Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“

 

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Journalisten in Burundi – Bleiben oder fliehen? Autorin: Nadine Dinkel

Erst vor zehn Jahren ging in Burundi ein Bürgerkrieg mit rund 300.000 Toten zu Ende. Auch jetzt liest man in den Medien von einer „Spirale der Gewalt“. Seit April 2015 kommt es immer wieder zu Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der burundischen Bevölkerung, Oppositionellen und der Regierung. Anlass ist, dass der burundische Präsident Pierre Nkurunziza sich dazu ermächtigen ließ, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Die burundische Verfassung sieht jedoch maximal zwei Amtszeiten vor. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Mai ließ die burundische Regierung alle unabhängigen Medienhäuser gewaltsam schließen. Seitdem kommt es immer wieder zu Protesten, bei denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2015 mindestens 240 Menschen ums Leben kamen. Regierung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld an den Morden. Binnen eines Jahres sind mehr als 200.000 Menschen aus Burundi geflohen – hauptsächlich in die Nachbarländer Ruanda und TansaniaDie Vereinten Nationen warnen vor einem bevorstehenden Genozid.

 

Stummschaltung der privaten Medien

Die Pressefreiheit in Burundi ist erheblich eingeschränkt. Seit der gewaltsamen Schließung aller privaten Medienhäuser herrscht beinahe ein Informationsblackout. Informationen erhält die burundische Bevölkerung nur noch über staatliche Medien, die von der Regierung kontrolliert und zu ihren Zwecken instrumentalisiert werden. Kritische Stimmen werden gewaltsam stumm geschalten. Nur etwa fünf Prozent der unabhängigen burundischen Journalisten, die zuvor für private Medienhäuser gearbeitet haben, sind im Land geblieben und berichteten weiterhin.

Auch die Journalistin Diane Nininahazwe war mit ihrer kritischen Berichterstattung zunehmend in das Visier der Regierung geraten. Noch vor wenigen Monaten berichtete sie aus der burundischen Hauptstadt Bujumbura über die politischen Geschehnisse des Landes. