Woher kommt meine Kleidung? Nachhaltigkeit in der Modeindustrie - Ein weiter Weg

Nur etwa fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien wurden hier produziert. Stellt sich die Frage: Wo genau kommt mein Lieblingsteil her? Und ist es für den Verbraucher möglich, den Weg seiner Kleidung zurückzuverfolgen?

Vom Rohstoff, zur Verarbeitung und Veredelung und schließlich in die Läden ist es ein weiter Weg. Hinter jedem Kleidungsstück stecken viele einzelne Produktionsschritte, die meist in unterschiedlichen Ländern erfolgen. So kann die Jeans bis zu 20.000km zurücklegen, bevor sie im Kleiderschrank landet. Die Komplexität der Lieferkette macht es jedoch schwierig, den Weg der Kleidung nachzuvollziehen.

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Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com
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USA: Anbau und Ernte der Baumwolle

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Türkei: Die Baumwolle wird in Spinnereien zu Garn gesponnen.

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Taiwan: Aus dem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.

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Polen: Produktion der chemischen Indigofarbe, die zum Einfärben des Jeansstoffes benötigt wird

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Tunesien: Einfärben des Jeansstoffs mit der Indigofarbe

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Bulgarien: Veredelung des Jeansstoffs, sodass dieser weich und knitterarm wird

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China: Hier wird die Jeans zusammengenäht

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Frankreich: Die Jeans bekommt ihren letzten Schliff, indem sie bspw. mit Bimsstein aus Griechenland gewaschen wird, wodurch der „Stone-washed-Effekt“ entsteht.

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Deutschland: Verkauf der fertigen Jeans

Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com

Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

Quelle: Public Domain| https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

 

Woher stammt das verwendete Material?

Baumwolle gehört zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen in der Textilindustrie. Zu den größten Produzenten für Baumwolle zählen China mit 30 Prozent, Indien mit 20 Prozent und die Vereinigten Staaten mit 15 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus.

Wo genau die Baumwolle herkommt, die für ein Kleidungsstück Verwendung fand, wird jedoch nur in Ausnahmefällen angegeben. Nämlich dann, wenn es sich um einen „ökologisch sicheren“ Anbau handelt. Der Blick auf das Etikett gibt dem Verbraucher diesbezüglich also nur selten Auskunft.

Die Produktionsländer der Textilindustrie

„Made in Bangladesch“, „Made in Kambodscha“ oder „Made in China“ – um Verbrauchern möglichst preiswerte Ware zu liefern, führt der Kampf um die günstigsten Produktionskosten die Hersteller in Billiglohnländer, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vorherrschen.  Ein Großteil der Textilien wird somit im asiatischen Raum produziert.  Doch auch „Made in Europe“ ist kein Garant für faire Arbeitsbedingungen: Besonders in rumänischen, albanischen und türkischen Textilfabriken arbeiten die Menschen für Löhne unterhalb des Existenzminimums. Wer glaubt, nur Anbieter günstiger Textilprodukte lassen ihre Ware in Billiglohnländern herstellen, täuscht sich! Oftmals nutzen Luxusmarken dieselben Textilfabriken wie die Discounter. So garantieren auch hohe Preise oder Markennamen nicht zwangsläufig faire Herstellungsbedingungen.

Als sichere Herkunftsländer können beispielsweise Schweden oder die Niederlande eingestuft werden, wo inzwischen zumindest ein Bruchteil der H&M-Ware hergestellt wird.

Nachgefragt: Wo kommt meine Kleidung her?

Mir war aufgefallen, dass sich auf dem Etikett meines neuen C&A-Kleides lediglich Informationen über die Materialzusammensetzung (v.a. Polyester als die am häufigsten genutzte Kunstfaserart in der Textilverarbeitung) und Pflegehinweise zu finden sind.  Ein Produktionsland ist nicht angegeben. Grund genug sich einmal zu erkundigen!

Ich bei C&A – einem der umsatzstärksten Unternehmen des deutschen Textilhandels – nachgefragt. Dass Verbraucher nur schwer Informationen bezüglich der Produktionsorte der Kleidungsstücke erhalten, erstaunte mich nicht. In den Geschäften selbst wird man zunächst zum Store-Manager geschickt, der keine verlässliche Auskunft geben kann. Mein Gespräch mit dem Leiter einer C&A-Filliale stellt sich als enttäuschend heraus: Nach dem Verweis auf die „allgemein hohen Qualitätsstandards“ folgt lediglich der Tipp, sich auf der Webseite genauere Informationen einzuholen.

