Arbeiten im ehemaligen Staatsgebiet Wie die Stasi das Leben von Tobias Hollitzer prägt

von Kathrin Müller-Lance, Cindy Boden und Nicolas Horn

Er arbeitet jetzt da, wo sich früher feindliches Gebiet befand. Sein Büro liegt in einem der Räume der früheren Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (BVfS) in Leipzig. Dass damals ein Mitarbeiter der Stasi an seiner Stelle saß, macht Hollitzer nichts aus: „Ich spüre keinen DDR-Geist darin.“ Es ist nicht überzogen, zu sagen: Das BVfS-Gebäude hat Hollitzers Leben geprägt – und prägt es immer noch. Am 4. Dezember 1989 gehört er zu den ersten Besetzern der SED-Zentren in Leipzig. Zwischen 23 und 24 Uhr sei er damalsin die Bezirksverwaltung eingedrungen, erinnert er sich. Wirklich rausgekommen ist der heute 52-Jährige seitdem nicht mehr.

Die ersten 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR ist Hollitzer stellvertretender Außenstellenleiter der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit. Seitdem leitet er im benachbarten Gebäudetrakt das Museum Runde Ecke, das seit August 1990 die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ beherbergt. Er sei da halt „so reingerutscht“. Nun fühlt er sich dem Erinnern verpflichtet, weil er als einer von Wenigen dabei war, als die Leipziger Bürger die Behördenräume besetzten.

Der Umsturz kommt damals auch für Hollitzer unverhofft. „Es geht jetzt. Ich will das jetzt wissen“, denkt er sich an jenem Dezemberabend 1989 und spürt eine Mischung aus Angst und Neugier. Weil die Stasi ihre Türen für einige Demonstranten wie ihn öffnet, bleibt die friedliche Revolution gewaltfrei. Das vorderste Ziel ist erreicht: die Aktenvernichtung gestoppt. Als Hollitzer während der Besetzung immer mehr Stahltüren zu Stasi-Räumen öffnet, sieht er neben zerrissenen Karteikarten auch Säcke voll ungeöffneter Post. Schon in den Jahren der Diktatur zuvor habe man gemunkelt, dass Stasi-Mitarbeiter private Briefe kontrollierten und Telefonate abhörten. „Das Überraschendste war vor allen Dingen die Gewissheit, die sich da auftat”, erinnert sich Hollitzer zurück.

In dem von außen betrachtet monströsen Bau mit den abgerundeten Spitzen lagern damals tausende Akten, auch Hollitzers. „Das berührt mich gar nicht so“, sagt Hollitzer heute. Für die SED ist er damals ein Feind, obwohl er als Umweltaktivist gar nicht dezidiert gegen die Parteiführung kämpft. Warum er trotzdem ins Visier der Stasi geraten sei? „Man braucht eine Grundopposition für das Engagement, das Engagement bringt einen aber auch in die Opposition.“

Sein Wissen über die DDR hat der gelernte Bau- und Möbeltischler aus Akten, wissenschaftlichen Recherchen und persönlichen Erfahrungen gesammelt. Von seiner Vergangenheit  berichtet der frühere Umweltaktivist meist distanziert. Fast so, als ginge ihn seine Geschichte weniger an als die der unzähligen anderen Oppositionellen. Nur wenn es um seine eigene Stasi-Akte geht, gerät er ins Stocken. Von der Akte sei „nicht mehr so wahnsinnig viel da“. Aber sein Name taucht in anderen Dokumenten auf, auch ein Passbild von ihm wurde gefunden. Und so ganz aufgegeben hat er die Suche immer noch nicht: „Ich bin sicher, dass es einen Sack gibt, in dem die Akte liegt.”

Seine nüchterne Erzählweise behält er auch dann noch bei, wenn es um eine “für unmöglich gehaltene” Dimension der Stasi-Vergangenheit geht: die Einrichtung von Isolierungslagern. Dorthin sollten Menschen gebracht werden, die als potenziell gefährlich galten. Eine Liste mit Namen gab es auch für rund 100 Leipziger Bürger. “Wo ich auch meinen Platz drauf hatte”, fügt Hollitzer hinzu. Zum Glück sei es nur eine Planung geblieben.

