Der „Aha-Effekt“

Hessnatur – Mode, die Umwelt und Mensch respektiert. Sven Bergmann ist verantwortlich für die Unternehmenskommunikation. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, ist für ihn eine Leidenschaft. Mehr als nur ein Bestandteil seiner Arbeit. Wir sprechen mit ihm über seine Ziele, Anforderungen an Produktion und Projekte und die große Frage: „Nachhaltige Mode auf internationalen Laufstegen?“

Sven Bergmann, Pressesprecher Hessnatur, Foto: Engagement Global/Bodo Tiedeman

Haben Sie sich für Hessnatur oder hat sich Hessnatur für Sie entschieden?        

Ich habe mir das Unternehmen nicht speziell oder fokussiert ausgesucht, sondern wollte einfach für eine längere Zeit in ein richtiges Unternehmen rein und nicht immer nur für zwei Jahre in eine Agentur. Als Hessnatur mich nach meiner Bewerbung eingeladen hat, habe ich eigentlich sofort festgestellt: Hier ist etwas anders. Die Einarbeitungszeit, die textile Fachschulung, die Art wie die Mitarbeiter miteinander umgehen, welche Substanz dahintersteckt. Das war für mich 2013 ein riesen „Aha-Erlebnis“. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, war immer mehr als ein Beruf für mich. Es ist eine Passion, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Die Mitarbeiter im Unternehmen sind wie eine große Familie. Und das ist eine komplett neue Erfahrung, im Vergleich zu den anderen 20 Unternehmen, für die ich vorher gearbeitet habe.

 

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Das ist gar nicht so einfach. Nachhaltigkeit heißt für mich, dass verantwortungsvoll produziert wird, mit Rücksicht auf Mensch, Natur und Umwelt.

 

Hohe Ziele. Können Sie die bei Hessnatur umsetzen?

Auf jeden Fall. Hessnatur ist der Modepionier. Es ist das erste Unternehmen, was überhaupt in diesem Bereich gearbeitet hat. Wir waren bei vielen Projekten, Standards und Entwicklungen Vorreiter. Ich bin da ganz selbstbewusst: Vieles, was heute normal ist und wofür sich andere Unternehmen inzwischen auch engagieren, haben wir angestoßen. Hessnatur war oft 10 oder auch 20 Jahre der Marktentwicklung voraus. Aber auch bei Hessnatur wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Die Leute müssen bereit sein, eben nicht nur 39 € für eine Jeans zu bezahlen sondern 100 €. Es muss ein gewisses Preisniveau da sein, um Nachhaltigkeit auch auf allen Stufen der textilen Wertschöpfungskette durchsetzen zu können. Das sind die Voraussetzungen.

 

Wie lässt sich eine Produktion von Hessnatur beschreiben?

Bei uns gilt eine faire Produktion für das komplette Sortiment. Unsere Sozialstandards und ökologischen Richtlinien gelten für alle Artikel, für alle Produkte. Wir sind ein Unternehmen, das alles in einer Hand hat. Wir verkaufen nicht andere Artikel, auch nicht im Großhandel oder in anderen Kanälen, sondern haben einen eigenen Online-Shop, einen eigenen Katalog und unsere eigenen Stores. Alle Vertriebswege sind in eigener Hand und das gesamte Sortiment ist nach Vorgabe von Hessnatur kontrolliert produziert.

 

Sie tun Gutes, aber reden Sie auch darüber?

Wir machen schon unheimlich viel und versuchen, das, was wir machen, auch nach außen zu tragen. Teilweise stoßen wir da aber auch auf Erschöpfungszustände, um das mal vorsichtig auszudrücken. Man kann eben nicht x-beliebig lange Etiketten drucken, dicke Nachhaltigkeitsberichte schreiben und Texte ohne Ende online stellen, denn letzten Endes ist das nicht das, was überspringt. Deshalb versuchen wir zu zeigen, wie wir arbeiten. Wir stellen Informationen über Projekte online, machen Kampagnen oder beteiligen uns z.B. am Fashion-Revolution-Day. Dass wir dadurch mehr Kunden für uns begeistern wollen als wir haben, versteht sich auch von selbst. Transparenz spielt eine große Rolle, aber man darf die Leute auch nicht überfrachten. Innerhalb von drei bis fünf Sekunden fällt die Entscheidung, ob man weiterliest oder nicht.

 

Wie oft ist Hessnatur vor Ort und überprüft diese Projekte?

So oft wie möglich. Je langfristiger eine Lieferantenbeziehung ist, desto seltener muss man vor Ort sein. Wenn man weiß, dass es dort gut läuft, braucht man nicht so oft dahin reisen. Bei einem neuen Lieferanten sind wir öfter vor Ort. Nicht nur wir, sondern auch z.B. die Fair Wear Foundation überprüft die Produktionsstätten. Sie hat in den meisten Ländern, in denen wir produzieren, Büros vor Ort. Sie gehen nicht nur ins Unternehmen an sich rein, sondern treffen Mitarbeiter auch dort wo sie sich zum Mittagessen aufhalten. Mit allem Vorbehalt ist einmal im Jahr in jedem Fabrikbetrieb entweder jemand von der Fair Wear Foundation oder jemand von uns.

 

Fashion Week in Berlin – Wollen Sie die großen Designer von Ihren Projekten überzeugen?

Es gibt da einen ständigen Austausch, vor allem durch unser Design-Team. Unsere Designerinnen und Designer sind in diesen Themen drin und verfolgen natürlich die Modewelt. Meine große Klammer, mit der ich das immer einbinde, ist die große Konvergenz der Systeme. Es gibt Hessnatur oder die kleineren Anbieter, die aus der Nische kommen, die mehr Kunden gewinnen wollen. Den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigen wir schon, jetzt wollen wir aber auch modischer werden. Es gibt natürlich auch die Großen, die modisch sind und nachhaltiger werden möchten. Beide bewegen sich also in die gleiche Richtung. Die große Frage ist: „Wer ist schneller?“. Bei den Lebensmitteln haben die großen Vier das Rennen gewonnen, also Edeka, Rewe, Aldi und Lidl. Ich würde sagen im Bekleidungsmarkt ist das Rennen noch offen.

 

Denken Sie das nachhaltige Mode Potenzial für die internationalen Laufstege hat?

