Stimmen zur Konferenz

Du bist, was Du isst – aber was Du trägst ist egal? Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie ist Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche immer noch immer noch ein Randgruppenthema. 2016 haben Textilien im fairen Handel nur sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht, Kaffee, Lebensmittel und Südfrüchte hingegen insgesamt 82 Prozent. Wie stehen die Teilnehmer*Innen der Bildkorrekturen 2017 zum Thema Fair Fahion? Inga Mohwinkel und Pia Schönfeld haben Einstellungen, Erwartungen und Bildkorrekturen eingefangen.

 

Im Gespräch mit Ellen Köhrer

Für sie ist Grün das neue Schwarz – die Journalistin, Autorin und Bloggerin Ellen Köhrer. Wie ist sie zum Thema Fair Fashion gekommen? Und welche Möglichkeiten gibt es für uns Verbraucher, faire Mode zu erwerben? Dies und vieles mehr haben wir Ellen Köhrer während der Konferenz gefragt.

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013: Mit 1135 Toten das schlimmste Unglück in der Geschichte Bangladeschs. Ellen Köhrer hatte 2012 selbst vor Ort eine Textilfabrik besucht und dabei die Arbeitsbedingungen hautnah miterlebt. Wir haben nachgefragt, was sie bei diesem Besuch empfunden hat….

Woher kommt meine Kleidung? Auf Nachfrage können selbst die Modehändler nicht beantworten, woher ihre Ware kommt und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird. Welche Tipps gibt Ellen Köhrer uns mit auf den Weg zum fairen Shoppen?

Über Ellen Köhrer

Geboren in Stuttgart, absolvierte Ellen Köhrer ihr Diplom in Journalistik und Betriebswirtschaft. Heute ist sie unter anderem für zahlreiche und namhafte Kunden, darunter NGOs, Stiftungen sowie Print- und Onlinemedien (Taz, Welt, Frankfurter Rundschau, GEOlino u. v. a.) tätig.

Am Herzen liegen der freien Journalistin, Autorin und Bloggerin dabei besonders Themen rund um die Mode- und Textilindustrie sowie Aspekte der Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik. Als einschneidendes Erlebnis in ihrer über 20-jährigen beruflichen Laufbahn, beschreibt Ellen Köhrer ihren Aufenthalt in Bangladesch. Hier besuchte sie nicht nur eine Textilfabrik, sondern interviewte darüber hinaus Gründer von Sozialunternehmen der Modebranche, um neben den Schattenseiten der Modeproduktion, gelungene Konzepte aufzuzeigen.

In den Jahren darauf folgte unter anderem ihr Blog Grün ist das neue Schwarz sowie die Veröffentlichung ihres Buches „Fashion Made Fair – Modern. Innovativ. Nachhaltig“ mit Magdalena Schaffrin (Prestel Verlag). Dieses stellt unter anderem Modemarken vor, die ihre Mode nachhaltig produzieren.

Aktuell lebt und arbeitet Ellen Köhrer in Berlin, wo es zahlreiche Modeläden gibt, die schönes Design und faire, nachhaltige Produktionsbedingungen vereinen.

 

 

 

 

Woher kommt meine Kleidung? Nachhaltigkeit in der Modeindustrie - Ein weiter Weg

Nur etwa fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien wurden hier produziert. Stellt sich die Frage: Wo genau kommt mein Lieblingsteil her? Und ist es für den Verbraucher möglich, den Weg seiner Kleidung zurückzuverfolgen?

Vom Rohstoff, zur Verarbeitung und Veredelung und schließlich in die Läden ist es ein weiter Weg. Hinter jedem Kleidungsstück stecken viele einzelne Produktionsschritte, die meist in unterschiedlichen Ländern erfolgen. So kann die Jeans bis zu 20.000km zurücklegen, bevor sie im Kleiderschrank landet. Die Komplexität der Lieferkette macht es jedoch schwierig, den Weg der Kleidung nachzuvollziehen.

