Vom Analphabetismus zum Bildungsboom? Aufschwung der (digitalen) Bildung in Kenia

Analphabetismus und Bildung in Kenia – Alte Kreiden und überfüllte Klassenräume? Ein genauerer Blick darauf, wie es heute um Schule und Ausbildung in dem afrikanischen Land steht.

Viele von uns checken nach dem Aufstehen als erstes das Smartphone. Was gibt es Neues in der Welt? Hat man eine neue Whatsapp-Nachricht von einem Freund? Fällt die erste Vorlesung vielleicht aus? Welche Busverbindung ist die schnellste wenn es regnet und man nun doch nicht mit dem Fahrrad fahren möchte? Für viele von uns ist das ganz selbstverständlich.

Aber was, wenn man nichts davon verstehen kann?

Die Quote der Analphabeten in Deutschland ist höher als vermutet: Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, die vom Bundeministerium für Bildung und Forschung durchgeführt wurde, sind etwa 14 Prozent der deutschen Bevölkerung sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, dass die schriftsprachliche Kompetenz dieser Erwachsenen niedriger ist, als es minimal erforderlich ist, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Laut derselben Studie betrifft Analphabetismus im engeren Sinne jedoch nur etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung.

Ein Blick auf andere Länder zeigt, vielerorts ist die Lage noch schlechter. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Kenia sind Analphabeten. Unterschiede sind hier auch zwischen den Geschlechtern auszumachen. Im Jahre 2015 wurde festgehalten, dass 74 Prozent der Frauen lesen und schreiben können. Das heißt ein Viertel der weiblichen kenianischen Bevölkerung ist darauf angewiesen, dass ihnen jemand Texte vorliest, oder dass sie ganz einfach ohne Schrift auskommen müssen. Einkaufslisten? Im Gedächtnis. Die Nachrichten? Bekommt man zum Beispiel von den Nachbarn oder aus dem Radio. Das Radio ist aufgrund der in manchen Gebieten wenig ausgebauten Infrastruktur sowieso das wichtigste Informationsinstrument für die kenianische Bevölkerung. Dieses ist auch das einzige Medium, das sich ohne jegliche Schreib- oder Lesekompetenz problemlos nutzen lässt.

Kenia hat dieses Problem jedoch schon erkannt und vor einigen Jahren eine Schulreform durchgeführt, die die Lage bereits deutlich verbessert hat.

Bildungssystem 8-4-4

Seit der Bildungsreform in den 2000er-Jahren steigt die Zahl der Schüler, die im Anschluss an die Schule Universitäten besuchen rasant an und man kann von einem regelrechten „Hochschul-Bildungsboom“ sprechen. Der Aufschwung beginnt in der rechtlich verankerten „freien und umfassenden Grundschulbildung“, die in staatlichen Kindergärten, Vorschulen und Grundschulen umgesetzt werden soll.

Allgemein ist das Bildungssystem in Kenia nach dem 8-4-4 Prinzip aufgebaut: Acht Jahre Grund- bzw. Gesamtschule (Primary School), vier Jahre weiterführende Schule (Secondary School), vier Jahre Universität oder eine andere Hochschule. Die weiterführenden Schulen können dabei staatlich oder privat geführt sein. Eine weitere Möglichkeit bieten Harambee-Schulen, die keinerlei Zuschüsse seitens der Regierung erhalten.

Aufgrund der häufig schlechten Ausstattung der Schulen müssen die Kinder oft auf Privatschulen ausweichen, um qualitativ hochwertige Bildung zu erhalten. Jedoch muss für Privatschulen, weiterführende Schulen sowie Universitäten Schulgeld bezahlt werden. In vielen Fällen sind die Kosten zu hoch und die Kinder werden nur teilweise oder gar nicht zur Schule geschickt. Ein Teufelskreis aus Armut und Analphabetentum kann entstehen.

Trotz der Widrigkeiten gibt es auch Chancen. Dazu soll die Bildungsreform beitragen: Die Primary und Secondary School bietet neben dem üblichen Fächerspektrum auch technische Grundkurse an. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Schüler auch ohne Besuch einer Universität oder Hochschule beruflich weiterbilden können. Allerdings werden erst auf dieser „späten“ Bildungsstufe auch ausführlichere Kurse mit IT-Bezug angeboten. Viele haben demnach vorher kaum Zugriff auf die digitale Welt.

Digitale Schule auf Rädern

Ohne Abschluss hat man in Deutschland kaum Chancen auf gute Jobs. Warum sollte das in Kenia anders sein? –  Um mehr Chancen zu schaffen und allgemein die „digitale Ausbildung“ der Kenianer zu verbessern gibt es die digitale Schule auf Rädern – den Free Digital Education Bus der Craft Silicon Foundation. Da sich viele nicht einmal ein Busticket leisten können, kommt auf diese Weise der Unterricht zu den Schülern und ist kostenfrei. Der Bus ist mit 32 Computern ausgestattet, die mit Solarenergie betrieben werden. Interessierte können hier unter anderem lernen, wie man surft, Tabellen oder Businesspläne erstellt, scannt und druckt. Anfang September 2016 haben bereits etwa 8000 junge Menschen den Computerbus genutzt und so ihre ersten Schritte in die digitale Welt gemacht. Und die Arbeit trägt Früchte, wie man am Beispiel von Ali Noor sieht: Nach sechswöchigem Basis-Kurs in der digitalen Schule auf Rädern und einem anschließendem sechsmonatigen Graphik-Design Kurs, war er in der Lage sich selbstständig zu machen:

„After graduating with web design and graphic design skills, I started my own business of printing T-shirts and designs on coffee mugs, and brochures’’.

Der Free Digital Education Bus: Die Schüler bekommen Hilfestellung, helfen sich gegenseitig und dürfen sich am Ende über ein Zertifikat freuen.

 

Craft Silicon Foundation

Die Craft Silicon Foundation wurde 2009 gegründet und ist eine non-profit Organisation, die dazu beitragen möchte den digital divide zu überbrücken. Dazu bietet sie kostenlose Trainings für die Verbesserung der digitalen Ausbildung der 18-25 Jährigen in Nairobi (hauptsächlich in dem Slums Kawangware, Kibera, Mathare und Waruku) an. Mit dem mobilen Computerbus ermöglicht die Foundation Zugang zum Internet und lehrt allgemein Kompetenzen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik. Außerdem gibt es komplette Kursprogramme, die mit Examen abgeschlossen und zertifiziert werden können.

Mit ihren Aktivitäten möchte die Craft Silicon Foundation die sozio-ökonomische Entwicklung in Kenia vorantreiben.

 

Die Bildungsreform, der damit verbundene Boom und die bisherigen Erfolge des mobilen Computerbusses illustrieren, dass es durchaus einen Ausweg aus dem Teufelskreis Armut und Analphabetentum geben kann und sich Kenia im digitalen Aufschwung befindet.

„Mittendrin statt nur dabei“ Ein Einblick in die Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Live-Berichterstattung

Wie funktioniert Live-Berichterstattung auf Social Media-Kanälen? Was muss wann gepostet werden und wer ist für was zuständig? Bei den Bildkorrekturen hat die Deutsche Welle Akademie diese Aufgaben übernommen.

Bildkorrekturen 2016: Eine Konferenz mit vielen Inputs und Eindrücken, über die es zu berichten lohnt. Berichterstattung war die Aufgabe der teilnehmenden Studierenden – ob vor, während oder nach der Veranstaltung. Die Dozentin der Deutschen Welle Akademie Petra Kohnen, die Trainerin Patricia Noboa und der Student Arnold Cosa erzählen, worauf es bei der Live-Berichterstattung ankam, welche Rahmenbedingungen es gab und welchen Herausforderungen die Studierenden gegenüberstanden.

Post Noboa

Die Bildkorrekturen Konferenz 2016 geht live.

 

#Vorarbeit

„Die Aufgaben wurden im Vorfeld verteilt und mit mir vorbereitet. Wichtig war, dass jeder eine Rolle auf der Konferenz hat“, so Kohnen. Im Rahmen des Moduls Projektmanagement wurde die Konferenz angegangen und vorher erarbeitet, wie die Inhalte aussehen könnten und was bereits vorab gepostet werden kann. Kohnen betont, dass es ein festgelegtes Konzept und eine klare Rollenstruktur gab. Daneben war die Social Media-Vernetzung mit den anderen teilnehmenden Studierenden bereits vor der Konferenz besonders wichtig – gerade beim diesjährigen Thema Digitalisierung.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

 

#Inhalte

Inhaltlich wurden nicht nur die Panels und Keynotes abgedeckt, sondern in Form von „bunten Beiträgen“ auf Facebook vor allem auch das Zusammentreffen mit anderen Studierenden und die Atmosphäre aufgegriffen. Auf der Website kamen die Hauptthemen zur Sprache, dazu wurde getwittert und Bilder auf Instagram gepostet, die Panels im Vorfeld angekündigt und festgehalten, an welchem Punkt des Programms die Teilnehmer gerade waren. Ziel war dabei, möglichst viele Leute auf der Konferenz zu erreichen. Um dies möglichst reibungslos zu gestalten, wurden die Studierenden der DW Akademie in Teams eingeteilt, die jeweils ein Aufgabengebiet zugewiesen bekommen hatten: Webmastering, Fotografie, Live-Videos, Tagesberichte für die Website und Entertainment-Videos. Trainerin Patricia Noboa betont, dass neben der (nüchternen) inhaltlichen Aufarbeitung gerade bei den Videos im Mittelpunkt stand, die „andere Seite“ der Konferenz zu beleuchten: Den menschlichen Teil, das Miteinander und die Emotionen der vielen Studierenden verschiedener Universitäten und Institutionen. Zusätzlich bestand durch die Live-Berichte auch für andere Interessierte, die nicht anwesend sein konnten, die Möglichkeit an der Konferenz indirekt teilzuhaben und so „mittendrin statt nur dabei“ zu sein.

Die andere Seite der Tagung.

 

#Vorgaben und #Ziele

Ein Ziel war es, mit der Berichterstattung eine große Reichweite der Beiträge zu erzielen. Das gelingt digital „eher durch Social Media, nicht so sehr durch Klicks auf der normalen Webseite“ (Petra Kohnen). Auch Kritik war willkommen – sei es über das Essen oder die Lautstärke. Zusätzlich zu den offiziellen Accounts von Bildkorrekturen, sollten auch die privaten genutzt und Retweets erzeugt werden. Grundsätzlich wurde Wert auf gute Bildunterschriften und die Benutzung der vorher festgelegten Hashtags #bildkorr16 und #digidev gelegt. Durch die Hashtags war es auch anderen thematisch Interessierten möglich, an den Diskussionen teilzuhaben. Außerdem sollten in den Posts und Tweets provokante Sätze und Statements der Vortragenden und des Publikums aufgegriffen und zur Diskussion angeregt werden.

Nico Wald twittert über Stereotype in Afrika.

Via Twitter werden Statements zitiert: Nico Wald im Kenia-Panel.

Auch auf Facebook werden Zitate der Vortragenden gepostet.

 

#Herausforderungen

Bei der Online-Berichterstattung ist eine funktionierende Internetverbindung Voraussetzung, was im Konferenzverlauf nicht immer der Fall war. Dazu bestand die Schwierigkeit, gute Filme in kurzer Zeit zu drehen und zu schneiden: „Wenn kein Qualitätsanspruch da wäre, wären die Videos jetzt schon hochgeladen. So dauert es doch ein bisschen länger“ (Arnold Cosa).

#Networking

Trotz der Herausforderungen wurden durch die Online-Live-Berichterstattung besonders die anderen Teilnehmer animiert, in Echtzeit zu posten, zu kommentieren, zu diskutieren und Teil der „bunten Beiträge“ zu sein.

Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel „Top Tweeties“:

1
2
Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel "Top Tweeties".
1

2

Ein Tag im Leben Ein Kenianer auf der Bildkorrekturen Konferenz

Samuel Mwangi als fiktionaler kenianischer Durchschnittsbürger besucht die diesjährige Bildkorrekturen Konferenz und gibt Einblicke in das kenianische Leben mit Bezug zur digitalen Vernetzung.

„WLAN ‚Leipziger‘ – Then continue to browser“

Das liest Samuel Mwangi als erstes, als er am 17. November 2016 den dritten Stock des zeitgenössischen Forums in Leipzig betritt. Er ist hier um die Tagung zum Thema „Bildkorrekturen – Digital Divide“ zu besuchen. In seinem Heimatdorf in Kenia gibt es zwar inzwischen Internet, das auch insgesamt stark im ganzen Land verbreitet ist, aber kostenfreies WLAN gibt es trotzdem nicht so einfach an jeder Ecke.

Samuel sieht im Eingangsbereich direkt viele Menschen, die ihre Smartphones gezückt haben, um diese kostenlos zur Verfügung gestellte Internetverbindung sofort zu nutzen. Samuel kommt aus einem ländlicheren Teil Kenias und besitzt zwar ein Smartphone versucht aber damit möglichst selten ins Internet zu gehen, da dort die Preise dafür noch vergleichsweise astronomisch sind.

Samuel ist schon gespannt auf die erste Bildkorrekturen Keynote. Die ganze Konferenz ist auf Englisch ausgelegt, daher hat er auch keinerlei Probleme dem Programm jeder Zeit zu folgen. In Samuels Heimat ist Englisch eine Amtssprache. Über Übersetzungs- oder Ausdrucksfehler wie sie ab und an auf der Konferenz gemacht werden, kann er daher nur schmunzeln. Zum Beispiel erläutert die Moderatorin der Konferenz, Dr. Julia Schmitt-Thiel bevor die erste Keynote beginnt, einige organisatorische Aspekte. Unter anderem fällt die Devise, „widen your angel of view“. Neben Samuel gibt es noch andere Teilnehmer auf der Konferenz, beispielsweise von der Deutschen Welle Akademie, deren Amtssprache im jeweiligen Heimatland ebenfalls Englisch ist. Daher wird der kleine Fehler bald verbessert.

Zusätzlich dazu wird von Schmitt-Thiel auch die Socialmedia Seite der Konferenz vorgestellt. Es gibt mehrere Hashtags für die Konferenz (#digidev und #bildkorr16) und es wurden auch extra Accounts auf allen gängigen Social Media Plattformen angelegt. Samuel findet es interessant, dass auf Instagram und Twitter extra Accounts angelegt wurden. Denn er persönlich hat weder Twitter noch Instagram.

Die junge Frau, die die erste Keynote hält, Julia Manske, ist älter als er, so wie es fast alle auf der Tagung sind. Samuel ist gerade mal 19. Manske hält einen sehr spannenden Vortrag und spricht viele Punkte an, denen Samuel nur zustimmen kann. Dass es durch M-Pesa beispielsweise viel sicherer für Schulkinder geworden ist, da sie ihre Schulgebühren nicht mehr persönlich an einem bestimmten allseits bekannten Tag mit in ihre Schule bringen müssen. Oder aber, dass der Zugang zu Mobilfunk in Kenia inzwischen sehr gut ist, die Preise für eine Internetverbindung dennoch weiterhin zu teuer sind.

