Smart Brother Zukünftig braucht es umweltfreundliche Städte. Die “Smart City” Songdo versucht genau das zu sein. In der deutschen Medienberichterstattung kommt sie trotzdem nicht gut weg.

Von Alexander Gutsfeld

Songdo möchte die Stadt der Zukunft sein. Die südkoreanische Stadt liegt nur 50 km westlich der Hauptstadt Seoul und versucht alles besser zu machen als ihr überfüllter, CO2 und Feinstaub-spuckender Nachbar. Dabei möchte Songdo Antworten auf ein drängendes Problem gegenwärtiger Städte finden: Sie verpesten die menschliche Umwelt. Obwohl nur drei Prozent der Erdoberfläche von Städten bedeckt werden, machen diese 60-80 Prozent des Energieverbrauchs und 75 Prozent der CO2-Emissionen aus. Tendenz steigend. Die Planer von Songdo versuchten, dieser Entwicklung das Konzept einer klimafreundlichen, digital vernetzten Stadt entgegenzusetzen. Die Stadt von morgen soll umweltfreundlich und nachhaltig sein, mit effizientem Verkehr und klimafreundlichen Technologien. In den deutschen Medien stößt Songdo trotzdem auf viel Kritik.

Dabei rühmt sich Songdo, „die smarteste der smarten Städte der Welt“ zu sein (Süddeutsche Zeitung). „Smart“ bedeutet im Fall Songdo: Umweltfreundlich und digital vernetzt. Als im Jahr 2003 die Stadt auf dem Reißbrett geplant und komplett neu errichtet wurde, sollten ihre zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner an einem Ort leben, der nachhaltig mit seinen Ressourcen umgeht. Heute sind auf den Hochhäusern Songdos Solarmodule installiert, das Regenwasser wird gespeichert und das Abwasser wiederaufbereitet. Alle Gebäude der Stadt sind nach dem LEED-Standard für besonders nachhaltige Bauweise zertifiziert. Anfangs als „Geisterstadt“ belächelt, wohnen heute in Songdo rund 150 000 Einwohner (Stand: 21.09.2019). Irgendwann sollen es 260 000 sein.

Mit einer Mischung aus Staunen und Skepsis wird seitdem in den deutschen Medien über Songdo berichtet. Besondere Erwähnung findet in den Artikeln die Straßenbeleuchtung: Die Ampeln richten sich nach dem Verkehr und springen erst an, wenn Menschen unterwegs sind. 30 Prozent Energie soll durch diese Technik im Vergleich zu anderen Städten eingespart werden. „Songdo kennt keine Staus. Songdo kennt auch keine Mülltonnen“, staunt Andrea Schorsch in ntv. An speziellen Stationen werden die Müllsäcke eingesaugt und über ein Rohrleitungssystem in eine Recyclinganlage transportiert.

Die Artikel in den deutschen Medien lesen sich, als ob ihre Verfasser und Verfasserinnen durch Songdo spazieren und sich dabei kurz in einer besseren Zukunft wähnen – bis ihnen auffällt, dass auch hier trotz verbesserten Verkehrsmanagements überall Autos fahren und mancher Orts sogar Plastikmüll auf den Straßen liegt. Enttäuscht ziehen sie nun umso härter über das Möchtegern-Utopia Songdo her: Das ach so tolle Müllsystem funktioniere nicht richtig (Süddeutsche Zeitung), die Straßen seien acht- bis zehnspurig (Der Spiegel) und abseits der Hochhäuser gebe es nur ödes Marschland (Der Spiegel). Außerdem sei Songdo teuer und elitär: Luxuriöse Apartments und renommierte Schulen und Universitäten sollen reiche Koreaner anlocken. Anstelle von demokratischen Entscheidungsprozessen würden von der IT-Firma Cisco, die vor Ort ihre neuesten Produkte testen wolle, „Top-Down Entscheidungen“ getroffen. Die Stadtbewohner kämen ausschließlich aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht, andere Gesellschaftsschichten suche man vergeblich. Songdo werde so zu einem Projekt von und für ökonomisch-gesellschaftliche Eliten. Die Stadt der Zukunft sei im Fall Songdos lediglich Spekulationsobjekt und Statussymbol. Ein Statussymbol, das vor allem reiche, alte Menschen anlocke. Denn das sei vielleicht die erstaunlichste Erkenntnis aus der Zukunftsstadt, so die FAZ: „Sie wird nicht von technikaffinen Freaks bewohnt, sondern ist vor allem bei Rentnern beliebt“.

Und die legen viel Wert auf Ruhe und Sicherheit. In Songdo lebt es sich somit nicht nur umweltbewusst und nachhaltig – sondern auch unter totaler Überwachung, 24 Stunden am Tag. Die Sensoren und 980 Kameras regeln nämlich nicht nur den Verkehrsfluss und die Luftverschmutzung, sondern überwachen auch den Alltag der Stadt. Die Kameras filmen die Gebäude, um ihre Bewohner vor Einbrüchen zu schützen und lesen die Nummernschilder aller Autos, die in die Stadt fahren. Alle gesammelten Informationen werden schließlich in der Einsatzzentrale ausgewertet. Dutzende Mitarbeiter sichten das Material und stehen im Kontakt mit Polizei und Feuerwehr. „Wer sich in einem Park laut streitet, sollte wissen, dass die Sensoren mithören können – und wenn ein Streit zu laut wird, fragt möglicherweise ein Mitarbeiter der Einsatzzentrale über den am Kameramast angebrachten Lautsprecher: ‚Brauchen Sie Hilfe?’ (Der Spiegel). Für Europäer klinge das zwar abschreckend, so Katharina Graca-Peters im Spiegel. “Koreaner aber sind gegenüber digitaler Datennutzung grundsätzlich aufgeschlossen.” Schließlich diene die Überwachung dem Schutz der Stadtbewohner und sei deshalb in ihrem Sinne, zitiert der Artikel Stadtplaner und -bewohner. Die Stadt der Zukunft stellt man sich in der deutschen Medienlandschaft trotzdem ganz anders vor. Dabei stellt sich Andrea Schorsch in ntv die Frage, was mit all den Daten geschieht, deren Informationsfluss laut Stadtverwaltung erst die digitale Vernetzung und somit die umfangreiche Energie- und Ressourceneinsparung ermögliche: „Ein Missbrauch der Daten gehört selbstredend nicht zum Konzept Songdos“, so Schorsch. Theoretisch aber sei er möglich.

Der Fokus auf das Thema Überwachung in den Artikeln der deutschen Medien über Songdo sorgt dafür, dass die „Smart City“ eher wie eine Dystopie aus Orwells Roman „1984“ erscheint, als eine grüne, nachhaltige Stadt der Zukunft: „Big Brother ist überall“ (SZ). Es ist vor allem diese Totalüberwachung, die den deutschen Kommentatoren aufstößt und ihre restlichen Kritikpunkte zu Randnotizen degradiert. Schorsch kommentiert: „Das Leben in Songdo ist überwacht. Das gesamte Leben, 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Die Kameras, Chips und Sensoren halten Bewegungsmuster fest; die eines jeden Menschen. Die komplette Stadt und all ihre Abläufe unterliegen einer Rundumkontrolle.“ Katharina Graca-Peters wird im Spiegel gar kreativ und titelt in Anlehnung an das Musical „My Fair Lady“ etwas holprig: „Es grünt so grün, wo Südkoreas Kameras stehen“.

 

Die Stadt der Zukunft sollte nicht totalüberwacht sein, auch nicht zum Wohle der Sicherheit. Darin ist sich die deutsche Medienberichterstattung einig. Und auch die gähnende Leere und Ödnis im Stadtbild mache Songdo zu keiner Stadt in der man gerne wohnt. Songdo sei, so Hanns Neubert in Heise online, zwar ein Aushängeschild für die Smart City vom Reißbrett geworden. Aber keine Stadt, in der man glücklich wird. Doch genau das sollten die Planer einer nachhaltigen Stadt anstreben: Eine Stadt zu schaffen, die nach den Bedürfnissen seiner Bewohner und Bewohnerinnen fragt, „alltagsnah, nutzerfreundlich und ohne Ängste vor Totalüberwachung“. Eine Stadt also, die in die Zukunft blickt und dabei trotzdem – oder gerade deswegen – menschliche Begegnungsräume schafft, gerne auch ohne digitale Hilfe.

Hinterm Horizont ist Feinstaub Warum deutsche Medien kaum über Probleme im Ausland berichten

Von Carolin Rückl & Ben Kutz

„Hund beißt Mann ist keine Meldung, Mann beißt Hund allerdings schon“, lautet eine alte journalistische Weisheit. Zurückzuführen ist sie auf die Nachrichtenwerttheorie, die seit vielen Jahren die journalistische Arbeit prägt. Außergewöhnliche Themen haben Vorzug, genauso Geschichten mit regionalem Bezug. Je mehr der Inhalt eines Artikels in die Lebensrealität der LeserInnen passt, desto berichtenswerter ist er für die Medien. Themen, die „weiter weg“ sind, fallen da schnell unter den Tisch. Umweltschutz zum Beispiel.

Zwar hat die Berichterstattung über Themen rund um Klimaschutz in den letzten Jahren zugenommen, der Nachrichtenfaktor Nähe ist aber nach wie vor von großer Bedeutung. Was vor der Haustür passiert, ist für die Menschen nun einmal relevanter als irgendwo auf der Welt.

Gerade mit Blick auf die internationale Berichterstattung belegen Studien diese scheinbare Relevanz von Regionalität. Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch forscht an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem zu internationaler Krisenberichterstattung. Er sieht in der Regionalität von Nachrichten einen Faktor, der in der Auslandsberichterstattung nach wie vor eine maßgebliche Rolle spielt: „Die Forschung zeigt, dass geografische Nähe ein wichtiger Faktor bei der Nachrichtenauswahl ist. Es kommt aber darauf an, was mit ‚regional‘ gemeint ist. So konzentriert sich die Berichterstattung innerhalb Europas stärker auf Ereignisse, die innerhalb der ‚Region‘ Europa stattfinden“, sagt Hanitzsch.

Insbesondere über das Thema Feinstaub in Städten ist in der vergangenen Zeit eine rege Diskussion ausgebrochen. Gibt man den Suchbegriff „Feinstaub“ in eine Nachrichten-Suchmaschine ein, erscheinen zahlreiche Meldungen: Deutsche Städte, die regelmäßig Grenzwerte überschreiten und den „Feinstaubalarm“ ausgerufen haben oder – gerade zum Jahreswechsel – zahlreiche Diskussionsbeiträge, ob in den Innenstädten weiterhin geböllert werden darf, schließlich würden die Raketen extrem viel Feinstaub freisetzen.

Auslandsberichterstattung findet sich dagegen oft nur am Rande. Und wenn doch ein Fokus auf andere Länder gelegt wird, besteht oft eine geografische oder kulturelle Nähe zu Deutschland oder die Zeitungen schreiben nur über Einzelereignisse, lassen aber den größeren Zusammenhang unerwähnt.

Der Journalismusforscher Lutz Mükke sieht eine solche Fokussierung auf regional nahe Einzelereignisse in der aktuellen Entwicklung der Auslandsberichterstattung begründet. In einem Dossier für das Netzwerk Recherche versucht er sich der oft beschworenen Krise des Auslandsjournalismus aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive zu nähern. Diese Krise äußere sich vornehmlich darin, dass die Auslandsberichterstattung in Deutschland wegen zwei Faktoren sukzessive an Bedeutung verlieren würde. Laut Mükke gebe es erstens eine stärkere Selbstbezüglichkeit, die Inlandsberichterstattung eine stärkere Bedeutung gebe. „Besonders bei Regionalmedien“ wären diese Regionalisierungs- und Lokalisierungstendenzen spürbar. „Und zweitens“, so der Forscher weiter, „nimmt der Deutschlandbezug innerhalb von Auslandsberichterstattung zu.“ Folgt man Mükke, ist die „Nähe“ als Auswahlfaktor von Nachrichten also nicht nur ein in vielen Redaktionen gängiger, sondern ein zusehends an Bedeutung gewinnender Faktor bei der Auswahl von Nachrichten.