„Wear the change“ – Große Versprechen auf den Webseiten und Ungewissheit der Kunden

Die Online-Auftritte der Textilunternehmen strotzen vor Beiträgen zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechende Kampagnen sind geschickt platziert. „Wear the change“ heißt es bei C&A, um für die neue Kollektion zu werben, die durch nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle oder recycelte Stoffe, einen Wechsel markieren und somit neue Kunden locken soll. Desweiteren findet sich auf der Internetseite von C&A eine Rubrik, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Informationen, wie das Unternehmen faire Produktionsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit fördert, werden hier zur Verfügung gestellt. Ebenso findet sich eine Übersicht über die weltweiten Lieferanten. Es entsteht der Eindruck, dass der Textilriese auf ökologisch und sozial faire Produkte Wert legt und darüber hinaus bemüht ist, die Lieferkette transparent zu gestalten.

Rückschlüsse darüber, wo genau mein Kleid nun herkommt, finden sich auf der Internetseite natürlich nicht. Die letzte Möglichkeit, nähere Informationen zu erhalten, besteht also darin, sich direkt an den Kundenservice zu wenden. Und tatsächlich bekomme ich nach einigen Tagen eine ausführliche Antwort des C&A-Kundenservices.  Jedoch ausschließlich mit den Informationen, die auf der Internetseite präsentiert werden.

Alle Bio-Baumwoll-Produkte sind entweder nach OCS oder GOTS zertifiziert. Aber woher stammt die übrige Baumwolle, die immerhin den größeren Anteil ausmacht? Das bleibt (zumindest für mich) ungewiss.

Der Vermerk, dass die Kennzeichnung  mit einem ‚country of origin‘ generell problematisch ist, da ein Artikel sowohl von unterschiedlichen Lieferanten als auch aus unterschiedlichen Ländern bezogen werden kann, soll mich vertrösten.

Für mich bleibt die Herkunft meines Kleides letztlich unklar.

Kleine Schritte auf einem weiten Weg

Beim Blick auf die Modebranche, wird ersichtlich, dass die Textilunternehmen längst unter Zwang stehen, „faire“ Kampagnen ins Leben zu rufen. So erscheint beispielsweise der neue Katalog des schwedischen Konzerns H&M auf Recycling-Papier und auch bei den Textilien wird mehr und mehr auf nachhaltige Materialen zurückgegriffen. Doch das sind nur kleine Schritte. Und ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Verbrauchern, die durch ihr Kaufverhalten den Markt mitbestimmen!

Warum kaufen wir eigentlich so viel?

Durchschnittlich kaufen die Deutschen zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das sind pro Kopf circa zwölf Kilogramm Kleidung jährlich. Damit ist Deutschland zusammen mit den USA und der Schweiz an der Weltspitze des Klamottenkonsums.

Klar, es geht darum, jedem Trend zu folgen. Angetrieben von sozialen Medien, wie Instagram oder den zahlreichen Modeblogs, verbreiten sich die Trends im Eiltempo – und verschwinden ebenso schnell wieder. Um der Nachfrage hinterher zu kommen, bringen große Textilunternehmen, wie H&M oder Zara, im Wochenrhythmus neue Kollektionen auf den Markt.

Das Bedürfnis, jedem Trend zu folgen, hat zur Konsequenz, dass Kurzlebigkeit den Kleiderschrank bestimmt. Doch machen einen die vielen Sachen am Ende glücklicher? Sicher, Mode kann unser Selbstbewusstsein beflügeln.Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt, ist selbstsicherer und strahlt dies meist auch auf Andere aus. Doch machen Kleider wirklich Leute? Fest steht: Leute machen Kleider! Und das leider zumeist für Hungerlöhne unter widrigen Arbeitsbedingungen. Zeit also das Kaufverhalten zumindest zu überdenken…

 

Welche Alternativen gibt es?

Mode sollte nicht zum Wegwerfartikel verkommen. Warum also die Lieblingshose nicht reparieren, wenn eine Naht aufgeht? Oder warum den Pullover, den man nicht mehr mag, nicht einfach tauschen?

Indem man Kleidung auf Online-Plattformen, in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten verkauft, kann aus den Teilen, die ungenutzt im Kleiderschrank liegen, Geld gemacht werden.

Wie können Verbraucher aktiv werden?

Die Clean Clothes Campaign setzt sich seit 1989 für die Rechte der Arbeiter und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie ein. Die Organisation fordert Verbraucher auf, nachzufragen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Textilien hergestellt wurden. Indem Käufer, die Shopkarte“ der Clean Clothes Campaign im Geschäft abgeben, kann das Interesse an fairen Kleidungsstücken signalisiert und somit Druck auf die Modeunternehmen ausgeübt werden.

Welche Textilsiegel gibt es?

Aus welchem Material ist mein Kleidungsstück? Wie wurden die notwendigen Rohstoffe angebaut und verarbeitet?  Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde die Kleidung produziert?

