Bildkorrekturen-Podcast #1: Mythos „Made in Europe“ – Saubere Kleidung aus Europa?  Ein Gespräch mit Bettina Musiolek und Edith Dietrich

„Made in Europe“ – das steht für Qualität, Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Wer in Europa produzieren lässt, setzt auf die Verlässlichkeit regulierter Märkte und bestehender Verträge. Ein Gütesiegel, das sich nicht nur Autobauer und Lebensmittelproduzenten nur allzu gerne auf die Fahnen schreiben. Auch in der Textilindustrie setzen viele namhafte Hersteller aus Deutschland oder Italien auf die vermeintlich saubere Produktion in Europa.

Die Realität in den Fabriken in Albanien, Mazedonien oder Rumänien gibt allerdings ein anderes Bild ab: Die Auslagerung der Produktion von Kleidung und Schuhen in osteuropäische Länder bezahlen die ArbeiterInnen. Mit Hungerlöhnen, 12-Stunden-Schichten und blutigen Fingern. Unbemerkt vom öffentlichen Fokus haben sich auch in Europa Sweatshops etabliert, in denen Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden und Ausbeutung die Regel ist.

Bettina Musiolek, Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign und Verantwortliche für das Referat Wirtschaft und Menschenrechte im Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen e.V., weiß um die Scheinheiligkeit des Mythos „Made in Europe“. Seit Jahren recherchiert und publiziert sie zu den Verhältnissen in den Kleider- und Schuhfabriken in den Niedriglohnländern Osteuropas. Auch Edith Dietrich, freie Fernsehjournalistin für den WDR, konnte sich während ihrer verdeckten Recherchen in Rumänien ein Bild machen.

In unserem Podcast von der bildkorrekturen-Konferenz 2017 in Leipzig erzählen sie von den Zuständen in den Textilfabriken, von der Systematik der Einschüchterung, von intransparenten Profiteuren und – nicht zuletzt – von der Verantwortung, die Politik, Unternehmen und Konsumenten zukommt.

„Verbraucher sind keine Geldbeutel auf zwei Beinen“ – Bettina Musiolek glaubt an das Bewusstsein der Konsumenten

Nachsehen, wie es vor der eigenen Haustüre aussieht: Edith Dietrich wurde von Bettina Musiolek auf das Thema ihrer letzten Recherchen gebracht

Es gibt auch Anlass für Optimismus: Je mehr das Thema in den öffentlichen Fokus rückt, desto größer ist die Chance, dass sich die Zustände ändern

Hinter den Läden liegen die Lager Dass man mit dem Kauf billiger Kleidung prekäre Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung in Ländern des globalen Südens mit verantwortet, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass eine Shoppingtour bei H&M, Zara und Co. auch fragwürdige Arbeitsbedingungen in Deutschland unterstützt.

Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes in Bangladesch vor vier Jahren denken viele bei dem Stichwort „billige Kleidung“ an überfüllte Textilfabriken, mit Färbemitteln verschmutzte Flüsse und Kinderarbeit. Wird
über faire Arbeit in der Textilindustrie diskutiert, haben alle diese Bilder aus dem globalen Süden im Kopf. Doch auch in Deutschland schafft die Modebranche vereinzelt unhaltbare Arbeitsbedingungen. Im Herbst 2017 warf Zeit Online einen Blick auf die prekären Arbeitszeitmodelle für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Filialen von H&M. Auch der kritische Blick in die Lager, die den Filialen im Produktionszyklus vorgeschaltet sind, lohnt sich: es berichtet eine ehemalige Lagerhelferin. Katja (Name geändert) ist 26 Jahre alt und studiert in Berlin. Sie drückt sich im Gespräch sehr bedacht aus, dennoch hört man ihre Empörung über das, was geschehen ist, heraus.

Von Herbst 2016 bis Frühjahr 2017 arbeitete sie für das Lagerunternehmen ILA Solution. „Ich brauchte damals schnell Geld und hatte keine Zeit für das Jobcenter-Prozedere“, erzählt sie und fast klingt es, als müsste sie sich für die Wahl ihres Nebenjobs rechtfertigen. Von einem Bekannten hatte sie gehört, dass ILA Solution immer auf der Suche nach Mitarbeitern sei. Die Hamburger Firma organisiert für verschiedene Modefirmen all das, was zur Vorbereitung der Waren dazugehört: Lagerung, Etikettierung und den Transfer in die Filialen. Katja bewarb sich beim Standort in Berlin, wurde direkt nach dem Probearbeiten fest in den Arbeitsplan eingetragen und hängte kurze Zeit später Kleider für das Modelabel Zara auf Bügel. Doch bald fielen ihr Dinge auf, die sie belasteten. “Ich habe gehört, wie meine Kollegen sich darüber unterhalten haben, dass sie ihr Gehalt nicht in der richtigen Höhe oder deutlich zu spät ausgezahlt bekommen. Eine Teamleiterin hat erzählt, dass sie trotz Vollzeitarbeit immer nur 400 Euro überwiesen bekommt“.

„Nur die Besten wurden eingetragen“

Zudem setzte ILA Solution Katja flexibel ein, obwohl in ihrem Vertrag eine feste Zahl von 30 Wochenstunden stand. „In weniger verkaufsstarken Zeiten kam es vor, dass Angestellte nach wenigen Stunden Arbeit wieder nach Hause geschickt wurden“, erzählt Katja. Andere Angestellte seien wiederum reihenweise nicht in den Arbeitsplan eingetragen worden, um sie für individuelles Verhalten abzustrafen – „nur die Besten wurden eingetragen“, fügt Katja hinzu. Für die Betroffenen bedeutete dies teils wochenlange Lohnausfälle, denn bezahlt wurden nur die Stunden, die auch tatsächlich gearbeitet wurden, nicht die, die im Vertrag zugesichert worden waren. Die von Katja geschilderten Arbeitsbedingungen erinnern stark an ein Arbeitsmodell, das als Arbeit auf Abruf bekannt ist. Hier werden Beschäftigte von ihrem Arbeitgeber je nach Bedarf eingesetzt. Grundlage dieser Praxis ist das Teilzeit- und Befristungsgesetz, das 2001 eingeführt wurde, um den deutschen Arbeitsmarkt flexibler zu machen. Laut § 12 können „Arbeitgeber und Arbeitnehmer […] vereinbaren, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung entsprechend dem
Arbeitsanfall zu erbringen hat“. Für die Arbeitnehmer bedeutet das Unsicherheit, denn sie können nicht mit einem festen Gehalt rechnen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert diese Regelung und bezeichnet sie als
eine „atypische und in vielen Fällen prekäre Form der Beschäftigung […], die mit vielen Risiken für die Beschäftigten behaftet ist“.

Die gesamte Organisation der etwa 80 Mitarbeiter wurde über eine WhatsApp-Gruppe abgewickelt. “Von alltäglichen Fragen bis hin zu persönlichen Abmahnungen, Kündigungsandrohungen und sogar Kündigungen wurde dort alles von allen mitgelesen”, erzählt Katja. Viele Angestellte posteten dort ihre Krankschreibungen mitsamt dem Diagnosekürzel und ihrer privaten Anschrift. Dass das weder nötig noch rechtens war, wurde durch die Vorgesetzten nicht
aufgeklärt.

Über die misslichen Bedingungen wussten Katja zufolge alle Mitarbeiter Bescheid – zu einem gemeinsamen Protest gegen das Unternehmen kam es jedoch nicht. „Die Arbeitssituation war eigentlich immer an der Grenze zu nicht
schlimm genug, um dagegen gemeinsam vorzugehen”, sagt Katja. “Man muss bedenken, dass die Leute, die dort arbeiten, das Geld gerade dringend brauchen. Viele von ihnen kommen außerdem nicht aus Deutschland und sprechen kaum Deutsch.” Das habe es zusätzlich erschwert, sich zusammenzuschließen. Als Katja sich dann doch einmal bei einem ihrer Chefs wegen sexueller Belästigung durch einen Teamleiter beschwerte, musste sie feststellen, dass es für den Umgang damit keine interne Regelung gab: “Ich war schon die Dritte oder Vierte, die sich beschwert hat. Aber es wurde keinerlei weitere Reaktion eingeleitet.” Katja selbst trat schließlich der Gewerkschaft Verdi bei, um Zugang zu einer Rechtsberatung zu haben. “Die kriegt man aber nicht sofort”, weiß sie nun.

„Als Kaufleute gilt für uns
ein Händedruck genauso viel
wie ein unterzeichneter Vertrag.“

Weil Katja Spanisch und Englisch spricht, wurde sie schon nach sechs Wochen von dem Lagerverantwortlichen gefragt, ob sie Interesse hätte als Teamleiterin zu arbeiten. Statt 8,50 Euro sollte sie von nun an 10 Euro pro Stunde erhalten. Dafür bestand ihre Arbeit nicht mehr nur aus Klamotten falten und sortieren, sondern auch daraus, den Kontakt zu der Zentrale der Modefirma Zara zu führen, Buchungen vorzunehmen und Aufgaben zu verteilen. “Nach ein paar Wochen habe ich auf der Gehaltsabrechnung gesehen, dass ich nicht mehr Geld bekommen habe als vorher,” erzählt Katja. Als sie sich beschwerte, wurde ihr erwidert, dass der Lagerverantwortliche, der sie befördert hatte, dazu nicht befugt gewesen wäre. ILA Solution wirbt auf ihrer Internetseite mit dem Slogan „Als Kaufleute gilt für uns ein Händedruck genauso viel wie ein unterzeichneter Vertrag“ – in Katjas Fall grenzt das an tragische Ironie. Zu der Frage, ob Katjas Erfahrungen am Standort in Berlin ein Einzelfall waren, wollte sich ILA Solution nicht äußern.

Ein verkürztes Bild

In Deutschland gibt es kaum Interesse an Usbekistan. Dabei hat das Land in Zentralasien sehr wohl eine Bedeutung für die Bundesrepublik. Ist das Ignoranz oder Unwissen? Eine Spurensuche in Politik und Medien.

Usbekistan gehört zu den Ländern, von denen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich gar kein Bild haben. Wer sich etwas auskennt, denkt vielleicht an den austrocknenden Aralsee, oder weiß, dass in Usbekistan einst die Seidenstraße verlief. Aber egal ob Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan: Länder mit der Endung „-stan” bilden aus deutscher Sicht einen ziemlich weißen Fleck auf der Landkarte. Stellvertretend für die gesamte Region Zentralasien liegt Usbekistan so weit abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung, dass selbst eine Google-Suche nach dem Land in etwa so viele Ergebnisse liefert, wie die Suche nach einer beliebigen deutschen Kleinstadt.

Dabei ist es nicht so, dass in dem Land nichts Interessantes passieren würde. Als Teil der Sowjetunion wurde Usbekistan einst eine wichtige Rolle zugewiesen: der Baumwollanbau für das ganze Reich. Trotz der schwierigen Bedingungen in dem von Wüsten geprägten Land, ist Usbekistan bis heute einer der weltweit größten Exporteure für Baumwolle.

Obwohl sich usbekische Baumwolle in den allermeisten deutschen Kleiderschränken finden dürfte, ist wohl den wenigsten bekannt, dass diese Baumwolle jedes Jahr von tausenden usbekischen Zwangsarbeitern geerntet wird. Egal ob Lehrer, Anwälte, Ärzte, Senioren, oder (zumindest offiziell) bis vor kurzem auch Kinder: Jeden Herbst müssen unzählige Usbeken ihre Heimat und Arbeitsstellen für die Ernte verlassen, um unter schweren Bedingungen und hohem Druck Baumwolle für das Vaterland zu ernten.

“Etwas besser als Nordkorea”

Für die Repressivität des Staates gibt es für die usbekische Menschenrechts-Aktivistin Umida Niyazova nur wenige vergleichbare Länder auf der Welt: „Usbekistan ist der klassische autoritäre Staat. Etwas besser als Nordkorea, aber schlechter als die Türkei oder Russland.” Anders als bei diesen Ländern gibt es allerdings in Deutschland und anderswo kaum Aufmerksamkeit für die Situation in Usbekistan. Schließlich droht hier niemand mit Atombomben und im Vergleich zu Ländern wie Afghanistan oder Pakistan wirkt Usbekistan von außen ruhig und stabil.

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Grund für die prekäre Menschenrechtssituation und Isolation in Usbekistan war lange der autoritäre Staatspräsident Islom Karimov, der schon zu Sowjetzeiten in der Führung des Landes war und seit der Unabhängigkeit 25 Jahre bis zu seinem Tod 2016 regierte. Unter ihm wurden unzählige Menschen gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und die usbekische Presse unterdrückt. Einen traurigen Höhepunkt fand die Härte im Umgang mit unbequemen Kritikern 2005 bei dem Massaker in Andischan. Das usbekische Militär tötete damals hunderte unbewaffnete Menschen bei einer Protestdemonstration. Ein Ereignis, das bis heute weder auf Europäischer Ebene noch von der deutschen oder US-amerikanischen Regierung öffentlich thematisiert wird.