 

Schon 1965 haben die Wissenschaftler Galtung und Ruge, die die Nachrichtenwerttheorie maßgeblich mitgestalteten, Bedenken über ihre eigene Theorie geäußert. Wenn nie über Themen im Ausland berichtet wird, würden ferne Länder als gefährliche und andersartige Orte wahrgenommen. Dadurch festigt sich eine Erwartungshaltung der Leserïnnen. Außerdem berichten Zeitungen viel lieber über negative Ereignisse, was zusätzlich den Eindruck verstärkt, „dort im Ausland“ passiere nur Schlimmes.

Ähnliches stellt Lutz Mükke fest: „Das von Massenmedien auf diese Weise gezeichnete Gesamtbild ist hochgradig verzerrt und surreal.“ Mükke zufolge werde gerade von vielen Journalistïnnen, die selbst im Ausland tätig sind, die Fokussierung auf akute Brennpunkte kritisiert, die nicht zuletzt die langfristige und dauerhafte mediale Begleitung von Entwicklungen erschwere.

Ein Standpunkt, den beispielsweise Golineh Atai in einem Interview mit dem NDR bestätigt. Von 2015 bis 2018 arbeitete Atai für die ARD als Korrespondentin in Moskau und empfand dabei als größte Herausforderung in der täglichen Arbeit mit den deutschen Redaktionen, „den Menschen auf der anderen Seite der Leitung dazu zu bewegen, die Welt von hier aus zu sehen. Das Bemühen, Brennpunkte nicht innerhalb kurzer Zeit zu blinden Flecken werden zu lassen.“

Nicht zuletzt das oft löchrige Korrespondentïnnennetz deutscher Medienhäuser und -anstalten ist ein Indiz für die scheinbar mangelnde Bereitschaft der Stammredaktionen an einer dauerhaften und flächendeckenden Berichterstattung. Zwar beschäftigt die ARD für Deutschland immer noch vergleichsweise viele feste Korrespondentïnnen, doch auch für die ARD berichten nur zwei Korrespondentïnnen aus „fast 40 afrikanischen Ländern südlich der Sahara“. Es ist mehr als fraglich, wie ein einziges Auslandsstudio periphere Gebiete von enormer geographischer Fläche abdecken soll, ohne sich auf akute Brennpunkte zu beschränken.

Kein Wunder also, dass das Thema globaler Umweltschutz – und konkret die Feinstaubbelastung in Städten weltweit – eher ein Nischenthema in der Berichterstattung ist. Solche Nachrichten finden sich ganz oft nur, wenn es um kurzfristige Ereignisse geht oder wenn Deutschland als Aufhänger genutzt wird, um dann auch über andere Länder zu berichten.

Thomas Hanitzsch zufolge liegt das in der Regel daran, dass die journalistischen Nachrichtenwerte mit den Publikumserwartungen korrespondieren. „Daher ist es ökonomisch wenig sinnvoll, an den Nachrichtenwerten vorbei zu berichten. Aber es mag Themen geben, die normativ wichtig sind, die aber von Nachrichtenwerten benachteiligt sind“, beschreibt er den aktuellen Stand der Kommunikationsforschung.

Manche Medien versuchen, mit diesem „klassischen“ Umgang mit Nachrichtenfaktoren zu brechen. Stark in diesem Bereich ist beispielsweise die taz, aber auch Auslandsmedien wie die Deutsche Welle. Sie berichten vermehrt über andauernde, anstatt punktuelle Entwicklungen und auch über Regionen ohne geografische oder kulturelle Nähe zu Deutschland. Mit Schlagzeilen wie „Feinstaubalarm in Südkorea: Das ist die Seouler Luft“ oder „Dreckige Luft in Indien: ‚Lass mich atmen‘“ hat auch das deutsche Publikum die Chance, einen Einblick in Umweltprobleme anderer Länder zu bekommen, auch wenn dieser noch relativ klein ausfällt.

Nicht alle Medien können es sich allerdings leisten, auch solche „normativ wichtigen“ Themen zu besetzen, insofern diese möglicherweise „schlecht laufen“ und dementsprechend ökonomisch wenig attraktiv sind. Ein weltweites Netz an Korrespondentïnnen, wie es die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterhalten, erfordert außerdem enorme Finanzierungsmittel. Daher „leisten die vornehmlich merkantil orientierten privaten Fernseh- und Rundfunkanstalten hier denkbar wenig“, schreibt Mükke in seinem Dossier.

Auch die Korrespondentïnnen der finanziell besser aufgestellten Medienhäuser arbeiten jedoch unter teils prekären Bedingungen, wie oben bereits angedeutet. Aktiv im Ausland arbeitende Akteurïnnen ebenso wie die Kommunikationswissenschaft sind sich daher darin einig, dass Journalistïnnen aus Platz- und Zeitgründen nicht die Gesamtheit aller potenziell verfügbaren Informationen vermitteln können. „Daher ist Berichterstattung immer und notwendigerweise selektiv“, resümiert auch Thomas Hanitzsch. Ob die Auslandsberichterstattung also ein korrektes Bild von der tatsächlichen Lage im Ausland zeichne, liege daher letztlich oft im Auge der Betrachtenden.

Berichterstattung über die SDGs – sich mit (k)einer Sache gemein machen

Von Luise Glum und Cora Wucherer

Eine Transformation unserer Erde in eine bessere, sprich: nachhaltigere Welt und das schon im Jahr 2030 – für ein so wichtiges wie komplexes Vorhaben braucht es einen Plan. Mit der „Agenda 2030“ trafen die Vereinten Nationen deshalb  im  September  2015  eine  globale Vereinbarung, die die weitere Entwicklung der Welt neu ausloten soll. Hierfür wurden drei verschiedene Dimensionen von Nachhaltigkeit vereint – Soziales, Ökologie und Ökonomie –, um Elend entgegenzuwirken und Krisen zu bekämpfen. Diese drei Aspekte wurden in 17 universell gültige Entwicklungsziele mit 169 Unterzielen verpackt, die so genannten „Sustainable Development Goals“ (SDGs) oder auch „Ziele für nachhaltige Entwicklung“. Es handelt sich dabei um das umfassendste Programm der UN bisher. Deren Vorhaben ist es, bereits im Jahr 2030 diese Entwicklungsziele umgesetzt und damit eine nachhaltigere Welt geschaffen zu haben. Die SGDs  lösen damit die  im  Jahr  2000 beschlossenen „Millenniums-Entwicklungsziele“ (MDGs) ab und verbinden deren Armuts- und Entwicklungsagenda mit der Nachhaltigkeits-Agenda des „Rio-Prozess“. Aber nicht nur der Fokus auf Nachhaltigkeit unterscheidet die SDGs von den MDGs, die das Augenmerk mehr auf die soziale Entwicklungsdimension legten, vielmehr sind die SGDs universeller angelegt: Erstmals richten sich die Ziele an alle Länder dieser Welt, auch Industrie- und Schwellenländer. Ein anspruchsvolles Unterfangen, das auch in den Medien entsprechend thematisiert wurde und wird.

Eine vielfältige und detaillierte Betrachtung der „Agenda 2030“ und insbesondere deren Aufarbeitung in den Medien war der Anspruch der diesjährigen Konferenz „Bildkorrekturen“ in Leipzig. Um sich dieser Thematik (also der „Agenda 2030“ in der Medienberichterstattung) zu nähern, bietet es sich an, zunächst einmal ins Geburtsjahr der „Agenda 2030“ zurückzureisen. Eine Analyse der Medien im Jahr 2015 offenbart zwei Kategorien von Intentionen der Berichterstattung. Zum einen soll die „Agenda 2030“ kritisch eingeordnet, beurteilt und auf Missstände aufmerksam gemacht werden. Dies geschieht oft in Form des Kommentars, so urteilt die Journalistin Ulrike Scheffer im Tagesspiegel: „Die Vereinten Nationen wollen Hunger und Armut bis 2030 besiegen. Es ist wahrscheinlich, dass dieses Ziel verfehlt wird.“ Ihre Kollegin Marianne Beisheim äußert sich in einem Gastbeitrag in der Zeit etwas optimistischer: „17 Ziele, 169 Unterziele: Die neue Agenda für nachhaltige Entwicklung ist komplex und widersprüchlich – und ein großes Fortschritt, denn es geht ihr um alles.“

Zum anderen wollen die Medien über die SGDs informieren, sie zusammenfassen und erklären. Dass die Materie dabei an vielen Fällen gestrafft und sich auf einzelne Punkte fokussiert wird, überrascht ob der Mannigfaltigkeit der SDGs nicht. Insbesondere Ziele, die sich auf Armut beziehen, werden  in  den  Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt und genauer betrachtet.  So kommt  es  auch zu zahlreichen Berichten über Armut, bei denen die „Agenda  2030“ eine untergeordnete Rolle spielt oder nur am Rande erwähnt wird. Das zeigt sich in Artikeln mit Titeln wie „Kann man Armut einfach abschaffen?“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder „Gegen Armut brauchen wir Revolutionen“ in der Süddeutschen Zeitung. Andere SGDs dagegen, wie beispielsweise die SDGs 3: Gesundes Leben für alle, 4: Bildung für alle und 5: Gleichstellung der Geschlechter, sind  in  der Berichterstattung weit weniger  präsent oder finden teils  gar  keine Beachtung.  Des  Weiteren  ist  es  bemerkenswert, dass die Berichterstattung  häufig  an  Personen festgemacht wird, seien es politische Akteure wie Kanzlerin Angela Merkel oder Geistliche wie Papst Franziskus. Diese personenzentrierte Berichterstattung lässt sich in der Bildauswahl, beim Fokus der Artikel oder sogar der kompletten inhaltlichen Ausrichtung von Artikel beobachten. Institutionen – wie die UN selbst – stehen in der Berichterstattung oft eher hinten an. Der Spiegel beispielsweise titelt „Franziskus mahnt die Welt zur Eile“ und hebt den „historischen Auftritt“ des kirchlichen Oberhaupts hervor, während sich das Handelsblatt auf eine Rede von Kanzlerin Angela Merkel fokussiert.

Betrachtet  man  die  generelle  Berichterstattung über die „Agenda  2030“, kommt  es  zu weiteren Spannungsfeldern. Wie auf der Konferenz immer wieder angesprochen wurde, stellt die Thematik der SDGs für den Journalismus kein einfach aufzuarbeitendes Themenfeld dar. Dies lässt sich vor allem damit begründen, dass die SDGs ein komplexes, oft undurchsichtiges und sich stetig wandelndes Netz an Informationen und Geschichten umspannen. Wie Steffen Bauer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik deutlich macht, besteht eine grundlegende Herausforderung bereits in der Koexistenz der Agenda  2030  und  dem  Übereinkommen von Paris: „Solange die zwei Agenden parallel existieren und nicht integriert, können Synergien nicht voll ausgeschöpft und Trade-offs übersehen werden.“ Interessenkonflikte sieht er jedoch nicht nur im Hinblick auf die internationale Politik, sie prägen auch viele Entwicklungsthemen. Als Beispiel nennt Bauer die Erderwärmung: Eine Beschränkung auf nur  1,5  Grad  wäre aus physikalischer Sicht durchaus möglich, für Negativemissionen mithilfe der Speicherung von Kohlenstoff in Bäumen bräuchte es jedoch wiederum Wasser und Boden – knappe Ressourcen, die auch für die Nahrungsmittelindustrie zentral  sind.  Was  außerdem eine differenzierte Berichterstattung verlangt,  ist  die  häufig dokumentierte Diskrepanz zwischen Legislatur und Implementierung, die Bauer beschreibt. Ein Fokus nur auf das, was beschlossen wird, würde nicht ausreichen. Die systemisch ausgerichteten SDGs  würden letztendlich eine lokale, spezialisierte Umsetzung fordern,  für deren Erfolg die nationale Legislatur nur beschränkt bürge.

