M-Pesa – Kenia als Vorreiter in der Welt der mobilen Zahlungssysteme

Wer hierzulande versucht an der Kasse sein Bier, seine Kaugummis oder sein Duschgel anders als bar zu begleichen, wird dabei zumeist mindestens schief angeschaut. Kleinstbeträge mobil zu bezahlen ist wahrlich nicht üblich; oft können (Kredit-)Kartenzahlungen erst ab einem Mindestbetrag (in der Regel zwischen 5 und 20 Euro) getätigt werden.

Viel moderner, ganz anders und an die digitalisierte Welt angepasster geht es dagegen in Kenia zu. Im südafrikanischen Land können selbst Minibeträge einfach und bargeldlos beglichen werden. Und dazu braucht es nicht einmal ein Konto. Es reicht ein SMS-fähiges Handy. Die Rede ist vom Bezahlsystem M-Pesa, wobei das M für „mobil“ steht und „pesa“ übersetzt aus Swahili so viel wie Bargeld bedeutet.

Unerwarteter Erfolgsschlager seit 2007

Als das Projekt M-Pesa 2007 an den Markt ging, sollte es für das bereitstellende Unternehmen Safaricom zusammen mit Vodafone nach eigener Aussage lediglich ein kleines Zusatzgeschäft werden. Doch es kam anders: Statt der anvisierten 70.000 Kundinnen und Kunden waren es bereits am Ende des ersten Jahres über zwei Millionen.

Heute zählt Safaricom über 24 Millionen M-Pesa-Kunden. 2015 wurden rund 25 Milliarden US-Dollar transferiert. Und dass das Wachstum kein Ende nimmt, lassen die ersten drei Quartale des vergangenen Jahres erahnen, in denen bereits der gleiche Betrag wie im gesamten Jahr zuvor überwiesen wurde.

M-Pesa ist mittlerweile aber nicht nur in Kenia verfügbar, sondern auch in Tansania, Mosambik, Ghana, in der Demokratischen Republik Kongo, in Afghanistan, Indien, Lesotho, Ägypten, Rumänien und Albanien.

Einfacher und unkomplizierter geht’s fast nicht

Doch wie und wieso funktioniert M-Pesa gerade in Kenia so gut? Für die Verwendung des Dienstes bedarf es nicht einmal eines Smartphones, sondern lediglich eines Mobiltelefons. Knapp 96 Prozent der kenianischen Haushalte besitzen ein solches.

Als förderlich für den Erfolg von M-Pesa kann die spärliche Abdeckung des Landes mit nur rund 2700 Geldautomaten angesehen werden. Zudem besitzt ein Großteil der Kenianer kein eigenes Konto. Die Eröffnung eines solchen virtuellen Bezahlkontos ist hingegen kinderleicht. Die Registrierung erfolgt bei einem der 120.000 M-Pesa Agenten im Land, die unter anderem Betreiber von lokalen Tankstellen, Mobilfunkshops, Lebensmittel- oder einfachen Tante-Emma-Läden im eigenen oder nächsten Dorf sein können. Um Agent zu werden, muss man eine Lizenz bei Safaricom für umgerechnet rund 950 Euro erwerben. Nachdem die Registrierung beim Agenten abgeschlossen ist, erhält der Kunde eine SIM-Karte, die M-Pesa-fähig ist, eine Nummer und ein Passwort. Das Konto kann nun bei jedem Agenten mit Bargeld aufgeladen werden.

Der Erfolg M-Pesas beruht aber zweifelsfrei auf der Tatsache, dass viele Kenianer, vornehmlich Männer, weit entfernt von ihrem Heimatdorf und in den Städten arbeiten, gleichzeitig aber Geld an die Ehefrauen, Eltern oder andere Familienmitglieder transferieren müssen. Genau diese Funktion macht M-Pesa für Millionen Bürgerinnen und Bürger Kenias so wertvoll. Das Geldversenden ist nämlich seit der Einführung der Applikation vor zehn Jahren ohne teure und unzuverlässige Umwege über Mittelsmänner möglich. Die hohe Kriminalitäts- und Diebstahlrate in einigen Teilen des Landes und Stadtteilen muss als weiterer Faktor für den Durchbruch M-Pesas und seiner viel sichereren Methode des Geldüberweisens gewertet werden. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände nach den Wahlen 2007 machten eine sichere Art und Weise des Versandes von Geld attraktiv. Gleichzeitig trat damit auch ein gewisser Schneeballeffekt ein: Je mehr Menschen es nutzten, desto mehr Sinn machte es für andere sich dafür zu registrieren.

M-Pesas niederschwellige und anwenderorientierte Konzipierung erfuhr schnell eine hohe Akzeptanz im Alltag und wird heute beinahe überall als Zahlungsmethode akzeptiert, egal ob es sich um Rechnungen von Handwerkern oder Taxifahrern, um das Schulgeld oder die Blumen am Marktstand in Nairobi handelt. Zudem eignet es sich bereits zum Bezahlen von Kleinstbeträgen (umgerechnet ab neun Cent) und ist im Vergleich zu anderen Geldtransferarten kostengünstig: Die Überweisung von beispielsweise 50 Euro (ca. 5300 Kenia-Schilling) an einen anderen M-Pesa-User kostet umgerechnet circa 70 Cent (also 75 Kenia-Schilling).