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Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com
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USA: Anbau und Ernte der Baumwolle

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Türkei: Die Baumwolle wird in Spinnereien zu Garn gesponnen.

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Taiwan: Aus dem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.

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Polen: Produktion der chemischen Indigofarbe, die zum Einfärben des Jeansstoffes benötigt wird

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Tunesien: Einfärben des Jeansstoffs mit der Indigofarbe

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Bulgarien: Veredelung des Jeansstoffs, sodass dieser weich und knitterarm wird

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China: Hier wird die Jeans zusammengenäht

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Frankreich: Die Jeans bekommt ihren letzten Schliff, indem sie bspw. mit Bimsstein aus Griechenland gewaschen wird, wodurch der „Stone-washed-Effekt“ entsteht.

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Deutschland: Verkauf der fertigen Jeans

Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com

Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

Quelle: Public Domain| https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

 

Woher stammt das verwendete Material?

Baumwolle gehört zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen in der Textilindustrie. Zu den größten Produzenten für Baumwolle zählen China mit 30 Prozent, Indien mit 20 Prozent und die Vereinigten Staaten mit 15 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus.

Wo genau die Baumwolle herkommt, die für ein Kleidungsstück Verwendung fand, wird jedoch nur in Ausnahmefällen angegeben. Nämlich dann, wenn es sich um einen „ökologisch sicheren“ Anbau handelt. Der Blick auf das Etikett gibt dem Verbraucher diesbezüglich also nur selten Auskunft.

Die Produktionsländer der Textilindustrie

„Made in Bangladesch“, „Made in Kambodscha“ oder „Made in China“ – um Verbrauchern möglichst preiswerte Ware zu liefern, führt der Kampf um die günstigsten Produktionskosten die Hersteller in Billiglohnländer, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vorherrschen.  Ein Großteil der Textilien wird somit im asiatischen Raum produziert.  Doch auch „Made in Europe“ ist kein Garant für faire Arbeitsbedingungen: Besonders in rumänischen, albanischen und türkischen Textilfabriken arbeiten die Menschen für Löhne unterhalb des Existenzminimums. Wer glaubt, nur Anbieter günstiger Textilprodukte lassen ihre Ware in Billiglohnländern herstellen, täuscht sich! Oftmals nutzen Luxusmarken dieselben Textilfabriken wie die Discounter. So garantieren auch hohe Preise oder Markennamen nicht zwangsläufig faire Herstellungsbedingungen.

Als sichere Herkunftsländer können beispielsweise Schweden oder die Niederlande eingestuft werden, wo inzwischen zumindest ein Bruchteil der H&M-Ware hergestellt wird.

Nachgefragt: Wo kommt meine Kleidung her?

Mir war aufgefallen, dass sich auf dem Etikett meines neuen C&A-Kleides lediglich Informationen über die Materialzusammensetzung (v.a. Polyester als die am häufigsten genutzte Kunstfaserart in der Textilverarbeitung) und Pflegehinweise zu finden sind.  Ein Produktionsland ist nicht angegeben. Grund genug sich einmal zu erkundigen!

Ich bei C&A – einem der umsatzstärksten Unternehmen des deutschen Textilhandels – nachgefragt. Dass Verbraucher nur schwer Informationen bezüglich der Produktionsorte der Kleidungsstücke erhalten, erstaunte mich nicht. In den Geschäften selbst wird man zunächst zum Store-Manager geschickt, der keine verlässliche Auskunft geben kann. Mein Gespräch mit dem Leiter einer C&A-Filliale stellt sich als enttäuschend heraus: Nach dem Verweis auf die „allgemein hohen Qualitätsstandards“ folgt lediglich der Tipp, sich auf der Webseite genauere Informationen einzuholen.

„Wear the change“ – Große Versprechen auf den Webseiten und Ungewissheit der Kunden

Die Online-Auftritte der Textilunternehmen strotzen vor Beiträgen zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechende Kampagnen sind geschickt platziert. „Wear the change“ heißt es bei C&A, um für die neue Kollektion zu werben, die durch nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle oder recycelte Stoffe, einen Wechsel markieren und somit neue Kunden locken soll. Desweiteren findet sich auf der Internetseite von C&A eine Rubrik, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Informationen, wie das Unternehmen faire Produktionsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit fördert, werden hier zur Verfügung gestellt. Ebenso findet sich eine Übersicht über die weltweiten Lieferanten. Es entsteht der Eindruck, dass der Textilriese auf ökologisch und sozial faire Produkte Wert legt und darüber hinaus bemüht ist, die Lieferkette transparent zu gestalten.

Rückschlüsse darüber, wo genau mein Kleid nun herkommt, finden sich auf der Internetseite natürlich nicht. Die letzte Möglichkeit, nähere Informationen zu erhalten, besteht also darin, sich direkt an den Kundenservice zu wenden. Und tatsächlich bekomme ich nach einigen Tagen eine ausführliche Antwort des C&A-Kundenservices.  Jedoch ausschließlich mit den Informationen, die auf der Internetseite präsentiert werden.

Alle Bio-Baumwoll-Produkte sind entweder nach OCS oder GOTS zertifiziert. Aber woher stammt die übrige Baumwolle, die immerhin den größeren Anteil ausmacht? Das bleibt (zumindest für mich) ungewiss.

Der Vermerk, dass die Kennzeichnung  mit einem ‚country of origin‘ generell problematisch ist, da ein Artikel sowohl von unterschiedlichen Lieferanten als auch aus unterschiedlichen Ländern bezogen werden kann, soll mich vertrösten.

Für mich bleibt die Herkunft meines Kleides letztlich unklar.

Kleine Schritte auf einem weiten Weg

Beim Blick auf die Modebranche, wird ersichtlich, dass die Textilunternehmen längst unter Zwang stehen, „faire“ Kampagnen ins Leben zu rufen. So erscheint beispielsweise der neue Katalog des schwedischen Konzerns H&M auf Recycling-Papier und auch bei den Textilien wird mehr und mehr auf nachhaltige Materialen zurückgegriffen. Doch das sind nur kleine Schritte. Und ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Verbrauchern, die durch ihr Kaufverhalten den Markt mitbestimmen!

Warum kaufen wir eigentlich so viel?

Durchschnittlich kaufen die Deutschen zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das sind pro Kopf circa zwölf Kilogramm Kleidung jährlich. Damit ist Deutschland zusammen mit den USA und der Schweiz an der Weltspitze des Klamottenkonsums.

Klar, es geht darum, jedem Trend zu folgen. Angetrieben von sozialen Medien, wie Instagram oder den zahlreichen Modeblogs, verbreiten sich die Trends im Eiltempo – und verschwinden ebenso schnell wieder. Um der Nachfrage hinterher zu kommen, bringen große Textilunternehmen, wie H&M oder Zara, im Wochenrhythmus neue Kollektionen auf den Markt.

Das Bedürfnis, jedem Trend zu folgen, hat zur Konsequenz, dass Kurzlebigkeit den Kleiderschrank bestimmt. Doch machen einen die vielen Sachen am Ende glücklicher? Sicher, Mode kann unser Selbstbewusstsein beflügeln.Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt, ist selbstsicherer und strahlt dies meist auch auf Andere aus. Doch machen Kleider wirklich Leute? Fest steht: Leute machen Kleider! Und das leider zumeist für Hungerlöhne unter widrigen Arbeitsbedingungen. Zeit also das Kaufverhalten zumindest zu überdenken…

 

Welche Alternativen gibt es?

Mode sollte nicht zum Wegwerfartikel verkommen. Warum also die Lieblingshose nicht reparieren, wenn eine Naht aufgeht? Oder warum den Pullover, den man nicht mehr mag, nicht einfach tauschen?

Indem man Kleidung auf Online-Plattformen, in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten verkauft, kann aus den Teilen, die ungenutzt im Kleiderschrank liegen, Geld gemacht werden.

