Der Widersprecher

Jahrelang hat der Journalist Khoa Le Trung mit Vietnams Staatsmedien zusammengearbeitet. Jetzt fordert er die Regierung heraus. Was treibt ihn an?

Der Artikel, der Khoa Le Trungs Leben für immer verändern wird, ist im Grunde harmlos. Anfang Juli 2017, wenige Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg, schnappt der vietnamesische Journalist, der in Berlin lebt, Berichte aus Vietnams Staatsmedien auf. Von einem offiziellen Staatsempfang des Premierministers Nguyễn Xuân Phúc ist dort immer wieder die Rede. Das kleine Vietnam im Kreis der ganz Großen – das ist die Botschaft, die das Land damals in die Welt hinausschicken will.

Khoa Le Trung ist skeptisch, prüft nach und wird fündig. Kein offizieller Staatsempfang, sondern nur ein bilaterales Gespräch, das ist die Botschaft, die der Journalist dem Spin der Regierung entgegenhält. Politiker behaupten etwas, Journalisten widerlegen es. Ein gewöhnlicher Vorgang, der sich tagtäglich abspielt und nicht weiter erwähnenswert wäre. Doch was auch Khoa Le Trung in diesen Juli-Tagen vor dem G20-Gipfel noch nicht ahnt: Dieser harmlose Artikel wird schon bald eine heftige Kettenreaktion in Gang setzen.

Über zwei Jahre später steht der Journalist in einem Workshop-Raum des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung vor einer Gruppe von Nachwuchs-Journalisten und spricht über die Umweltverschmutzung, die sich in Vietnam abspielt. „Das ist die Realität, die in den Staatsmedien nicht gezeigt wird“, erklärt Khoa Le Trung. Auf einer Leinwand hinter ihm ist die Seite geöffnet, mit der einst alles anfing: thoibao, eine mehrsprachige Online-Zeitung, die sich primär mit Vietnam beschäftigt und von ihm zu Beginn des Jahrtausends gegründet wurde.

Zunächst ist das alles eher ein Hobby. Khoa Le Trung zieht Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland, um Mediengestaltung zu studieren. Seine Online-Zeitung läuft später so nebenher, die Klicks halten sich in Grenzen, von Kritik an der Kommunistischen Partei ist damals noch keine Spur. In Vietnam sieht man in ihm wiederum ein nützliches Werkzeug, um auch grenzüberschreitend Einfluss auszuüben. Also bietet man ihm einen Vertrag an, der im Grunde ein Informationstausch ist: Er liefert geschönte Informationen nach Vietnam, im Gegenzug darf er geschönte Informationen aus den Staatsmedien übernehmen. Ein Gleichgewicht, von dem die vietnamesische Regierung gleich doppelt profitiert.

 

„Und dann war ich plötzlich der Feind“

Khoa Le Trung

 

Als Khoa Le Trung in jenen Juli-Tagen des G20-Gipfels es schließlich wagt, die geschönten Informationen aus Vietnam mit eigenen Recherchen in Frage zu stellen, kündigt er damit den Vertrag auf, der jahrelang gehalten hatte. Seine Klickzahlen schnellen in die Höhe, aber das Gleichgewicht kippt. Aus dem Informationstausch wird ein Informationskampf. Es dauert nicht lange, da meldet sich die vietnamesische Botschaft bei ihm. Sie verlangt die sofortige Löschung des Artikels. „Aber das ist doch nur die Wahrheit“, sagt der Journalist, der anschließend von mehreren Veranstaltungen ausgeladen wird. „Am einen Tag wurde ich noch freundlich behandelt“, erinnert er sich. „Und dann war ich plötzlich der Feind.“

Es ist der Moment, in dem sich etwas zu wandeln beginnt. Erst in Khoa Le Trung, der die Skrupellosigkeit der Ein-Parteien-Regierung zum ersten Mal zu spüren bekommt. Dann auf seiner Seite thoibao, die nun zunehmend kritischer über das Land berichtet. „Ich habe gemerkt, dass wahrheitsgemäße Informationen in Vietnam fehlen“, erzählt der Journalist. Aber wieso nur sperrt sich Vietnam so sehr gegen Kritik, selbst gegen solche der harmlosen Art?

