Arbeiten im ehemaligen Staatsgebiet Wie die Stasi das Leben von Tobias Hollitzer prägt

von Kathrin Müller-Lance, Cindy Boden und Nicolas Horn

Er arbeitet jetzt da, wo sich früher feindliches Gebiet befand. Sein Büro liegt in einem der Räume der früheren Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (BVfS) in Leipzig. Dass damals ein Mitarbeiter der Stasi an seiner Stelle saß, macht Hollitzer nichts aus: „Ich spüre keinen DDR-Geist darin.“ Es ist nicht überzogen, zu sagen: Das BVfS-Gebäude hat Hollitzers Leben geprägt – und prägt es immer noch. Am 4. Dezember 1989 gehört er zu den ersten Besetzern der SED-Zentren in Leipzig. Zwischen 23 und 24 Uhr sei er damalsin die Bezirksverwaltung eingedrungen, erinnert er sich. Wirklich rausgekommen ist der heute 52-Jährige seitdem nicht mehr.

Die ersten 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR ist Hollitzer stellvertretender Außenstellenleiter der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit. Seitdem leitet er im benachbarten Gebäudetrakt das Museum Runde Ecke, das seit August 1990 die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ beherbergt. Er sei da halt „so reingerutscht“. Nun fühlt er sich dem Erinnern verpflichtet, weil er als einer von Wenigen dabei war, als die Leipziger Bürger die Behördenräume besetzten.

Der Umsturz kommt damals auch für Hollitzer unverhofft. „Es geht jetzt. Ich will das jetzt wissen“, denkt er sich an jenem Dezemberabend 1989 und spürt eine Mischung aus Angst und Neugier. Weil die Stasi ihre Türen für einige Demonstranten wie ihn öffnet, bleibt die friedliche Revolution gewaltfrei. Das vorderste Ziel ist erreicht: die Aktenvernichtung gestoppt. Als Hollitzer während der Besetzung immer mehr Stahltüren zu Stasi-Räumen öffnet, sieht er neben zerrissenen Karteikarten auch Säcke voll ungeöffneter Post. Schon in den Jahren der Diktatur zuvor habe man gemunkelt, dass Stasi-Mitarbeiter private Briefe kontrollierten und Telefonate abhörten. „Das Überraschendste war vor allen Dingen die Gewissheit, die sich da auftat”, erinnert sich Hollitzer zurück.

In dem von außen betrachtet monströsen Bau mit den abgerundeten Spitzen lagern damals tausende Akten, auch Hollitzers. „Das berührt mich gar nicht so“, sagt Hollitzer heute. Für die SED ist er damals ein Feind, obwohl er als Umweltaktivist gar nicht dezidiert gegen die Parteiführung kämpft. Warum er trotzdem ins Visier der Stasi geraten sei? „Man braucht eine Grundopposition für das Engagement, das Engagement bringt einen aber auch in die Opposition.“

Sein Wissen über die DDR hat der gelernte Bau- und Möbeltischler aus Akten, wissenschaftlichen Recherchen und persönlichen Erfahrungen gesammelt. Von seiner Vergangenheit  berichtet der frühere Umweltaktivist meist distanziert. Fast so, als ginge ihn seine Geschichte weniger an als die der unzähligen anderen Oppositionellen. Nur wenn es um seine eigene Stasi-Akte geht, gerät er ins Stocken. Von der Akte sei „nicht mehr so wahnsinnig viel da“. Aber sein Name taucht in anderen Dokumenten auf, auch ein Passbild von ihm wurde gefunden. Und so ganz aufgegeben hat er die Suche immer noch nicht: „Ich bin sicher, dass es einen Sack gibt, in dem die Akte liegt.”

Seine nüchterne Erzählweise behält er auch dann noch bei, wenn es um eine “für unmöglich gehaltene” Dimension der Stasi-Vergangenheit geht: die Einrichtung von Isolierungslagern. Dorthin sollten Menschen gebracht werden, die als potenziell gefährlich galten. Eine Liste mit Namen gab es auch für rund 100 Leipziger Bürger. “Wo ich auch meinen Platz drauf hatte”, fügt Hollitzer hinzu. Zum Glück sei es nur eine Planung geblieben.