Das ist ein riesiges Thema und das Alleinstellungsmerkmal von Berlin. Es gibt natürlich dieses Rennen zwischen New York, Paris, London und Mailand. Ich glaube, wenn es rein um Mode geht, kann Deutschland nicht mithalten. Aber ein starkes Argument für Deutschland jetzt ist die Verbindung von Nachhaltigkeit und Mode. Der Green Showroom hat in den letzten Jahren immer mehr Zuspruch bekommen. Ich glaube, dass interessiert die internationale Modewelt an Berlin – wie kommen Mode und Nachhaltigkeit zusammen.

 

Ist Ökologie trendy?

Hemmschwellen, die vorher noch vorhanden waren, sind nicht mehr da. Bezeichnungen wie „Öko-Mode, Schlabber-Mode, sieht nicht so toll aus“ sind definitiv vorbei. Auch gesellschaftlich hat sich etwas fundamental verändert. Dazu gehören nicht nur die jüngeren Erwachsenen. Es sind teilweise auch ältere Kunden, die zu uns zurückkommen und sich freuen, wenn die Kollektionen modischer werden. Und das ist ja etwas Positives.

 

 

Albanian workers are still cheaper Interview: Emma Engel

Artan Xhiani is Managing Partner of the Albanian Consulting Network UHY Elite and member of Confindustria of Albania. So, let us read about what a finance manager thinks about fair working conditions connected to fashion.

 

You mentioned that the gap between the minimum wage and the live spending is wider in Albania compared to other countries like for example China. How is that possible?

There are many reasons for low wages. The Albanian governmental system is still weak and cannot have a full control in the labor market. Therefore in some areas, there are employees who are working under difficult conditions and earn less than the minimum salary, and sometimes paid in black (not declared for tax purpose) .

The most people working for textile companies never learned that job and so get lower wages because there is a higher risk for mistakes in the production process. Albanians will embrace a different workplace for “only” 5,00 € more a month because of the financial gap.  There have never been official figures published regarding the minimum life expenditures per person or per family in Albania. However, there are some indicators which tell us that the minimum living cost per person is 200-250 Euro per month excluding the dwelling expense.

The minimum salary defined in the law is 180 Euro per month since May 2017 and most of the workers get paid close to this amount. Still, it is not enough to cover living costs and other expenses such as taking care of their children and families at the same time.

Why do employers hire uneducated employees when there is an existing risk in failing the quality control of those textiles she/he sewed?

 The educational system in Albania has been focused on universities and high college in the last 25 years, that is why there are too many jobless accountant, lawyers, engineers, dentists, etc. and there are not enough qualified labors because the education system for the qualified labors was almost in-existent up until 5 years ago. Looking at the high demand for qualified labors in the market, the government is now investing and sponsoring professional schools which produce skillful/qualified labors. In this context, the employers have had (and still have) difficulties to find already qualified employees for their business. There are two options:

  1. hire unqualified people and show them the ropes. Which means more costs for the business (time, money, and high risk for low quality production).
  2. “steal” qualified employees from each other.

Even though with the new policy of developing professional schools by the government, the demand for skilled labors is much higher than the actual supply. It will take some years (5-6 more years) to narrow this gap for the professional labors. Not to be surprised, some Albanian companies are looking for skilled labors from Far East Countries to fill their immediate needs for skilled labors.

It is still cheaper. You do not need to pay as much salary for an uneducated worker even though there might be a 20% higher risk in failing the quality control compared to the educated sewer.

What would be your idea to improve the system and to make the employees stay?  

The thing is that a company that hires an uneducated worker, needs to invest money to teach him everything he needs to know. The problem about this is that it is lost money as soon as the worker decides to leave for another workplace. The best approach to retain an employee is not to keep him through a contract saying, “You need to stay for three years after we taught you the profession of a sewer”, because it does not have any consequences when the employee leaves anyway.

I think that one will make the best approach by saying, “We will teach at our cost and we want you to stay loyal and offer you therefore a savings book at our local company. This is how it works: You will earn 5,00 € extra each month in the first year that will go straight to your saving account. The second year will be 8,00 € and the third year will be 10,00 € if you stay. You will get the money after five years if you do not quit.” So, the idea is to pay the workers a bonus for their loyalty additional to their monthly wage.

What about welfare? Can one apply for it if she/he does not have a job?

Yes, there is welfare in Albania but you can only apply for it if you worked for one year and only then you will receive welfare for one year. You can get up to 60,00 € a month per person which does not even cover the living spending.

You said that you want the clothing label to say, “Made in Albania” instead of “Made in Italy”. Why and why does that not work out?

Well, first of all the clothing is made in Albania and not in Italy! The problem is that there is no agreement between the EU and Albania to enter into the European market because of the standards that Albania does not fulfil. The garments get shipped from Italy to Albania, get sewed in Albania and then get shipped back to Italy so the company can sell it all over in Europe. The label says: “Made in Italy” because the main process takes its place there.

However, there are quite many brands which do provide the label “Made in Albania” such as: Caprice, Camper, Ferrari, GF Ferré, Byblos, Laura Biagiotti, Beverly Hills, Gas, Bonavita, Sorbino, Relish, Meltin Pot, Ted Baker, Jack & Jones, Tommy Hilfiger, Angel & Devil, Sixty, La blanche, Plaetor, Cotonella, Essere, Tod’s, etc.

 

„Nachhaltige Mode darf nicht nachhaltig aussehen“

Slow, ökologisch, fair: Wenn es um fair produzierte Mode geht, haben viele Konsumenten noch immer das Bild von langweiligen Öko-Kleidern im Kopf. Designerin Friederike von Wedel-Parlow und Bloggerin Antonia Wille von amazed erklären, warum nachhaltige Modeunternehmen im Blogger- und Influencergeschäft hinterherhinken.

