Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.

Der bleibende Eindruck Die Bildkorrekturen-Konferenz hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen – nicht nur in den Köpfen der Teilnehmer, auch online: Auf Twitter gab es rege und aktuelle Einblicke, die die Essenz der Tagung festhalten.

Die Teilnehmer ließen das Netz an Programmhöhepunkten und Arbeitsprozessen teilhaben:

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Natürlich gab es nicht nur Lob, sondern auch Kritik zur Konferenz:

 

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Viele Zitate landeten als Inspiration oder als Anstoß für Diskussionen auf Twitter:

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Die Debatten der Konferenz trugen die Teilnehmer auch in Form von Umfragen digital weiter:

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Natürlich wurde auf Twitter nicht nur Inhaltliches geteilt, sondern auch Stimmungen, Begegnungen und Impressionen:

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Twitter bietet mit seiner knappen Zeichenbeschränkung ohnehin wenig Raum zumSchwafeln. Wie konnten die Teilnehmer also anders,

als ihr Fazit zur LeipzigerKonferenz in knackigen Tweets zusammen zu fassen:

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Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“

 

 

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

Die Dolmetscher der Tagung Die Menschen hinter den Kulissen

Man sieht sie an jedem Tag der Konferenz und doch nimmt man sie hinter ihren Glaskabinen kaum wahr. Vier Dolmetscher berichten über ihre Arbeit.

Die Dolmetscher im Gespräch

  • Romy Bartsch dolmetscht seit 2005; Cornelia Schmidt seit 2003. Bei den Bildkorrekturen arbeiteten sie im Tandem u.a. beim Türkei-Panel.
  • Harald Kirschner dolmetscht seit 1985 und Tino Berndt seit 2009. Bei den Bildkorrekturen übersetzten sie u.a. gemeinsam im Afghanistan-Panel.
  • Alle vier arbeiten mit den Sprachkombinationen Englisch, Spanisch, Deutsch.
Sie fühlen sich im Sprachenmix wohl (v.l.n.r.: Romy Bartsch, Cornelia Schmidt, Harald Kirschner, Tino Berndt) | © Engagement Global / Christiane Fritsch

Sie fühlen sich im Sprachenmix wohl (v.l.n.r.: Romy Bartsch, Cornelia Schmidt, Harald Kirschner, Tino Berndt) | © Engagement Global / Christiane Fritsch

Wissenswertes zum Beruf des Dolmetschers

  • Am Anfang des Studiums üben die angehenden Dolmetscher mit einem deutschen Text, den sie zeitversetzt bzw. so gleichzeitig wie möglich nachsprechen müssen. Diese Übung beschreibt die Technik, die man für den Beruf erlernen muss.
  • In der Regel bzw. je nach Schwierigkeitsgrad lösen sich die Dolmetscher bei der Arbeit alle dreißig Minuten ab. Bei der OECD wird sogar zu dritt in einer Kabine gearbeitet und im zwanzig Minuten-Rhythmus gewechselt.
  • Dolmetscher sind in der Regel Freiberufler.

 

Vor der Konferenz

…ist eine umfangreiche und vielseitige Vorbereitung unerlässlich

Bartsch: Wir müssen uns über alle möglichen Perspektiven informieren, um eine breite Einsicht zu gewinnen. Ich habe immer ganz gerne eine Bild zu den Rednern. Falls man sie noch vor der Konferenz erreicht, kann man genauer nachfragen, um was es gehen wird. YouTube ist heutzutage sehr hilfreich. Man findet teilweise Reden derjenigen, die wir dann dolmetschen und kann schon mal üben.

Kirschner: In der Regel schaut man im Internet nach, wer auftritt und was ungefähr zu erwarten ist. Hintergrundinformationen in Form von Biographien sind manchmal wichtig.

Berndt: Ich habe zur Vorbereitung auf diese Konferenz das Buch zu Afghanistan von Susanne Koelbl gelesen.

Während der Konferenz

…muss man sich in den Redner hineinversetzen

Bartsch: Man darf nicht denken, dass das einfach so durchläuft. Man ist wirklich aktiv dabei. Man versetzt sich in den Redner hinein, um dann auch das in der anderen Sprache zu sagen, was er sagt.

…aber gleichzeitig Distanz wahren

Schmidt: Man muss sich ein Stück weit davon distanzieren. Wenn man selbst sehr emotional mitreingeht, kann man nicht vernünftig arbeiten. Andererseits muss man versuchen, sich in den Redner hineinzuversetzen, und dann so nah wie möglich am Redner und am Text bleiben, emotional aber immer diese Distanz wahren. Gerade vor Gericht oder bei der Polizei, wird es manchmal emotional schwierig.

…und rhetorische Herausforderungen meistern

Kirschner: Die Rhetorik ist absolut wichtig. Wenn einer kein guter Redner ist, dann ist es beim Dolmetschen wesentlich schwerer, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen. Wer also ständig springt und die Sätze neu anfängt, Einschübe hinter Einschübe setzt und immer weiter verschachtelt, wir sehnsüchtig auf das Verb warten müssen, es aber erst nach gefühlt einer halben Stunde kommt und dann noch verneint wird…dann kann ich nochmal von vorne anfangen. Das sind so die Highlights in unserem Berufsleben.

Nach der Konferenz

…werden hoffentlich Bilder korrigiert

Kirschner: Für Afghanistan wurden schon Bilder korrigiert. Frau Nahid Shahalimi hat berichtet, dass es eben doch auch Frauen in Führungspositionen gibt. Zumindest habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Situation anders ist, als es durch unsere Medien vermittelt wird. Und ich habe auch wirklich mitgenommen, dass es wichtig ist, ein bisschen mehr über die positiven Bilder zu sprechen.

Schmidt: Wir haben vorhin den sehr inspirierenden Vortrag von Journafrica gehört. Das ist ein sehr schöner und unterstützenswerter Ansatz. In dem Vortrag ging es darum, Negativberichterstattung ins Positive umzukehren. Es ist auch für mich verwunderlich, wie wenig man selbst darüber nachdenkt. Wie wenig man über Afrika hört und dass manchmal dann wirklich die Vorstellung herrscht, das alles unter einem Deckel zusammenzufassen sei.