Trotz allem war für ihn immer klar: „Ich bleibe in Leipzig, nicht in der DDR.” Weil er nicht weg wollte, sollte sich eben der Staat verändern. Bei der Aufarbeitung des SED-Regimes geht er rigoros vor – was längst nicht allen passt. Viele fänden, die Zeit sei reif, sich anderen Fragen als den ostdeutschen zu widmen. Ein Vorwurf, den er heute immer wieder hört: „Die Ausstellung in der Runden Ecke zeigt zu konkret, was die Stasi war.” Für Hollitzer ist diese Aussage allerdings fast eher Lob als Kritik. Er will, dass sein Museum unbequem ist. Wenn „heute grundsätzliche Dinge infrage gestellt“ würden, frustriert ihn das. Man müsse neben der Stasi auch andere Facetten der DDR in den Blick nehmen, heiße es immer wieder. „Machen wir doch auch“, entgegnet Hollitzer dann.

Vor einigen Jahren, als Hollitzer noch bei der Stasi-Unterlagenbehörde arbeitete, sagte ein ehemaliger Oberstleutnant gegenüber der taz: „Es ist eine einseitige, verbitterte Jagd, die von Hollitzer und seinen Leuten ausgeht.“ Den jetzigen Museumsleiter lässt das kalt, die Zusammenarbeit mit ehemaligen Stasi-Oberen hält er für schwer möglich. Versöhnung könne nur von den Opfern ausgehen.

Den Antrieb für seine zeitintensive Arbeit zieht Hollitzer aus einer persönlichen Leitfrage: „Wie kann man Erfahrungen über eine Diktatur sammeln, ohne in der Diktatur gelebt haben zu müssen?“ Die Runde Ecke soll dabei helfen, das Erlebte über Generationen zu vermitteln. Das hat Hollitzer zu seiner Aufgabe gemacht und deshalb prägt die Stasi sein Leben auch noch nach der Wende.

Dass Hollitzer der Geist der DDR noch verfolgt, wird an einer Stelle besonders deutlich: Er hat keinen Personalausweis. Damals habe man den ja quasi „auf der Brust getragen“, sagt er. „Jetzt genieße ich, dass ich den nicht immer dabei hab.“ Stattdessen besitzt Hollitzer einen Reisepass – diese Ironie gefällt ihm.

„Warum muss ich ihnen verzeihen?” Interview mit Dr. Esther Mujawayo-Keiner

Dr. Esther Mujawayo-Keiner ist Mitgründerin der AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Witwen des Genozids vom April 1994 einsetzt. Im Interview erzählt sie die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Ort am Niederrhein und arbeitet als Soziologin und Traumatherapeutin.

Interviewer: Frau Dr. Esther Mujawayo-Keiner, wie haben Sie Ihr Leben in Ruanda vor dem Genozid in Erinnerung? War die Diskriminierung für Sie schon vorher präsent?

Mujawayo-Keiner: Ich bin 1958 geboren, die staatlich vorgegebene Diskriminierung begann bereits 1959. Ich habe mein ganzes Leben mit der Diskriminierung gelebt. Wir kannten es nicht anders.

Mit 19 bekamen Sie ein Stipendium zugesprochen. Sie gingen nach Belgien, um dort Soziologie zu studieren. Mit Ihrem Masterabschluss in der Tasche kamen Sie 1985 zurück nach Ruanda. Hatte sich das Land in der Zwischenzeit stark verändert?

Die Diskriminierung kam immer stärker angeschlichen. Immer und immer stärker. Bis zum Ende hin hätten wir es jedoch nie für möglich gehalten, dass es zu einer „Endlösung“ kommen würde. Ich meine, schon 1973 wurden an den Türen in den Schulen Listen mit den Namen und der zugehörigen Ethnie angebracht. Darüber stand: „Tutsi müssen draußen bleiben“. Sie nannten das „Intellektuelle Wende”, erstmals mussten Tutsi Universitäten und Gymnasien verlassen. Als immer mehr Intellektuelle ins Exil gingen, sind wir bei unseren Familien geblieben.

Haben Sie in der Familie offen über die Diskriminierung gesprochen?

Mein Vater hat mir immer gesagt: „Sie haben uns unsere Kühe und unser Haus genommen, sie haben alles verbrannt. Dein Innerstes jedoch werden sie niemals kriegen.“ Das wurde zu einem Vorsatz für mein ganzes Leben: Pass auf die Dinge auf, die dir nicht weggenommen werden können. Alles andere kannst du dir wiederaufbauen. Dann haben sie alle umgebracht und ich dachte plötzlich: „Toller Spruch, aber jetzt sind alle tot.“

Frau Mujawayo-Keiner, verzeihen Sie bitte, dass ich Sie in diese Zeit zurückversetze: Welche Erinnerungen haben Sie an den April 1994?

Im April 1994 war ich in Kigali. Mein Mann und unsere Kinder sind nie von meiner Seite gewichen. Meine Eltern und Geschwister sind zu ihren Familien zurück in ihre Geburtsdörfer gefahren. Sie kamen nie wieder zurück.

