Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

„Alle sollen wissen, was konkret von ihnen erwartet wird“

Das viel kritisierte Bündnis für nachhaltige Textilien hat große Pläne für das Jahr 2018. Ob es die von Bundesminister Gerd Müller ins Leben gerufene Initiative schaffen wird, weiter zu wachsen und den Markt zu verändern? Dr. Jürgen Janssen, Leiter des Bündnissekretariats, gibt sich im Interview positiv.

Im Sommer 2017  haben die Mitglieder erstmals Jahrespläne für verbindliche „Roadmaps“ erstellt. Haben Sie in diesem halben Jahr schon Verbesserungen gesehen?

Wir können noch nicht sagen, ob und was sich konkret verbessert hat. Wir gehen aber auf jeden Fall davon aus das sich etwas tut. Es sind insgesamt über 1500 Maßnahmen, die alle Mitglieder gemeinsam in die zusammengefassten Pläne reingeschrieben haben. Für den großen Tanker „Textilwirtschaft“ ist dies eine Richtungsänderung.

Viele Ihrer Mitglieder sind ausgetreten. Was sind die Gründe dafür?

In den letzten Monaten hatten wir auch einige neue Beitritte. Wir finden, es ist eine relativ normale Entwicklung, dass es bei einer völlig freiwilligen, ohne interne Regelungen funktionierenden Initiative, bei Steigerung des Anforderungsniveaus für die Mitglieder, eine Bereinigung gibt. Einige Mitglieder waren von anderen Anforderungen und Voraussetzungen ausgegangen. Diese hatten nicht geglaubt, dass das Textilbündnis tatsächlich Verpflichtungen einführen würde. Verpflichtungen sind nicht nur konkrete Maßnahmen, sondern insbesondere die geforderte Transparenz. Natürlich soll über die Ergebnisse berichtet werden. Für einige ehemaligen Mitglieder war dies ein Schritt, den sie noch nicht mitgehen wollen.

Wie wollen Sie für die Zukunft wieder mehr Mitglieder gewinnen?

Um die Mitgliederzahl zu steigern, muss Klarheit im Hinblick auf den Zeitraum 2018 bis 2020 geschaffen werden. Alle Mitglieder sollen wissen, was exakt von ihnen erwartet wird. In der Anfangsphase des Textilbündnisses war das noch nicht der Fall.Mit der Formulierung des Anforderungskatalogs ergibt sich für die Unternehmen Planungssicherheit. Dann wissen die Mitglieder worauf sie sich einlassen.

 Die NGOs haben sie bezüglich der Roadmaps kritisiert. Wie gehen Sie damit um?

Sehr proaktiv. Wir haben die erste Runde des Roadmap-Prozesses angeschoben als ein Element der Bündnisarbeit. Es ist die erste Runde und diese ist noch nicht hunderprozentig ausgereift. Das System, Ziele zu setzen, sie nachzuverfolgen und dann darüber zu berichten, ist völlig neu. Das gibt es so noch nirgends. Für den Roadmap-Prozess 2018 haben wir eine ganze Reihe von Veränderungen und Verbesserungen vorgenommen unter Beteiligung der NGOs. Diese schauen natürlich mit einem anderen Blick auf die Themen als Unternehmen. Aber auch die NGOs sind verpflichtet, eigene Roadmaps abzugeben. Sie sollen zeigen, wie sie ganz konkret die Ziele des Bündnisses verfolgen und unterstützen wollen. In diesem Bereich haben wir sehr viel Feedback von den NGOs bekommen. Diese sagten, dass die Formulierung der Ziele zum Teil nicht passt und geändert werden muss. An diesem Punkt stehen wir momentan.

 

Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.

Der schöne Schein Wie die internationale Gemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan übersieht

Wie internationale Staaten wegschauen, wenn Menschenrechte verletzt und die Umwelt wegen eines einzigen Rohstoffs zerstört wird: Baumwolle. Was aber sollten sie tun? Hintergründe und Gespräche von Melanie Marks und Zita Zengerling

Tashkent, Usbekistan. Weite Gewänder in satten Farben: Sonnengelb, Purpur, Gold das eine. Türkisgrün bestickt, das andere. Präsentiert von jungen Frauen mit stolzen Mienen auf einer Modenschau in der Hauptstadt. Die exotischen Roben mit ihren Ethno-Stickereien sind das Produkt uralten Handwerks und haben dennoch etwas Zeitloses. Ihre exotische Pracht mag dem westlichen Betrachter bunte Vielfalt verheißen, Reichtum, Freiheit.

Der Schein trügt

Doch das Bild, das sich dem unwissenden Zuschauer in dieser Darbietung zeichnet, trügt. In Wahrheit herrscht in Usbekistan keine Freiheit, sondern das repressive System einer jahrzehntealten Diktatur. Die Menschenrechtslage ist prekär: Im angesehenen Freiheits- Ranking der internationalen NGO „Freedom House“ wird Usbekistan in allen Kategorien als maximal unfrei eingestuft. Internationale Medien, Beobachter und Menschenrechtsaktivisten werden systematisch aus dem Land ausgeschlossen. Im internationalen Vergleich der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ belegt Usbekistan den 169. Rang von 180 Staaten.

Usbekistan ist eines der Schlusslichter weltweit beim Thema Pressefreiheit. Praktisch sind nur staatliche Medien erlaubt (Foto: Edda Schlager, eddaschlager.com).

Zwangsarbeit

Jedes Jahr werden Teile der Bevölkerung von der korrupten Regierung dazu gezwungen, ihre Jobs oder Ausbildungsstellen niederzulegen, um auf den Baumwollfeldern des Landes die Ernte einzuholen. Sie leben in Massenunterkünfte, verdienen einen Hungerlohn, und wird das Tagessoll von rund zehn Kilogramm Baumwolle pro Person nicht erfüllt, drohen die Kündigung, die Kürzung von Sozialleistungen oder Schläge. Dabei schaffen manche Arbeiter kaum mehr als drei Kilogramm am Tag.

Baumwolle, Kinderarbeit in der Nähe von Samarkand, 2005 (Foto: Edda Schlager)

Umweltkatastrophe

Der Aralsee, einmal der viertgrößte Binnensee der Welt, ist durch die Bewässerung der Baumwollplantagen innerhalb von nur 50 Jahren zu 90 Prozent ausgetrocknet. Eine der weitreichendsten Umweltkatastrophen menschlicher Hand. Die resultierende Wasserknappheit verstärkt noch das Leid der Menschen in Usbekistan. „Baumwollanbau ist sehr wasserintensiv. Außerdem ist der Schädlingsbefall enorm, so dass verschiedene Pestizide eingesetzt werden. Es entstehen immer wieder starke Schäden für Menschen, Tiere und Umwelt“, erklärt Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt. „Der Baumwollanbau ist häufig eine ökologische Katastrophe.“ Und im usbekischen Fall eine humanitäre noch dazu.

Koloniale Ausbeutung

In Usbekistan ist das gesamte Staatssystem und seine (Export-)Wirtschaft auf einen einzigen schicksalhaften Rohstoff ausgelegt, das Resultat der Kolonialzeit. Um sich von der Baumwollproduktion der feindlichen USA zu emanzipieren, begann Russland nämlich bereits im 19. Jahrhundert mit dem Aufbau eines eigenen Baumwollmarktes in Zentralasien. Und bis heute ist Usbekistan auf die Monowirtschaft mit der Baumwolle angewiesen. Die kolonialen Ausbeutungsmechanismen von damals existieren dabei noch immer. „Man muss sich fragen: Wer profitiert davon?“, erklärt Stig Tanzmann von Brot für die Welt. Heute seien das nicht mehr nur der globale Norden, so der Landwirtschaftsreferent, sondern auch Staaten wie Indien oder China, die strukturschwache Regionen ausbeuteten.

Mädchen auf einer Baumwollplantage (Foto: Edda Schlager)

Globales Desinteresse

Staaten und internationale Organisationen, auch die Europäische Union, verdecken sich aber seit Jahren die Augen vor den Problemen: Ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ein Beispiel: Als der damalige Außenminister und OECD-Vorsitzende Frank-Walter Steinmeier im März 2015 Usbekistan besuchte, versäumte er es bei all seinen öffentlichen Auftritten, die beunruhigende Menschenrechtslage im Land zu thematisieren. Entwicklungszusammenarbeit endet oft dort, wo die Nutznießer der Ungleichheit mit eigenen Einschränkungen rechnen müssen.

Die Lösung

Was ist also die Lösung? Was kann, was muss die EU tun? Das erklärt Hugh Williamson. Er war elf Jahre Korrespondent für die Financial Times in Manila und Berlin und arbeitet nun als Referatsleiter Europa und Zentralasien bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Melanie Marks hat mit ihm gesprochen.

Herr Williamson, warum macht die EU so wenig, um die Menschenrechtssituation in Usbekistan zu verbessern?
Die EU würde sagen, sie machen schon sehr viel. Sie haben vielfältige Beziehungen mit Usbekistan: Wirtschaft, Handel, geopolitische Verbindungen, eine Anti-Terrorismus-Koalition und eben auch einen Dialog zur Menschenrechtssituation. Wir bei Human Rights Watch würden uns aber wünschen, dass gerade die Situation der Menschenrechte stärker in den Beziehungen priorisiert wird.

Wie?

Die EU sollte viel strategischer und nachdrücklicher vorgehen. Zum Beispiel könnten wirtschaftliche Hilfen damit verknüpft werden, dass sich die Menschenrechtssituation verbessert. Damit meine ich: Die Zwangsarbeit in der Baumwollproduktion beenden, freie Medien zu-, politische Häftlinge freilassen und ihnen Anwalt und einen freien Prozess garantieren. All das ist nicht der Fall und die EU sollte das nicht akzeptieren. Schließlich untergräbt sie damit ihre eigenen Werte. Und sie muss es auch nicht akzeptieren. Usbekistan möchte die Beziehungen zu der EU vertiefen. Die Union hat also mehr Verhandlungsspielraum als sie denkt.

2005 hat der alte Präsident Islam Karimov in Moskau einen militärischen Beistandspakt mit Russland unterzeichnet. Darin heißt es „Russland bleibt unser treuester Verbündeter. Und auch wirtschaftlich hat Usbekistan mit Russland und China zwei mächtige Handelspartner. Warum möchte Usbekistan die Verbindungen zu der EU überhaupt vertiefen?

Usbekistan hat zwar Verbindungen zu Russland und China, aber die Regierung hat immer auch versucht, sich nicht von den beiden Staaten abhängig zu machen. Die Europäische Union bietet Usbekistan potenzielle Investments, Wirtschaftshilfen. Vor allem aber gewinnt das Land an Anerkennung durch engere Verbindungen mit der EU. Usbekistan möchte nicht mehr als rückständiges Land wahrgenommen werden. Die Regierung will auch in internationalen Organisationen akzeptiert und anerkannt werden. Das erreichen sie mehr durch Beziehungen zu der EU als durch Beziehungen zu China und Russland.

Wenn es ihnen aber so wichtig ist, die Beziehungen zur EU zu verbessern, warum agiert die usbekische Regierung dann nicht nach europäischen Maßstäben?

Sie haben vor zwölf Monaten damit angefangen. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden. Natürlich ist die Situation in Usbekistan noch immer prekär. Aber der neue Präsident, Shavkat Mirziyoyev, versucht, das Land zu liberalisieren. Er hat eine beispielsweise Telefonhotline eingerichtet, die die Bevölkerung bei Problemen anrufen kann. 16 politische Gefangene wurden frei gelassen. Natürlich: Es sind nur 16 von 1000 Häftlingen. Dennoch bemerken wir bei Human Rights Watch, dass sich etwas in dem Land tut.

Die Kritiker von Mirziyoyev sagen, dass sei nur eine Strategie, um seine Position zu festigen.

Das ist eine wichtige Frage, ja. Und das ist möglich. Aber wir versuchen den Fortschritt daran zu messen, was gerade tatsächlich passiert. Durch Realität, nicht Rhetorik oder Debatten. Und der neue Präsident bietet der EU gerade eine Möglichkeit, aktiv zu werden. Die sollte die EU nun auch in ihrem eigenen Interesse nutzen.

Welche Interessen hat die EU in Usbekistan?