Konsumenten, die auf soziale, ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit der Kleidungsstücke achten wollen, sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. So gibt es eine Reihe von Gütesiegeln, die sich zumeist jedoch nur auf einen Aspekt der Produktion beziehen. Beispielsweise stellen Siegel wie Global Organic Textile Standards (GOTS), EU Ecolabel oder bluesign sicher, dass es sich um kontrollierten ökologischen Anbau handelt und weder Pestizide noch gentechnisch-verarbeitete Pflanzen genutzt wurden. Während das Fair Trade Siegel Baumwolle bezeichnet, die zu fairen Preisen gehandelt wird und somit faire Löhne für Plantagenarbeiter fördert, bietet die Fair Wear Foundation (FWF) ein Zertifikat für soziale gerechte Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Hilfreich, um im Dschungel der Gütesiegel nicht den Überblick zu verlieren, ist der „Label-Check“  der Clean Clothes Campaign sowie der Ratgeber „Textil-Label unter der Detox-Lupe“ von Greenpeace.

 

 

 

 

 

 

 

 

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

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Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!

Slow Fashion – nachhaltige Mode oder Marketing-Konzept?

Faire, lokale Textilproduktion und die Rückkehr zum ewigen Lieblingsstück: Nachhaltige Mode, auch Slow Fashion genannt, ist im Kommen. Vor allem in der Modemetropole Berlin werben zahlreiche Boutiquen mit fairer Mode. Wie viel Marketing steckt hinter dem nachhaltigen Konzept?

Wer nach individueller Mode statt Massenware sucht, der wird in Berlin-Friedrichshain fündig. Rund um den Boxhagener Kiez reihen sich viele kleine Modegeschäfte aneinander. Hier kann sich der stilbewusste Berliner seine ganz individuellen Outfits zusammenstellen. Und noch dazu braucht er kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn die meisten Läden garantieren einen fairen Handel und eine umweltfreundliche, nachhaltige Mode.

Polnische Mode in Berlin

Neben regionaler Designerware verkaufen die Ladenbesitzer auch französische, skandinavische sowie polnische Mode. „Polish fashion is an obsession“ steht an der Schaufensterscheibe des polnischen Modeladens „Rauch & Groen“. Auch die Inhaberinnen Agnieszka Groen und Renata Rauch bezeichnen ihre Verkaufsstücke als „Slow Fashion“, also „entschleunigte Mode“. Doch was genau bedeutet der Begriff eigentlich für sie?

„Slow Fashion steht für eine kleine Produktion: Wir kennen die Designer persönlich und wissen, wer die Stücke anfertigt. Es werden keine tausend T-Shirts hergestellt, sondern zehn Röcke, die nur zehn Menschen auf der Welt tragen“, sagt Agnieszka Groen. Vor zwei Jahren gründete sie mit ihrer Freundin Renata Rauch den Shop im Berliner Szeneviertel. Seitdem verkaufen sie ausschließlich Designermode aus Polen, die auch dort produziert wird.

„Bei Slow Fashion geht es um einen engen Kundenkontakt“

An einem kalten Novembertag laden die beiden Geschäftsführerinnen zum Event „Shoppen mit Designern“ ein. Dafür angereist sind die Modeschöpferinnen Kinga Król und Magda Hasiak aus dem knapp 300 Kilometer entfernten Posen. Bei einer Tasse Glühwein, Fairtrade-Kaffee und Gemüsesticks präsentieren sie ihre neuen Winterkollektionen in gemütlicher Runde. Gekommen sind einige bekannte Gesichter, viele von ihnen sprechen polnisch. Eine Modebloggerin posiert in verschiedenen Outfits vor einer Kamera.

„Die enge Beziehung zwischen den Kunden und Designern ist für mich ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts Slow Fashion‘,“ sagt Kinga Król. Ein individueller Kontakt sei bei den großen Marken wie H&M oder Zara gar nicht möglich. Auch in der Herstellung unterscheide sie sich von großen Modehäusern. „Ich mache Kleidung, die man mehrere Jahre tragen kann, nicht nur eine Saison lang.“

Vor sieben Jahren gründete Kinga Król das polnische Modelabel „Confashion“. Produzieren lässt sie ihre Kleidungsstücke in zwei Produktionsstätten in Posen. Etwa zehn Näherinnen arbeiten jeweils in den kleinen Fabriken.

Auch Designer aus Berlin lassen in Polen produzieren

Die Modedesignerin und Professorin Friederike von Wedel-Parlow lehrt „Sustainability in Fashion“ an der Kunsthochschule Esmod Berlin. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Nicht nur polnische Designer, auch viele Modemacher aus Berlin lassen im Nachbarland produzieren. „Das ist unter Berliner Designern weit verbreitet. Nach der Maueröffnung ist die Zahl der Produktionsstätten in Berlin zurückgegangen. Gerade um die Jahrtausendwende entstanden viele neue Labels, die Produktionsorte suchten“, sagt Friederike von Wedel-Parlow, Professorin der Kunsthochschule Esmod Berlin.

Von Wedel-Parlow hat als Modedesignerin selbst Erfahrung mit der Modeherstellung in Polen gesammelt. 2003 gründete sie mit einer Kollegin ein eigenes Label für Prêt-à-porter-Mode. Die Schnitte wurden in Berlin entworfen, produziert wurde ein Teil der Kollektionen in einem polnischen Grenzstädtchen hinter Cottbus.

„Es gibt eine ganze Reihe polnischer Produktionsstätten, die den Berliner Jungdesigner-Kreis als ihre Zielgruppe auserkoren haben“. Einmal im Monat seien die Hersteller nach Berlin gekommen, hätten Stoffrollen und Schnitte der Modemacher eingepackt und auf ihre Fabriken verteilt. Wie Agnieszka Groen und Kinga Król lobt Friederike von Wedel-Parlow die Nähe zu den Produzenten. „Das war eine sehr lokale und einfache Sache. Man konnte schnell mal rüber, um Garn nachzuliefern oder einen Schnitt anzupassen, der Kontakt war nett und professionell.“

“Lokale Produktion wird heute als nachhaltig tituliert”

Als „Slow Fashion“ hätte die Berlinerin ihr Label damals jedoch nicht bezeichnet. „Im Nachhinein konnten wir feststellen, an wievielen Stellen wir Slow Fashion oder nachhaltige Strategien gewählt hatten, ohne dass es uns je ein Begriff war.“

Stattdessen sieht Friederike von Wedel-Parlow vor allem praktische und finanzielle Gründe für eine lokale Produktion mit geringen Stückzahlen. „Es ist nicht so, dass man unbedingt lokal produzieren will. Oft ist es gar nicht anders möglich.“ Vielmehr sei es oftmals eine wirtschaftliche Entscheidung – denn das Produzieren in fernen Ländern und in großer Stückzahl sei gerade für junge Designer zu teuer. „Heute wird die lokale Produktion als total nachhaltig tituliert – da wäre ich früher überhaupt nicht drauf gekommen.“

Die Aktivistin Joanna Szabuńko kann mit dem Begriff „Slow Fashion“ nicht viel anfangen. Sie arbeitet für die polnische NGO „Buy Responsibly Foundation“, die sich für bessere Arbeitsbedingungen im Textilsektor einsetzt. „Slow Fashion scheint ein Trend in den Großstädten zu sein. Nur weil die Mode in Polen produziert wird, bedeutet das aber nicht, dass die Kleidung unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt wird.“

Das Hauptproblem der polnischen Textilindustrie seien die geringen Löhne. „Die Näherinnen verdienen oft nur den Mindestlohn. Das reicht aber nicht, um sich ein anständiges Leben zu finanzieren“, sagt die 39-jährige Politikwissenschaftlerin.

 

Durchschnittliches Monatsgehalt einer polnischen Textilarbeiterin im Vergleich zum Mindestlohn (Quelle: Buy Responsibly Foundation)

Klare Regeln für “Slow Fashion” fehlen

Shopbesitzerin Agnieszka Groen betont, wie wichtig ihr die Arbeitsbedingungen vor Ort sind. „Bei unseren Besuchen in den Produktionsstätten erzählen uns die Mitarbeiter, dass sie zufrieden mit ihrer Arbeit sind.“ Trotzdem weiß sie nicht, wie viel die Näherinnen genau verdienen. „Die Designer bestätigen uns, dass sie gut bezahlt werden und wir vertrauen ihnen,“ sagt die 39-jährige Wahlberlinerin.

Laut der Designerin Kinga Król sind die für sie tätige Näherinnen sozialversichert, auch Überstunden werden bezahlt. Wie hoch ihr Stundenlohn ist, weiß die 42-Jährige jedoch auch nicht.

So wird deutlich, dass es dem Konzept “Slow Fashion” an mancher Stelle an Transparenz fehlt. Es gibt keine klaren Regeln oder Definitionen. Eignet sich “Slow Fashion” deshalb besonders gut als Marketing-Konzept für junge Designer mit geringen finanziellen Mitteln? Kinga Król sieht das anders. „Unseren Kunden ist es wichtig, nachhaltig und umweltbewusst zu leben. Slow Fashion ist kein Business-Konzept, sondern ein Lifestyle.“

Wenn Traditionen zu Trends werden Fashion ist global: Das gilt nicht nur für die Materialien, aus denen unsere Kleidung gemacht ist, sondern auch für die Ideen.

Illustration: Annabel Frenzel

Die Fashion-Industrie ist rücksichtslos, sie nimmt sich, was sie braucht: Arbeitskräfte? Da, wo sie am wehrlosesten sind. Rohstoffe? Da, wo sie billig sind. Und Ideen? Überall, wo sie zu finden sind.

Alle Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ist das ok?

 

Anna Schade und Vera Weber denken nach.

Nein!

Das ist kultureller Diebstahl, eine weitere Dimension der globalen Ausbeutung.