Danach gibt es eine kleine Pause bevor es mit der zweiten Grundsatzrede weitergeht. Ein sogenanntes World Cafe findet statt. Dabei sollen sich die Teilnehmer der Konferenz kennenlernen können, während eine Frage zum Thema „digital divide“ diskutiert wird. Samuel stellt sich an einen der Tische und hört sich die Diskussion zu der Frage „How often do you upgrade your gadgets?“ an. Insgesamt sind sich alle einig, niemand muss sofort das neuste vom neusten haben. Samuel passt also mit seinem nicht gerade brandneuen Smartphone fast schon sehr gut zum Rest der Diskussionsrunde.

Nach dieser kurzen Verschnaufpause spricht Eric Chinje. Er ist in Kamerun geboren und schon seit vielen Jahren im Bereich Medien in ganz Afrika tätig. Außerdem ist er der CEO der African Media Initiative. Chinje überrascht Samuel und den Rest seiner Zuhörer und improvisiert einfach mal eben aus dem Ärmel geschüttelt seinen Vortrag, nachdem seine Notizen sich auf seinem Tablet nicht öffnen lassen.

Ein Tablet hat Samuel nicht, aber er findet, dass Chinje mit einem guten Beispiel vorangeht und zeigt, dass es auch ohne funktionieren kann. Trotz dieser Rückkehr ins Analogzeitalter, geht immer noch vieles Digitale im Hintergrund von statten. Auf Instagram und Twitter werden Chinje und seine Keynote noch während des Haltens mehrmals verlinkt und erwähnt. Samuel überlegt sich deshalb ob es nicht doch langsam Zeit wird sich einen Twitteraccount zuzulegen.

Danach machen sich die Konferenzteilnehmer gesammelt auf den Weg zum Leipziger Rathaus. Dort gibt es eine Podiumsdiskussion, die unglücklicherweise für Samuel auf Deutsch gehalten wird. Jedoch wird auch eine Simultanübersetzung für die Englischsprechenden Konferenzteilnehmer angeboten, so dass Samuel die Diskussion trotzdem verfolgen kann.

Es geschieht während der Diskussion wie auch den Rest der Konferenz über vieles gleichzeitig. Einige Studierende der Deutsche Welle Akademie streamen die Podiumsdiskussion live auf der Facebook Seite von Bildkorrekturen. Das bekommt Samuel aber nur durch einige andere anwesende Zuhörer mit, da er zwar einen Facebook Account hat, aber mit seinem Handy wegen den entstehenden Kosten nicht darauf zugreifen will.

Der erste Tag der Bildkorrekturen Konferenz neigt sich dem Ende zu. Samuel fand diesen ersten der drei geplanten Tage unglaublich anregend und er konnte viele neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Mit freudiger Erwartung auf die nächsten zwei Tage geht er am Abend in sein Bett und ist sich sicher, dass er noch viele weitere interessante Erlebnisse und Möglichkeiten vor sich hat, sich neues Wissen anzueignen. Vielleicht ist es neben Twitter auch an der Zeit sich einen Instagram Account zu holen um das meiste aus der Konferenz und deren vorbildlicher Social Media Präsenz herauszuholen.

M-Pesa – Kenia als Vorreiter in der Welt der mobilen Zahlungssysteme

Wer hierzulande versucht an der Kasse sein Bier, seine Kaugummis oder sein Duschgel anders als bar zu begleichen, wird dabei zumeist mindestens schief angeschaut. Kleinstbeträge mobil zu bezahlen ist wahrlich nicht üblich; oft können (Kredit-)Kartenzahlungen erst ab einem Mindestbetrag (in der Regel zwischen 5 und 20 Euro) getätigt werden.

Viel moderner, ganz anders und an die digitalisierte Welt angepasster geht es dagegen in Kenia zu. Im südafrikanischen Land können selbst Minibeträge einfach und bargeldlos beglichen werden. Und dazu braucht es nicht einmal ein Konto. Es reicht ein SMS-fähiges Handy. Die Rede ist vom Bezahlsystem M-Pesa, wobei das M für „mobil“ steht und „pesa“ übersetzt aus Swahili so viel wie Bargeld bedeutet.

Unerwarteter Erfolgsschlager seit 2007

Als das Projekt M-Pesa 2007 an den Markt ging, sollte es für das bereitstellende Unternehmen Safaricom zusammen mit Vodafone nach eigener Aussage lediglich ein kleines Zusatzgeschäft werden. Doch es kam anders: Statt der anvisierten 70.000 Kundinnen und Kunden waren es bereits am Ende des ersten Jahres über zwei Millionen.

Heute zählt Safaricom über 24 Millionen M-Pesa-Kunden. 2015 wurden rund 25 Milliarden US-Dollar transferiert. Und dass das Wachstum kein Ende nimmt, lassen die ersten drei Quartale des vergangenen Jahres erahnen, in denen bereits der gleiche Betrag wie im gesamten Jahr zuvor überwiesen wurde.

M-Pesa ist mittlerweile aber nicht nur in Kenia verfügbar, sondern auch in Tansania, Mosambik, Ghana, in der Demokratischen Republik Kongo, in Afghanistan, Indien, Lesotho, Ägypten, Rumänien und Albanien.

Einfacher und unkomplizierter geht’s fast nicht

Doch wie und wieso funktioniert M-Pesa gerade in Kenia so gut? Für die Verwendung des Dienstes bedarf es nicht einmal eines Smartphones, sondern lediglich eines Mobiltelefons. Knapp 96 Prozent der kenianischen Haushalte besitzen ein solches.

Als förderlich für den Erfolg von M-Pesa kann die spärliche Abdeckung des Landes mit nur rund 2700 Geldautomaten angesehen werden. Zudem besitzt ein Großteil der Kenianer kein eigenes Konto. Die Eröffnung eines solchen virtuellen Bezahlkontos ist hingegen kinderleicht. Die Registrierung erfolgt bei einem der 120.000 M-Pesa Agenten im Land, die unter anderem Betreiber von lokalen Tankstellen, Mobilfunkshops, Lebensmittel- oder einfachen Tante-Emma-Läden im eigenen oder nächsten Dorf sein können. Um Agent zu werden, muss man eine Lizenz bei Safaricom für umgerechnet rund 950 Euro erwerben. Nachdem die Registrierung beim Agenten abgeschlossen ist, erhält der Kunde eine SIM-Karte, die M-Pesa-fähig ist, eine Nummer und ein Passwort. Das Konto kann nun bei jedem Agenten mit Bargeld aufgeladen werden.

Der Erfolg M-Pesas beruht aber zweifelsfrei auf der Tatsache, dass viele Kenianer, vornehmlich Männer, weit entfernt von ihrem Heimatdorf und in den Städten arbeiten, gleichzeitig aber Geld an die Ehefrauen, Eltern oder andere Familienmitglieder transferieren müssen. Genau diese Funktion macht M-Pesa für Millionen Bürgerinnen und Bürger Kenias so wertvoll. Das Geldversenden ist nämlich seit der Einführung der Applikation vor zehn Jahren ohne teure und unzuverlässige Umwege über Mittelsmänner möglich. Die hohe Kriminalitäts- und Diebstahlrate in einigen Teilen des Landes und Stadtteilen muss als weiterer Faktor für den Durchbruch M-Pesas und seiner viel sichereren Methode des Geldüberweisens gewertet werden. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände nach den Wahlen 2007 machten eine sichere Art und Weise des Versandes von Geld attraktiv. Gleichzeitig trat damit auch ein gewisser Schneeballeffekt ein: Je mehr Menschen es nutzten, desto mehr Sinn machte es für andere sich dafür zu registrieren.

M-Pesas niederschwellige und anwenderorientierte Konzipierung erfuhr schnell eine hohe Akzeptanz im Alltag und wird heute beinahe überall als Zahlungsmethode akzeptiert, egal ob es sich um Rechnungen von Handwerkern oder Taxifahrern, um das Schulgeld oder die Blumen am Marktstand in Nairobi handelt. Zudem eignet es sich bereits zum Bezahlen von Kleinstbeträgen (umgerechnet ab neun Cent) und ist im Vergleich zu anderen Geldtransferarten kostengünstig: Die Überweisung von beispielsweise 50 Euro (ca. 5300 Kenia-Schilling) an einen anderen M-Pesa-User kostet umgerechnet circa 70 Cent (also 75 Kenia-Schilling).

Hilft Mobile Pay aus Armut herauszukommen?

Eine weitere wichtige Funktion von M-Pesa stellt die unkomplizierte und schnelle Bereitstellung von Mikrokrediten dar. Jede Sekunde soll es durchschnittlich fünf neue Kreditanfragen geben. Über 70.000 Kenianerinnen und Kenianer erhalten so einen Kleinkredit. Für viele davon hätte es wohl ohne M-Pesa keinen Zugang hierfür gegeben.

Eine erst im Dezember letzten Jahres im amerikanischen Science Magazine veröffentlichte Studie untersuchte die Auswirkungen von Mobile Pay auf die Lebensumstände der Menschen am Beispiel Kenias. Die Bezahlungsmethode habe Kenianerinnen und Kenianern geholfen, Finanzen besser zu verwalten, Geld sicher zu verwahren und schnellere, unangreifbare und günstigere Überweisungen tätigen zu können. Vorher dauerten Geldsendungen meist mehrere Tage – wenn sie denn ankamen. Geographische Distanzen spielen seitdem bei finanziellen Transaktionen keine Rolle mehr. Die Studie besagt außerdem, dass es durch mobile Zahlungssysteme in Kenia gelungen sei, dass es 194.000 kenianischer Haushalte (also knapp 2%) gelungen sei, sich über die Armutsgrenze zu wirtschaften. Besonders Frauen hätten davon profitiert: 185.000 Frauen hätten es nämlich dadurch geschafft, geschäftlich aufzusteigen oder in den Einzelhandel zu wechseln und somit einer Hauptbeschäftigung nachgehen zu können.

Lernen von Kenia?

Sicherlich kann M-Pesa nicht die Armut bekämpfen – der Welthungerindex von der Welthungerhilfe weist Kenia nach wie vor Platz 67 von 104 zu (Stand 2015). M-Pesa revolutionierte allerdings nicht nur das Bezahlsystem, sondern auch das Leben vieler Menschen in Kenia (und darüber hinaus).

In Sachen Mobile Pay ist das ostafrikanische Land nachweislich ein Vorreiter und viel weiter als wir es in Deutschland sind. Mobiles Bezahlen mit Handys oder Smartphones spielt bei uns noch keine nennenswerte Rolle. Ob Visa, Apple, Google oder Ebay (mit Paypal) – alle prophezeien sie regelmäßig, dass Mobile Pay auch nach Europa kommt: Allein, es sind andere Länder, allen voran Kenia, die hier Maßstäbe setzen. Und M-Pesa wird wohl nicht die einzige Innovation sein, die aus dem ostafrikanischen Land heraussticht. Auch im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheit oder Energiewirtschaft macht sich Silicon Savannah auf, die Welt zu revolutionieren – mit Apps wie M-Farm, M-Health, iCow, M-Kopa und Co.

M-Pesa ist dennoch einer der Gründe, die Kenia den Namen Silicon Savannah bescherten. Seit dieser beispiellosen Erfolgsgeschichte schaut nicht nur die Fachwelt im Bereich der Digitalisierung und mobilen Bezahlsysteme auf das ostafrikanische Land.

Kenia am Scheideweg – Demokratie unter Beobachtung

2007 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und im Anschluss bürgerkriegsähnliche Zustände mit tausenden Toten; 2013 Wahlen unter Beobachtung mit knappem Ausgang, aber weitgehender Akzeptanz. Daher lautet wohl die entscheidende Frage für Kenia und seine Demokratie: Was geschieht 2017, wenn im August die nächsten Präsidentschafts- und County-Wahlen anstehen?

Mitte des Jahres 2016 waren die deutschen Medien voll von Berichten über Proteste und (Polizei-)Gewalt in Kenia. Die Auseinandersetzungen führte Raila Odinga, Ex-Ministerpräsident und Oppositionsführer, an. Er prangerte schon zu diesem frühen Zeitpunkt Wahlbetrug an. Seine Kritik entlud sich an der Zusammensetzung der Wahlkommission IEC, die angeblich der regierenden Jubilee Party nahe stehe.

Die Berichte in den hiesigen Medien darüber ebbten allerdings schnell wieder ab. Wo steht Kenia also ein halbes Jahr vor den Wahlen und wie schaut seine demokratische Verfasstheit aus?

Hier lohnt zunächst ein Blick in die jüngere (politische) Vergangenheit:

1963 - 1991

Am 12. Dezember 1961 erlangte Kenia seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Vorangegangen war ein gewaltsamer Freiheitskampf, der mindestens 100.000 Tote forderte. Die Unabhängikeitsbewegung ist eng mit dem Namen Jomo Kenyatta verbunden. Er wurde kurze Zeit später der erste Präsident des Landes.

De facto war Kenia seit jeher ein Einparteienstaat. Die Kenyan National Union (KANU) sollte knapp 40 Jahre die Politik des Landes bestimmen. Sie ist allerdings keine Partei in unserem Sinne: Sie hält keine regelmäßigen Parteiversammlungen ab und ist nur der Exekutive unterstellt.

Auch wenn es eine freie Presse und relativ offene Debatten im Parlament gab, entlud sich die Kritik vor allem an Kenyattas kompromisslosem Umgang mit politischer Gegnerschaft. Oginga Odinga (Vize-Präsident und Generalsekretär der KANU) beispielsweise kritisierte die westliche Einstellung und den Kapitalismus des Landes und gründete eine neue Partei, die Kenya People’s Union (KPU). Diese wurde nach ersten Erfolgen von Kenyatta sofort verboten.

Nach Kenyattas Tod 1978 übernahm verfassungsgemäß Vizepräsident Daniel arap Moi, der Nachfolger Odingas, die Macht. Er bemühte sich zunächst darum, viele der Repressalien Kenyattas rückgängig zu machen, entließ zahlreiche Gefangene und intensivierte die Bemühungen um die Korruptionsbekämpfung. Als Odinga erneut den Versuch einer Parteigründung unternahm, reagierte Moi wie sein Vorgänger und ging noch einen Schritt weiter: Er erließ im Mai 1982 ein Parteienverbot, das Kenia nun auch de iure zu einem Einparteienstaat machte. Vor allem in Folge eines gescheiterten Putschversuches von Luftwaffenoffizieren im August desselben Jahres weitete Moi die Repressionen und Verfolgung politischer Gegner aus. Freie Debatte im Parlament wurde erstickt, es fungierte lediglich noch dazu, Mois Gesetzesvorhaben zu bestätigen. Seine Regierungsweise – und meist auch die Kenyattas – können daher als autokratisch bis diktatorisch bezeichnet werden, beide blieben aber loyal zum Westen.

Ab 1990 führte zunehmender Druck aus dem Ausland (anfangs v.a. Norwegens, dann der USA, Kanadas, Großbritanniens, der Niederlande, Japans und Deutschlands und auch der Weltbank) mit Forderungen nach Beendigung von Korruption und Autokratie dazu, dass die KANU am 3. Dezember 1991 auf einem Sonderparteitag beschloss, das Gesetz zum Einparteienstaat abzuschaffen.

