'>Viel mehr als nur Gleichstellung Jede Menge Vorurteile gibt's über den Feminismus. Antje Schrupp erklärt: Wieso Gleichstellung das falsche Ziel ist und wieso es auch als Feministin okay ist, die Kinder zu hüten.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken von italienischen Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischen Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken italienischer Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischer Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus dem gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

FEMINISMUS & GESELLSCHAFT

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz sprachen Frauen aus Afghanistan oder der Türkei, die aufgrund ihres Geschlechts massive Problemen haben. Hier in Deutschland haben wir diese Probleme doch längst nicht mehr. Eigentlich brauchen wir keinen Feminismus mehr, oder?

Diese Frauen haben nicht Probleme, weil sie Frauen sind, sondern weil Frauen und Männer anders bewertet werden und weil es für normaler und besser gehalten wird, ein Mann zu sein. Ob das hier in Deutschland keine Rolle mehr spielt, weiß ich nicht. Es gibt sicher Kontexte, in denen es weniger eine Rolle spielt als in der Türkei oder Afghanistan. Aber in bestimmten Kontexten sind die Zahlenverhältnisse sehr eindeutig: Der prozentuale Anteil von Frauen und Männern ist in verschiedenen Bereichen in der Gesellschaft sehr ungleich, und das ist ja kein Zufall.

Sie zitieren gern Lisa Muraro: Wir wollten die Welt verändern, aber sie haben uns die Gleichstellung angeboten. Reicht Ihnen Gleichstellung nicht?

Nein, das reicht mir gar nicht. Denn die Idee der Gleichstellung betrifft ja immer die Gleichstellung der Frau mit den Männern. Und dadurch ist so ein Bild entstanden: Das, was die Männer in der Welt machen ist super, das einzige Problem besteht darin, dass wir Frauen das nicht auch dürfen. Das sehe ich aber nicht so. Ich will nicht frei sein unter der Bedingung, dass ich Männer imitieren muss. Und deswegen reicht mir Gleichstellung nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Feminismus und Gender?

Feminismus ist eine politische Bewegung. Gender ist einfach das Wort für Geschlechterrollen. Gendermainstreaming als eine Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei alle politischen Entscheidungen mitzudenken, ist sicher sinnvoll. Aber es ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was Feminismus als politische Bewegung macht. Bei „Gender“ vor allem mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Der Feminismus beschäftigt sich damit, wie Frauen sich die Welt wünschen. Das sind zwei verschiedene Sachen, die beide für sich genommen wichtig sind, aber sich nicht gegenseitig ersetzen können.

FEMINISMUS & ENTWICKLUNG

Was fällt Ihnen zu den Schlagwörtern Feminismus und Entwicklung ein?

Der Feminismus ist historisch bedingt sehr westlich geprägt. Viele Zugänge zu dem Thema sind von den Kämpfen geprägt, die wir Frauen in Europa und den USA hatten. Dabei ging es vorrangig um das Thema Wahlrecht und Gleichstellung. Das sind nicht dieselben Probleme, die Frauen in anderen Regionen haben. Und deswegen kommt der Feminismus vielleicht manchmal ein bisschen paternalistisch daher, mit der Einstellung: Wir westlichen Frauen wissen doch besser, was auch für die Frauen auf der restlichen Welt gut ist. Auch der Feminismus ist nicht frei von rassistischen und kolonialistischen Traditionen. Das müsste stärker reflektiert werden.

Sie sagen, dass der Feminismus nicht frei ist von kolonialistischen Ansichten. Ist es für eine westliche Feministin überhaupt nachvollziehbar, wenn eine Frau gern eine Burka trägt?

Auch wenn mir das nicht einleuchtet – es kommt drauf an, dass wir aus diesen Unterschieden eine fruchtbare Diskussion machen. Ich müsste mich dafür interessieren, welche Argumente sie vorbringt, welche Erfahrungen sie damit hat. Und sie müsste sich dafür interessieren, warum ich das problematisch finde. Aus diesem gegenseitigen Interesse können neue Ideen entstehen. Die Diskurse um Feminismus und westlichen Lebensstil sind sehr miteinander verknüpft. Ich fände es schön, wenn der Feminismus sich von dieser Verbindung frei machen und mehr Bündnisse mit Frauen aus anderen Kulturen suchen würde. Diese Frauen haben viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Wir könnten uns gegenseitig unterstützen.