Beyoncé tanzt, das Gesicht mit indischem Schmuck behangen, in einem Musikvideo. Etwas weiter unten in der Trendsetter-Hierarchie übernimmt das Versandhaus ASOS im selben Stil ein Accessoire in sein Sortiment und labelt dieses lapidar mit „chandelier hair clip“. Diese perlenbesetzte „Kronleuchter-Haarspange“, die Frau vom Scheitel herab auf der Stirn trägt, ist Menschen aus Südasien unter einem anderen Namen wohl bekannt: als Tikka. Ein traditioneller Kopfschmuck, den Frauen in Indien und Bangladesh zu Festen tragen – in Regionen also, die durch die Modeindustrie am meisten ausgebeutet werden. Näherinnen stehen hier über zwölf Stunden am Tag in Fabriken, um westlichen Versandhäusern termingerecht die saisonalen Neuerfindungen zu liefern.

Denn von denen lebt die Modewelt. Und irgendwo her müssen sie kommen. Da wird das Fremde anderer Ethnien spannend und und prompt finden sich Features oder Zeichen dieser Kulturen hier in den Läden und Katalogen: 12,95 Euro, steht vielleicht auf dem Preisschild eines „chandelier hair clip“. Und noch „Made in Bangladesh“. Nicht aber: „Made by women, who wear this jewelry regularly as it is part of their culture“.

 Ja!

Das Spiel mit Ästhetiken ist Ausdruck des globalen Austauschs.

Kulturen, die wirtschaftlich nicht viel zu melden haben, bringen wunderschöne Dinge hervor. Die Fashion-Industrie erkennt das natürlich – und diese Erkenntnis ist wertvoll. Sie ist wertvoll, weil sie auch jenen den Blick für das Andere öffnet, die sich sonst nicht in multikulturellen Sphären bewegen.

Gerade Mode als Ausdrucksform hilft dabei, andere Ästhetiken zu entdecken. Denn sie sucht immer das Neue, sie muss revidieren und ja, Mode lebt von Mut. Sie lebt von dem Mut mit Altbekanntem und „klassisch Schönem“ zu brechen und neuartige Vorschläge zu machen – und diese Vorschläge kommen in einer globalisierten Welt von überall her. Damit kann Mode zum Scharnier zwischen den Kulturen werden. Aber eben nur, wenn sich Modemacherinnen und Modeliebhaber gleichermaßen mit ihr auseinandersetzen.

Denn sobald Konsumentinnen wissen und schätzen, woher ihre Kleidungsstücke kommen, ist das auch für die Produzenten in fernen Ländern von Bedeutung. Sowohl ihre Arbeit als auch die kulturellen Ursprünge von Modetrends werden dadurch sichtbar. Auf diese Weise entsteht ein Austausch, der den Grundstein legt für ein fruchtbares und respektvolles Miteinander der Kulturen.

Das ist die schöne Seite der Globalisierung.

 

Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ob das ok ist oder nicht, entscheidet sich an einem Punkt: Der Haltung, mit welcher Anbieter Elemente von anderen Kulturen vermarkten und Konsumenten diese auf ihrer Haut tragen.

Es gibt Modemacher, die die Herkunft ihrer Ideen anerkennen. In Zusammenarbeit mit denjenigen, die ihre Traditionen hüten, kreieren sie Neues. Auch so reisen Trends um die Welt – diese Karte zeigt ihre Routen.

Was kostet mein T-Shirt?

Eine multimediale Geschichte über die Kostenstruktur und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Mit Ansätzen für KonsumentInnen, dagegen vorzugehen. Weg von tradierten Schwarz-Weiß-Bildern, hin zu einer realistischen Sicht auf die Branche. Dafür haben wir unter anderem PassantInnen in der Leipziger Innenstadt gefragt, wie sie Qualität und Preis zwei unterschiedlicher T-Shirts einschätzen.

Für die nächste T-Shirt-Motto-Party noch mal schnell zu KiK, damit man sich und den anderen Party-Gästen lustige Sprüche aufs Shirt malen kann – wer kennt das nicht? Studierendenfreundlich sind die Preise bei KiK allemal. Das Blanco-Shirt gibt’s dort schon ab 2,99 €.
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Bei unserer Umfrage nach dem Preis eines T-Shirts haben alle PassantInnen einen Qualitätsunterschied festgestellt – doch nicht immer zu Gunsten des teureren Markenshirts. Niemand schätzte den Preisunterschied so hoch – 10 € war das Maximum. Auch die Materialien wurden nicht richtig erkannt.

Doch wie geht das überhaupt? Baumwolle aus Pakistan, Produktion in Bangladesch und dann einmal quer über den Globus nach Europa – welche Kosten entfallen da auf Lohn, Produktion, Transport und Marketing?

