Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.

Sind wir nicht alle ein bisschen #digital Die Tagung ist vorbei, doch was bleibt sind die Einträge auf den Social Media Kanälen. Ein Rückblick via Social Media Posts.

Drei Tage wurde diskutiert, aufgeklärt und informiert über die Bilder, die sich überwiegend durch die Medien in unsere Köpfe eingebrannt haben. Im Fokus stand dabei immer die Entwicklung der Digitalisierung. Doch wie ist eigentlich unser eigenes digitales Verhalten?

Ein Leben ohne Internet – undenkbar?!

„73% der Menschen in Afrika besitzen ein Handy“, klärt Julia Manske von der Stiftung Neue Verantwortung auf. „In Indien gibt es mehr Handys als Toiletten“, so Mr. Nair im Indien Panel. Können wir uns ein Leben ohne Internet überhaupt noch vorstellen? Handys und das Internet sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Auch auf der Tagung nutzten die Leute die Social Media Kanäle, um sich auszutauschen, zu unterhalten, zu informieren.

Die Tagung beginnt und somit auch die Bereitschaft zu posten  …

Auf der Tagung standen die Panels zu Kenia, Estland und Indien stets im Fokus.

#Zitate, die nicht nur in den Köpfen bleiben

#Fragen, die Diskussionsbedarf weckten

#Networking

Nicht nur im World Café wurden verschiedene Fragen an die Studenten gestellt, die Diskussionen über das eigene digitale Verhalten anregen sollten. Auch beim ständigen Networking diskutierten die Teilnehmer rege. Dabei wurde deutlich, dass sich kaum mehr einer ein Leben ohne Internet vorstellen kann.

„Das Leben wäre kompliziert, hart und viel langsamer“, so die Studenten bei einer Umfrage zum Thema Ein Leben ohne Internet … Einige Studenten betonten, dass sie hin und wieder versuchen, bewusst auf das Internet zu verzichten, merken aber schnell dass es kaum mehr möglich ist – gerade auch für angehende Journalisten, die am liebsten in Echtzeit informieren wollen (Verlinkung auf Liveberichterstattung DWA).

#Posts der Referenten

„Ich tweete dann, wenn ich der Welt etwas zu sagen habe“, so Eric Chinje über sein eigenes Social Media Verhalten. Er kann sich ein Leben ohne Social Media kaum mehr vorstellen. „Für mich ist das Internet wie ein Motor“, sagt er. Auch auf der Konferenz hat er fleißig getweetet.

Dr. Wilson Ugangu hatte sein Handy an den drei Konferenztagen zuhause gelassen. Doch dank Eric Chinjes Bereitschaft zu tweeten hat er es trotzdem auf Twitter geschafft:

Jochen Spangenberg hat bereits über 12 000 Tweets seit seinem Beitritt auf Twitter 2009 gesendet. Doch schließlich gehört die Medienlandschaft zu seinem Spezialgebiet.

Social Media ermöglicht es …

… vom passiven Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Die Konferenz lebt von Diskussionen, die durch Twitter und Co. noch verstärkt werden. Doch letztendlich ist eine digitale Teilnahme nur eine halbe Teilnahme, denn Networking ist face-to-face immer noch am schönsten.

 

 

 

Silicon Savannah: Treffpunkt für Techies aus aller Welt Wie in Kenias Hauptstadt die nächsten IT-Pioniere tüfteln

Innovative Startups und geniale Apps kommen nur aus Europa und Amerika? Falsch gedacht! Die kenianische IT-Szene boomt und hat uns in Sachen Digitalisierung sogar einiges voraus.

Was ist eigentlich diese Silicon Savannah? Begrifflich ist diese Beschreibung der kenianischen IT-Szene natürlich angelehnt an die Innovationshochburg Silicon Valley im Norden Kaliforniens. Geographisch gemeint ist damit vor allem Kenias Hauptstadt Nairobi, das technische Zentrum des Landes, in dem sich beispielsweise auch der Sitz von Safaricom, Kenias größtem Mobilfunkunternehmen, befindet. Vor Ort benutze den Namen Silicon Savannah aber fast niemand, erklärt Prof. Dr. Martin Emmer von der Freien Universität Berlin, der vor zwei Jahren selbst Nairobi und seine Gründercliquen besuchte. „Es ist eher ein Label, das von außen aufgedrückt wurde“, erklärt er.

Das Kernstück der Silicon Savannah bildet das sogenannte iHub. 2010 von eBay-Gründer Pierre Omidyar ins Leben gerufen und mit mittlerweile 10.000 Mitgliedern, bietet das Gebäude ehrgeizigen Jungunternehmern „Co-Working-Spaces“ mit kostenlosem WiFi. Hier können sie sich über ihre Startup-Visionen austauschen und Projekte evaluieren. Für den nötigen Koffeinschub beim Ideenausbrüten sorgt eine eigene schicke iHub-Kaffeebar. „Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt“, erzählt Emmer. „Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford. Forscher kommen entweder aus dem Ausland nach Kenia, um hier ihre Projekte zu realisieren oder Kenianer gehen zum Studieren und Arbeiten nach Amerika.“

 

„Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt. Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford.“ – Prof. Dr. Martin Emmer

 

Anders als sein amerikanisches Vorbild erlebte das Silicon Savannah nicht einen großen, zentrierten Boom, sondern entstand durch die Ansiedlung vieler einzelner Unternehmen wie iHub, Nailab, 88mph oder m:lab, die sich inzwischen in und um Nairobi herum verteilen. 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt soll nun zusätzlich ein staatlich geleitetes IT-Mammutprojekt entstehen: Konza Technology City. Eine 14 Milliarden Dollar teure, künstliche Stadt, die bis 2025 fertiggestellt werden und dann 200.000 Arbeitsplätze bieten soll. Zunächst ist die Niederlassung von 14 Unternehmen geplant. Samsung, Huawei und BlackBerry sind bereits interessiert. Gegner des Projektes sehen in Konza City jedoch eine riesige Fehlinvestition und gar eine Gefahr für die aufstrebenden Startups in Nairobi, die nach ihrer Meinung weitaus vielversprechender seien. Zudem fällt in Gesprächen über Konza City immer wieder das böse K-Wort – Korruption. „Die teilweise undurchsichtigen, staatlichen Anstrengungen für so ein riesiges Projekt reichen nicht aus“, meint auch Dr. Wilson Ugangu, Senior Lecturer an der Multimedia University of Kenya. „Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“

Vielversprechende Anfänge, große Ziele

Grundsätzlich stehen die Zeichen für Digitalisierung in Kenia also gut. Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels im Jahr 2009 erlebt das Land gar einen wahren Digitalisierungs-Boom. Phasen wie der Aufbau eines Festnetzes für Telefon und Internet wurden hier einfach übersprungen, direkt ins mobile Zeitalter. Dabei profitiert Kenia von hochaktuellen, bereits erprobten und relativ günstigen IT-Produkten, die es aus beispielsweise aus europäischen Ländern übernehmen kann. Doch was bringt die fortschreitende Digitalisierung eigentlich für seine Einwohner? Neue Arbeitsplätze in der IT-Branche könnten zum Beispiel die Arbeitslosenrate von 40 Prozent senken. Zudem hat für viele Kenianer das Mobiltelefon in jeglicher Form bereits heute großen Einfluss auf den Alltag – egal ob smart oder retro. Das haben auch die Entwickler in Nairobis Hubs erkannt und deshalb eine Vielzahl sinnvoller und gern genutzter Anwendungen entwickelt.

Spezielle Lösungen für spezielle Bedürfnisse

Die Interessenfelder Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung liegen bei Technikprojekten also klar im Trend. So wurden im Silicon Savannah in den vergangenen Jahren hilfreiche Apps wie z.B., Ushahidi (Krisen-Crowdsourcing), Eneza (mobile Lernplattform), M-Kopa (Heim-Solaranlagen) oder M-Farm (Preisinformation und Plattform für Bauern) gegründet. Das sind wichtige Themen für Afrika, die demnach auch von vielen NGOs gefördert werden. Sie alle helfen der afrikanischen Bevölkerung bei der Entwicklung selbstbestimmter, besserer Lebensverhältnisse. Hier werden Hilfeempfänger zu Kunden, Kinder zu Digital Natives und die Unabhängigkeit wird durch den Zugang zu Informationen gestärkt. Junge, ambitionierte und gut ausgebildete Afrikaner wollen keine Spenden, sondern günstige Kredite, Investitionen und die Freiheit, endlich ihr eigenes Geld mit ihren eigenen Ressourcen, Ideen und ihrem Know-How verdienen zu können.

 

„Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“ – Dr. Wilson Ugangu

 

Das wiederum zieht das Interesse großer internationaler Firmen auf sich. Die meisten Apps sind jedoch speziell für afrikanische Interessen entwickelt worden, der Erfolg vor Ort kann also meist nicht einfach auf andere Länder übertragen werden. Doch die Global Player erkennen trotzdem langsam das Potenzial, das in Afrikas Tech Scene steckt. Facebook, IBM, Google – sie alle gründen nicht mehr einfach nur Sales Shops sondern beginnen größere Investitionen zu tätigen, z.B. in Form von Research and Development Centern. Sie haben also nicht nur einfach eine Hoffnung, hier handelt es sich um klare Businesserwartungen. Jetzt gilt es nur das Wissen in Afrika zu halten und sich nicht von ausländischen Angeboten überrollen zu lassen. Denn so wichtig externe Investitionen sind, so gefährlich sind sie vor allem für kleinere Unternehmen in der Startphase, deren Ideen aufgekauft werden und im globalen Konzern verschwinden oder die erst gar nicht zum Zug kommen, weil die Investoren ihre Nische besetzen. Hier wäre es eigentlich an den jeweiligen Regierungen, diese afrikanischen Ressourcen zu schützen und die landeseigene Wirtschaft müsste ebenfalls in die Geschäfte einsteigen. In Kenia ist dies jedenfalls bis jetzt noch deutlich zu selten der Fall.

„No connection to the grassroots“: Die Technik-Elite der Hubs

Wie bei allen Techies findet man auch hier eine bunte Mischung aus Programmierern, Wirtschafts- und Informatikstudenten oder andere junge Nerds mit den entsprechenden Kenntnissen. In den Hubs, die als Inkubatoren für neue Ideen dienen sollen, treffen sie dann nicht nur auf Gleichgesinnte sondern auch auf Investoren für ihre Ideen. Grundvoraussetzung um Teil dieser Community zu werden, ist natürlich eine gute Ausbildung. Hier gibt es in Kenia allerdings immer noch große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsschichten und ein starkes Stadt-Land Gefälle was Bildung und damit auch den Wohlstand angeht.

Dr. Wilson Ugangu ist entsprechend skeptisch und stellt die Frage in den Raum: „Was passiert eigentlich außerhalb von Silicon Savannah?“ Er sieht in den Gründern eine Art Elite, die wenig mit der übrigen Bevölkerung zu tun hat. Während sie sich in ihren schicken Büros in der Hauptstadt treffen, lernen Kinder auf dem Land noch im Freien Lesen und Schreiben. Auch Prof. Dr. Martin Emmer beurteilt den Trend kritisch, dass nicht nur junge Afrikaner in den Hubs tätig sind sondern auch internationale Geeks regelmäßig Abstecher nach Nairobi machen. Der globale Austausch ist natürlich sinnvoll und richtig. Wenn dann aber beispielsweise hippe Technikfreaks aus Stanford nach Nairobi jetten, um für zwei Wochen im angesagten iHub zu arbeiten, werden sie sicherlich nicht ausreichend mit der übrigen, sehr viel facettenreicheren Bevölkerung Nairobis außerhalb der Hubs in Kontakt kommen.

Chancen durch eigenes Know-How

Alles in allem lässt sich trotzdem eine positive Bilanz für die Digitalisierung in Kenia ziehen. Die IT-Branche wächst rasant, die digitale Infrastruktur verbessert sich immer mehr und das Land kann erprobte Technologien aus dem Ausland nutzen und so erheblich Zeit und Ressourcen sparen. Die Kenianer sind gleich ins mobile Zeitalter gesprungen und können auf spezielle Anwendungen für ihre Bedürfnisse zurückgreifen. Wichtig ist nun, dass die technische Elite den Kontakt zur Bevölkerung nicht verliert oder sich das Land von großen globalen Investoren überrumpeln lässt. Auf die Regierung scheint man sich dabei wenig verlassen zu können. Sie hat – abgesehen von ein paar hehren und vor allem prestigeträchtigen Zielen wie Konza City – noch wenig zum Schutz oder der Stärkung ihrer wertvollen Wissens-Ressourcen beigetragen. Glaubt man den Experten, wird sich daran auch nicht viel ändern. Hoffnungen und Sorgen vereinen sich also gleichermaßen in den ausländischen Investoren und technologischen Zentren wie der Silicon Savannah. Es bleibt nun an den Kenianern selbst, ihr Land durch ihr Know-How voranzutreiben. Und wer weiß: Manche handeln Afrika auch schon als den nächsten großen Markt nach Indien und China.

 

  • Ein Stück Kalifornien in Kenia: Der Name Silicon Savannah zeichnet die Hauptstadt Nairobi als IT-Zentrum aus.

  • Wo alles begann: Das iHub ist das Herzstück des Silicon Savannah. Hier feilen Jungunternehmer an ihren Startup-Ideen – Co-Working-Spaces, freies WLAN und Kaffeebar inklusive.

  • Eine Klasse übersprungen: Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels 2009 startete Kenia sofort ins digitale Zeitalter durch.

  • Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung prägen die Entwicklung von Kenias erfolgreichsten Apps wie das Krisen-Crowdsourcing-Programm Ushahidi …

  • … oder die Geldtransfer-App M-Pesa, die mittlerweile zum bestbekannten Beispiel für Kenias Technik-Fortschrittlichkeit geworden ist.

  • Chance oder Abschottung? Die Hubs könnten kenianischen IT-Talenten Jobs verschaffen oder aber eine neue Technik-Elite herausbilden.

  • Positive Bilanz: Die stetig zunehmende Digitalisierung und innovative Startups haben Kenia bereits erfolgreich zu mehr Eigenentwicklung verholfen.

Weniger Stereotype wagen

Die Berichterstattung über afrikanische Länder ist nach wie vor von Stereotypen geprägt. Bereits die Ausbildung kann darüber entscheiden, ob und wie junge Journalisten für die Problematiken der Afrika-Berichterstattung sensibilisiert werden.

Ein Gedankenexperiment: „Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie Begriffe, die Sie mit Afrika verbinden.“ In der beliebten Spielshow „Familien Duell“ mussten in den 90er Jahren Familien die häufigsten Antworten auf eine Frage erraten, die zuvor 100 Personen gestellt worden war. Was wären wohl die Antworten? Vermutlich eher Begriffe wie Hunger, Armut, Aids oder Kriege und wohl weniger Kultur, Vielfalt oder Wachstum.

Es ist erstaunlich, dass das Bild des Kontinentes Afrika nach wie vor von negativen Stereotypen dominiert und verzerrt wird, schließlich gehören mehrere afrikanische Länder zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Zudem weckt die rasante Digitalisierung in Ländern wie Kenia das Interesse von Investoren (z.B. in der„Silicon Savannah“).

Warum bleibt Afrika in den westlichen Köpfen trotz alledem der „K-Kontinent“ – geprägt von Krisen, Katastrophen, Kriegen, Krankheiten? Einer der Sündenböcke sind sicherlich die Vorurteile in den Redaktionen. „Die Journalisten sagen häufig: ‚Für Afrika interessieren sich die Menschen bei uns nicht so sehr. Also müssen wir die Geschichten erzählen, bei denen man an Vorerwartungen anknüpfen kann‘“, meint Markus Behmer, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg. „Und genau deshalb, weil die Medien immer das gleiche und insgesamt nicht viel über Afrika berichten, interessieren sich die Leute nicht so sehr dafür.“ Ein verhängnisvoller Kreislauf.

(K)eine Afrika-Expertin

Sich als Afrika-Expertin zu bezeichnen findet Isabel Pfaff ein wenig vermessen, dennocherfüllt die Redakteurin im Ressort Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung intern genau diese Rolle. „Wir sind faktisch zwei Leute, die schwerpunktmäßig zu Afrika arbeiten in der Zeitung. Da fungieren wir halt erst einmal als Afrika-Experten, auch wenn wir uns in viele Dinge erst einmal einarbeiten müssen“, erklärt Pfaff. „Ich fände es auch besser, wenn es anders wäre: Wenn ich zum Beispiel Ost-Afrika-Expertin wäre, aber die deutsche Medienwelt funktioniert in Bezug zu Afrika leider so.“ Die Berichterstattung abseits der K-Themen gestaltet sich schwierig:

„Es ist schwierig. Einerseits, weil wir diese Klischees haben in Deutschland und auch in der Redaktion. Es ist aber auch deshalb schwierig, weil auf diesem großen Kontinent diese Dinge auch weiterhin passieren. Als Journalistin will ich die Leute auch nicht hängen lassen, die unter diesen Situationen leiden – und die Situationen gibt es.“ – Isabel Pfaff, Süddeutsche Zeitung

„Das heißt natürlich nicht, dass das überall so ist. Genauso muss man Artikel darüber schreiben, dass sich viele Dinge verbessert haben. So sollte man es flankieren“, fügt Pfaff hinzu. Das nötige Hintergrundwissen kann sie unter anderem aus ihrem Afrikanistik-Studium beziehen. Doch nicht jeder Journalist, der über Afrika berichtet, hat sich mit der Thematik wissenschaftlich auseinandergesetzt. Manchmal seien diese Korrespondenten jedoch genau deswegen gut in ihrem Job. „Sie schauen mit einem ganz unbedarften Blick auf die Themen und das stört mich als Fachfrau dann vielleicht, weil ich oft das Gefühl habe, dass es verzerrend oder gar falsch ist, aber für Nicht-Experten funktioniert dieser Ansatz wohl besser“, erklärt Pfaff. Ihr Afrikanistik-Studium sei trotzdem eine wichtige Ausbildungsstation gewesen. „Ich weiß inzwischen, dass das einem die Arbeit nicht unbedingt erleichtert, weil man viele Schattierungen sieht, die letztlich nicht im Artikel landen können. Von daher: Es ist vielleicht der richtige Weg, aber es ist auch ein steiniger.“

In der Ausbildung Bilder korrigieren

Petra Kohnen (2. v. l.) arbeitet mit Studierenden aus aller Welt.

Wie also sieht die perfekte Ausbildung aus, um angehende Journalisten für die Probleme der Berichterstattung über Afrika zu sensibilisieren? Markus Behmer betont, wie wichtig es ist, dass Studierende sich mit Menschen aus afrikanischen Ländern austauschen und Netzwerke aufbauen, die sie auch nach ihrem Studium noch nutzen können. „Die Hoffnung besteht, dass es viel stärker wirkt, wenn man Menschen im direkten Gespräch begegnet, als wenn man nur etwas darüber liest.“ Bereits seit 15 Jahren sei genau das der Anspruch der Bildkorrekturen-Tagung. Zudem können Reisen in die jeweiligen Länder helfen stereotype Bilder zu korrigieren. Das weiß auch Petra Kohnen, die Leiterin der Internationalen Studienprogramme der Deutschen Welle Akademie: „Wir haben deutsche Studierende, die immer sehr überrascht sind, wenn wir zum Beispiel nach Ägypten gehen und dort die Umwelt eine sehr geringe Rolle spielt. Wir denken, dass wir unsere Umweltstandards mit rüberbringen. Das ist auch ein Bild, welches wir korrigieren müssen: Dass die darauf jetzt nicht gerade gewartet haben…“

Hauptsache digital?

Auch wenn im Internet unzählige Informationen über afrikanische Länder nur einen Klick entfernt sind, darf der direkte Kontakt mit den Menschen vor Ort nicht fehlen. Dennoch hat die Digitalisierung sowohl die Arbeit der Redakteure als auch die Ausbildung dazu verändert. Isabel Pfaff denkt, dass die Digitalisierung helfe, Stereotype zu vermeiden: „Schon allein, weil man viel öfter Afrikaner sprechen lassen kann als es sicher vorher der Fall war.“ Trotz der Informationsfülle befürchtet sie nicht, dass nur noch in sozialen Medien wie Twitter und nicht mehr vor Ort recherchiert wird: „Das ist in Bezug auf Afrika Unsinn, weil es ja nicht so war, dass wir früher zehn Leute auf dem Kontinent hatten, die Berichterstattung vor Ort gemacht haben, sondern wir hatten genauso wie jetzt eine Person und die hatte damals nicht diese ganzen Quellen zur Verfügung, die es heute gibt.“ Vielmehr helfen die sozialen Medien, schneller an afrikanische Haltungen und Meinungen heranzukommen.

Ein Heimspiel für angehende Journalisten, die sich zu der Generation der Digital Natives zählen dürfen? „Man kann die modernen Medien dazu nutzen, um dann tatsächlich zu verifizieren, ob Strategien, ob politische Agenden und so weiter tatsächlich so umgesetzt werden“, erklärt Kohnen. Dennoch sei es wichtig, dass die Studierenden lernen Inhalte aus dem Netz auf ihre Echtheit und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenn die jungen Redakteure soziale Medien als Informationsquelle nutzen, ist es folglich enorm wichtig kritisch zu bleiben.

„Die digitalen Medien sind manchmal eher dazu geneigt Stereotype zu verfestigen, weil viele sich in ihren Filter-Bubbles und ihren Echo-Räumen bewegen.  Aber die Chance ist zumindest da: Die Chance, dass andere Stimmen laut werden – gerade in Staaten, wo wenig Medienfreiheit ist.“ – Markus Behmer, Universität Bamberg

Mit Filter-Bubbles und Echo-Räumen ist gemeint, dass Algorithmen in den sozialen Medien nur die Inhalte einblenden, die den Nutzer vermeintlich interessieren. Dadurch wird das eigene Informationsspektrum eingeengt und andere Meinungen können untergehen. Die sozialen Medien werden zu Echo-Kammern, in denen Gleichgesinnte ihre Auffassungen wie ein Echo zurückbekommen. Gleichzeitig betont Behmer aber auch, dass es in vielen Staaten Afrikas eine lebendige Blogger-Szene gebe und so auch neue Stimmen Gehör fänden. „Die brauchen allerdings Verstärker. Die Verstärker müssen wiederum die Leitmedien sein. Damit über diese Medien dann eben wieder berichtet wird und das dann wiederum an die Ohren mehrerer Menschen kommt.“

Das von Stereotypen geprägte Afrika-Bild mag in vielen westlichen Köpfen allzu tief festsitzen. Doch eine geeignete Ausbildung der Journalisten ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Auch Projekte wie „Journalism in a Global Context“ oder „JournAfrica!“ wollen das Afrika-Bild korrigieren.

Der Mensch hinter dem Text oder Journalisten im digitalen Zeitalter Ein Überblick über die Geschichte des Journalismus und über die Personalisierung der Journalisten mit Stimmen der Tagung.

Das 20. Jahrhundert hat den Journalismus verändert: Mit dem Radio etablierte sich ab 1920 das erste elektronische Massenmedium, ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts boomte das Fernsehen. Seit Mitte der 1990er Jahre revolutionierte das Internet die Informationsübertragung und damit auch den Journalismus. Inzwischen ist das Netz dank Smartphones mobil überall verfügbar, der permanente Internetzugang verändert unsere Mediennutzung. Die neuen Medien ziehen dadurch auch in den Journalismus ein: Ganze Zeitungen sind bei Facebook vertreten, amerikanische Moderatoren haben einen eigenen Youtube-Kanal und Reporter tweeten aus der ganzen Welt.

Dadurch veränderte sich zwangsläufig auch die Rolle des Journalisten. Die Aufgabe eines Journalisten besteht darin, für die Allgemeinheit politisch, wirtschaftlich und kulturell relevante Sachverhalte durch professionelle Beobachtung öffentlich zu machen. Diese Veröffentlichung findet auf andere Art und Weise statt als noch im letzten Jahrhundert. Inzwischen ist sie aktueller und kurzlebiger. Konsumenten nutzen nicht mehr ausschließlich die Zeitung, sondern greifen auf andere Medien zurück. Bei tagesaktuellen Ereignissen nutzen die Menschen vor allem das Fernsehen als Informationsquelle. Um sich über ein (selbst-)bestimmtes Thema zu informieren, löste das Internet 2014 das Fernsehen als Hauptinformationsquelle ab. Die Erwartungshaltung der Konsumenten zeichnet sich hierbei deutlich ab: die Menschen nutzen zunehmend die schnelllebigen Medien des 21. Jahrhunderts.

© IfD Allensbach.

© IfD Allensbach.

Vor allem Tageszeitungen blicken daher einer schweren Krise entgegen. Während im Jahr 2000 noch 54,4% der 20- bis 24-Jährigen Tageszeitungen lasen, sank die Anzahl bei derselben Zielgruppe 2015 auf 28,9%. Die Prognose ist, dass dieser Anteil weiter sinken wird.

© IfD Allensbach

Die Digitalisierung ermöglicht neben rascher Informationsgewinnung, beispielsweise in Form von Live-Berichterstattungen, auch eine zunehmende Beteiligung der Nutzer: Anrufe, Kommentarfunktionen und ganze Internet-Portale ersetzen den Leserbrief. Stichwort hierbei ist der Begriff „user-generated-content“, welcher im Zusammenhang mit dem World Wide Web entstand. Er bezieht sich vor allem auf Portale wie Wikipedia, Youtube und MySpace, in denen die Nutzer eigene Inhalte kreieren können. Diese Portale und soziale Netzwerke wie Facebook bringen neben den Vorteilen, die eigene Meinung aktiv zu verbreiten und sich besser über verschiedene Themen austauschen zu können, auch Nachteile mit sich. Im Rahmen der US-Präsidentenwahl 2016 wurden sogenannte „Fake News“ via Facebook geteilt. Nutzerkonten von angeblichen Nachrichtenportalen berichteten, dass verschiedene Prominente den republikanischen Kandidaten und späteren Präsidenten Donald Trump wählen würden. Wohingegen man seiner Konkurrentin, der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton, Satanismus und Phädophilie vorwarf.  Problematisch ist hierbei, dass fast 44% der Amerikaner Facebook als Nachrichtenquelle nutzen.

Vor dem Internet fabrizierten die Journalisten diese „Fake News“ noch selbst – in Form von Zeitungsenten, die sie in der nächsten Ausgabe wieder korrigieren konnten. Heute kann theoretisch jeder Nutzer sozialer Medien „Fake News“ dauerhaft generieren und große Menschenmengen damit beeinflussen. Auch Journalisten lassen sich daher von „Fake News“ in die Irre führen. Das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Leser-Beiträgen verschwimmen.

Der Künstler Andy Warhol sagte 1968: „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“. Diese Aussage wird heutzutage oft auf das Internet und die Möglichkeit jedes Individuums dort reichweitenstarke Inhalte einzustellen bezogen. Es stellt sich die Frage, ob auch der Journalist als Mensch hinter seinen Texten hervortreten sollte, um sich mit seiner Berichterstattung von der Masse abzuheben und persönlich zu berichten – via den neuen Medien.

Ein gutes Beispiel für einen persönlich bekannten Journalisten ist Richard Gutjahr. Der Journalist,  Moderator und Blogger ist der Meinung, dass man heutzutage auf Social Media nicht mehr verzichten könne, da dort die Informationen wesentlich schneller zugänglich seien. Einer großen Öffentlichkeit wurde er als weltweit erster Mensch mit einem iPad bekannt: 2010 stand Gutjahr dafür 23 Stunden vor einem Apple Store an. Er wollte wissen, worin die Faszination liegt wegen einem Produkt zu campieren. Es folgten weitere Liveberichte während des arabischen Frühlings in Kairo und den Terroranschlägen in Nizza und München. Auf einem Vortrag in Hamburg sprach er davon, dass man als Journalist neugierig bleiben muss und niemals vor Neuem zurück schrecken sollte – zu diesem Zeitpunkt testete er gerade Snapchat als Medienkanal.

„Das Internet ist eine natürliche Fortschreibung dessen, was wir Menschen von jeher getan haben: uns informiert und Geschichten erzählt. Bei den klassischen Medien hat mir da etwas gefehlt: der Rückkanal. Der ist jetzt da und wir wissen noch gar nicht so genau, was wir mit diesem Geschenk anfangen wollen und können. Wir tasten uns derzeit alle voran, um das herauszufinden. Ich sehe mich als Journalist geradezu in der Pflicht, mich auf diesem Feld weiterzuentwickeln. Schließlich sind Informationen das, womit wir unser Geld verdienen.“ (Richard Gutjahr im Gespräch mit t3n)

Das Hervortreten hinter dem Bericht liegt allerdings nicht zwangsläufig in den Händen des Journalisten. Die ZEIT veröffentlichte 2015 in ihrem Magazin ein Porträt des Tagesthemen-Moderators Ingo Zamperoni. Er war zu diesem Zeitpunkt als ARD-Korrespondent in Washington und kehrte im Herbst 2016 zu den Tagesthemen zurück. Seitdem ist er gemeinsam mit Caren Miosga Hauptmoderator der Sendung. Bevor er zum ersten Mal nach seiner Rückkehr moderierte, diskutierte die Tagesschau über seinen Schlusssatz – die Zuschauer reichten Vorschläge ein. Ingo Zamperoni will nach eigenen Aussagen die Nachricht im Mittelpunkt sehen, dennoch ist er ein beliebter Journalist und man berichtet über ihn.

Auf der Bildkorrekturen-Tagung äußern sich die eingeladenen Journalisten überwiegend negativ zur Personalisierung des Journalisten.
Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Isabell Pfaff arbeitet seit 2014 im Afrika-Ressort. Die Digitalisierung Afrikas vereinfacht den Zugang zu Informationen über aktuelle Ereignisse auf dem Kontinent. Sie spricht sich gegen eine Personalisierung aus, da diese von der Botschaft ablenke. Dennoch habe jeder Journalist Haltungen und diese werden von den Lesern auch in Form von Meinungsbeiträgen eingefordert. Die neuen Medien nutzt sie größtenteils nur als Journalistin, nicht als Privatperson.

„Ich habe erst als Journalist angefangen, Twitter und Facebook zu nutzen. Ich habe das vorher abgelehnt und nutze es auch nur beruflich. Ich twittere nur Dinge, die mit meinem Themengebiet zu tun haben. Ich habe kein Interesse daran, mich stark als Privatsperson darzustellen. […] Ich glaube, man kann das schon relativ gut trennen und viele Journalisten machen das auch. Ich bin eher gegen eine Personalisierung. Es lenkt von der Botschaft ab.“ (Isabell Pfaff)

Der Journalist und Fotograf Niko Wald betreibt seit 1999 einen eigenen Blog. Er schrieb für Non-Profit-Organisationen und arbeitet inzwischen für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in der strategischen Kommunikation. Für ihn schließt journalistisches Arbeiten persönliche Bindung zu dem jeweiligen Thema aus.

„Wenn man persönlich zu sehr  in einem Thema involviert ist, kann man journalistisch daran nicht arbeiten.“ (Niko Wald)

Eine gegensätzliche Meinung findet man bei der Tagungsteilnehmerin Brigitte Isaac. Die syrische Journalistin lebt seit einigen Jahren im Exil. In Deutschland kann sie zum ersten Mal frei ihre Meinung äußern. Das war in Syrien nicht möglich. Sie sagt, dass Journalismus objektiv sein sollte, dies aber nicht bei jeder Thematik möglich sei. Botschaften seien oftmals subjektiv. Wenn sie über Syrien spreche, hätte sie auch Gefühle über Syrien.

„If I talk about Syria, I have feelings about Syria.“ (Brigitte Isaac)

Bisher gibt es noch keine klare Prognose, wie der zukünftige Journalismus aussieht und welche Formen die Berichterstattung annehmen wird. In der heutigen Gesellschaft können sich Individuen persönlich entfalten und sich der Welt mitteilen. Es bleibt offen, ob auch im Journalismus eine Personalisierung relevant wird oder ob der Mensch hinter den Text tritt und nur die Nachricht im Vordergrund stehen sollte. Im Bezug auf „Fake News“ könnte die Personalisierung durchaus positiv ausfallen: die Informationen lassen sich leichter der Quelle zuordnen. Eine Personalisierung könnte allerdings auch von der eigentlichen Nachricht ablenken und würde nur eine bestimmte Berufsgruppe repräsentieren: im Bezug auf unsere Tagung wären dies afrikanische und europäische Journalisten. Die Digitalisierung beschleunigt die Informationsbeschaffung. Trotz dieser Entwicklung muss der Journalismus auch zukünftig professionell und authentisch bleiben. Dies bringt Jochen Spangenberg in seiner Keynote auf den Punkt: „Get it first, but first get it right.“

„Mittendrin statt nur dabei“ Ein Einblick in die Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Live-Berichterstattung

Wie funktioniert Live-Berichterstattung auf Social Media-Kanälen? Was muss wann gepostet werden und wer ist für was zuständig? Bei den Bildkorrekturen hat die Deutsche Welle Akademie diese Aufgaben übernommen.

Bildkorrekturen 2016: Eine Konferenz mit vielen Inputs und Eindrücken, über die es zu berichten lohnt. Berichterstattung war die Aufgabe der teilnehmenden Studierenden – ob vor, während oder nach der Veranstaltung. Die Dozentin der Deutschen Welle Akademie Petra Kohnen, die Trainerin Patricia Noboa und der Student Arnold Cosa erzählen, worauf es bei der Live-Berichterstattung ankam, welche Rahmenbedingungen es gab und welchen Herausforderungen die Studierenden gegenüberstanden.

Post Noboa

Die Bildkorrekturen Konferenz 2016 geht live.