Hilft Mobile Pay aus Armut herauszukommen?

Eine weitere wichtige Funktion von M-Pesa stellt die unkomplizierte und schnelle Bereitstellung von Mikrokrediten dar. Jede Sekunde soll es durchschnittlich fünf neue Kreditanfragen geben. Über 70.000 Kenianerinnen und Kenianer erhalten so einen Kleinkredit. Für viele davon hätte es wohl ohne M-Pesa keinen Zugang hierfür gegeben.

Eine erst im Dezember letzten Jahres im amerikanischen Science Magazine veröffentlichte Studie untersuchte die Auswirkungen von Mobile Pay auf die Lebensumstände der Menschen am Beispiel Kenias. Die Bezahlungsmethode habe Kenianerinnen und Kenianern geholfen, Finanzen besser zu verwalten, Geld sicher zu verwahren und schnellere, unangreifbare und günstigere Überweisungen tätigen zu können. Vorher dauerten Geldsendungen meist mehrere Tage – wenn sie denn ankamen. Geographische Distanzen spielen seitdem bei finanziellen Transaktionen keine Rolle mehr. Die Studie besagt außerdem, dass es durch mobile Zahlungssysteme in Kenia gelungen sei, dass es 194.000 kenianischer Haushalte (also knapp 2%) gelungen sei, sich über die Armutsgrenze zu wirtschaften. Besonders Frauen hätten davon profitiert: 185.000 Frauen hätten es nämlich dadurch geschafft, geschäftlich aufzusteigen oder in den Einzelhandel zu wechseln und somit einer Hauptbeschäftigung nachgehen zu können.

Lernen von Kenia?

Sicherlich kann M-Pesa nicht die Armut bekämpfen – der Welthungerindex von der Welthungerhilfe weist Kenia nach wie vor Platz 67 von 104 zu (Stand 2015). M-Pesa revolutionierte allerdings nicht nur das Bezahlsystem, sondern auch das Leben vieler Menschen in Kenia (und darüber hinaus).

In Sachen Mobile Pay ist das ostafrikanische Land nachweislich ein Vorreiter und viel weiter als wir es in Deutschland sind. Mobiles Bezahlen mit Handys oder Smartphones spielt bei uns noch keine nennenswerte Rolle. Ob Visa, Apple, Google oder Ebay (mit Paypal) – alle prophezeien sie regelmäßig, dass Mobile Pay auch nach Europa kommt: Allein, es sind andere Länder, allen voran Kenia, die hier Maßstäbe setzen. Und M-Pesa wird wohl nicht die einzige Innovation sein, die aus dem ostafrikanischen Land heraussticht. Auch im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheit oder Energiewirtschaft macht sich Silicon Savannah auf, die Welt zu revolutionieren – mit Apps wie M-Farm, M-Health, iCow, M-Kopa und Co.

M-Pesa ist dennoch einer der Gründe, die Kenia den Namen Silicon Savannah bescherten. Seit dieser beispiellosen Erfolgsgeschichte schaut nicht nur die Fachwelt im Bereich der Digitalisierung und mobilen Bezahlsysteme auf das ostafrikanische Land.

Digitale Kolonialmächte Die Digitalisierung kann das Leben erleichtern, auch und gerade in sogenannten Entwicklungsländern. Bei aller Euphorie – wir sollten darauf achten, wer darüber bestimmt, wie wir in Zukunft leben. Ein Kommentar von Hannah Knuth, Matthias Bolsinger und Robin Köhler

Erster Annäherungsversuch: Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Indiens Premier Narendra Modi (Foto: Narendra Modi, „Facebook CEO Mr. Mark Zuckerberg calls on Shri Modi“, https://www.flickr.com/photos/narendramodiofficial/15541405942)

Februar 2016, Facebook-Investor Marc Andreessen ist außer sich. „Anti- Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal“, twittert er. Und wird prompt von Facebooks CEO Mark Zuckerberg zurückgepfiffen. Zu spät: Ein Shitstorm brach über Andreessen herein.

Was war passiert?

Indien hatte sich gerade gegen die Einführung von „Free Basics“ entschieden, Facebooks Internet-Service, der vielen Millionen Bürgern mit einer App den kostenlosen Zugang zum Web ermöglicht hätte – allerdings nur zu ausgewählten Seiten. Indiens Telekom-Aufsicht stoppte „Free Basics“ und verwies auf die Netzneutralität: Kein Provider dürfe irgendwelche Inhalte im Netz diskriminieren.

Es war wie so häufig bei der Digitalisierung in sogenannten Entwicklungsländern: Ein mächtiger Konzern mit großen Versprechen trifft auf

eine Bevölkerung mit großen Sorgen. In Indien siegte die Skepsis. Unternehmer wie Andreessen mögen das für dumm und provinziell halten, für albernen Anti-Kolonialismus. Doch sie irren. Das Misstrauen ist berechtigt. Und der Kolonialismus-Vergleich gar nicht so verkehrt.