Anteil der durchschnittlichen Lohnkosten

Die durchschnittlichen Kostenanteile eines T-Shirts hat der WDR für sein Dossier „Kleidung in Zahlen: Über Mengen, Löhne, Marktanteile“ erfasst. Demnach machen die Lohnkosten nur 1% des Verkaufspreises aus. Dem Dossier zufolge entfallen 11% des Verkaufspreises eines durchschnittlichen T-Shirts auf Transport und Steuerabgaben und 13% auf die Fabrikkosten. Die Marketingkosten gibt der WDR mit 25% im Schnitt an. Die Hälfte des Verkaufspreises entfällt auf den Unternehmensgewinn und Handelskosten wie Zölle. Diese entstehen nicht, wenn ein Unternehmen aus der EU Handel mit Ländern wie Bangladesch treibt. Grund ist das EU-Handelsabkommen GSP (Generalized System of Preferences), das Zollfreiheit für Importe und Exporte der teilnehmenden Länder garantiert.

KiK widerspricht

Der Angabe „1% Lohnkosten“ widerspricht Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Im Unterschied zu den WDR-Zahlen stellt er nicht die Kostenanteile des Verkaufspreises, sondern des Einkaufspreises dar. Das ist der Betrag, den KiK an den Fabrikanten in den Produktionsländern zahlt. „Der Arbeitslohn liegt bei KiK ungefähr bei 15%“. Drei Viertel der Kosten entfallen auf den Stoffeinsatz; rund zehn Prozent auf Fabrikkosten und Profit.

Ähnlich sieht es beim Versandhändler Hessnatur aus, der Naturtextilien anbietet. Ein T-Shirt, das optisch mit dem von KiK vergleichbar ist, kostet bei Hessnatur 17,95€. Auch HessNatur nennt die Kostenanteile nur bezogen auf den Einkaufspreis: „Unsere Produktionskosten liegen in etwa bei 25% – da sind die Lohnkosten eingerechnet“, so Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur. Die Lohnkosten beziffert er auf 10-15%.

Sven Bergmann

Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur

Bei der Frage nach den Kostenanteilen gaben die KonsumentInnen in der Leipziger Innenstadt ganz unterschiedliche Einschätzungen ab. Nur eines ist sicher: Überall scheint gespart worden zu sein – von der Näherin bis hin zum Marketing.

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Im Unterschied zu KiK verwendet HessNatur ausschließlich Bio-Baumwolle. Bio heißt bei Hessnatur auf chemische Zusatzstoffe weitestgehend zu verzichten, Naturfarben zu verwenden und regionale Aktionen wie das Rhönschaf-Projekt zu unterstützen, bei dem die Wolle vom Rhönschaf aus dem gleichnamigen hessischen Mittelgebirge stammt.

Dann also lieber zu Hessnatur, wenn man beim Einkaufen etwas für Umwelt und Region tun möchte?

„Alles Quatsch“, meint Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“, einem europäischen Netzwerk für die Grundrechte von ArbeiterInnen in der Bekleidungsindustrie. „Ich kann und will überhaupt keine Empfehlung für unbedenkliche Unternehmen in der Bekleidungsindustrie abgeben – die gibt es leider nicht“, so die Aktivistin, die den Anteil der Lohnkosten eines Durchschnitts-T-Shirts ebenfalls mit 1% beziffert.

 

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Unabhängig von der exakten Zahl: Für den Lohnanteil spielt es kaum eine Rolle, ob das T-Shirt für ein niedrig- oder hochpreisiges Unternehmen gefertigt wurde. Je günstiger ein T-Shirt, desto höher sind die Gewinne des Fabrikanten, aber auch die Steuerabgaben. Das geht aus den Zahlen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe hervor.

Aktivistin Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen!“

Bettina Musiolek,

Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“

Bettina Musiolek glaubt, ein kritisches Konsumbewusstsein sei das einzig wirksame Mittel für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche. Wer sich zur kalten Jahreszeit noch schnell mit einer neuen Winterjacke eindecken möchte, dem rät Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen. Es geht nicht nur darum, wo Sie Ihr Geld ausgeben, sondern auch darum, ob Sie Parteien Ihre Stimme geben, die verbindliche menschenrechtliche Regeln für deutsche Unternehmen entlang deren Lieferketten fordern.“ Wer sich für Fortschritte in der Branche einsetzen möchte, der solle in NGOs und Aktionsgruppen für saubere Kleidung mitarbeiten – „die gibt es in den meisten Städten Deutschlands bereits“. Außerdem könne die Kundin beim Einkaufen an der Kasse Karten ihrer Kampagne abgeben, mit denen man Auskunft über den Lohnanteil der NäherInnen einfordern kann.