Antonia Wille präsentiert bei amazed ein Fair Fashion T-Shirt von Reformation mit einem Blazer der High-Speed Marke Mango. Foto: Antonia Wille / amazed.com

„Für 2018 nehmen wir uns vor, noch öfter auch unter dem Jahr an unsere Mitmenschen zu denken, Hilfe anzubieten und vor allen Dingen auch unseren Modekonsum weiter zu reduzieren und mit Bedacht zu kaufen. Das funktioniert nicht immer, aber immer öfter – und wie ihr wisst: Jeder kleine Schritt zählt!“

Diese Gedanken macht sich Antonia Wille, eine der drei Gründerinnen des erfolgreichen Münchner Modeblogs amazed in einem Instagram-Post kurz vor Neujahr. „Wir stellen immer mal wieder faire Labels vor, um unsere User zu sensibilisieren und um sie auf coole, faire Labels aufmerksam zu machen“. Einzelne Fair Fashion Teile von kleinen Münchner Labels oder von bekannten Firmen wie hessnatur kombinieren die Bloggerinnen mit Fast Fashion Stücken in Outfit-Postings. Dabei sind die Autorinnen von amazed immer wieder erstaunt über die Resonanz der Leser: „Faire Labels kommen extrem gut an. Die Leser sind froh, wenn man ihnen faire Sachen an die Hand gibt. Vor allem, wenn man ihnen gute Alternativen im Basic-Bereich wie T-Shirts und Pullover zeigt. Gerade bei diesen Teilen sind die Leute dann bereit, Geld auszugeben.“

Die Vermittlung eines bewussten Konsumverhaltens ist auch die Agenda von Friederike von Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Instituts und ehemalige Professorin des Studiengangs „Sustainability in Fashion“ an der Esmod Berlin. In Zusammenarbeit mit FEMNET e.V. und mit der finanziellen Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gab sie im April letzten Jahres den Fair Fashion Guide heraus, einen ästhetisch anspruchsvollen Guide für fair produzierte Mode. „Wir wollten versuchen, die Leute genau da abzuholen, wo sie sind, also Fashion-Konsumenten mit ihren Lese- und Sehgewohnheiten. Wir wollten sie herübertragen in das Feld der Fair Fashion“, sagt von Wedel-Parlow, die für ihren Guide viel positives Feedback bekommen hat.

„Die Schnitte sehen oft aus wie von 1980“

Auch die Münchner Bloggerin Antonia Wille ist sich sicher: Es gibt eine große Nachfrage an fairer Mode. Für amazed würde es sich anbieten, öfter mit fairen Labels zu kooperieren. Allerdings tut sich das Blog-Unternehmen schwer, geeignete Partner zu finden. „Das große Problem ist, dass nachhaltige Mode oftmals nach Nachhaltigkeit aussieht.“ Meist seien nur wenige einzelne Teile aus Kollektionen passend für Blogeinträge. „Die Sachen dürfen nicht nach „öko“ oder Schnitten von 1980 aussehen. Ich verstehe es oftmals nicht, dass sich niemand von den fairen Labels einen Designer von Inditex oder H&M ins Haus holt.“

http:// www.fairfashionguide.de/ #section2

Der Fair Fashion Guide von Friederike von Wedel-Parlow gibt Tipps für bewusstes Shopping und stellt nachhaltige Labels vor. Foto: Regina Steffens

Designer sind teuer, das Budget fairer Labels oft gering. Modern und aufwendig geschnittene nachhaltige Mode hat deshalb oftmals ihren Preis. „Eine schöne, faire Jeans eines kleinen Labels kostet gerne mal 500 Euro. Die kann ich unseren Lesern nicht vorstellen, denn die kann sich kaum wer leisten.“ An Geld fehlt es nachhaltigen Modeunternehmen auch oft für Marketing. „Viele nachhaltige Labels stecken ihr Geld lieber in faire Löhne, Entwicklungsarbeit, gute Materialien und Transparenz, als in teure Kooperationen mit Influencern“, meint von Wedel-Parlow.

Für die Modefrau Wille ist jedoch ein niedriges Budget keine Ausrede. Gerade in Sozialen Netzwerken, die man günstig bespielen kann, lägen nachhaltige Marken zurück. „Die Kanäle sind oft sehr öko-angehaucht, sehr bunt, wenig ästhetisiert, wenig von dem, wonach Mode-Menschen heute eben auswählen. Da versagen die Labels.“

Die Story steckt im Produkt

Doch gerade hier erkennt die Bloggerin eine Chance: Haben kleine Marken verstanden, wie Ästhetik heute funktioniert und sie dem Kunden nicht bloß ein Produkt, sondern auch einen Lifestyle verkaufen, steigen Followerzahlen und Verkäufe enorm an. „Ich glaube, es würde funktionieren, wenn man zeigen könnte wie toll und schön Fair Fashion ist, welche Konzepte und Stories dahinter stecken. Bei nachhaltig produzierter Kleidung muss man sich keine Story ausdenken. Sie steckt im Produkt“, meint auch von Wedel-Parlow.

Den Vorteil gegenüber Fast Fashion Marken, dem Konsumenten ein gutes Gefühl durch nachhaltige, fairen Produktion zu geben, haben kleine Marken, fern von Armed Angels und hessnatur, bis jetzt allerdings wenig ausgenutzt. „Es würde viele Leute vielleicht sogar stolz machen, faire Mode zu tragen“, vermutet Wille.

Influencer wollen sich mit dem guten Image nachhaltiger Mode identifizieren

Hier knüpft sich für kleine Labels eine zweite Chance an: Influencer und Blogger ins Boot  holen. Auch dabei ist für Wille das Budget-Problem keine Entschuldigung. „Es gibt immer mehr Blogger, die sich über bewusstes Leben und faire Mode Gedanken machen und wissen, dass es ihre Abonnenten interessiert.“ Eine Kooperation mit nachhaltigen Modemarken färbt auch auf den Charakter eines Blogs oder Instagram-Kanals ab: „So eine Zusammenarbeit kann total richtungsweisend sein“, weiß das amazed-Team. „Es ist ja auch Imagebildung für uns.“

Deshalb würden viele Blogger auch ohne Bezahlung mit kleinen Marken kooperieren. Auch, wenn Blogs wie amazed zu unbezahlten Partnerschaften bereit sind, wünschen sie sich einen Partner, der den gleichen Stil fährt wie sie selbst. Ästhetik und einen coolen Lifestyle sind das, was Influencer und Blogger wollen – und faire Labels brauchen.

 

Virtuelle Kleidung: Identität ohne Material?

Outfits helfen Menschen ihre Identität auszudrücken. Das ist ein Grund, warum viele Kleiderschränke überquellen. Doch der Materialverbrauch schadet der Umwelt. Virtuelle Kleidung könnte eine Alternative sein.

95 Kleidungsstücke hängen bei den Deutschen im Durchschnitt im Schrank. Jedes fünfte davon trägt er so gut wie nie. Trotzdem hat er es gekauft. Diskutiert man über die Kleidungsindustrie, kommt man immer wieder auf die Konsumenten und auf folgende Fragen: Wie bekommt man die Menschen dazu, weniger Kleidung zu kaufen? Kann der einzelne überhaupt etwas ausrichten? Wie holt man diejenigen ins Boot, die bisher nicht auf den ökologischen Fußabdruck achten oder das vielleicht gar nicht möchten? Im Gespräch mit Ed van Hinte erscheint ein Aspekt besonders wichtig. „Kleidung ist eng verbunden mit Identität“, sagt der niederländische Konsumkritiker.

Katharina Mau: Wenn Kleidung so wichtig ist für die eigene Identität, wie kann man dennoch Menschen dazu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Das ist sehr schwer. Man kann es mit dem Rauchen vergleichen, das hat auch mit Identität zu tun. Mit 14 Jahren raucht man seine erste Zigarette, weil man cool sein möchte. In Nordwesteuropa ist Rauchen inzwischen fast schon zum Tabu geworden, das war aber ein langer Prozess.

Ed van Hinte (66) Foto: Katharina Mau

Beim übermäßigen Kleiderkonsum sind wir noch lange nicht so weit.

Nein, was das Kaufen angeht, sind wir gefangen in einem System, in dem immer mehr und günstiger produziert werden soll. Wenn man sich in den Geschäften umsieht, wird man ständig damit konfrontiert, wie man sich selbst wahrnehmen und darstellen möchte.

Wie können wir aus diesem System ausbrechen?

Ich denke, wir müssen die Verknüpfung mit der Identität nutzen.

Wie das?

Man muss die Intuition der Menschen erreichen. Es ist gut, wenn ihnen die Probleme in der Modeindustrie bewusst sind, aber das reicht nicht aus. Man muss einen Weg finden, ihnen nichts zu verkaufen, sodass sie sich gut dabei fühlen.

Wie könnte das aussehen?

Virtuelle Kleidung könnte ein Weg sein. Bei Snapchat gibt es schon jetzt Filter, um das eigene Gesicht zu verändern. Das ist Identität ohne Material.

Dieses Szenario ist keines, was innerhalb der nächsten fünf Jahre realistisch sein wird. Das betont auch Ed van Hinte. Und gleichzeitig sagt er: „Man muss auch radikale Gedanken zulassen und sehen, wie weit man damit kommt.“ Van Hinte zeigt ein Video. Es ist eine provokative Zukunftsvision mit Augmented Reality, die der japanische Designer Keiichi Matsuda entworfen hat.

Das Video macht deutlich, wie eine immaterielle Identität aussehen könnte. Man kann in dieser virtuellen Welt Punkte sammeln. Es ist ein Spiel, das den Menschen permanent begleitet, bis er die Brille absetzt. In einer solchen Welt scheint es durchaus möglich, dass wir uns nicht mehr über unsere Kleidung am Körper identifizieren. Virtuelle Kleidung, die unsere Avatare tragen, könnte eine größere Bedeutung haben.

Dieses Szenario ist weit entfernt, Augmented Reality im Alltag hat sich aber schon einmal massenhaft durchgesetzt. Das Smartphone-Spiel Pokémon Go löste im Juli 2016 einen großen Hype aus. Täglich konnte man in den Straßen Menschen sehen, die in der realen Welt über den Smartphone-Bildschirm nach virtuellen Pokémon suchten.

Auch das Zuhause der Zukunft könnte eine virtuelle Identität stützen. Forscher der Universität Bielefeld haben eine Wohnung entwickelt, die den Menschen im Alltag unterstützt – mithilfe moderner Technik. In dieser intelligenten Wohnung gibt es einen Spiegel, der die eigene Kleidung, die man trägt, in anderen Farben anzeigen kann. Würden Online-Shops 3D-Modelle ihrer Kleidungsstücke zur Verfügung stellen, könnte man diese im Spiegel am eigenen Körper ansehen.

Wenn viele Menschen einen solchen Spiegel zu Hause hätten, scheint der Gedanke, Kleidung wie Snapchat-Filter anzuziehen, nicht mehr so fern. Und wer jederzeit virtuell neue Kleidungsstücke anprobieren kann, beschränkt sich in der realen Welt vielleicht auf eine kleine Garderobe. Zumindest würde die Zahl der Fehlkäufe beim Online Shopping wohl deutlich sinken. Da dieses Szenario für die breite Bevölkerung aber in der Zukunft spielt, lohnt es sich, noch einmal an die Gegenwart zu denken.

Katharina Mau: Welche Möglichkeiten gibt es schon jetzt, die Menschen dazu zu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Eine Möglichkeit wäre, etwas zu tun, anstatt etwas zu kaufen. Viele Menschen gehen gerne shoppen, aber dabei geht es gar nicht um das Kaufen an sich, sondern um die Befriedigung, die sie dabei bekommen.

Wie könnte man diese Befriedigung stattdessen erreichen?

Es könnte zum Beispiel einen Shop geben, in dem man sich Kleidung für ein Foto oder ein Video anziehen kann. Die Kleidung gibt man danach wieder ab, aber man hat temporär seine Identität geändert und das Foto oder das Video bleibt.

Beim Gedanken an Instagram erscheint auch das nicht unrealistisch. Es gibt viele Fotos, die nicht aus dem Moment heraus entstehen. Menschen rennen zwanzig Mal mit ausgebreiteten Armen ins Meer. Danach veröffentlichen sie das eine Foto, das transportiert, was sie ausdrücken wollten. Auch hier geht es darum, eine virtuelle Identität zu kreieren. Warum also nicht in ein Geschäft gehen und sich die Kleidung ausborgen, die man sowieso nur für ein bestimmtes Foto getragen hätte?

Bei der App Musical.ly, die vor allem unter Jugendlichen beliebt ist, bringen Nutzer ihre Identität über Videos zum Ausdruck. Anfangs kreierten die Jugendlichen vor allem eigene Musikvideos, inzwischen gibt es auch Clips in vielen anderen Bereichen. Wer sich die Videos von Lisa und Lena ansieht, zwei der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen auf Musical.ly, sieht sie ständig in neuen Klamotten. Je nach Art der Musik unterstreicht auch die Kleidung ihre Performance. Es ist durchaus denkbar, zum Beispiel in neuen Netzwerkformaten, die reale Kleidung durch virtuelle zu ersetzen.

Vielleicht hätten wir dann im Durchschnitt nur noch 34 Kleidungsstücke im Schrank. Diese Zahl tragen die Deutschen regelmäßig, also mindestens einmal alle drei Wochen. Das virtuelle Ich könnte trotzdem jeden Tag ein neues Kleid oder einen extravaganten Hut tragen.

Quelle Titelbild: Link zum Originalbild: “Real” | Urheber laut Plattform: Maya Reyes | Veröffentlicht auf: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0 

Bildkorrekturen-Podcast #1: Mythos „Made in Europe“ – Saubere Kleidung aus Europa?  Ein Gespräch mit Bettina Musiolek und Edith Dietrich

„Made in Europe“ – das steht für Qualität, Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Wer in Europa produzieren lässt, setzt auf die Verlässlichkeit regulierter Märkte und bestehender Verträge. Ein Gütesiegel, das sich nicht nur Autobauer und Lebensmittelproduzenten nur allzu gerne auf die Fahnen schreiben. Auch in der Textilindustrie setzen viele namhafte Hersteller aus Deutschland oder Italien auf die vermeintlich saubere Produktion in Europa.

Die Realität in den Fabriken in Albanien, Mazedonien oder Rumänien gibt allerdings ein anderes Bild ab: Die Auslagerung der Produktion von Kleidung und Schuhen in osteuropäische Länder bezahlen die ArbeiterInnen. Mit Hungerlöhnen, 12-Stunden-Schichten und blutigen Fingern. Unbemerkt vom öffentlichen Fokus haben sich auch in Europa Sweatshops etabliert, in denen Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden und Ausbeutung die Regel ist.

Bettina Musiolek, Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign und Verantwortliche für das Referat Wirtschaft und Menschenrechte im Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen e.V., weiß um die Scheinheiligkeit des Mythos „Made in Europe“. Seit Jahren recherchiert und publiziert sie zu den Verhältnissen in den Kleider- und Schuhfabriken in den Niedriglohnländern Osteuropas. Auch Edith Dietrich, freie Fernsehjournalistin für den WDR, konnte sich während ihrer verdeckten Recherchen in Rumänien ein Bild machen.

In unserem Podcast von der bildkorrekturen-Konferenz 2017 in Leipzig erzählen sie von den Zuständen in den Textilfabriken, von der Systematik der Einschüchterung, von intransparenten Profiteuren und – nicht zuletzt – von der Verantwortung, die Politik, Unternehmen und Konsumenten zukommt.

„Verbraucher sind keine Geldbeutel auf zwei Beinen“ – Bettina Musiolek glaubt an das Bewusstsein der Konsumenten

Nachsehen, wie es vor der eigenen Haustüre aussieht: Edith Dietrich wurde von Bettina Musiolek auf das Thema ihrer letzten Recherchen gebracht

Es gibt auch Anlass für Optimismus: Je mehr das Thema in den öffentlichen Fokus rückt, desto größer ist die Chance, dass sich die Zustände ändern

„Zusammengeschlagen und entlassen“

Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie sind vielerorts prekär und undurchsichtig. Bettina Musiolek, von der „Clean Clothes Campaign“, weist seit Jahren darauf hin. Im Interview erklärt sie, warum die Berichterstattung der Medien nicht immer hilfreich ist. Und sogar gefährlich sein kann.

 

Frau Musiolek, in den Studien der „Clean Clothes Campaign“ wird immer wieder auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie hingewiesen. Warum findet sich dazu nur wenig in der Medienlandschaft?

Weil das kritische Hinterfragen der Konsumwelt für Zeitungen und Sender zuweilen nicht opportun ist. Und weil investigative Berichterstattung über Arbeitsbedingungen alles andere als einfach ist. Wir wissen das aus unseren jahrelangen Erfahrungen mit empirischen Studien über die weltweiten Arbeitsbedingungen.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Wir müssen bei unseren Untersuchungen sicherstellen, dass die ArbeiterInnen keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie mit uns sprechen. Dasselbe gilt natürlich auch für journalistische Recherchen: Die Beschäftigten werden nur sprechen, wenn sie sicher sein können, dass alles anonym ist.

Warum ist das so wichtig?

Die ArbeiterInnen haben große Angst ihren Job zu verlieren oder andere Repressionen zu erleiden. Für wissenschaftliche Recherchen ist Anonymität kein Problem. Medien leben aber von Gesichtern und O-Tönen. Trotz Anonymität spannend zu berichten ist dann eine große Kunst.

Wie wird den ArbeiterInnen konkret gedroht?

Mit Arbeitsplatzverlust. In der Ukraine hatten wir den Fall, dass sämtliche Beschäftigte unterschreiben mussten, dass sie mit niemandem außerhalb der Fabrik über die Arbeitsbedingungen reden. Für eine Arbeiterin ist es eine riesen Hürde, trotzdem interviewt zu werden. Im Übrigen ist das eine ganz klare Verletzung der Redefreiheit und des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Aber keine Drohung.

Die ArbeiterInnen werden extrem eingeschüchtert. In diesen Ländern ist es ein Politikum offen über die Arbeitsbedingungen zu reden. Die Branche ist einfach zu wichtig für diese Länder.

Können Sie ein Beispiel für die Einschüchterungsversuche nennen?

Vor ein paar Jahren hatten wir leider den Fall, dass die ARD einen Bericht über H&M gemacht hat. Sie haben in Bangladeschs Slums Näherinnen interviewt. Darin wurden die ArbeiterInnen aber nicht anonymisiert. Sie wurden am nächsten Tag von Schergen des Fabrikbesitzers zusammengeschlagen und ein paar Tage später entlassen.

Für die ArbeiterInnen hatte die Berichterstattung also drastische Folgen.

Deshalb nennen wir in unseren Studien weder die Namen der ArbeiterInnen noch der Fabriken. Das ist für JournalistInnen extrem irritierend, weil sie Öffentlichkeit herstellen möchten.

Das ist der Job von JournalistInnen.

JournalistInnen verstehen naturgemäß nur schwer, dass Öffentlichkeit nicht immer hilft und manchmal sogar kontraproduktiv ist. JournalistInnen kommen und gehen, wir wollen bleiben.

Wann kann Berichterstattung kontraproduktiv sein?

Nach einer Deichmann-Recherche in Mazedonien nahm der Druck auf die ArbeiterInnen zu, nachdem sich Deichmann einmischte.

Ist es nicht gut, wenn sich die Hersteller persönlich engagieren?

Doch, eigentlich verlangen wir auch genau das von den Markenfirmen: Vor Ort engagieren und mit den Zulieferern gemeinsam die Bedingungen verbessern. Aber Deichmann ist völlig naiv aufgetreten. Der Lieferant hat daraufhin einfach den Druck auf die ArbeiterInnen erhöht.

Was wäre die richtige Herangehensweise gewesen?

Deichmann hätte auf einer Betriebsversammlung in der Fabrik auf mazedonisch klarmachen können, dass sie sich als Marke für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen werden. Und dass die ArbeiterInnen jederzeit frei sind, ihre Meinung irgendwem gegenüber äußern zu dürfen. Aber Deichmann ist in Sachen menschenrechtlicher Unternehmensverantwortung Anfänger.

Gibt es vor Ort JournalistInnen, die sich mit diesen Themen beschäftigen?

Leider gibt es in Südosteuropa keine unabhängige und freie Presse. Die JournalistInnen müssen sehen, wie sie sich finanzieren. Und niemand bezahlt JournalistInnen, um über Arbeitsbedingungen in Albanien zu recherchieren und darüber kritisch zu veröffentlichen. Leider ist die Berichterstattung sehr häufig Hofberichterstattung von irgendwelchen Regierungen, die dafür bezahlen.

Würde es Sinn machen, gemeinsam mit JournalistInnen zu reisen?

Das haben wir schon gemacht. Grundsätzlich fahre ich mit, wenn ich merke, dass die JournalistInnen nicht so professionell sind und die Gefahren und Probleme nicht kennen. Ich will sicherstellen, dass für den Schutz der ArbeiterInnen gesorgt ist. Das hat für uns die höchste Priorität.

Und wie nehmen es JournalistInnen auf, wenn sie eine „Aufpasserin“ mit dabei haben?

Ich erkläre ihnen, dass bestimmte Gefahren bestehen, Standards eingehalten werden müssen und ich deshalb gerne mitfahren würde. Das akzeptieren sie dann auch meistens.

Interview mit Textilingenieur Kai Nebel: „Textil-Recycling trägt nicht zur Verbesserung der Umwelt bei“

Kai Nebel ist Textilingenieur an der Hochschule Reutlingen und erforscht, wie Textilien nachhaltiger gemacht werden können. Im Interview spricht er darüber, was er von recycelter Kleidung hält und welche Maßnahmen wirklich helfen würden, den Umgang mit Textilien umweltfreundlicher zu gestalten.

 

Kleidung zu recyceln klingt ja erst einmal nach einer guten Idee. Einige Ketten wie H&M bieten zum Beispiel an, gebrauchte Klamotten in den Laden zurückzubringen und geben dafür Rabatte auf neue Kleidung. Ist das eine gute Idee – oder nur gutes Marketing?

Kai Nebel: Das ist ziemlich gutes Greenwashing. Die verbrennen die Klamotten schließlich, wie jetzt durch die Presse ging. Wirklich recycelt wird die Kleidung also nicht. Zum Teil wird sie auch einfach weiterverkauft. Das ist hauptsächlich ein gutes Geschäft für die Entsorger, und für H&M natürlich auch.

Was soll man dann mit alter Kleidung tun? Ab zur Altkleider-Sammlung, oder doch gleich in die Restmülltonne? Viele haben ja das Gefühl, dass sie ohnehin nichts ausrichten können.

Die Mülltonne ist immer eine schlechte Lösung, denn in der Regel sind die Klamotten noch tragbar. Am besten sind Kleidertauschbörsen, Second Hand oder die Kleidung an Freunde und Bekannte weiterzugeben. Was die Altkleider-Container angeht, sollte man wissen: Etwa 60 Prozent der Kleider werden weiterverkauft. Das ist ein Riesengeschäft. Nur die nicht mehr tragbaren Klamotten, oder bei denen der Aufwand zu hoch wäre, werden zerrissen – um dann zu schauen, was daraus gemacht werden kann. Das ist also kein Recycling, sondern ein Downcycling.

Wie sieht es mit Textilien aus recycelten Materialien aus? Einige Outdoor-Marken verkaufen beispielsweise Jacken aus PET-Flaschen.

Wir haben achteinhalb Milliarden Tonnen Plastik auf der Welt. Da liegt es schon nahe, das als Ressource zu nutzen. Aber es löst das Problem nicht. Klamotten haben wir sowieso zu viel, die nicht getragen oder gar nicht verkauft werden. Warum müssen aus Flaschen oder aus alten Fischernetzen noch Klamotten gemacht werden? Außerdem sind die Recycling-Sachen in der Regel teurer als die aus jungfräulichem Material. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Recycling, aber die Argumentation, die da angeführt wird, trägt nicht unbedingt zur Verbesserung der Umwelt bei.

Wieso sind die recycelten Klamotten denn teurer als die neue Ware?

Man braucht doppelt so viel Maschinen, man braucht Lagerfläche, Logistik –  und der ganze Sortieraufwand. Insgesamt ist ein Produkt aus Recyclingmaterial zwei bis zweieinhalbmal so teuer, also kann es eigentlich nur Marketing sein. Wir haben noch nie so viel über Nachhaltigkeit und Recycling gesprochen, es gab noch nie so viele Nachhaltigkeitsprogramme, Forschungen, Publikationen, und so weiter, und was ist passiert? Wir haben unseren Verbrauch verdoppelt. Man kann also sagen, dass das zu nichts führt.

Wenn das nichts bringt, was muss passieren, um die Textilindustrie wirklich fairer und nachhaltiger zu machen?

Die Subventionierung des Massenkonsums muss aufhören. Ich war in letzter Zeit auf ein paar Veranstaltungen, bei denen es um nachhaltige Entwicklung ging. Der Tenor war, wir sollen weitermachen wie bisher, möglichst viel konsumieren, aber nachhaltig oder zumindest mit gutem Gewissen. Machen Sie das Radio an, dann hören Sie: Der Konsumklimaindex steigt an. Da muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich irgendein T-Shirt recycle.

Wie lässt sich dann etwas ändern? Wie kann man selbst dazu beitragen, der Umwelt weniger mit seinen Klamotten zu schaden?

Im Grunde ist es fast egal, was ich für ein Textil habe. Ich muss es nur lang nutzen. Wenn ich das zwanzig Jahre anhabe, ist das zehn Mal nachhaltiger, als wenn ich mir jede Woche irgendwas mit einem Siegel für Umweltverträglichkeit kaufe. Ein Kilo Baumwolltextil braucht dreißig, vierzigtausend Liter Wasser, mindestens ein Kilo Chemikalien, die Energie einer Tankfüllung von einem Kleinwagen plus Arbeitskraft plus Emissionen und Abwasser – dafür, dass ich mir das ein Jahr lang in den Schrank hänge und dann wegwerfe.