Wie können Verbraucher aktiv werden?

Die Clean Clothes Campaign setzt sich seit 1989 für die Rechte der Arbeiter und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie ein. Die Organisation fordert Verbraucher auf, nachzufragen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Textilien hergestellt wurden. Indem Käufer, die Shopkarte“ der Clean Clothes Campaign im Geschäft abgeben, kann das Interesse an fairen Kleidungsstücken signalisiert und somit Druck auf die Modeunternehmen ausgeübt werden.

Welche Textilsiegel gibt es?

Aus welchem Material ist mein Kleidungsstück? Wie wurden die notwendigen Rohstoffe angebaut und verarbeitet?  Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde die Kleidung produziert?

Konsumenten, die auf soziale, ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit der Kleidungsstücke achten wollen, sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. So gibt es eine Reihe von Gütesiegeln, die sich zumeist jedoch nur auf einen Aspekt der Produktion beziehen. Beispielsweise stellen Siegel wie Global Organic Textile Standards (GOTS), EU Ecolabel oder bluesign sicher, dass es sich um kontrollierten ökologischen Anbau handelt und weder Pestizide noch gentechnisch-verarbeitete Pflanzen genutzt wurden. Während das Fair Trade Siegel Baumwolle bezeichnet, die zu fairen Preisen gehandelt wird und somit faire Löhne für Plantagenarbeiter fördert, bietet die Fair Wear Foundation (FWF) ein Zertifikat für soziale gerechte Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Hilfreich, um im Dschungel der Gütesiegel nicht den Überblick zu verlieren, ist der „Label-Check“  der Clean Clothes Campaign sowie der Ratgeber „Textil-Label unter der Detox-Lupe“ von Greenpeace.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=oTx6smeK3ow[/embedyt]

 

Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

„Alle sollen wissen, was konkret von ihnen erwartet wird“

Das viel kritisierte Bündnis für nachhaltige Textilien hat große Pläne für das Jahr 2018. Ob es die von Bundesminister Gerd Müller ins Leben gerufene Initiative schaffen wird, weiter zu wachsen und den Markt zu verändern? Dr. Jürgen Janssen, Leiter des Bündnissekretariats, gibt sich im Interview positiv.

Im Sommer 2017  haben die Mitglieder erstmals Jahrespläne für verbindliche „Roadmaps“ erstellt. Haben Sie in diesem halben Jahr schon Verbesserungen gesehen?

Wir können noch nicht sagen, ob und was sich konkret verbessert hat. Wir gehen aber auf jeden Fall davon aus das sich etwas tut. Es sind insgesamt über 1500 Maßnahmen, die alle Mitglieder gemeinsam in die zusammengefassten Pläne reingeschrieben haben. Für den großen Tanker „Textilwirtschaft“ ist dies eine Richtungsänderung.

Viele Ihrer Mitglieder sind ausgetreten. Was sind die Gründe dafür?

In den letzten Monaten hatten wir auch einige neue Beitritte. Wir finden, es ist eine relativ normale Entwicklung, dass es bei einer völlig freiwilligen, ohne interne Regelungen funktionierenden Initiative, bei Steigerung des Anforderungsniveaus für die Mitglieder, eine Bereinigung gibt. Einige Mitglieder waren von anderen Anforderungen und Voraussetzungen ausgegangen. Diese hatten nicht geglaubt, dass das Textilbündnis tatsächlich Verpflichtungen einführen würde. Verpflichtungen sind nicht nur konkrete Maßnahmen, sondern insbesondere die geforderte Transparenz. Natürlich soll über die Ergebnisse berichtet werden. Für einige ehemaligen Mitglieder war dies ein Schritt, den sie noch nicht mitgehen wollen.

Wie wollen Sie für die Zukunft wieder mehr Mitglieder gewinnen?

Um die Mitgliederzahl zu steigern, muss Klarheit im Hinblick auf den Zeitraum 2018 bis 2020 geschaffen werden. Alle Mitglieder sollen wissen, was exakt von ihnen erwartet wird. In der Anfangsphase des Textilbündnisses war das noch nicht der Fall.Mit der Formulierung des Anforderungskatalogs ergibt sich für die Unternehmen Planungssicherheit. Dann wissen die Mitglieder worauf sie sich einlassen.

 Die NGOs haben sie bezüglich der Roadmaps kritisiert. Wie gehen Sie damit um?

Sehr proaktiv. Wir haben die erste Runde des Roadmap-Prozesses angeschoben als ein Element der Bündnisarbeit. Es ist die erste Runde und diese ist noch nicht hunderprozentig ausgereift. Das System, Ziele zu setzen, sie nachzuverfolgen und dann darüber zu berichten, ist völlig neu. Das gibt es so noch nirgends. Für den Roadmap-Prozess 2018 haben wir eine ganze Reihe von Veränderungen und Verbesserungen vorgenommen unter Beteiligung der NGOs. Diese schauen natürlich mit einem anderen Blick auf die Themen als Unternehmen. Aber auch die NGOs sind verpflichtet, eigene Roadmaps abzugeben. Sie sollen zeigen, wie sie ganz konkret die Ziele des Bündnisses verfolgen und unterstützen wollen. In diesem Bereich haben wir sehr viel Feedback von den NGOs bekommen. Diese sagten, dass die Formulierung der Ziele zum Teil nicht passt und geändert werden muss. An diesem Punkt stehen wir momentan.

 

„Ignore cheapness – save your money“ Interview with Ed van Hinte

The fashion industry is speeding up. Leading fashion retailers are producing up to 12 collections per year. Fast fashion is flooding the market. The cheaper the better. Ed van Hinte is a Dutch industrial designer and self confessed „consumption critic“. I talked to him about the problems of the fashion system, sustainable fashion concepts, and how to extend the lifespan of our clothes.

What do you think is the most urgent problem with our clothing regarding sustainability?
The whole fashion system is destructive, because of what it does to the environment, the enormous material flow, pricing pressure and low payment for those who do the work.
The most urgent problem is probably the speed of fashion. Fast fashion is cheap, so it maybe should be something even immaterial. An idea is, you go to a shop and dress up and take pictures of yourself and pay for that and then leave.

Without actually buying something?
You would pay because it would change your image. The clothes themselves would be much more expensive because you don’t have to buy them anymore.
The more obvious idea is that fast fashion is no longer made of textiles. We are all wearing clothes made out of fabric, but that could be different. We should make those kinds of clothes out of materials you can throw away with your newspaper, out of easy recyclable materials, that don’t take energy. The fashion industry has to focus on innovation and development. Yesterday, I mentioned the elastic paper material for instance. The paper is developed in the atmosphere of packaging. Clothing is also packaging.

Are there already clothes made out of paper or is that just an idea?
As far as I know there is a machine now, developed this year by GruppoX in Italy for the packaging industry. There are experiments with paper clothes and in 1967 Scotch produced paper dresses that you could buy for one dollar plus two soap coupons. The principle could be translated into fashion, but not as a one-time gimmick. It is good for industries to learn from each other and mix things up.

What do you think about recycling regarding our clothing?
Fast fashion items should be made out of material that can be recycled easily. Also, you can extend the lifespan of your clothes by wearing them longer. Maybe you can wear them for 15 to 20 years. I have clothes like this. These socks I am wearing are 15 or 20 years old. For this purpose, the clothes have to be such good quality that you can recycle them in a responsible way.

You say that we should extend the lifespan of our clothes by wearing them for up to 20 years. How is this compatible with the new trends that are coming up every season and what would the job of a fashion designer would be like?
As a fashion designer, you could design just slow clothes, very comfortable long-lasting winter clothes for instance. You could also decide to get involved in fast recyclable fashion and design new collections every second day.