1992 - 2006

Die Hoffnung auf Veränderung und weitere Demokratisierung des Landes keimte auf, als 1992 für die Wahlen wieder mehr als eine Partei zugelassen wurde.

Diese werden allgemein allerdings nicht als frei und fair betrachtet. Vor allem wurde die Wählerregistrierung von der Regierung manipuliert und Gewalt gegen die Opposition verübt. Hinzu kamen parteiische Medien, Unregelmäßigkeiten in Wahllokalen und bei der Stimmenauszählung sowie Wahlgesetze, die Mois Partei und ihn selbst begünstigten. So konnte er seine Präsidentschaft verteidigen. Die Opposition wollte dies noch anfechten, doch das Ausland drängte dazu, die angeheizte Lage nicht weiter zu verschärfen.

In der Folgezeit kam es zur Gründung neuer Parteien: zum Beispiel die FORD-Kenya (Forum for the Restoration of Democracy–Kenya) von Kenneth Matiba und Odinga. Hier führten aber Konflikte zum Auseinanderdriften in FORD-Asili („Wahre Herkunft“) um Matiba und FORD-Kenya um Odinga. Nach dessen Tod 1994 spaltete sich letztere weiter auf. Den Streitereien lag zumeist die ethnische Vielfältigkeit des Landes zugrunde; jede Ethnie beanspruchte die Führung(sposten).  Außerdem gründete sich die Democratic Party of Kenya (DP) um Ex-Vizepräsident und Ex-KANU-Mitglied Mwai Kibaki, welche eher regierungsnah einzustufen ist.

Diese zerstrittene und zersplitterte Opposition ermöglichte die Wiederwahl Mois. Erstmals seit der Kenyatta-Ära gab es nun Kritik im Parlament an Ministerien, Etats und der Arbeit der Regierung ohne danach Repressionen befürchten zu müssen. Das Parlament verharrte dennoch weiterhin in einer schwachen Position gegenüber einem starken Präsidenten. Eine lebendige und engagierte Medienlandschaft und aktive soziale Organisationen sorgten dafür, dass das Regime unter Beobachtung stand.

Eine kurz vor den Wahlen 1997 beschlossene minimale Verfassungsreform wurde nicht mehr gänzlich umgesetzt. Daher war die Wahlkommission sichtlich überfordert und klagte über zu wenig Personal für Durchführung der Wahlen. Die Wählerregistrierung war wieder unfair ausgestaltet, die öffentlich-rechtlichen Medien blieben einseitig, andere Journalisten wurden vielerorts bedroht. Auch hier kann man noch nicht von freien und fairen Wahlen sprechen, auch wenn es merklich zu einer Verbesserung gegenüber den Wahlen davor gekommen war. Moi erhielt rund 40% der Stimmen, Kibaki von der DP kam auf 31%, Raila Odinga (genannt Raila, Sohn Oginga Odingas, trat mit der National Democratic Party (NDP) an, einer Abspaltung der FORD-K) auf knapp 11%. Die KANU erhielt dank eines für sie günstigen Zuschnitts der Wahlbezirke 113 gegenüber 109 Sitzen der Opposition.

Schon 1992 war es infolge der Wahlen zu Ausschreitungen gekommen. Auch 1997 waren sogenannte Ethnic clashes zu konstatieren.

Präsident Moi band Raila und NDP nach den Wahlen in einer Koalition ein – inklusive Ministerposten. Die Folgezeit war geprägt von der Diskussion um eine Verfassungsreform, die aber vor den nächsten Wahlen nicht umgesetzt werden sollte.

2002 fusionierte Railas Partei mit der KANU, dessen Generalsekretär er daraufhin wurde. Für die Wahlen 2003 machte Moi im Alleingang Uhuru Kenyatta, den Sohn Jomo Kenyattas und einen der Vize-Parteivorsitzenden, zum Kandidaten für das Präsidentschaftsamt. Moi durfte nicht mehr kandidieren (seit 1992 ist nur noch eine Wiederwahl des Präsidenten möglich). Deshalb verließen Raila und Moi-Gegner die KANU und gründeten die LDP (Liberal Democratic Party).

Diesmal einigte sich die Opposition auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahlen 2002 und gründete die National Alliance of Kenya (NAK), deren Kandidat Kibaki wurde. Auch die LDP und NAK gingen eine Kooperation ein und bildeten die NARC (National Alliance Rainbow Coalition). Kibaki blieb Kandidat, Wamalwa sollte Vize-Präsident werden und Raila Premierminister, ein Amt, das mit der angestrebten Verfassungsreform wiedereingeführt werden sollte.

Es kam zum Regierungswechsel 2002: Mwai Kibaki holte die absolute Mehrheit mit 62,6% der Stimmen. Die Koalition NARC erhielt 125 Sitze, 64 gingen an KANU. Der Machtwechsel vollzog sich friedlich. Damit gingen 40 Jahre KANU-Herrschaft zu Ende.

Bereits in den ersten 100 Tagen wurden Reformen verabschiedet, zahlreiche Entlassungen von dienstalten Funktionären im Staatsdienst vorgenommen und Korruptionsbekämpfung in Angriff genommen. Die Antikorruptionsbemühungen kamen allerdings aufgrund zahlreicher Skandale um die Minister, die sich selbst beziehungsweise ihre eigenen Firmen mit lukrativen Staatsaufträgen versahen, schnell zum Stocken. Der von der Regierung befürwortete und von Raila und seiner LDP sowie von KANU abgelehnte Verfassungsänderungsentwurf mit einem Premierminister ohne Kompetenzen und einer intendierten Dezentralisierung wurde in einem Referendum 2005 mit knapp 57% der Stimmen abgewiesen. Daraufhin entließ Kibaki sein Kabinett. Die LDP und Raila wurden nun gänzlich ausgeschlossen. Das Kabinett wurde weiter auf 34 Minister und 49 Assistenten aufgebläht, um auch bündnisinterne Kritiker zu beschwichtigen.

Das aus dem Verfassungsreferendum siegreich hervorgegangene Bündnis gründete zunächst die Orange Democratic Movement-Kenya (ODM-K). KANU verließ allerdings das Bündnis schnell, die ODM-Bewegung verblieb unter der Führung Railas. Kibaki trat entgegen älterer Versprechungen für die Wahlen 2007 noch einmal an. Kibakis-Angänger formierten sich hinter NARC-K(enya). NARC-K und KANU bildeten die Party of National Unity (PNU).

Damit waren die Reformvorhaben um eine neue Verfassung vorerst gescheitert und es kam zu keinerlei Änderungen.

Seit 2007

Umfragen sahen vor der Wahl 2007 zunächst Raila und die ODM als klaren Wahlsieger, nachdem auch prominente Minister der Regierung der ODM beigetreten waren. Kibakis Wahlkampf ließ den Vorsprung aber schmelzen. Er ernannte außerdem 19 der 22 Mitglieder der Wahlkommission ohne weitere Absprachen der dafür vorgesehenen interparlamentarischen Parteiengruppe. Zusätzlich setzte er sechs neue Richter zwei Tage vor der Wahl ein, nutzte außerdem Staatsgelder für den eigenen Wahlkampf und verschaffte sich so Vorteile. Die Presse berichtete weitgehend ausgewogen, nur die öffentlich-rechtlichen Medien verblieben regierungsfreundlich beziehungsweise -unterstützend.

Die Wahlkommission war besser vorbereitet als 2002. Die Stimmabgabe selbst erfolgte geregelt. Hoher Andrang sorgte für längere Öffnungszeiten der Wahllokale und dafür, dass sich die Auszählung bis in den nächsten Morgen hineinzog. Die Wahlkommission hielt sich nicht an den abgesprochenen Modus der transparenten Auszählungsmethode. Deshalb bemängelte die Opposition früh Manipulationen. Kibaki wurde als Wahlsieger verkündet und bereits eine Stunde später am 30. Dezember 2007 vereidigt. Die Proteste begannen schon am Vortag der Ergebnisverkündigung, da diese so lange auf sich warten ließ.

Daraufhin brachen Aufstände im ganzen Land los, innerhalb eines Tages mussten über hunderte Tote beklagt werden. Kenia war am Rande eines Bürgerkriegs: Tausende flohen. Es kam zu Ethnic Clashes, Brandschatzungen, Vergewaltigungen von Frauen und Kindern. Die Polizei blieb meist machtlos und ergriff häufig vor Ort Partei für eine von beiden Seiten. Alte Landforderungen und Streitigkeiten brachen wieder offen aus. Insgesamt zählte man über 1100 Tote, 117.000 zerstörte Privatgrundstücke und 350.000 Vertriebene.

Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan vermittelte monatelang zwischen Raila und Kibaki, bis diese sich auf die Bildung einer Regierung unter Kibaki mit ODM-Beteiligung und Raila als Premierminister einigen konnten. Das Kabinett umfasste summa summarum 43 Ministerinnen und Minister und 54 Staatssekretäre.

Die Ursachen für die Ausschreitungen lassen sich durch uralte ungeklärte Landkonflikte, schwache Institutionen, anhaltende ethnische Spannungen und das Machtstreben einzelner Politiker (unter anderem Kibakis) erklären. Auslöser waren Wahlfälschungen, die auf beiden Seiten begangen wurden.

Die große Koalition hielt bis zum Ende der Legislaturperiode, in deren Zentrum nun eine Verfassungsreform stand. Für diese stimmten über 68% der Kenianerinnen und Kenianer in einem Referendum bei einer hohen Wahlbeteiligung von 71%. Hauptaspekte der Reform waren die Stärkung des Parlaments und eine konsequente Dezentralisierung, die Beschneidung der Machtfülle des Präsidenten, bessere Repräsentanz von Frauen, eine Justizreform und eine neue Staatsaufbaustruktur (aus 100 Distrikten wurden 42 Counties, die jeweils einen Vertreter in den neu geschaffenen Senat, die zweite Kammer des Parlaments, entsenden). Das Rechtssystem wurde an das Britische angelehnt. Geprägt ist es aber auch von afrikanischen Traditionen. In islamisch dominierten Gebieten gilt zum Teil auch Schariarecht.

Für die Wahlen 2013 formten Uhuru Kenyatta und William Ruto, mehrfacher Minister unter Kibaki bis dieser ihn 2011 seines Amtes enthob, mit der Jubilee-Koalition ein Bündnis aus TNA (The National Alliance, Kenyattas Partei), URP (United Republican Party, Rutos Party) und der UDF (United Democratic Forum Party). Kenyatta wurde als Präsidentschaftskandidat bestimmt. Auf der anderen Seite formierten sich hinter Spitzenkandidat Raila die “Coalition for Reforms and Democracy“ (CORD) aus ODM, Wiper Party, FORD-K und der Federal Party of Kenya.

2013 waren die ersten Wahlen nach neuer Verfassung. Sie brachten eine historisch hohe Wahlbeteiligung von 86% mit sich. Nur vereinzelt wurden Gewaltausbrüche gemeldet. Hauptsächlich blieb es friedlich im Land. Dennoch kam es zu Problemen: technische Ausfälle der elektronischen Wähleridentifizierung machten den Rückgriff auf manuelle Wahlregister notwendig. Auch die elektronische Übertragung der Ergebnisse funktionierte nicht. So waren schnell Erinnerungen an die Wahl 2007 präsent. Mit nur knapp über 50% wurde Kenyatta zum Wahlsieger ausgerufen, Raila kam auf rund 43%. Eine Klage des Unterlegenen wegen Wahlbetrugs wurde vom Obersten Gericht abgewiesen. Raila akzeptierte das Urteil. Für 2013 gab es wohl mehrere Faktoren, die die Wahl haben friedlich ablaufen lassen: ein neuer Polizeichef, ein anerkannter Oberster Richter, Druck aus dem Ausland und die neue Wahlkommission.

 

Kenia am Scheideweg? – Das Wahljahr 2017

Die Jubilee Allianz ist seit letztem Jahr keine Koalition mehr, sondern eine Partei. Der Zusammenschluss hielt bis heute. Das Gespann Kenyatta/Ruto wird aller Voraussicht nach wieder kandidieren. Auf der anderen Seite schien zunächst der mittlerweile 71-jährige Raila Odinga wohl für die CORD–Koalition um die Macht im Lande ins Rennen geschickt zu werden. Doch inzwischen melden auch der Minderheitsführer im Senat, Moses Wetangula, und der Vizevorsitzende der CORD, Stephen Kalonzo Musyoka, Ansprüche auf eine Kandidatur an.

Schon Mitte des vergangenen Jahres machte die Wahl Schlagzeilen, als es Proteste und Ausschreitungen – angeführt von Raila Odinga– wegen der Zusammensetzung der Wahlkommission gab.

Niko Wald, Podiumsgast des Kenia-Panels der Bildkorrekturen-Tagung, Journalist, Politikwissenschaftler und 2013 als Wahlbeobachter für „Brot für die Welt in Kenia“, möchte kein düsteres Bild über Kenia und die bevorstehenden Wahlen zeichnen: Die Diskussion um die Zusammensetzung der Wahlkommission zeige, „dass die Menschen in Kenia sehr großen Anteil an den Wahlen nähmen, sich um die Abstimmung sorgten und partizipieren wollten. Das sehe ich als positives Zeichen.“ Für Wald ist Kenias starke Zivilgesellschaft eine Stärke: „Nach meiner Erfahrung wollen die Menschen am politischen Prozess teilnehmen und partizipieren. Das zeigte auch die hohe Wahlbeteiligung 2013. Es gibt eine Zivilgesellschaft, die sich stark dafür einsetzt, dass es Wahlen mit einem glaubwürdigen Ergebnis gibt. Das ist schon einmal eine sehr wichtige Voraussetzung.“ Trotzdem stehe das ostafrikanische Land auch vor Schwierigkeiten: „Typisch für einen Staat, der aus der Kolonialisierung hervorgegangen ist – was auch mit einer relativ willkürlichen Grenzziehung verbunden war – ist, dass es zum Beispiel vergleichsweise viele Communities gibt und dass viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Das heißt, es gibt besondere Herausforderungen, wenn es um Nation-Building geht, um Wahlen und um die Frage, was Menschen als glaubwürdiges Ergebnis einer Abstimmung empfinden.“

Auch Wilson Ugangu, ebenfalls Podiumsgast auf der Leipziger Tagung, Dozent und stellvertretender Dekan der Fakultät „Media & Communication Studies“ der Multimedia University of Nairobi, sorgt sich um ein als glaubwürdig empfundenes Ergebnis der Wahlen im August, denn die Ereignisse im letzten Jahr seien keine guten Vorzeichen. „Die Wahlen 2007 sind eine offene Wunde in unserer Geschichte. Es gibt sichtbare Anzeichen dafür, dass auch die Wahlen 2017 umstritten sein werden.“ Damit spielt Ugangu nicht nur auf die Proteste 2016 an, sondern meint auch die aktuelle Debatte um die Wählerregistrierung. Regierung und Opposition hatten sich bereits auf einen Kompromiss geeinigt, doch da die Regierung in letzter Minute noch weitere Änderungen einbrachte, kam es zum Jahreswechsel im Parlament zu heftigen, teils auch körperlichen Auseinandersetzungen. „Im Moment geht es um ein glaubwürdiges System der Abstimmung und der Übermittlung von Ergebnissen, das die Integrität des Wahlprozesses gewährleistet“, sagt Ugangu. „Wenn dies nicht garantiert ist, dann wird das Schreckgespenst der Gewalt allgegenwärtig bleiben.“ Während die Opposition auf ein elektronisches System der Wählerregistrierung und Ergebnisübermittlung insistiert, favorisiert Jubilee ein manuelles System. Diese wurden in der Vergangenheit allerdings bereits zu Manipulationen genutzt. Ugangu betont: „Die kenianische Öffentlichkeit erwartet jedoch ein Wahlsystem, das dafür sorgt, dass diejenigen, die verlieren, das auf faire Art und Weise tun, ebenso wie diejenigen, die gewinnen.“ Die Vergangenheit habe gezeigt, dass gerade die Manipulationsanfälligkeit zu Gewalt geführt habe. Die politischen Lager müssen also dringend zu einer parteiübergreifenden Lösung kommen. Nur so können die Hoffnungen auf friedliche Wahlen im August dieses Jahres verwirklicht werden.

An gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie vor 10 Jahren, könnte die Demokratie des Landes und Kenia selbst zerbrechen. Im Moment scheint sie auf wackeligen Beinen zu stehen.

 

Kriege, Krisen, Krankheiten? Taucht Afrika in europäischen Medien auf, handelt es sich meist um Negativ-Nachrichten. So vermitteln einseitige, oft fehlerhafte Darstellungen ein verzerrtes Bild des schwarzen Kontinents. Umgekehrt weist die Berichterstattung afrikanischer Medien über Deutschland und benachbarte Länder große Mängel auf. Das Projekt „Journalism in a Global Context“ soll dies zukünftig verbessern.

Die Idee ist einfach: Afrikanische und deutsche Journalismus-Institute sollen miteinander vernetzt werden, um den Austausch zwischen Afrika und Europa zu fördern. Auf deutscher Seite beteiligen sich das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund und das Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Zusammen mit dem Verein Africa Positive planen sie eine webbasierte Plattform.Dort sollen afrikanische und deutsche Nachwuchsjournalisten gemeinsam an Beiträgen arbeiten, die sich vor allem mit der Situation von Migranten auf dem Weg nach Europa und der Lebensrealität in Deutschland beschäftigen. Dies geschieht im Rahmen universitärer Kurse. Indem die Studierenden unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, wird der Blick über den Tellerrand und damit eine professionelle Auslandsberichterstattung gefördert. Zudem soll die Plattform die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre unterstützen.

Medien bedienen Stereotype

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird das Informationsdefizit über afrikanische Länder besonders deutlich. Europäische Medien fokussieren vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf das Inland und die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union. Fluchtursachen und -motive blenden sie meist aus. „Die Flüchtlingswelle wird mit Hunger und Krieg erklärt. Dabei liegen die Ursachen viel tiefer – korrupte Regierungen, internationale Multis, die die Rohstoffe der afrikanischen Länder ausbeuten, und die globale Waffenindustrie tragen massive Mitverantwortung“, kritisiert Eric Chinje, Präsident der African Media Initiative. Die Medien berichten oftmals vereinfachend – sie bedienen weitverbreitete Stereotype, die den Lesern vertraut sind. Afrika wird meist mit Kriegen, Krisen und Krankheiten in Verbindung gebracht – die Flüchtlingskrise bildet dabei keine Ausnahme.

„Stereotype sind notwendig, um Komplexität zu reduzieren. Nur werden diese in den Medien zu wenig hinterfragt. Es ist einfach, in eingefahrenen Gleisen weiterzufahren. Die Gleise zu verlassen, bedeutet viel Aufwand.“
Markus Behmer, Professor an der Universität Bamberg und Mitbegründer des Projekts

Ferner bleibt die Migration innerhalb des Kontinents weitgehend unbeachtet, denn die meisten Menschen fliehen in angrenzende Nachbarländer. Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen lebten 2014 neun von zehn Flüchtlingen in Entwicklungsländern.

Teil der Problematik ist auch die geringe Zahl westlicher Korrespondenten; so ist häufig nur ein Reporter für 33 afrikanische Länder zuständig.

„Die Afrikaner kennen Afrika nicht“

In Afrika fehlt es bei der Auslandsberichterstattung an einer entsprechenden Ausbildung der Journalisten. Wird über andere Länder informiert, dienen oft internationale Nachrichtenagenturen oder ausländische Fernsehprogramme wie die BBC als Quelle. „Die Afrikaner kennen Afrika nicht. Weniger als ein Prozent der Inhalte thematisiert andere afrikanische Länder”, so Eric Chinje bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Dabei wäre eine intensive Beschäftigung mit den Nachbarländern Voraussetzung für wirtschaftliche Zusammenarbeit und politischen Austausch. Die Defizite in der Berichterstattung sind somit mitverantwortlich, dass innerhalb Afrikas kaum Überlegungen zu Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der Flüchtlingskrise vorhanden sind. Die Artikel der Studierenden beschäftigen sich auch mit diesen Themen. Sie werden einer großen Leserschaft zugänglich gemacht, schließen so Informationslücken in der afrikanischen Bevölkerung und verbessern daher auch die Vernetzung innerhalb des Kontinents.

Falsche Hoffnungen an Europa

Außerdem zeigen viele afrikanische Medien nur Ausschnitte aus der Realität des Lebens in Europa. Da sie ihren journalistischen Aufgaben nicht gerecht werden, haben sich soziale Medien zu einer wichtigen Informationsquelle entwickelt. Bilder von Bekannten, die in Deutschland angekommen sind, ermutigen so den ein oder anderen, selbst zu fliehen. Es entsteht ein Teufelskreis aus mangelhafter Ausbildung, defizitärer Berichterstattung und Flucht. Hier setzt „Journalism in a Global Context“ an mehreren Punkten an: Zum einen thematisieren die Beiträge der Studierenden das Leben in Deutschland und Alternativen zur Flucht; zum anderen fördert das Projekt die journalistische Ausbildung junger Afrikaner, um eine differenziertere Berichterstattung auch langfristig sicherzustellen.

Sklavenarbeit für unseren Fortschritt Die Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ beschäftigt sich mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen, unter denen seltene Erden für Haus- und Heimelektronik gewonnen werden. Regisseur Tilman Achtnich zeigte den Film bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Die anschließende Diskussion sorgte für Aufregung.

Als der Film beginnt, haben wir schon einen langen Tag hinter uns. Wir möchten an den Feierabend denken; stattdessen fragen wir uns nun, wo die Metalle in unserer Elektronik überhaupt herkommen. Doch das ist schnell vergessen. Die Dokumentation nimmt uns mit in die Minen Boliviens und des Kongo. An vielen Stellen wird mit Handkamera gefilmt, sodass man zeitweise das Gefühl hat, selbst im engen Tunnel mit dabei zu sein. Wir hören die Geschichten der Stollenarbeiter, die tagtäglich für unseren Wohlstand schuften. Spätestens als die Bolivianerin Christina aus ihrem Leben erzählt, ist jeder im Saal betroffen.

Seit Napoleon hat sich nicht viel geändert

Die Nachfrage nach billigen Computern oder Handys ist groß – allein wir Deutschen kaufen pro Jahr zwei Millionen Tonnen Elektrogeräte. Doch kaum einer kennt die Kehrseite des technischen Fortschritts. Im Großteil der Geräte stecken Metalle, deren Herkunft kein gewissenhafter Verbraucher gutheißen kann. In Asien, Afrika und Südamerika graben Kleinschürfer Zinn, Wolfram, Tantal und andere Metalle aus der Erde. Rund 100 Millionen Menschen arbeiten in solchen Minen – oft illegal, unkontrolliert und unter unmenschlichen Bedingungen.

Christina Aruquipa zertrümmert Steine auf 4.300 Metern Höhe.

In den Anden Boliviens wird Wolfram gefördert. Auf 4.300 Metern Höhe ist es feucht und kalt. „Wir haben alle Rheuma“, erzählt ein Arbeiter. Weil es so staubig ist, sterben viele an Lungenleiden. Vor allem aber kommt zu wenig Geld bei den Menschen an. Von anständigen Löhnen sind sie weit entfernt. Alternativen gibt es keine – „Wir sind Sklaven unserer Armut“, stellen sie fest. Mutter Christina muss fünf Kinder über die Runden bringen. Sie wünscht sich, dass es ihnen einmal besser ergeht.

Clément Valuna und seine Kollegen holen Gold und andere Metalle aus dem Berg.

Auch in den Goldminen des Kongo ist die Arbeit oft lebensgefährlich. Der Abbau geschieht hier illegal – ohne Recht und Gesetz. Militär, Polizei und Behörden verlangen willkürliche Abgaben. Clement und seine Familie wollen weg, doch sie sind hoch verschuldet. Krieg und Bergbau sind hier eng verwoben: Große Teile des Gewinns aus dem illegalen Schmuggel fließen in die Finanzierung von Soldaten und Waffen. Indem wir das Geschäft mit den Bodenschätzen unterstützen, beteiligen wir uns folglich nicht nur an der Ausbeutung, sondern auch am Bürgerkrieg in vielen zentralafrikanischen Staaten. „Wir alle stehen in der Verantwortung“, so Achtnich nach dem Film.

 „Was kann man tun?“

… lautet die Frage aus dem Publikum. Das lässt sich nicht so einfach beantworten. „Ein Allheilmittel gibt es nicht!“, so der Filmemacher. In Amerika herrschen beispielsweise viel schärfere Gesetze. Jeder Hersteller muss nachweisen, dass keine Konfliktminerale für seine Geräte verwendet werden. Das Gesetz führte jedoch dazu, dass über Nacht die Produktion einbrach und unzählige Menschen ihren Job verloren. Die Folge: Es wurde noch mehr geschmuggelt, der illegale Handel wurde noch befördert.

Deutschland setzt deshalb auf Veränderungen vor Ort. Der Geologe Uwe Näher versucht im Kongo, den Bergbau zu legalisieren und zu verhindern, dass sich die Militärs weiterhin daran bereichern.  Die Mine Kalimbi dient als Pilotprojekt. Das Entwicklungsvorhaben der Bundesrepublik garantiert erstmals Mindeststandards in den Bereichen Sicherheit und Lohn. Bisher stellt fair gehandelte Elektronik jedoch nur eine kleine Nische des Marktes dar. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Fair-Phone. Bezeichnend für den aktuellen Stand: Im Publikum besitzt unter 80 Zuhörer*Innen gerade einmal einer dieses Smartphone.

„Der politische Weg ist eigentlich der Beste, aber darauf können wir lange warten“, schätzt Achtnich die Lage ein. Deshalb könne der Druck nur von den Verbrauchern kommen. Ein Anfang sei, nur alle zwei oder vier Jahre ein neues Handy zu kaufen. Zudem müsse mehr auf Recycling gesetzt werden, anstatt die Metalle billig aus Entwicklungsländern zu beziehen.  „Eine Mine, die nichts absetzt, kann nicht mehr betrieben werden. Dann müssen andere Modelle gefunden werden“. Doch ganz sicher scheint Achtnich selbst nicht zu sein, ob dies der richtige Weg ist. Zumindest ein Punkt steht außer Frage: Irgendwo muss man beginnen.

„Hätte die bolivianische Frau nicht als Identifikationsfigur gereicht?“

Man merkt, dass größtenteils Journalisten im Saal sitzen. Hitzig wird die Diskussion erst, als die Aufmachung des Films zur Debatte steht. Das Publikum hat Einiges zu bemängeln: Die Doku gehe zu wenig auf die politischen Hintergründe ein. Dafür zu viel auf die deutsche Familie, mit der sich die Verbraucher identifizieren sollen. Zu viel Emotionalisierung, zu wenig Information. Das finden aber nicht alle und es wird laut im Saal. Achtnich bleibt gelassen und sieht die Sache realistisch: „Ohne Emotionalisierung und Verbrauchersicht bleibt beim Zuschauer nichts hängen. Die ARD nimmt den Film sonst nicht ab“. Auch als es darum geht, was so eine Doku erreichen kann, macht sich der Journalist nichts vor: Bis auf neue wachsweiche Richtlinien der EU habe sich nicht viel getan.

Eine Sache hat die Reportage jedoch bewirkt: Nach der Ausstrahlung wollten die Zuschauer für Christina in Bolivien spenden. Durch die Unterstützung konnte sie zwei ihrer Kinder zur Schule schicken. Angesichts der Größe des Problems ist das zwar nicht viel, aber dennoch ein Anfang. „Vor jeder Handlung steht erst mal ein Bewusstseinsprozess“, betont Achtnich. Ein Teilnehmer aus dem Publikum bringt es auf den Punkt: „Egal ob der Film gut oder schlecht ist: Es ist wichtig, über das Thema zu sprechen“.

Mutter Christina arbeitet zwölf Stunden täglich in der Wolfram-Mine.

 

Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“

„Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ ist eine 45-minütige Reportage aus dem Jahr 2012. Sie wurde für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ vom SWR produziert und am 10. September 2012 erstmals ausgestrahlt.

Buch und Regie: Tilman Achtnich
Kamera: Wolfgang Breuning | Schnitt: Florian Daferner |
Ton und Musik: Andreas Wetter | Produktion: Andrea Pfleiderer |
Redaktion: Harald Schibani (SWR)

Dr. Tilman Achtnich

Tilman Achtnich ist ein deutscher Journalist. Zunächst studierte er Geologie; 1982 wechselte er in den Hörfunk des SDR, 1985 zum Fernsehen des SDR/SWR. Er ist Autor zahlreicher Features und Dokumentationen in der ARD, den Dritten Programmen und auf Arte. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit den Themen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, z.B. Globalisierung, Zukunftsmedizin und die gesellschaftlichen Folgen. Seine mehr als 60 Dokumentationen wurden vielfach preisgekrönt.

 

Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?

Es gibt eine Menge Computerspiele, die sich mit dem Thema Krieg beschäftigen. Doch This War of Mine sticht ganz klar aus der Masse heraus, weil es eben kein Spiel ist, in dem der Held sich mit einer Maschinenpistole bewaffnet und Schlacht um Schlacht gewinnt. Das PC-Spiel , das am 14. November 2014 von 11 Bit Studios veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Opfern des Krieges. Das einzige Ziel ist es, am nächsten Tag noch am Leben zu sein. Im Verlauf wird der Spieler ständig mit Extremsituationen konfrontiert und stellt sich dabei moralischen Fragen. „Wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Würdest du jemanden töten, wenn du am Verhungern bist?“ sagt Spielentwickler Pavel Miechowski. Es gibt keinen Gewinner, es geht um die pure Vermittlung des alltäglichen Leids.

 

Was kann ein Spiel wie This War of Mine bewirken?