Und wenn man doch einmal ein neues Kleidungsstück braucht?

Der beste Ansatz ist erst einmal Second Hand. Und wenn ich dann schon ein Textil kaufen möchte, dann muss ich das bewusst tun. Wenn ich weniger kaufe, kann ich vielleicht auch ein bisschen mehr Geld ausgeben, wobei das keine Garantie für nachhaltige Produktion ist. Dann kaufe ich wenigstens da, wo Transparenz herrscht. Ich persönlich würde raten, kauf bei dem Label, wo du hinfahren kannst. Wo man sich die Produktion anschauen und mit den Leuten sprechen kann. Man muss vernünftig dafür zahlen, und ein gutes Produkt bekommen, das man lange trägt.

Die Made-in-Italy-Lüge

Wer ein Paar Schuhe Made in Italy kauft, denkt an hochwertige Verarbeitung, edle Materialien, schlichte Eleganz. Und hat dabei vielleicht dieses romantische Bild eines alten, graubärtigen Schuhmachers mit ledriger Haut und süditalienischem Akzent im Kopf, der die Sohle noch von Hand auf den Schuh zimmert. Es ist eine Illusion, mit der große italienische Luxusmarken werben, die aber auch für kleinere und erschwinglichere Modemarken funktioniert: Was aus Italien kommt, muss hochwertig, schön und modern sein. Oder?

Made in Italy ist ein Mythos“, sagt Deborah Lucchetti, Vorsitzende der italienischen Sektion der Clean Clothes Campaign, die sich weltweit für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Produktionsketten in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Die Campagna Abiti Puliti, wie der italienische Ableger heißt, deckte 2017 mit ihrem Report „il vero costo delle nostre scarpe“ („Der wahre Preis für unsere Schuhe“) auf, dass die italienischen Marken Geox, Tod’s und Prada in Wahrheit wenig mit dem zu tun haben, was man mit italienischer Markenqualität verbindet. Stattdessen: schlechte Arbeitsbedingungen und miserable Löhne für Arbeiter in albanischen, serbischen oder rumänischen Fabriken. „Hinter dem Etikett Made in Italy verbirgt sich oft die Produktion im Ausland. Nur die kleinsten Produktionsschritte werden tatsächlich in Italien vorgenommen“, erklärt Lucchetti.

Kann das legal sein?

Was nach Etikettenschwindel klingt, ist laut EU-Recht aber völlig legal: Outward Processing Trade nennt sich das Schlupfloch der Modeindustrie. Materialien oder halbfertige Produkte aus einem EU-Land werden zur Weiterverarbeitung an Produktionsstandorte außerhalb der EU exportiert. Dort werden sie bis auf wenige Produktionsschritte fertiggestellt, bevor sie in die EU reimportiert werden. Verzollt wird dabei lediglich der Teil des Produkts, der im Ausland dazugewonnen wurde; das macht es für Hersteller günstig, Teilprodukte erst zu exportieren und dann wieder zu importieren – denn die Produktionskosten sind in Ländern wie Albanien und Rumänien deutlich geringer. Wieder zurück im Inland, erfolgen die letzten Schritte am Produkt, auch die Etikettierung. Auf dem Etikett steht dann das Land, in dem das Produkt fertiggestellt wurde. Aus einem Schuh, der größtenteils in Albanien gefertigt wurde, wird ein Schuh Made in Italy.

Wenn Tradition aud Kapitalismus trifft

Es ist eine Praxis, die theoretisch in jedem europäischen Land betrieben werden kann – und doch steht Italien mit seinem Herkunftsnachweis besonders im Fokus. „Man kennt Italien als Reich der Schönheit, der Mode und der Kunst“, sagt Deborah Lucchetti, „das italienische Konzept ist in der Welt einzigartig. Made in Italy verleiht seinem Käufer einen besonderen Status – und es bringt große Verantwortung mit sich.“ Eine Verantwortung, die viele italienische Marken scheinbar nicht mehr tragen wollen. Dabei war Italien schon immer ein Land, in dem das Handgemachte eine ganz besondere Tradition hat. Eine Nation, die stolz ist auf ihre eigenen Produkte – das kennt man nicht nur aus der Modeindustrie, sondern auch dank der vielen kulinarischen Exportschlager aus dem Stiefelland. Und: Italien ist auch das Land der Luxusmarken, die sich das Image des Kunsthandwerks Mode zunutze machen. „Wer viel Geld für qualitativ hochwertige, italienische Luxusmode ausgibt, dem wird suggeriert, dass die Dinge hier anders laufen. Es ist ein Marketingtrick der funkelnden Modewelt, der die Leute glauben lässt, dass sie dort etwas Anderes, Besseres kaufen“, sagt Lucchetti. Die wenigen übriggebliebenen italienischen Manufakturen, die tatsächlich noch traditionell und nach hohen Qualitätsstandards arbeiten, leiden stark unter der Konkurrenz des „gefälschten“ Made in Italy. Dem an Traditionen so reiche Italien droht ein wichtiges Fundament seiner Kultur verloren zu gehen.

Und noch ein Faktor macht Italien zu einem Sonderfall: Die zweifellose Präsenz von Schwarzarbeit und die hohe Anzahl illegaler Einwanderer. Denn selbst wenn Produkte tatsächlich Made in Italy sind, erklärt die Vorsitzende der Campagna Abiti Puliti, bedeute das noch lange nicht, dass sie fair produziert wurden. „Für gewöhnlich kämpft die Clean Clothes Campaign für die Arbeitsrechte in ausländischen Fabriken. Man ist es nicht gewohnt, dass es solche Probleme auch in unserem Land gibt. Doch die Schattenwirtschaft ist in Italien so präsent, dass man auch bei einer Produktion hierzulande nie wissen kann, ob alles mit rechten Dingen zugeht.“ Den vielen Migranten, die über das Mittelmeer nach Italien kommen, bleibe oft nichts anderes übrig, als illegal in den Fabriken zu arbeiten – denn die italienische Politik ist überfordert mit der massenhaften Zuwanderung, sagt Lucchetti. „Und für die Firmen bedeuten die illegalen Einwanderer billige Arbeitskräfte.“ Doch sobald sich billigere Konditionen in einem anderen Land finden, sei es Albanien, Rumänien oder Serbien, werde eben dort produziert. Immer auf der Suche nach den besten Konditionen. Das Ergebnis: Eine Produktionskette, die mit jedem Schritt, mit jedem Auftraggeber, Lieferanten und Sublieferanten komplexer und undurchsichtiger wird, sodass die Marken selbst sie oft nicht mehr überblicken können. „Es ist ein krankes System, das in einer Grauzone endet, in der viele schlimme Dinge passieren können. Man hat die Kontrolle über die Produktionskette verloren.“