Sind Journalisten Lautsprecher oder Widersprecher? Roger Blum im Gespräch über das vietnamesische Mediensystem. © Christiane Fritsch

Der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Roger Blum hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich internationale Mediensysteme voneinander unterscheiden. In seinem Buch „Lautsprecher und Widersprecher“ beschreibt er die Ausrichtung einer Medienlandschaft anhand ihres Harmoniegrades. Treten die Medien als Widersprecher der Regierung auf, so wie in Deutschland? Oder verkommt die Rolle der Journalisten stattdessen zu Lautsprechern der Staatsspitze, so wie in Vietnam?

Blickt man auf die Weltkarte von Reporter ohne Grenzen, einer Nichtregierungsorganisation, die regelmäßig eine Rangliste der Pressefreiheit ermittelt, wird klar, wie stark die Medien in Vietnam eingeschränkt sind. Die Fläche des Landes ist auf der Karte dunkel gefärbt, so als habe jemand die Nacht über Vietnam ausgekippt. Im Reporter-ohne-Grenzen-Jargon bedeutet das übersetzt: Höchste Alarmbereitschaft! In der Rangliste belegt Vietnam Platz 176. Knapp unter Syrien, knapp über Nordkorea, das sind die Sphären, in denen sich Vietnams Medien bewegen.

 

„Jedes Mediensystem hat seine roten Linien“

Roger Blum

 

Denn private Medien gibt es in Vietnam praktisch keine. TV-Sender, Radio-Sender und Zeitungen stehen stattdessen allesamt unter Regierungskontrolle und werden konsequent auf Parteilinie getrimmt. Mit immer schärferen Gesetzen und Einschüchterungsversuchen wird eine Atmosphäre geschaffen, die potenziell kritische Journalisten in die Selbstzensur treibt. Als sich mit dem Internet neue Kanäle öffneten, verhängte die Regierung Haftstrafen gegen Blogger. Wenn der Wissenschaftler Roger Blum sagt, dass jedes Mediensystem seine roten Linien hat, dann scheinen diese roten Linien in Vietnam derzeit näher und näher zu kommen.

Ein Journalist wie Khoa Le Trung ist in diesem System nicht vorgesehen. Aber das ist eben die Krux mit dem grenzüberschreitenden Einfluss: Er kann sich auch umdrehen. Plötzlich ist da ein Widersprecher unter Lautsprechern. Er lebt tausende Kilometer entfernt. Und entzieht sich somit dem direkten Einflusses des vietnamesischen Staates.

Am 23. Juli 2017, etwa zwei Wochen nach den Turbulenzen des G20-Gipfels, wird der Vietnamese Trịnh Xuân Thanh, der in Deutschland Asyl ersucht hatte, in seine Heimat entführt. Die deutsche Politik ist entsetzt, zwischen den Ländern beginnt eine Eiszeit. Und Khoa Le Trung macht sich sofort an die Arbeit. Er spricht mit der Anwältin des Entführten, schreibt etliche Artikel, stellt wieder die Version Vietnams in Frage. Die Klickzahlen steigen und steigen.

 

„Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“

Khoa Le Trung

 

Khoa Le Trung kämpft gegen ein autoritäres Regime. Kann er Erfolg haben? © Vera Baumann/Amelie Schardt

Der Konflikt zwischen dem Journalisten und seinem Heimatland eskaliert schließlich. Erst wird thoibao in Vietnam gesperrt, dann kommt es zu staatlichen DDOS-Angriffen. Das Landeskriminalamt schaltet sich ein. In Vietnams Medien wird Khoa Le Trungs Gesicht abgebildet. Er gilt nun als Staatsfeind. Morddrohungen sind die Folge. Ein Journalist schreibt gegen das System an – und das System wehrt sich mit allen Mitteln.