Das sei dringend notwendig, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern: „Auch in europäischen Fabriken ist es im Sommer meistens so heiß, dass viele ArbeiterInnen wegen der Temperatur, der Hitze und des Arbeitsdrucks bewusstlos werden. Häufig existieren gar keine Arbeitsverträge. Das Recht auf Organisation und Tarifverhandlungen wird oft nicht eingehalten. Wer Beschwerden äußert, wird sofort entlassen. Ich spreche dabei ausschließlich über die europäische Bekleidungsindustrie.“

KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen

Kollabierende ArbeiterInnen in europäischen Fabriken? Niedriglöhne, die in Mazedonien ebenso wenig zum Leben wie in Bangladesch reichen? Das mag auf den ersten Blick verwundern, wird aber von unabhängigen Beobachtern bestätigt. Wer sich mit der Textilindustrie beschäftigt, verliert schnell die Schwarz-Weiß-Sicht auf die Branche: „Made in Europe“ steht keineswegs per se für gute Arbeitsbedingungen und KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen:

Doch das Unternehmen gilt als schwarzes Schaf der Modeindustrie. Schließlich wirkt das Konzept verdächtig, jeden Kunden von der Socke bis zur Mütze für 30€ komplett einkleiden zu wollen. Dabei ist KiKs Engagement in puncto sozialer Verantwortung größer, als man zunächst vermutet: So nimmt KiK am Textilbündnis teil, einer freiwilligen Partnerschaft von Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften für ökologische und soziale Verbesserungen in der Branche. KritikerInnen werfen dem von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gestarteten Bündnis vor, kaum regulative Eingriffe vorzunehmen.

CSR-Richtlinie begünstigt auch journalistische Arbeit

Außerdem hat KiK schon Berichte zur „Corporate Social Responsibility“ (CSR) herausgegeben, als sie noch nicht verpflichtend waren. Seit Januar 2017 gilt nun die CSR-Richtlinie der EU, wonach Unternehmen ab 500 Beschäftigten ihre Lieferketten offenlegen und Angaben zu sozialen und ökologischen Standards ihrer Geschäftstätigkeit machen müssen.

Edith Dietrich

Edith Dietrich, WDR-Investigativjournalistin

Journalistin Dietrich: „Seit der CSR-Berichtspflicht haben wir Journalisten es viel leichter.“

Von der steigenden Transparenz profitieren nicht nur AktivistInnen wie Bettina Musiolek, sondern auch JournalistInnen. „Damit haben wir es viel leichter“, erzählt die WDR-Investigativjournalistin Edith Dietrich. „Zum Beispiel, wenn es darum geht, Produktionsstätten erst einmal zu finden. Vor zwei Jahren war das noch unmöglich.“

KiK-Manager Lohmann kündigt auf Nachfrage sogar Lohnerhöhungen in manchen Produktionsländern an:

KiK-Bereichsleiter Lohmann: „In Pakistan wollen wir das Lohnniveau um 5% erhöhen. In Bangladesch könnten es 10% sein.“

Wenige Sätze später warnt er jedoch vor steigenden Inflationsraten als Folge von Lohnerhöhungen. Und: „Die Fabriken gehören nicht KiK. Selbst wenn wir als westliche Auftraggeber den Lohnanteil erhöhen würden, heißt das noch lange nicht, dass der Fabrikinhaber diesen auch an die Beschäftigten weitergibt.“ Nach wirklichem Änderungswillen klingt das nicht.

Ansgar Lohmann

Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR)

KiK-interne Umfragen haben ergeben, dass CSR-Standards wie Sozial- oder Umweltverträglich für KiK-KundInnen so gut wie keine Rolle spielen. Doch wie sieht es bei den PassantInnen in der Leipziger Innenstadt aus?

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Verbraucherinitiative „Rank a Brand“ will Transparenz schaffen

Was können KonsumentInnen nun tun, außer weniger zu konsumieren und politisch aktiv zu werden, wie es Bettina Musiolek fordert?

Eine Antwort liefert Mario Dziamski. 2011 gründete er den deutschen Ableger der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“. Auf der Plattform können sich VerbraucherInnen über die Produktionsbedingungen einzelner HerstellerInnen informieren. „Damit sinkt für viele Verbraucher die Hürde, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Außerdem bauen wir Druck auf die Unternehmen aus, damit sie transparenter werden“, erklärt Dziamski. „Rank a Brand“ schickt umfangreiche Bewertungsfragen an die HerstellerInnen. „Anhand der Antworten auf diese Fragen ermitteln unsere Ranker, wie vertrauenswürdig uns eine Marke erscheint“, so Dziamski.

Gründer Dziamski: „Unsere Bewertungen orientieren sich an den Energieeffizienzlabeln, die man von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennt.“

Ein A-Label bekommt, wer über 75% der Fragen positiv beantwortet. Wer weniger als 15% der Fragen positiv beantwortet, erhält ein E-Label.

Mario Dziamski

Mario Dziamski, Gründer des deutschen Ablegers der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“

„Rank a Brand“ gibt KiK ein D. Das heißt „kaum empfehlenswert“. In der Erklärung der Initiative heißt es: „Erste Punkte erzielt KiK beim Klimaschutz. Die Berichterstattung zum Gebrauch von nachhaltigen Rohstoffen und Chemikalien muss hingegen präziser werden.“ Hessnatur erhält von „Rank a Brand“ ein B – „empfehlenswert“: „Aktuellere Angaben zur Klimabilanz könnten die Gesamtwertung jedoch noch verbessern. Beim Umwelteinsatz erhält Hessnatur viele Punkte, denn das Produktionsvolumen besteht mehrheitlich aus nachhaltig produzierten Rohstoffen.“

CSR-Richtlinie als Warnschuss

Wie geht es nun politisch weiter? Auf europäischer Ebene fordern Grüne und Linke ein Gesetz, das menschenrechtliche Sorgfalt in der Modeindustrie verbindlich macht. Nur supranational durchgesetzte Umwelt- und Sozialstandards würden für wirkliche Verbesserungen in der Branche führen, glauben die Parteien. In Frankreich existiert ein solches Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfalt bereits.