Solche Themen als JournalistIn differenziert darzustellen ist keine leichte Aufgabe. Dr. Markus Behmer von der  Universität Bamberg  stellt deshalb die  Problemdiagnose:  „Die Berichterstattung  ist  meist fokussiert auf Krisen, Probleme, Kriege  …  ist  das alles?“ Die unzureichende, vereinfachte Darstellung von Themen zu hinterfragen – das sollte auch der Anspruch von „Bildkorrekturen“ sein. Auch Steffen Bauer kritisiert den Diskurs über die SDGs, die so ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden könnten. Die wichtigste Errungenschaft der SDGs im Gegensatz zu den MDGs sei ihr universeller Anspruch, aber „in der Praxis herrscht die Gefahr des Zurückfallens in alte Muster, nach denen die SDGs in Europa immer noch weitgehend als Entwicklungsthematik wahrgenommen und diskutiert werden“. Doch selbst wenn von Seiten der Medien eine angemessene Beschäftigung mit den Thematiken stattfindet, kann es sein, dass die Berichterstattung wiederum für die Rezipienten nicht ansprechend ist. Journalistin Heike Janßen spricht sich für einen „lösungsorientierten“ Journalismus aus. Sie schlägt vor, komplizierte Themen in kleine Einheiten zu unterteilen und ihnen ein Gesicht zu geben. Gerade bei Themen wie dem Klimawandel bestünde außerdem die Gefahr, beim Publikum eine Abwehrhaltung auszulösen, als Reaktion auf beängstigende Szenarien. Ihr Credo lautet deshalb: „Nennt die Fakten, aber lasst sie nicht damit allein“.

Von diesem Statement ausgehend lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen: welche Rolle haben JournalistInnen in der Berichterstattung über die „Agenda 2030“ und ganz generell? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, weder in der Wissenschaft, noch im öffentlichen Diskurs. Schon allein von Land zu Land können die Auffassungen von Journalismus verschieden sein, wie die brasilianische Journalistin Brunna Marques Duarte erklärt: „Die Rolle von Journalisten in Brasilien unterscheidet sich von Deutschland. Soziale Medien sind sehr viel wichtiger, die Rolle besteht darin, die richtigen Themen oder Frames zu setzten, auch während Wahlen. Dies sollte wieder zurück zur Mediation gehen, zum Aufzeigen verschiedener Seiten, sodass die Menschen mit all den Infos umgehen können.“ Duartes Anmerkungen decken sich auch mit Erkenntnissen der „Worlds of Journalism Study“  2019.  In  Brasilien herrscht  laut  der Studie ein deutlich „interventionistisches“ Rollenverständnis, das heißt, JournalistInnen sehen sich als  aktiv  am politischen Geschehen beteiligt;  während  in  Deutschland stark die „akkomodative“ Rolle vorherrscht, nach der für JournalistInnen die Zufriedenheit des Publikums im Vordergrund steht, gepaart mir einer etwas größeren Ausprägung des Selbstverständnisses als Kontrollorgan.

Die kritische Distanz, die das journalistische Rollenverständnis in Deutschland und vielen anderen Ländern mit sich bringt, bedeutet in Bezug auf die „Agenda 2030“, selbst in Hinblick auf eine so international anerkannte Institution  wie  die  UN  nicht  in  einen sogenannten „Verlautbarungsjournalismus“ zu verfallen – ganz entsprechend dem „kritisch Einordnen“, das in den deutschen Medien verbreitet ist (auf der Konferenz aber eher kurz kam). Denn die „Agenda 2030“ ist ein Rahmen, der nicht gleichzusetzen ist mit seinen thematischen Inhalten. Auch wenn Ziele wie Bekämpfung der Armut, Umweltzerstörung oder Ungleichheit wahrscheinlich für die allermeisten JournalistInnen selbstverständlich erstrebenswert sind, sind diese Themen nicht synonym mit ihrem zugehörigen „SDG“. So muss trotzdem – oder auch gerade deswegen – die Möglichkeit bestehen, dass JournalistInnen die „Agenda  2030“ kritisch hinterfragen  können: Wieviel  PR  steckt hinter einer solchen Agenda? Wer  war  in  den  Entscheidungsprozess mit einbezogen? Wie realistisch  ist  der  tatsächliche Impact,  den  eine solche Agenda haben kann (nachdem der Vorgänger, die MDGs wenig bewegen konnten)? Wie alle Themen, so hat auch die „Agenda 2030“ viele Seiten, denen der Journalismus offen, aber kritisch gegenübertreten kann: für eine bessere Berichterstattung über eine bessere Welt.

Verkehr im Ausland: Wie Medien unsere Wahrnehmung prägen Zu Transportsystemen in anderen Ländern kursieren eine Menge Klischees. Das könnte auch mit Mustern in der Auslandsberichterstattung zusammenhängen.

Von Sophia Baumann und Lisanne Dehnbostel

Der Zustand von Transportsystemen im Ausland zählt zu jenen Themen, über die viele ziemlich genau Bescheid zu wissen glauben: In asiatischen Mega-Cities drohen zum Berufsverkehr riesige Staus. In Frankreich fallen die öffentlichen Verkehrsmittel ständig aus, weil gestreikt wird. Und in den USA fahren alle mit großen Pick-ups herum. So zumindest lauten die weit verbreiteten Annahmen. Aber entsprechen sie der ganzen Wirklichkeit? Das wird im Alltag selten hinterfragt – dafür aber auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz in Leipzig. Hier sprachen Expert*innen unter anderem darüber, wie Medien über die „Ziele nachhaltiger Entwicklung“ (SDGs) der Vereinten Nationen berichten. „Die Berichterstattung ist nicht genug und überhaupt nicht nachhaltig“, fasst Prof. Dr. Markus Behmer, einer der Organisatoren der Konferenz, zusammen. Und tatsächlich lassen sich in der Medienberichterstattung einige Muster finden, die erklären, aus welchen Gründen viele Bürger*innen ein unterkomplexes Bild von Verkehr im Ausland haben.

„Wir werden gern schockiert”

Warum, zum Beispiel, ist der Eindruck von ausländischen Verkehrssystemen häufig negativ? Das könnte damit zusammenhängen, dass auch in den Medien tendenziell negative Ereignisse dominieren. Verspätungen im Bahnverkehr, Personalstreiks und Unfälle, beispielsweise. Der Grund dafür: Erschütternde Themen erzeugen mehr Aufmerksamkeit als gute. „Wir Menschen werden gern schockiert“, erklärt Mark Daniel, Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung. Journalist*innen wählen Nachrichten deshalb unter anderem nach Unvorhersehbarkeit und Seltenheit aus. Ganz nach dem Motto: je dramatischer, desto besser. „Die Menschen heutzutage brauchen Schocks“, behauptet auch Jure Gudelj aus Bosnien-Herzegowina, Chefredakteur der Nachrichten-Seite dnevnik.ba.

Genau darin sieht Dr. Hildegard Stausberg jedoch ein Problem. Sie hat als Lateinamerika-Korrespondentin für die Deutsche Welle gearbeitet und ist für die FAZ sowie die Welt tätig. „Die Medien blähen Themen künstlich auf“, kritisiert sie. Statt der eigentlich intentionierten Publikumsresonanz würde die Bevölkerung Journalist*innen als Folge nicht mehr ernst nehmen. Auf Transportsysteme übertragen bedeutet das beispielsweise, dass aus einem einzelnen Unfall schnell Skandale über die öffentlichen Verkehrsmittel insgesamt werden. Daraus folgt eine Negativitätsverzerrung der Realität.

Nationalisierte Perspektive auf das Ausland

Zusätzlich zu diesem Negativismus konzentriert sich die Auslandsberichterstattung auf Themen, die einen Bezug zu Deutschland aufweisen. Eine mögliche Erklärung liegt in den Erwartungen des Publikums. „Journalisten werden von der Öffentlichkeit gelenkt“, erläutert Heike Janßen. Als Co-Gründerin vom „Netzwerk Weitblick – Verband Journalismus & Nachhaltigkeit“ will sie Medienschaffende für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren. Eine ihrer Lektionen lautet, dass Menschen sich vor allem für Inhalte, die nah an ihrem persönlichen Leben sind, interessieren.

In der Berichterstattung zum Thema Verkehr spiegelt sich das zum einen darin wider, dass sie überwiegend räumlich nahegelegene Nachbarländer umfasst, wohingegen entfernte Regionen kaum Berücksichtigung finden. Im letzten Jahr beispielsweise standen die Reformen des öffentlichen Nahverkehrs in Luxemburg und Wien im Fokus. Neben diesem geografischen Bezug können Journalist*innen zum anderen eine thematische Relevanz für Deutschland aufzeigen. Zum Beispiel diskutieren sie aktuell häufig, inwiefern die innovativen Seilbahnen in entlegeneren Städten Südamerikas hierzulande als zukünftige Transportsysteme umsetzbar sind.

„Ich glaube, wir leben in einer gefährlichen Situation der Politisierung“

Aber nicht nur Negativismus und eine nationalisierte Perspektive prägen das Bild von ausländischen Verkehrssystemen. Auffällig ist auch, dass Themen oft von einer politischen Perspektive betrachtet werden. Typische Beispiele: Eine Stadtregierung will Fahrverbote zurücknehmen, die Pariser Bürgermeisterin möchte das Fahrradfahren fördern, es gibt Streit über eine neue Brücke zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland. Und selbst wenn es eigentlich nicht um ein politisches Thema geht, stehen oft Bürgermeister*innen, Minister*innen oder andere politische Eliten im Mittelpunkt der Berichterstattung.

Ein möglicher Grund für den Politikbezug ist, dass er viele Verkehrsthemen erst relevant erscheinen lässt. Wenn politische Berichterstattung sich aber zu Berichterstattung für politische Ziele entwickelt, wird es für viele problematisch. „Ich glaube, wir leben in einer gefährlichen Situation der Politisierung“, sagt Journalistin Stausberg auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz. Sie fordert Reporter*innen zum schlichten Berichterstatten auf. „Ich bin keine Missionarin, ich bin Journalistin“, betont sie.

Technische Verkehrsthemen werden schnell komplex

Ein anderes Muster, das sich in vielen Artikeln finden lässt, ist eine sehr technisch-wissenschaftliche Betrachtung von Transport und Verkehr: Wie könnten chinesische Züge schneller als Flugzeuge werden? Helfen Flugtaxis bei der Verkehrswende? Was sind die technischen Vorteile von Seilbahnen? Bei solchen Themen wird es oft ziemlich kompliziert. Welcher durchschnittliche Bürger versteht schon etwas von Magnetschwebebahnen und Vakuumröhren?

Ein potenzielles Problem ist also, dass die Leser*innen bei der Berichterstattung zu nachhaltigen Verkehrssystemen nicht mitgenommen werden. Praktiker*innen empfehlen deshalb, es möglichst einfach zu halten. „Sprechen Sie die Sprache ihres Publikums“, sagt zum Beispiel die brasilianische Journalistin Brunna Marques Duarte. Und Korrespondentin Janßen schlägt vor: „Ich würde ein kompliziertes Thema in Teile untergliedern.“

Der Bildungsauftrag von Journalisten

Überhaupt haben die Expert*innen auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz in Leipzig viele Ideen, wie Berichterstattung zu Nachhaltigkeitsthemen besser gelingen kann. „Wir Journalisten müssen zu unserer Rolle als Vermittler zurückfinden“, fordert Duarte. Die Rolle der Medien sei es, Komplexität zu reduzieren und den Menschen dabei zu helfen, die geschilderten Informationen zu verstehen. Dazu gehört für Duarte, dass Journalist*innen Themen nicht bloß erklären, sondern deren Sinn hervorheben. In Bezug auf die SDGs sollten sie zeigen, wie diese mit dem „realen Leben“ der Menschen zusammenhängen.

Janßen nennt als Beispiel, dass viele Menschen zwar um den Klimawandel wissen, aber ihr eigenes Verhalten trotzdem nicht ändern. Beispielsweise verreisen sie nach wie vor mit dem Flugzeug, obwohl dessen negative CO2-Bilanz bekannt ist. Das Phänomen des Klimawandels ist für die meisten noch zu abstrakt. Deshalb sollte die Berichterstattung Janßen zufolge bei alltäglichen, konkreten Problemen ansetzen, mit denen sich die Einzelne identifizieren kann. Beispielsweise interessieren sich Stadtbewohner*innen in der Regel besonders für die öffentlichen Transportsysteme, da sie diese nahezu täglich nutzen. Journalist*innen könnten Möglichkeiten aufzeigen, wie diese nachhaltiger gestaltbar sind. Auf diese Art bringen sie den Menschen auch die SDGs näher.