FEMINISMUS & FÜRSORGE

Sie setzen sich für die Care-Revolution ein – worum geht es da überhaupt?

Vor allem in westlichen Ländern, die schon fortgeschritten, emanzipiert und kapitalisiert sind, ist nicht klar, wer die Fürsorgearbeit übernehmen soll. Wir haben ja keine klassischen Hausfrauen mehr wie früher.

Dass Frauen arbeiten können, ist ja nur möglich, weil Frauen aus anderen Ländern herkommen und für wenig Geld Kinder hüten und die Alten versorgen. Es ist nicht so, dass die Männer diese Arbeiten übernommen haben. Diese ungelöste Frage der Fürsorge ist ein verleugnetes Thema in unserer Gesellschaft und muss dringend gelöst werden. Es wird aber meistens nur oberflächlich unter Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert.

Und jetzt kommt die Care-Revolution. Was sind Ihre Pläne?

Die Care-Revolution ist ein Netzwerk, das sich mit diesem Thema beschäftigt und es auf die politische Agenda heben möchte. Das Neue daran ist, dass wir alle Betroffenen vereinen wollen. In der Kindererziehung zum Beispiel organisieren sich normalerweise diejenigen, die für Erziehungsarbeit bezahlt werden, und die, die es unbezahlt machen, getrennt. Dabei ist das Thema immer dasselbe. Deshalb müssen sich alle, also die Erzieherinnen und die Eltern, an einen gemeinsamen Tisch setzen und überlegen: Was für eine Qualität müsste Fürsorgearbeit eigentlich erfüllen, damit sie gut ist? Wie organisieren wir das? Soll Kindererziehung besser als bezahlte Arbeit, als unbezahlte Arbeit oder als freiwilliges Engagement gemacht werden? Und wenn es unbezahlte Arbeit sein soll: Wie werden dann die Leute, die diese Arbeit tun, materiell abgesichert?

Was wäre Ihre persönliche Lösung für das Problem?

Die Lösung wäre, das Thema der Fürsorgearbeit nicht mehr als reines Randthema zu sehen, sondern als zentrales Thema der Ökonomie. Wenn Sie ein Ökonomielehrbuch aufschlagen, dann steht meistens auf der ersten Seite: Ökonomie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Ab Seite zwei geht es aber nur noch um Bilanzen und Geld. Die unbezahlte Arbeit muss da aber zentral mit berücksichtigt werden. Ein erster Schritt in die Richtung wäre zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde einfach mal Experimente ermöglichen. Damit wären Menschen, die Fürsorgearbeit leisten, materiell abgesichert und wären nicht mehr unbedingt dazu gezwungen, Geld zu verdienen.

In Ländern wie Afghanistan halten Frauen durch Sorgearbeit ihre Familie zusammen, Sorgearbeit ist Tradition und wird nicht „ausgelagert“. Was können wir hier von solchen Frauen lernen?

Auch die Frauenbewegung hat die Arbeit von Frauen im Haushalt lange Zeit gering geschätzt. In meiner Generation wollten wir alles werden – nur nicht so wie unsere Mütter, die Hausfrauen waren. Die Emanzipation fand auch auf dem Rücken von klassischen weiblichen Tätigkeiten statt, von denen sich die Frauen dann selbst distanziert haben. Und das war falsch. Wir hätten sehen müssen, dass diese Arbeiten natürlich sehr wichtig sind. Von Frauen aus anderen Kulturen können wir lernen, dass Hausarbeit und Fürsorgearbeit nicht abgewertet werden dürfen. Sie müssen aufgewertet, raus aus dem Privaten und auf die politische Agenda geholt werden.


How to be a Feminist! Tipps von Antje Schrupp

So glänzt du feministisch korrekt:

  • Achte darauf, was Frauen in deiner Umgebung sagen, und nimm es genau so ernst wie das, was Männer sagen.
  • Nimm die Verschiedenheit von Frauen wahr.
  • Sei aufmerksam für die vielfältige Bedeutung von Geschlecht im Alltag.

Das solltest du lieber lassen:

  • Schreibe anderen Menschen nicht vor, was sie tun oder denken sollen.
  • Glaube nicht, es gebe den „neutralen, geschlechtslosen Menschen“. Geschlechter existieren und das ist auch gut so!
  • Strebe nicht nach dem wahren, allumfassenden Feminismus. Es gibt vielzählige feministische Denkrichtungen.