Branchenkenner Mario Dziamski ist sich sicher: „Die Modeindustrie sollte die CSR-Berichtspflicht als Warnschuss begreifen: Auf politischer Ebene hat ein regulativer Prozess eingesetzt, der bislang nur die Berichterstattung betrifft, in Zukunft aber durchaus zu mehr verpflichten könnte.“

Panel 2 (Vormittag): Nachhaltigkeit in der Modeindustrie

 

Was ist nachhaltige Kleidung? Welche Rolle spielen Recycling und Upcycling? Und gibt es noch andere Konzepte? Das ist das Thema der Podiumsdiskussion. Dabei tauschen sich Akteure aus Deutschland und Uganda aus.

Friederike von Wedel-Parlow

Friederike von Wedel-Parlow, Designerin aus Berlin


Friederike von Wedel-Parlow berichtet aus der wissenschaftlichen Perspektive. Sie gründete 2016 das „Beneficial Design Institute“. Das Institut richtet den Blick auf Innovation für einen kulturellen Wandel in der Welt mit positiven Auswirkungen auf ökologische, ethische, soziale und ökonomische sowie kulturelle und ästhetische Ebenen. Als Dozentin für „Sustainable Design Strategies“ leitete sie das Masterprogramm „Sustainability in Fashion“ an der Esmod Hochschule Berlin. Außerdem hat sie ihr eigenes Modelabel und assistierte Vivienne Westwood an der Universität der Künste. Friederike von Wedel-Parlow ist beratende Expertin für „Fashion for Good“ aus Amsterdam, Mentorin bei „Swiss Cultural Entrepreneurship“ und Jurymitglied beim “Bundespreis Ecodesign”.

Martin Wittmann

Martin Wittmann, CEO Wittmann Textilien


Martin Wittmann studierte BWL in München und Halle/Saale und spricht aus unternehmerischer Perspektive. Seine Diplomarbeit schrieb er über ethisch-orientierte Strategien im Recycling Business. Er ist Geschäftsführer des familieneigenen Unternehmens, mit Sitz in Bayern. Die Firma mit über 100 Mitarbeitern steht in 50-jähriger Tradition und hat sich auf gebrauchte Mode und Recycling spezialisiert. Außerdem ist er Beisitzer im Bereich Textil des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung. In seinem Vortrag wird er über das positive Image des (Textil-) Recycling sprechen.

Juliet Namujju

Juliet Namujju, CEO Kimuli Fashion


Juliet Namujju ist 21 Jahre alt und berichtet aus der Perspektive Ugandas. Sie hat das Start Up Kimuli Fashions in Uganda gegründet. Sie beklagt, dass die Gesellschaft in Uganda keinen Sinn für Mülltrennung hat. Aus dem Grund werden große Mengen von Plastik nicht getrennt und verbrannt. Dadurch entstehen giftige Gase, die die Bevölkerung schädigen und zur Erderwärmung beitragen. Kimuli Fashion versucht dem etwas entgegenzusetzen: durch Upcycling von Verpackungen.

Panel 2 (Nachmittag): Nachhaltigkeit in der Modeindustrie

Upcycling, recycling, second hand? Was ist für den nachhaltigen Kleiderschrank die beste Variante? Darüber diskutieren am Nachmittag diese Gäste:

Ellen Köhrer

© Kathrin Harms


Ellen Köhrer ist eine Journalistin und Autorin aus Berlin. Seit 20 Jahren schreibt sie über Nachhaltigkeit in der globalen Textil- und Modeindustrie sowie über Nachhaltigkeitsmanagement und Entwicklungspolitik. Ihre Texte wurden unter anderem von Spiegel Online, enorm und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge veröffentlicht. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf asiatischen Textilfabriken und europäischen fair fashion Designern. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz wird sie unter anderem den Einsturz der Fabrik Rana Plaza 2013 thematisieren.

Carolin Wahnbaeck


Carolin Wahnbaeck arbeitet als freie Journalistin für die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel. In ihren Texten geht es häufig um Nachhaltigkeit in der Modeindustrie, insbesondere das Gegenüber von fast und slow fashion. Für sie stellt sich Recycling als Mogelpackung dar, weil es vor allem mit Downcycling – einer Qualitätsminderung – einhergeht. Außerdem kritisiert sie die Verschiffung gebrauchter Kleidung nach Afrika aufgrund der Folgen für die dortige Textilindustrie.