Lösungen statt Negativität

„Du darfst die Menschen mit dem Problem nicht allein lassen“, sagt Janßen, und wird dabei von Gudelj unterstützt. Beide plädieren für einen lösungsorientierten Journalismus. Dieser Ansatz wendet sich mit einer konstruktivistischen Vorgehensweise gegen den in der Berichterstattung verbreiteten Negativismus. Stattdessen rückt er Vorschläge zur Verbesserung von gesellschaftlichen Missständen in den Vordergrund. Einige Berichte über Transportsysteme im Ausland tun dies bereits, indem sie fortschrittliche Verkehrsmittel – wie die Seilbahnen in Südamerika – als Vorbild für Deutschland heranziehen und erläutern, wie diese hierzulande etabliert werden könnten. „Nachmachen, besser machen“, betitelte beispielsweise taz.de einen Kommentar über den kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg.

Es „besser machen“ können aber nicht nur Journalist*innen. Auch den einzelnen Leser*innen ist es möglich, ihre Ansichten zu reflektieren und dadurch ein komplexeres Bild von nachhaltigem Verkehr zu erlangen. Das beginnt damit, dass sie sich der typischen Muster der Berichterstattung bewusst werden. So sind die Klischees von verstopften Mega-Cities, Streiks in Frankreich und der hohen Bedeutung des Autos in den USA sicherlich nicht vollkommen falsch – aber sie entsprechen eben nicht dem vollständigen Bild von nachhaltigem Verkehr im Ausland.

„Der Urwald brennt“ Auslandberichterstattung über die Waldbrände in Brasilien

Von Anne Baum

Ein Unterziel der Agenda 2030 ist der Schutz von Weltnaturerben und die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen. Die Tagesschau gehört zu den reichweitenstärksten Nachrichtensendungen in Deutschland. Wie und zu welchem Anlass wird in der Tageschau und auf Tageschau.de über den Amazonas-Regenwald berichtet? Welche Rolle spielen hierbei die SDG der Agenda 2030 und die Umsetzung der SDGs in Gemeinden und Städten?

Es flackert auf den deutschen Bildschirmen. Von der Hitze spüren die Fernsehzuschauer der Tagesschau am 21. August 2019 vor ihren Fernsehgeräten nichts. „Der Urwald brennt“ sagt ARD- Korrespondent Matthias Ebert. Anfang Januar 2019 brachen die ersten Brände im Amazonas-Regenwald aus, im August sprach der brasilianische Bundesstaat Amazon mit der größten Fläche an Regenwald den Klimanotstand aus. Und die Bilder des brennenden Regenwaldes gehen um die Welt.

Der Schutz des Amazonas-Regenwaldes ist in den SDGs verankert

Die nachhaltige Entwicklung von Städten und Kommunen ist im Unterziel des SDG 11 der Agenda festgeschrieben. Hierzu zählt der Schutz von UNESCO-Weltnaturerben. Teile des Amazonas-Regenwaldes gehören zu den UNESCO-Weltnaturerben. Auch in SDG 15 verpflichten sich die Vereinten Nationen zum Schutz und der nachhaltigen Nutzung von Landökosystemen. Der Schutz des Amazonas-Regenwaldes ist wichtig für eine nachhaltige Entwicklung und Umsetzung der vereinbarten Entwicklungsziele. Gemäß der UNESCO gehören zu Weltnaturerben geologische und physiografische Erscheinungsformen, Naturstätten und Naturgebilde, die einen universellen Wert besitzen und deshalb besonders schützenswert sind. Das Regenwaldgebiet im Nationalpark Jaú wurde 2000 zum Weltnaturerbe erklärt und ist nach dem Nationalpark Tumucumaque der zweitgrößte Nationalpark Brasiliens. Nicht der gesamte Amazonas-Regenwald liegt in Brasilien, jedoch mit einem Flächenanteil von rund 60 Prozent der größte Flächenanteil. Der Amazonas-Regenwald gilt als die grüne Lunge der Welt. Wie ist das mediale Echo?

Die Brände im Amazonas-Gebiet- 2019 ein wichtiges Thema

„Inferno im Regenwald“ oder „Feuer im Amazonas-Regenwald: Brasilien setzt Militär gegen Brände ein“ (beide August 2019) titelt die Tagesschau. Der Amazonas-Regenwald ist 2019 ein häufiges Thema in der Tagesschau und auf Tageschau.de. Im Jahr 2019 werden 218 Berichte veröffentlicht, die unter dem Stichwort Amazonas-Regenwald zu finden sind, im Jahr 2018 gerade einmal sieben, 2017 sind es 12. Im Jahr 2017 befasst sich lediglich ein Bericht mit dem Titel „Bergbau-Freigabe: „Verbrechen gegen Amazonas-Urwald“ (8.2017) ausführlich mit der grünen Lunge des Planeten. Ein Vergleich über eine dreijährige Jahrespanne der Berichte zeigt: Es wird nur dann über den Amazonas-Regenwald berichtet, wenn dieser durch Zerstörung gefährdet ist. Seit dem Beginn der Brände im Januar 2019 häuft sich die Berichterstattung über den Amazonas-Regenwald. Die Brände im Amazonas-Regenwald gehören jetzt zu den tagesaktuellen Nachrichten. Zum Tagesgeschäft der Journalisten der Tagesschau gehört aus der Flut der Nachrichten die relevantesten herauszufiltern, denn nicht jede Nachricht kann es in die Tagesschau schaffen. Sie müssen die Bedeutsamkeit, Wirkungsintensität, Aktualität und Nachhaltigkeit eines Ereignisses in Bezug auf die Zielgruppe abwägen. Je größer und bedeutsamer das Ausmaß der Zerstörung ist, desto häufiger und detaillierter wird über das bedrohte Ökosystem berichtet. So ist es nicht verwunderlich, dass es die Brände Amazonas-Gebietes auf die heimischen Bildschirme der Tagesschau schaffen. Wenn die grüne Lunge der Welt brennt, handelt es sich nicht mehr um einen lokalen Brandherd. Das Feuer und der Verlust der CO2-bindenden Bäume hat Auswirkungen auf das Weltklima und betrifft somit die Bürger in Deutschland. Auch vernichtet der Brand die Bäume im Regenwald unwiederbringlich. Es ist eine scheinbar logische Folge, dass die Berichterstattung über die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes nach den Bränden und der drohenden Zerstörung zunimmt. Aber ist dem wirklich so? Oder gibt es noch andere Gründe warum der Amazonas-Regenwald in den Medien präsent ist?

Meldung auf Tagesschau.de, 23.08.2019.

„Die Waldbrände müssen im Kontext der letzten zehn Jahre gesehen werden“

Zeitsprung und Ortswechsel nach Leipzig. Das diesjährige Thema der Bildkorrekturen ist die Agenda 2030 mit dem Schwerpunkt auf der Umsetzung der SDGs in Gemeinden und Städte. In den verschiedenen Panels sind Journalisten und Experten aus verschiedenen Nationen geladen. Im Brasilien-Panel sitzt Frau Dr. Stausberg vor dem Podium. „Die Waldbrände wurden politisch aufgeblasen und müssen im Kontext der letzten zehn Jahre gesehen werden“, sagt Dr. Stausberg, „Bolivien hat sehr viel mehr Brände.“ Die 72-jährige Journalistin Dr. Stausberg gilt als Expertin für Lateinamerika. Sie berichtete etwa für die FAZ als Auslandskorrespondentin und war Ressortleiterin für Außenpolitik bei der Welt. Eine Analyse der Artikel zeigt: Rund zwei Drittel der Berichte über die Waldbrände thematisieren die Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Bolsonaro, so ein Artikel aus dem ARD-Hauptstadtstudio Anfang Juli 2019, hält vom Klimaschutz wenig und seit seinem Amtsantritt hat sich die Vernichtung des Regenwaldes beschleunigt. Die neu gewonnene Fläche wolle er als landwirtschaftliche Nutzfläche verwenden. Im selbigen Artikel wird der Entwicklungsminister Gerd Müller zitiert: „Zerstören wir den Regenwald, zerstören wir das Klima.“ Laut einem anderen Tageschau-Artikel (8.2019) kurz vor dem G7-Gipfel lehnt es die Bundesregierung ab das Mercosur-Abkommen, einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten, zu blockieren. Inwiefern die Berichterstattung der Tagesschau über die vorherigen Brände im Amazonas-Gebiet unterscheidet, bedarf dem Vergleich über einen längeren Zeitraum. Was eine Untersuchung der Berichterstattung der Tageschau jedoch offenlegt ist: Der brennende Amazonas- Regenwald wird in Brasilien verortet, andere südamerikanische Staaten mit Brandherden wie Südamerika bilden allenfalls eine Randnotiz. Die Betrachtung der Berichte der Tagesschau in den letzten drei Jahren über den Amazonas-Regenwald zeigt: die Waldbrände in Brasilien sind ein komplexes Thema, das weit über die Berichterstattung über ein Brandunglück hinausgeht. Verschiedene politische Akteure und unterschiedliche Interessengruppen müssen betrachtet werden. Dieser Artikel kann diese nur anschneiden. Zu Beginn dieses Jahres zeigt die Tagesschau wieder Videos von Feuerbrünsten. Der Busch in Australien brennt.

Die Umsetzung der SDGs bedeutet mehr als die Erfüllung politischer Zielsetzungen

Zurück ins Brasilien-Panel. Frau Dr. Stausberg ist nicht nur Journalistin, sondern auch Vorsitzende des Vereines Förderverein Städtepartnerschaft Rio de Janeiro – Köln e.V. Seit 2011 ist Rio de Janeiro Partnerstadt der Rheinmetropole Köln. Köln und Rio de Janeiro, zwei Städte, die zusammenpassen. Die Städte und Kommunen spielen in der Berichterstattung über die Waldbrände in Amazonas-Regenwaldgebiet der Tagesschau keine Rolle. Die Waldbrände sind ein nationaler, nicht nur lokaler Konflikt. Zwischen brasilianischen und deutschen Städten gibt es sechs Partnerschaften. Köln und Rio de Janeiro wollen die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Kommunen ausbauen. Gemeinsam- auch für die Klimapolitik. Sie sind es, die durch Projekte die Ziele der Agenda 2030 umsetzen und somit die SDG in das Bewusstsein der Bürger rücken. Mit dem Erfolg der Projekte zwischen den Partnerstädten und in den Städten und Kommunen selbst wird auch mediale Präsenz kommen. Vielleicht nicht in der Tagesschau, aber im Kölner Stadt-Anzeiger. Der Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung kann mehr bedeuten als die Erfüllung von politischen Zielsetzungen. In Köln feierten sie vor einigen Jahren wie jedes Jahr zur fünften Jahreszeit Karneval. Das Motto: „Fastelovend em Blot – he un am Zuckerhot“ zu hochdeutsch: „Fastnacht im Blut -hier und am Zuckerhut“.

Müllverwertung von Kopenhagen bis Rio de Janeiro

von Pia Saunders und Cristina Plett

2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen 17 Sustainable Development Goals. Eines davon ist die nachhaltige Entwicklung von Städten – eine Form von Lebensraum, die Jahr für Jahr auf der ganzen Welt mehr Raum einnimmt. Müll ist in so dicht besiedelten Ballungsräumen ein zentrales Problem. Doch im Rahmen der Sustainable Development Goals werden Städte zunehmend erfinderisch, wenn es darum geht ihren Müll in den Griff zu kriegen. In Kopenhagen fährt man auf brennendem Müll Ski, in Rio de Janeiro hilft Köln beim Verwerten von Biomüll.

 

Es gibt viele Themenbereiche, bei denen die deutsche Politik und Gesellschaft regelmäßig bewundernd oder auch mit einem Hauch von Neid auf die skandinavischen Staaten blicken. Ob fortgeschrittene Digitalisierung, hohes Bildungsniveau, Geschlechts- und Chancengleichheit oder die sich immer weiterverbreitende hygge, das dänische Konzept, das Gemütlichkeit und Achtsamkeit im Alltag zelebriert – nicht umsonst wurde Dänemark bereits viermal zum glücklichsten Land der Welt gewählt. Schweden, Norwegen und Finnland befinden sich ebenfalls regelmäßig unter den Top fünf dieser Liste. Es gibt also zahlreiche Gründe, den Blick nach Norden zu wenden und sich zu fragen, was es von den Skandinavier*innen zu lernen gibt.