How does this work for High-end Fashion Brands like Gucci or Chanel?
They are exceptional. These brands are not mass clothing producers and they are quite expensive. So, what happens to those clothes is that they are collected by people who like them very much and keep them for a long time. That is a different story than with the cheap fast fashion clothing. There is no material flow. What these brands should do is put some of their money into the well-being of the people producing their clothes. There is an economic model which is not based on growth. It is called the doughnut economy developed by Kate Raworth. It says basically that the economy is shaped like a doughnut. The ring itself is the optimum quality for people to survive. Inside the doughnut is where the social circumstances are very bad, so you have to reduce that and get the people from there into the doughnut by spending money. Outside the doughnut you find excess and too much waste. So, you also have to spend money to reduce waste, you should rather get an economy of quality than an economy of quantity. As a fashion designer, you can keep an eye on that.

Companies that produce sustainable fashion are mostly not the leading companies in the fashion industry. How can we make big companies like H&M and Zara produce their clothes more sustainably?
They have to be forced. As long as their business is booming they don’t really care. People are not very considerate. They do not think about sustainability or who produced their clothes. You have to find a way to get under their skin. And this is true for consumers as well as for producers. But for producers it is way more difficult. They are focused on sales revenue. But making more money is not always necessarily good for the environment. What they do with the profits should also be a part of their business plan. They have to invest their profits so that they can produce their clothes in a more sustainable way as well as pay fair wages to their workers.

What is your concrete suggestion that is practicable for everybody to make clothes more sustainable?
Ignore Black Friday, ignore special offers, ignore cheap clothes. For instance, I bought these pants I am wearing yesterday. They are from „Brax“ and when I bought them I got a radio with them. I did not expect it, I don’t need it. This is a good example on how they try to speed up fashion. Somehow, we have to stop that, because that’s what people always fall for. Sales and special offers. People sometimes buy just for the sake of buying. They buy it because it’s cheap even if they don’t need it. They don’t think about it and that is the problem. The first step would be ignoring cheapness. Save your money.

„Waste is not waste until you waste it!“ Interview with Juliet Namujju

Juliet Namujju is a Ugandan fashion designer and the CEO of Kimuli Fashionability. At the young
age of twenty-one, she was able to build up her own label that revolves around taking waste in
Uganda and creating something entirely new with it. This form of designing and creating clothes is
called upcycling.
Kimuli Fashionability was created in November 2015 at the Social Innovation Academy (SINA) in
Mpigi by Juliet Namujju to produce and create innovative fashion and accessory products. With
combining plastic waste like sugar sacks or cement sacks and African fabrics and garments like
kitenge, sisal or backcloth she creates truly African products in a country full of western fabrics and
cheap, low-quality products imported from most Asian countries.
Juliet Namujju made it her task to step against all of this waste that is being overproduced and not
recycled enough to help our planet be a better one. She and her team members go to waste pits
and collect different types of waste that they can upcycle. Saving the environment is only one of
two reasons Juliet Namujju is doing this. She wants to promote beautiful African garments and
fabrics which she combines with the plastic waste.
Upcycling is all about saving the planet we live on and reusing our worlds plastic waste which is
not environmentally sustainable and does not rot. Plastic waste is an enemy especially to the
animals living on this planet. Tons and tons of plastic waste alight every year in our oceans. Fish,
other Sea animals as well as Birds cannot differentiate between their food and plastic waste,
leading to many animals dying because of it. It is simply destroying our Eco System.