Afghanistan im Aufbruch? Das Land aus den Augen einer deutschen Journalistin Die Chance auf Veränderung wird in Afghanistan ausgebremst durch Gewalt und Terror. Spiegel-Korrespondentin Susanne Koelbl kennt die Zerrissenheit des Landes.

Susanne Koelbl, Auslandsreporterin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, spricht aus ihrer Erfahrung von Einsätzen in Kriegs- und Krisenregionen in Afghanistan.

Afghanistan ist wie ein Kaleidoskop, Mosaikteilchen, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Ein Land, schillernd und zerrissen zugleich. Wo verschiedene Ethnien koexistieren, wo immer wieder von neuem Gewalt ausbricht, ist es schwierig, Stabilität zu schaffen.

Trotzdem hat sich viel getan in den letzten 15 Jahren, seit Susanne Koelbl für den Spiegel vor Ort ist. Die Digitalisierung findet auch hier statt und eröffnet neue Möglichkeiten. „Afghanistan ist nicht mehr isoliert“, sagt Koelbl, „früher haben die Leute keine Chance gehabt, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen“. Auch die internationalen Bemühungen zeigen Wirkung, Institutionen konnten entstehen, Medienhäuser wurden gegründet, Krankenhäuser errichtet.

Gleichzeitig wird es wieder gefährlicher im Land. „Es gibt Fortschritte und Rückschritte gleichzeitig, das läuft parallel“, meint Koelbl. Das Hauptproblem sei die herrschende Ungerechtigkeit. Die Afghanen erlebten ihre Regierung als korrupt und die Taliban als gewalttätig.

 

Das Patriarchat gefährdet die Stärke der Frauen

Dem Land fehlt es an Sicherheit. Das bedroht insbesondere die Frauen, deren Stimme vom Patriarchat erstickt wird. „Sie sind fast unsichtbar in der Gesellschaft“, bedauert Koelbl. Frauen können sich nur mit Unterstützung der Männer verwirklichen. Diese Abhängigkeit kann für sie gefährlich werden. So wie am 28. September 2015, als das Feuer der Taliban die Stadt Kundus erreichte.

In Kundus gibt es ein Frauenhaus für Opfer von Gewalt, unterstützt von der NGO Women for Afghan Women. Für die konservativen Kreise ist ein solches Projekt die Spitze der Provokation, erklärt Koelbl. Als die Taliban vorübergehend die Stadt eroberten, sei ein Angriff vorprogrammiert gewesen. Doch niemand der Sicherheitskräfte brachte die Bewohnerinnen in Sicherheit. Als die Leiterin des Frauenhauses wegen der immer lauter werdenden Schüsse und den Explosionen von Mörser-Granaten nachts die Polizei anrief, erfuhr sie, dass weder die Polizisten noch die Armee in der Stadt waren. „Sie waren einfach geflohen, ohne die Stadt zu verteidigen“, erinnert sich Koelbl. Die Leiterin des Frauenhauses flüchtete daraufhin selbst unter großem Risiko mit ihren Schützlingen in einem Mini-Van aus der Stadt. Alle überlebten. „Es gibt sehr starke Frauen dort“, sagt Koelbl, doch „sie können nie wissen, wie lange ihre Unterstützung durch Väter, Onkel, Brüder anhält“.

 

Die junge Elite flieht vor der Korruption

Wegen der schlechten Sicherheitslage verlässt die junge Elite inzwischen wieder das Land. Sie wollen aufbrechen zu neuen Ufern und zahlen dafür bis zu 18.000 Dollar. „Schlepper gibt es dort wie Sand am Meer“, beobachtet Koelbl. Viele der gut ausgebildeten Frauen und Männer sehen keine ökonomische Perspektive, aber auch wer das System reformieren will, gerät schnell unter Druck. Journalistin Koelbl berichtet von einem jungen Mann, der aufgrund eines kritischen Artikels über die Selbstgerechtigkeit von Moslems, vor das lokale Ulema Council vorgeladen wurde, ein Scharia-Gericht. „Argumentiert wird mit dem Islam, aber gemeint ist eigentlich das patriarchalische Machtgefüge, da kommen sie nicht dagegen an“, fasst Koelbl die Lage zusammen, „Religion wird benutzt, um die eigenen Machtinteressen durchzusetzen“. Afghanistan verliert damit die Menschen, die das Land stabilisieren könnten und den Modernisierungstrend fortführen.