Denn tatsächlich verhielt sich Facebook wie eine Kolonialmacht: Trat auf wie ein Heiland, sprach von Gleichheit und Freiheit, verschwieg sein Profitinteresse und warf der renitenten Bevölkerung Undankbarkeit vor.

Diese koloniale Attitüde zwingt uns nachzudenken. Vielleicht sollten wir bei der Digitalisierung von einer Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen, von einer alten und einer neuen Digitalisierung. Die alte, die des globalen Nordens, war eine Digitalisierung der gleichmäßigen Schritte. Gesellschaft und Technik entwickelten sich weitgehend parallel. Die führenden Digitalkonzerne und deren Macht wuchsen kontinuierlich. Doch sie sahen sich einer wohlhabenden Bevölkerung gegenüber, die sich mit der Aussicht auf Fortschritt nur schwer erpressen ließ.

Im globalen Süden ist das anders. Bei der neuen Digitalisierung treffen Großkonzerne wie Facebook und Google auf strukturschwache Regionen, die den Unternehmen entweder die Hand reichen – oder über Jahre hinweg der technologischen Entwicklung anderer Staaten hinterherlaufen.

Natürlich, es gibt auch dort eine behutsame Form der Digitalisierung, eine Entwicklung „von unten”. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“, in Kenia entwickelt, von Vodafone über das Land hinaus verbreitet, ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Hunderttausende Menschen können dank „M-Pesa” per Mobiltelefon Geld versenden – der Service erleichtert das Leben, ohne Freiheit zu beschneiden.

Dieses Beispiel darf aber nicht über die Asymmetrien der Digitalisierung hinwegtäuschen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Und die in dieser Hinsicht reichen Länder des globalen Südens sollten sich vorsehen, kein zweites Mal zum Rohstofflager des Nordens zu werden.

Die Digitalisierung ist für sich betrachtet weder richtig noch falsch. Aber es gilt darauf zu achten, wer ihre Bedingungen diktiert und wer nicht. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Kolonialmächte wachsen.

Indiens Zurückweisung von „Free Basics“ mag anti-koloniale Züge tragen. In jedem Fall war sie ein Zeichen, das über Indien hinaus wirken kann: Wir lassen uns nicht erpressen. Und das ist gut so.

Viel mehr als Copy-Paste Der Journalist Pavel Ivanov hat im Laufe seiner Berufslaufbahn bereits für eine Vielzahl russischsprachiger Fernseh- und Hörfunkprogramme, Zeitungen und Online-Magazine in Estland gearbeitet. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig sprach er über seine bisherigen Jobs, die Bedeutung einer bilingualen Medienlandschaft und die Social-Media-affine russischsprachige Minderheit.

Pavel Ivanov zuckt mit den Schultern. “Ich bin irgendwie ein Selfmade Man.“ Glück habe sicherlich auch eine Rolle gespielt, sagt er nüchtern. Der ernst dreinblickende 47-Jährige bezieht sich auf seinen schnellen Aufstieg in der estnischen Medienbranche. Sein Lebenslauf sollte sich nur schwerlich auf eine einzige DIN-A4 Seite komprimieren lassen. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tageszeitung, Magazin, Rundfunk und Online – Ivanov, geboren in der Hauptstadt Tallinn, kreiert seit 1987
als Reporter, Moderator, Produzent und Redakteur journalistische Inhalte. Neben seinen wechselnden Aufgabengebieten konstant geblieben, ist die Sprache, auf der er publiziert. Als Sohn einer Estin und eines Russen ist er bilingual aufgewachsen und fühlt sich der russischsprachigen Minderheit zugehörig. Die macht rund ein Drittel der Bevölkerung aus und erklärt die hohe Nachfrage nach Berichterstattung auf Russisch, das bis zur Unabhängigkeit der kleinsten Ex-Sowjetrepublik als gleichberechtigte Amtssprache galt.
Von vor und hinter der Kamera auf die “andere Seite”
Als anfänglicher Reporter bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ETV (seit 2007 ERR) wird Ivanov kurze Zeit später zum Moderator einer Nachrichtensendung, die er daran anknüpfend als Programmdirektor betreut. Nach nur fünf Jahren verlässt er das Fernsehen – für einen Perspektivwechsel, wie er es nennt. „Ich war noch so jung und hatte das Gefühl, genug vom Fernsehen zu haben. Ich wollte weiter.“
Nahtlos anschließend an seine kurze aber abwechslungsreiche Karriere als Fernsehjournalist beginnt er einen Job als Medienberater im Innenministerium: „Die Seite zu wechseln, war eine tolle Erfahrung.” Die eigene Sichtweise ändere sich, wenn man seiner vorherigen Profession plötzlich “gegenüberstehe”. “Das hat mir ein umfassenderes Bild des Journalismus’ in Estland vermittelt.“

EG / Foto-Zentrum Leipzig Pavel Ivanov war Teilnehmer der Estland-Paneldiskussionen zu den Themen „Digital Empowerment & Media“ sowie „Digital Empowerment & Society“.

