Woher kommt meine Kleidung? Nachhaltigkeit in der Modeindustrie - Ein weiter Weg

Nur etwa fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien wurden hier produziert. Stellt sich die Frage: Wo genau kommt mein Lieblingsteil her? Und ist es für den Verbraucher möglich, den Weg seiner Kleidung zurückzuverfolgen?

Vom Rohstoff, zur Verarbeitung und Veredelung und schließlich in die Läden ist es ein weiter Weg. Hinter jedem Kleidungsstück stecken viele einzelne Produktionsschritte, die meist in unterschiedlichen Ländern erfolgen. So kann die Jeans bis zu 20.000km zurücklegen, bevor sie im Kleiderschrank landet. Die Komplexität der Lieferkette macht es jedoch schwierig, den Weg der Kleidung nachzuvollziehen.

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Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com
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USA: Anbau und Ernte der Baumwolle

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Türkei: Die Baumwolle wird in Spinnereien zu Garn gesponnen.

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Taiwan: Aus dem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.

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Polen: Produktion der chemischen Indigofarbe, die zum Einfärben des Jeansstoffes benötigt wird

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Tunesien: Einfärben des Jeansstoffs mit der Indigofarbe

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Bulgarien: Veredelung des Jeansstoffs, sodass dieser weich und knitterarm wird

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China: Hier wird die Jeans zusammengenäht

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Frankreich: Die Jeans bekommt ihren letzten Schliff, indem sie bspw. mit Bimsstein aus Griechenland gewaschen wird, wodurch der „Stone-washed-Effekt“ entsteht.

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Deutschland: Verkauf der fertigen Jeans

Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com

Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

Quelle: Public Domain| https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

 

Woher stammt das verwendete Material?

Baumwolle gehört zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen in der Textilindustrie. Zu den größten Produzenten für Baumwolle zählen China mit 30 Prozent, Indien mit 20 Prozent und die Vereinigten Staaten mit 15 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus.

Wo genau die Baumwolle herkommt, die für ein Kleidungsstück Verwendung fand, wird jedoch nur in Ausnahmefällen angegeben. Nämlich dann, wenn es sich um einen „ökologisch sicheren“ Anbau handelt. Der Blick auf das Etikett gibt dem Verbraucher diesbezüglich also nur selten Auskunft.

Die Produktionsländer der Textilindustrie

„Made in Bangladesch“, „Made in Kambodscha“ oder „Made in China“ – um Verbrauchern möglichst preiswerte Ware zu liefern, führt der Kampf um die günstigsten Produktionskosten die Hersteller in Billiglohnländer, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vorherrschen.  Ein Großteil der Textilien wird somit im asiatischen Raum produziert.  Doch auch „Made in Europe“ ist kein Garant für faire Arbeitsbedingungen: Besonders in rumänischen, albanischen und türkischen Textilfabriken arbeiten die Menschen für Löhne unterhalb des Existenzminimums. Wer glaubt, nur Anbieter günstiger Textilprodukte lassen ihre Ware in Billiglohnländern herstellen, täuscht sich! Oftmals nutzen Luxusmarken dieselben Textilfabriken wie die Discounter. So garantieren auch hohe Preise oder Markennamen nicht zwangsläufig faire Herstellungsbedingungen.

Als sichere Herkunftsländer können beispielsweise Schweden oder die Niederlande eingestuft werden, wo inzwischen zumindest ein Bruchteil der H&M-Ware hergestellt wird.

Nachgefragt: Wo kommt meine Kleidung her?

Mir war aufgefallen, dass sich auf dem Etikett meines neuen C&A-Kleides lediglich Informationen über die Materialzusammensetzung (v.a. Polyester als die am häufigsten genutzte Kunstfaserart in der Textilverarbeitung) und Pflegehinweise zu finden sind.  Ein Produktionsland ist nicht angegeben. Grund genug sich einmal zu erkundigen!

Ich bei C&A – einem der umsatzstärksten Unternehmen des deutschen Textilhandels – nachgefragt. Dass Verbraucher nur schwer Informationen bezüglich der Produktionsorte der Kleidungsstücke erhalten, erstaunte mich nicht. In den Geschäften selbst wird man zunächst zum Store-Manager geschickt, der keine verlässliche Auskunft geben kann. Mein Gespräch mit dem Leiter einer C&A-Filliale stellt sich als enttäuschend heraus: Nach dem Verweis auf die „allgemein hohen Qualitätsstandards“ folgt lediglich der Tipp, sich auf der Webseite genauere Informationen einzuholen.

„Wear the change“ – Große Versprechen auf den Webseiten und Ungewissheit der Kunden

Die Online-Auftritte der Textilunternehmen strotzen vor Beiträgen zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechende Kampagnen sind geschickt platziert. „Wear the change“ heißt es bei C&A, um für die neue Kollektion zu werben, die durch nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle oder recycelte Stoffe, einen Wechsel markieren und somit neue Kunden locken soll. Desweiteren findet sich auf der Internetseite von C&A eine Rubrik, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Informationen, wie das Unternehmen faire Produktionsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit fördert, werden hier zur Verfügung gestellt. Ebenso findet sich eine Übersicht über die weltweiten Lieferanten. Es entsteht der Eindruck, dass der Textilriese auf ökologisch und sozial faire Produkte Wert legt und darüber hinaus bemüht ist, die Lieferkette transparent zu gestalten.

Rückschlüsse darüber, wo genau mein Kleid nun herkommt, finden sich auf der Internetseite natürlich nicht. Die letzte Möglichkeit, nähere Informationen zu erhalten, besteht also darin, sich direkt an den Kundenservice zu wenden. Und tatsächlich bekomme ich nach einigen Tagen eine ausführliche Antwort des C&A-Kundenservices.  Jedoch ausschließlich mit den Informationen, die auf der Internetseite präsentiert werden.

Alle Bio-Baumwoll-Produkte sind entweder nach OCS oder GOTS zertifiziert. Aber woher stammt die übrige Baumwolle, die immerhin den größeren Anteil ausmacht? Das bleibt (zumindest für mich) ungewiss.

Der Vermerk, dass die Kennzeichnung  mit einem ‚country of origin‘ generell problematisch ist, da ein Artikel sowohl von unterschiedlichen Lieferanten als auch aus unterschiedlichen Ländern bezogen werden kann, soll mich vertrösten.

Für mich bleibt die Herkunft meines Kleides letztlich unklar.

Kleine Schritte auf einem weiten Weg

Beim Blick auf die Modebranche, wird ersichtlich, dass die Textilunternehmen längst unter Zwang stehen, „faire“ Kampagnen ins Leben zu rufen. So erscheint beispielsweise der neue Katalog des schwedischen Konzerns H&M auf Recycling-Papier und auch bei den Textilien wird mehr und mehr auf nachhaltige Materialen zurückgegriffen. Doch das sind nur kleine Schritte. Und ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Verbrauchern, die durch ihr Kaufverhalten den Markt mitbestimmen!

Warum kaufen wir eigentlich so viel?

Durchschnittlich kaufen die Deutschen zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das sind pro Kopf circa zwölf Kilogramm Kleidung jährlich. Damit ist Deutschland zusammen mit den USA und der Schweiz an der Weltspitze des Klamottenkonsums.

Klar, es geht darum, jedem Trend zu folgen. Angetrieben von sozialen Medien, wie Instagram oder den zahlreichen Modeblogs, verbreiten sich die Trends im Eiltempo – und verschwinden ebenso schnell wieder. Um der Nachfrage hinterher zu kommen, bringen große Textilunternehmen, wie H&M oder Zara, im Wochenrhythmus neue Kollektionen auf den Markt.

Das Bedürfnis, jedem Trend zu folgen, hat zur Konsequenz, dass Kurzlebigkeit den Kleiderschrank bestimmt. Doch machen einen die vielen Sachen am Ende glücklicher? Sicher, Mode kann unser Selbstbewusstsein beflügeln.Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt, ist selbstsicherer und strahlt dies meist auch auf Andere aus. Doch machen Kleider wirklich Leute? Fest steht: Leute machen Kleider! Und das leider zumeist für Hungerlöhne unter widrigen Arbeitsbedingungen. Zeit also das Kaufverhalten zumindest zu überdenken…

 

Welche Alternativen gibt es?

Mode sollte nicht zum Wegwerfartikel verkommen. Warum also die Lieblingshose nicht reparieren, wenn eine Naht aufgeht? Oder warum den Pullover, den man nicht mehr mag, nicht einfach tauschen?

Indem man Kleidung auf Online-Plattformen, in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten verkauft, kann aus den Teilen, die ungenutzt im Kleiderschrank liegen, Geld gemacht werden.

Wie können Verbraucher aktiv werden?

Die Clean Clothes Campaign setzt sich seit 1989 für die Rechte der Arbeiter und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie ein. Die Organisation fordert Verbraucher auf, nachzufragen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Textilien hergestellt wurden. Indem Käufer, die Shopkarte“ der Clean Clothes Campaign im Geschäft abgeben, kann das Interesse an fairen Kleidungsstücken signalisiert und somit Druck auf die Modeunternehmen ausgeübt werden.

Welche Textilsiegel gibt es?

Aus welchem Material ist mein Kleidungsstück? Wie wurden die notwendigen Rohstoffe angebaut und verarbeitet?  Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde die Kleidung produziert?

Konsumenten, die auf soziale, ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit der Kleidungsstücke achten wollen, sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. So gibt es eine Reihe von Gütesiegeln, die sich zumeist jedoch nur auf einen Aspekt der Produktion beziehen. Beispielsweise stellen Siegel wie Global Organic Textile Standards (GOTS), EU Ecolabel oder bluesign sicher, dass es sich um kontrollierten ökologischen Anbau handelt und weder Pestizide noch gentechnisch-verarbeitete Pflanzen genutzt wurden. Während das Fair Trade Siegel Baumwolle bezeichnet, die zu fairen Preisen gehandelt wird und somit faire Löhne für Plantagenarbeiter fördert, bietet die Fair Wear Foundation (FWF) ein Zertifikat für soziale gerechte Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Hilfreich, um im Dschungel der Gütesiegel nicht den Überblick zu verlieren, ist der „Label-Check“  der Clean Clothes Campaign sowie der Ratgeber „Textil-Label unter der Detox-Lupe“ von Greenpeace.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Pflanze als Politikum Baumwolle in Usbekistan

Baumwolle ist in Usbekistan allgegenwärtig. Die Pflanze ziert Brunnen, Hochhäuser, Mauern und das Wappen des zentralasiatischen Landes. 3,5 Millionen Tonnen wurden 2011 geerntet, eine Milliarde Dollar verdient der Staat jährlich mit dem Handel der Malvengewächse. Damit gehört Usbekistan zu den größten Baumwollexporteuren der Welt. Doch zu welchem Preis wird dort geerntet?

Baumwolle ist in Usbekistan Staatsangelegenheit. Bauern müssen die Pflanzen zu festgesetzten Kontingenten anbauen und an den Staat verkaufen. Falls sie sich dem widersetzen, droht ihnen der Verlust ihrer Felder, Strafanzeigen und Verurteilungen. Um eine reibungslose und vor allem preisgünstige Ernte zu garantieren, werden jedes Jahr im Herbst Million Usbeken zur Arbeit in den Baumwollfeldern gezwungen. Einberufen werden Staatsangestellte wie Lehrer, Ärzte oder Krankenschwestern. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. In den Krankenhäusern fehlen Chirurgen für lebenswichtige Operationen, Schulen werden geschlossen und öffentliche Aufgaben nicht wahrgenommen.

Stig Tanzmann (links) und Hugh Williamson bei ihrer Präsentation auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2017 (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Vor allem die staatliche Elite profitiert vom Anbau der Baumwolle, sagt Hugh Williamson, Direktor der Abteilung Europa- und Zentralasien bei Human Rights Watch: „Im usbekischen Baumwollgeschäft ist der Staat der mächtigste Akteur. Er hat das System aufgebaut und profitiert davon“.

Lediglich acht Cent verdienen die ArbeiterInnen pro Kilogramm geerntete Baumwolle. „In acht Stunden Arbeit kann man rund 50 bis 60 Kilogramm ernten. Das sind gerade einmal zwei bis drei Dollar pro Tag“, sagt Umida Nayazova vom Usbekischdeutschen Forum für Menschenrechte (UGF). Dieses Geld bleibt jedoch nicht in den Taschen der ArbeiterInnen. Für die Verpflegung während der Ernte müssen sie selbst aufkommen. Die Arbeit auf den Feldern ist außerdem gefährlich. Jährlich fordert die Erntearbeit Todesopfer, wie das UGF auf ihrer Website beschreibt. Unbekannte Chemikalien, prekäre sanitäre Situationen in den Unterbringungen und der Mangel an sauberem Trinkwasser sind einige der Gründe, die das Arbeiten bei der Baumwollernte zur Gefahr machen.

Als Entschädigung erhalten die Zwangsarbeiter umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag./ Quelle: UGF

Bis vor einigen Jahren kam in der usbekischen Baumwollernte auch Kinderarbeit zum Einsatz. Ganze Schulklassen mussten auf den Baumwollfeldern die Erntearbeit verrichten. Erst nach jahrelangem Druck von internationalen Organisationen und Regierungen, stellte die usbekische Regierung die Beschäftigung von Kindern 2012 ein. Laut Niyazova kann von einem Ende der Kinderarbeit jedoch keine Rede sein: „Kinder werden für die Erntearbeit noch immer aus den Schulen geholt“, sagt sie.

Doch wie lässt sich die Situation auf den usbekischen Baumwollfeldern nachhaltig verbessern? Williamson sieht in der Mechanisierung der Ernte eine Chance. Durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen müssten weniger Menschen auf den Feldern arbeiten und daher käme es auch zu weniger Zwangsarbeit. Wirklich beenden könne die Situation aber nur die Abschaffung des politischen Systems, das die Zwangsarbeit unterstützt, so Williamson. Stig Tanzmann von Brot für die Welt sieht nicht nur bei der Regierung Handelsbedarf. Für ihn müssen Abnehmerfirmen und Kunden ihr Einkaufsverhalten überdenken. „Als Abnehmer profitieren auch sie vom usbekischen Baumwollsystem“, sagt er. Schlussendlich sind die Konsumenten durch den Kauf von Kleidung aus usbekischer Baumwolle für die Situation vor Ort mitverantwortlich.

 

„Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich.“ Muyassar Turaeva

Muyassar Turaeva wurde in Usbekistan geboren. Während ihrer Schulzeit musste sie mehrmals als Erntehelferin auf usbekischen Baumwollfeldern arbeiten. Im Interview erzählt sie von langen Arbeitstagen, psychologischem Druck und warum Gemüse eine Hoffnung ist.

Frau Turaeva, wann arbeiteten Sie das erste Mal auf einem Baumwollfeld?

Turaeva: Das erste Mal wurde ich 1990 zur Baumwollernte herangezogen. Damals war ich in der neunten Klasse. Bis zur elften Klasse mussten wir jedes Jahr bei der Ernte helfen.

War die Arbeit auf den Baumwollfeldern freiwillig?

Turaeva: Nein, die Schulen wurden während der Erntezeit geschlossen und alle Kinder ab der neunten Klasse mussten bei der Baumwollernte helfen. Im ländlichen Raum wurden auch jüngere Kinder zur Baumwollernte herangezogen.

War es möglich, sich von der Arbeit auf den Baumwollfeldern befreien zu lassen?

Turaeva: Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich. Die einzige Möglichkeit nicht arbeiten zu müssen war ein ärztliches Attest. Befreit wurde man aber nur, wenn eine schwerwiegende Krankheit vorlag. Einige Ärzte verdienten viel Geld mit dem Verkauf von Attesten. Aber selbst wer von der Ernte befreit wurde, musste häufig andere öffentliche Diente vollrichten und zum Beispiel das Schulhaus reinigen. Die Befreiung von der Baumwollernte hatte aber auch Folgen.

Welche Folgen?

Turaeva: Ich erinnere mich noch an das erste Jahr Baumwollernten. Meine Mutter schaffte es, dass ich nicht zur Ernte musste. Die Zeit danach in der Schule war sehr schwierig. Der psychologische Druck war enorm. Die Direktorin beleidigte und erniedrigte mich vor allen anderen Kindern, weil ich nicht bei der Baumwollernte geholfen hatte. Ich wurde in der Schule isoliert, das ganze Schuljahr über war ich traumatisiert. Im folgenden Jahr wollte ich unbedingt mit zur Ernte.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit Baumwolle./ Quelle: UGF

Wann begann die Ernte und wie sah ein Arbeitstag aus?

Turaeva: Die Ernte dauerte vom 4. September bis Mitte November. An Arbeitstagen standen wir um 6.30 Uhr auf. Um acht Uhr mussten wir auf den Feldern sein und bis etwa 17.30 Uhr ernten. Anschließen wurde unsere Baumwolle gewogen und dann begann der Fußmarsch zurück zur Unterkunft, die häufig 40 Minuten weit entfernt war.

Wo waren die SchülerInnen während der Erntezeit untergebracht?

Turaeva: Als Schulkinder waren wir in Theatern, Sporthallen, Schulen oder Kindergärten untergebracht. Später wohnten wir in privaten Häusern. Bauern räumten zwei Zimmer leer, eins für die Jungs, eins für die Mädchen. Die Küche wurde gemeinsam genutzt. Die Unterkünfte waren umsonst, wir erarbeiteten sie uns mit der geernteten Baumwolle.

Gab es eine Mindestmenge an Baumwolle, die geerntet werden musste?

Turaeva: Ja, wir mussten mindestens 60 Kilogramm ernten. Geld bekamen wir nur, wenn wir mehr als die geforderten 60 Kilo ablieferten. Dann gab es umgerechnet 6 Cent. Heute bekommen die Erntehelfer 55 Cent. Das ist immer noch nicht viel, aber wenigstens eine positive Entwicklung.

Seit 2012 ist Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern in Usbekistan verboten. Wie hat sich die Situation seither verändert?

Turaeva: Die Situation hat sich verbessert. Die Baumwollfabrikanten stellen freiwillige Helfer für die Ernte ein. Der Preis pro geerntetes Kilo Baumwolle wurde angehoben. Ich denke, das ist eine gute Entwicklung, um die Zwangsarbeit zu bekämpfen. Außerdem hat die usbekische Regierung die Anbauflächen für Baumwolle reduziert. Es werden mehr Gemüse und Früchte angebaut. Das reduziert nicht nur den Wasserverbrauch, sondern auch die Zwangsarbeit bei der arbeitsintensiven Baumwollernte.

Was kann Deutschland tun, um die Situation der Erntehelfer in Usbekistan zu verbessern?

Turaeva: Deutschland kann technische Hilfe im Agrarbereich leisten und in den Ausbau der Frucht- und Gemüseanbaus investieren. Das hilft der usbekischen Regierung, die Anbauflächen für Baumwolle weiter zu verkleinern. Das hätte nicht nur eine positive Auswirkung auf die Umwelt, sondern würde auch die Menschenrechtsverletzungen bei der Baumwollernte reduzieren.

Vertuschte Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden alle Usbekinnen und Usbeken zur Baumwollernte gezwungen. Freie Berichterstattung über die Missstände ist aufgrund des repressiven Regimes kaum möglich. Nach dem Tod des alten Präsidenten gab es Ausblick auf Besserung – doch zu viele Akteure profitieren von der Zwangsarbeit.

Der ehem. usbekische Präsident Islan Karimov (1938-2016). (Quelle: kremlin.ru, CC 4.0)

Als am 2. September 2016 die Nachricht von Islam Karimovs Tod die Runde machte, herrschte fast so etwas wie Aufbruchstimmung in Usbekistan. Karimov hatte die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien während seiner 25-jährigen Präsidentschaft in eine der schlimmsten Diktaturen weltweit verwandelt. Als das Regime den bisherigen Premierminister Shavkat Mirziyoyev als Nachfolger Karimovs präsentierte, waren die Dissidenten in Land nach anfänglicher Skepsis sogar optimistisch, dass er entscheidende Reformen zur Liberalisierung Usbekistans anstoßen würde.

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 sendete das Regime erste Zeichen der Entspannung. Im November entließ der Staat Samandar Kukanov, einen der weltweit am längsten eingeschlossenen politischen Gefangenen, nach 23 Jahren aus der Haft. Auch nach der formellen Wahl Mirziyoyevs zum Präsidenten signalisierte das Regime den Willen zu Reformen und setzte Anfang 2017 den 18 Jahre lang inhaftierten Journalisten Muhammad Bekschanow auf freien Fuß. Doch hinter der vermeintlichen Entspannung steckte ein anderer Plan: Das Aufpolieren des usbekischen Images in der Welt, um ausländische Investoren anzulocken. Denn unter dem neuen Präsidenten wurde die ökonomische Fortentwicklung zur wichtigsten Priorität in Usbekistan.

„Uzbekistan’s government continued to show a blatant disregard for constitutional provisions, leaving freedom of expression and freedom of the press virtually nonexistent in the country.“

— (Freedom House: Freedom of the Press 2016)

Freiheit der Presse mit Füßen getreten

Schnell stellte sich heraus: Eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation scheint kaum im Interesse des Regimes zu liegen. Diese Erfahrung musste Edda Schlager Ende 2016 machen. Als einzige deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet, reiste sie vor den Präsidentschaftswahlen mit einem Touristenvisum nach Usbekistan, um die Stimmung im Land zu einzufangen. Am 10. November wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und verhört – noch am selben Tag kam sie vor Gericht und wurde aus dem Land geworfen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt.

Edda Schlagers eintägige Verhaftung ist ein beispielhafter Fall, der die Einschränkung der Pressefreiheit in Usbekistan dokumentiert. Auch wenn die usbekische Verfassung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit unterstützt, ist eine freie Berichterstattung aus und in Usbekistan in der Praxis nicht möglich. Polizeikräfte an jeder Ecke bestimmen das Stadtbild in Usbekistan, offen mit einem Mikrofon durch die Straßen zu laufen ist nicht möglich. Wenn Journalisten oder Menschenrechtler doch erwischt werden, so drohen ihnen nicht nur Repressalien in Form von Lizenzentzug oder Jobverlust – auch Folter ist in den usbekischen Gefängnissen an der Tagesordnung.

Das Regime tut alles dafür, seine Bürgerinnen und Bürger nur mit den Informationen der Staats-propaganda zu füttern. Medien müssen sich beim Staat registrieren und erhalten nur in den seltensten Fällen eine Lizenz. Seit der Niederschlagung der Proteste in Andijan 2005 können auch ausländische Journalisten und Medienhäuser ihrer Arbeit kaum noch nachkommen. Darüber hinaus kontrolliert das staatliche Telekom-munikationsunternehmen sämt-liche Internet-Services und blockiert für die Bürgerinnen und Bürger den Zugang zu missliebigen Seiten von Medien oder Menschenrechtsorganisationen. Im Pressefreiheits-Ranking der Nichtregierungs-organisation Freedom House steht Usbekistan auf dem drittletzten Platz – nur Nordkorea und Turkmenistan missachten die Freiheit der Medien noch stärker.

Zwangsarbeit bei der Baumwollernte

Frau bei der Ernte in Usbekistan 2015 (© Simon Buxton/Anti-Slavery)

Aus Sicht des Regimes gibt es genug Gründe, die Arbeit von Journalisten einzuschränken. Jeden Herbst werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zur minimal bezahlten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern einberufen. Während der Ernte verebbt das öffentliche Leben, selbst essenzielle Ein-richtungen wie Krankenhäuser oder Schulen stehen weitgehend still. Für die Regierung ist das ein riesiges Geschäft: Als weltweit fünftgrößter Exporteur von Baumwolle verdient das Regime laut Angaben von Human Rights Watch und dem usbekisch-deutschen Forum für Menschenrechte (UGF) jährlich über eine Milliarde Dollar, die in eine schwarze Staatskasse wandern.

Und so scheint das Regime empfindlich zu reagieren, wenn man ihm mit finanziellen Einbußen droht. Als Human Rights Watch und das UGF 2017 berichteten, dass Weltbank-Projekte im Land in Verbindung mit Zwangsarbeit standen, intervenierte der Chef der Finanzinstitution Jim Yong Kim beim usbekischen Präsident Mirziyoyev. Die Folge: die Situation besserte sich zumindest kurzzeitig – das System der Zwangsarbeit besteht aber weiterhin. So kommt es bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Usbekistan vielleicht auch auf die internationale Gemeinschaft an. Denn der Reformdruck von innen ist nur schwach ausgeprägt. Trotz des Wechsels an der Spitze Usbekistans profitieren zu viele Akteure von diesem auf Ausbeutung und Überwachung basierenden System. Wenn die Menschenrechtslage in Usbekistan nachhaltig verbessert werden soll, kommt es wie im Falle der Weltbank vor allem auf die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsgruppen an. Denn der Tod des Diktators 2016 hat das usbekische Regime nicht grundlegend verändert. Doch der Optimismus von damals scheint noch nicht komplett verflogen: „Es haben sich ein paar Türen geöffnet”, meint Edda Schlager. „Man muss sie nur noch durchqueren.“

„Cotton is mandatory for everyone. The government gave the orders [to pick] and you will not go against those orders. If I refuse, they will fire me… We could lose the bread we eat.“

Lehrer aus dem Turtkul-Distrikt in Karakalpakstan, lt. Human Rights Watch & UGF („We can’t refuse to pick cotton“, 2017)

Ein verkürztes Bild

In Deutschland gibt es kaum Interesse an Usbekistan. Dabei hat das Land in Zentralasien sehr wohl eine Bedeutung für die Bundesrepublik. Ist das Ignoranz oder Unwissen? Eine Spurensuche in Politik und Medien.

Usbekistan gehört zu den Ländern, von denen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich gar kein Bild haben. Wer sich etwas auskennt, denkt vielleicht an den austrocknenden Aralsee, oder weiß, dass in Usbekistan einst die Seidenstraße verlief. Aber egal ob Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan: Länder mit der Endung „-stan” bilden aus deutscher Sicht einen ziemlich weißen Fleck auf der Landkarte. Stellvertretend für die gesamte Region Zentralasien liegt Usbekistan so weit abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung, dass selbst eine Google-Suche nach dem Land in etwa so viele Ergebnisse liefert, wie die Suche nach einer beliebigen deutschen Kleinstadt.

Dabei ist es nicht so, dass in dem Land nichts Interessantes passieren würde. Als Teil der Sowjetunion wurde Usbekistan einst eine wichtige Rolle zugewiesen: der Baumwollanbau für das ganze Reich. Trotz der schwierigen Bedingungen in dem von Wüsten geprägten Land, ist Usbekistan bis heute einer der weltweit größten Exporteure für Baumwolle.

Obwohl sich usbekische Baumwolle in den allermeisten deutschen Kleiderschränken finden dürfte, ist wohl den wenigsten bekannt, dass diese Baumwolle jedes Jahr von tausenden usbekischen Zwangsarbeitern geerntet wird. Egal ob Lehrer, Anwälte, Ärzte, Senioren, oder (zumindest offiziell) bis vor kurzem auch Kinder: Jeden Herbst müssen unzählige Usbeken ihre Heimat und Arbeitsstellen für die Ernte verlassen, um unter schweren Bedingungen und hohem Druck Baumwolle für das Vaterland zu ernten.

“Etwas besser als Nordkorea”

Für die Repressivität des Staates gibt es für die usbekische Menschenrechts-Aktivistin Umida Niyazova nur wenige vergleichbare Länder auf der Welt: „Usbekistan ist der klassische autoritäre Staat. Etwas besser als Nordkorea, aber schlechter als die Türkei oder Russland.” Anders als bei diesen Ländern gibt es allerdings in Deutschland und anderswo kaum Aufmerksamkeit für die Situation in Usbekistan. Schließlich droht hier niemand mit Atombomben und im Vergleich zu Ländern wie Afghanistan oder Pakistan wirkt Usbekistan von außen ruhig und stabil.

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Grund für die prekäre Menschenrechtssituation und Isolation in Usbekistan war lange der autoritäre Staatspräsident Islom Karimov, der schon zu Sowjetzeiten in der Führung des Landes war und seit der Unabhängigkeit 25 Jahre bis zu seinem Tod 2016 regierte. Unter ihm wurden unzählige Menschen gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und die usbekische Presse unterdrückt. Einen traurigen Höhepunkt fand die Härte im Umgang mit unbequemen Kritikern 2005 bei dem Massaker in Andischan. Das usbekische Militär tötete damals hunderte unbewaffnete Menschen bei einer Protestdemonstration. Ein Ereignis, das bis heute weder auf Europäischer Ebene noch von der deutschen oder US-amerikanischen Regierung öffentlich thematisiert wird.

Dabei hätte gerade Deutschland gute Möglichkeiten durch öffentliche Kritik etwas zu bewirken. Und zwar nicht nur, was die weltweite Aufmerksamkeit angeht, meint die Vorsitzende des Usbekisch-Deutschen Forums für Menschenrechte Umida Niyazova. Deutschland hat gute Beziehungen zu Usbekistan und wird – anders als Amerika – innerhalb des Landes ernst genommen.

Deutschland nutzt seinen Einfluss nicht

Schließlich halfen deutsche Bemühungen auch Umida Niyazova selbst, als sie 2007 in Usbekistan wegen ihrer Arbeit als Menschenrechts-Aktivistin und Journalistin zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach wenigen Wochen wurde sie freigelassen und konnte Asyl in Deutschland beantragen. Obwohl sie für diese Bemühungen dankbar ist, kritisiert Niyazova: „In Sachen Menschenrechtsverletzungen macht Deutschland keinen Gebrauch von seinem Einfluss in der Region. Es gibt fast keine öffentliche Kritik”.

Sie vermutet, dass die Bundesregierung versucht, die konstruktiven Gespräche aufrechtzuerhalten, um so hinter verschlossenen Türen in Fällen wie ihren eingreifen zu können. Doch ändern wird sich auf diese Weise wohl nichts, meint Niyazova. „Das wurde viele Jahre versucht. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ein wenig kritischer sein”. Denn obwohl der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev zuletzt Hoffnungen auf einen politischen Wandel weckte, lassen jüngste Verhaftungen von Journalisten und Homosexuellen Zweifel an einer Verbesserung der Menschenrechte in Usbekistan aufkommen.

Desinteresse in deutschen Medienhäusern

Aber Usbekistan wird nicht nur auf politischer Ebene vernachlässigt. Auch in den deutschen Medien ist das Land unterrepräsentiert. Aktuell gibt es genau eine freie deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet. Edda Schlager ist eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer sehr direkten Art. Genau diese Art braucht die Quereinsteigerin für ihren Job. Edda Schlager schlägt sich mittlerweile seit zwölf Jahren durch die Länder mit dem „– stan” am Ende und ist dabei zum großen Teil auf sich selbst gestellt. Bevor sie in die Gegend reiste und begann dort zu leben, hatte auch sie wenig Ahnung, was sie erwarten würde. „Ich wusste nicht mal, wo Usbekistan liegt, bevor ich hinging.“ Es war jedoch nicht nur Neugierde, die sie in die Ferne trieb, auch ein wenig Pragmatismus steckte dahinter. Zu Beginn dachte Edda Schlager, es wäre sicher ein Leichtes Themen aus Zentralasien an deutschsprachige Medien zu verkaufen, da es hier doch kaum freie Korrespondenten gäbe.

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Doch relativ schnell erkannte die Journalistin, dass ihre Vorstellung nicht der Realität entsprach. Das Interesse an Themen aus Usbekistan geht in deutschen Redaktionen gegen Null. Edda Schlager steht zwar in gutem Kontakt mit vielen Zeitungsredaktionen, doch oftmals gibt es auf ihre Vorschläge wenig positive Reaktion. „Wenn ich dann einmal ein Thema durch gekriegt habe, dann weiß ich, dass ich die nächsten drei Monaten mich nicht mehr melden muss.“

Im Schatten von Russland und der Ukraine

Natürlich haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten Zentralasien durch Korrespondenten abgedeckt. Sie arbeiten kaum mit freien Journalisten zusammen. Doch die Korrespondenten der ARD und des ZDF finden wenig Zeit für Themen aus Usbekistan und seinen Nachbarländern. Sie haben ihren Hauptsitz in Moskau und sind für Russland, die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldawien und ganz Zentralasien zuständig. Bei einem Team von drei Leuten im Fernseh-Korrespondenzbüro der ARD, bleiben da zahlreiche Themen auf der Strecke. Dessen ist sich auch Golineh Atai bewusst, die seit fünf Jahren in dem ARD-Büro arbeitet: „Gerade in den Krisenjahren von 2013 bis 2016 ist vieles vernachlässigt worden. Da haben wir fast ausschließlich über Russland und die Ukraine berichtet.“ Auch aktuell steht Zentralasien nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste. Viele gesellschaftliche Themen aus Russland werden nun von der Redaktion aufgearbeitet. Beispielsweise der Alltag von Frauen im Land oder die Surfkultur an den Stränden. Der Reiz ist groß für deutsche Redaktionen über Russland zu berichten.

Golineh Atai und ihre Kollegen würden jedoch auch gerne mehr Berichterstattung zu Themen aus Zentralasien machen. Ereignisse wie Wahlen in Kirgistan schreiben sie immer in ihren Wochenausblick, der an die Redaktionen in Deutschland geht. Doch sie haben ähnliche Probleme wie Edda Schlager. Themen aus Zentralasien sind kaum gewünscht. „Für unsere Kollegen in Deutschland ist das terra incognita.“ Golineh Atai beschreibt, dass die Redakteure kaum wissen, welche Bedeutung die Länder für Deutschland haben.

Die ARD-Korrespondenten in Moskau waren zuletzt vor zwölf Jahren in Usbekistan selbst. Dabei spielt jedoch nicht nur das geringe Interesse deutscher Redaktionen eine Rolle, sondern auch die repressive Politik der usbekischen Regierung. Nach dem Massaker in Andischan wurden kaum noch ausländische Journalisten in das Land gelassen. Zu groß war die Angst, dass diese etwas über die Hintergründe ermitteln könnten. Die Auflagen waren streng und sind es immer noch.

Eine bessere Zukunft in Sicht?

Erst diesen Sommer wollte Golineh Atai mit einem Fernsehteam nach Usbekistan reisen, um einen Beitrag über Land- und Wasserwirtschaft dort zu berichten. Sie hatten viel Geld und Zeit investiert und es schließlich auch geschafft ein Visum zu bekommen. Dennoch wurde die Reise letztendlich abgesagt. „Die Befürchtungen waren einfach zu groß, dass wir vor Ort nicht viel machen können.“ Im nächsten Jahr soll nun ein weiterer Anlauf gestartet werden. Hier wird ein weiterer großer Punkt, warum die Berichterstattung aus Usbekistan so schwierig ist, klar. Die Planungsunsicherheit ist sowohl für freie Journalisten wie Edda Schlager, als auch Korrespondenten wie Golineh Atai ein Problem.

Beide Journalistinnen würden sich jedoch mehr Aufmerksamkeit und Engagement für Usbekistan wünschen. „Usbekistan hat sehr wohl eine Bedeutung für Deutschland“, sagt Golineh Atai. „Besonders in der Wasser-Diplomatie, aber auch Extremismus, der in Zentralasien entsteht, könnte die nächsten Jahre noch ein großes Thema werden.“ Umida Niyazova hat noch ein anderes Anliegen. Sie möchte ein breiteres Bild mit mehr gesellschaftlichen Themen aus ihrem Heimatland, wie beispielsweise der häufig vorkommenden häuslichen Gewalt. So würde eventuell nicht nur das Interesse bei den deutschen Bürgern, sondern ebenso in der deutschen Politik wachsen. Auch Edda Schlager hofft auf mehr Vielfalt bei den Themen aus Usbekistan in deutschen Medien. „Es ist kein falsches Bild von Usbekistan in den deutschen Medien, aber ein verkürztes.“

Wenn Secondhandkleidung das Überleben sichert "Ich war schockiert, dass es in Deutschland Secondhandkleidung gibt" - So erlebt eine geflohene Journalistin den Nachhaltigkeitsgedanken in Deutschland

Was in Deutschland zurzeit als Zeichen von Nachhaltigkeit der Trend unter „Hipstern“ ist, ist für die Menschen in Uganda der normalste Weg, um in den Besitz von Textilien zu gelangen: Secondhandkleidung. Das galt auch für Lillian Ikulumet, 36, die in Uganda geboren und aufgewachsen ist. 2011 kam sie nach Deutschland – und wurde überrascht.

Wie denken die Menschen in Uganda über die importierte Secondhandkleidung aus Europa?

Lillian Ikulumet: In Uganda denken die Menschen nicht an den Hintergrund der Mode. Das hat einen ganz einfachen Grund: Dort ist es wichtig, überhaupt genug Geld zusammen zu bekommen, um angezogen zu sein. Weil die meisten Menschen in Uganda sehr arm sind, ist es ganz normal, so günstig wie möglich auf Flohmärkten einzukaufen. Dass die Kleidungsstücke aus Deutschland oder anderen Ländern kommen, ist den Menschen bewusst. Wenn sich die Gedanken aber ausschließlich darum drehen, dass die Kinder genug Kleidung zum Anziehen haben, interessiert es erst einmal nicht, woher die Textilien kommen oder geschweige denn, wo sie produziert wurden.

Ist Nachhaltige Mode ein Thema in den Medien Ugandas?

Lillian Ikulumet: Auch in den Medien wird wenig darüber berichtet, wo die Kleidung herkommt, in welchen Fabriken sie produziert wurde oder wie hoch eine Person entlohnt wird, die in den Fabriken arbeitet. Das wird sicherlich auch so bleiben, solange es darum geht, überhaupt bekleidet zu sein. Eher wird ab und an darüber berichtet, inwieweit der Anbau von Baumwolle eine Auswirkung auf die Umwelt hat.

 

„In Uganda geht es darum, überhaupt                                             genügend Kleidung zum Anziehen zu haben“

 

Wie war Ihr erster Eindruck über die Mode in Deutschland?

Lillian Ikulumet: Als ich in Deutschland angekommen bin, war ich zunächst schockiert darüber, dass es auch hier Secondhandkleidung und Flohmärkte gibt. Ich dachte immer, dass sich in einem so wohlhabenden Land jeder Mensch Kleidung aus erster Hand kauft. Es war unglaublich für mich, dass Menschen über die Produktion der Textilien nachdenken und sich deshalb Kleidung aus zweiter Hand kaufen.

Was für einen Eindruck hat die Bildkorrekturen-Konferenz bei Ihnen hinterlassen?

Lillian Ikulumet: Die Konferenz hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich frage mich zum Beispiel, woher wohl die Kleidung kommt, die ich gerade trage. Kommt sie aus China, Bangladesch, Deutschland oder Amerika? Wo wurden diese Kleidungsstücke genäht? Und woher kommt die Baumwolle, mit der die Kleidung hergestellt wurde? Kommt sie vielleicht aus Uganda, meinem Heimatland?

 

Lillian Ikulumet

Engagement Global/Bodo Tiedemann

Lillian Ikulumet ist Journalistin. Als sie sich 2011 kritisch zu einem Gesetzesentwurf in Uganda äußerte, der vorsah, dass homosexuelle Menschen mit der Todesstrafe bestraft werden sollten, wurde ihr gedroht: „Übergriffe auf Journalisten sind in Uganda keine Seltenheit“, erklärt die 36-jährige. Trotzdem wollte Sie ihre Leidenschaft nicht aufgeben und sah sich deshalb gezwungen, zu fliehen. In Deutschland studierte sie Medien- und Kommunikationsmanagement. Heute arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für die Süddeutsche Zeitung.

„There’s still a chance!“

Human Rights Watch is trying to fight for labor rights in indigent countries, such as Uzbekistan. Hugh Williamson is the director of the Europe and Central Asia division and talked to me about HWR’s aims and how we could help to make a difference.

 

How do you convince people to show more interest concerning sustainability in fashion?

From my point of view, working for Human Rights Organization I would give them examples of where human rights abuses are linked to the fashion industry, such as the forced labor involved in growing cotton in Uzbekistan. I would give them examples and encourage them to think about where their clothes come from and the cotton which is in their clothes.

 

Your aim is to stop hard labor in Uzbekistan on cotton fields.

Yes, that’s one of the focusses on my work to stop forced labor in cotton fields in Uzbekistan.

 

How do you plan on achieving your aim to stop forced labor?

We aim to achieve that by documenting forced labor, for example. We travel to Uzbekistan to find examples of forced labor in the cotton fields. There are many examples of up to 1 million people per year who are involved in being forced to pick cotton. We also write reports about it, drawing it to the attention of the government, international media and other groups and putting pressure on Uzbekistan to stop the system.

 

You had a chance to get an idea of the local situation in Uzbekistan.

Yes, Uzbekistan is a country where Human Rights Watch has been researching abuses for many years and I recently went to Uzbekistan in September.

 

Is there any chance for Uzbekistan to ease their human rights or is that even achievable?

There is a chance. It’s a country with a terrible human rights record but since 2016 there is a new president in the country. He has made some small improvements on human rights. It is still a very repressive government but there are some small changes including the issue of forced labor. This is an opportunity for groups like Human Rights Watch and others to include our campaigning and increase our pressure on the government to try to improve the human rights situation in the country. So yes, there is a chance indeed.

 

What concrete measures can be done to stop forced labor?

You can help raise awareness about the issue. You can do that by getting interested in issues, finding out about the research we’ve done or other groups have done. Share the information on social media with your friends and family. Draw attention to it in society. You can also raise it with politicians. Human Rights Watch raises these issues with the government in the Bundestag. We would look for politicians. You could also join a campaigning organization. They raise these issues with your local politicians or with national politicians to put it on their agenda. Because then they’re more likely to act, if they know their ordinary citizens are also concerned about where their clothes and the cotton comes from. Raise it also in consumer organizations if you are part of a group which is concerned about the fashion industry. Also, raise it among the people who are also concerned and interested in fashion related issues.

Der Preis des „weißen Goldes“ Umida Niyazova lebt mittlerweile seit zehn Jahren in Berlin. Zehn Jahre, in denen sie Usbekistan nicht mehr gesehen hat. In ihrer Heimat hat sich die 42-jährige Journalistin für Bürgerrechte stark gemacht und den staatlichen Baumwollanbau kritisiert. Lehrer, Ärzte, Studenten – Hunderttausende werden alljährlich zum Baumwollpflücken auf die Felder geschickt. Damit sich endlich etwas ändert, führt Niyazova ihren Kampf von Berlin aus weiter.

Im Dezember 2006 wird Umida Niyazovas Laptop bei ihrer Ankunft am Flughafen von Taschkent konfisziert. Die usbekische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin ist auf dem Heimweg von einer Fortbildung in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Auf ihrem Laptop findet die Polizei Recherchematerial zum Andischan-Massaker  sowie einen unfertigen Artikel über die älteste Tochter von Islom Karimov, der Usbekistan von 1991 bis zu seinem Tod im September 2016 mit harter Hand regiert. Der Inhalt von Niyazovas Laptop wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit eingestuft. Sie kommt vor Gericht – Anklage: Propaganda für religiösen Extremismus. Umida Niyazova wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Journalistin und Menschenrechtlerin Umida Niyazova/ Quelle: UGF

Elf Jahre später sitzt die heute 42-Jährige im Konferenzraum der Berliner Zentrale von Human Rights Watch Deutschland, mit Blick auf den Hackeschen Markt. Der Menschenrechtsorganisation habe sie es zu verdanken, dass es ihr damals besser erging als anderen Inhaftierten, von denen viele gefoltert wurden. Aber dank des Einsatzes von Human Rights Watch hätten auch die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union in ihrem Fall Druck auf das usbekische Regime ausgeübt. Niyazova kommt schließlich nach vier Monaten frei. Sie wird jedoch weiterhin überwacht und darf Taschkent nicht verlassen.

Als Niyazova verhaftet wird, ist sie in Usbekistan keine Unbekannte. Seit den späten 1990er Jahren deckt die studierte Elektroingenieurin Korruption und Machtmissbrauch im Umfeld des Langzeitpräsidenten Karimov auf und kämpft gegen die Verletzung von Menschenrechten in ihrem Heimatland – als Journalistin bei Internews sowie als Aktivistin mit den Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Freedom House. Ein Fokus ihrer Arbeit richtet sich dabei auf den staatlich kontrollierten Baumwollanabau. Der Textil-Rohstoff ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Usbekistans, der zentralasiatische Staat der fünftgrößte Baumwollexporteur der Welt. Fast die Hälfte seiner Fläche ist von Baumwollfeldern bedeckt.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit das „weiße Gold“. Ein Drittel von ihnen tut dies unter Zwang: Angestellte des öffentlichen Sektors wie Ärzte und Lehrer sowie bis vor kurzem auch Studenten werden für die Erntearbeit von den Kliniken, Schulen und Universitäten in Bussen zu den Feldern gefahren. Dort pflücken sie zehn Tage oder – im Falle der Studenten – zweieinhalb Monate lang Baumwolle, acht bis zehn Stunden am Tag. Entschädigung: sechs bis acht US-Cents pro Kilogramm Baumwolle, beziehungsweise zwei bis drei Dollar am Tag. Davon müssen sie den Transport, ihr Essen sowie ihre zumeist prekären Unterkünfte bezahlen.

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Die Arbeiter werden in Bussen zu den Baumwollfeldern gefahren. Quelle: UGF

Die Bedeutung der Baumwolle in Usbekistan reicht weit zurück, in die Zeit, als das Land eine Teilrepublik der Sowjetunion war. Seit den 1920er Jahren wurde ihr Anbau systematisch gefördert. Davon zeugt auch der heutige Zustand des Aralsees, den sich Usbekistan mit seinem Nachbarn Kasachstan teilt. Da das Wasser des Sees in Kanälen zu den Baumwollfeldern umgeleitet wurde, ist das einst viertgrößte Binnengewässer der Erde heute in weiten Teilen nur noch eine Salzwüste.

Die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern hat ihre Wurzeln ebenfalls in der sowjetischen Ära. Umida Niyazova erinnert sich noch heute an den Moment, als ihre Mutter, eine Lehrerin, zur Ernte gerufen wurde:

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Umida Niyazova erzählt im Büro von Human Rights Watch von ihrer ersten Erinnerung an die Zwangsarbeit.

Auch Niyazova selbst musste als Studentin Baumwolle pflücken. Doch, sagt sie, zu Sowjetzeiten sei die Arbeit erträglicher gewesen. Die Zwangsarbeiter seien besser bezahlt worden und das zu pflückende Soll pro Arbeiter sei niedriger gewesen. Bis heute bestimmt die usbekische Regierung in einem Jahresplan, wie viel Baumwolle geerntet werden muss. Für 2017 sah sie einen Mindestertrag von 3,5 Millionen Tonnen vor. Diese Landesquote wird auf die Regionen heruntergerechnet. Deren Vorsitzende legen fest, wie viel Baumwolle jede ihnen unterstehende, öffentliche Institution zu ernten hat. Letztere, also beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser, müssen dann anhand der vorgegebenen Quoten bestimmen, wie viele ihrer Angestellten auf die Felder geschickt werden und welchen Ernteertrag jeder Einzelne von ihnen zu erbringen hat. Zu Sowjetzeiten fiel diese Pro-Kopf-Quote geringer aus als heute, da für die Baumwollernte vor allem Maschinen eingesetzt wurden. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans Anfang der 1990er Jahre hat sich das geändert: Heute wird zu 90 Prozent von Hand gepflückt, da die so geerntete Baumwolle von höherer Qualität ist. Denn Maschinen grasen alles ab, auch Ungeziefer und verunreinigte Blüten, während Handpflücker nur das pure, „weiße Gold“ ernten.