Konflikte im Nahen Osten, wie beispielsweise der Syrien-Krieg, oder aber auch die sogenannte Flüchtlingskrise zeigen, dass das 2014 erschienene Spiel nicht an Aktualität verloren hat. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist es sogar wichtiger denn je, sich zu fragen, wie man selbst in einer Krisensituation handeln würde und wie weit man gehen würde, um sein Leben zu retten. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, ob das Spiel seinen Ansprüchen gerecht wird und ob es wirklich funktioniert, sich auf diese Weise dem Leid in Kriegsgebieten anzunähern. Können Spiele wie „This War of Mine“ einen authentischen Eindruck vom Leid der Menschen vermitteln? Und dürfen sie das? All diese Fragen sollen in Form von kleinen Let’s Plays und mit Hilfe von verschiedenen Experten beleuchtet werden.

 

Wie sieht das Spiel aus?

Das Spiel des polnischen Entwicklerstudios 11-Bit spielt in einem fiktiven Bürgerkrieg, der optisch an den Balkankonflikt erinnert. Wo genau dieser fiktive Krieg stattfindet ist aber nebensächlich.

In „This War of Mine“ steuert man nicht wie in anderen Simulationen Soldaten, sondern eine kleine Gruppeeinfacher Bürger, die versuchen in der vom Krieg verheerten Stadt zu überleben. Dazu suchen sie Nachts in Ruinen und auch bewohnten Gegenden nach Nahrung und anderen Materialien, mit den Sie ihren Unterschlupf aufwerten können. Zum Überleben sind zunächst einfach Dinge überlebenswichtig, wie etwa ein einfacher Herd oder eine Werkbank, um aus dem zerstörten Unterschlupf eine lebenswürdige Behausung zu schaffen. Eine kleine Entfremdung entsteht dabei durch die 2,5 Dimensionen des Spiels, also eine Draufsicht von der Seite mit angedeuteter Tiefe.

Es bleibt dem Spieler überlassen, ob die Figuren moralisch handeln (nur herrenlose Materialien oder Mittel der Armee einsammeln, anderen Leuten helfen, usw.) oder ob sie stehlen oder gar wehrlose Menschen töten. Verwerfliche Taten wie Diebstahl oder Mord aber auch einfach nur Hunger beeinflussen die Psyche der Charaktere. Das kann von Niedergeschlagenheit bis zu lähmenden Depressionen gehen. Im Zuge des Spiels wird der Spieler mit Gräueltaten, also dem Alltag des Krieges konfrontiert: Vergewaltigungen seitens des Militärs, Übergriffe anderer Zivilisten, Menschen die Nahrung oder Medizin brauchen.

Nach dem Ablauf einer zufälligen Zeitspanne gibt es einen Waffenstillstand, der das Spiel beendet. Bis dahin können jedoch mehrere Monate (mehrere reale Tage Spielzeit) vergehen. Meistens müssen sich die Spieler irgendwann der Entscheidung stellen, ob sie zum Wohl ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft anderen schaden oder ihre Charaktere leiden lassen. Nach und nach erfährt man zudem mehr über die Hintergründe der eigenen Charaktere, was die Bindung zwischen Spieler und Figur stärkt und so die Gräuel des Krieges erfahrbar macht.

Die düstere Farbgestaltung der Spielwelt, die elegische Musik sowie der fast permanente sonorisch-dröhnende Hall von Kanonen vergegenwärtigen dem Spieler die Aussichtslosigkeit der Situation.

 

Die Spieler stellen sich vor

Bevor wir angefangen haben, This War of Mine zu spielen, haben wir unsere Erwartungen an das Spiel in kurzen Vorstellungsvideos festgehalten. Unser abschließendes Urteil gibt es ebenfalls in Videoform.

 

Kahwe - konzeptloser Kämpfer

Tag 12: Verluste

Ich startete ziemlich enthusiastisch in das Spiel. Als geübter Spieler bekannter Strategiesimulationen bin ich guter Dinge an die „Arbeit“ gegangen und begann in den ersten Tagen, unserer Behausung auf Vordermann zu bringen. Die jeweiligen Arbeitsprozesse teilte ich nach den Stärken und Schwächen meiner drei Spielhelden ein. Während Katia eine exzellente Händlerin abgab, die unser erbeutetes Gut gewinnbringend verscherbeln konnte, stand der gelernte Koch Bruno meist in der Küche, während Pavle schlief, weil ich ihn nachts regelmäßig auf Beutezug schickte.

Pavle ist für mich ein impulsiver, gutherziger Charakter, der stets versucht Schwächere zu beschützen. Einige Tage zuvor half er einer hilfesuchenden Frau auf der Suche nach ihren Verwandten. Die letzten Vorräte gab er einem hungrigen Kind, das seine kranke Mutter versorgen musste… Wir waren brotlos, aber optimistisch. Pavle erwies sich stets als zuverlässiger Plünderer, der die Leidens-WG am nächsten Tag mit wertvollen Vorräten beglückte.

Der zwölfte Tag begann – wie alle Tage zuvor – aus einer bedrückenden Mischung aus Optimismus und Verzweiflung. Der Supermarkt im Norden der Stadt versprach gute Beute, also entschloss ich mich, Pavle erneut auf nächtlichen Beutezug zu schicken…

Tag 17: Ein jähes Ende?

Nur noch zu zweit kämpften Katia und Bruno im zerbombten Pogoren ums Überleben. Der frühe und überraschende Tod unseres Freundes Pavle brachte das gesamte Versorgungssystem ins Wanken. Seit dem dreizehnten Tag mussten sich Katia und Bruno abwechselnd auf Beutezug begeben, während der/die andere Wache hielt. Schlafmangel, Hunger und Verzweiflung machten sich breit. Während Bruno immer einsilbiger wurde, trauerte Katia nun alleine um Pavle.

Das Duo konzentrierte sich in den nächsten Tagen auf das Wesentlichste. An Verschönerungen oder Verbesserungen am Haus war nicht mehr zu denken. Die Beschaffung von Essbarem um jeden Preis hatte Priorität. Bei einem der Beutezüge verletzte sich Bruno so schwer, dass ich gezwungen war, ihn Medikamente aus dem überfüllten Krankenhaus zu stehlen. Im Nachhinein eine folgenschwere Entscheidung. Ab sofort wurde auf uns geschossen, sobald wir in Sichtweite des städtischen Hospitals auftauchten.

Der verletzte Bruno war keine Hilfe mehr für uns und blieb für die nächsten Tage im Bett. Nur fürs Kochen scheuchte ich ihn hin und wieder auf, damit er aus Katias karger Beute etwas Nahrhaftes zaubern konnte. Als Katia in der 16. Nacht auch noch verletzt wurde, während sie ein Wohnhaus ausraubte und mit leeren Händen nach Hause zurückkehrte, war von meinem anfänglichen Optimismus nichts mehr zu spüren. Katia stand kurz vor dem Hungertod…

Nacht 17: Alle Prinzipien über Bord geworfen

Nachdem Bruno und die völlig erschöpfte Katia die letzten Reserven aufgebraucht haben, hatte ich all meine Vorsätze über Bord geworfen. Vorbei war es mit dem offensiv-impulsiven Spielmodus. Ich wollte nur noch, dass meine beiden Figuren diesen furchtbaren Krieg überleben sollten.

Während Katia ihre Verletzungen auskurierte, schickte ich Bruno los, um lebendig begrabende Menschen aus einem verschütteten Haus zu befreien. War das aus Nächstenliebe? Oder eher die Hoffnung dort etwas Essbares zu finden? Oder wollte ich kurz vor meinem Tod nicht als Krankenhausdieb in Erinnerung bleiben….

Bruno kam mit leeren Händen zurück. Katia lag noch im Bett. Die omnipräsente Verzweiflung machte mir die Entscheidung sehr leicht in das Haus eines alten Ehepaars einzusteigen, um deren Vorräte zu stehlen. Der ultimativen Naturzustand war ausgebrochen…

Sarah - stille Solokämpferin

Tag 1: Das Grau(en) des Krieges

Schon das Startmenü von This War of Mine ist ziemlich beeindruckend. Diese Optik wird sich fortan durch mein Spiel ziehen: Zerbombte Häuser, herumliegende Trümmerteile, Überbleibsel besserer Tage. Obwohl ich die Atmosphäre sehr stark finde, habe ich gleich zu Beginn so meine Probleme mit dem Spiel. Dadurch, dass die Ansicht das komplette Haus zeigt, sind die Charaktere sehr klein und gehen beinahe unter. Mimik, Gestik oder sonst etwas Menschliches, das sie mir ein Stück weit näher bringen könnte, kann ich nicht erkennen. Vielleicht auch nicht unbedingt schlecht, denn so kommt das Grauen des Krieges nicht noch näher an mich als Spieler heran. Und ich kann mich ganz meinem Ziel widmen: Einfach irgendwie überleben, ohne mich zu sehr ins Geschehen hereinziehen zu lassen…

Tag 5: Unverhoffte Hilfe

Bisher bin ich wirklich sehr vorsichtig auf meinen nächtlichen Plünderzügen vorgegangen, weshalb mir in erster Linie Lebensmittel und Medizin fehlen. Meinen ersten Beutezug mit Pavle habe ich abgebrochen, weil in dem Wohnhaus noch zwei Menschen waren und ich nicht riskieren wollte, dass die Situation eskaliert. Nachts wurde mein Unterschlupf bereits mehrfach von Räuberbanden überfallen, da ich keine Vorkehrungen gegen Einbrecher getroffen habe. Am Tag 5 klopft es an meiner Tür. Dieses Mal ist es kein Tauschhändler, der dort steht, sondern mein Nachbar, der mir Hilfe anbietet. Ich bin froh, endlich Nahrungsmittel zu bekommen. Lange hätten meine Leute es auch ohne nicht mehr ausgehalten.

Nacht 5: Plündern oder geplündert werden, das ist hier die Frage

In der fünften Nacht steige ich mit Bruno in ein Reisebüro ein. Dort entdecke ich zum Glück ein paar Lebensmittel, die ich immer noch sehr gut gebrauchen kann. Ich befinde mich gewissermaßen in einer Zwickmühle: Ich muss nächtlich neue Güter heranschaffen, laufe aber parallel Gefahr, dass mein eigener Unterschlupf von anderen Plünderern ausgeraubt wird. Dafür lohnt sich aber der Besuch im Reisebüro und ich nehme einiges mit. Einziges Problem dabei: Bruno wird angegriffen und verletzt, da er zuvor an Privatbesitz gegangen ist.

Tag 14/Nacht 14: Der letzte Überlebende

In den letzten Tagen habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Am Tag 10 hat es an meiner Tür geklopft und meine Nachbarn haben mich um Hilfe gebeten. Obwohl sie mich zuvor selbst unterstützt hatten, musste ich sie zurückweisen. Bruno hat sich bei dem Angriff im Reisebüro nämlich doch schwerer verletzt als angenommen. In der Nacht 12 ist er an seinen Verletzungen gestorben, da mein Medizin-Vorrat zu klein war.  Auch Marko hat es in der Nacht 13 erwischt, sodass ich mich ab Tag 14 mit Pavle als Einzelkämpfer durchschlage. Das Traurige daran: Alles funktioniert besser als zuvor mit drei Charakteren.

Tag 23: Versagt

Eigentlich war es bis zum Ende hin ein Leichtes, sich allein durchzuschlagen. Die Plünderzüge in der Nacht waren gefühlt erfolgreicher, da das gefundene Essen nur noch für Pavle benötigt wurde. Das einzige Problem bestand darin, dass er tagsüber Schlaf nachholen musste und deshalb weniger im Unterschlupf bauen konnte. Jegliches Klopfen an der Tür habe ich aus dem Grund auch ignoriert. Am Tag 22 konnte ich Pavle nicht mehr steuern, da er am Boden zerstört gewesen ist. Die Plünderzüge und der nicht aufhören wollende Krieg haben ihm zu stark zugesetzt. Einen Tag später erhängt er sich…

Elena - ehrgeizige Erntediebin

Nacht 4: Gold verliert schnell seinen Glanz

Heute Nacht muss ich Zlata raus schicken, Pavle ist etwas angeschlagen. Er muss sich ausruhen. Zlata kann zumindest genauso viel tragen, wie er. Anton und Cveta halten Wache, Pavle braucht Schlaf. Gut, dass sie zumindest Betten haben.

Sie brauchen Essen, da wird es nötig sein, in die Autowerkstatt zu gehen. Pavle war schon mal dort. Da lebt noch ein junger Mann mit seinem kranken Vater. Er ist bereit gewisse Sachen für Medikamente zu tauschen. Aber ich habe gerade keine Medikamente da. Ich lasse Zlata einpaar Heilpflanzen mitnehmen, vielleicht kann sie dafür etwas zum Essen bekommen.

Sie ist kein Kämpfer, aber alles lasse ich auch nicht mit ihr machen. Für die Heilpflanzen will der junge Mann nicht mal eine Konserve Essen rausrücken. Und selbst die Waffenteile, die ich ihm für die Kräuter abgenommen habe, hat er nur begrenzt rausgerückt. Ich hätte drei Waffenteile gebraucht. Bekommen habe ich aber nur zwei. Damit kann ich zwar nicht viel basteln, aber es ist ein Anfang. Vielleicht finde ich bei einem nächsten Beutegang noch einpaar, mit denen ich dann endlich eine ordentliche Waffe bauen kann.

Der Vater ist etwas aggressiv geworden, da habe ich Zlata auf sie losgehen lassen, weil ich nicht wusste, was ich erwarten sollte. Dass der Bursche aber eine Pistole zieht, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist Zlata tot – er hat sie erschossen, als sie anfing, auf ihn einzuprügeln.

Das heißt, dass ich mich von nun an nur auf Pavle für die nächtlichen Beutezüge beschränken muss. Ich kann mir vorstellen, dass Cveta und Anton anfälliger für Krankheiten und Verletzungen sind, weil sie älter sind. Und außerdem haben sie ein kleineres Inventar als Pavle.

Tag 5: Die Gründe für Depression kann man an den Fingern einer Hand abzählen…

Oder eben nicht! Zlatas Tod macht den anderen Figuren etwas zu schaffen. Sie sind nun nicht nur traurig, sondern auch depressiv. Sie haben das Bedürfnis zu reden, was einen relativ großen Zeitraum am Tag einnimmt. Die kleinen Aufgaben, die sie im Haus haben, wie Brennmaterial oder Wasserfilter herstellen oder gar etwas bauen, dauern jetzt länger als vorgesehen, da sie mitten im Prozess aufhören, um aufgebend den Kopf zu schütteln.

Nacht 5: Like a dog without a bone – Gewissenlos für das eigene Wohl

Pavle zieht heute los, Anton und Cveta halten Wache. Es muss Essen beschafft werden. Die sicherste Variante ist das stille Häuschen, wo das ältere Pärchen lebt.

Pavle kann leider keine Rücksicht auf sie nehmen, sonst verhungert er selbst bald. Essen und Medikamente werden eingepackt, egal was der alte Mann sagt, der ihm ständig durchs Haus folgt und hilflos zusehen muss, wie er ausgeraubt wird. Töten muss Pavle ihn nicht, und seine blinde Frau erst recht nicht. Sie haben keine Waffen, können ihm nicht gefährlich werden. Pavle lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl die immer hinter ihm lungernde Gestalt schon etwas aus beunruhigend ist. Trotzdem keinen Grund, um jemanden auf dem Gewissen zu haben.