Wenig später begann auch in der Hauptstadt Kigali das Morden.

In der Nacht, in der sie kamen, versteckte ich mich mit meinem Mann. Wir haben alles immer sehr diskret gemacht. An diesem 19. April haben wir uns nachmittags noch zum Essen verabredet, kein Licht angemacht, nichts, damit sie uns nicht finden. Ich glaube, einer unserer Kollegen hat unser Versteck verraten, denn genau zur verabredeten Stunde stürmten sie plötzlich unser Haus. Wir waren alle zu Hause, wollten zu Abend essen. Sofort haben sie sich jeden Jungen und Mann gegriffen. „Alle auf eine Seite“, schrien sie. Ich erinnere mich an das Schlimmste. Nicht, dass mir mein Ehemann genommen wurde, sondern ich erinnere mich daran, dass ein kleiner Nachbarsjunge zu uns rüber wollte, zu der Seite, auf der die Frauen und Kinder standen. Sie haben ihn nur wieder zu den Männern herübergeschubst und gesagt: „Schlangen werden schnell erwachsen.“ Dann wurden sie abgeführt, draußen vor das Gelände. Dort haben sie, einen nach dem anderen, umgebracht.

Und die Frauen? Mussten Sie sich das Morden mit ansehen?

Mit den Augen haben wir es nicht gesehen. Wir haben Männer schießen gehört. Das Einzige, was wir dachten, war: „Ok, wenn sie erschossen werden, müssen sie wenigstens nicht leiden.“ Aber die Schüsse fielen nicht deswegen, einer der Männer hatte versucht zu fliehen. Es war furchtbar, denn als Reaktion haben sie allen die Füße abgeschnitten. Sie haben sie abgeschnitten und bluten lassen. Umgebracht haben sie sie erst am nächsten Morgen.

Wie ist es Ihnen und den Kindern ergangen?

Wir sind gerannt und gerannt und haben uns im Gebüsch versteckt. Wir sind auf dem schnellsten Wege zum Kloster, glücklicherweise haben uns die Nonnen die Tür aufgemacht. Dort konnten wir dann übernachten. Doch es gab kaum Wasser in dem Kloster und es wollte einfach nicht regnen. Wenn du nichts isst, kannst du trotzdem einige Zeit überleben, doch wenn du nichts trinkst, ist es gleich vorbei. Dein Körper hält das nicht aus. Am nächsten Morgen wusste ich keinen Ausweg mehr. Zurück zu dem Haus, wo sie mir meinen Mann nahmen? Nein, ich wollte zur UN. Ich wusste, dass es eine UN-Delegation in Kigali gab. Die waren alle in dem „Hôtel des Mille Collines“ (Anm.: Das Hotel wurde später durch den Film „Hotel Ruanda” weltbekannt). Zum Glück konnte ich noch mit dem „Internationalen Roten Kreuz“ kommunizieren und habe so erfahren, dass mein Arbeitgeber Oxfam mich sucht. Sie haben mir Nachrichten geschickt, wollten mich in Sicherheit bringen. Ich habe mir gedacht: „Du musst nur dieses Hotel erreichen“. Mir waren alle Mittel recht. Mit dem Rest meines Geldes bestach ich einen Soldaten und der hat uns tatsächlich dort hingebracht.

Woher wussten Sie von dem Hotel?

Ich hatte Glück, denn nur weil ich bei Oxfam arbeitete, wusste ich von dem Hotel und dass mein Arbeitgeber mir dort helfen würde. Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Der Soldat hätte das Geld einfach nehmen können und mich stehen lassen, aussetzen oder verraten. Warum er mich dorthin gebracht hat… ich weiß es nicht.

Wie ging es dann weiter?

Mitte Juni gab es einen größer angelegten Gefangenenaustausch. Wir konnten uns zwischen Regierungs- und RPF-Seite („Ruandische Patriotische Front“) entscheiden. Wir wussten, die Regierung würde uns nur umbringen, also gingen wir zur RPF. Die haben uns zu einem benachbarten Camp gebracht, unweit von Kigali.

Dort waren Sie sicher?

Dort waren dann auch Journalisten. Und dass ist manchmal sogar ganz gut (lacht). Über die Journalisten konnte ich eine Nachricht an meine Kollegen von Oxfam in Uganda schicken:
„Ich bin im Camp Kauga“. Danach hat ein Kollege von Oxfam dreimal versucht das Camp zu erreichen. Einmal hatte er auf dem Weg einen Unfall mit seinem Auto und ein zweites Mal wurden ihm die Tore des Camps nicht geöffnet. Erst beim dritten Mal ging alles gut und er hat uns dort rausgebracht. Am 1. Juli erreichten wir Uganda.

Wie lange hielten Sie sich im Nachbarland Uganda auf?

Das war es ja, das war nur ganz kurz! Am 4. Juli, nur drei Tage später, war der Schrecken vorbei. Wir sind gleich zurück zu unseren Häusern, da wir nach Überlebenden suchen wollten. Am 10. Juli erreichte ich mein Haus in Kigali. Während der ganzen Woche hatten wir nur schlechte Nachrichten gehört. Es war ein Wunder, noch am Leben zu sein.

Haben Sie den Tätern in 25 Jahren je verzeihen können?

Warum muss ich ihnen verzeihen? Das spielt für mich keine Rolle. Mir ist jetzt wichtig, in Frieden leben zu können. Der Spuk ist vorbei. Es sind schon Täter auf mich zugekommen und haben mich um Vergebung gebeten. Ich habe das akzeptiert. Manchmal glaube ich, dass die Täter krank sein müssen. Wenn man jeden Tag tötet, was ist man dann für ein Mensch? Man kann zwar so tun, als würde einem das nichts ausmachen, aber das glaube ich nicht. Was macht dieses ständige Verleugnen mit einem?

Dann war es vorbei. Wie ist ein Neustart nach der totalen Katastrophe möglich?

Ich habe mich erstmal auf alles konzentriert, was ich noch hatte. Man kann das Glück, das ich hatte, gar nicht beschreiben. Meine Töchter waren noch am Leben, ich hatte einen Job, hatte ein Haus. Schon bald hat Oxfam wieder seine Arbeit in Ruanda aufgenommen. Und wir haben gleich damit begonnen, eine eigene Organisation zu gründen, die AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Rechte der Witwen einsetzt.

Wie stark ist das Grauen von damals noch in ihrem Kopf präsent?

Es ist noch immer da. Man muss sich das wie ein Bild mit frischen Farben vorstellen, das lange Zeit in der Nähe eines Fensters hing. Das Motiv ist noch da, nur die Farben sind etwas verblichen.

Was sehen Sie auf diesem Bild?

Ich verbinde vor allem Naturbilder mit dieser Zeit. Ich kann mich noch erinnern, dass es eigentlich ein herrlicher Frühling gewesen war. Alles war bunt, das ging vielen der Überlebenden so. Vielleicht, weil überall noch das Blut zu sehen war. Oder vielleicht haben wir die blühenden Blumen umso deutlicher wahrgenommen, weil keine toten Körper mehr zu sehen waren. Das war das große Paradox für uns: Wo das Leben eigentlich am Abgrund stehen sollte, blühte die Natur einfach wieder auf. Das Leben drehte weiter seine Kreise.

Wie lässt sich ein solches Trauma verarbeiten?

Ich hatte schon bald nach dem Genozid die Chance, alles zu verarbeiten. Als ich für meine Ausbildung zur Traumatherapeutin nach Großbritannien gegangen bin, musste ich mich einer eigenen Therapie unterziehen. Ich habe mich gefragt: „Wie war all das möglich? Wie kann ich jemals wieder einfach so weitermachen und weiter als Mensch funktionieren, mit allem, was ich gesehen und gehört habe?“ Mein Traum von einem Leben vor dem Genozid war immer der Traum einer großen, glücklichen Familie. In Ruanda ist es unvorstellbar, jemals seine Familie zu verlassen. Alte Leute werden nicht allein gelassen.

Was hat Ihnen am meisten geholfen, diese Zeit hinter sich zu lassen?

Wieder Pläne für eine bessere Zukunft zu haben. Zu wissen, ja, es lohnt sich, für eine Sache zu kämpfen. Für unsere Rechte einzustehen. Zunächst haben wir für die Anerkennung des Genozids gekämpft. Schon früh haben wir uns darauf konzentriert, Lösungen zu finden. Lösungen für die zahlreichen Obdachlosen auf den Straßen, Lösungen für das Schulsystem, die Gesundheit. Vergewaltigungen und HIV waren ein großes Problem in Ruanda. Wir brauchten Medikamente, die für die Leute bezahlbar waren. Also haben wir verschiedene Projekte ins Leben gerufen. Wir haben einen Film gedreht, „Hope in Hell“, Hoffnung in der Hölle. Die Rolle der Protagonisten übernehmen fünf Frauen, die ihre Geschichte des Genozids erzählen. Diese Frauen sorgten sich vor allem um ihre Zukunft. Ohne medizinische Versorgung schwebten sie weiter in Gefahr zu sterben. Wir brauchten Unterstützung an allen Ecken und Enden, mussten für Aufmerksamkeit kämpfen. Nur durch die Wut und den unbedingten Willen der Frauen selbst ist uns das gelungen. Sie leben bis heute.