Bloß eine leere Hülle

Deborah Lucchetti und die Campagna Abiti Puliti setzen sich mit ihren aufwendigen Recherchen und Reports auch für eine transparentere Produktionskette ein. Denn die europäische Politik tut nichts. In Italiens Fall billigt sie die Prozedur rund um das Etikett Made in Italy nicht nur, sondern unterstützt das Vorgehen sogar, meint Deborah Lucchetti: „Für ein Land wie Italien, das immer in der Krise steckt, ist Made in Italy wie ein Schutzwall. Es lässt Italien im Ausland gut dastehen. Die Politik unterstützt ein System, ohne kritisch dahinter zu blicken.“ Mode Made in Italy werde beworben, obwohl man wisse, dass sie woanders produziert wurde, unter miserablen Bedingungen für einen menschenunwürdigen Lohn. „Ethisch ist das nicht korrekt.“ In Wahrheit sei Made in Italy nichts weiter als eine leere Hülle. Ein Etikett, das nicht als bloßes Verkaufsargument dienen darf, das seine Käufer über ungerechte Arbeitsbedingungen hinwegtäuscht, sei es in Italien selbst oder in Osteuropa. Wenn sozialverträglich und gerecht produziert werde, sei die Herkunft letztlich nicht wichtig, sagt Deborah Lucchetti. „Was zählt, ist nicht Made in Italy. Sondern Made in Dignity.“

 

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Ohne Fortschritt keine Fair Fashion - Die Zukunft für nachhaltige Kleidung aus Sicht der bildKORREKTURen Referenten 2017

Die bildKORREKTURen Tagung 2017 bot einen großen Einblick in verschiedene Bereiche zum Thema „Fair Fashion and Development“ und schnell wurde deutlich: Es sind Fortschritte in vielen unterschiedlichen Bereichen nötig, damit in Zukunft mehr Mode zu fairen Konditionen produziert und verkauft werden kann. Referent*Innen und Verantwortliche der bildKORREKTURen 2017 über ihre Wünsche für die Zukunft der Modebranche.

Bildbearbeitung, Interview & Text: Helena Klose
Fotorechte: Vera Katzenberger, Helena Klose, Louise Zenker

Wenn Secondhandkleidung das Überleben sichert "Ich war schockiert, dass es in Deutschland Secondhandkleidung gibt" - So erlebt eine geflohene Journalistin den Nachhaltigkeitsgedanken in Deutschland

Was in Deutschland zurzeit als Zeichen von Nachhaltigkeit der Trend unter „Hipstern“ ist, ist für die Menschen in Uganda der normalste Weg, um in den Besitz von Textilien zu gelangen: Secondhandkleidung. Das galt auch für Lillian Ikulumet, 36, die in Uganda geboren und aufgewachsen ist. 2011 kam sie nach Deutschland – und wurde überrascht.

Wie denken die Menschen in Uganda über die importierte Secondhandkleidung aus Europa?

Lillian Ikulumet: In Uganda denken die Menschen nicht an den Hintergrund der Mode. Das hat einen ganz einfachen Grund: Dort ist es wichtig, überhaupt genug Geld zusammen zu bekommen, um angezogen zu sein. Weil die meisten Menschen in Uganda sehr arm sind, ist es ganz normal, so günstig wie möglich auf Flohmärkten einzukaufen. Dass die Kleidungsstücke aus Deutschland oder anderen Ländern kommen, ist den Menschen bewusst. Wenn sich die Gedanken aber ausschließlich darum drehen, dass die Kinder genug Kleidung zum Anziehen haben, interessiert es erst einmal nicht, woher die Textilien kommen oder geschweige denn, wo sie produziert wurden.

Ist Nachhaltige Mode ein Thema in den Medien Ugandas?

Lillian Ikulumet: Auch in den Medien wird wenig darüber berichtet, wo die Kleidung herkommt, in welchen Fabriken sie produziert wurde oder wie hoch eine Person entlohnt wird, die in den Fabriken arbeitet. Das wird sicherlich auch so bleiben, solange es darum geht, überhaupt bekleidet zu sein. Eher wird ab und an darüber berichtet, inwieweit der Anbau von Baumwolle eine Auswirkung auf die Umwelt hat.

 

„In Uganda geht es darum, überhaupt                                             genügend Kleidung zum Anziehen zu haben“

 

Wie war Ihr erster Eindruck über die Mode in Deutschland?

Lillian Ikulumet: Als ich in Deutschland angekommen bin, war ich zunächst schockiert darüber, dass es auch hier Secondhandkleidung und Flohmärkte gibt. Ich dachte immer, dass sich in einem so wohlhabenden Land jeder Mensch Kleidung aus erster Hand kauft. Es war unglaublich für mich, dass Menschen über die Produktion der Textilien nachdenken und sich deshalb Kleidung aus zweiter Hand kaufen.

Was für einen Eindruck hat die Bildkorrekturen-Konferenz bei Ihnen hinterlassen?

Lillian Ikulumet: Die Konferenz hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich frage mich zum Beispiel, woher wohl die Kleidung kommt, die ich gerade trage. Kommt sie aus China, Bangladesch, Deutschland oder Amerika? Wo wurden diese Kleidungsstücke genäht? Und woher kommt die Baumwolle, mit der die Kleidung hergestellt wurde? Kommt sie vielleicht aus Uganda, meinem Heimatland?

 

Lillian Ikulumet

Engagement Global/Bodo Tiedemann

Lillian Ikulumet ist Journalistin. Als sie sich 2011 kritisch zu einem Gesetzesentwurf in Uganda äußerte, der vorsah, dass homosexuelle Menschen mit der Todesstrafe bestraft werden sollten, wurde ihr gedroht: „Übergriffe auf Journalisten sind in Uganda keine Seltenheit“, erklärt die 36-jährige. Trotzdem wollte Sie ihre Leidenschaft nicht aufgeben und sah sich deshalb gezwungen, zu fliehen. In Deutschland studierte sie Medien- und Kommunikationsmanagement. Heute arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für die Süddeutsche Zeitung.