenergie?

Vier Jahre später sind wir längst wieder in unseren Heimatländern. An der tschechischen Überzeugung scheint sich nichts geändert zu haben: Man setzt auf Atomenergie, die etwa ein Drittel des Strommixes im Land ausmacht. Interessiert es denn überhaupt nicht, was die deutschsprachigen Nachbarn in Sachen Energie so vehement verfechten? Dr. Herbert Barthel, Referent des Bund Naturschutz in Bayern, zeigt sich langfristig zuversichtlich: „Die Tschechen schauen sehr interessiert nach Bayern herüber. Für die Zukunft wird sich Tschechien am Modell Energiewende orientieren“. Es seien aber nur wenige, die heute in Tschechien an einen Atomausstieg denken.

Österreich sponsert den Widerstand

Das ärgert die Österreicher so sehr, dass sie Anti-Atomkraft-Verbände in Tschechien mit eigenen Steuergeldern subventionieren. Bisher, wie es scheint, ohne Erfolg. Oder doch nicht? Der AKW-Betreiber ČEZ musste Anfang des Jahres verkünden, dass man Temelín jetzt doch nicht ausbauen werde, weil die tschechische Regierung einen garantierten Abnahmepreis für Atomstrom ablehnt. Bei Ministerpräsident Sobotka muss wohl die neue Strategie der österreichischen Lobby aufgegangen sein: Die hat mittlerweile aufgegeben, die Tschechen mit ethnischen oder ökologischen Bedenken mobilisieren zu wollen und rechnet ihnen jetzt stattdessen vor, warum sich Atomenergie ökonomisch schlicht nicht lohnt. Und auch Petr sieht in der Atomenergie nicht mehr die zukunftsweisende Energieversorgung seines Landes: „sobald es für Tschechien erprobte Alternativen zur Atomkraft gibt, werden die AKWs hier an Bedeutung verlieren.“

Anteil der Atomenergie an der Gesamtstromversorgung 2013

Atomstrom_D_CZ_A*Der Strombedarf wurde 2013 in Österreich zu 11,7% mit Importen gedeckt, die zum Großteil aus Deutschland und Tschechien kommen. Greenpeace Austria schätze den Atomstromanteil dieser Importe auf 4-7%. 2013 verabschiedete das österreichische Parlament eine Novelle, die den Import von Atomstrom ab Januar 2015 ganz verbietet.                                                                     

(Quellen: Nuclear Energy Agency NEA, bmwfw.gv.at, greenpeace.org/austria)

Ein Pionier der Energiewende Mit wissenschaftlichen Analysen beweist Joachim Nitsch schon lange: Die Energiewende in Deutschland ist machbar.

Ein Gespräch mit Dr. Joachim Nitsch von Mareike Rath.

Seit vier Jahrzehnten kämpft Dr. Joachim Nitsch für die Energiewende. Bei der Bildkorrekturen-Tagung sprach er über die Herausforderungen einer energieeffizienten Stromversorgung.

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

„Wir sind als junge, stürmische und auch naive Wissenschaftler in die Forschung zu erneuerbaren Energien eingestiegen und haben uns gesagt, `das ist doch der richtige Weg, das müssen doch alle begreifen´. Aber so einfach ist das ja nicht, wie wir alle gelernt haben“, erzählt Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Rund vierzig Jahre später kann Joachim Nitsch auf eine erfolgreiche Forscherlaufbahn zurückblicken, für die er im Jahr 2010 mit dem „Sonderpreis für persönliches Engagement“ von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien EUROSOLAR geehrt wurde.

Eine positive Gesamtbilanz für die Energiewende

Nitschs persönliches Engagement geht weiter: „Ich bin Ruheständler seit neun Jahren, aber das Thema lässt einen natürlich nicht los. Deshalb berate ich unter anderem die Landesregierung von Baden-Württemberg bei energiepolitischen Fragen.“ In seiner aktiven Zeit beim DLR erstellte Nitsch zum Beispiel Analysen, wie eine alternative Energieversorgung von Haushalten gelingen könnte: „Früher wurde behauptet, in erneuerbare Energien müsste man so viel Geld hineinstecken, dass sich der Aufwand finanziell gar nicht lohnt. Wir haben daraufhin Modelle entwickelt, die den ganzen Langzeitlebenszyklus vom Rohstoff bis zur Energiegewinnung untersucht haben und konnten eine positive Gesamtbilanz ziehen. Hätte man damals schon solche Analysen für die Kernenergie gehabt, hätte man sie wahrscheinlich nie etabliert,“ erklärt der Wissenschaftler.