 

Leben mit dem Terror 

Koelbls Ausführungen machen deutlich, dass die Menschen in Afghanistan mit der ständigen Bedrohung leben. Trotzdem ist die Stereotypisierung von „Regierung gut, Taliban böse“ zu kurz gedacht: „Es geht um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit wird auch von der Regierung nicht hergestellt“, erklärt Koelbl, „deswegen wechseln viele Leute die Seite, nicht weil sie fundamentalistisch sind, sondern weil sie enttäuscht sind“.

Das Verbrämen mit religiösem Gedankengut mischt sich mit in die Gerechtigkeitsfrage, meint Koelbl: „Die islamistischen Gruppen haben ein anderes politisches Ziel, die wollen eine andere Regierung und mit ihr eine andere Lebensform durchsetzen.“ Diese an der Religion orientierte Lebensform unterstütze den Machtanspruch der Islamisten, als Gegenpol zu einer dem Westen zugewandten Gesellschaft. In der Folge wächst die Gewalt, so Koelbl: „Es ist Krieg, und jeder kämpft mit anderen Mitteln.“

Und was bedeutet das für uns Europäer? Auch wir hätten uns, meint die Journalistin, inzwischen gedanklich an die Existenz von Selbstmordattentätern gewöhnt. Jetzt rückt der Terror näher, erst London, dann Madrid, jetzt Paris. „Terror wird uns die nächsten Jahre begleiten“, sagt Susanne Koelbl, „das heißt aber nicht, dass er übernehmen wird, ich bin optimistisch, dass unsere Staaten stark sind.“ Diese Stärke ist es, die Europa von Afghanistan unterscheidet. Das Kaleidoskop braucht Zeit, um zu einem festen Mosaik werden zu können.

 

Foto: Christiane Fritsch

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Afrika – Der vergessene Kontinent? Autorin: Nadine Dinkel

Burundi? Wo genau liegt das überhaupt? In den deutschen Medien liest man kaum etwas über den Staat, in dem zehn Millionen Menschen leben. Zumindest gab es im Jahr 2014 fast keine Berichterstattung über den zentralafrikanischen Staat. Warum? Sicherlich nicht, weil dort nichts Berichtenswertes passierte. Vielmehr interessiert sich der durchschnittliche Leser, Zuschauer oder User einfach nicht sonderlich dafür. Das wiederum liegt auch daran, dass die Medien demjenigen, der sich für die Geschehnisse in Afrika interessiert, kaum Informationen bieten. Das Interesse an einem Thema wächst meist erst dann (auf Seiten des Lesers, wie auch in den Medien), wenn es Auswirkungen auf Europa, Deutschland oder das eigene Leben hat. So etwa bei der aktuellen Flüchtingskrise. Es mag hart klingen, ist aber so. Oder wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel über Geschehnisse in Afrika gelesen? Moment, ist zwar schon beinahe zwei Jahre her, aber zur Ebola-Krise haben Sie viel gelesen. Stimmt, hat aber nichts mit Burundi zu tun.

Ihr Interesse ist geweckt und Sie möchten sich über Burundi informieren? Das könnte schwierig werden – zumindest, wenn Sie mehr interessiert, als die momentan prekäre politische Lage in dem zentralafrikanischen Staat. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass viele Medien keine Auslandskorrespondenten in Afrika haben. Gerade einmal 20 feste Korrespondenten deutscher Medien für den gesamten afrikanischen Kontinent. Keine personellen Ressourcen, keine Informationen, keine Nachrichten über Afrika. So einfach ist das.

Ist es nicht. Denn plötzlich tut sich etwas in Burundi… eine verfassungswidrige dritte Amtszeit des Präsidenten, ein gescheiterter Putschversuch, gewalttätige Ausschreitungen, Kritiker werden bedroht und angegriffen, Menschen fliehen, Menschen sterben. 2015 taucht Burundi wieder in den deutschen Medien auf – wenn auch spärlich und mit überwiegend negativen Berichten. Afrika, der K-Kontinent. K wie Kriege, Krisen, Katastrophen.