Dabei hätte gerade Deutschland gute Möglichkeiten durch öffentliche Kritik etwas zu bewirken. Und zwar nicht nur, was die weltweite Aufmerksamkeit angeht, meint die Vorsitzende des Usbekisch-Deutschen Forums für Menschenrechte Umida Niyazova. Deutschland hat gute Beziehungen zu Usbekistan und wird – anders als Amerika – innerhalb des Landes ernst genommen.

Deutschland nutzt seinen Einfluss nicht

Schließlich halfen deutsche Bemühungen auch Umida Niyazova selbst, als sie 2007 in Usbekistan wegen ihrer Arbeit als Menschenrechts-Aktivistin und Journalistin zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach wenigen Wochen wurde sie freigelassen und konnte Asyl in Deutschland beantragen. Obwohl sie für diese Bemühungen dankbar ist, kritisiert Niyazova: „In Sachen Menschenrechtsverletzungen macht Deutschland keinen Gebrauch von seinem Einfluss in der Region. Es gibt fast keine öffentliche Kritik”.

Sie vermutet, dass die Bundesregierung versucht, die konstruktiven Gespräche aufrechtzuerhalten, um so hinter verschlossenen Türen in Fällen wie ihren eingreifen zu können. Doch ändern wird sich auf diese Weise wohl nichts, meint Niyazova. „Das wurde viele Jahre versucht. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ein wenig kritischer sein”. Denn obwohl der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev zuletzt Hoffnungen auf einen politischen Wandel weckte, lassen jüngste Verhaftungen von Journalisten und Homosexuellen Zweifel an einer Verbesserung der Menschenrechte in Usbekistan aufkommen.

Desinteresse in deutschen Medienhäusern

Aber Usbekistan wird nicht nur auf politischer Ebene vernachlässigt. Auch in den deutschen Medien ist das Land unterrepräsentiert. Aktuell gibt es genau eine freie deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet. Edda Schlager ist eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer sehr direkten Art. Genau diese Art braucht die Quereinsteigerin für ihren Job. Edda Schlager schlägt sich mittlerweile seit zwölf Jahren durch die Länder mit dem „– stan” am Ende und ist dabei zum großen Teil auf sich selbst gestellt. Bevor sie in die Gegend reiste und begann dort zu leben, hatte auch sie wenig Ahnung, was sie erwarten würde. „Ich wusste nicht mal, wo Usbekistan liegt, bevor ich hinging.“ Es war jedoch nicht nur Neugierde, die sie in die Ferne trieb, auch ein wenig Pragmatismus steckte dahinter. Zu Beginn dachte Edda Schlager, es wäre sicher ein Leichtes Themen aus Zentralasien an deutschsprachige Medien zu verkaufen, da es hier doch kaum freie Korrespondenten gäbe.

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Doch relativ schnell erkannte die Journalistin, dass ihre Vorstellung nicht der Realität entsprach. Das Interesse an Themen aus Usbekistan geht in deutschen Redaktionen gegen Null. Edda Schlager steht zwar in gutem Kontakt mit vielen Zeitungsredaktionen, doch oftmals gibt es auf ihre Vorschläge wenig positive Reaktion. „Wenn ich dann einmal ein Thema durch gekriegt habe, dann weiß ich, dass ich die nächsten drei Monaten mich nicht mehr melden muss.“

Im Schatten von Russland und der Ukraine

Natürlich haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten Zentralasien durch Korrespondenten abgedeckt. Sie arbeiten kaum mit freien Journalisten zusammen. Doch die Korrespondenten der ARD und des ZDF finden wenig Zeit für Themen aus Usbekistan und seinen Nachbarländern. Sie haben ihren Hauptsitz in Moskau und sind für Russland, die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldawien und ganz Zentralasien zuständig. Bei einem Team von drei Leuten im Fernseh-Korrespondenzbüro der ARD, bleiben da zahlreiche Themen auf der Strecke. Dessen ist sich auch Golineh Atai bewusst, die seit fünf Jahren in dem ARD-Büro arbeitet: „Gerade in den Krisenjahren von 2013 bis 2016 ist vieles vernachlässigt worden. Da haben wir fast ausschließlich über Russland und die Ukraine berichtet.“ Auch aktuell steht Zentralasien nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste. Viele gesellschaftliche Themen aus Russland werden nun von der Redaktion aufgearbeitet. Beispielsweise der Alltag von Frauen im Land oder die Surfkultur an den Stränden. Der Reiz ist groß für deutsche Redaktionen über Russland zu berichten.

