“Die Hand der Partei” Erinnerungen an den DDR-Journalismus. Ein Gespräch mit Zeitzeuge Karl-Heinz Röhr

Von Paula Lochte, Max Gilbert und Vanessa Materla

Er ist einer der Letzten: Karl-Heinz Röhr war Student und Dozent an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig, der Kaderschmiede des DDR-Journalismus. An der Biografie des heute 83-Jährigen zeigt sich, wie eng der Journalismus im SED-Staat mit der Parteipolitik verwoben war. Und warum sich Leute wie er dafür begeistern ließen.

Bildkorrekturen-Podcast #1: Mythos „Made in Europe“ – Saubere Kleidung aus Europa?  Ein Gespräch mit Bettina Musiolek und Edith Dietrich

„Made in Europe“ – das steht für Qualität, Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Wer in Europa produzieren lässt, setzt auf die Verlässlichkeit regulierter Märkte und bestehender Verträge. Ein Gütesiegel, das sich nicht nur Autobauer und Lebensmittelproduzenten nur allzu gerne auf die Fahnen schreiben. Auch in der Textilindustrie setzen viele namhafte Hersteller aus Deutschland oder Italien auf die vermeintlich saubere Produktion in Europa.

Die Realität in den Fabriken in Albanien, Mazedonien oder Rumänien gibt allerdings ein anderes Bild ab: Die Auslagerung der Produktion von Kleidung und Schuhen in osteuropäische Länder bezahlen die ArbeiterInnen. Mit Hungerlöhnen, 12-Stunden-Schichten und blutigen Fingern. Unbemerkt vom öffentlichen Fokus haben sich auch in Europa Sweatshops etabliert, in denen Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden und Ausbeutung die Regel ist.

Bettina Musiolek, Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign und Verantwortliche für das Referat Wirtschaft und Menschenrechte im Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen e.V., weiß um die Scheinheiligkeit des Mythos „Made in Europe“. Seit Jahren recherchiert und publiziert sie zu den Verhältnissen in den Kleider- und Schuhfabriken in den Niedriglohnländern Osteuropas. Auch Edith Dietrich, freie Fernsehjournalistin für den WDR, konnte sich während ihrer verdeckten Recherchen in Rumänien ein Bild machen.

In unserem Podcast von der bildkorrekturen-Konferenz 2017 in Leipzig erzählen sie von den Zuständen in den Textilfabriken, von der Systematik der Einschüchterung, von intransparenten Profiteuren und – nicht zuletzt – von der Verantwortung, die Politik, Unternehmen und Konsumenten zukommt.

„Verbraucher sind keine Geldbeutel auf zwei Beinen“ – Bettina Musiolek glaubt an das Bewusstsein der Konsumenten

Nachsehen, wie es vor der eigenen Haustüre aussieht: Edith Dietrich wurde von Bettina Musiolek auf das Thema ihrer letzten Recherchen gebracht

Es gibt auch Anlass für Optimismus: Je mehr das Thema in den öffentlichen Fokus rückt, desto größer ist die Chance, dass sich die Zustände ändern

„Manche Länder schaffen es nicht alleine“ Wie verändert Digitalisierung das Leben in Entwicklungsländern? Welche Ziele haben Facebook, Google und Co.? Ein Gespräch mit Julia Manske

Digitalisierung macht vor Grenzen keinen Halt – längst ist sie in den sogenannten Entwicklungsländern angekommen. Auch dort wirft sie wichtige Fragen auf. Wie reagieren nationale Regierungen auf die Macht der Global Player? Wie steht es um den Datenschutz? Und welche Ideen von dort werden unser Leben verändern?

Robin Köhler (links) im Gespräch mit Julia Manske (Foto: EG/Foto-Zentrum Leipzig)

Darüber sprechen wir mit Julia Manske vom Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. Manske beschäftigt sich mit Open Data, Data Governance und Datenschutz. Sie arbeitete über drei Jahre für Vodafone, wo sie für internationale Forschungsprojekte und soziale Innovationen verantwortlich war. Für das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation hat sie sich mit den Erfolgsbedingungen der afrikanischen Startup-Szene befasst.