 

#Vorarbeit

„Die Aufgaben wurden im Vorfeld verteilt und mit mir vorbereitet. Wichtig war, dass jeder eine Rolle auf der Konferenz hat“, so Kohnen. Im Rahmen des Moduls Projektmanagement wurde die Konferenz angegangen und vorher erarbeitet, wie die Inhalte aussehen könnten und was bereits vorab gepostet werden kann. Kohnen betont, dass es ein festgelegtes Konzept und eine klare Rollenstruktur gab. Daneben war die Social Media-Vernetzung mit den anderen teilnehmenden Studierenden bereits vor der Konferenz besonders wichtig – gerade beim diesjährigen Thema Digitalisierung.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

 

#Inhalte

Inhaltlich wurden nicht nur die Panels und Keynotes abgedeckt, sondern in Form von „bunten Beiträgen“ auf Facebook vor allem auch das Zusammentreffen mit anderen Studierenden und die Atmosphäre aufgegriffen. Auf der Website kamen die Hauptthemen zur Sprache, dazu wurde getwittert und Bilder auf Instagram gepostet, die Panels im Vorfeld angekündigt und festgehalten, an welchem Punkt des Programms die Teilnehmer gerade waren. Ziel war dabei, möglichst viele Leute auf der Konferenz zu erreichen. Um dies möglichst reibungslos zu gestalten, wurden die Studierenden der DW Akademie in Teams eingeteilt, die jeweils ein Aufgabengebiet zugewiesen bekommen hatten: Webmastering, Fotografie, Live-Videos, Tagesberichte für die Website und Entertainment-Videos. Trainerin Patricia Noboa betont, dass neben der (nüchternen) inhaltlichen Aufarbeitung gerade bei den Videos im Mittelpunkt stand, die „andere Seite“ der Konferenz zu beleuchten: Den menschlichen Teil, das Miteinander und die Emotionen der vielen Studierenden verschiedener Universitäten und Institutionen. Zusätzlich bestand durch die Live-Berichte auch für andere Interessierte, die nicht anwesend sein konnten, die Möglichkeit an der Konferenz indirekt teilzuhaben und so „mittendrin statt nur dabei“ zu sein.

Die andere Seite der Tagung.

 

#Vorgaben und #Ziele

Ein Ziel war es, mit der Berichterstattung eine große Reichweite der Beiträge zu erzielen. Das gelingt digital „eher durch Social Media, nicht so sehr durch Klicks auf der normalen Webseite“ (Petra Kohnen). Auch Kritik war willkommen – sei es über das Essen oder die Lautstärke. Zusätzlich zu den offiziellen Accounts von Bildkorrekturen, sollten auch die privaten genutzt und Retweets erzeugt werden. Grundsätzlich wurde Wert auf gute Bildunterschriften und die Benutzung der vorher festgelegten Hashtags #bildkorr16 und #digidev gelegt. Durch die Hashtags war es auch anderen thematisch Interessierten möglich, an den Diskussionen teilzuhaben. Außerdem sollten in den Posts und Tweets provokante Sätze und Statements der Vortragenden und des Publikums aufgegriffen und zur Diskussion angeregt werden.

Nico Wald twittert über Stereotype in Afrika.

Via Twitter werden Statements zitiert: Nico Wald im Kenia-Panel.

Auch auf Facebook werden Zitate der Vortragenden gepostet.

 

#Herausforderungen

Bei der Online-Berichterstattung ist eine funktionierende Internetverbindung Voraussetzung, was im Konferenzverlauf nicht immer der Fall war. Dazu bestand die Schwierigkeit, gute Filme in kurzer Zeit zu drehen und zu schneiden: „Wenn kein Qualitätsanspruch da wäre, wären die Videos jetzt schon hochgeladen. So dauert es doch ein bisschen länger“ (Arnold Cosa).

#Networking

Trotz der Herausforderungen wurden durch die Online-Live-Berichterstattung besonders die anderen Teilnehmer animiert, in Echtzeit zu posten, zu kommentieren, zu diskutieren und Teil der „bunten Beiträge“ zu sein.

Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel „Top Tweeties“:

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Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel "Top Tweeties".
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Kriege, Krisen, Krankheiten? Taucht Afrika in europäischen Medien auf, handelt es sich meist um Negativ-Nachrichten. So vermitteln einseitige, oft fehlerhafte Darstellungen ein verzerrtes Bild des schwarzen Kontinents. Umgekehrt weist die Berichterstattung afrikanischer Medien über Deutschland und benachbarte Länder große Mängel auf. Das Projekt „Journalism in a Global Context“ soll dies zukünftig verbessern.

Die Idee ist einfach: Afrikanische und deutsche Journalismus-Institute sollen miteinander vernetzt werden, um den Austausch zwischen Afrika und Europa zu fördern. Auf deutscher Seite beteiligen sich das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund und das Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Zusammen mit dem Verein Africa Positive planen sie eine webbasierte Plattform.Dort sollen afrikanische und deutsche Nachwuchsjournalisten gemeinsam an Beiträgen arbeiten, die sich vor allem mit der Situation von Migranten auf dem Weg nach Europa und der Lebensrealität in Deutschland beschäftigen. Dies geschieht im Rahmen universitärer Kurse. Indem die Studierenden unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, wird der Blick über den Tellerrand und damit eine professionelle Auslandsberichterstattung gefördert. Zudem soll die Plattform die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre unterstützen.

Medien bedienen Stereotype

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird das Informationsdefizit über afrikanische Länder besonders deutlich. Europäische Medien fokussieren vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf das Inland und die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union. Fluchtursachen und -motive blenden sie meist aus. „Die Flüchtlingswelle wird mit Hunger und Krieg erklärt. Dabei liegen die Ursachen viel tiefer – korrupte Regierungen, internationale Multis, die die Rohstoffe der afrikanischen Länder ausbeuten, und die globale Waffenindustrie tragen massive Mitverantwortung“, kritisiert Eric Chinje, Präsident der African Media Initiative. Die Medien berichten oftmals vereinfachend – sie bedienen weitverbreitete Stereotype, die den Lesern vertraut sind. Afrika wird meist mit Kriegen, Krisen und Krankheiten in Verbindung gebracht – die Flüchtlingskrise bildet dabei keine Ausnahme.

„Stereotype sind notwendig, um Komplexität zu reduzieren. Nur werden diese in den Medien zu wenig hinterfragt. Es ist einfach, in eingefahrenen Gleisen weiterzufahren. Die Gleise zu verlassen, bedeutet viel Aufwand.“
Markus Behmer, Professor an der Universität Bamberg und Mitbegründer des Projekts

Ferner bleibt die Migration innerhalb des Kontinents weitgehend unbeachtet, denn die meisten Menschen fliehen in angrenzende Nachbarländer. Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen lebten 2014 neun von zehn Flüchtlingen in Entwicklungsländern.

Teil der Problematik ist auch die geringe Zahl westlicher Korrespondenten; so ist häufig nur ein Reporter für 33 afrikanische Länder zuständig.