Und schon wird die nächste Kritik laut, es werde immer nur negativ über Afrika berichtet. Doch lässt sich ein derart schreckliches Bild, wie das der aktuellen politischen Situation in Burundi „korrigieren“ oder spiegelt es nicht vielmehr die traurige Realität wider? Die politische Lage in Burundi ist prekär, die Spannungen nehmen zu. Die Vereinten Nationen sprechen von einem bevorstehenden Völkermord. „Auf den ersten Blick scheint die Berichterstattung übertrieben und auf das Negative fokussiert. Es scheint, als würden sich die Probleme binnen weniger Monate wieder legen. Aber die Gefahr eines Genozids ist real, es muss gehandelt werden“, sagt die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Es gibt Bilder, die sich nicht „korrigieren“ lassen. Doch wir als Journalisten haben die Möglichkeit, andere Blickwinkel einzunehmen, Betroffene zu Wort kommen zu lassen oder das Afrika fernab der Kriege, Konflikte und Katastrophen zu zeigen. Und wenn das alles nicht möglich ist, dann schaffen wir es vielleicht zumindest, unsere Leser, Zuschauer oder User für bestimmte Themen zu sensibilisieren.

 

Wie sieht gute Berichterstattung über Afrika aus? – Zwei gelungene Projekte:

JournAfrica! ist eine Internetplattform für Journalismus aus Afrika über Afrika – jenseits der Klischees und Vorurteile.

 

 

Africa on the Move ist ein multimediales Projekt der Deutschen Welle, dass junge Afrikaner und Afrikanerinnen zu Wort kommen lässt, die mit ihren besonderen Fähigkeiten ihr Land verändern möchten.

 

Journalisten in Burundi – Bleiben oder fliehen? Autorin: Nadine Dinkel

Erst vor zehn Jahren ging in Burundi ein Bürgerkrieg mit rund 300.000 Toten zu Ende. Auch jetzt liest man in den Medien von einer „Spirale der Gewalt“. Seit April 2015 kommt es immer wieder zu Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der burundischen Bevölkerung, Oppositionellen und der Regierung. Anlass ist, dass der burundische Präsident Pierre Nkurunziza sich dazu ermächtigen ließ, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Die burundische Verfassung sieht jedoch maximal zwei Amtszeiten vor. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Mai ließ die burundische Regierung alle unabhängigen Medienhäuser gewaltsam schließen. Seitdem kommt es immer wieder zu Protesten, bei denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2015 mindestens 240 Menschen ums Leben kamen. Regierung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld an den Morden. Binnen eines Jahres sind mehr als 200.000 Menschen aus Burundi geflohen – hauptsächlich in die Nachbarländer Ruanda und TansaniaDie Vereinten Nationen warnen vor einem bevorstehenden Genozid.

 

Stummschaltung der privaten Medien

Die Pressefreiheit in Burundi ist erheblich eingeschränkt. Seit der gewaltsamen Schließung aller privaten Medienhäuser herrscht beinahe ein Informationsblackout. Informationen erhält die burundische Bevölkerung nur noch über staatliche Medien, die von der Regierung kontrolliert und zu ihren Zwecken instrumentalisiert werden. Kritische Stimmen werden gewaltsam stumm geschalten. Nur etwa fünf Prozent der unabhängigen burundischen Journalisten, die zuvor für private Medienhäuser gearbeitet haben, sind im Land geblieben und berichteten weiterhin.

Auch die Journalistin Diane Nininahazwe war mit ihrer kritischen Berichterstattung zunehmend in das Visier der Regierung geraten. Noch vor wenigen Monaten berichtete sie aus der burundischen Hauptstadt Bujumbura über die politischen Geschehnisse des Landes. Bis zur Schließung am 14. Mai 2015 arbeitete sie als Radiojournalistin für den privaten Radiosender Bonesha FM. Außerdem ist sie als Korrespondentin des US-amerikanischen Radiosenders Voice of America tätig.