Golineh Atai und ihre Kollegen würden jedoch auch gerne mehr Berichterstattung zu Themen aus Zentralasien machen. Ereignisse wie Wahlen in Kirgistan schreiben sie immer in ihren Wochenausblick, der an die Redaktionen in Deutschland geht. Doch sie haben ähnliche Probleme wie Edda Schlager. Themen aus Zentralasien sind kaum gewünscht. „Für unsere Kollegen in Deutschland ist das terra incognita.“ Golineh Atai beschreibt, dass die Redakteure kaum wissen, welche Bedeutung die Länder für Deutschland haben.

Die ARD-Korrespondenten in Moskau waren zuletzt vor zwölf Jahren in Usbekistan selbst. Dabei spielt jedoch nicht nur das geringe Interesse deutscher Redaktionen eine Rolle, sondern auch die repressive Politik der usbekischen Regierung. Nach dem Massaker in Andischan wurden kaum noch ausländische Journalisten in das Land gelassen. Zu groß war die Angst, dass diese etwas über die Hintergründe ermitteln könnten. Die Auflagen waren streng und sind es immer noch.

Eine bessere Zukunft in Sicht?

Erst diesen Sommer wollte Golineh Atai mit einem Fernsehteam nach Usbekistan reisen, um einen Beitrag über Land- und Wasserwirtschaft dort zu berichten. Sie hatten viel Geld und Zeit investiert und es schließlich auch geschafft ein Visum zu bekommen. Dennoch wurde die Reise letztendlich abgesagt. „Die Befürchtungen waren einfach zu groß, dass wir vor Ort nicht viel machen können.“ Im nächsten Jahr soll nun ein weiterer Anlauf gestartet werden. Hier wird ein weiterer großer Punkt, warum die Berichterstattung aus Usbekistan so schwierig ist, klar. Die Planungsunsicherheit ist sowohl für freie Journalisten wie Edda Schlager, als auch Korrespondenten wie Golineh Atai ein Problem.

Beide Journalistinnen würden sich jedoch mehr Aufmerksamkeit und Engagement für Usbekistan wünschen. „Usbekistan hat sehr wohl eine Bedeutung für Deutschland“, sagt Golineh Atai. „Besonders in der Wasser-Diplomatie, aber auch Extremismus, der in Zentralasien entsteht, könnte die nächsten Jahre noch ein großes Thema werden.“ Umida Niyazova hat noch ein anderes Anliegen. Sie möchte ein breiteres Bild mit mehr gesellschaftlichen Themen aus ihrem Heimatland, wie beispielsweise der häufig vorkommenden häuslichen Gewalt. So würde eventuell nicht nur das Interesse bei den deutschen Bürgern, sondern ebenso in der deutschen Politik wachsen. Auch Edda Schlager hofft auf mehr Vielfalt bei den Themen aus Usbekistan in deutschen Medien. „Es ist kein falsches Bild von Usbekistan in den deutschen Medien, aber ein verkürztes.“

Keine weißen Westen Erst jetzt gibt sich das Textilbündnis verbindliche Ziele – warum dauert das so lange?

„Ich wünsche Ihnen fair produzierte Kleidung unterm Weihnachtsbaum“, sagt Bernhard Felmberg zum Abschied. Dass das in Deutschland momentan die Ausnahme ist, weiß er selbst. Felmberg sitzt für das Entwicklungsministerium im Textilbündnis, einem Zusammenschluss von Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Unternehmen des deutschen Textilmarkts, darunter Größen wie H&M, Esprit, Aldi, Lidl und Tchibo. Es soll die ökologischen und sozialen Bedingungen in der Textilwirtschaft verbessern und für mehr faire Kleidung unterm Baum und im Schrank sorgen.

Nun, drei Jahre nach seiner Gründung, hat das Textilbündnis zum ersten Mal verbindliche Zeit- und Mengenziele für alle Mitglieder beschlossen. Bislang gaben sich die Teilnehmer, die zusammen immerhin die Hälfte des deutschen Textilmarkts abdecken, lediglich individuelle Ziele.