 

Russischsprachiger Journalismus beinhaltet wichtige soziale Komponente
Ein Bild, das ihn wenig später, als er es als Chefredakteur eines russischen Programms auf ETV wieder mitprägt, ernüchtern wird. Die finanzielle Situation im Sender sei zur
Jahrtausendwende nicht besonders gut gewesen, so Ivanov. Die Einschnitte hätten auch das russischsprachige Programm im Speziellen getroffen: „Den russischsprachigen Medien in Estland wird ein signifikant kleineres Budget zugeschrieben als den estnischen Medien.“ Was dazu führe, dass Erstere oftmals eine Art Copy-Paste-Produkt der Letzteren darstellen, bemängelt er. Dabei seien sie so viel mehr: Insbesondere der russischsprachige Journalismus
in Estland habe eine wichtige soziale Komponente: „Die ethnischen Russen lernen auch durch die Medien, sich in Estland zurechtzufinden.“ Darüber hinaus ermögliche er kritische Berichterstattung über das Nachbarland. „Anders als in Russland ist unsere Presse frei. Wir können schreiben, was und worüber wir wollen.“ Was wiederum nicht bedeute, dass russische Medien nicht konsumiert würden. Die russischsprachige Minderheit im Land sei mit einer um ein Vielfaches größeren Medienlandschaft aufgewachsen. Auch bescheinigt er ihr mehr Aktivität auf sozialen Netzwerken als der estnischen Bevölkerung. Als Grund nennt er die verschiedenen Mentalitäten: „Russen sind vielleicht etwas offener. Ihnen liegt mehr daran, eine Gemeinschaft im Netz zu bilden.“
Nach Redakteursstellen im Hörfunk und Onlinebereich arbeitet Ivanov mittlerweile branchenübergreifend als Freelancer – festlegen will er sich vorerst nicht.

Ein Fenster zur Welt Wie Handys Indiens Gesellschaft ein Stück weit gleicher machen. Ein Interview mit dem Politikprofessor Rahul Mukherji.

Die Digitalisierung bringt das rasant wachsende Indien weiter voran. Doch, wie auch in anderen Bereichen, geht das riesige asiatische Land dabei seinen ganz eigenen Weg. Indien, ein Land zwischen Tradition und Moderne, lebt auch in Zeiten der Digitalisierung von der Improvisation. Ein Mann, der die Besonderheiten und die rasante Entwicklung Indiens aus einer persönlichen Perspektive beschreiben kann, ist der Konferenzteilnehmer Professor Rahul Mukherji, der in Heidelberg am Institut für Süd-Ostasien Studien lehrt.

Mukherji ist gebürtiger Inder und verbrachte Teile seiner Studien- und Arbeitszeit in seinem Heimatland. Er ist Indien nicht nur familiär sondern auch wissenschaftlich nach wie vor stark verbunden und forscht intensiv über den Wandel der indischen Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Indien, allgemein als das Land der Programmierer bekannt, hat in den letzten Jahren ein besonderes Verhältnis zu Handys als Zugang zur digitalen Welt entwickelt, da diese in einem nach wie vor teils schlecht entwickelten Land große Vorteile bieten. Mukherji spricht darüber, wie Handys den indischen Wahlkampf beeinflussen, wie selbst Bauern davon profitieren und wieso der indische Handymarkt Wellen bis ins Silicon Valley schlägt.

Die Vereinbarkeit von Kultur und Moderne sowie die Annäherung zwischen Arm und Reich – Indien ist in jeder Hinsicht ein Land im Umbruch. Zu diesem Wandel leisten Smartphones einen großen Beitrag, sie sind handlich, bezahlbar und für Millionen Inder das Fenster zur Welt. Ein kleines Gerät, doch für viele Menschen die große Chance auf eine gleichberechtigte Zukunft durch Teilhabe am alltäglichen Leben.

 

Estland: Auf dem Weg zum europäischen Silicon Valley

Der Baltenstaat Estland hat sich zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Zahlreiche Start-ups träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype.

Von ein wenig Schnee lässt sich der Roboter nicht aufhalten. Kerzengerade fährt er mit seinen sechs Reifen den verschneiten Weg entlang, schon von weitem ist er an einer roten Fahne zu erkennen, wie sie Kinder an ihren Fahrrädern haben. Liis Kängsepp wischt mit den Fingern über den Bildschirm ihres Smartphones. Gleich zwei der Roboter sind auf dem nächsten Foto zu sehen, wie sie an einer roten Ampel darauf warten, die Straße überqueren zu können. „Sind sie nicht süß?“, fragt Kängsepp.

Kängsepp, Wirtschaftsjournalistin aus Estland, könnte noch unzählige Fotos zeigen, sie folgt dem Instagram-Account der kleinen Fahrzeuge, die vom estnischen Start-up Starship Technologies entwickelt wurden und deren Aufgabe es ist, Waren auszuliefern. Gesteuert durch GPS, Sensoren und Kameras sollen die Roboter künftig Einkäufe und Pakete von lokalen Lieferzentrenten zum Kunden transportieren. So zumindest stellen es sich die estnischen Entwickler vor. Pilotprojekte hat es bereits in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt gegeben, so auch in Hamburg und Düsseldorf. „Starship Technologies ist eines der heißesten Start-ups Estlands“, sagt Kängsepp. Google, Amazon und die Deutsche Post arbeiten seit Jahren an der Zukunft des Warenlieferverkehrs und experimentieren beispielsweise mit Drohnen. Dass nun ausgerechnet ein Start-up aus Estland mit den milliardenschweren Konzernen um die besten Ideen konkurriert, ist kein Zufall.