Viele Menschen kommen früher oder später an einen Punkt, an dem sie entscheiden müssen, was ihnen wichtig ist. Ist es all das wert? Der Polizeischutz bei der Arbeit? Der nicht-verlängerte Pass, weil der Gang in die Botschaft zu gefährlich wäre? Der Verzicht auf Urlaub in der Heimat, weil sich dort ein ‚Unfall‘ ereignen könnte?

Khoa Le Trung hat sich für das Weitermachen entschieden. „Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“, sagt er. Er stört sich daran, dass sich Vietnam als nachhaltiges Land inszeniert, obwohl es keine Medien gibt, die die Einhaltung der Nachhaltigkeitsziele kontrollieren. Er freut sich darüber, wenn vietnamesische Staatsmedien einen Falschbericht löschen, nachdem thoibao diesen widerlegt hat. Und er wirkt geradezu begeistert, wenn er von seinen anonymen Informationsquellen erzählen kann, die manchmal sogar von höchster Parteiebene kommen.

Kann man von Deutschland aus ein autoritäres Regime in Asien ins Wanken bringen – mit nichts anderem als Informationen? Es wirkt wie der Versuch, Wasser in ein löchriges Glas zu füllen. Aber je länger man sich mit dem Journalisten unterhält, desto klarer wird, dass da jemand fest daran glaubt, mit seiner Arbeit etwas verändern zu können. Denn was selbst ein harmloser Artikel so alles anrichten kann, das weiß Khoa Le Trung ja nur allzu gut.

 

Arbeiten im ehemaligen Staatsgebiet Wie die Stasi das Leben von Tobias Hollitzer prägt

von Kathrin Müller-Lance, Cindy Boden und Nicolas Horn

Er arbeitet jetzt da, wo sich früher feindliches Gebiet befand. Sein Büro liegt in einem der Räume der früheren Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (BVfS) in Leipzig. Dass damals ein Mitarbeiter der Stasi an seiner Stelle saß, macht Hollitzer nichts aus: „Ich spüre keinen DDR-Geist darin.“ Es ist nicht überzogen, zu sagen: Das BVfS-Gebäude hat Hollitzers Leben geprägt – und prägt es immer noch. Am 4. Dezember 1989 gehört er zu den ersten Besetzern der SED-Zentren in Leipzig. Zwischen 23 und 24 Uhr sei er damalsin die Bezirksverwaltung eingedrungen, erinnert er sich. Wirklich rausgekommen ist der heute 52-Jährige seitdem nicht mehr.

Die ersten 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR ist Hollitzer stellvertretender Außenstellenleiter der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit. Seitdem leitet er im benachbarten Gebäudetrakt das Museum Runde Ecke, das seit August 1990 die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ beherbergt. Er sei da halt „so reingerutscht“. Nun fühlt er sich dem Erinnern verpflichtet, weil er als einer von Wenigen dabei war, als die Leipziger Bürger die Behördenräume besetzten.

Der Umsturz kommt damals auch für Hollitzer unverhofft. „Es geht jetzt. Ich will das jetzt wissen“, denkt er sich an jenem Dezemberabend 1989 und spürt eine Mischung aus Angst und Neugier. Weil die Stasi ihre Türen für einige Demonstranten wie ihn öffnet, bleibt die friedliche Revolution gewaltfrei. Das vorderste Ziel ist erreicht: die Aktenvernichtung gestoppt. Als Hollitzer während der Besetzung immer mehr Stahltüren zu Stasi-Räumen öffnet, sieht er neben zerrissenen Karteikarten auch Säcke voll ungeöffneter Post. Schon in den Jahren der Diktatur zuvor habe man gemunkelt, dass Stasi-Mitarbeiter private Briefe kontrollierten und Telefonate abhörten. „Das Überraschendste war vor allen Dingen die Gewissheit, die sich da auftat”, erinnert sich Hollitzer zurück.