Das ist ein komplizierter Mix. Zum einen ist Usbekistan wichtig für die geopolitische Stabilität in Zentralasien. Afghanistan ist ein Nachbarland und bis Ende 2015 hatte die Bundeswehr für ihren Afghanistan-Einsatz sogar Truppen in Usbekistan stationiert. Hinzu kommen die gemeinsamen Projekte zur Bekämpfung von Terrorismus. Aber zum anderen hat auch die EU wirtschaftliche Interessen. Usbekistan hat neben Baumwolle noch viele weitere Rohstoffe: Erdgas, Erdöl, auch Gold. Von einem freien Markt und transparenten Handelsbedingungen profitiert auch die EU.

Warum werden diese Rohstoffe noch kaum erschlossen und vertrieben?

Das müssten Sie die Amtsinhaber in Usbekistan fragen (lacht). Sie versuchen schon, sich von der Baumwollindustrie etwas zu lösen, bauen auf Baumwollfeldern stattdessen Getreide an. Aber, um andere Sektoren wirklich aufzubauen sind internationale Investitionen notwendig.

Also müssten Anreize für die Wirtschaft geschaffen werden, in Usbekistan zu investieren?

Ja. Die ökonomischen Bedingungen sind wirklich schlecht. Es ist nahezu unmöglich, als ausländisches Unternehmen in Usbekistan zu agieren. Um eine Zulassung zu erhalten, muss ein Bestechungsgeld an die Behörden gezahlt werden, man braucht Verbindungen zur regierenden Elite. Und es war bis vor kurzem noch sehr schwer, verdientes Geld wieder aus Usbekistan herauszukriegen, weil es nicht umtauschbar war. Das sind alles Verhältnisse, in denen Unternehmen nicht gerne agieren. Sie wollen Transparenz.

Wie wichtig ist die Wirtschaft, um soziale Standards zu verbessern?

Sehr wichtig. Ökonomische und soziale Entwicklungen sind eng miteinander verbunden: Zugang zu Strom und sicherer Unterkunft und Entstehung neuer Jobs. Aber in Usbekistan müsste auch das System verändert werden. Es darf nicht mehr nur alles in der Hand von einigen wenigen landen. Eine wirtschaftliche Reform würde Usbekistan sehr weit nach vorne bringen.

CSR – gerechte, grüne Mode? Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind oft katastrophal. Das steht in einem starken Gegensatz zu dem Nachhaltigkeitstrend, der gerade durch die Branche geht. Transparenz soll die neue CSR-Berichtspflicht bringen.

Quelle: https://www.hessnatur.com/corporate/bildarchiv/stores/

Quelle: http://www.kik-textilien.com/unternehmen/presse/informationsmaterial/bildmaterial/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Öko- vs. Billig-Mode? Wie gerecht und grün die beiden deutschen Textilunternehmen sind, kann man in ihren CSR-Berichten nachlesen.

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Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

Vertuschte Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden alle Usbekinnen und Usbeken zur Baumwollernte gezwungen. Freie Berichterstattung über die Missstände ist aufgrund des repressiven Regimes kaum möglich. Nach dem Tod des alten Präsidenten gab es Ausblick auf Besserung – doch zu viele Akteure profitieren von der Zwangsarbeit.

Der ehem. usbekische Präsident Islan Karimov (1938-2016). (Quelle: kremlin.ru, CC 4.0)

Als am 2. September 2016 die Nachricht von Islam Karimovs Tod die Runde machte, herrschte fast so etwas wie Aufbruchstimmung in Usbekistan. Karimov hatte die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien während seiner 25-jährigen Präsidentschaft in eine der schlimmsten Diktaturen weltweit verwandelt. Als das Regime den bisherigen Premierminister Shavkat Mirziyoyev als Nachfolger Karimovs präsentierte, waren die Dissidenten in Land nach anfänglicher Skepsis sogar optimistisch, dass er entscheidende Reformen zur Liberalisierung Usbekistans anstoßen würde.

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 sendete das Regime erste Zeichen der Entspannung. Im November entließ der Staat Samandar Kukanov, einen der weltweit am längsten eingeschlossenen politischen Gefangenen, nach 23 Jahren aus der Haft. Auch nach der formellen Wahl Mirziyoyevs zum Präsidenten signalisierte das Regime den Willen zu Reformen und setzte Anfang 2017 den 18 Jahre lang inhaftierten Journalisten Muhammad Bekschanow auf freien Fuß. Doch hinter der vermeintlichen Entspannung steckte ein anderer Plan: Das Aufpolieren des usbekischen Images in der Welt, um ausländische Investoren anzulocken. Denn unter dem neuen Präsidenten wurde die ökonomische Fortentwicklung zur wichtigsten Priorität in Usbekistan.