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Objektive Berichterstattung ist Grundvoraussetzung

Auf die jetzige Situation der Energiewende in Deutschland angesprochen, wird Joachim Nitsch nachdenklich: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, aber seit eineinhalb Jahren wachsen meine Sorgen wieder, dass wir uns da verzetteln und dass wir uns eher wieder einen Schritt zurück bewegen, weil die Politik einfach nicht vorausschauend genug handelt.“ Die Schuld sieht er nicht nur bei den Politikern, auch die Medien müssten ihren Teil beitragen: „Die Aufgabe der Medien ist, objektiv zu berichten, aber zurzeit werden nur die Bedenken transportiert. Die Politiker lassen sich zu sehr auf diese negative Berichterstattung ein, anstatt den Bürgern die Notwendigkeit der Energiewende aufzuzeigen, damit unsere Kinder und Enkel auch noch von einer funktionierenden Energieversorgung profitieren. “ Natürlich sieht Joachim Nitsch auch die finanziellen Probleme vieler Bürger: „Der Verbraucher zahlt immer, wir zahlen aber auch, wenn die Energiewende nicht umgesetzt wird. Ich kann mir deshalb gut Finanzierungsmodelle seitens der Banken und Bausparkassen vorstellen, Steuererleichterungen, zinsverbilligte Kredite und dergleichen mehr. Diese Plattitüde, `das zahlt der Verbraucher´ ist für mich nur eine Flucht ins Vage und eine Flucht vor dem Handeln.“

Wissenswertes über Dr. Joachim Nitsch

Dr. Joachim Nitsch (*1940) hat an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und wurde im Jahr 1971 mit einer Arbeit über gekoppelten Wärme- und Stoffaustausch an der RWTH promoviert. Knapp 30 Jahre lang war Nitsch Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am DLR beschäftigte er sich insbesondere mit den erneuerbaren Energien und fertigte Szenarioanalysen und Technikfolgenabschätzungen an. In den letzten Jahren berät Joachim Nitsch unter anderem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und die Landesregierung Baden-Württemberg in Fragen rund um die Energiewende.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht in den fünf Kernbereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit. Der Fokus liegt auf der Erforschung von Erde und Sonnensystem und der Entwicklung von nachhaltigen Technologien zum Schutz der Umwelt.

 

 

Energieeffizientes Wohnen in Forchheim Ein Bericht von Mareike Rath

In einer neu erbauten Siedlung in der oberfränkischen Stadt Forchheim wird ein modernes Nahversorgungskonzept umgesetzt, das mithilfe von Bioerdgas eine ganze Siedlung sowohl mit Ökostrom, als auch mit Wärme versorgt.

Der Traum vom energieeffizienten Wohnen – für die Bewohner der 2013 fertig gestellten Siedlung „Wohnen am Stadtpark“ in der Forchheimer Innenstadt ist er wahr geworden. Denn die 48 Ein- und fünf Mehrfamilienhäuser werden nicht mit fossilen Brennstoffen sondern mit Bioerdgas versorgt, das im Gegensatz zu fossilen Energieträgern, wie Erdgas, aus organischen Stoffen gewonnen wird und nicht mithilfe von Bohrungen gefördert werden muss. Die Idee, die neue Siedlung mit erneuerbaren Energien zu versorgen, stammt von den Stadtwerken Forchheim. Mit vielen Projekten leisten die Stadtwerke schon lange ihren Beitrag, um eine energieeffiziente Versorgung in der Stadt und damit die Energiewende umzusetzen. So werden von den Stadtwerken beispielsweise mehrere Energie-Tankstellen in Forchheim betrieben und der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen sowie die Modernisierung von Heizungsanlagen aktiv unterstützt.

Das Bioerdgas, mit dem die Häuser beheizt werden, kommt allerdings nicht als Rohstoff in der Natur vor, sondern muss zunächst aus Biomasse gewonnen werden. Die Stadtwerke Forchheim sind deshalb zu einem Sechstel an der Biogasanlage in Eggolsheim, wenige Kilometer vom Stadtgebiet Forchheim, beteiligt. Dort wird die Biomasse zu Biogas verarbeitet und dann in der  sogenannten Erdgasübernahmestation zu Bioerdgas aufbereitet, das dann in das vorhandene Erdgasnetz der Stadt Forchheim eingespeist wird. In einem  Blockheizkraftwerk, das in der Tiefgarage der Siedlung steht, wird aus diesem Bioerdgas Ökostrom erzeugt, der nahezu vollständig in der Siedlung genutzt wird. Da das Blockheizkraftwerk mit dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet, kann auch die Abwärme genutzt werden, die bei der Stromproduktion entsteht. Die Abwärme fließt dann zu 100 Prozent in das Heizungssystem der neuen Gebäude. „Mithilfe dieser Technik können bis zu 400 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Außerdem werden knapp 340.000 kWh Ökostrom erzeugt, das entspricht ungefähr dem Verbrauch von 80 Drei-Personen-Haushalten im Jahr. Der Strom kann dann aufgrund der Produktion vor Ort mit geringen Verlusten ins Stromnetz eingespeist werden,“ erklärt Matthias Höll, Energieberater der Stadtwerke Forchheim.

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Und das Projekt hat Vorbildfunktion: Für das innovative Energiekonzept bekam die EFG Erdgas Forchheim GmbH, deren Mehrheitseigentümer die Stadtwerke Forchheim sind, den Preis der deutschen Gaswirtschaft für Innovation und Klimaschutz von der Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch e.V. verliehen.