Sind die Tränen schon getrocknet? Von Karin Priehler, Lena Sauerer und Leon Willner

Ruandas Spitzname klingt idyllisch: „Land der tausend Hügel“. 25 Jahre nach dem Genozid an den Tutsi hat sich Ruanda scheinbar erholt, Tutsi und Hutu leben friedlich Tür an Tür. Das Land ist Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Gleichberechtigung. Kigali gilt als eine der saubersten Hauptstädte Afrikas. Im ganzen Land sind Plastiktüten verboten. Ein Großteil der wichtigsten Ämter ist von Frauen besetzt. Doch die Ermordung von rund 800.000 Menschen im Jahr 1994 wirft nach wie vor einen Schatten über das Land.

2019 wird ein emotionales Jahr für Dr. Esther Mujawayo-Keiner und Honoré Gatera. Beide sind Tutsi, beide haben den Genozid überlebt. „Der Spuk ist vorbei“, sagt Mujawayo-Keiner und wischt sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Mir ist wichtig, jetzt in Frieden zu leben.” Schon lange vor dem Genozid war sie Opfer der staatlich vorgegebenen Diskriminierung gewesen. Im April 1994 verlor sie die wichtigsten Stützen ihres Lebens. Ihre Eltern, Geschwister und ihr Ehemann kamen während eines Massakers ums Leben. Mujawayo-Keiner gelang die Flucht, gemeinsam mit ihren drei Kindern.

„Warum muss ich ihnen verzeihen?“ Dr. Esther Mujawayo-Keiner erzählt die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute.

Honoré Gatera war 13 Jahre alt, als die Grausamkeiten des Genozids einsetzten. „Ich habe seitdem keine einzige Minute der Geschehnisse vergessen“, erzählt Honoré und verschränkt dabei die Hände fest ineinander. Die Bilder hätten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Heute leitet der 38-Jährige das „Kigali Genocide Memorial“, das nicht nur als Begegnungsstätte dient, sondern auch an die Opfer erinnert. Die Überreste hunderttausender Menschen sind dort bestattet.

„Es geht um die Gemeinschaft!“ Honoré Gatera erzählt im Interview von seinen Erlebnissen, der Bedeutung von Erinnerungskultur in Ruanda und der Macht der Gemeinschaft.

Auch Mujawayo-Keiner, die zurzeit in Deutschland lebt, setzt sich aktiv für die Aufarbeitung ein. Sie hat den Verband „Association of Widows of April’s Genocide” (AVEGA) mitbegründet, der überlebende Frauen sowohl psychologisch als auch finanziell unterstützt.

Während die Ereignisse in Ruanda nach wie vor fest in den Köpfen der Menschen verankert sind, scheint der Genozid hierzulande kaum mehr eine Rolle zu spielen. Weder in den Schulen, noch in der medialen Berichterstattung, obwohl die juristische Aufarbeitung auch in Deutschland stattfindet.

Im Februar 2011 hatte der erste deutsche Prozess zum Völkermord vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main begonnen. Dem Angeklagten, einem ehemaligen Bürgermeister einer ruandischen Gemeinde, wurde vorgeworfen, im Jahr 1994 Massaker angeordnet zu haben. 4000 Menschen sollen dabei ermordet worden sein. Der Beschuldigte lebt seit 2002 in Deutschland. „Die Massenmedien hat der Prozess nicht erreicht“, sagt der Journalist Stefan Klein. Ab 1981 war er Afrika-Korrespondent für die „Süddeutsche Zeitung”. Auch Ruanda hatte er mehrere Male bereist.

Allerdings sei die Beweisführung in Prozessen dieser Art schwer. Ein geschickter Verteidiger habe in der Regel leichtes Spiel, vom Verdacht an einer Beteiligung abzulenken. Deutlich sinnvoller sei das Gacaca-System, ein traditionelles ruandisches Rechtssystem bei dem nicht die Bestrafung im Vordergrund steht, sondern die Wahrheit. „Die Dinge sollen an die
Oberfläche kommen, um so eine Versöhnung herbeiführen zu können“, so Klein.

Ganz sicher sei er sich aber nicht, ob der vermeintliche Friede, der mittlerweile zwischen Hutu und Tutsi herrscht, auch in Konfliktsituationen Bestand hätte. „Gut möglich, dass diese Flammen von Hass, die damals zu sehen waren, auch jetzt noch sehr schnell und leicht zu entflammen wären.“ Denn was Stefan Klein damals mit am meisten schockiert hat, war die Tatsache, dass auch langjährige Nachbarn und Freunde übereinander hergefallen sind. Angestachelt wurden sie unter anderem durch „Radio Ruanda“. Das Medium hatte versteckte Botschaften gesendet, um die Bevölkerung zum Morden anzustiften. „Es hieß damals oft ‚Lasst uns die großen Bäume fällen'“, berichtet Klein. Jeder habe gewusst, dass damit die hochgewachsenen Tutsi gemeint waren. Die Hutu hatten den Tutsi oft die Beine abgehackt, da diese als Zeichen der Überlegenheit galten.