„Uzbekistan’s government continued to show a blatant disregard for constitutional provisions, leaving freedom of expression and freedom of the press virtually nonexistent in the country.“

— (Freedom House: Freedom of the Press 2016)

Freiheit der Presse mit Füßen getreten

Schnell stellte sich heraus: Eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation scheint kaum im Interesse des Regimes zu liegen. Diese Erfahrung musste Edda Schlager Ende 2016 machen. Als einzige deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet, reiste sie vor den Präsidentschaftswahlen mit einem Touristenvisum nach Usbekistan, um die Stimmung im Land zu einzufangen. Am 10. November wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und verhört – noch am selben Tag kam sie vor Gericht und wurde aus dem Land geworfen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt.

Edda Schlagers eintägige Verhaftung ist ein beispielhafter Fall, der die Einschränkung der Pressefreiheit in Usbekistan dokumentiert. Auch wenn die usbekische Verfassung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit unterstützt, ist eine freie Berichterstattung aus und in Usbekistan in der Praxis nicht möglich. Polizeikräfte an jeder Ecke bestimmen das Stadtbild in Usbekistan, offen mit einem Mikrofon durch die Straßen zu laufen ist nicht möglich. Wenn Journalisten oder Menschenrechtler doch erwischt werden, so drohen ihnen nicht nur Repressalien in Form von Lizenzentzug oder Jobverlust – auch Folter ist in den usbekischen Gefängnissen an der Tagesordnung.

Das Regime tut alles dafür, seine Bürgerinnen und Bürger nur mit den Informationen der Staats-propaganda zu füttern. Medien müssen sich beim Staat registrieren und erhalten nur in den seltensten Fällen eine Lizenz. Seit der Niederschlagung der Proteste in Andijan 2005 können auch ausländische Journalisten und Medienhäuser ihrer Arbeit kaum noch nachkommen. Darüber hinaus kontrolliert das staatliche Telekom-munikationsunternehmen sämt-liche Internet-Services und blockiert für die Bürgerinnen und Bürger den Zugang zu missliebigen Seiten von Medien oder Menschenrechtsorganisationen. Im Pressefreiheits-Ranking der Nichtregierungs-organisation Freedom House steht Usbekistan auf dem drittletzten Platz – nur Nordkorea und Turkmenistan missachten die Freiheit der Medien noch stärker.

Zwangsarbeit bei der Baumwollernte

Frau bei der Ernte in Usbekistan 2015 (© Simon Buxton/Anti-Slavery)

Aus Sicht des Regimes gibt es genug Gründe, die Arbeit von Journalisten einzuschränken. Jeden Herbst werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zur minimal bezahlten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern einberufen. Während der Ernte verebbt das öffentliche Leben, selbst essenzielle Ein-richtungen wie Krankenhäuser oder Schulen stehen weitgehend still. Für die Regierung ist das ein riesiges Geschäft: Als weltweit fünftgrößter Exporteur von Baumwolle verdient das Regime laut Angaben von Human Rights Watch und dem usbekisch-deutschen Forum für Menschenrechte (UGF) jährlich über eine Milliarde Dollar, die in eine schwarze Staatskasse wandern.

Und so scheint das Regime empfindlich zu reagieren, wenn man ihm mit finanziellen Einbußen droht. Als Human Rights Watch und das UGF 2017 berichteten, dass Weltbank-Projekte im Land in Verbindung mit Zwangsarbeit standen, intervenierte der Chef der Finanzinstitution Jim Yong Kim beim usbekischen Präsident Mirziyoyev. Die Folge: die Situation besserte sich zumindest kurzzeitig – das System der Zwangsarbeit besteht aber weiterhin. So kommt es bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Usbekistan vielleicht auch auf die internationale Gemeinschaft an. Denn der Reformdruck von innen ist nur schwach ausgeprägt. Trotz des Wechsels an der Spitze Usbekistans profitieren zu viele Akteure von diesem auf Ausbeutung und Überwachung basierenden System. Wenn die Menschenrechtslage in Usbekistan nachhaltig verbessert werden soll, kommt es wie im Falle der Weltbank vor allem auf die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsgruppen an. Denn der Tod des Diktators 2016 hat das usbekische Regime nicht grundlegend verändert. Doch der Optimismus von damals scheint noch nicht komplett verflogen: „Es haben sich ein paar Türen geöffnet”, meint Edda Schlager. „Man muss sie nur noch durchqueren.“