Bildquelle: Engagement Global / Bodo Tiedemann

When and how did you make the decision to open up your own label?
I started last year. Since I was young I loved working with people with disabilities which made me
start building my brand and including people with disabilities. They lack skills, they are vulnerable
and they are being discriminated. Giving them an opportunity, a chance, to teach them the skills
they need for fashion and design will make a good impact on them, their community as well as the
society we live in.
Was it hard to build up your label?
I come from an organization that teaches us not to give up because of bigger challenges but to
look at big things and slowly accomplishes it. „Social Innovation Academy“(SINA) in Uganda
accompanies young people on their way to become an entrepreneur.
Why did you make the decision to do upcycling?
Upcycling is one of the unique ideas in Africa.My grandmother was a Ugandan fashion designer as
well as a tailor. From a young age, I had the opportunity to take her remaining pieces and sew
flowers and dresses for my dolls out of them. I was able to see that waste could be something very
useful. At that age, I didn’t even realize that I was upcycling waste. When I grew up I developed
that passion I have now for upcycling waste and designing something out of it. To be unique from
all fashion designers in Africa.
What type of waste do you use for your upcycling?
Everything plastic waste we can find like sugar sacks, empty milk packets, rice sacks and cement
sacks. Collecting them from rubbish pits, bringing them with us and washing them. After that, we
sew them together with our African fabrics. In that way, we can bring together environmental
sustainability and the traditional African garments and fabrics.
What is your inspiration for creating your designs?
I and my team work very tight together in the creative process of designing our clothes without
copying from other fashion designers. It can also depend on the customer. You may find a person
who comes up with its own idea or design. The design you have in mind could also not work for
 your customer considering the fit, the size, the customer’s figure and the overall look of the item. I
will not hesitate or beat around the bush if the design will not look good on you.
What is your favorite design at the moment?
The rain and waterproof jacket. It got developed last year with one of my customers from Poland
and was instantly trending. It also sold out. It has not been branded yet but that will be done
shortly. They are gonna be restrictions on the design and idea behind the item so that no other
fashion designer can copy it. It is unique and I am very proud of it.
What would you tell a designer thinking about going into upcycling?
Upcycling is all about promoting and saving the environment, about reusing waste. You have to be
creative. You will get waste but will fail with doing something out of it. You can not take yourself to
be a higher person because you have to touch the waste and wash it. As the fashion designer has
to be an example to your workers and even to other members of your company. You have to be
able to make your own hands dirty. That will give you the opportunity to evolve the passion for
collecting waste and creating something out of it.

„Ich arbeite gerne bei KiK“ Interview mit Ansgar Lohmann

Nach dem tragischen Zusammensturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, in der auch „Kik“ produzieren ließ, kam Ansgar Lohmann ins Unternehmen. Er ist unter anderem verantwortlich für die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards sowie den Brandschutz. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen seiner Arbeit als Supply Chain Manager.

Wie kamen Sie zum Unternehmen KiK?

Ich bekam vom damaligen Geschäftsführer für das Thema Nachhaltigkeit ein Stellenangebot. Er fragte mich, ob ich im Bereich Supply Chain Management Verbesserungen herbeiführen könnte. Natürlich habe ich das Angebot als reizvolle Herausforderung angesehen. Meine Motivation war, dem Unternehmen zu helfen, die erforderlichen Schritte einzuleiten. Ich arbeite gerne bei KiK.

Was bedeutet für Sie persönlich Nachhaltigkeit?

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, den Menschen in den Mittelpunkt der geschäftlichen Aktivitäten zu stellen. Ökonomisches und gesellschaftliches Handeln sollte miteinander verbunden werden. Um das zu erreichen, kann man für bessere Sozial- und Umweltstandards sowie für Menschenrechte einstehen. Wir als Unternehmen haben sicherlich einen großen Hebel in der Hand, allerdings ist es immer besser, in einer Gruppe aufzutreten. Nachhaltigkeit bedeutet, Humanressourcen und Umweltbelange mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens in Einklang zu bringen.

Das sind alles schöne Ideen. Ganz konkret: Wie kann man die Sicherheitsstandards kontrollieren?

Die Installation der Brandschutzgewerke muss in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Die Verabredungen mit den Fabrikanten werden von ihnen nicht immer eingehalten. Es kommt vor, dass das benötigte Equipment nicht eingekauft oder eingebaut wird. Um beispielsweise Feuerschutztürensysteme, Hydrantensysteme, Blitzableiter oder Gebäudestatik zu gewährleisten, müssen wir permanent selber vor Ort sein und uns einen eigenen Eindruck verschaffen. Wir sind regelmäßig vor Ort, da das der beste Weg ist, um die Sicherheit zu überprüfen.