Den Genozid selbst hat Stefan Klein nur aus der Ferne beobachtet. Er war ein Jahr zuvor nach Singapur gezogen, um dort als Korrespondent zu arbeiten. „Ich musste damals einen Schnitt machen, mich erstmal in Singapur einleben und Fuß fassen“, so der Journalist. Afrika sei für ihn plötzlich weit weg gewesen. Aber er erinnerte sich oft daran, dass er, bei einem seiner letzten Besuche in Ruanda, etwas gespürt habe. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, konnte es aber nicht genau definieren.“

Eine der wichtigsten Rollen spielten damals die Vereinten Nationen. Die rund 5000 UN- Blauhelme, die im Land stationiert waren, griffen nicht ein, als das Morden begann. Sie hielten sich an das Peacekeeping-Mandat. „Was absoluter Blödsinn war, da es ja keinen Frieden gab, den man hätte bewahren können“, so Klein. Die Soldaten durften ihre Schusswaffen nur dann einsetzen, wenn sie selbst in Gefahr waren. Stefan Klein verweist auf die Maßnahme zur Friedenserzwingung („peace enforcement“). Damit hätte man die Lage vermutlich unter Kontrolle bringen können. Hinzu kommt, dass die Zahl der UN- Soldaten damals nicht aufgestockt wurde. Der kanadische UN-General und damalige Kommandeur der Truppe, Roméo Dallaire, hatte vergeblich um Unterstützung gebeten. Später konstatierte er, die internationale Staatengemeinschaft habe Ruanda ignoriert.

Es war also an der verbliebenen Bevölkerung, mit den Schrecken des Genozids umzugehen und das Land in eine neue Zukunft zu führen. Heute gibt es eine allgemeine Krankenversicherung, rund 80 Prozent der Kinder besuchen eine Schule und Hutu und Tutsi leben scheinbar friedlich zusammen. Doch der Wirtschaftsboom beruht in erster Linie auf den Ressourcen des Nachbarstaates Kongo, den Ruandas Staatschef Paul Kagame ausplündern und destabilisieren lässt. Kagame, der Wahlen für gewöhnlich mit 90 Prozent der Stimmen gewinnt, gilt als wichtiger Reformer. Doch seiner Regierung werden Machtmissbrauch und massive Einschränkungen der Pressefreiheit vorgeworfen.

Im Vorfeld der Wahlen von 2010 wurden ein ranghoher Oppositionspolitiker sowie ein kritischer Journalist unter ungeklärten Umständen ermordet. „Keine Zeitung in Ruanda wird das Thema ‚Kagame und Menschenrechtsverletzung’ auf die erste Seite setzen“, sagt Stefan Klein. Dabei sei es die Aufgabe von Journalisten, kritische Fragen zu stellen. Doch nur wenige haben überhaupt die Gelegenheit, bis zu Kagame vorzudringen. Er empfange nur äußerst selten Vertreter der Presse.

„Erst unter demokratischen Verhältnissen könnte man feststellen, ob eine Versöhnung tatsächlich stattgefunden hat“, so Stefan Klein. Erst, wenn sich das Land öffnen würde, freie Presse zulassen und Wahlen abhalten würde, könne man sehen, ob sich die Lage tatsächlich normalisiert hat. Denn ein nationaler Dialog habe bis heute nicht stattgefunden. Stefan Klein: „Solange das Regime den Daumen draufhält, wird man auf die Frage nach Frieden keine Antwort finden.“

 

Fotos: Christiane Fritsch

„Es geht um die Gemeinschaft! Interview mit Honoré Gatera

Honoré Gatera ist Direktor des „Kigali Genocide Memorial” – einer Gedenkstätte für die Opfer des Genozids an den Tutsi 1994. Im Interview erzählt er von seinen Erlebnissen, der Bedeutung von Erinnerungskultur in Ruanda und der Macht der Gemeinschaft.

Interviewerin: Sie sind oft in der Rolle als Direktor des „Kigali Genocide Memorial“ unterwegs. 1981 wurden sie in Ruanda als Tutsi geboren und haben mit 13 Jahren den Genozid miterlebt. Können Sie mir davon erzählen?

Gatera: Ich war ein Teenager, der alles sehen konnte was passierte. Ich verstand auch, was da vor sich ging, denn meine Eltern hatten mir von der Gefahr der Ideologie erzählt, die zu Morden führen könnte. Gehirnwäsche und das Lehren der Gemeinschaft, sich gegenseitig zu hassen, hatten schon vor 20 Jahren begonnen.

Wie war Ihre Familie vom Genozid betroffen?

Ich habe meinen Vater nicht mehr. In der erweiterten Familie sind mehr als zwanzig Menschen gestorben. Ich bin einer der Glücklichen, dessen Mutter immer noch in Ruanda am Leben ist. Das ist besonders, denn es gibt so viele Menschen, die Vollwaisen sind und keine Eltern mehr haben. Nachdem ich den Genozid überlebt habe, war das ein langer, aber auch positiver Weg.

Wie haben Sie überlebt?

Das ist eine lange Geschichte, weil ich nie auch nur eine einzige Minute vergessen kann. Zusammengefasst habe ich durch Verstecken überlebt: Einer unserer Nachbarn war ein Hutu, aber nicht in die Morde verwickelt. Er versteckte mich zunächst. Während des Genozids sagte er, dass er nicht wolle, dass jemand in seinem Haus getötet werde. Also gingen wir weg in eine zerstörte Region, um dort für eineinhalb Monate zu bleiben.

Gibt es ein bestimmtes Bild des Genozids, das sich Ihnen eingebrannt hat?

Es gibt so viele Bilder, nicht ein Einzelnes. Wenn man sich die Situation in Ruanda 1994 ansieht, dann setzt sich das Gesamtbild aus Schreien, getöteten Menschen, brennenden Häusern und überall Straßensperren mit Macheten zusammen. Man konnte keine 500 Meter gehen ohne einer Sperre zu begegnen, wo Menschen umgebracht wurden.

Wie ging es nach dem Genozid für Sie weiter?

Ich besuchte ein Gymnasium in meiner Heimatregion Muhanga. Nach Abschluss der Schule 2001 zog ich nach Kigali, um dort an der Universität Sozialwissenschaft zu studieren. 2004 begann ich meine Arbeit im „Kigali Genocide Memorial“, bis jetzt.

Ihre Arbeit beschäftigt sich mit dem Genozid und wie dem gedacht werden kann. Haben Sie persönliche Bewältigungsstrategien? Wie gehen Sie mit Ihren Erinnerungen um?

Ich denke, da hat jeder seine persönliche Art. Für mich war es ein Heilungsprozess, weil ich gelernt habe, wie ich mit meiner Erinnerung leben kann. Ich lernte, mich mit alldem auseinanderzusetzen, was mein Gehirn, Gedächtnis und meine Emotionen beschäftigt. Währenddessen merkt man, dass man nicht der Einzige ist. Es gibt so viele andere Menschen, die sich dem Erlebten stellen müssen. Wenn man in meinem Berufsfeld arbeitet, hat man die Chance, alles, was einen im Inneren beschäftigt, nach außen zu tragen, denn man geht tagtäglich damit um. Sobald man belastbarer wird, kann man jede Herausforderung, die man emotional, psychologisch und körperlich hat, überwinden.

Es sind jetzt 25 Jahre seit dem Genozid an den Tutsi vergangen, wie wichtig ist die Erinnerungskultur derzeit?

Sie ist vor allem für die Generationen in der Zukunft wichtig. Die Menschen, die nach dem Genozid geboren wurden, sind nun erwachsen und gründen Familien. Es ist sehr wichtig für sie, die Erinnerungen zu bewahren, um zu zeigen was wirklich passiert ist und sie an andere weiterzugeben, egal ob Tutsi oder Hutu. Ihre Kinder und Enkel sollen davon lernen. Ich würde nämlich nicht behaupten, dass die Ideologie des Genozids in Ruanda ganz vergessen ist. Es gibt immer noch Leute, die diese Ideologie in und außerhalb von Ruanda vertreten.

Sie sind tagtäglich von den Ergebnissen der Gewalt des Genozids umgeben. Sie gehen damit persönlich, aber auch professionell um. Wo liegt der Unterschied?

Wie halten Sie die Balance?Ich denke, dass man die Balance zwischen dem Individuellen, Persönlichen und Professionellen nebenbei lernen kann. Man fängt nicht professionell an. Man beginnt als Individuum, das mit seinen eigenen Dingen beschäftigt ist. Sobald man dann in die professionelle Karriere geht, lernt man, wie die Bewältigung dargestellt werden kann. Die individuelle Basis darf aber niemals vergessen werden, denn sie macht uns alle zu dem, was wir sind. Wir könnten keine Teilhabe in unserer Gemeinschaft haben, wenn wir das, was uns als Mensch ausmacht, zurücklassen. Denn der Beitrag eines jeden Einzelnen beeinflusst die Gemeinschaft. Die Balance zu finden bedeutet für mich, zu wissen, dass ich zwar professionell bin, aber eben auch ein Individuum. Ich erinnere mich immer daran: Das ist, wer ich bin und was ich zum Land beitragen kann.

Sie sagten, es sei wichtig, dass junge Menschen verstehen, worum es beim Genozid ging. Was ist mit den Überlebenden und solchen, deren Familie getötet wurde? Können sie die Erlebnisse hinter sich lassen, können sie heilen?

Sie haben einen sehr guten Begriff verwendet. Sind sie fähig zu heilen? Ja, das sind sie. Aber sie können die Ereignisse nicht hinter sich lassen, nein. Wir erinnern und können deswegen weitermachen, aber nicht vergessen und weitermachen. Uns sind schreckliche Dinge widerfahren, aber wir wissen, dass wir zu einer Nation und Gemeinschaft gehören. Unsere Rolle in der Gemeinschaft ist es zu erinnern, aber auch Teil des Wiederaufbaus zu sein. Jeder kann Teil der Reise sein, die zu Stabilität, Erholung, Einigkeit und einem neuen Ruanda führt.

Sie haben auch an Projekten teilgenommen, die sich generell mit Friedensschaffung und Konfliktprävention beschäftigen. Welche Sachen frustrieren und belohnen Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Wir sind noch nicht bei der Belohnung angekommen. Das ist ein Vermächtnis, das wir zurücklassen werden. Vielleicht gibt es die Belohnung für unsere Kinder. Die frustrierende Sache ist, dass ich als Mensch, der versucht, positive Werte zu verbreiten, sehe, dass es andere Menschen gibt, die das ganze boykottieren – nicht nur in Ruanda, sondern überall auf der Welt. Wenn man sich anschaut, was überall auf der Welt passiert, dann fragt man sich: Hat die Menschheit je aus ihren Fehlern gelernt? Das entmutigt mich schon, aber ich verstehe, dass ich noch mehr investieren muss und vielleicht wird dann die nächste Generation belohnt.

Denken Sie, dass in Ruanda Gerechtigkeit hergestellt wurde oder in der Zukunft hergestellt werden kann? Ist das überhaupt noch wichtig für die Überlebenden?

Ja, Gerechtigkeit wurde hergestellt, aber nicht zu 100 Prozent. Es gibt immer noch Kriminelle, die am Genozid teilgenommen haben und geflohen sind. Sie sind noch nicht von den Ländern, in denen sie gerade leben, oder dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda festgenommen worden. Das liegt entweder am Widerwillen der anderen Länder oder an der Struktur des internationalen Systems. Wir müssen weiter hart arbeiten, um den Überlebenden Gerechtigkeit zu bieten, denn sie ist ein Teil des Heilungsprozesses. Zudem senden die Verurteilungen ein Signal: Man kann niemanden umbringen, ohne vom Gesetz bestraft zu werden.

Nach 25 Jahren sind die Tränen des Genozids also noch nicht getrocknet?

Nein, die Tränen sind noch nicht getrocknet. Es gibt immer noch Menschen, die mit den Konsequenzen des Genozids kämpfen und unter dem leiden, was ihnen widerfahren ist. Die Auswirkungen sind immer noch in einigen Teilen der Gemeinschaft sichtbar.

Wo können Sie am besten dem Genozid gedenken, gibt es da einen Ort für Sie?

Für mich ist es kein Ort, sondern eine Umgebung. Wenn ich Teil der jungen Menschen bin, die zusammen gedenken, da verstehe ich wirklich, dass ich irgendwie belohnt werde. Sie verstehen, was wir durchmachen mussten, nehmen sich an der Hand und gedenken, erinnern und lernen davon. Im Laufe meiner Karriere habe ich festgestellt, dass es nicht nur um mich geht, sondern um uns alle: Es geht um die Gemeinschaft!

“Die Hand der Partei” Erinnerungen an den DDR-Journalismus. Ein Gespräch mit Zeitzeuge Karl-Heinz Röhr

Von Paula Lochte, Max Gilbert und Vanessa Materla

Er ist einer der Letzten: Karl-Heinz Röhr war Student und Dozent an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig, der Kaderschmiede des DDR-Journalismus. An der Biografie des heute 83-Jährigen zeigt sich, wie eng der Journalismus im SED-Staat mit der Parteipolitik verwoben war. Und warum sich Leute wie er dafür begeistern ließen.