Ein Fenster zur Welt Wie Handys Indiens Gesellschaft ein Stück weit gleicher machen. Ein Interview mit dem Politikprofessor Rahul Mukherji.

Die Digitalisierung bringt das rasant wachsende Indien weiter voran. Doch, wie auch in anderen Bereichen, geht das riesige asiatische Land dabei seinen ganz eigenen Weg. Indien, ein Land zwischen Tradition und Moderne, lebt auch in Zeiten der Digitalisierung von der Improvisation. Ein Mann, der die Besonderheiten und die rasante Entwicklung Indiens aus einer persönlichen Perspektive beschreiben kann, ist der Konferenzteilnehmer Professor Rahul Mukherji, der in Heidelberg am Institut für Süd-Ostasien Studien lehrt.

Mukherji ist gebürtiger Inder und verbrachte Teile seiner Studien- und Arbeitszeit in seinem Heimatland. Er ist Indien nicht nur familiär sondern auch wissenschaftlich nach wie vor stark verbunden und forscht intensiv über den Wandel der indischen Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Indien, allgemein als das Land der Programmierer bekannt, hat in den letzten Jahren ein besonderes Verhältnis zu Handys als Zugang zur digitalen Welt entwickelt, da diese in einem nach wie vor teils schlecht entwickelten Land große Vorteile bieten. Mukherji spricht darüber, wie Handys den indischen Wahlkampf beeinflussen, wie selbst Bauern davon profitieren und wieso der indische Handymarkt Wellen bis ins Silicon Valley schlägt.

Die Vereinbarkeit von Kultur und Moderne sowie die Annäherung zwischen Arm und Reich – Indien ist in jeder Hinsicht ein Land im Umbruch. Zu diesem Wandel leisten Smartphones einen großen Beitrag, sie sind handlich, bezahlbar und für Millionen Inder das Fenster zur Welt. Ein kleines Gerät, doch für viele Menschen die große Chance auf eine gleichberechtigte Zukunft durch Teilhabe am alltäglichen Leben.

 

„Als Frau ist man nicht so viel wert!“ Das Geschlecht als Faktor beim Auslandseinsatz

Wie Geschlechterrollen den Alltag von medizinischem Personal im Auslandseinsatz bestimmen und wie wenig sie darauf vorbereitet werden

Entwicklungshilfe ist ein immens wichtiges Instrument der deutschen Außenpolitik. Das Ziel ist, durch Hilfeleistungen – sowohl materieller als auch nicht materieller Art – eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern zu erreichen. Oft wird dabei übersehen, welchen Belastungen entsendete Entwicklungshelfer_innen auf sich nehmen, um hilfsbedürftige Menschen in aller Welt zu unterstützen. Durch den Kontakt mit anderen Kulturen und Denkweisen geraten viele Helfer_innen an ihre Grenzen. Das gilt besonders für medizinisches Fachpersonal, das häufig Extremsituationen ausgesetzt ist. Das Rollenverständnis von Mann und Frau spielt in der praktischen Arbeit der Helfer_innen eine große Rolle. Spiegelt sich diese Bedeutung in der Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz, gerade mit Blick auf medizinisches Personal, wieder? Und wie gehen Helferinnen und Ärztinnen in Entwicklungsländern in ihrer täglichen Arbeit mit den Geschlechterrollen vor Ort um?