„Die Afrikaner kennen Afrika nicht“

In Afrika fehlt es bei der Auslandsberichterstattung an einer entsprechenden Ausbildung der Journalisten. Wird über andere Länder informiert, dienen oft internationale Nachrichtenagenturen oder ausländische Fernsehprogramme wie die BBC als Quelle. „Die Afrikaner kennen Afrika nicht. Weniger als ein Prozent der Inhalte thematisiert andere afrikanische Länder”, so Eric Chinje bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Dabei wäre eine intensive Beschäftigung mit den Nachbarländern Voraussetzung für wirtschaftliche Zusammenarbeit und politischen Austausch. Die Defizite in der Berichterstattung sind somit mitverantwortlich, dass innerhalb Afrikas kaum Überlegungen zu Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der Flüchtlingskrise vorhanden sind. Die Artikel der Studierenden beschäftigen sich auch mit diesen Themen. Sie werden einer großen Leserschaft zugänglich gemacht, schließen so Informationslücken in der afrikanischen Bevölkerung und verbessern daher auch die Vernetzung innerhalb des Kontinents.

Falsche Hoffnungen an Europa

Außerdem zeigen viele afrikanische Medien nur Ausschnitte aus der Realität des Lebens in Europa. Da sie ihren journalistischen Aufgaben nicht gerecht werden, haben sich soziale Medien zu einer wichtigen Informationsquelle entwickelt. Bilder von Bekannten, die in Deutschland angekommen sind, ermutigen so den ein oder anderen, selbst zu fliehen. Es entsteht ein Teufelskreis aus mangelhafter Ausbildung, defizitärer Berichterstattung und Flucht. Hier setzt „Journalism in a Global Context“ an mehreren Punkten an: Zum einen thematisieren die Beiträge der Studierenden das Leben in Deutschland und Alternativen zur Flucht; zum anderen fördert das Projekt die journalistische Ausbildung junger Afrikaner, um eine differenziertere Berichterstattung auch langfristig sicherzustellen.

Sklavenarbeit für unseren Fortschritt Die Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ beschäftigt sich mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen, unter denen seltene Erden für Haus- und Heimelektronik gewonnen werden. Regisseur Tilman Achtnich zeigte den Film bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Die anschließende Diskussion sorgte für Aufregung.

Als der Film beginnt, haben wir schon einen langen Tag hinter uns. Wir möchten an den Feierabend denken; stattdessen fragen wir uns nun, wo die Metalle in unserer Elektronik überhaupt herkommen. Doch das ist schnell vergessen. Die Dokumentation nimmt uns mit in die Minen Boliviens und des Kongo. An vielen Stellen wird mit Handkamera gefilmt, sodass man zeitweise das Gefühl hat, selbst im engen Tunnel mit dabei zu sein. Wir hören die Geschichten der Stollenarbeiter, die tagtäglich für unseren Wohlstand schuften. Spätestens als die Bolivianerin Christina aus ihrem Leben erzählt, ist jeder im Saal betroffen.

Seit Napoleon hat sich nicht viel geändert

Die Nachfrage nach billigen Computern oder Handys ist groß – allein wir Deutschen kaufen pro Jahr zwei Millionen Tonnen Elektrogeräte. Doch kaum einer kennt die Kehrseite des technischen Fortschritts. Im Großteil der Geräte stecken Metalle, deren Herkunft kein gewissenhafter Verbraucher gutheißen kann. In Asien, Afrika und Südamerika graben Kleinschürfer Zinn, Wolfram, Tantal und andere Metalle aus der Erde. Rund 100 Millionen Menschen arbeiten in solchen Minen – oft illegal, unkontrolliert und unter unmenschlichen Bedingungen.

Christina Aruquipa zertrümmert Steine auf 4.300 Metern Höhe.

In den Anden Boliviens wird Wolfram gefördert. Auf 4.300 Metern Höhe ist es feucht und kalt. „Wir haben alle Rheuma“, erzählt ein Arbeiter. Weil es so staubig ist, sterben viele an Lungenleiden. Vor allem aber kommt zu wenig Geld bei den Menschen an. Von anständigen Löhnen sind sie weit entfernt. Alternativen gibt es keine – „Wir sind Sklaven unserer Armut“, stellen sie fest. Mutter Christina muss fünf Kinder über die Runden bringen. Sie wünscht sich, dass es ihnen einmal besser ergeht.

Clément Valuna und seine Kollegen holen Gold und andere Metalle aus dem Berg.

Auch in den Goldminen des Kongo ist die Arbeit oft lebensgefährlich. Der Abbau geschieht hier illegal – ohne Recht und Gesetz. Militär, Polizei und Behörden verlangen willkürliche Abgaben. Clement und seine Familie wollen weg, doch sie sind hoch verschuldet. Krieg und Bergbau sind hier eng verwoben: Große Teile des Gewinns aus dem illegalen Schmuggel fließen in die Finanzierung von Soldaten und Waffen. Indem wir das Geschäft mit den Bodenschätzen unterstützen, beteiligen wir uns folglich nicht nur an der Ausbeutung, sondern auch am Bürgerkrieg in vielen zentralafrikanischen Staaten. „Wir alle stehen in der Verantwortung“, so Achtnich nach dem Film.

 „Was kann man tun?“

… lautet die Frage aus dem Publikum. Das lässt sich nicht so einfach beantworten. „Ein Allheilmittel gibt es nicht!“, so der Filmemacher. In Amerika herrschen beispielsweise viel schärfere Gesetze. Jeder Hersteller muss nachweisen, dass keine Konfliktminerale für seine Geräte verwendet werden. Das Gesetz führte jedoch dazu, dass über Nacht die Produktion einbrach und unzählige Menschen ihren Job verloren. Die Folge: Es wurde noch mehr geschmuggelt, der illegale Handel wurde noch befördert.

Deutschland setzt deshalb auf Veränderungen vor Ort. Der Geologe Uwe Näher versucht im Kongo, den Bergbau zu legalisieren und zu verhindern, dass sich die Militärs weiterhin daran bereichern.  Die Mine Kalimbi dient als Pilotprojekt. Das Entwicklungsvorhaben der Bundesrepublik garantiert erstmals Mindeststandards in den Bereichen Sicherheit und Lohn. Bisher stellt fair gehandelte Elektronik jedoch nur eine kleine Nische des Marktes dar. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Fair-Phone. Bezeichnend für den aktuellen Stand: Im Publikum besitzt unter 80 Zuhörer*Innen gerade einmal einer dieses Smartphone.

„Der politische Weg ist eigentlich der Beste, aber darauf können wir lange warten“, schätzt Achtnich die Lage ein. Deshalb könne der Druck nur von den Verbrauchern kommen. Ein Anfang sei, nur alle zwei oder vier Jahre ein neues Handy zu kaufen. Zudem müsse mehr auf Recycling gesetzt werden, anstatt die Metalle billig aus Entwicklungsländern zu beziehen.  „Eine Mine, die nichts absetzt, kann nicht mehr betrieben werden. Dann müssen andere Modelle gefunden werden“. Doch ganz sicher scheint Achtnich selbst nicht zu sein, ob dies der richtige Weg ist. Zumindest ein Punkt steht außer Frage: Irgendwo muss man beginnen.