 

Auch was das vielleicht wichtigste Thema unserer Zeit betrifft, übernehmen die skandinavischen Länder eine Vorreiterrolle. Erst vor wenigen Wochen kündigte Dänemark an, bis 2050 – in knapp 30 Jahren – vollständig klimaneutral sein zu wollen. Eines der zahlreichen Beispiele dafür, wie dieses ambitionierte Ziel umgesetzt werden soll, ist die Müllverbrennungsanlage Amager Bakke in der Hauptstadt Kopenhagen.

 

Amager Bakke ist ein Projekt des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels, welches im Oktober 2019 nach rund sechs Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde. In der Anlage im Herzen der dänischen Hauptstadt wird Müll verbrannt, um Strom und Wärme für über 150.000 Haushalte zu produzieren. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass Ruß sowie schädliche Stickoxide aus dem von der Anlage ausgestoßenen Rauch herausgefiltert werden. Der Müll, der von den Konsument*innen produziert wird, wird so weiterverwertet und kehrt als Energie in die Haushalte zurück – ein deutlich klimafreundlicheres Unternehmen als die Verbrennung von endlichen Ressourcen wie Gas, Öl oder Kohle.

 

Doch das Projekt der Bjarke Ingels Group, kurz BIG, ist mehr als „nur“ eine stromproduzierende Müllverbrennungsanlage. Die Architekt*innen haben sich etwas Besonderes überlegt um Amager Bakke auch für die Bevölkerung noch attraktiver zu machen: Auf dem Dach der schräg geneigten Industrieanlage legen sie grüne Kunststoffmatten aus – und kreieren so den höchsten künstlichen Skihügel der Welt. Seit einigen Monaten ist „CopenHill“ in Betrieb und soll der Bevölkerung Kopenhagens seine Müllverbrennungsanlage auf nutzerfreundliche Art näherbringen. Über 450 Meter ist die Rampe lang, auf der man das Dach der Müllverbrennungsanlage auf Skiern oder dem Snowboard heruntersausen kann – und das – dank Plastikmatten statt Kunstschnee – das ganze Jahr über.

 

Foto: Pia Saunders.

Damit kommt die Müllverbrennungsanlage einem weiteren wichtigen Ziel ein Stück näher: der Entstehung lebenswerter Städte. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ nennt Architekt Bjarke Ingels das Projekt ein Beispiel für „hedonistische Nachhaltigkeit“. Ziel sei es nicht nur, die Umwelt zu schonen, sondern auch, dabei das Leben der Bürger*innen zu verbessern – wenngleich sich dabei natürlich diskutieren lässt, ob ein Skihügel auf einer Müllverbrennungsanlage dazu beiträgt.

 

Was er jedoch darstellt, steht außer Frage: eine Einladung, sich mit dem Thema Umweltschutz und nachhaltige Energien zu beschäftigen. In diesem Sinne kann man Amager Bakke auch einen Bildungsauftrag zuschreiben: Er fordert die Bürger*innen der Stadt dazu auf, sich auch mit ihrem Konsumverhalten auseinanderzusetzen. Der gewaltige Bau ist immerhin von fast überall in der Stadt zu sehen. Der Rauch, den sein hoher Schornstein ausstößt, erinnert daran, dass Müll, der verbrannt wird, immerhin erst produziert werden muss, und dass jede*r einzelne Bürger*in in der Pflicht ist, die Menge an Müll, die er*sie verursacht, zu reduzieren.

 

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig fand Kopenhagen sein 10.186 Kilometer entferntes Gegenstück. Das Panel zu Brasilien, geplant und gehalten von Studierenden der Deutschen Welle-Akademie, drehte sich schwerpunktmäßig um Klimaschutz, Energieeffizienz und Müllmanagement. Vor allem auf letzteres wurde ausführlich eingegangen, Fallbeispiel war ein Projekt in Rio de Janeiro zur Kompostierung von Bioabfall. Zwei Gäste waren extra angereist, um darüber zu sprechen: José Henrique Penido Monteiro, Vorsitzender der Abteilung für nachhaltige Umwelt der städtischen Müllentsorgungsgesellschaft COMLURB, und Ute Dreiocker vom Büro für Internationales der Stadt Köln. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination – was verbindet Köln mit Rio? Der Karneval, klar – seit 2011 aber auch eine Städtepartnerschaft.

 

Der Zweck einer solchen Partnerschaft ist selten direkt ersichtlich. Ein paar Schilder im Innenstadtbereich, dann und wann eine kulturelle Folklore-Veranstaltung, viel mehr bekommt man als Außenstehende*r davon oft nicht mit. Aber ähnlich wie bei den Sustainable Development Goals steht nicht auf allen Projekten, die aus einer Städtepartnerschaft heraus entstanden, auch dick und fett „Städtepartnerschaft“ drauf. Die Köln-Rio-Verbindung beispielsweise kann bereits einige konkrete Erfolge vorweisen: So wurde 2013 das Brazil Business Center Cologne gegründet, um Köln für brasilianische Unternehmen attraktiver zu machen. Auch zwischen der Kölner und der carioca Messe gab es wiederholt Kooperationen. Beides sind allerdings nicht gerade Beispiele, die auf die Sustainable Development Goals im Allgemeinen oder das Ziel der nachhaltigen Städte (Nummer elf der 17 Ziele) im Konkreten einzahlen. Wirtschaftliche Verbindungen stehen bei ihnen im Mittelpunkt, Nachhaltigkeit ist nicht das zentrale Ziel dieser zwei Maßnahmen.

 

Ein Vorzeigeprojekt gibt es jedoch, bei dem sich beide Städte mit dem Ziel nachhaltiger Urbanisierung zusammengetan haben: Die Kölner Abfallentsorgungsgesellschaft AVG hat die brasilianische COMLURB dabei unterstützt, eine Kompostierungsanlage für Biomüll zu errichten. Um diese ging es dann auch im Gespräch mit Penido Monteiro und Dreiocker.

Im Jahr 2016 begann die Zusammenarbeit zwischen AVG und COLUMB mit der Unterzeichnung der Verträge offiziell. Bis dahin hatte Rio de Janeiro – eine Stadt mit rund 6,5 Mio. Einwohner*innen – seinen gesamten Abfall auf Müllkippen entsorgt. Recycling? Fehlanzeige. Gerade bei Bioabfällen ergibt sich daraus eine Problematik, die die große Herausforderung des Klimawandels noch verschärft: Beim Abbau entsteht unter anderem Methan, ein Treibhausgas. Eine fachgerechte, korrekte Entsorgung der Abfälle wird da unabdingbar, wenn eine Metropole wie Rio ihre Sustainable Development Goals erreichen möchte. Penido Monteiro verfolgt in seiner Position bei COMLURB dieses Ziel und konnte es letztlich mithilfe seiner Kollegin Dreiocker und der Stadt Köln realisieren.

 

Köln schenkte einen Teil der notwendigen Geräte und Maschinen, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung förderte die Anlage finanziell. Dreiocker und Monteiro präsentierten bei dem Panel stolz Fotos der Anlage. Sie erzählten, wie der Kompost wiederum bei Wiederaufforstungsprojekten in der so grünen Stadt Rio verwendet werde. Bei alldem wurde das freundschaftliche persönliche Verhältnis der beiden zueinander spürbar – ein Faktor, dessen Relevanz gerade bei interkulturellen Unternehmungen nicht außer Acht gelassen werden sollte.

 

Dass die von den Vereinten Nationen beschlossenen Entwicklungsziele nur erreicht werden können, wenn alle Mitgliedstaaten kooperieren, steht fest. Besonders wichtig dabei ist neben Kooperation, wie bei Städtepartnerschaften, auch der Wille, sich miteinander zu entwickeln und vor allem voneinander zu lernen. Dass dabei einige Städte wie Kopenhagen mit gutem Beispiel vorangehen, ist eine positive Entwicklung. Dabei ist es jedoch wichtig, dass das Erreichen der Sustainable Development Goals sich nicht allein auf die Staaten beschränkt, deren finanzielle, wirtschaftliche und infrastrukturelle Situation es erlaubt, große Projekte umzusetzen. Städte auf der ganzen Welt müssen die Möglichkeit bekommen, die 17 Sustainable Development Goals zu erreichen, und auch Vorreiter-Städte sollten sich bewusst sein, dass das Erreichen der Ziele nicht den gewünschten Effekt haben wird, wenn diese nicht kollektiv erreicht werden.

 

 

Quellen:

https://www.hayek-institut.at/skandinavische-modell-vorbild-europa/

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ski-piste-auf-muellverbrennungsanlage-in-kopenhagen-oeffnet-16413701.html

https://utopia.de/ratgeber/hygge-hyggelig-so-funktioniert-gluecklichsein-auf-daenisch

https://www.nationalgeographic.com/news/energy/2013/08/130801-amager-bakke-europe-waste-to-energy/

https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-kopenhagen-copenhill-bjarke-ingels-1.4639702

https://www.spiegel.de/reise/staedte/skifahren-am-copenhill-kopenhagen-eroeffnet-piste-auf-muellverbrennungsanlage-a-1289648.html

https://www.ksta.de/koeln/muell-in-rio-koelner-avg-hilft-rio-de-janeiro-beim-kompostieren-24557634

https://www.welt.de/regionales/nrw/article189819657/In-Koeln-fruchtet-die-deutsch-brasilianische-Zusammenarbeit.html

https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/6938Yangzhou%20-%20A%20GEST%C3%83O%20SUSTENT%C3%81VEL%20DE%20RES%C3%8DDUOS%20NA%20CIDADE%20DO%20RIO-english.pdf

Es gibt einen Weltverbesserungsplan – und keiner weiß davon Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen stehen für eine bessere Welt. Doch in den Medien finden die 17 Ziele kaum Erwähnung. Warum ist das so?

Von Tasnim Rödder & Benedikt Dietsch

Das Gebiet von der Gansevoort Street bis zur 30. Straße in New York stellt eine Besonderheit dar. Nicht nur für New Yorker*innen, die im anliegenden High Line Park auf alten Eisenbahngleisen spazieren gehen. Oder für Rollstuhlfahrer*innen, die den Park dank einiger Aufzüge ebenfalls nutzen können. Sondern auch für die deutsche Berichtserstattung. 2011 berichtete Spiegel Online über den High Line Park, vor acht Jahren. Und doch stößt man immer noch auf den Text, wenn man nach dem Stichwort „Barrierefreiheit“ in dem Archiv der Süddeutschen Zeitung sucht. Denn es sind überraschend wenige Artikel, die dort auftauchen. Und nur ein kleiner Teil handelt primär von Barrierefreiheit.

 

Dabei ist das Thema Teil eines größeren Plans, des größten internationalen Plans zur Weltverbesserung: der Sustainable Development Goals (SDGs), den Zielen für nachhaltige Entwicklung, 2015 beschlossen von allen 193 Staaten der Vereinten Nationen. 17 Ziele gibt es, jedes einzelne soll die Welt zu einem besseren Ort machen: Gleichheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Nummer 11 fordert sicheren und bezahlbaren Wohnraum für alle. Verschiedene Unterziele konkretisieren, was das heißt. Das Siebte lautet: „By 2030, provide universal access to safe, inclusive and accessible, green and public spaces, in particular for women and children, older persons and persons with disabilities.” Die Aufzüge im High Line Park sind also Teil einer globalen Strategie – wären sie nicht vor dem Plan entstanden. Die SDGs stammen von 2015, der Spiegel Text erschien 2011. Das heißt: Sie konnten gar nicht in dem Spiegel-Text zum High Line Park auftauchen. Doch auch 2015 bis 2019 erscheinen die Nachhaltigkeitsziele kaum in der Berichterstattung, ähnlich wie die anderen 16 Ziele. Es existiert zwar ein Plan der Vereinten Nationen, wie die Welt verbessert werden könnte. Doch niemand erfährt davon.