 

Irgendwann bleibt nur die Flucht

Trotz der akuten Bedrohung von Journalisten durch die burundische Regierung ließ sich Diane Nininahazwe zunächst nicht an ihrer Arbeit hindern. Sie berichtete weiterhin für den US-amerikanischen Radiosender Voice of America. Dies änderte sich schlagartig, als am 24. Juni eine Granate auf ihrem Grundstück explodierte. Ein Anschlag, der ihr als Journalistin galt. Diane arbeitete gerade an einer Story über unaufgeklärte nächtliche Entführungen in Gihanga, einer Stadt nördlich der Hauptstadt Bujumbura. Für einen Bericht sprach sie vor Ort mit der burundischen Armee. Kurz darauf erhielt sie mehrere anonyme Drohungen, darunter eine konkrete Todesdrohung, dann folgte der Anschlag. Niemand wurde bei der Explosion verletzt. Dennoch blieb Diane nur die Flucht in das Nachbarland Ruanda. Dort kam sie bei ihren Geschwistern unter, ihre Eltern bleiben in Burundi.

 

Verdiente Auszeit

Ab Sommer 2015 lebte Diane als erste Stipendiatin des Auszeit-Stipendiums von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung in einer kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Aufenthalt in Berlin sollte ihr helfen wieder zu Kräften zu kommen. Da sich die politische Lage in Burundi weiter zugespitzt hat, wurde Dianes Aufenthalt bis Ende Januar 2016 verlängert. Mit Ablauf des Stipendiums muss Diane Deutschland verlassen. Bis die politische Lage in Ruanda es ihr erlaubt zurückzukehren sucht sie erneut Zuflucht in Ruanda.

 

Zum Interview mit der burundischen Journalistin Diane Nininahazwe

 

Pressefreiheit in Afrika
Zeit zum Durchatmen: Das Auszeit-Stipendium

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung. Es ermöglicht Journalisten und Journalistinnen aus Kriegs- und Krisengebieten einen bis zu dreimonatigen Aufenthalt in Berlin. Das Programm richtet sich vorwiegend an Journalisten und Journalistinnen, die in einem repressiven Umfeld tätig sind oder aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht oder verfolgt werden. In Berlin erhalten die Stipendiaten die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. Sie können die Zeit aber auch zum Schreiben und Denken nutzen und das politische Leben in Berlin erkunden.

Rund 270 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt haben sich für das Stipendium beworben, das 2015 zum ersten Mal vergeben wurde. Bewerbungen kamen unter anderem aus Bolivien, Südafrika, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Die erste Stipendiatin ist die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Sie möchten mehr über das Auszeit-Stipendium erfahren oder sich bewerben?

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/hilfe-schutz/auszeit-stipendium/

Medienlandschaft in Burundi

Ursprünglich gab es in Burundi staatliche und private Medien. Noch bis Ende Februar 2015 war es Journalisten möglich, relativ frei zu berichten. Nachdem der burundische Präsident Pierre Nkurunziza entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte, kam es zu politischen Unruhen im Land. Am 14. Mai 2015 wurden alle privatwirtschaftlichen und somit regierungsunabhängigen Medienhäuser von der burundischen Regierung gewaltsam geschlossen. Diese hatten zuvor regierungskritisch berichtet. 95 Prozent der unabhängigen Journalisten flohen in die Nachbarländer, insbesondere nach Ruanda.

Offiziell gibt es derzeit in Burundi nur noch staatliche Medien. Diese werden von der Regierung kontrolliert und zu Propagandazwecken eingesetzt. Inoffiziell erhält die burundische Bevölkerung noch Informationen über soziale Medien. Doch viele Burundier haben keinen Zugang zu Internet oder Smartphone. Zuvor sendeten zehn private Radiosender aus Burundi – Radio ist das wichtigste Medium für eine Bevölkerung, in der viele weder lesen noch schreiben können. Neben den staatlichen Radiosendern bleiben nun nur noch die beiden Auslandssender Voice of America und Radio France Internationale, die aus Washington D.C. bzw. Paris senden. Doch die Sender berichten auf Englisch oder Französisch –  Sprachen, die in Burundi nur die Gebildeten sprechen, denn Amtssprache ist Kirundi. Die breite Masse der burundischen Bevölkerung erreicht also nur noch die staatlichen Medien.

Q&A mit Journalist und Fotograf Till Mayer

Als Journalist und Fotograf erkundet Till Mayer die Welt. Immer wieder führen ihn seine Reisen in Kriegs- und Krisenländer sowie Katastrophengebiete Afrikas, Asiens und Europas. Über seine Arbeit als Journalist und die Rolle der Frau im Kongo hat er einige Fragen beantwortet.

 

Wie haben Sie die Situation und die bestehnden Konflikte bei Ihrem letzten Besuch im Kongo wahrgenommen?

TM: Ich berichtete aus Goma. Dort hausten zu diesem Zeitpunkt rund 200.000 Flüchtlinge beziehungsweise Binnenvertriebene, die vor den Kämpfen geflohen waren. Auch bei den Reisen durch das Land wurde ich natürlich durch starke Militärpräsenz, Checkpoints und Blauhelme erinnert, dass die DR Kongo ein sehr instabiles Land ist.

© Till Mayer

Wie schätzen Sie persönlich die Situation der Frauen im Kongo ein?

TM: Frauen sind die Hauptleidtragenden des Konflikts, bei dem Vergewaltigungen als gezielte Waffen eingesetzt wurden. Viele der Frauen in den Camps haben Unvorstellbares überstehen müssen.

Wie frei haben Sie den Journalismus im Kongo erlebt?

TM: Ich kann wenig sagen, wie lokale Kollegen arbeiten können, da ich nur kurz vor Ort war. Ich konnte mich ungehindert bewegen.

Wie unterscheiden sich Ihre Arbeit und bzw. dahingehende Freiheiten o.ä. im Kongo von denen in Deutschland?

TM: Die Sicherheitslage im Kongo verlangt den notwendigen Respekt.

Welche besonderen Fähigkeiten mussten Sie für Ihre Arbeit im Kongo beherrschen?

TM: Das journalistische und fotografische Handwerkszeug und Respekt vor den Menschen und ihren Schicksalen.

Hatte Ihr Geschlecht einen Einfluss auf die Erfahrungen, die Sie im Kongo machen durften? Hätten sie manche Erfahrungen nicht machen können, hätten Sie den Kongo als JournalistIN bereist?

TM: Bei meiner Recherchereise machte es aus Sicherheitsgründen keinen Unterschied.

Info Till Mayer

Der Journalist und Fotograf mit Herz für Bedürftige

TillMayer_MP

Wo Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt herrschen ist er zur Stelle: Mit Leidenschaft reist Till Mayer als Fotograf und Journalist in Krisengebiete, um denjenigen zuzuhören und Respekt entgegenzubringen, die unter oft widrigsten Bedingungen ihren Alltag meistern. Dabei arbeitet er seit Jahren eng mit dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond zusammen. Zusätzlich engagiert sich Till Mayer außerberuflich für Bedürftige. So ist er ehrenamtlich beim Rotkreuz-Kreisverband Lichtenfels als Vorstandsmitglied und Konventionsbeauftragter tätig. In Kooperation mit der Tageszeitung Obermain Tagblatt (OT), bei der er als Redakteur angestellt ist, hat der Bamberger die OT-Leseraktion „Helfen macht Spaß“ ins Leben gerufen. Über seine Erfahrungen in den Krisengebieten dieser Welt schreibt Till Mayer für Spiegel-Online und zahlreiche Magazine. Seine Fotos schmücken Ausstellungen und Bildbände. Für sein cross-mediales Ausstellungsstück „Barriere:Zonen“ erhielt Till Mayer im vergangenen Jahr den Coburger Medienpreis.

Falls Sie mehr über Till Mayer und seine Arbeit erfahren möchten, laden wir Sie herzlich dazu ein, seine Website zu besuchen.

 

Nachrichtenportal JournAfrica! bietet Deutschland neue Afrika-Bilder Da ansetzen, wo andere gar nicht erst hinschauen: Tammo Strunk berichtet in Leipzig über JournAfrica!, das erste deutsche Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika.

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk ist neben Philipp Lemmerich und Raoul Jochum einer der Gründer des Projekts JournAfrica! und stellt dieses auf der Bildkorrekturen-Tagung vor. Mit dem Online-Magazin gibt es seit gut einem Jahr ein deutschsprachiges Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika. Hier berichten afrikanische JournalistInnen aus über 50 Ländern und liefern Geschichten unmittelbar vom Ort des Geschehens.