Tag 6: Dem Gewissen kann selbst Pavle nicht entrinnen

Egal wie schnell er läuft, sein Gewissen hat ihn eingeholt. Er läuft kopfschüttelnd durchs Haus und fragt sich ständig, wie er das tun konnte. Er hat den alten Leuten nichts Essenzielles gelassen – kein Essen, keine Medizin. Er bekommt sie nicht aus dem Kopf: Werden sie es schaffen? Werden sie überleben? Ich habe ihnen alles genommen…

Cveta kocht in der Zwischenzeit etwas…

Nacht 16: Take me to church… Vorsicht geboten!

In der Beschreibung stand: Vorsicht geboten. Also hat Pavle diesmal Gewehr und Messer dabei. Die Kirche ist riesig. Er wird bestimmt auf seiner Suche fündig.

Der Kerl, der hinten in der Ecke sitzt, heißt ihn zwar willkommen, aber ich glaube kaum, dass er noch so freundlich sein wird, wenn Pavle sich an seinem Hab und Gut vergreift. Er muss aus dem Bild geschaffen werden.

Das Messer ist weniger aufsehenerregend, als das Gewehr. Aber dem Typ, der aus dem Keller zur Hilfe eilt, droht ein ähnliches Ende. Der Beutezug müsste nun ohne Probleme verlaufen.

Es gibt noch mehr Leute in der Kirche… drei Frauen stehen genau vor dem, was Pavle braucht. Und weil er schon damit angefangen hat, macht er den Job nun fertig. Er kann nicht so viel tragen und muss also wieder die Kirche aufsuchen. Da wäre es natürlich praktisch, wenn er keine Hürden bei dem Sammeln hat.

Tag 18: Charakterlose Hülle seiner selbst

Pavle kann mit den Morden, die er begangen hat, nicht umgehen. Keine Rechtfertigung ist ausreichend, um sein Gewissen auch nur ein kleines bisschen zu beruhigen. Er ist vollkommen zerstört und zu nichts zu gebrauchen. Er kommt noch nicht mal aus dem Bett. Vielleicht sollte ich ihn einige Nächte lang daheim lassen und er kann sich vielleicht ausruhen. Dann ist er möglicherweise in einigen Tagen wieder bei Kräften und kann wieder losziehen.

Tag 21 : Ende, wem Ende gebührt

Pavle hat sich erhängt… Anton ist nun alleine. Er ist extrem deprimiert. Wenn ich das nicht schnell ändern kann, dann droht ihm das gleiche Schicksal wie Pavle.

Dennis - dufter Dorfpolizist

Tag 4 – Die Unbill des Krieges

Nachdem man sich etwas orientiert hat wird schnell klar, wie knapp die Nahrung wirklich ist. Mit viel Glück ist in den Häusern ein wenig Nahrung zu finden. Dafür müssen oft andere Dinge zurückbleiben. Jeden Tag für drei Menschen Mahlzeiten bereitzustellen scheint fast unmöglich, wenn sich nicht noch wahre Fundgruben auftun. Auch das Wasser ist knapp. Die Freude über ein Bröckchen Fleisch vergeht schnell, wenn man merkt, dass es für die Zubereitung an Flüssigkeit mangelt. Zwar blieb Pavle auf seinen Streifzügen bisher unbehelligt, dafür versuchten in der vergangenen Nacht Plünderer in unser Haus einzudringen. Katia wurde verletzt. Mehr Wachen aufzustellen ist nicht möglich, ansonsten würden alle den Tag verschlafen. Katias Wunden können wir vorerst versorgen. Hoffentlich passiert nun nichts Gravierendes.

Nacht 5 – Heldentat

Tag 6 – Gräuel

Neben der Knappheit von – ja eigentlich allem, haben wir nun andere, unmittelbarere Kriegsgräuel kennengelernt. Im Radio wird von Massengräbern in anderen Städten berichtet. In unserer Nähe wurde ein Haus zerstört und ich habe Katia losgeschickt, um zu helfen, die Überlebenden zu bergen. Aber live mitbekommen haben wir es erst in der vergangenen Nacht. Mein Angriff war eher eine Kurzschlussreaktion und ich hätte nicht gedacht, dass Pavle mit einem Küchenmesser gegen den vollbewaffneten Soldaten bestehen kann. Pavle wurde schwer verletzt, aber das Mädchen konnte entkommen. Jetzt wird es schwierig, da unser Held wohl lange Zeit ausfallen wird. Aber ich bin froh, dass ich geholfen habe. Auch wenn es hätte schief gehen können.

Tag 9 – Für uns oder für andere?

Nacht 14 – Rettung an der Scharfschützenkreuzung

Wir schlagen uns wacker. Immer wieder gibt es Krankheiten und Überfälle bei Nacht, bei denen meine Charaktere verletzt werden. Aber häufig schaffen es Bruno und Katia schon mit einer großen Mütze Schlaf wieder auf die Beine zu kommen. Mit den Fallen für Ratten und ähnliche Kleintiere kommen wir einigermaßen über die Runden (in der Not…). Pavle hat in der vergangenen Nacht an der sogenannten „Scharfschützenkreuzung“ einen verletzten Mann zu seinem kleinen, kranken Sohn zurückgebracht. Er wird zu einem richtigen Helden. Dafür hat er allerdings auf dem letzten Meter noch einen Treffer kassiert. Zum Glück hatte er die Schutzweste an, die wir gefunden haben. Es ist gut, wenn man anderen helfen kann. Aber nach den ersten zwei Wochen sind mir die Charaktere sehr ans Herz gewachsen. Selbst der recht brummige Bruno. Daher werde ich es mir nun immer zweimal überlegen, sie in Gefahr zu bringen.

Tag 22 – Ein Fluchtboot für vier

Vor fünf Tagen kam Zlata zu uns. Eine ehemalige Musikstudentin. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht; einen Handwerker hätten wir besser gebrauchen können. Aber sie kann sehr gut Gitarre spielen und heitert damit die anderen auf. Außerdem hat sie in der vergangenen Nacht Essen von einem Hilfscontainer besorgen können. Es ist schon merkwürdig. In der Regel ist man ja derjenige, der für solche Hilfscontainer spendet. Nun ist man der Adressat, das lässt noch mehr mit echten Kriegsleidenden mitfühlen. Trotz den Hilfsmitteln wird es nicht leichter gleich vier Leute täglich satt zu bekommen. Ich habe dennoch Pavle losgeschickt, um einem verhungernden Obdachlosen etwas von unseren Vorräten abzugeben.

Am Hafen habe ich den Schmuggler Karel getroffen. Er bietet uns an, uns mit seinem Boot aus der Stadt zu bringen. Dafür verlangt er aber eine exorbitante Menge Schmuck. Trotz des kleinen Vermögens, das Pavle von dem Mann an der Scharfschützenkreuzung bekommen hat, konnte wir uns die rettende Überfahrt nicht leisten. Aber Karel versprach uns bald wieder aufzusuchen. Nach einigen verzweifelten (und nicht ungefährlichen) Suchaktionen, stieß Pavle schließlich hinter einer verschlossenen Gittertür auf das gesuchte Kleinod. Es war kein Stehlen, aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich wohl bald dazu bereit gewesen, um meine Leute endgültig in Sicherheit bringen zu können. Nun müssen wir nur noch warten, bis Karel wieder bei uns anklopft…

Tag 26 – Es ist Karel!

Nacht 26 – Leichtsinnig

Tag 27 – Vorwürfe und Hoffnung

Ich bin zu selbstsicher geworden. Pavle, der gute, unermüdliche Pavle ist in einem Lagerhaus angeschossen worden. Er ist schwer verletzt und ist gerade noch so davongekommen. Schon als er sich noch die letzten Meter aus dem Bildschirm geschleppt hat, habe ich mir große Vorwürfe gemacht. Zum Glück gibt es genug Bandagen. Die anderen machen sich große Sorgen, aber ich hoffe, dass Pavle mit etwas Pflege wieder auf die Beine kommt. Immerhin sind mit Zlata drei Leute da, die weitermachen können. Wir haben nun unser Ticket nach draußen. In unserem Inventar ruht ein unscheinbarer Zettel, der uns die Überfahrt bescheinigt und den weiteren Fluchtweg kennzeichnet. Im Radio heißt es sogar, dass der Krieg bald vorbei sein könnte. Friedenstruppen seien auf dem Weg. So oder so, sollte der Kampf ums Überleben für meine Charaktere bald vorbei sein.

Tag 29 – Flucht durch den Schnee

Epilog – Überlebt!

Wir haben es geschafft! Gerade als der Winter einbrach und alles unter einer Schneeschicht verschwand, klopfte Karel wieder an die Tür. Und das war alles. Mit seinem Boot entkamen alle meine vier Charaktere und ließen ihren Unterschlupf hinter sich. Die Bruchbude, die sie in den vier Wochen so mühevoll zu einem Zuhause ausgebaut hatten. Eigentlich war es gar nicht schlecht. Wir hatten Fallen für etwas Frischfleisch, Regenwassersammelbecken, einen Gemüsegarten, einen guten Ofen, sogar eine Destille und eine Gitarre. Wahrscheinlich hätten wir noch eine weitere Woche durchgehalten. Aber ich bin froh, dass wir das nicht herausfinden mussten. Im Epilog wird erzählt, dass alle ihre Familien und Freunde wiedergefunden hätten. Es ist also ein Happy End.

Unsere Experten

Der Spielentwickler

Pavel Miechowski von den 11 Bit Studios im Chat-Interview

Der Computerspiel-Professor

15577618_342905719398954_1474536770_n

Fünf Fragen an Prof. Dr. Jochen Koubek (Professor für Angewandte Medienwissenschaft und Digitale Medien an der Universität Bayreuth)

Kennen Sie This War of Mine?

Ich habe es gespielt, als es herausgekommen ist. Aus meiner Sicht ist es ein sehr gelungenes Spiel, das nicht auf Vergnügen und Spaß abzielt, sondern eine zum Teil sehr beklemmende Atmosphäre schafft.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe von Computerspielen?

Wie andere Mediengattungen haben auch Computerspiele verschiedene Funktionen. Im Fokus steht natürlich oft der Unterhaltungswert, aber weshalb sollte ein Spiel nicht auch einmal ein ernstes Thema aufgreifen? This War of Mine zeigt, dass das klappen kann. Ein Film hätte mit dem gleichen Setting und den gleichen Figuren sehr wahrscheinlich nicht die gleiche Wirkung erzielen können. Das Spiel ermöglicht es, eine ganz eigene Geschichte zu erleben und eigene Entscheidungen zu treffen. Der Spieler übernimmt in diesem Fall die Verantwortung für sein Handeln und schaut nicht bloß zu, wie er es bei einem Film der Fall wäre.

Was macht die Simulation This War of Mine so besonders?

Der Begriff Simulation ist in dem Kontext nicht ganz treffend. This War of Mine ist vielmehr ein rhetorisches Spiel, eine Art Modell. Das Spiel ist der Versuch, dem Spieler das Überleben in Kriegssituationen näher zu bringen. Selbst wenn man den Alltag der Menschen in Krisengebieten nicht kennt, bekommt man einen Eindruck davon, wie schlimm es dort sein muss. This War of Mine ist weitaus realistischer als andere Spiele, in denen ein einziger Held ein ganzes Dorf rettet. Es zeigt, dass der Kampf ums Überleben nicht im Handumdrehen gewonnen werden kann. Natürlich ist das Spiel auch fehlerhaft, aber das haben Modelle so an sich.

Was hätten Sie an dem Spiel noch verbessert?

Ein Multi-Player-Modus wäre sicherlich interessant gewesen.

Gibt es einen Trend in der Games-Branche hin zu solchen Spielen mit ernsteren Thematiken?

Die Nachfrage nach „ernsteren“ Spielen ist definitiv da. Vor allem in den Independent-Studios hat man gemerkt, dass viele langsam genug haben von den immer währenden Kämpfen gegen Aliens und Co. Themen wie Überwachungsskandale beschäftigen die Menschen und sind deshalb auch als Spiel-Gegenstand geeignet.

Der Computerspiele-Profi

Kriegsspiel ohne Spektakel
„This War of Mine“ macht keinen Spaß, ist aber lehrreich

Die meisten Computer- und Videospiele – siehe die „Call of Duty“-Reihe – inszenieren Kriege als ein unterhaltsames Spektakel. Spielerische Tiefe, die Konsequenzen der eigenen Taten, aber auch das Schicksal der Zivilisten entfallen dabei komplett. Das Computerspiel „This War of Mine“ des polnischen Entwicklerstudios 11 Bit Studios zeigt bereits mit seinem Einstiegssatz von Ernest Hemingway, dass es eine andere Richtung einschlägt: „Im modernen Krieg krepiert man wie ein Hund und ohne guten Grund.“

In dem Titel gibt es keine Helden oder pompöse Acrion. Es geht schlicht und einfach um das Überleben von Zivilisten in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Die Grafik präsentiert sich in einem düsteren 2,5D-Look mit intensiven Farbfiltern. Den einzelnen Überlebenden muss der Spieler unterschiedliche Aufgaben zuweisen. Pavle ist ein schneller Läufer und guter Bastler, Bruno liegt eher das Kochen. Im Spielverlauf müssen aus verschiedenen Einzelteilen überlebensnotwendige Gegenstände wie Betten, Öfen oder Erste-Hilfe-Pakete gebastelt werden. Am linken Bildrand stehen die aktuelle Tageszeit und die Temperatur. Sinkt die Wärme unter ein bestimmtes Level, erkranken die Spielfiguren und sterben bei fehlender Erholung beziehungsweise Medikation.

Am Ende eines jeden Tages weist der Spieler den Figuren für die Nacht noch einmal verschiedene Tätigkeiten zu. Pavle und Bruno bleiben zu Hause und ruhen sich aus, Marko geht auf den nächtlichen Beutezug in einen verwüsteten Supermarkt und sucht nach Konserven. Nahrung und Gegenstände, die in das begrenzte Inventar passen, können im eigenen Haus wiederum in zahlreiche Verbesserungen investiert werden, beispielsweise in ein Radio, um den Verlauf des Krieges mitzuverfolgen, oder einfach nur, um den Ofen mit Brennmaterial zu versorgen.

„This War of Mine“ ist ein schweres Spiel. Sterben die Spielfiguren, bleiben sie für den Rest der Partie auch tot. Zu Beginn wird dem Spieler nichts erklärt, alles muss er sich selbst erarbeiten. „This War of Mine“ ist aber nicht nur schwer, sondern auch unfair. Haben sich die Überlebenden nach mehreren Wochen bereits einigermaßen häuslich eingerichtet und verschiedene Medikamente zur Verfügung, stirbt eine Figur bei einem nächtlichen Beutegang durch einen Scharfschützen, der sich in einem Haus versteckt hielt. Fehler werden gnadenlos bestraft, die Spielmechanik erzeugt beim Spieler nie ein Gefühl der Überlegenheit oder Beherrschbarkeit. Jetzt könnte man den Entwicklern Schlamperei beim Gamedesign vorwerfen. Aber gerade durch diese Unberechenbarkeit vermittelt der Titel eindrucksvoll die lähmende Machtlosigkeit von Menschen im Krieg. Spaß macht das nicht immer unbedingt und Unterhaltung sucht man vergebens. Vielmehr zeigt „This War of Mine“ den Überlebenskampf von Menschen, deren Existenz jeden Tag aufs Neue am seidenen Faden hängt. Und, dass Computerspiele nicht immer Spaß machen müssen.