 

Das ist überspitzt, klar. Es gibt durchaus Menschen, die davon wissen. Nur sind sie nicht sehr zahlreich: Die Unternehmensberatung für Nachhaltigkeit Schlange & Co. hat dieses Jahr in Zusammenarbeit mit der Yale University eine Studie durchgeführt, in der sie unter anderem untersuchten, wie bekannt die SDGs überhaupt sind. 26.000 Personen aus 174 Ländern befragten sie dafür. Das Ergebnis: Weniger als die Hälfte der Menschen hat überhaupt schon einmal etwas von den Nachhaltigkeitszielen gehört. Der tatsächliche Anteil könnte sogar noch niedriger sein. In einer Kontrollgruppe von zufällig ausgewählten Personen waren es lediglich 16 Prozent, die die SDGs kannten – obwohl etwa drei Viertel der Befragten überdurchschnittlich gebildet sind.

 

Auch eine Befragung in Frankreich, durchgeführt von der University College London und der Birmingham University, deutet darauf hin, dass kaum jemand über den Weltverbesserungsplan der Vereinten Nationen Bescheid weiß. Zwar gaben 40 Prozent der 6.000 Befragten an, dass sie schon einmal von den Nachhaltigkeitszielen gehört haben. Doch nur neun Prozent der Menschen teilten mit, dass sie wissen, was das sei. Für Deutschland, Großbritannien und die USA existieren ähnliche Zahlen.

 

Die Studie von Schlange & Co. zeigte noch etwas anderes: Die meisten Menschen waren sich – auch wenn sie nicht wussten, dass so etwas wie die SDGs existieren – durchaus vieler Probleme bewusst, welche mittels der Nachhaltigkeitsziele behoben werden sollen. Die SDGs, welche die Personen als am wichtigsten einstuften, waren Ausbildung (SDG 4), Gesundheit (SDG 3) und Klima (SDG 13). Der Zugang zu öffentlichem Raum kommt in der Liste nicht vor. Warum ist das so?

 

Eine Erklärung könnte sein, dass das Thema die Menschen einfach nicht beschäftigt. Gerade Barrierefreiheit und Inklusion ist ein Thema, das kein breites Publikum erreicht, da es nur die Lebenssituation einer Minderheit tangiert. Und noch ein Faktor spielt eine Rolle: „Menschen interessiert oft das, was sie in den Medien sehen oder lesen“, sagt Markus Behmer, Kommunikationswissenschaftler an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Doch das Ganze sei ein Kreislauf: Man könne Menschen für Themen wie Barrierefreiheit begeistern, indem man mehr darüber berichte. „Doch das passiert nicht, denn Themen, die das SDG 11.7 betreffen, sind meist klassische Nahraumthemen“, sagt Behmer. Damit meint er: Wenn, dann werde lokal darüber berichtet, da es kein breites Publikum interessiere. Für überregionale Medien oder gar die Auslandsberichterstattung sei das Thema „nicht so catchy.“

 

Warum berichten Medien wenig über Themen wie Barrierefreiheit?

 

Aus der Kommunikationswissenschaft wissen wir, dass Medien über Themen berichten, wenn gewisse Nachrichtenfaktoren gegeben sind. Wenn beispielsweise eine Person der Elite als Akteur auftritt, ein Politiker, bekannter Musiker oder Fußballspieler etwa. Wenn sich eine Katastrophe ereignet, ein starker Konflikt existiert, etwas Schreckliches oder zumindest Außergewöhnliches passiert. Der Zugang zu öffentlichen Plätzen für alle Menschen erfüllt diese Nachrichtenfaktoren kaum. Meist taucht das Thema nur auf, wenn irgendwo etwas Ausgefallenes unternommen wird, um einer bestimmten Personengruppe Zugang zu einem öffentlichen Platz zu verschaffen. Oder es taucht am Rande auf, wie in dem Artikel zum High Line Park, in dem nebenbei erwähnt wird, dass dieser barrierefrei gestalten werden soll. In Zusammenhang mit dem Nachhaltigkeitsziel 11.7 der Vereinten Nationen wird es so gut wie nie gestellt.

 

Dieser Umstand lässt sich auch auf die anderen Ziele übertragen. Über Naturkatastrophen, Klimawandel oder auch Ausbildung berichten deutsche Medien häufiger – das zugehörige Nachhaltigkeitsziel wird dabei kaum erwähnt. Dafür mag es gute Gründe geben. Ist es zum Beispiel für die*den Leser*in relevant, wenn in einem Bericht zu sozialem Wohnungsbau erfährt, dass dies in Einklang mit dem Nachhaltigkeitsziel 11 steht? Nein.

 

Doch stellt man diesen Umstand in einen größeren Kontext, gewinnt er an Brisanz. In diesem Jahr veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, in welcher der Vereinten Nationen in puncto SDGs ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt wurde. „Was als historischer Gipfel begann, könnte als reines Lippenbekenntnis enden“, schreibt dazu Christian Kroll, Studienleiter der Stiftung. Die meisten Länder hinken nach den Erkenntnissen der Studie deutlich hinterher. „Bei vielen Indikatoren besteht die Gefahr, die Ziele komplett zu verfehlen“, heißt es in der Studie.

 

Welchen Beitrag könnten Medien leisten, um das zu verhindern?

 

Markus Behmer hat eine Idee. Wenn mehr Menschen von den SDGs wüssten, stünden die Chancen besser, dass die Ziele auch umgesetzt würden. Da reine Berichterstattung zu den einzelnen Zielen sehr abstrakt und trocken sei, schlägt Behmer einen anderen Weg vor. „Es wird ja oft über Themen berichtet, welche die SDGs betreffen“, sagt er. „Wenn Medien hier öfter dazuschreiben, welche SDGs zu einem gewissen Thema gehören, können sich die Menschen besser etwas darunter vorstellen.“

 

 

 

Quellen:

https://www.globalsurvey-sdgs.com/wp-content/uploads/2019/10/Sustainable-Solutions-Barometer-2019_ENG_web-1.pdf

https://www.globalsurvey-sdgs.com

https://www.spiegel.de/reise/staedte/high-line-park-in-new-york-gruene-schneise-im-grossstadtdschungel-a-767965.html

https://www.sdgindex.org

Weltkulturerbe im Ausland Wenn der Brand im Moskauer Kloster mit der schwäbischen Streuobstwiese verglichen wird

Von Svenja Meier und Victoria Kunzmann

In deutschen Medien wird nur selten über kulturelle Ereignisse im Ausland berichtet. Dazu zählt auch die Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland. Erst wenn sich Katastrophen ereignen, findet Weltkulturerbe oft an prominenter Stelle in den deutschen Medien statt. Journalisten vergleichen dabei regelmäßig kulturelle Stätten im Ausland mit solchen hierzulande.

Pessimistisch, alarmierend, kritisch: Der Grundtenor der deutschen Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland ist häufig negativ. Getreu dem Motto „Bad news is good news“ wird häufiger im Rahmen von tragischen Ereignissen und in krisenhaften Situationen über Weltkulturerbe im Ausland berichtet, ähnlich wie auch bei politischen Ereignissen im Ausland. Neben der Katastrophe ist allgemein eine Veränderung der zweite Grund für Berichterstattung über ausländische Ereignisse. In der Politik sind das zum Beispiel Machtwechsel. In der Berichterstattung über Weltkulturerbe ist das vor allem die Ernennung zum Weltkulturerbe – oder eben die Aberkennung dieses Status.

 

Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland: Analyse journalistischer Beiträge

Um Muster in der Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland erkennen zu können, haben wir sieben journalistische Beiträge aus verschiedenen Medien untersucht. Dazu zählten kurze Meldungen, längere Features in Print und Online sowie Fernsehreportagen, die bei Spiegel Online, der WELT, im ZDF, im Ersten, im Tagesspiegel, in der Frankfurter Allgemeinen und in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden. Die Informationen stammen zum Teil von Nachrichtenagenturen, von denen die Redaktionen sie übernehmen – nicht unüblich gerade bei der Berichterstattung über kulturelle Themen aus dem Ausland, wo eigene Korrespondenten fehlen. Die Berichte wurden alle innerhalb der vergangenen fünf Jahre veröffentlicht: Der älteste Beitrag ist auf November 2014 datiert, der aktuellste Beitrag stammt von Oktober 2019. Alle Beiträge handeln von Weltkulturerbestätten, die sich im Ausland befinden. Der Anlass der Berichterstattung ist in jedem Artikel ein anderer. Die WELT beschreibt in ihrem Artikel „So gefährdet der Klimawandel das Welterbe“ beispielsweise die Zerstörung von Weltkulturerbe durch Naturkatastrophen, ausgelöst durch den Klimawandel. In einem anderen Beitrag im Tagesspiegel wird hingegen sachlich-neutral über den Brand im Moskauer Neujungfrauenkloster, einer Weltkulturerbestätte, berichtet.

Um die Berichterstattung über Weltkulturerbe für den Leser relevant zu machen, versuchen Journalisten eine Verbindung herzustellen – erst recht, wenn es um hunderte oder tausende Kilometer vom Wohnort des Lesers entferntes Weltkulturerbe geht. Die Annahme: Der Leser soll sich mit dem Thema identifizieren können und das gelingt am ehesten, indem ein Vergleich zu einer ihm bekannten Situation gezogen wird. Dieses Phänomen wird Domestizierung genannt.

Als „Regionaljournalismus aus einer anderen Ecke der Welt“ bezeichnet der ehemalige Spanien-Korrespondent Jörg Rheinländer seine Arbeit im Interview mit dem NDR. Die größte Herausforderung der Zusammenarbeit mit der Redaktion in Deutschland sieht er darin, „Redakteuren klarzumachen, dass etwas spannend sein kann, auch wenn es nicht den Nachrichten-Mainstream reproduziert, der gerade einem Land einen bestimmten Stempel aufdrückt.“

 

Heimische Streuobstwiesen vs. Brand in einem Moskauer Kloster

Um die Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland besser analysieren zu können, haben wir sie mit der Berichterstattung über heimisches Weltkulturerbe verglichen und nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten gesucht. Dafür haben wir einen Artikel aus dem Stuttgarter Wochenblatt mit dem Titel „Streuobstwiesen – Ein Weltkulturerbe“ gewählt und Ausschnitte daraus mit Passagen aus drei anderen Artikeln verglichen, die sich mit Weltkulturerbe im Ausland beschäftigen. Dabei fällt auf, dass der Artikel aus dem Stuttgarter Wochenblatt wesentlich subjektiver und emotional gefärbter ist als die anderen Texte: „Streuobstwiesen gehören zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas. Auch deshalb ist der Antrag, Obstwiesen zu einem Weltkulturerbe zu machen, aktuell und begründet“, heißt es gleich im Einstieg. Durch diese Leserlenkung und die Aufzählung verschiedener Stadtteile Stuttgarts, in denen es Streuobstwiesen gibt („Auch in und um Stuttgart, wo es noch Restbestände von Streuobstwiesen beispielsweise in Sonnenberg oberhalb des Waldfriedhofs, in Plieningen Richtung Scharnhausen, Heumaden, Rohr, Wangen und Rohracker gibt“), wird eine räumliche Nähe hergestellt. Nähe will auch der Journalist der FAZ herstellen, der in seinem Artikel über Babylon, das zum Weltkulturerbe erklärt wurde, den Bogen zu Deutschland schlägt und so einen Bezug herstellt. Er schreibt: „Die befestigte Stadt aus Lehmziegelgebäuden ist bekannt für ihre hängenden Gärten, den sprichwörtlich gewordenen Tempelturm und das Ischtar-Tor, von dem Teile unter anderem im Pergamon-Museum in Berlin ausgestellt sind. Die Welterbe-Kommission entschied sich nach irakischen Protesten dagegen, Babylon auf die Liste des gefährdeten Welterbes aufzunehmen, obwohl die Stätte in „extrem gefährdetem Zustand“ sei. […] Jahrzehntelang versuchte die irakische Regierung, die Ruinenstadt zum Weltkulturerbe zu machen.“ Die Relevanz speist sich aus der Einbeziehung des Berliner Museums als Ausstellungsort von Teilen des erwähnten Weltkulturerbes.

Allerdings bleibt der Eindruck, dass die Berichterstattung über Welterbe im Ausland wesentlich distanzierter ist als entsprechende Berichte über heimische Stätten. Das wird verstärkt, wenn der Redakteur fremde Quellen zitiert, da der Leser so erfährt, dass er die Informationen nicht selbst zusammengetragen hat, sondern sich wiederum auf Kollegen beziehen muss. „In den Trümmern wurden der Tageszeitung ‚Times of India‘ zufolge bis zu 50 Menschen verschüttet“, schreibt etwa Spiegel Online in seinem Text „Verlorenes Weltkulturerbe, verlorene Pilgerorte“. Durch Vergleiche und Bezüge zu Deutschland soll der Leser bzw. Zuschauer einen besseren Gesamteindruck und die Relevanz des Themas vermittelt bekommen.