In Deutschland herrsche eine einseitige Berichterstattung über Afrika vor, die von Krisen und Kriegen beherrscht wird – und genau das sei es, was die Gründer von JournAfrica! störte, erklärt Tammo Strunk. Die Macher wollen mehr bieten als die nächste Schreckensmeldung – spannende Alltagsgeschichten vom „vergessenen Kontinent“ sollen Stereotype brechen und den Blickwinkel erweitern. „Vor meinem Studium war ich einige Monate im südlichen Afrika unterwegs und die Bilder und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben sich überhaupt nicht mit den Bildern gedeckt, die ich vorher im Kopf hatte“, berichtet Strunk. „Die Medien in Deutschland tragen dazu bei, dass wir hier ein sehr negatives und einseitiges Afrika-Bild haben.“

Zum einen sehen die Gründer das Problem darin, dass die deutschen Medienhäuser in der Krise stecken und es kaum noch Korrespondenten in Afrika gibt. „Korrespondenten können entweder gar nicht oder nur noch sehr selten vor Ort sein“, prangert Strunk an. Das Problem liegt aber nicht nur bei den Medien: „Das Interesse der deutschen Rezipienten an Afrika fehlt, da wir alle uns immer in den gleichen Strukturen bewegen – gleiche Nachrichtenseiten, gleiche Klicks, gleiche Kontakte.“ Der zentrale Punkt sei, einen Bezug zwischen der Lebenswelt hier und vor Ort herzustellen.

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Das will JournAfrica! mit spannenden Alltagsgeschichten schaffen, die eine große Leserschaft ansprechen und das Interesse an Afrika steigern sollen. „Wir haben schon richtig gute Storys gebracht. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist über die mit Graffiti verzierten Busse in Kenia , die Matatubusse, die da im Nahverkehr eingesetzt werden. Da fahren die Leute nicht gewöhnlich mit ihrem Linienbus, sondern warten bis ihr Matatubus vorbeikommt und steigen in den ein, weil sie mögen, wie er gestaltet ist, was für Musik darin läuft, sie kennen die Leute die darin mitfahren“, erzählt Strunk begeistert. Die Geschichten findet die Redaktion von JournAfrica! entweder selbst durch Medienscanning oder sie werden ihnen direkt von den JournalistInnen aus Afrika vorgeschlagen.

Die Zukunft von JournAfrica! hat Strunk ganz klar vor Augen: „Wir wollen die jetzige Korrespondentenstruktur von

Tammo Strunk wäjrend des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Tammo Strunk während des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Afrika gar nicht ersetzen, wir wollen sie ergänzen. Wir wollen einen Mehrwert für Leute bieten, die sich hintergründiger und anders informieren wollen und auch Bock haben, mal andere Seiten der Welt kennen zu lernen, aber nicht die Chance haben, da mal hinzureisen.“ Die Gründer rechnen fest damit, dass ihr Magazin noch stark an Bekanntheit gewinnen wird und haben sich als langfristiges Ziel gesetzt, ihre vielfältige Afrikaberichterstattung weiter auszubauen.

Ein großer Meilenstein für das Projekt wurde Ende 2015 bereits gelegt: Um die Finanzierung der Plattform in 2016 stemmen zu können, starteten die Macher von JournAfrica! ein Crowfunding- Projekt, dessen Einnahmen in voller Höhe in den laufenden Betrieb von JournAfrica! fließen sollen. Das Crowdfunding- Ziel von 12.000 Euro wurde pünktlich zum Jahreswechsel erreicht.

JournAfrica! ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins treemedia e.V. aus Leipzig, der Mitte 2014 von Raoul Jochum, Tammo Strunk und Philipp Lemmerich gegründet wurde. Das junge Team verortet sich selbst an der Schnittstelle zwischen Journalismus, politischer Kommunikation und Medienentwicklung. Bisher arbeitet das zwölfköpfige Team ehrenamtlich an der Plattform. Die JournalistInnen und FotografInnen aus über 50 Ländern des afrikanischen Kontinents erhalten jedoch ein Honorar von durchschnittlich 50 Euro. Die Artikel erscheinen bislang in unregelmäßigen Abständen, doch das soll sich ändern. Ziel ist es, mindestens ein bis zwei Artikel pro Woche zu veröffentlichen. JournAfrica! plant dafür eine Finanzierung durch entwicklungspolitische Stiftungen, Crowdfunding und Spenden. Innerhalb des nächsten Jahres will JournAfrica! mit einem Community-/Abo-Modell auch über die Plattform Geld verdienen und so eine nachhaltige Finanzierung sichern.