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 2007 wird es für Umida Niyazova zunehmend schwierig, ihre Arbeit als Journalistin und Menschenrechtsaktivistin fortzuführen: Sie darf ihre Wohnung zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht verlassen und wird vom usbekischen Geheimdienst noch stärker und offensichtlicher überwacht als zuvor. Wieder erhält sie Hilfe von Human Rights Watch. Am Ende setzt sich die Europäische Union dafür ein, dass Niyazova im Herbst 2008 mit ihrem damals dreijährigen Sohn ausreisen kann. Ihr Ehemann hat das Land bereits früher verlassen. Heute arbeitet er als Journalist für Radio Free Europe in Prag und fährt jedes Wochenende zu seiner Familie nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt arbeitet Umida Niyazova nach ihrer Ankunft zunächst für Human Rights Watch. 2009 gründet sie mit anderen usbekischen Exilanten das Uzbek-German Forum for Human Rights UGF. Von ihrer neuen Heimat aus kämpft sie weiter gegen die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan.

Mit einer weiteren festangestellten Mitarbeiterin sowie Teilzeit-Angestellten koordiniert Umida Niyazova von Berlin aus die Arbeit des UGF. Sie schreibt über die Menschenrechtslage in Usbekistan, arbeitet mit anderen NGOs zusammen und versucht, für ihre Anliegen Gehör bei europäischen Politikern zu finden. In Usbekistan ist für Niyazova und ihr Team ein Netz von Informanten auf den Baumwollfeldern unterwegs. Sie sprechen mit den Zwangsarbeitern und schreiben Berichte über die aktuelle Lage im Land. Mit ihren Informanten kommuniziert Umida Niyazova über geheime Kanäle, zu denen sie nichts Näheres sagen will, um ihre Leute vor Ort nicht zu gefährden. Dank diesen gelangen in Niyazovas Berliner Büro Informationen, welche die immer noch verheerende Menschenrechtssituation in Usbekistan beleuchten. Ein Beispiel dafür ist die Mitschrift der demütigenden Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent, die Radio Free Europe Anfang November zugespielt wurde.

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent/      Quelle: UGF

All dies mag nicht zu aktuellen Bildern aus Usbekistan passen: Im Land herrscht Aufbruchsstimmung. Nach dem Tod Islom Karimovs Ende vergangenen Jahres ist mit Shavkat Mirziyoyev ein neuer Mann an die Spitze Usbekistans getreten. Mirziyoyev war zwar unter Karimov Premierminister und ist genauso Teil der alteingesessenen usbekischen Machtelite wie sein Vorgänger, doch bei vielen im Land weckt er die Hoffnung auf bessere Zeiten. Umida Niyazova bestätigt, dass sich unter Mirziyoyev eine Öffnung des Landes abzeichnet. Aber sie warnt, dass sich diese – ähnlich wie in China oder Russland – auf die wirtschaftliche Liberalisierung beschränken werde und das autoritäre, auf Repression seiner Bürger setzende System erhalten bleibe.

Umida Niyazova bleibt skeptisch, obwohl sie und das Uzbek-German Forum erst kürzlich einen Erfolg im Kampf für die Menschenrechte in Usbekistan verzeichnen konnten. Im Rahmen der UN-Generalversammlung nahm der Präsident der Weltbank, Jim Yong Kim, Shavkat Mirziyoyev zur Seite. Über den Inhalt ihres Gesprächs ist nichts Näheres bekannt, aber kurz darauf kündigte der neue usbekische Staatspräsident an, dass die derzeit rund 200.000 zur Zwangsarbeit verpflichteten Studenten die Baumwollfelder umgehend verlassen dürften. Dass der Weltbank-Chef seinen Einfluss geltend gemacht hat, dürfte nicht zuletzt dem Report zur Zwangsarbeit in Usbekistan geschuldet sein, den das UGF und Human Rights Watch gemeinsam veröffentlicht haben. Darin klagen sie die Weltbank an, in Usbekistan Entwicklungs-Projekte zu finanzieren, die auf Zwangsarbeit setzen.

Trotz dieser anscheinend positiven Entwicklung kann sich Umida Niyazova auch hier nicht richtig freuen, denn die Studenten würden einfach durch andere Zwangsarbeiter ersetzt. Zudem koste es nun mehr, sich von der Feldarbeit frei zu kaufen. Wer keine Zwangsarbeit leisten will oder aufgrund einer Krankheit nicht kann, muss einen Ersatz für sich finden und bezahlen. Andernfalls drohen Sanktionen; beispielsweise werden soziale Leistungen gekürzt. Private Unternehmen sind von der Regierung ebenfalls dazu verpflichtet, Arbeiter für die Baumwollernte anzustellen. Und die Preise für solche Leiharbeiter sind seit Ende September gestiegen, sagt Niyazova: Eine Lehrerin beispielsweise müsse nun nicht nur ihren eigenen Arbeitsausfall, sondern auch den eines Studenten bezahlen.

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Im Herbst auf den Baumwollfeldern Usbekistans. Quelle: UGF

Die aktuelle Situation erinnere sie an 2014, als die usbekische Regierung – ebenfalls unter internationalem Druck – die Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern offiziell abschaffte. Davor mussten auch Kinder ab neun oder zehn Jahren ihren Erntedienst leisten. Doch seit sie davon befreit sind, werden mehr Erwachsene zur Zwangsarbeit verpflichtet, darunter viele Lehrer, die während der Erntezeit an den Schulen fehlen. Und es gebe inzwischen auch Hinweise dafür, dass trotz staatlichen Verbots in gewissen Regionen weiterhin Kinder zur Arbeit auf den Baumwollfeldern gezwungen werden:

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Umida Niyazova erklärt in Berlin, weshalb trotz offiziellen Verbots teilweise immer noch Kinder auf den Feldern arbeiten müssen.

Die Arbeit von Umida Niyazova und des Uzbek-German Forums für die Durchsetzung der Menschenrechte in Usbekistan ist also noch lange nicht beendet. Aber trotz allem schöpft auch sie nach der Intervention der Weltbank Hoffnung, dass grundlegende Veränderungen in ihrem Heimatland möglich sind.

Gerne würde sie nach Usbekistan, zu ihren Eltern und Geschwistern, zurückkehren. Doch Umida Niyazova macht sich wenig Hoffnung, dass das bald möglich sein wird, da sie immer noch als einer der größten Staatsfeinde gelte und erst kürzlich ein mit ihr befreundeter Blogger und ein regimekritischer Schriftsteller verhaftet worden seien.