Fünf Fakten zum Lieferroboter

  • Der Roboter wiegt 18 Kilogramm und kann bis zu 16 Stundenkilometer schnell fahren – auf Gehsteigen passt er sich der Geschwindigkeit von Fußgängern an und hält Abstand.
  • Mit Hilfe von GPS und Computer Vision findet der Roboter selbstständig seinen Weg. Er verfügt außerdem über neun Kameras und Ultraschallsensoren zur Hinderniserkennung.
  • Eine Lieferung soll nur einen Euro kosten, der mögliche Lieferradius beträgt ca. fünf Kilometer.
  • Bis zu 10 Kilogramm oder drei Einkaufstaschen kann der Roboter transportieren.
  • Ein Kunde kann z.B. online Lebensmittel bestellen und erhält eine Nachricht vom Supermarkt, sobald der Roboter beladen wurde. Zu einer selbstgewählten Uhrzeit lässt der Kunde den Roboter losfahren und öffnet ihn nach der Ankunft mit seinem Handy.

Der Baltenstaat Estland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Die staatliche Agentur „Startup Estonia“ beziffert die Zahl der estnischen Start-ups auf rund 400 – und das, obwohl Estland gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner hat. Zurückzuführen ist dies auch auf den Erfolg des Internet-Telefondienstes Skype, der 2003 in Estland entwickelt wurde, inzwischen im Besitz von Software-Gigant Microsoft ist und über 300 Millionen aktive Nutzer zählt. Vor allem aber bietet Estland erstklassige Voraussetzungen für Start-ups. Der Zugang zum Internet ist Teil der Grundrechte und es gibt tausende offene WLAN-Zugänge. Um ein Unternehmen zu gründen, braucht es in Estland nur einige wenige Mausklicks. Durch die elektronische Verwaltung lässt sich fast alles online regeln.

Die Weichen für Estlands digitale Vorreiterrolle in Europa stellte der Baltenstaat bereits in den 1990er-Jahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sahen die Esten in der Digitalisierung die Chance auf einen Neuanfang. Das 1997 gestartete Programm „Tigersprung“ propagierte Informationstechnologie als Mittel zur Modernisierung. Seit 2000 arbeitet Estlands Regierung ohne Papier, seit 2005 können die Bürger sogar ihre Politiker über das Internet wählen. Schon Erstklässler lernen in der Schule Programmieren.

„Die Menschen in Estland gehen äußerst unkritisch mit dem technischen Fortschritt um, sie sehen nur die möglichen Vorteile. Sie sind daher auch stolz auf die vielen jungen Technologieunternehmen“, sagt Kängsepp, deren wichtigster Auftraggeber als Journalistin das Wall Street Journal ist. Über estnische Start-ups allerdings berichtet sie für die US-amerikanische Wirtschafts- und Finanzzeitung bislang kaum. „Im Vergleich zu amerikanischen Start-ups sind die estnischen klein und die Investments in sie gering, sodass sich das Wall Street Journal nicht für sie interessiert. Noch nicht.“

Liis Kängsepp

Journalistin Liis Kängsepp | Foto: Krõõt Tarkmeel

Estnische Journalistin

Arbeitet als Stringer für das Wall Street Journal und andere Medien

Twitter: @kangsepp

Instagramm: kangsepp 

Zahlreiche Gründer in Estland träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype. Neben Roboter-Entwickler Starship Technologies zählt Transferwise zu den aktuell bekanntesten estnischen Start-ups. Das 2011 gegründete Unternehmen ermöglicht es seinen Kunden, Online-Geldtransfers in Fremdwährungen vorzunehmen, die günstiger sind als bei Banken. Seit 2013 ist der Service auch in Deutschland verfügbar. Weltweit transferieren rund eine Millionen Menschen mehr als 700 Millionen Euro pro Monat mithilfe von Transferwise.

Trotz der Vielzahl estnischer Start-ups sind Gründer und Geldgeber untereinander gut vernetzt. Viele von ihnen haben an der staatlichen Universität in Tartu studiert oder waren einst an der Entwicklung von Skype beteiligt. In den sozialen Netzwerken tritt die estnische Start-up-Szene ebenso geschlossen auf. Unter dem Hashtag #estonianmafia tauschen sich die jungen Unternehmen bei Twitter aus und posten Bilder auf Instagram – so wie Starship Technologies von seinen kleinen Robotern.

Appschmiede Afrika Eine Sammlung digitaler Projekte aus Afrika

In den Köpfen vieler Menschen steht Afrika nach wie vor für Armut, Hungersnöte und Babys mit aufgeblähten Bäuchen. Dabei ist das ein vollkommen veraltetes Bild. Viele Länder Afrikas haben eine stetig wachsende und kauffreudige Mittelschicht. Vor allem die immer weiter und schneller fortschreitende Digitalisierung gibt jungen, kreativen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Ideen mit wenigen Mitteln umzusetzen. Sie lassen Nutzer ihre Bankgeschäfte übers Handy abwickeln, medizinische Ratschläge über eine App erfragen oder ihren Kindern Zugang zu Bildung verschaffen. Sie wollen mit ihren Projekten gegen Korruption und Arbeitslosigkeit ankämpfen – oder einfach nur unterhalten.