Trotz allem war für ihn immer klar: „Ich bleibe in Leipzig, nicht in der DDR.” Weil er nicht weg wollte, sollte sich eben der Staat verändern. Bei der Aufarbeitung des SED-Regimes geht er rigoros vor – was längst nicht allen passt. Viele fänden, die Zeit sei reif, sich anderen Fragen als den ostdeutschen zu widmen. Ein Vorwurf, den er heute immer wieder hört: „Die Ausstellung in der Runden Ecke zeigt zu konkret, was die Stasi war.” Für Hollitzer ist diese Aussage allerdings fast eher Lob als Kritik. Er will, dass sein Museum unbequem ist. Wenn „heute grundsätzliche Dinge infrage gestellt“ würden, frustriert ihn das. Man müsse neben der Stasi auch andere Facetten der DDR in den Blick nehmen, heiße es immer wieder. „Machen wir doch auch“, entgegnet Hollitzer dann.

Vor einigen Jahren, als Hollitzer noch bei der Stasi-Unterlagenbehörde arbeitete, sagte ein ehemaliger Oberstleutnant gegenüber der taz: „Es ist eine einseitige, verbitterte Jagd, die von Hollitzer und seinen Leuten ausgeht.“ Den jetzigen Museumsleiter lässt das kalt, die Zusammenarbeit mit ehemaligen Stasi-Oberen hält er für schwer möglich. Versöhnung könne nur von den Opfern ausgehen.

Den Antrieb für seine zeitintensive Arbeit zieht Hollitzer aus einer persönlichen Leitfrage: „Wie kann man Erfahrungen über eine Diktatur sammeln, ohne in der Diktatur gelebt haben zu müssen?“ Die Runde Ecke soll dabei helfen, das Erlebte über Generationen zu vermitteln. Das hat Hollitzer zu seiner Aufgabe gemacht und deshalb prägt die Stasi sein Leben auch noch nach der Wende.

Dass Hollitzer der Geist der DDR noch verfolgt, wird an einer Stelle besonders deutlich: Er hat keinen Personalausweis. Damals habe man den ja quasi „auf der Brust getragen“, sagt er. „Jetzt genieße ich, dass ich den nicht immer dabei hab.“ Stattdessen besitzt Hollitzer einen Reisepass – diese Ironie gefällt ihm.

Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

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Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

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Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.

Der schöne Schein Wie die internationale Gemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan übersieht

Wie internationale Staaten wegschauen, wenn Menschenrechte verletzt und die Umwelt wegen eines einzigen Rohstoffs zerstört wird: Baumwolle. Was aber sollten sie tun? Hintergründe und Gespräche von Melanie Marks und Zita Zengerling

Tashkent, Usbekistan. Weite Gewänder in satten Farben: Sonnengelb, Purpur, Gold das eine. Türkisgrün bestickt, das andere. Präsentiert von jungen Frauen mit stolzen Mienen auf einer Modenschau in der Hauptstadt. Die exotischen Roben mit ihren Ethno-Stickereien sind das Produkt uralten Handwerks und haben dennoch etwas Zeitloses. Ihre exotische Pracht mag dem westlichen Betrachter bunte Vielfalt verheißen, Reichtum, Freiheit.

Der Schein trügt

Doch das Bild, das sich dem unwissenden Zuschauer in dieser Darbietung zeichnet, trügt. In Wahrheit herrscht in Usbekistan keine Freiheit, sondern das repressive System einer jahrzehntealten Diktatur. Die Menschenrechtslage ist prekär: Im angesehenen Freiheits- Ranking der internationalen NGO „Freedom House“ wird Usbekistan in allen Kategorien als maximal unfrei eingestuft. Internationale Medien, Beobachter und Menschenrechtsaktivisten werden systematisch aus dem Land ausgeschlossen. Im internationalen Vergleich der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ belegt Usbekistan den 169. Rang von 180 Staaten.

Usbekistan ist eines der Schlusslichter weltweit beim Thema Pressefreiheit. Praktisch sind nur staatliche Medien erlaubt (Foto: Edda Schlager, eddaschlager.com).

Zwangsarbeit

Jedes Jahr werden Teile der Bevölkerung von der korrupten Regierung dazu gezwungen, ihre Jobs oder Ausbildungsstellen niederzulegen, um auf den Baumwollfeldern des Landes die Ernte einzuholen. Sie leben in Massenunterkünfte, verdienen einen Hungerlohn, und wird das Tagessoll von rund zehn Kilogramm Baumwolle pro Person nicht erfüllt, drohen die Kündigung, die Kürzung von Sozialleistungen oder Schläge. Dabei schaffen manche Arbeiter kaum mehr als drei Kilogramm am Tag.