„Cotton is mandatory for everyone. The government gave the orders [to pick] and you will not go against those orders. If I refuse, they will fire me… We could lose the bread we eat.“

Lehrer aus dem Turtkul-Distrikt in Karakalpakstan, lt. Human Rights Watch & UGF („We can’t refuse to pick cotton“, 2017)

„Ich wusste zu viel, um zu schweigen“ Pressefreiheit in Usbekistan: Reporter zwischen Aktivismus und Journalismus

Verfolgt, verhaftet, gefoltert – Journalist sein in einer Diktatur bedeutet meist für die Wahrheit zu kämpfen. Ist es dennoch möglich eine Grenze zum Aktivismus zu ziehen? Einblicke in das Leben der usbekischen Journalistin Umida Niyazova.

Dezember 2006. Es ist Winter in Taschkent in Usbekistan. Umida Niyazova steigt aus dem Flugzeug, die Sicherheitsleute erwarten sie bereits. Auf ihrem Laptop werden sie den Report über das Massaker von Andischan finden. Niyazova weiß, was das für ihr Leben bedeutet. Sie weiß, was die Regierung in Usbekistan mit Regimekritikern macht. Denn sie hat über die Gräueltaten berichtet.

Die 42-jährige Usbekin ist Journalistin. Eine schmale Frau mit Bob, dunklen Augen, weichen Gesichtszügen. Im Gespräch über ihre Arbeit blickt sie gefasst in die Augen ihres Gegenübers.

In einem Land, in dem es keine freie Presse gibt und die Arbeit von Journalisten nicht geschützt sondern verurteilt wird, sei es schwer zwischen Aktivismus und Journalismus zu unterscheiden, sagt Niyazova. „Es ist schwer objektiv zu bleiben, wenn du selbst Teil des Verbrechens wirst, über das du gerade noch berichtet hast.“

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Im Dezember 2006, auf dem Flughafen in Taschkent, kommt Umida Niyazova zum ersten Mal selbst in Berührung mit dem usbekischen Sicherheitsapparat. Damals ließ man sie nach siebenstündiger Befragung und der Beschlagnahmung ihres Laptops gehen. Doch ein halbes Jahr später landet sie vor Gericht – beschuldigt, Propaganda für religiöse Extremisten zu betreiben. Sie stelle eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ dar, heißt es in dem Gerichtsurteil vom 1. Mai 2007.

Von der Übersetzerin zur Menschenrechtlerin

Niyazova sprach mit Opfern und Zeugen des Massakers von Andischan, bei dem 2005 Hunderte Regierungsgegner von Sicherheitskräften erschossen wurden – angeblich, weil sie einen islamistischen Aufstand planten. Die Wahrheit kennt niemand, denn die Regierung unterbindet bis heute eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Auch die EU kommt mit ihrer Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission nicht weiter.

Doch bereits während des Höhepunkts der Repressionspolitik unter Machthaber Islam Karimov 1999 schloss sich die Reporterin der NGO „Internews Network“ an. Sie habe auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen wollen und wurde so auch zur Aktivistin. Ein russischer Aktivist bat sie damals, usbekische Gerichtsurteile zu übersetzen. Im ganzen Land wurden zu dieser Zeit Terroranschläge verübt, tausende Menschen als Islamisten verdächtigt und ohne Beweise festgenommen.

In autoritären Systemen vermischen sich Journalismus und Aktivismus häufig

Für ihre Arbeit als Journalistin wurde Niyazova im Jahr 2007 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aktuell sitzen zehn Reporter in Usbekistan im Gefängnis. Das Land steht auf Platz 169 der Rangliste der Pressefreiheit, hinter der Türkei und vor Nordkorea. Das ermittelte die NGO Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2017. Folter und willkürliche Verhaftungen sind noch immer Teil des Justizsystems. Die Organisation dokumentiert Zensur und Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit.