Dr. med. Irmela Müller-Stöver weiß wovon sie spricht. Um ihre Auslandseinsätze aufzuzählen reichen ihre zehn Finger nicht. Angefangen hat alles mit mehrwöchigen Kurzzeiteinsätzen in Tansania. Statt Urlaub zu machen flog sie jedes Jahr für mehrere Wochen nach Afrika – um zu helfen. So kamen 20 Kurzzeiteinsätze zusammen. Für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED), heute Teil der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), war sie schließlich von 1997 bis 2000 in Uganda. Im Distrikt Kamuli leitete sie das Kamuli-Mission-Hospital. Möglich gemacht hat das auch ein Gesetz. Im Jahr 1969 verabschiedete der Bundestag das „Entwicklungshelfer-Gesetz“. Es definiert, was unter einem Entwicklungshelfer zu verstehen ist und es legt fest, welche Voraussetzungen für die staatliche Anerkennung von Trägern des Entwicklungsdienstes nötig sind. In Deutschland entsenden zurzeit sieben Organisationen mehr als 1500 Entwicklungshelfer_innen – darunter auch medizinisches Personal – nach dem Entwicklungshelfer-Gesetz. Die staatliche Organisation GIZ ist die bedeutendste von ihnen. Allein für die GIZ sind derzeit etwa 800 Entwicklungshelfer_innen im Einsatz. Für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) sind es circa 280, für Dienste in Übersee (getragen von Brot für die Welt) etwa 200. Bei keiner der anderen fünf Organisationen ist die Zahl dreistellig. Neben diesen Organisationen gibt es auch Hilfsorganisationen, die sich auf die Entsendung von Ärzt_innen und medizinischem Personal spezialisiert haben. Am bekanntesten ist wohl die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Von Deutschland aus agieren aber auch Ärzte der Welt, German Doctors und LandsAid. Ärzt_innen fallen dabei in den seltensten Fällen unter das Entwicklungshelfer-Gesetz, da es einen Mindestaufenthalt von zwei Jahren vorsieht.

Unzureichende Einsatzvorbereitung

Es gehört nicht viel dazu, um sich vorzustellen, dass Ärzt_innen wegen ihrer Verantwortung für Leib und Leben, besonderen Belastungen im Ausland ausgesetzt sind. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent bestimmen neben wirtschaftlichen auch gesellschaftliche Zwänge das Arbeiten. Vor allem Frauen müssen um Anerkennung kämpfen. Auf die Frage, ob sie je wegen ihres Geschlechts in Uganda diskriminiert wurde, antwortet Müller-Stöver schlicht „immer“. „Als Frau ist man nicht so viel wert“, sagt sie weiter. Von diesem Umstand wurde sie aber nicht überrascht. Mit den Jahren in Tansania hat sie gelernt damit umzugehen. Den Berichten der Ärztin widerspricht Achim Geckle, Personalmanager bei Christliche Fachkräfte International: „Wir als Organisation haben – und das möchte ich betonen – keine schlechten Erfahrungen mit Frauen im Auslandseinsatz verzeichnet. Uns sind auch keine Beschwerden bekannt. Die Frauen werden in ihren Einsatzländern für voll genommen.“ Natürlich lässt sich kaum eine Aussage über einen kompletten Kontinent treffen, Vorfälle von Diskriminierung lassen sich aber nicht von der Hand weisen.

Einsparungen und Kürzungen bei der Vorbereitung

Vor ihrem dreijährigen Einsatz in Uganda wurde Irmela Müller-Stöver ein halbes Jahr geschult. Sie erfuhr mehr über die Sprache des Landes, den Umgang mit Gewalt, Geburtenkunde und Genderfragen. Vor Ort wurde sie weitere sechs Wochen von Einheimischen in Geschichte, Politik, Kultur und Sprache unterrichtet. Sie selbst bezeichnet die Vorbereitung als „ausgesprochen gut“. Allerdings ist das fast zwanzig Jahre her. Heute weiß sie wenig Gutes zu berichten über die Vorbereitung ihrer Kolleg_innen, die den Sprung ins Ausland wagen. Als Oberärztin in der Tropenmedizin des Düsseldorfer Universitätsklinikums hat sie regelmäßig mit Entwicklungshelfer_innen, Ingenieur_innen, Freiwilligen und auch Ärzt_innen zu tun, die Deutschland für längere Zeit den Rücken kehren. „Die Vorbereitung der GIZ wurde stark verkürzt“, weiß sie aus Gesprächen. Kann dann überhaupt noch genderspezifisch vorbereitet werden? Wie steht es um Organisationen, die Ärzt_innen nur für wenige Wochen oder Monate ins Ausland schicken?