Baumwolle, Kinderarbeit in der Nähe von Samarkand, 2005 (Foto: Edda Schlager)

Umweltkatastrophe

Der Aralsee, einmal der viertgrößte Binnensee der Welt, ist durch die Bewässerung der Baumwollplantagen innerhalb von nur 50 Jahren zu 90 Prozent ausgetrocknet. Eine der weitreichendsten Umweltkatastrophen menschlicher Hand. Die resultierende Wasserknappheit verstärkt noch das Leid der Menschen in Usbekistan. „Baumwollanbau ist sehr wasserintensiv. Außerdem ist der Schädlingsbefall enorm, so dass verschiedene Pestizide eingesetzt werden. Es entstehen immer wieder starke Schäden für Menschen, Tiere und Umwelt“, erklärt Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt. „Der Baumwollanbau ist häufig eine ökologische Katastrophe.“ Und im usbekischen Fall eine humanitäre noch dazu.

Koloniale Ausbeutung

In Usbekistan ist das gesamte Staatssystem und seine (Export-)Wirtschaft auf einen einzigen schicksalhaften Rohstoff ausgelegt, das Resultat der Kolonialzeit. Um sich von der Baumwollproduktion der feindlichen USA zu emanzipieren, begann Russland nämlich bereits im 19. Jahrhundert mit dem Aufbau eines eigenen Baumwollmarktes in Zentralasien. Und bis heute ist Usbekistan auf die Monowirtschaft mit der Baumwolle angewiesen. Die kolonialen Ausbeutungsmechanismen von damals existieren dabei noch immer. „Man muss sich fragen: Wer profitiert davon?“, erklärt Stig Tanzmann von Brot für die Welt. Heute seien das nicht mehr nur der globale Norden, so der Landwirtschaftsreferent, sondern auch Staaten wie Indien oder China, die strukturschwache Regionen ausbeuteten.

Mädchen auf einer Baumwollplantage (Foto: Edda Schlager)

Globales Desinteresse

Staaten und internationale Organisationen, auch die Europäische Union, verdecken sich aber seit Jahren die Augen vor den Problemen: Ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ein Beispiel: Als der damalige Außenminister und OECD-Vorsitzende Frank-Walter Steinmeier im März 2015 Usbekistan besuchte, versäumte er es bei all seinen öffentlichen Auftritten, die beunruhigende Menschenrechtslage im Land zu thematisieren. Entwicklungszusammenarbeit endet oft dort, wo die Nutznießer der Ungleichheit mit eigenen Einschränkungen rechnen müssen.

Die Lösung

Was ist also die Lösung? Was kann, was muss die EU tun? Das erklärt Hugh Williamson. Er war elf Jahre Korrespondent für die Financial Times in Manila und Berlin und arbeitet nun als Referatsleiter Europa und Zentralasien bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Melanie Marks hat mit ihm gesprochen.

Herr Williamson, warum macht die EU so wenig, um die Menschenrechtssituation in Usbekistan zu verbessern?
Die EU würde sagen, sie machen schon sehr viel. Sie haben vielfältige Beziehungen mit Usbekistan: Wirtschaft, Handel, geopolitische Verbindungen, eine Anti-Terrorismus-Koalition und eben auch einen Dialog zur Menschenrechtssituation. Wir bei Human Rights Watch würden uns aber wünschen, dass gerade die Situation der Menschenrechte stärker in den Beziehungen priorisiert wird.

Wie?

Die EU sollte viel strategischer und nachdrücklicher vorgehen. Zum Beispiel könnten wirtschaftliche Hilfen damit verknüpft werden, dass sich die Menschenrechtssituation verbessert. Damit meine ich: Die Zwangsarbeit in der Baumwollproduktion beenden, freie Medien zu-, politische Häftlinge freilassen und ihnen Anwalt und einen freien Prozess garantieren. All das ist nicht der Fall und die EU sollte das nicht akzeptieren. Schließlich untergräbt sie damit ihre eigenen Werte. Und sie muss es auch nicht akzeptieren. Usbekistan möchte die Beziehungen zu der EU vertiefen. Die Union hat also mehr Verhandlungsspielraum als sie denkt.