In der nachfolgenden interaktiven Karte finden sich 30 Apps und digitale Projekte aus Afrika. Klickt man auf die verschiedenen Symbole, erscheint eine kurze Beschreibungen und ein Link zur Website des jeweiligen Projekts. Die Sammlung hat bei Weitem nicht den Anspruch, vollständig zu sein. Sie soll vielmehr einen Überblick darüber geben, welche Chancen die Digitalisierung dem Kontinent bietet – und wie diese bereits jetzt genutzt werden.

Unter der Karte werden alle Apps und digitale Projekte noch einmal nach Kategorien sortiert aufgezählt.

Hinweis: Da gerade in den größeren Städten viele Projekte ihren Ursprung haben, lohnt es sich, in die Karte hineinzuzoomen.

Gesundheit

Ask Without Shame, Uganda

Dokita Eyes, Togo

Flare, Kenia

GetIn, Uganda

Gifted Mom, Kamerun

Leap, Kenia

OMOMI, Nigeria

Vula, Südafrika

Bildung

AkiraChix, Kenia

Eduze, Südafrika

Elimu, Kenia

Eneza Education, Kenia

Shule Direct, Tansania

Tuteria, Nigeria

Xander, Südafrika

Arbeit

Domestly, Südafrika

DumaWorks, Kenia

iCow, Kenia

MFarm, Kenia

Sauti, Kenia

Finanzen

M-Pesa, Kenia

SnapScan, Südafrika

Unterhaltung

BattaBox, Nigeria

Genii Games Limited, Nigeria

Pelichat, Südafrika

Gastronomie

Afrifood, Ruanda

Bottles, Südafrika

Information

LegalForms, Nigeria

Ushahidi, Kenia

Verkehr

Afritaxi, Ruanda

 

Sie kennen noch ein spannendes digitales Projekt aus Afrika, das super in unsere Karte passen würde? Kein Problem: Kommentieren Sie einfach den Namen des Projekts und am besten gleich die Website des Entwicklers unter diesen Artikel. Wir nehmen das Projekt dann so schnell wie möglich in unsere interaktive Karte auf.  

Hilfsorganisationen – Mitgefühl wecken oder Stereotype verstärken?

Geht es um Hilfsorganisationen in Deutschland, fallen einem zahlreiche Namen, vielleicht sogar ganze Werbeslogans der Organisationen ein. Kein Wunder, ob an der Bushaltestelle oder am Bahnhof, die großen Plakate mit weinenden Kinderaugen oder hungernden Menschen kennen wir alle. Gerade zur Weihnachtszeit werben die Organisationen um Spenden, immer mit der impliziten Botschaft, auch mal an Andere zu denken – Menschen denen es schlechter geht als uns. Dabei bleibt der schale Beigeschmack, ob diese Bilder nur Mitgefühl wecken oder auch bereits bestehende Bilder in uns verstärken – Stereotype?

Afrika ist ein gutes Beispiel. Das Wissen über den Kontinent und seine verschiedenen Länder beschränkt sich bei vielen Deutschen auf ein Mindestmaß. Ausgenommen natürlich wir beschäftigen uns tatsächlich bewusst mit dem Kontinent. Ansonsten sehen wir aber eben oftmals das, was uns von Außen über Medien oder Werbung an uns herangetragen wird. Dazu gehören auch die Plakate von Hilfsorganisationen. In der täglichen Berichterstattung nehmen afrikanische Länder eine Nebenrolle ein, es sei denn es geht um Kriege, Konflikte oder Hungersnöte. Selbstverständlich ist es wichtig über diese Themen zu berichten. Genauso wäre es jedoch auch wichtig, in einer Welt in der wir aufgrund von Globalisierung und Digitalisierung immer mehr zusammenwachsen, uns endlich gegenseitig besser kennenzulernen und voneinander zu lernen. Es gibt nicht nur Kriege und Hungersnöte in Afrika über die es zu berichten gilt.

Über Afrikas Vielfalt und das Potential von Ländern wie Kenia

Um beim Beispiel Afrika zu bleiben, wäre es zunächst wichtig die Vielfalt dieses Kontinents stückweise zu begreifen. Afrika sollte nicht gänzlich in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit geschoben werden. Der Kontinent besteht aus 54 Staaten und kann in verschiedene Regionen unterteilt werden. Eine gängige Unterteilung Afrikas ist die in Subsahara-Afrika und Nordafrika, wobei die Wüste Sahara hier als geografische und klimatische Übergangszone verstanden wird. Alles was südlich der Sahara liegt wird daher als Subsahara-Afrika bezeichnet. Der Großteil der afrikanischen Länder zählt zu diesem Gebiet. Selbstverständlich gibt es aber auch zwischen diesen 49 Ländern,  zum Teil große Unterschiede hinsichtlich Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik. Neben Ländern wie Äthiopien, Ghana, Nigeria, Senegal oder Uganda zählt unter anderem auch Kenia zu der Region Subsahara-Afrika. Kenia gehört zu den Ländern, die sich in den letzten Jahren stark entwickelt haben.