Von 2018 bis 2020 sollen sie besonders an drei Bereichen arbeiten: dem Chemikalieneinsatz, den Sozialstandards und der Verwendung von Naturfasern. So müssen zertifizierte Chemikalien benutzt, Abwässer besser geklärt, ein Prozess zum Umgang mit Kinder- oder Zwangsarbeit etabliert und der Anteil an nachhaltiger und Bio-Baumwolle erhöht werden. Auch müssen sie Produzenten und Geschäftspartner systematisch erfassen – ob die Liste auch veröffentlicht wird, bleibt aber den Mitgliedern überlassen.

Die Ziele sind zunächst bemerkenswert, denn kein deutsches Unternehmen muss Teil des Textilbündnisses sein, das 2014 von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ins Leben gerufen wurde. Er gründete es als Reaktion auf den Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013, in der auch deutsche Firmen hatten produzieren lassen. Mehr als 1.100 Menschen starben damals, über 2.400 wurden verletzt. Seitdem setzt er auf die Freiwilligkeit der Branche statt auf harte Vorgaben. Allen Beteiligten ist aber klar: Sollte das Bündnis keine ausreichenden Erfolge erzielen, könnten Gesetze folgen. Kritikern gehen die Ambitionen schon jetzt nicht weit genug und es dauert ihnen zu lange. „Wir brauchen ein Gesetz! Die Bundesregierung ist in der Pflicht dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen in ihren Lieferketten Menschen- und Arbeitsrechte achten“, forderte kürzlich eine Vertreterin von Brot für die Welt auf der Konferenz „Fashion and Development“ in Leipzig.

Die Kleiderstange hängt voll, doch ist die Auswahl nachhaltig?

Wer verstehen will, weshalb es im Textilbündnis so langsam vorangeht, muss sich die Beteiligten genauer ansehen. Auf den Bündnistreffen kommen Vorreiter für Nachhaltigkeit wie hessnatur und Vaude mit Größen des günstigen Segments wie NKD, KiK und Primark zusammen. 99 Unternehmen mit unterschiedlichen Kunden und Nachhaltigkeitsstrategien treffen aufeinander. Die einen bremsen, den anderen geht es nicht schnell genug. Das aktuelle Papier ist der größtmögliche Konsens von sehr unterschiedlichen Interessen.

So verwundert es auch kaum, dass sich das Textilbündnis noch immer vor klaren Aussagen bei zentralen Fragen drückt, etwa bei der Bezahlung der Textilarbeiter in den Fabriken. Mitglieder müssen laut den neuen Zielvorgaben jährlich lediglich an einer einzigen schwammigen „Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.“ Damit verdienen Arbeiter jedoch nicht zwangsläufig mehr Geld. Felmberg vom Entwicklungsministerium räumt ein: „Das Thema existenzsichernde Löhne möchten wir 2018 noch stärker behandeln.“ Das Textilbündnis wird vom Entwicklungsministerium aktuell nur bis Ende 2018 finanziert, doch Felmberg ist zuversichtlich, dass es unabhängig von der künftigen Regierungskoalition fortgeführt wird. „Es ist das größte Multistakeholder-Bündnis weltweit. Tiefgreifende Entwicklungen brauchen ihre Zeit“, sagt er.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich auf dem Textilmarkt vollziehen könnte, was schon bei Lebensmitteln eingesetzt hat: Ein breiteres Angebot an nachhaltigen Produkten, auch in Discountern, und das wachsende Kundeninteresse dafür. Die Branche kämpft auch mit der Transparenz: Derzeit lassen sich die vielen Arbeitsschritte von der Baumwollernte hin zum fertigen T-Shirt kaum nachvollziehen. Bis es in einem deutschen Geschäft liegt, muss die Baumwolle gepflückt, zu Fäden verarbeitet, gefärbt und gewebt werden, anschließend genäht, verschickt und verkauft. Bei chemischen Fasern ist die Kette ähnlich lang, mit vielen Möglichkeiten für Regelverletzungen.

Als nächsten Schritt peilt das Textilbündnis die internationale Vernetzung an, denn noch ist es ein nationaler Zusammenschluss. Ob das Unternehmen dazu bewegt, freiwillig existenzsichernde Löhne zu zahlen, bleibt fraglich. Das tun häufig nicht einmal die Vorreiter – es gilt als zu großer Wettbewerbsnachteil. Und so könnte es noch dauern, bis unterm Weihnachtsbaum faire, bezahlbare Kleidung liegt.

Fotos: Julia Klaus