2005 hat der alte Präsident Islam Karimov in Moskau einen militärischen Beistandspakt mit Russland unterzeichnet. Darin heißt es „Russland bleibt unser treuester Verbündeter. Und auch wirtschaftlich hat Usbekistan mit Russland und China zwei mächtige Handelspartner. Warum möchte Usbekistan die Verbindungen zu der EU überhaupt vertiefen?

Usbekistan hat zwar Verbindungen zu Russland und China, aber die Regierung hat immer auch versucht, sich nicht von den beiden Staaten abhängig zu machen. Die Europäische Union bietet Usbekistan potenzielle Investments, Wirtschaftshilfen. Vor allem aber gewinnt das Land an Anerkennung durch engere Verbindungen mit der EU. Usbekistan möchte nicht mehr als rückständiges Land wahrgenommen werden. Die Regierung will auch in internationalen Organisationen akzeptiert und anerkannt werden. Das erreichen sie mehr durch Beziehungen zu der EU als durch Beziehungen zu China und Russland.

Wenn es ihnen aber so wichtig ist, die Beziehungen zur EU zu verbessern, warum agiert die usbekische Regierung dann nicht nach europäischen Maßstäben?

Sie haben vor zwölf Monaten damit angefangen. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden. Natürlich ist die Situation in Usbekistan noch immer prekär. Aber der neue Präsident, Shavkat Mirziyoyev, versucht, das Land zu liberalisieren. Er hat eine beispielsweise Telefonhotline eingerichtet, die die Bevölkerung bei Problemen anrufen kann. 16 politische Gefangene wurden frei gelassen. Natürlich: Es sind nur 16 von 1000 Häftlingen. Dennoch bemerken wir bei Human Rights Watch, dass sich etwas in dem Land tut.

Die Kritiker von Mirziyoyev sagen, dass sei nur eine Strategie, um seine Position zu festigen.

Das ist eine wichtige Frage, ja. Und das ist möglich. Aber wir versuchen den Fortschritt daran zu messen, was gerade tatsächlich passiert. Durch Realität, nicht Rhetorik oder Debatten. Und der neue Präsident bietet der EU gerade eine Möglichkeit, aktiv zu werden. Die sollte die EU nun auch in ihrem eigenen Interesse nutzen.

Welche Interessen hat die EU in Usbekistan?

Das ist ein komplizierter Mix. Zum einen ist Usbekistan wichtig für die geopolitische Stabilität in Zentralasien. Afghanistan ist ein Nachbarland und bis Ende 2015 hatte die Bundeswehr für ihren Afghanistan-Einsatz sogar Truppen in Usbekistan stationiert. Hinzu kommen die gemeinsamen Projekte zur Bekämpfung von Terrorismus. Aber zum anderen hat auch die EU wirtschaftliche Interessen. Usbekistan hat neben Baumwolle noch viele weitere Rohstoffe: Erdgas, Erdöl, auch Gold. Von einem freien Markt und transparenten Handelsbedingungen profitiert auch die EU.

Warum werden diese Rohstoffe noch kaum erschlossen und vertrieben?

Das müssten Sie die Amtsinhaber in Usbekistan fragen (lacht). Sie versuchen schon, sich von der Baumwollindustrie etwas zu lösen, bauen auf Baumwollfeldern stattdessen Getreide an. Aber, um andere Sektoren wirklich aufzubauen sind internationale Investitionen notwendig.

Also müssten Anreize für die Wirtschaft geschaffen werden, in Usbekistan zu investieren?

Ja. Die ökonomischen Bedingungen sind wirklich schlecht. Es ist nahezu unmöglich, als ausländisches Unternehmen in Usbekistan zu agieren. Um eine Zulassung zu erhalten, muss ein Bestechungsgeld an die Behörden gezahlt werden, man braucht Verbindungen zur regierenden Elite. Und es war bis vor kurzem noch sehr schwer, verdientes Geld wieder aus Usbekistan herauszukriegen, weil es nicht umtauschbar war. Das sind alles Verhältnisse, in denen Unternehmen nicht gerne agieren. Sie wollen Transparenz.

Wie wichtig ist die Wirtschaft, um soziale Standards zu verbessern?

Sehr wichtig. Ökonomische und soziale Entwicklungen sind eng miteinander verbunden: Zugang zu Strom und sicherer Unterkunft und Entstehung neuer Jobs. Aber in Usbekistan müsste auch das System verändert werden. Es darf nicht mehr nur alles in der Hand von einigen wenigen landen. Eine wirtschaftliche Reform würde Usbekistan sehr weit nach vorne bringen.