Vor allem wirtschaftlich gesehen, ist das Land im Gegensatz zu anderen Ländern in Ostafrika gut aufgestellt und hat Potential weiter zu wachsen. Die Landwirtschaft ist zwar nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle, doch vor allem der Dienstleistungssektor und die IT-Branche spielen eine immer größere Rolle. Die Digitalisierung ist daher für Kenia enorm wichtig. Doch nicht nur für die Wirtschaft ist die zunehmende Digitalisierung eine Bereicherung, sondern auch für die Politik. Durch die wachsende Internetnutzung haben Bürger die Möglichkeit sich besser zu informieren. Das politische Mitspracherecht kann durch das Internet verbessert werden, was wiederum zu einer Stabilisierung der Politik beitragen kann. Auch der Bildungssektor profitiert von der Digitalisierung, da der Zugang für Lehrmaterial für Schüler durch das Internet erleichtert werden kann. Laut der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik Deutschland „Germany Trade & Invest“, hat Afrika generell ein großes Potenzial wenn es um Internetwachstum geht. „Lag die Internetdurchdringung in Afrika 2012 noch bei 16% wird sie bis 2025 auf 50% steigen“, so schreibt die Gesellschaft auf ihrer Webseite.

Konflikte gibt es auf der ganzen Welt, Brennpunkte aber benötigen schnelle Hilfe

Kennen wir nur die Probleme afrikanischer Länder?

Letztendlich müssen wir in Europa begreifen, dass der Kontinent Afrika nicht schläft, nur weil wir womöglich nicht viel über Entwicklungen in der Berichterstattung hören. Möglicherweise müssen wir auch lernen neugierig zu bleiben und uns noch mehr für andere Länder um uns herum zu interessieren, der Digitalisierung sei Dank eigentlich kein Problem. Was wiederum die Hilfsbedürftigkeit Afrikas angeht, so gibt es speziell in Subsahara-Afrika immer noch große Armut, Krisen und Nöte. Unter anderem gibt es nach wie vor Probleme mit der Trinkwasser – und Gesundheitsversorgung der Menschen. Ebenso herrscht noch immer in vielen Gebieten Krieg. Konflikte über Ethnien und Terroranschläge verteilen sich über den ganzen Kontinent. Aufgrund des Flüchtlingsstroms begreifen wir nun auch in Deutschland, dass wir die Augen nicht vor den Problemen in anderen Kontinenten verschließen können. Wir wachsen alle zusammen.

Probleme und Konflikte verteilen sich auf der ganzen Welt, aber es gibt eben auch Brennpunkte, die schnelle und gezielte Unterstützung benötigen. Hier sind Hilfsorganisationen gefragt. Sie leisten eine Menge. Zum einen müssen sie vor Ort herausfinden, welche Hilfe konkret benötigt wird und Hilfskonzepte erstellen. Zum anderen müssen sie in dem Teil der Welt, der nicht von diesen Problemen bedroht ist, potentielle Spender erreichen. Dabei sollten sie aber darauf achten, die vorherrschenden Bedrohungen in dem zu helfenden Land menschenwürdig und authentisch darzustellen. Schließlich sollten nicht auch noch Stereotype bedient werden. Bei der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen wird oft mit emotionalen Bildern von leidenden Menschen gearbeitet um wiederum andere helfende Menschen zu erreichen.

Isabel Pfaff

Niko Wald

Wenn wir über Stereotype sprechen, sollten wir auch Hilfsorganisationen nicht in einen Topf schmeißen. Zwei Menschen schon lange mit dem Thema Afrika auseinandersetzen sind Isabel Pfaff und Niko Wald. Sie haben eine klare Haltung gegenüber Hilfsorganisationen und deren Umgang mit emotionalen, teilweise klischeebehafteten Bildern. Durch seine Arbeit bei bekannten NGOs in Deutschland hat Niko Wald bereits Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen sammeln können: „Seriöse Organisationen haben auch eine professionelle Bildsprache. Sie stellen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Seriöse Organisationen tun alles, damit Menschen nicht dauerhaft von Hilfe abhängig sind.“ Auch Isabel Pfaff sieht es durchaus kritisch, dass manche Organisationen mit klischeehaften Bildern arbeiten. Allerdings kennt sie das Problem, mit dem auch Hilfsorganisationen kämpfen. Als Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung, berichtet sie oft über Afrika und im Speziellen über Subsahara-Afrika. Ihr liegt der Kontinent am Herzen. Sie stellt dennoch immer wieder fest, dass sich Menschen in Deutschland kaum für Afrikathemen interessieren:

„Das ist ein Problem und das ärgert mich auch, aber ich glaube, man muss trotzdem weiter machen“ (Isabel Pfaff)