Um kulturelle Themen für den Leser besser zugänglich zu machen, ordnen Journalisten das Ereignis in den meisten Fällen kurz historisch, gesellschaftlich oder kulturell ein. Im Rahmen der Berichterstattung über die Zerstörung einer Stätte wird beispielsweise erklärt, wann sie zum Weltkulturerbe ernannt wurde und welche historische Bedeutung ihr zukommt. Das ermöglicht es dem Leser, die Relevanz der Nachricht einzuordnen. Über die Einordnung hinaus folgt jedoch nur recht selten eine gezielte politische oder gesellschaftliche Botschaft oder Meinung. Die Berichterstattung ist tendenziell nüchtern. Intentionen betreffen – wenn überhaupt – nachhaltiges Handeln: So wird zum Beispiel in der Reportage „Ansturm der Kreuzfahrer“ fehlendes nachhaltiges Verhalten der Touristen angeprangert, die die Stadt in Montenegro im Sommer mit dem Kreuzfahrtschiff besuchen. Die Folgen für Umwelt und Wirtschaft werden deutlich angesprochen – ebenfalls eher selten in der Berichterstattung. Meist finden Folgen keine Erwähnung, ebenso wenig wie die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030, die in keinem Text bzw. Beitrag explizit als solche erwähnt werden. Indirekt finden sie Anklang, insbesondere das SDG 11.

Die Sustainable Development Goals, kurz SDGs, sind 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Vereinten Nationen gemeinsam verabschiedet haben, um die wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklung auf der Welt zu sichern. Die Ziele sollen bis 2030 in Kraft treten, sie sind das Kernstück der Agenda 2030. Ziel 11 betrifft nachhaltige Städte und Kommunen. So steht in der offiziellen Beschreibung: „Städte und menschliche Siedlungen ganzheitlich, sicher, belastbar und nachhaltig machen.“ Das Unterziel 11.4 geht dabei speziell auf Weltkulturerbe und Weltnaturerbe ein. Hierzu heißt es: „Bemühungen stärken, um das Weltkultur- und -naturerbe zu wahren und zu schützen.“ Die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit beschreibt Vorschläge, wie die Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können. Dazu zählt eine Entwicklungsplanung, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Verbindungen zwischen Städten und Kommunen schaffen soll. Zudem sollen ein Katastrophenrisikomanagement sowie eine entsprechende Vorsorge eingerichtet werden. Mehr Städte sollen effizienter mit Ressourcen umgehen und so den Klimawandel abschwächen. Zu guter Letzt sollen wenig entwickelte Länder finanziell und technisch unterstützt werden, um nachhaltige und widerstandsfähige Gebäude mithilfe vor Ort vorhandener Materialien errichten zu können.

Der Müll der Anderen SDG 11.6: Wie deutsche Medien über Müll- und Abfallmanagement in ausländischen Städten berichten

Von Christian Volk und Frederik Kastberg

Fechete Petru Alexandru lebt auf einer Müllkippe. Seine Hütte aus Plastikverpackungen, Metallüberresten und einfachen Holzverschlägen hat nicht einmal eine eigene Toilette. Fechete lebt dort, wo die Menschen das hinwerfen, was sie nicht mehr brauchen. Mitten im stinkenden Meer aus Schlamm und Müll. So ist es zu hören, in einer Deutschlandfunk-Reportage aus der rumänischen Großstadt Cluj-Napoca im Nordwesten des Landes. Dort ist die Müllkippe Pata Rat für deutsche Medien ein vielgenutztes Beispiel, um gleich auf mehrere Missstände hinzuweisen. Neben der Müllproblematik werden auch die Roma-Ausgrenzungen sowie Korruption immer wieder thematisiert. Dutzende deutsche Medien haben in den vergangenen Jahren über Pata Rat berichtet. Darunter das ZDF, der MDR, die Berliner Zeitung, aber auch die Kreiszeitung aus Syke bei Bremen.

Auch Florian Müller war in Pata Rat. Er ist Reportagefotograf und hat dort in den Jahren 2012 und 2013 Eindrücke für mehrere NGOs festgehalten. Bei seiner Arbeit vor Ort bemerkte er, dass die Menschen auf der Müllkippe wegen der vielen Berichte mit der Zeit eine Kompetenz im Umgang mit den Reportern entwickelt hatten. „Die Menschen wollen sich natürlich in einem besonderen Licht zeigen, weil sie etwas erreichen wollen. Das muss man klar verstehen“, sagt Müller. Dennoch sei die Angst vor Stigmatisierung immer noch allgegenwärtig. Das mache die Arbeit vor Ort kompliziert. Hinzu kämen oftmals eine unklare Quellenlage und Probleme bei der Übersetzung durch örtliche Dolmetscher. Auch deshalb plädiert der Fotograf leidenschaftlich für Offenheit in der Berichterstattung. „Warum sollten wir nicht auch mal ein Fragezeichen stehen lassen?“, fragt er.

Pata Rat und die rumänische Stadt Cluj sind nur eines von vielen Beispielen für die deutsche Berichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in ausländischen Städten. Grundsätzlich lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, wie und warum an diese Themen von Medienseite aus herangegangen wird.

In der Forschung geht die Nachrichtenwerttheorie davon aus, dass die Kombination verschiedener Nachrichtenfaktoren den Nachrichtenwert eines Ereignisses bestimmt. Ein Faktor ist beispielsweise die Negativität oder Bedeutsamkeit des Geschehens, aber auch die räumliche, kulturelle und politische Nähe zum jeweiligen Land sowie dessen wirtschaftliche Macht sind mitentscheidend bei der Bewertung eines Ereignisses als Nachricht. Stark vereinfacht bedeutet das in der Regel: Eine Meldung aus Frankreich oder den USA ist für deutsche Medien wichtiger als eine vergleichbare Nachricht aus Botswana. Die Vereinigten Staaten rangieren im nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2018 nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf dem ersten Platz, Frankreich auf Platz sechs. Botswana dagegen ist abgeschlagen auf Rang 117. Auch der politische Einfluss und die kulturelle Nähe sprechen für eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber den USA und Frankreich und gegen eine Betrachtung der Nachricht aus Botswana.

 

Aufwendige Recherchen nur noch selten möglich

 

Die Berichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in Städten folgt in vielen Fällen allerdings einer anderen Logik. Das beweist nicht nur die Geschichte von Fechete Petru Alexandru im politisch und wirtschaftlich abgeschlagenen Rumänien, sondern noch deutlicher das Beispiel Malaysia.

Hier warnte Umweltministerin Yeo Bee Yin vor wenigen Monaten: „Illegaler Plastikmüll droht das Land in eine Müllkippe zu verwandeln.“ Sie kündigte an, den Müll wieder in die Herkunftsländer zurückzuschicken – auf deren eigene Kosten. Viele deutsche Medien berichteten darüber. Ein Team von ZDF und Wirtschaftswoche recherchierte bereits Monate zuvor in dem südostasiatischen Land und deckte dabei gravierende Missstände auf.

Jacqueline Goebel von der Wirtschaftswoche war vor Ort in der Region Selangor, in der Nähe der Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort fand sie illegal entsorgten Plastikmüll aus Europa – darunter auch etliche Verpackungen aus Deutschland. Diese werden dort meist illegal und umweltverschmutzend verbrannt. Durch lokale Kontakte öffneten sich für Goebel schnell Türen. In Selangor war ein Großteil der illegalen Fabriken und Deponien bereits entdeckt. „Ich habe diese dann erst mit Anwohnern und Greenpeace-Mitarbeitern, später auch mit Behördenmitarbeitern nach und nach abgeklappert“, erzählt Goebel.

Diese intensive Beschäftigung mit solch komplexen Themen sei enorm wichtig, pflichtet ihr Christian Esser vom ZDF bei. Er recherchierte von Deutschland aus gemeinsam mit Goebel zu den illegalen Mülldeponien in Malaysia. Ohne die entsprechenden Ressourcen und Zeit für die Recherche seien derartige Geschichten heutzutage aber kaum noch möglich. Das ist einer der Gründe, warum aufwendige und umfangreiche Auslandsberichterstattung über Müll- und Abfallmanagement beispielsweise in Form von Reportagen, Portraits oder Features häufig von großen Medienunternehmen angeboten wird. Viele kleinere Medienhäuser können sich Korrespondenten, Reporter vor Ort oder längere Recherchereisen ohne sicheren Output nicht mehr leisten.

 

Aktualität oft zweitrangig

 

Die illegalen Mülldeponien zeigen zudem einen weiteren Ansatz, den deutsche Medienunternehmen in der Auslandsberichterstattung zu diesem Thema verfolgen: Es muss nicht immer aktuell sein. In der Region Selangor werden schon seit Jahren Abfallprodukte illegal verbrannt. Die investigative und mehrmonatige Recherche der deutschen Journalisten war ausschlaggebend, dass dieser Missstand überhaupt aufgedeckt wurde. Später verfolgten auch andere Medien die Entwicklung der Region und des gesamten Landes – von einzelnen aktuellen Ereignissen war die Berichterstattung dagegen kaum abhängig. Ein Muster, das auch auf die Müllkippe in Cluj-Napoca und viele andere Städte weltweit zutrifft. Für Boris Herrmann ist diese Freiheit jenseits der aktuellen Nachrichtenberichterstattung ein großes Privileg. Er war vier Jahre lang Südamerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Brasilien. Für die SZ-Rubrik „Profil“ beschäftigte er sich unter anderem mit José Alberto Gutiérrez, einem Müllmann aus Bogotá in Kolumbien, der aus weggeworfenen Büchern eine riesige Bibliothek aufgebaut hatte. Auch hierbei handelte es sich nicht um eine Geschichte mit aktuellem Bezug, sondern vielmehr um eine Handlung, die sich seit Jahren entwickelt hat. „Manchmal erhält man die schönsten Geschichten, wenn man nicht dort ist, wenn alle anderen Kollegen dort sind, sondern vielleicht ein Jahr später“, sagt Herrmann. Genau das sieht er auch als zukünftige Aufgabe der klassischen Medienangebote: Hintergründe liefern, analysieren und tiefergehende Recherchen realisieren.

Am Beispiel von José Alberto Gutiérrez wird außerdem deutlich, dass Geschichten über Müll- und Abfallmanagement in den meisten Fällen stark personalisiert sind. „Geschichten von Menschen sind einfach deutlich interessanter für den Leser. Er kann sich in die Menschen hineinversetzen“, erklärt Herrmann. ZDF-Kollege Esser fügt hinzu, dass ein „starker Protagonist“ zudem helfe, das Thema verständlich zu transportieren.

 

Unzureichende Recherchen zu den Tätern

 

Um die entsprechende Geschichte als Medienunternehmen zu veröffentlichen, muss neben den bereits erwähnten Nachrichtenfaktoren – die bei Müll- und Abfallmanagement häufig die Eigenschaften „Konflikt“, „Dramatik“, „Emotionalisierung“, „Tragweite“, aber auch „Kuriosität“ umfassen – auch auf die Einhaltung journalistischer Standards geachtet werden. So gilt bei den befragten Redaktionen und Auslandsreportern vor allem die Sorgfalt im Umgang mit Protagonisten, aber auch mit Informationen als besonders wichtig. Und auch wenn die Fakten stimmen, lassen sich durch die Herangehensweise oder die Schwerpunktsetzung leichte Tendenzen in der Berichterstattung erkennen. Festzuhalten bleibt zum Beispiel, dass es kein einheitliches „Gut“ oder „Böse“ in den Geschichten gibt – und die Verantwortlichen für Missstände je nach Stadt aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft kommen. In Cluj-Napoca in Rumänien sind vor allem gesellschaftliche Verwerfungen, aber auch die lokale Politik Schuld an der Situation. In Malaysia ergaben die Recherchen von ZDF und Wirtschaftswoche, dass dort Müll aus den Industrienationen – auch aus Deutschland – abgelagert und verbrannt wird. Hier sind sowohl das Handeln der deutschen Unternehmen als auch die Korruption vor Ort als Gründe für die Verschmutzung anzuführen. Dennoch würden deutsche Medien zu wenig über die Täter der Missstände berichten, sagt Wirtschaftswoche-Reporterin Goebel: „Die Müll-Exporte wandern durch zahlreiche Hände, deshalb fühlt sich niemand verantwortlich. Aus meiner Sicht wäre es aber wichtig, auf die Verantwortung der Recyclingindustrie und der Exporteure hinzuweisen.“ Gleichzeitig gibt es auch positive Beispiele in der deutschen Auslandsberichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in Städten. Vor allem Kolumbiens Hauptstadt Bogotá gilt als Vorzeigeprojekt. Dort werden viele Hilfsprojekte oder Einzelpersonen porträtiert.