Warum Geschlechterfragen nicht vernachlässigt werden dürfen

Geschlechterfragen und -rollen sind in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung für die Arbeit in Hilfs- und Entwicklungsprojekten. Katharina Behmer von der Ruhr-Universität Bochum hält eine „geschlechtersensible Herangehensweise für absolut notwendig, um effektive Hilfe zu leisten“. Sie arbeitet am Institut für Friedens- und Konfliktforschung und unterrichtet im Master Humanitäre Hilfe. Ohne eine ausreichende Kenntnis des Projektumfelds und der gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort wird der Erfolg von Projekten also verringert. Männliche Ärzte müssen beispielsweise wissen, ob sie Frauen behandeln dürfen oder ob sie dafür zumindest die Erlaubnis des Ehemannes brauchen. „Wenn man da einmal etwas falsch macht, spricht sich das rum und man ist unten durch“, betont Irmela Müller-Stöver.

Ärztinnen müssen wissen, wie sie mit möglicher Diskriminierung umgehen und wie sie ihre persönliche Situation vor Ort stärken können. Die physische und psychische Belastung ist ohnehin immens, sollten sich Ärztinnen da nicht um andere Sachen Gedanken machen? Die Gesellschaft vor Ort kann nicht auf einen Schlag verändert werden. Geschlechterrollen und Frauenbilder haben sich in Jahrhunderten entwickelt und sind in vielen Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent tief verwurzelt. Geht es aber um die Vorbereitung auf diese Geschlechterrollen und eine intelligente Auseinandersetzung mit ihnen, sind die deutschen Entsendeorganisationen gefragt. „Die meisten Organisationen haben Policy-Dokumente dazu, wie man einen bestimmten Genderfokus oder eine besondere Berücksichtigung von Frauen in der Projektarbeit integriert“, macht Katharina Behmer klar. Sie stellt aber immer wieder fest: „Es gibt die Richtlinien, es gibt das Wissen. Das Problem ist die Umsetzung.“ Was sagen die Organisationen selbst? Wie steht es um die geschlechterspezifische Vorbereitung?

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Antworten der sieben Organisationen, die nach dem Entwicklungshelfer-Gesetz Fachpersonal in Entwicklungsländer entsenden und in der Arbeitsgemeinschaft der Entwicklungsdienste (AGdD) organisiert sind:

Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH): „Rückfragen bei dem entsprechenden Bereich in unserem Haus haben ergeben, dass wir standardmäßig keine genderspezifische Vorbereitung für Ärztinnen in Auslandseinsätzen anbieten.“ (Katharina Engels)

Christliche Fachkräfte International (CFI): „Diese Genderspezifische Thematik wird bei uns in der Vorbereitung natürlich angesprochen. Besonders wenn der Einsatzort im arabischen Raum ist. Da wird von Beginn an schon hinterfragt, wie man sich im jeweiligen Land als Frau am besten verhält. Gerade in zum Beispiel Pakistan oder Jordanien ist ein anderes Verhalten einer Frau gefragt als in Deutschland. Wir besprechen das schon beim Auswahlverfahren. Wir fragen alle Frauen direkt: Könnt ihr euch vorstellen, in so einem kulturellen Umfeld arbeiten zu können? Das beinhaltet auch das Tragen eines Kopftuches.“ (Achim Geckle)

Dienste in Übersee (getragen von Brot für die Welt): Bietet Ausreisekurse, intensive Sprachvorbereitung und Länderkundliche, persönliche und berufsspezifische Vorbereitung. Bietet Einzelcoachings hinsichtlich der Genderdimension im Tätigkeitsfeld.

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): „Die GIZ bereitet alle ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intensiv auf einen Auslandseinsatz vor. In den Vorbereitungskursen ist auch Gender ein wichtiges Thema. So werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem darauf vorbereitet, ein Verständnis für die kulturellen Gegebenheiten des Partnerlands zu entwickeln. Die Kurse sind bewusst klein gehalten und bieten so die Möglichkeit, auch spezielle Fragestellungen individuell zu besprechen – etwa den gendersensiblen Umgang in einem Arzt-Patienten-Verhältnis.“ (Alexander Köcher, Sprecher GIZ)

Eirene, Forum ziviler Friedensdienst, Weltfriedensdienst: Entsenden als Organisationen selbst kein medizinisches Personal und bieten dementsprechend keine Vorbereitung an.