Doch was hat das mit der Vermischung von Aktivismus und Journalismus zu tun? Ein Journalist beobachtet und beschreibt, ein Aktivist kämpft und will überzeugen. In autoritären Systemen verwischen die Grenzen jedoch am häufigsten, bestätigt Christoph Dreyer von Reporter ohne Grenzen. In einem Land wie Usbekistan bestimme schließlich die Regierung, welche Sichtweise zugelassen ist, erklärt er. „Sie versucht die öffentliche Meinung gleichzuschalten. Alle, die sich nicht in das System einfügen, übernehmen eine Oppositionsrolle. Journalisten wie Aktivisten.“

Dreyer betont wie wichtig die Unterscheidung ist: „Anders als Aktivisten, dürfen sich Journalisten nicht zum Sprachrohr einer Sache machen. Sonst werden sie unglaubwürdig.“ Das müssten vor allem Journalisten in Diktaturen verstehen. Denn nur wer als Journalist objektiv bleibt, könne beispielsweise auch auf die Unterstützung von ausländischen Medien und Organisationen hoffen.

Ausländische Journalisten bekommen nur schwer ein Visum

Doch um überhaupt an Informationen zu gelangen, müssen Journalisten in Usbekistan Grenzen überschreiten. Und auch für internationale Medien ist die Recherche über Menschenrechtsverletzungen in dem zentralasiatischen Land sehr schwer. Die deutsche Journalistin Edda Schlager hat das am eigenen Leib gespürt: „Sobald man aus dem System staatlich gelenkter Medien herausfällt, ist man ein verdächtiges Objekt. Man bekommt sozusagen ein Etikett von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklebt. Die stellen sich die Frage nach Journalismus oder Aktivismus gar nicht.“

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Schlager lebt seit über zehn Jahren in Zentralasien, ist eine der einzigen Korrespondentinnen in diesem Gebiet. Sie berichtete bereits mehrfach über Usbekistan und wurde dort 2016 sogar festgenommen, weil sie nach dem Tod Karimovs kurzfristig mit einem Touristenvisum statt eines Journalistenvisums einreiste.

Schlager distanziert sich zwar klar von aktivistisch motivierter Berichterstattung. Doch auf offiziellem Wege ein Journalistenvisum zu bekommen, sei für westliche Reporter nahezu unmöglich, sagt sie: „Die Auflagen sind hoch und wer aus Usbekistan berichten will, muss sich Monate zuvor um eine Akkreditierung bewerben.“ Themen wie Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen und die Arbeit des Polizei- und Geheimdienstapparates seien tabu.

Das wusste auch Umida Niyazova. „Anfangs sollte ich nur Gerichtsurteile übersetzen. Doch irgendwann wusste ich zu viel, um zu schweigen“, sagt sie. „Ich bin Journalistin geworden, weil ich etwas verändern wollte“.

Engagierten Journalismus gibt es auch in Deutschland

Diesen Satz würden wohl auch Journalisten aus demokratischen Staaten unterschreiben. Denn auch dort habe es schon immer Reporter gegeben, die sich für bestimmte Themen besonders stark interessieren und auf ein bestimmtes Problem hinweisen möchten, erklärt Christoph Dreyer. „Vor allem in Zeiten von Populismus und pauschaler Medienkritik wurde auch in Deutschland ein Denkprozess hin zum engagierten Journalismus angestoßen“, so Dreyer. Dennoch dürfe sich dieser nie in eine politische Schublade stecken lassen.

Umida Niyazova ist heute nur noch Aktivistin. Auf internationalen Druck hin wurde ihre Haftstrafe nach einer Woche in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, doch dafür musste sie einen Deal eingehen: Die Regierung forderte ein „Reuebekenntnis“, außerdem darf Niyazova seit diesem Zeitpunkt nicht mehr als Journalistin in Usbekistan arbeiten. Ein Triumph der Machthaber?

Niyazova fand Exil in Berlin, 2010 gründete sie dort das „Uzbek-German Forum for Human Rights“ (Usbekisch-deutsches Forum für Menschenrechte) und versucht nun aus der Ferne Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan aufzudecken, Journalisten wie Edda Schlager mit Informationen und Kontakten vor Ort zu versorgen.