In dem von außen betrachtet monströsen Bau mit den abgerundeten Spitzen lagern damals tausende Akten, auch Hollitzers. „Das berührt mich gar nicht so“, sagt Hollitzer heute. Für die SED ist er damals ein Feind, obwohl er als Umweltaktivist gar nicht dezidiert gegen die Parteiführung kämpft. Warum er trotzdem ins Visier der Stasi geraten sei? „Man braucht eine Grundopposition für das Engagement, das Engagement bringt einen aber auch in die Opposition.“

Sein Wissen über die DDR hat der gelernte Bau- und Möbeltischler aus Akten, wissenschaftlichen Recherchen und persönlichen Erfahrungen gesammelt. Von seiner Vergangenheit  berichtet der frühere Umweltaktivist meist distanziert. Fast so, als ginge ihn seine Geschichte weniger an als die der unzähligen anderen Oppositionellen. Nur wenn es um seine eigene Stasi-Akte geht, gerät er ins Stocken. Von der Akte sei „nicht mehr so wahnsinnig viel da“. Aber sein Name taucht in anderen Dokumenten auf, auch ein Passbild von ihm wurde gefunden. Und so ganz aufgegeben hat er die Suche immer noch nicht: „Ich bin sicher, dass es einen Sack gibt, in dem die Akte liegt.”

Seine nüchterne Erzählweise behält er auch dann noch bei, wenn es um eine “für unmöglich gehaltene” Dimension der Stasi-Vergangenheit geht: die Einrichtung von Isolierungslagern. Dorthin sollten Menschen gebracht werden, die als potenziell gefährlich galten. Eine Liste mit Namen gab es auch für rund 100 Leipziger Bürger. “Wo ich auch meinen Platz drauf hatte”, fügt Hollitzer hinzu. Zum Glück sei es nur eine Planung geblieben.

Trotz allem war für ihn immer klar: „Ich bleibe in Leipzig, nicht in der DDR.” Weil er nicht weg wollte, sollte sich eben der Staat verändern. Bei der Aufarbeitung des SED-Regimes geht er rigoros vor – was längst nicht allen passt. Viele fänden, die Zeit sei reif, sich anderen Fragen als den ostdeutschen zu widmen. Ein Vorwurf, den er heute immer wieder hört: „Die Ausstellung in der Runden Ecke zeigt zu konkret, was die Stasi war.” Für Hollitzer ist diese Aussage allerdings fast eher Lob als Kritik. Er will, dass sein Museum unbequem ist. Wenn „heute grundsätzliche Dinge infrage gestellt“ würden, frustriert ihn das. Man müsse neben der Stasi auch andere Facetten der DDR in den Blick nehmen, heiße es immer wieder. „Machen wir doch auch“, entgegnet Hollitzer dann.

Vor einigen Jahren, als Hollitzer noch bei der Stasi-Unterlagenbehörde arbeitete, sagte ein ehemaliger Oberstleutnant gegenüber der taz: „Es ist eine einseitige, verbitterte Jagd, die von Hollitzer und seinen Leuten ausgeht.“ Den jetzigen Museumsleiter lässt das kalt, die Zusammenarbeit mit ehemaligen Stasi-Oberen hält er für schwer möglich. Versöhnung könne nur von den Opfern ausgehen.

Den Antrieb für seine zeitintensive Arbeit zieht Hollitzer aus einer persönlichen Leitfrage: „Wie kann man Erfahrungen über eine Diktatur sammeln, ohne in der Diktatur gelebt haben zu müssen?“ Die Runde Ecke soll dabei helfen, das Erlebte über Generationen zu vermitteln. Das hat Hollitzer zu seiner Aufgabe gemacht und deshalb prägt die Stasi sein Leben auch noch nach der Wende.

Dass Hollitzer der Geist der DDR noch verfolgt, wird an einer Stelle besonders deutlich: Er hat keinen Personalausweis. Damals habe man den ja quasi „auf der Brust getragen“, sagt er. „Jetzt genieße ich, dass ich den nicht immer dabei hab.“ Stattdessen besitzt Hollitzer einen Reisepass – diese Ironie gefällt ihm.

Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

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Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!