Denis Gießler

Der Psychologie-Doktor


Vier Fragen an Dr. Markus Barth (Doktor der Psychologie vom sozialpsychologischen Institut der Universität Leipzig).

1. Halten Sie ein solches Spiel für ein adäquates Mittel, die Eindrücke von Kriegsopfern zu vermitteln?

Das Spiel bietet einen Blick auf die Situation von Menschen in Kriegsgebieten. Die sozialpsychologische Forschung hat gezeigt, dass die Fähigkeit, sich in eine andere Person und deren Lebensumwelt hineinzuversetzen, förderlich für das Empfinden von Empathie und Anteilnahme ist. Diese Reaktionen stehen wiederum mit prosozialem Verhalten in Zusammenhang. Im Spiel sehen die Spielenden die Welt durch die Augen der Zivilbevölkerung. Im Idealfall führt das all die schrecklichen Konsequenzen eines Krieges vor Augen und sensibilisiert für das Thema. Ein Spiel kann vielleicht insbesondere solche Zielgruppen erreichen, die andere Wege der Wissensvermittlung weniger attraktiv finden.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema könnte bei einzelnen Spielenden aber auch unangenehme Gefühle wecken. Es ist fraglich, ob das Spiel geeignete Mittel hat, um Spielende beim Umgang mit diesen Gefühlen zu unterstützen.

2. Kann man überhaupt Ängste (eines Krieges, eines Überlebenskampfes, generell) über PC-Spiele nachvollziehen?

Das ganze Ausmaß einer solchen Extremsituation lässt sich mit einem Spiel sicher nicht nachempfinden. Das Spiel kann aber näherungsweise Rahmenbedingungen schaffen, in denen in abgeschwächter Form Reaktionen bei den Spielenden generiert werden, die typisch für eine bedrohliche oder bedrückende Situation sind. Ganz ähnlich sollen psychologische Laborstudien ja auch nicht Alltag simulieren, sondern Voraussetzungen schaffen, in denen Menschen das interessierende Erleben oder Verhalten zeigen. Spielende werden also in der Regel keine Todesängste ausstehen. Reaktionen wie Anspannung, Verunsicherung oder vielleicht auch Trauer als Ergebnis der Atmosphäre oder der Aufgabenstellung des Spieles sind aber denkbar.

3. Wie hoch schätzten Sie die Gefahr einer Trivialisierung der Inhalte durch die Mechaniken des Spiels (Plündern und Morden nur um Willen des Spielerlebnisses oder des Erreichens von Erfolgen)?

Problematisch wäre es dann, wenn das Spiel unmoralisches Verhalten gezielt belohnte, etwa durch Lob, Anerkennung oder die höchste Punktzahl für die meisten Opfer im Spielverlauf. Dadurch würde ein Lernprozess einsetzen, der vermittelt, dass unmoralisches Verhalten geschätzt und gewünscht ist. Wenn aber auch die negativen Konsequenzen unmoralischen Verhaltens für andere und für das Selbst (Stichwort psychische Belastung) dargestellt werden und als hinreichend unangenehm erlebt werden, ist es weniger wahrscheinlich, dass die Spielenden lernen, weniger moralisch zu sein. Ohnehin scheint das Spiel kein Spiel im üblichen Sinne zu sein. Unterhaltung und Zerstreuung stehen nicht im Vordergrund.

4. Was halten Sie von der Tatsache, dass den Spielern die Wahl gelassen wird, ob sie sich moralisch korrekt oder verwerflich verhalten (inklusive Strafen wie Selbstvorwürfe der spielbaren Charaktere)?

Eine möglichst große Handlungsfreiheit erlaubt es Spielenden, tiefer in die Spielwelt einzutauchen. Wenn es das Ziel der Entwickler war, einen schonungslosen Einblick in das Wesen des Krieges zu geben, dann unterstützt Handlungsfreiheit dieses Vorhaben. Verbote oder vorgegebene Entscheidungen, zu denen es keine Alternativen gibt, werden dagegen von vielen Menschen als störend, teils sogar als ärgerlich empfunden. Wir sind dann häufig motiviert, uns gegen diese Verbote oder Beschränkungen aufzulehnen.

Verbotenes wird zum Teil geradezu anziehend und attraktiv. Es wäre fatal, unmoralisches oder verwerfliches Verhalten auf diese Weise interessant zu machen. Die negativen Folgen, die unmoralisches Verhalten im Spiel hat, können auf subtilere Art dafür sorgen, dass bei späteren Entscheidungen im Spiel die Wahl auf moralisches Verhalten fällt (und dadurch die negativen Folgen vermieden werden können).

 

Unser Fazit

 

 

 

Per App gegen den Welthunger Wie Start-ups versuchen, mit Apps Jugendliche zum Spenden zu bewegen

Vom Sofa aus den Robin Hood spielen

Per App gegen den Hunger der Welt?

 

Solche Werbebilder gibt es in jeder größeren Stadt in Deutschland: Die Bäuche der Kinder sind vor Hunger ganz aufgedunsen, zarte Ärmchen hängen an den Körpern herunter. Der Fotograf hat leicht von oben fotografiert, sodass die Augen des Kindes auf dem Bild noch größer und niedlicher wirken.

Der Appell an den Betrachter der Werbung: Du hast es doch, spende regelmäßig eine Summe – und wir sorgen dafür, dass es dem Kind gut geht.

Pünktlich zur Mittagspause erinnert einen die App Share the Meal ans Spenden, wenn man die App so einstellt. (Foto: Hellwig)

Sei es wegen der Bilder oder weil die Deutschen so besonders nächstenlieb sind – aber die Spendenbereitschaft der Deutschen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie das Marktforschungsunternehmen GfK in seinen Studien herausfand.

Und einher mit dem technischen Fortschritt hat sich zudem auch die Art des Spendens verändert.

Früher, da lief es etwa so: Bewappnet mit den Kontodaten ihres favorisierten Spendenunternehmens stapfte meine Oma Hildegart aus dem kleinen Dörfchen Liebenau durch den Schnee ( – denn die Deutschen spenden am liebsten in der Weihnachtszeit, wie das GfK auch herausfand). Ihr Ziel: die Bank ihres Vertrauens. Dort zückte sie einen Kugelschreiber, füllte mit ihrer schönsten Feinschrift einen Überweisungsträger aus. Einwurf in den Postschlitz für Überweisungsträger, mühseliger Heimweg.

Kind aus dem Malawi-Projekt von Share the Meal. (Foto: Sebastian Stricker)

Sicher, die Zielgruppe von Apps sind vor allem jüngere Menschen. Und doch hat sich auch in der Spendenwelt einiges geändert durch Smartphones. Heute, da läuft das Spenden schneller, einfacher, bequemer. Nämlich so: Ich sitze auf dem Sofa, Füße hochgelegt. Die Mattscheibe flimmert, ich greife zur Müslischale. Mein Handy blinkt, erinnert mich pünktlich zur Mahlzeit: Essenszeit ist Spendenzeit. Nur wenige Klicks braucht ein Spender beim Nutzen der App Share the Meal in etwa, um eine Spende zu tätigen. Das Geld ist direkt beim Unternehmen. Alles digital, als Spender muss man nicht einmal das Sofa verlassen.

Und anders als meine Oma Hildegart früher, muss bei einigen dieser Apps der Spendende nicht einmal echtes Geld aufbringen. So zum Beispiel bei Nate oder Smoost. Der Nutzer spendet, indem er Fragen beantwortet oder Werbung durchstöbert.

Was dann folgt, ist jedoch bei beiden Varianten gleich: Jemand verteilt das Geld. Im Raum steht dann die Frage: Kommt das Geld dort an, wo es hingehört? Und bei Spenden-Apps: Wie gut funktioniert das Ganze? Spenden, ohne echten Gegenwert – kann das überhaupt klappen?  Einige der Apps verzeichnen wachsende Zahlen, andere konnten sich nicht lange über Wasser halten. Probleme hatte beispielsweise die App Nate. Woran lag es? Und: Halten die Apps, was sie versprechen?

 

Wir haben uns die Apps mal angesehen:

Wie also funktionieren die Apps? Welche Daten muss ein Nutzer angeben?

Alle drei Apps unterliegen den, im internationalen Vergleich, strengen Datenschutzbestimmungen, fragen den Nutzer allerdings unterschiedlich viele persönliche Daten ab. Share the Meal bedarf, abgesehen von den Playstore-Informationen um die App herunterzuladen, lediglich einer Kreditkartennummer oder alternativ einem Paypal Login. Hier ist es nicht notwendig, ein Benutzerprofil anzulegen. Wer mag, kann die App aber mit Facebook verknüpfen und so die Spenden der Freunde sehen und die eigenen vernetzen.

Smoost fragt nach detaillierten Informationen. Neben einer E-Mail Adresse, wird auch der Name, das Geschlecht, eine Einordnung in eine Altersgruppe, der Bildungsstand und die Tätigkeit abgefragt. Außerdem braucht die App einen Standortzugriff und einige Funktionen laufen nur durch die Freigabe der Kamera. All diese Daten sind laut App notwendig, um die passenden Prospekte zuschneiden zu können und für die Unternehmen, die im Endeffekt das Geld spenden, ein attraktiver Nutzer zu sein.
Da Nate im Moment offline ist, lässt sich nicht testen, welche Daten für den Gebrauch der App notwendig sind.

Share the Meal

Mit 40 Cent ein Kind einen Tag lang ernähren: Share the Meal

Auf der Weltkarte haben die Betreiber von Share the Meal Fotos aufgehängt – von Frauen und Kindern, denen die Spendengelder bereits geholfen haben. (Foto: Hellwig)

Victoria Leonhardt steht vor einer bunten Weltkarte. Jedes Land hat darauf eine andere Farbe. An verschiedenen Orten auf der Karte – irgendwo im Ozean – sind Fotos angeheftet. Leonhardt erklärt: „Hier oben sind Kinder aus dem syrischen Flüchtlingscamp Sataari.“ Sie zeigt mit dem Finger auf die Fotos, dann deutet sie auf die nächsten Bilder: „Und das hier, das sind syrische Mütter in Homs. Einige mit Babys, einige noch schwanger. Und das da unten,“ – sie zeigt auf eine weitere Stelle auf der Karte, an der Fotos kleben – „das sind syrische Flüchtlingskinder im Libanon.“

Die Frauen und Kinder auf den Fotos haben etwas gemeinsam: Sie alle leben an Orten, die die App Share the Meal in ihren Projekten unterstützt. Leonhardt ist „Operations Manager“ der App. Hinter diesem neumodernen Begriff verbirgt sich ein Job, den es so wohl auch in herkömmlichen Spendenorganisationen gibt: Sie kümmert sich um Abläufe und die Kommunikation des Unternehmens.

Victoria Leonhardt arbeitet bei Share the Meal. (Foto: Hellwig)

Die App Share the Meal ist die Handy-Applikation, die dem klassischen Spendenunternehmen wohl noch am Ehesten nahekommt unter den genannten Spenden-Apps. Die Spenden-Applikation arbeitet zusammen mit dem World Food Programme der Vereinten Nationen. Bernhard Kowatsch und Sebastian Stricker hatten die Idee dahinter während eines Sabbaticals. Dabei sei ihnen klar geworden, dass rund 20 Mal so viele Menschen ein Smartphone besitzen, wie es hungernde Kinder auf der Welt gibt. Und dass es doch eigentlich so unglaublich günstig sei, diese zu ernähren. „Diesen großen Pool an Menschen wollten wir anzapfen. Ihnen eine Möglichkeit geben, etwas zu tun“, erzählt Leonhardt.

Die App hat sich selbst den Anspruch gesetzt, für Smartphonenutzer ansprechend und vor allem transparent zu sein. Doch genau hier setzt auch ein Kritikpunkt an der jungen Organisation an.  Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) findet, dass die App zwar relativ offen arbeite – das Unternehmen, mit dem sie zusammen arbeite, nämlich das World Food Programme sei es in Deutschland jedoch weniger.

Die 9-Millionen-Marke der gespendeten Mahlzeiten hat das Unternehmen am Tag zuvor gerade geknackt, Grund zu feiern. „Wir haben ausgerechnet, dass es im Durchschnitt nur 40 Cent kostet, ein Kind einen Tag lang zu ernähren“, erklärt sie. Und deshalb versucht die App auch, die Nutzer und Nutzerinnen durch die kleine Zahl zu überzeugen: „Mach mit! Teile Deine Mahlzeit per Klick mit einem hungernden Kind. Mit € 0.40 ernährst Du ein Kind für einen Tag“, heißt es auf der Homepage von Share the Meal. 40 Cent – das ist ein Drittel Kaffee in der Leipziger Universitätsmensa. 40 Cent – eine Summe, die sogar eine Studentin oder ein Student in der Regel übrighat.

Doch nicht nur die kleine Summe, auch die Einfachheit soll den Smartphone-Nutzer oder die Smartphone-Nutzerin zum Spenden bewegen. „Nicht mehr als zehn Klicks“, so berichtet Leonhardt, benötige man, um sich anzumelden. Für das Spenden darauf sind es noch weniger.

Räume im Industrie-Stil, passend zum Start-up-Charakter der App. (Foto: Hellwig)

Und obendrein motiviert die App die Spendenden dann noch durch diverse Gimmicks. Zum einen erinnert das Ganze an ein Spiel: „Achievements sollen die App etwas zugänglicher machen“, sagt Leonhardt und meint damit, dass der Nutzer oder die Nutzerin beim ersten Spenden ein „Dankeschön“ bekommt. Und bei mehrfachen Gaben kleine Auszeichnungen. Zum anderen wird das Spenden bei dieser App auch ein bisschen zu einem „sozialen Event“, wie es Leonhardt nennt. Mit Facebook verknüpft können die Spendenden Teams bilden, ein Gruppenziel bestimmen und sich gegenseitig motivieren. Natürlich springe nicht jeder darauf an – aber bei einigen Spenderinnen und Spendern sei das sicherlich der Fall. Und die Organisatoren der App haben es sich zum eigenen Ziel gesetzt, immer neue Spendenanreize zu finden und in die Applikation zu integrieren.

Vor einiger Zeit noch konnten Nutzerinnen und Nutzer Schritt für Schritt bei Google Maps verfolgen, wo sich „ihr Geld“ gerade befindet. Das ist mittlerweile nicht mehr so, das sei nicht angenommen worden, erklärt Leonhardt. Dennoch wirbt die App mit Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit. „Die 40 Cent decken alle Kosten, um das Kind zu ernähren. Es gibt natürlich auch Transaktionsgebühren und einen gewissen Anteil an Adiministrationskosten, beides ist in den 40 Cent enthalten“, erklärt Leonhardt. Beim World Food Programme sei der Anteil der Transaktionskosten zudem sehr gering: Bei nur zehn Prozent liege er, bei anderen Unternehmen läge er bei etwa 30.