 

Um eine vergleichbare Entwicklung zu nehmen, wie es Bogotá in den vergangenen Jahren gelungen ist, hat die rumänische Stadt Cluj-Napoca noch einen weiten Weg vor sich. Groß sind die Vorbehalte und klein die Erwartungen. Sicher ist, dass die deutsche Auslandsberichterstattung weiter ein Auge auf die Stadt, ihre Müllkippe und auf Fechete Petru Alexandru haben wird. Vom Deutschlandfunk bis zur Kreiszeitung.

Songdo – Planstadt mit Schwächen (SDG 11.3)

Von Benjamin Ansari

Kaputte Mülltonnen, schlechte Luftqualität, ein steriler öffentlicher Raum gekennzeichnet durch nicht fertiggestellte Behausungen und brach liegende Flächen, welche die rein hypothetische Entstehung jeglicher Form städtischen Lebens im Keim ersticken. Die wenigen verbliebenen Einwohner werden permanent überwacht, ihre persönlichen Daten und Bewegungsprofile von Vater Staat getrackt, ihr öffentliches Verhalten mithilfe flächendeckender Videoüberwachung aufgezeichnet und unter dem fadenscheinigen Deckmantel vermeintlicher Energieeffizienz und Ressourceneinsparung algorithmisch weiter verwertet. Ein reales Schreckensszenario mit Anklängen an „1984“, doch anstelle des totalitären Staates „Landefeld 1“ aus George Orwells dystopischem Roman verorten wir dieses fortan in Südkorea – zumindest wenn wir dem Bild Glauben schenken mögen, welches eine Vielzahl deutscher Nachrichtenmedien zu zeichnen scheint.

 

Dabei handelt es sich bei Songdo eigentlich um die Stadt der Zukunft: Errichtet auf 6 Quadratkilometer aufgeschüttetem Land, soll die im südlichen Teil der Millionenstadt Incheon seit 2003 im Bau befindliche Planstadt einmal ein voll vernetztes, nachhaltig ausgerichtetes Finanz- und Technologiezentrum werden und neben umfassenden Bildungs-, Kultur- und Einkaufsangeboten auch hervorragende Arbeits- und Wohnmöglichkeiten sowie eine umfassende medizinische Versorgung bieten. Die urbanen Verheißungen könnten dabei nicht vielversprechender sein, insbesondere im Hinblick auf den Aspekt der nachhaltigen Stadtentwicklung: So sollen 40 Prozent der städtischen Flächen als parkähnliche Grün- und Erholungsflächen genutzt werden, dem umweltschonenden Individual- und öffentlichen Verkehr wird dabei freilich Vorrang gegeben. Selbstverständlich werden bei Bau und Betrieb international anerkannte und zertifizierte Umweltstandards eingehalten. Multifunktions-Chipkarten ermöglichen die Nutzung etlicher öffentlicher und privater Dienstleistungen und sollen die Bürger nicht etwa überwachen, sondern ihnen den Alltag erleichtern. Erst diese Vernetzung ermöglicht in Kombination mit der ständigen Datensammlung die möglichst energieeffiziente Verteilung von Ressourcen, behauptet zumindest die Stadtverwaltung.

 

Während sie selbst sich für die erfolgreiche Planung einer Art grünen Utopia mit Hightech-Anstrich in überschwänglichen Tönen lobt, bröckelt in der Außendarstellung durch deutsche Medien nicht nur der Estrich: Aus der Smart City wird bisweilen die vom Reißbrett entworfene „Retortenstadt“, die sich unter dem Primat der Digitalisierung dem technologisch Möglichen unterwirft, ohne das sozial Gerechte respektive die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen.

 

Die medial gezeichneten, urbanen Malaisen Songdos scheinen mannigfaltiger Natur und großer Zahl zu sein, und doch lassen sie sich gewissen Grundmustern zuordnen. Aus der Empirie bekannte Nachrichtenfaktoren der Auslandsberichterstattung wie die Einnahme einer nationalisierten Perspektive und eine starke Negativzentrierung zeichnen sich auf beinahe paradigmatische Art und Weise ab. Wie zeigt sich diese Logik deutscher Medienberichterstattung über Songdo konkret? Mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse von 9 Artikeln deutscher Medien im Zeitraum vom 18.05.2015 bis zum 21.09.2019 versuchten wir dies herauszufinden.

 

Der Fokus aufs Negative ist dabei prävalent: Bemängelt werden neben der ständigen Überwachung der Bevölkerung auf Grundlage digitaler Technologien und dem unzureichenden Datenschutz eine Vielzahl an städtischen Herausforderungen wie die Anziehung potenzieller Zuzügler, die Belebung des ausgestorbenen urbanen Raums sowie nicht funktionierende Müllsammelstellen. Die Stadt sei weniger innovativ als sie verheiße, vor allem aber weniger inklusiv: Die hohen Lebenshaltungs- und Wohnkosten sorgten dafür, dass Apartments zu Spekulationsobjekten verkommen und die Bevölkerungszusammensetzung trotz einem nach außen getragenem internationalen Selbstverständnis durch einen hohen Grad an sozioökonomischer und auch ethnischer Homogenität gekennzeichnet ist. Diese Art des Elitismus zeige sich auch daran, dass auf über 100.000 Einwohner derzeit weniger als 3000 Ausländer kommen. Auch kämen sämtliche Einwohner- und Arbeitsplatzbesitzer aus der oberen Mittelschicht. Arme, alte und nicht erwerbsfähige Menschen würden dabei komplett außen vor gelassen. Songdo sei als Projekt von und für ökonomisch-gesellschaftliche Eliten konzipiert worden, von einer IT-Firma als „Top-Down Entscheidung“ initiiert und von Konzernen gesteuert. Diese seien weniger von Zukunftsvisionen, ökologischen Innovationen und moderner Stadtpolitik getrieben als vielmehr vom ökonomischen Nutzungsanspruch, die südkoreanische Stadt zum idealen Testmarkt für die Neueinführung von Produkten auszubauen. Kein Wunder also, dass eine soziale Durchmischung von den Projektplanern gar nicht erst erwünscht ist. In der Berichterstattung zeichnen sich an dieser Stelle Schnittmengen mit dem Merkmal der Elitenzentrierung ab, wenn Medien den Schwerpunkt auf vermeintliche Eliten legen, meist staatlicher und politischer Natur, die einen hohen Bekanntheitsgrad oder ein großes Maß an Einfluss in einem spezifischen Funktionssystem besitzen.

 

Der Ruf nach einer verfehlten Stadtplanung ist allerorts zu vernehmen, Nachrichten-Websites wie heise Online sprechen sogar von einem „bewohnten Computer“. Die hohe Automobilzentrierung, der enorme Anteil an fußgängerfeindlicher Bebauung wie Marschland und Brachflächen sowie der unabgeschlossene Bauprozess führten zu einem verwaisten urbanen Leben, einem artifiziellen Stadtbild, fehlendem Rückhalt in der Bevölkerung und letztendlich zu Problemen bei der Akquise einer ausreichenden Menge an Zuzüglern.

 

Auch das zumindest in Teilen der Bevölkerung abhanden gekommene Umweltbewusstsein wird kritisiert: Umweltschädliche menschliche Angewohnheiten wie die allzu häufige Inanspruchnahme von Lieferservices sorgten dafür, dass Südkorea den höchsten Pro-Kopf-Kunststoffkonsum aufweist. Dieser sei Sinnbild einer typisch südkoreanischen Kultur, welche sich anstelle eines nachhaltigen Recycling-Ansatzes niedrigeren konsumistischen Wegwerftrieben unterwerfe, frei nach dem Motto: Warum reparieren, wenn ich gleich neu kaufen kann?

An diesem Punkt eröffnen sich Schnittstellen mit einem weiteren Merkmal der Auslandsberichterstattung, der Einnahme einer nationalisierten Perspektive: Dabei werden ausländische Ereignisse durch die Wahl der Berichterstattungsperspektive gewissermaßen domestiziert, indem beispielsweise ein Großteil der handelnden Akteure deutscher Herkunft ist, vermehrt Bezüge zu Deutschland aufgegriffen werden oder der Fokus auf die kulturellen Unterschiede der Länder gelegt wird. Der koreanischen Perspektive und der für das Gros der Europäer zugegebenermaßen wohl eher abschreckenden koreanischen Mentalität gesteigerter Technikgläubigkeit – teilweise gehen aus den Zitaten der Einwohner Songdos sogar Forderungen nach der Überwachung in den eigenen vier Wänden hervor – wird dabei eher mit Argwohn als mit Verständnis begegnet. So werden die Gefahren des Digitaloptimismus à la Südkorea hinsichtlich Datenmissbrauch und Überwachungspotential schonungslos offengelegt, während die durchaus existierenden Vorteile der Einbindung moderner Technologien in den Alltag entweder unberücksichtigt bleiben oder gänzlich negiert werden. Verständnis für die kulturellen Unterschiede, insbesondere für das im Vergleich zu Europa oft höhere allgemeine Sicherheitsbedürfnis vieler Südkoreaner im öffentlichen Raum sucht man in einigen Artikeln vergebens.

 

Schlussendlich sind die gewonnenen Erkenntnisse nicht überraschend: Es zeigt sich, dass die Auslandsberichterstattung vieler Medien stark von ihrer eigenen, zumeist in deutschen Gefilden sozialisierten Perspektive geprägt ist. Und wer vermag es den Journalisten zu verübeln? Selbstverständlich sind mediale Produkte immer auch Ergebnisse von Mechanismen der Informationsselektion, -organisation und -reduktion, Presse-Erzeugnisse stets auch Resultat von Aushandlungsprozessen zwischen der reinen Informationsgenerierung und -weitergabe sowie der eigenen Meinungsdarstellung. Die Wahl der vermeintlich richtigen Perspektive hängt nun mal maßgeblich von den eigenen Kognitionen und Einstellungen ab. Unterschiedliche Betrachtungsweisen verwandeln ein und denselben Gegenstand dann in einen Januskopf, bei dem das Wechseln des Standpunktes aus dem Verborgenen tretende Gesichtszüge hervorbringt.

 

 

Welche Gesichtszüge man nun zeigt, und wie man diese bewertet, das sollte jedem Einzelnen selbst überlassen werden. Manch Einer mag sich in seinem redaktionellen Selbstverständnis eines Journalismus, der den Finger in die Wunde legt, um Missstände aufzuzeigen und bloß keine Marketingparolen zu replizieren, bestärkt wissen. Manch Einer mag sich am Kaputtreden löblicher urbaner Projekte stören, mag sogar von einer typisch deutschen Eigenart übertriebener Technophobie sprechen, welche sich im kleinen Maßstab in den Artikeln über Songdo und auf Makro-Ebene in der, nun ja, ins Stocken geratenen oder – je nach Betrachtungswinkel – gar nicht erst angelaufenen Digitalisierung des 5G-Brachlandes Deutschland zeigt. Eventuell liegt das rechte Maß aber wie bei so vielen Dingen in der Mitte, und ähnlich wie Städte sollten auch journalistische Erzeugnisse nicht gänzlich am Reißbrett entworfen werden, sondern ein Mindestmaß an organischem Wachstum aufweisen. An Stelle einer vorbestimmten, zwischen Utopia-Verheißungen und Retortenstadt-Verissen oszillierenden normativen Wertung könnten so durch neutrale Vor-Ort-Recherche erlangte deskriptive Einsichten stehen.