„Hätte die bolivianische Frau nicht als Identifikationsfigur gereicht?“

Man merkt, dass größtenteils Journalisten im Saal sitzen. Hitzig wird die Diskussion erst, als die Aufmachung des Films zur Debatte steht. Das Publikum hat Einiges zu bemängeln: Die Doku gehe zu wenig auf die politischen Hintergründe ein. Dafür zu viel auf die deutsche Familie, mit der sich die Verbraucher identifizieren sollen. Zu viel Emotionalisierung, zu wenig Information. Das finden aber nicht alle und es wird laut im Saal. Achtnich bleibt gelassen und sieht die Sache realistisch: „Ohne Emotionalisierung und Verbrauchersicht bleibt beim Zuschauer nichts hängen. Die ARD nimmt den Film sonst nicht ab“. Auch als es darum geht, was so eine Doku erreichen kann, macht sich der Journalist nichts vor: Bis auf neue wachsweiche Richtlinien der EU habe sich nicht viel getan.

Eine Sache hat die Reportage jedoch bewirkt: Nach der Ausstrahlung wollten die Zuschauer für Christina in Bolivien spenden. Durch die Unterstützung konnte sie zwei ihrer Kinder zur Schule schicken. Angesichts der Größe des Problems ist das zwar nicht viel, aber dennoch ein Anfang. „Vor jeder Handlung steht erst mal ein Bewusstseinsprozess“, betont Achtnich. Ein Teilnehmer aus dem Publikum bringt es auf den Punkt: „Egal ob der Film gut oder schlecht ist: Es ist wichtig, über das Thema zu sprechen“.

Mutter Christina arbeitet zwölf Stunden täglich in der Wolfram-Mine.

 

Dokumentation „Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“

„Sklavenarbeit für unseren Fortschritt“ ist eine 45-minütige Reportage aus dem Jahr 2012. Sie wurde für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ vom SWR produziert und am 10. September 2012 erstmals ausgestrahlt.

Buch und Regie: Tilman Achtnich
Kamera: Wolfgang Breuning | Schnitt: Florian Daferner |
Ton und Musik: Andreas Wetter | Produktion: Andrea Pfleiderer |
Redaktion: Harald Schibani (SWR)

Dr. Tilman Achtnich

Tilman Achtnich ist ein deutscher Journalist. Zunächst studierte er Geologie; 1982 wechselte er in den Hörfunk des SDR, 1985 zum Fernsehen des SDR/SWR. Er ist Autor zahlreicher Features und Dokumentationen in der ARD, den Dritten Programmen und auf Arte. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit den Themen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, z.B. Globalisierung, Zukunftsmedizin und die gesellschaftlichen Folgen. Seine mehr als 60 Dokumentationen wurden vielfach preisgekrönt.

 

Viel mehr als Copy-Paste Der Journalist Pavel Ivanov hat im Laufe seiner Berufslaufbahn bereits für eine Vielzahl russischsprachiger Fernseh- und Hörfunkprogramme, Zeitungen und Online-Magazine in Estland gearbeitet. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig sprach er über seine bisherigen Jobs, die Bedeutung einer bilingualen Medienlandschaft und die Social-Media-affine russischsprachige Minderheit.

Pavel Ivanov zuckt mit den Schultern. “Ich bin irgendwie ein Selfmade Man.“ Glück habe sicherlich auch eine Rolle gespielt, sagt er nüchtern. Der ernst dreinblickende 47-Jährige bezieht sich auf seinen schnellen Aufstieg in der estnischen Medienbranche. Sein Lebenslauf sollte sich nur schwerlich auf eine einzige DIN-A4 Seite komprimieren lassen. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tageszeitung, Magazin, Rundfunk und Online – Ivanov, geboren in der Hauptstadt Tallinn, kreiert seit 1987
als Reporter, Moderator, Produzent und Redakteur journalistische Inhalte. Neben seinen wechselnden Aufgabengebieten konstant geblieben, ist die Sprache, auf der er publiziert. Als Sohn einer Estin und eines Russen ist er bilingual aufgewachsen und fühlt sich der russischsprachigen Minderheit zugehörig. Die macht rund ein Drittel der Bevölkerung aus und erklärt die hohe Nachfrage nach Berichterstattung auf Russisch, das bis zur Unabhängigkeit der kleinsten Ex-Sowjetrepublik als gleichberechtigte Amtssprache galt.
Von vor und hinter der Kamera auf die “andere Seite”
Als anfänglicher Reporter bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ETV (seit 2007 ERR) wird Ivanov kurze Zeit später zum Moderator einer Nachrichtensendung, die er daran anknüpfend als Programmdirektor betreut. Nach nur fünf Jahren verlässt er das Fernsehen – für einen Perspektivwechsel, wie er es nennt. „Ich war noch so jung und hatte das Gefühl, genug vom Fernsehen zu haben. Ich wollte weiter.“
Nahtlos anschließend an seine kurze aber abwechslungsreiche Karriere als Fernsehjournalist beginnt er einen Job als Medienberater im Innenministerium: „Die Seite zu wechseln, war eine tolle Erfahrung.” Die eigene Sichtweise ändere sich, wenn man seiner vorherigen Profession plötzlich “gegenüberstehe”. “Das hat mir ein umfassenderes Bild des Journalismus’ in Estland vermittelt.“

EG / Foto-Zentrum Leipzig Pavel Ivanov war Teilnehmer der Estland-Paneldiskussionen zu den Themen „Digital Empowerment & Media“ sowie „Digital Empowerment & Society“.

 

Russischsprachiger Journalismus beinhaltet wichtige soziale Komponente
Ein Bild, das ihn wenig später, als er es als Chefredakteur eines russischen Programms auf ETV wieder mitprägt, ernüchtern wird. Die finanzielle Situation im Sender sei zur
Jahrtausendwende nicht besonders gut gewesen, so Ivanov. Die Einschnitte hätten auch das russischsprachige Programm im Speziellen getroffen: „Den russischsprachigen Medien in Estland wird ein signifikant kleineres Budget zugeschrieben als den estnischen Medien.“ Was dazu führe, dass Erstere oftmals eine Art Copy-Paste-Produkt der Letzteren darstellen, bemängelt er. Dabei seien sie so viel mehr: Insbesondere der russischsprachige Journalismus
in Estland habe eine wichtige soziale Komponente: „Die ethnischen Russen lernen auch durch die Medien, sich in Estland zurechtzufinden.“ Darüber hinaus ermögliche er kritische Berichterstattung über das Nachbarland. „Anders als in Russland ist unsere Presse frei. Wir können schreiben, was und worüber wir wollen.“ Was wiederum nicht bedeute, dass russische Medien nicht konsumiert würden. Die russischsprachige Minderheit im Land sei mit einer um ein Vielfaches größeren Medienlandschaft aufgewachsen. Auch bescheinigt er ihr mehr Aktivität auf sozialen Netzwerken als der estnischen Bevölkerung. Als Grund nennt er die verschiedenen Mentalitäten: „Russen sind vielleicht etwas offener. Ihnen liegt mehr daran, eine Gemeinschaft im Netz zu bilden.“
Nach Redakteursstellen im Hörfunk und Onlinebereich arbeitet Ivanov mittlerweile branchenübergreifend als Freelancer – festlegen will er sich vorerst nicht.