Reisen Sie persönlich auch an die Standorte?

Ja, vier bis fünf Monate im Jahr bin ich im Ausland. Meine Agenda besagt, jedes Beschaffungsland einmal im Jahr aufzusuchen. Ich bereise die Standorte, um zu überprüfen, ob die getroffenen Verabredungen auch richtig eingehalten wurden. Ich muss mir selbst ein Bild über alles machen.

Sicherheit ist ja nur ein Aspekt. Welche Schwierigkeiten begegnen Ihnen beim Gewährleisten der Sozialstandards?

Es ist wichtig zu beachten, nicht der einzige Auftraggeber in einer Fabrik zu sein. Es wäre ideal, wenn es weitere Auftraggeber gäbe, die wiederum ein eigenes Sozialmanagementsystem dort forcieren würden. Mit mehreren Auftraggebern und dem gleichen Anspruch in eine Fabrik zu gehen, vergrößert die Hebelwirkung und die Wahrscheinlichkeit, Veränderungen herbeiführen zu können. In einer Fabrik, in der wir der einzige westliche Auftraggeber sind und in der parallel für Russen, Chinesen und Brasilianer produziert wird, haben wir ein Problem. Diese Auftraggeber interessieren Sozialstandards nicht im gleichen Maß. Für uns ist es gut, wenn westliche Auftragnehmer, also aus Europa, Amerika oder Australien vorzufinden sind. Das sind jene, die das Thema Menschenrechte und Sozialmanagement schon am Weitesten vorangetrieben haben.

Wie weit engagiert sich KiK für den Existenzlohn?

KiK hat sich Anfang 2017 dafür ausgesprochen, in Bangladesch den Mindestlohn um 10 Prozent zu erhöhen. Von jetzt auf gleich. Zusätzlich sind wir im Textilbündnis Mitglied in der Arbeitsgruppe für Sozialstandards und dort geht es um die sogenannten „living wages“. Es ist kein einfaches Thema, zumal wir als Unternehmen nicht sagen können: „Erhöhe doch jetzt einfach mal den Lohn, lieber Fabrikant“. Das Thema living wage ist von vielen Komponenten abhängig. Wir haben die Möglichkeit, den politischen und sozialen Dialog in Gang zu bringen. Wir bestimmen aber niemals das Lohnniveau mit unseren Preisen. Wir unterhalten uns über einen sogenannten Vollkostenpreis, der Material, Fertigung und Profitmarge des Anbieters beinhaltet, darin ist der Lohn enthalten. Lohnsteigerungen würden direkt durchschlagen in Form eines höheren Beschaffungspreises. Lohnpreissteigerungen dürfen nie isoliert von den makroökonomischen Gegebenheiten betrachtet werden, denn sie bedeuten Inflation, höheres Zinsniveau, Verknappung der Kredite und Einschränkung der Investitionstätigkeit. Beide Seiten der Medaille müssen betrachtet werden.

Welches Ziel würden Sie persönlich gerne für KiK erreichen?

Mein persönlicher Wunsch ist, dass sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen in den Betrieben sich nicht mehr fürchten müssen, an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Die Betriebe sollen insoweit sicher sein, dass kein Arbeiter einen Brand oder einen Gebäudeeinsturz befürchten muss.

Ist es ein realistisches Ziel oder eher ein Wunsch?

Natürlich ist das ein Wunsch. Optativ gesprochen arbeiten wir ja auch mit anderen Unternehmen zusammen. Das beste Beispiel ist das Brandschutzabkommen in Bangladesch, mit zweihundert Unterzeichnern, die die Gewerke optimieren wollen. In Pakistan sind wir leider noch alleine. Dort haben wir die Initiative selber gegründet. Ich bin positiv gestimmt, dass wir es als Vorreiter-Unternehmen schaffen können und andere Unternehmen ebenfalls dazu bewegen können.

Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.