Kinder aus Malawi – Share the Meal unterstützt sie durch das Finanzieren von Schulmahlzeiten. (Foto: Sebastian Stricker)

Ehrenamtlich habe Leonhardt zu Beginn, zu Gründungszeiten, für ein halbes Jahr lang gearbeitet. Mittlerweile bekommen die App-Organisatoren ihr Geld aus einem sogenannten „Innovation Grant“, von Innovationsförderern und zum Teil auch von der Bundesrepublik Deutschland.

Wohin das Geld der Spendenden fließt, können sich die Nutzer bei dieser App nicht selber aussuchen. Wenn sie gespendet haben, geht das Geld an das UN World Food Programme. Dieses verteilt dann Gutscheine an Schulen vor Ort, damit sie Schulmahlzeiten kaufen und zubereiten können. Oder es verteilt Gutscheine an Familien, die damit beim Händler vor Ort selbstständig und selbstbestimmt einkaufen können, was sie benötigen, um ihre Kinder zu ernähren.

Derzeit unterstützt die App Kinder in Nigeria und Kamerun, die unter Boko Haram leiden. Zuvor wurden verschiedene Projekte mit syrischen Kindern unterstützt.

Die App setzt dabei auf die akute Unterstützung, möchte aber auch für Nachhaltigkeit sorgen. Damit die Familien zum Ende der einjährigen Unterstützung nicht ohne alles dastehen, wird versucht, nach Ablauf des Förderjahres einen Ersatzförderer zu finden. „Wenn die Projekte aufgebaut sind, springt oft der Staat als Unterstützer ein“, so Leonhardt. Dass das Programm abbreche, könne dann auch leider vorkommen: „Im schlimmsten Fall.“ Die Regel sei es aber nicht.

Nate

(Keine) Werbung auf dem Smartphone-Bildschirm mit der App Nate

„Nathan ist der Schenkende, der Gebende“, erklärt Hubert Eiter. Nate nennt sich deshalb die App, die der Unternehmer gemeinsam mit Freunden gegründet hat. Aus einem Koreaaufenthalt mitgebracht hat er die Idee der Sperrbildschirmwerbung. „Meine Freunde kommen aus der Werbe- und Spendenwelt“, erzählt Eiter. Oft seien Fragen aufgekommen: Wie erreicht man junge Menschen mit Werbung, wie bringt man sie zum Spenden? So haben die Freunde die Ideen zusammengebracht. Die Werbewelt freut sich über Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer, die mehrfach täglich mit ihren Produkten konfrontiert werden. Und die Nutzer der App haben einen Anreiz, die Werbung auch anzusehen – wenn sie damit etwas Gutes tun.

Hubert Eiter ist einer der Gründer der App Nate. (Foto: Nate)

Der Smartphone-Bildschirm als Werbefläche habe zwei Vorteile. Zum einen könne Werbung großflächig angezeigt werden, zum anderen sei der Blick auf den Bildschirm in das Nutzer-Verhalten integriert. Rund 10 bis 15 Mal am Tag schaue ein Mensch im Schnitt auf das Display, so Eiter. „Damit wäre doch allen geholfen“, sagt er. Doch so einfach ist es nicht.

Bei der App Nate schauen sich Nutzerinnen und Nutzer der App Werbung an, die Gelder der Werbetreibenden werden gespendet. (Foto: Nate)

Eigentlich war es so geplant: Die Nutzer entsperren ihren Bildschirm, sehen sich die Werbung an, spenden pro angesehenem Flugblatt ein bis zwei Cent – ohne selber wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Die Projekte, die sie unterstützen möchten, dürfen sich die Nutzer und Nutzerinnen selber aussuchen. Sogar eigene gemeinnützige Projekte dürfen sie starten. Rund 400 Projekte konnten auf diese Weise bereits unterstützt werden, rund 26000 Euro ausgezahlt. Von den eigenommenen Geldern gehen je rund 80 Prozent an die Projekte, 20 Prozent finanzieren die App an sich.

Und doch: Aktuell befindet sich Nate in einer „Sendepause“, wie Eiter es nennt. „Es hat sich einfach nicht rentiert“, sagt er. Am Anfang haben die Gründer selber Geld investiert. „So ein Modell steht und fällt aber mit schnellem Wachstum“, erklärt Eiter. Werbende wollen nur zahlen, wenn sie so auch viele Menschen erreichen – Nutzer sind nur an der App interessiert, wenn auch viele Werbende spenden. Und irgendwann sei der Punkt erreicht worden, an dem Eiter und seine Kollegen die App nicht mehr alleine finanzieren konnten. „Leider haben wir noch keine Zusage für eine Großspende erhalten“, meint Eiter.

Und dabei ist Eiter überzeugt von seiner Idee: „Jeder Euro, der von Werbegeld in Spendengeld ausgegeben wird, ist ein guter Euro.“ Schließlich würde das Geld ja sowieso ausgegeben. Wann und ob es weitergeht, ist derzeit noch offen. Derzeit gibt es auf den Displays der Spendewilligen also keine Werbung von Nate.

Smoost

 Wie Robin Hood? – Werbegelder in Spendengelder umwandeln mit Smoost

Ein ähnliches Konzept wie die App Nate hat auch die App Smoost. „Spende ohne einen Cent auszugeben mit der App Smoost“, wirbt ein Video auf der Website der Spenden-App. Auf dem Bildschirm zu sehen: viele rosafarbene Herzchen, das Logo der Applikation. „Es ist ein bisschen wie bei Robin Hood. Mit jedem Klick bei Smoost nutzt du das Geld der Werbeindustrie, um ein Hilfsprojekt deiner Wahl zu unterstützen.“

Die Gründer von Smoost: Rainer Rother (links) und Thomas Helmrich (rechts). (Foto: Smoost)

Gegründet haben das Ganze der Bamberger Rainer Rother und Thomas Helmrich. Wie bei Nate, schauen auch hier die Nutzer Werbeprospekte an. Fünf Cent gehen pro angesehenem Prospekt an ein gemeinnütziges Projekt. Wofür das Geld gespendet wird und welchen Prospekt sich die Nutzer ansehen, das können sie dabei selbst entscheiden. Rund 1700 Vereine und Spendenprojekte sind derzeit registriert.

Über 300.000 Euro hat die App auf diese Weise schon eingenommen. Drei Viertel des eingenommenen Geldes gehen dann an die Vereine und Spendenerhaltenden. Ihre laufenden Kosten decken die Unternehmer mit einem Viertel des eingenommenen Geldes.

Weitere Spenden-Apps

Weitere Apps

Goodnity

Bei der App Goodnity  beantworten die Nutzer Fragen. Unternehmen zahlen Geld für die Antworten, das Geld wird gespendet.

Moving Twice

„Stell dir vor, du gehst joggen und rettest dabei die Welt“, wirbt die App Moving Twice. Ähnlich wie bei einem Sponsorenlauf spenden hier Unternehmen für die Trainingsrunden der Nutzer. Finanziert werden Charityprojekte, die die Läufer auswählen.

Miles for Meals

Ähnlich wie Moving Twice funktionierte auch die App Miles for Meals. Hier konnten die User joggen, gespendet wurde für den Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. Derzeit ist die App im Appstore jedoch nicht verfügbar.

Dignitos 2.0

Bei der App  Dignitos 2.0 spenden Nutzer Geld. Gastronomen können den Betrag online abrufen und in ein Essen für Obdachlose investieren.

 

So funktioniert’s

Der Nutzer braucht sein Smartphone – das ist bei allen Spenden-Apps der gemeinsame Nenner. Aber die technische Funktion, wo das gespendete Geld hingeht und wie sich die Apps selbst finanzieren, dafür haben die App-Macher unterschiedliche Modelle entwickelt. Wie das funktioniert, erklären die App-Entwickler hier im Audio-Interview:

 

Fazit

 

Eine Methode, um junge Menschen zum Spenden zu bringen – das sind wohl all die aufgezählten Spenden-Apps. Aber wie gut funktionieren sie wirklich, wie transparent arbeiten sie und halten sie, was sie versprechen?

Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) und Robert Lüdecke vom Phineo-Spendensiegel für Wirkungstransparenz stehen Spenden-Apps zwiegespalten gegenüber. Beide erkennen den Mehrwert der Apps in ihrer hohen Reichweite. „Vor allem Jüngere könnten dadurch zum Spenden motiviert werden“, erklärt Wilke im Spenden-Magazin. Und auch Lüdecke sagt: „Spenden-Apps sind ein charmantes Instrument, um junge Menschen zu motivieren, Gutes zu tun.“

Transparenz als Problem der Apps

Probleme erkennen Wilke und Lüdecke jedoch auch; vor allem in der Transparenz der Apps. Wie transparent eine Spendenorganisation ist, das lasse sich an verschiedenen Punkten festmachen. „Vor allem gilt es, nicht nur darauf zu achten, wohin das Geld geht, sondern auch was es konkret vor Ort bewirkt“, erklärt Lüdecke. Es solle nicht nur heißen: 20.000 Menschen wurde geholfen, sondern auch: Was hat sich konkret bei den Menschen vor Ort geändert? Was hat sich gesellschaftlich geändert? Deutlich würde das, wenn man sich die Visionen der Organisationen anschaue. Diese müssten deutlich und klar formuliert sein, Ziele konkret abgesteckt. Dabei gelte stets: Die Nutzenden müssen sich gut informiert fühlen, auf der Homepage müssen die Ziele zu finden sein, wie Wilke und Lüdecke betonen.

Sowohl bei Smoost als auch bei Share the Meal wird es den Nutzenden leichtgemacht, den aktuellen Spendenstand zu verfolgen: Die Apps zeigen an, wie viele Menschen bereits gespendet haben und wie viel Geld dadurch zusammengekommen ist.

„Die App Share the Meal ist relativ gut, aber das World Food Programme ist in Deutschland recht wenig transparent“, findet Wilke vom DZI. Schaut man sich die genannten Apps im Vergleich an, so fällt auf, dass Share the Meal verschiedene Projekte anpreist – die Nutzenden finden auf einfachem Wege heraus, welches Projekt aktuell unterstützt wird. In der App wird angezeigt, wie viel Prozent eines Projektes bereits erreicht wurden. Die Nutzerinnen und Nutzer wissen, dass mit dem Geld Kindern geholfen werden soll – und sie können nachlesen, dass das Geld in Schulmahlzeiten oder Gutscheine investiert wird.

Bei Nate und Smoost verhält es sich hier schon schwieriger. Interessierte können, beziehungsweise konnten, zwischen verschiedenen Projekten wählen, es gab also kein einheitliches Ziel und auch das Informationsmaterial konnte nicht konzentriert aufgezeigt werden.

Die Spender-Beziehung fehlt

Einher mit den Transparenz-Problemen der App ginge auch ein anderes Problem. „Die Spender-Beziehung könnte verloren gehen“, vermutet Lüdecke. Er meint damit, dass Spendende sich bewusst für eine Spende entscheiden und sich entsprechend informieren, eine Beziehung zum Projekt aufbauen, die von Bestand ist. Insbesondere bei Apps wie Smoost sei das der Fall: Wenn es rund 1700 zu unterstützende Projekte gibt oder Nutzende gleich in einen ganz allgemeinen Topf spenden kann, wie soll der Spendende dann noch groß an Erfolgen interessiert sein? Dieser Reiz geht dabei verloren.

Wie viel des Spendengeldes geht für das Betreiben der App drauf?

Die App Share the Meal hat sich als eigenes Ziel festgesteckt, transparent zu sein. Auf der Homepage heißt es, dass 40 Cent benötigt werden, um ein Kind einen Tag lang zu ernähren. Wie viel der 40 Cent allerdings an welcher Stelle des Spendenprozesses hängenbleiben, nach diesen Angaben sucht ein Nutzer oder eine Nutzerin vergeblich. Dass 90 Prozent des Geldes „in den Kampf gegen den Hunger“ investiert werden, das können die Nutzerinnen und Nutzer der App mit etwas Suchgeschick unter den FAQs nachlesen. Smoost hingegen erklärt auf seiner Homepage deutlich: Ein Viertel des von den Werbetreibenden gespendeten Geldes geht für das Betreiben der App drauf. Genauer aufgeschlüsselt ist allerdings auch das nicht. Die App Goodnity, betont Wilke, nennt keine konkreten Zahlen zur eigenen Finanzierung. Und auch bei Nate sucht man danach vergeblich.

Wie vertrauenswürdig sind die unterstützten Projekte?

Burkhard Wilke betont, dass eine Spenden-Plattform die Vertrauenswürdigkeit der Projekte, die unterstützt werden sollen, sicherstellen muss. Hier erkennt Wilke besonders bei der App Smoost Mängel: Die App „lässt die Frage offen, wie die Plattform die Seriosität der mehr als 1000 unterstützten Vereine sicherstellen will“, schreibt er im Spenden-Magazin. Goodnity wähle hier den einfacheren Weg, da Nutzende zwischen Projekten, die mit dem DZI-Siegel ausgezeichnet sind und Spenden über die Plattform Betterplace wählen könne. Share the Meal arbeitet mit dem World Food Programme zusammen. Wilke kritisiert daran: „Bei Share the Meal liegt das Informationsdefizit nicht bei der App selbst, sondern beim World Food Programme: Hier sucht man einen aussagekräftigen Jahresbericht mit verlässlichen Jahresabschlussdaten vergebens.“

Datensammeln als Problem

Weiter erklärt Wilke, dass Transparenzdefizite besonders bei Apps wie Goodnity oder Smoost ins Gewicht fallen. Ähnlich ist auch Nate zu bewerten. Denn hier gehört das Übermitteln von persönlichen Daten zum Geschäftsmodell.

 

So charmant die Idee von Apps als Spenden-Akquisitoren auch ist – Defizite weisen sie alle auf. „Die meisten Spenden-Apps stecken noch in den Kinderschuhen“, wertet Wilke. Lüdecke warnt vor allem vor einer Gewissensberuhigung, die diese Apps hervorrufen könnten. Er befürchtet, dass die Gebenden im realen Leben wegen der Apps nun weniger bereit sind, zu spenden. Dennoch betont Lüdecke: „Grundsätzlich begrüßen wir neue Wege, die Spendenbereitschaft zu wecken und vor allem, neue Kreise zu erschließen. Wir haben aber in der Praxis bisher noch kein Konzept erlebt, das nennenswerte Summen bewegt hat.“

 

Von Lauren Ramoser und Theresa Hellwig

 

Digitalisierung ohne Nebenwirkungen? Estland ist Europas digitaler Musterschüler. Doch sind die Esten selbst so weit wie die Politik und Infrastruktur ihres Landes? Ihr Beispiel zeigt, wie ein komplett vernetzter Alltag eine Gesellschaft verändern kann.

Man stelle sich vor: Wer seine Steuererklärung machen will, erledigt das mit ein paar Klicks online. Für ein Rezept vom Hausarzt kann der PC gleich an bleiben. Und das achtjährige Kind schreibt als Hausaufgabe nebenan seine ersten HTML-Codes. Was in Deutschland nach Zeitreise klingt, ist nur eine Flugreise entfernt: Willkommen in Estland.

Weiterlesen