Sie erklärt, dass es Hilfsorganisationen womöglich oft ähnlich ergeht, da sie die Menschen hier vor Ort erreichen müssen, um auf Themen und Probleme in Afrika aufmerksam zu machen. Die Redakteurin könne sich daher vorstellen, dass Organisationen manchmal auch auf weniger differenzierte Botschaften zurückgreifen, um überhaupt einen Teil der Bevölkerung in Deutschland zu erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die Möglichkeiten des Internets auch für Hilfsorganisationen eine Option sein können, sich und ihre Projekte ausführlicher und offener zu präsentieren? Niko Wald sieht mithilfe des Internets durchaus Chancen für Organisationen ihre Arbeit in mehreren Dimensionen darstellen zu können. „Storytelling ist ein großartiges Instrument, um Spenderinnen und Spender in mehr Facetten zu informieren als das etwa ein Flyer oder ein Plakat könnte. Es ist eine intensivere, authentischere – und aufrichtige – Art, zu vermitteln, um was es geht und warum es wichtig ist, hinzuschauen und Aufmerksamkeit, Zeit und vielleicht auch Geld beizusteuern.“ Es scheint demnach als böte das Internet durchaus Möglichkeiten für Organisationen sich und ihre Projekte transparenter darzustellen. In welchem Maße Hilfsorganisationen diese Option in kommender Zeit auch nutzen werden, bleibt abzuwarten. Möglicherweise besteht auch für den Journalismus die Möglichkeit, eher unliebsame Themen durch Storytelling-Maßnahmen für die Leserschaft interessanter aufzubereiten.

Stereotype können jedoch trotzdem bleiben, da kommt es auf etwas ganz anderes an. Isabel Pfaff sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe im Journalismus, Bilder zu brechen ohne dabei die Message aus den Augen zu verlieren:

„Ich will Klischees nicht reproduzieren. Ich will eben gegen solche Bilder arbeiten…“ (Isabel Pfaff)

„Gleichzeitig stehe ich auch oft vor der Situation, dass Dinge, die als Klischee gelten, tatsächlich auch passieren – Kriege, Hungersnöte. Wenn diese Dinge passieren, dann halte ich es schon für meine Pflicht gegenüber den Betroffenen, das auch zu benennen und nicht unter den Teppich zu kehren.“ Es geht also bei der Berichterstattung nicht darum zwanghaft Klischeethemen vom Publikum fernzuhalten nur um Stereotype zu verhindern. Vielmehr geht es um ausgewogene Berichte, welche die Gräuel in anderen Ländern durchaus benennen aber auch Neuigkeiten enthalten, von denen die Leserschaft womöglich noch nicht gehört hat. Für Pfaff bleibt es schwierig, da „das deutsche Publikum oft nur das wahrnimmt, was ohnehin schon seinen Bildern entspricht.“ Dennoch glaubt sie daran, dass man weiterhin ein bisschen gegensteuern muss, um den Menschen auch viel von den positiven Gegebenheiten in den afrikanischen Ländern vermitteln zu können. Der Journalismus trägt daher, ebenso wie die Hilfsorganisationen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die Verantwortung, mit klischeebehafteten Bildern vorsichtig umzugehen. Niko Wald ist bewusst, dass es, was das Bild von Afrika betrifft, leider auch viele negative Beiträge von Hilfsorganisationen gibt. Fairness ist ihm dahingehend besonders wichtig, vor allem bei Bildern: „Fair zum einen gegenüber den Menschen, die auf Fotos oder in Videos zu sehen sind: Sind sie überhaupt gefragt worden, haben sie ihr Einverständnis erklärt und wurde ihnen auch erklärt, was hier in Deutschland mit dem Bild passieren soll? Und fair auch gegenüber den potentiellen Spenderinnen und Spendern:“

„…, dass es wirkliche Bilder aus Projekten sind – und keine Models. Aber auch, dass es Bilder sind, die Menschen nicht emotional unter Druck setzen, wie es zum Beispiel bei vielen Fotos mit Kindern ist.“ (Niko Wald)

Ein Fazit

Was können wir also tun? Erst einmal die Hilfsorganisationen nicht alle unter Generalverdacht stellen. Wir sollten bei den Plakaten am Straßenrand nicht wegschauen, aber wir sollten neugierig bleiben und vielleicht auch mal auf die Webseiten der Organisationen klicken, wenn wir mehr erfahren möchten oder ihnen nicht trauen. Generell würde uns in Deutschland eine Portion Neugier und Weltoffenheit ganz gut tun. Dann könnten Stereotype uns weniger anhaben und engagierte Journalisten, die seit Jahren für Afrikathemen kämpfen, würden zu Recht endlich mehr Interesse und eine größere Leserschaft für ihre Beiträge bekommen.

Zwei Menschen, die das Bild von Afrika verändern möchten

Isabel Pfaff

  • arbeitet als Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung
  • ist zuständig für den Ressort Außenpolitik (Schwerpunkt Afrika)
  • studierte zuvor Afrikanistik, Politikwissenschaft und Geschichte
  • hat bereits einige Artikel über Entwicklungshilfe geschrieben

 

 

Niko Wald

  • arbeitet derzeit als Referent im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre und arbeitete als Journalist
  • arbeitete zuvor unter anderem bei „Brot für die Welt“ und „Diakonie Katastrophenhilfe“
  • arbeitet seit Jahren mit Partnerinnen und Partnern in afrikanischen Länder zusammen