Antworten von Organisationen, die auf medizinische Nothilfe spezialisiert sind:

Ärzte der Welt: „Die „Gender-Frage“ ist nicht im Vorbereitungsschema integriert. Solche Fragen werden eher auf individueller Basis angesprochen.“ (Damien Przybylski)

Ärzte ohne Grenzen: Konnten keinen Ansprechpartner stellen und waren auch nach mehrfacher Nachfrage nicht zu einer Antwort bereit.

German Doctors: „Unsere Vorbereitungsseminare sind nicht genderspezifisch ausgerichtet.“ (Eva-Maria Freudenberger)

LandsAid: „In den offiziellen Seminaren von LandsAid liegt der Schwerpunkt eher in der allgemeinen Vorbereitung von Einsatzkräften auf ihre Einsätze. Das heißt, in den Seminaren gibt es zurzeit keine konkreten gender-spezifischen Module oder Inhalte. Bei den Seminaren sind jedoch auch erfahrene Einsatzkräfte dabei, die von ihren Erfahrungen und auch Herausforderungen in anderen Kulturen berichten. Besonders wichtig ist auch, dass LandsAid immer mit lokalen Partnern zusammenarbeitet, die sich sehr gut mit den (kulturellen) Gegebenheiten vor Ort auskennen. Jede Einsatzkraft bzw. jedes Team, das für LandsAid ins Ausland entsendet wird erhält aber noch eine individuelle Vorbereitung für den Einsatz und das jeweilige Einsatzland. So werden die Einsatzkräfte vor ihrem Einsatz z.B. auch auf kulturelle und gender-spezifische Aspekte hingewiesen. So wird das Personal über Aspekte wie angemessene bzw. kulturell akzeptierte Kleidung (z.B. in für Frauen lange Kleidung und Haare bedeckt in einem islamischen Land), Körpersprache und Verhalten geschult. Insgesamt werden Männer und Frauen nicht anders vorbereitet.“ (Andrea Janssen)


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Offensichtlich steht es um die genderpezifische Vorbereitung bei den Hilfsorganisationen nicht besonders gut. Diese Beobachtung deckt sich auch mit den Erfahrungen von Gabriele Krüger. Die Hebamme arbeitet seit 2004 mit unterschiedlichen Hilfsorganisationen in der medizinischen Katastrophenhilfe zusammen und begleitete bereits 1986 ihren Ehemann im Rahmen von Dienste in Übersee nach Kamerun. Der heutigen Vorbereitung auf diese Auslandseinsätze steht Gabriele Krüger kritisch gegenüber:

Zwei Gründe, warum Gender in den Organisationen vernachlässigt wird, weiß Katharina Behmer:

Um auf die Herausforderungen vor Ort und die kulturellen Unterschiede vorbereitet zu sein, hat Gabriele Krüger deshalb zahlreiche Seminare besucht. „Ich habe International Health studiert und dadurch sehr viel kulturelle Kompetenz erlangt“, berichtet die Hebamme und führt weiter aus, „durch das Studium habe ich mich mit eigenem Rüstzeug auf diese Auslandseinsätze vorbereitet.“ Ein wichtiger und auch erforderlicher Schritt, schließlich sei ihre Arbeit ohne diese Vorbereitung nicht zu bewerkstelligen.

Als Frau im Einsatz

Dr. Gloria Mwanza Tshilumba ist Ärztin für Innere Medizin in Kinshasa, Kongo. Für die Medizinerin gehört Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts zum Alltag. Sei es beim Umgang mit ihren Kolleg_innen oder mit Blick auf das Verhältnis zwischen weiblichen Ärzten und Patienten. Ausführlich beschreibt sie, welche Auswirkungen ihr Geschlecht auf ihren Arbeitsalltag und ihre Karriere hat:

Genderfragen entscheiden über den Erfolg eines Projektes

Wie können Genderaspekte bei Hilfsprojekten und medizinischen Einsätzen mitgedacht werden? Indem sich die Mitarbeiter_innen beispielsweise fragen, wie trete ich in Interaktion mit der Gesellschaft vor Ort, wie ändere ich Rollenbilder durch meine eigene Person und durch meine Projektarbeit vor Ort. Besonders das Rollenverständnis von Männern und Frauen in der entsprechenden Kultur rückt in den Fokus der täglichen Arbeit. Das macht diese mitunter sehr komplex, betont Katharina Behmer: „Häufig merkt man in der Art und Weise wie man aufgenommen wird, ob man sich richtig verhält, aber man muss sich über die eigene Position bewusst sein. Wenn Männer versuchen in Gesellschaften, in denen männliche und weibliche Räume getrennt sind, Wissen von Frauen zu bekommen oder Frauen medizinisch zu behandeln, kann das zu extremen Frustrationen führen, weil der Zugang sehr erschwert ist“. Eine Frau hätte unter gleichen Umständen einen wesentlich einfacheren Zugang.

Häufig ist die Auseinandersetzung mit den Rollenbildern vor Ort sogar ursächlich für den Erfolg oder Misserfolg eines Projektes. Folgende Beispiele zeigen die Problemstellung eindrücklich:

Auch Irmela Müller-Stöver kann sich nicht an Situationen erinnern, in denen Genderfragen zu lebensgefährlichen Situationen geführt haben. Um dennoch Menschenleben nicht unnötig aufs Spiel zu setzten, besteht ein Einsatzteam im Ausland idealerweise aus Frauen und Männern. Es ist von großer Bedeutung, dass im Voraus bekannt ist, welche gesellschaftlichen Strukturen vorherrschen und wen man mit einem Projekt erreichen möchte. Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ist im Moment in humanitären Hilfsprojekten nicht immer gegeben. Das gilt besonders für Positionen mit erheblichem Sicherheitsrisiken. Dort hat die Bevorzugung von Männern ganz praktische Gründe. Dazu Katharina Behmer:

Was muss sich ändern?

Auch wenn einige deutsche Hilfsorganisationen betonen, dass sie genderspezifische Vorbereitung im Rahmen ihrer Seminare berücksichtigen, wird der dafür eingeräumte Stellenwert der Bedeutung des Themas nicht gerecht. Aus Gesprächen mit praktizierenden Ärzt_innen im Auslandseinsatz geht hervor, dass das Thema Gender eine bedeutende Kategorie ist. Entscheidend sind Genderfragen in erster Linie im Alltag und nicht bei medizinischen Notfällen. Mitunter werden die Stimmen und die Bedürfnisse von Frauen nicht ausreichend berücksichtigt. Bleiben Frauen unerhört, wird es Hilfsorganisationen nicht gelingen ihre Ziele zu erreichen. Projekten die Genderfragen nicht mitdenken, fehlt es an Nachhaltigkeit. Geschlecht ist aber nur eine von vielen Kategorien in denen humanitäre Hilfe ihren Prinzipien Humanität, Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit treu bleiben muss, sagt Katharina Behmer. Auch „Alter, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Status und Gesundheitszustand“ hätten einen Einfluss auf die Bedürfnisse der Menschen und damit auf die Arbeit der Organisationen.

Policy-Dokumente, individuelle Breefings im Rahmen der Vorbereitung und Gendermodule in Seminaren zeigen, dass sich Hilfsorganisationen der Thematik angenommen haben. Allerdings müssen die Bemühungen und der Umfang deutlich erhöht werden, um eine umfassende genderspezifische Vorbereitung zu erreichen. Die für diesen Artikel kontaktierten Hilfsorganisationen können nicht argumentieren, dass entsprechende Angebote fehlen. „Es gibt sehr gute und spezialisierte Angebote, welche die Organisationen in ihre Vorbereitung integrieren könnten“, betont Katharina Behmer. Nach ihrer Auffassung gilt es nun, diese zu nutzen. Ein positives Beispiel ist Brot für die Welt. Seit 2010 kooperiert die Organisation mit dem privaten Genderbüro in Berlin. Im Rahmen der Vorbereitung werden Fachkräfte dort für „den Auslandseinsatz hinsichtlich der Genderdimension im Tätigkeitsfeld“ geschult und sensibilisiert. Aber Vorbereitung ist nicht alles. Was zählt ist der Einsatz des gewonnenen Wissens vor Ort.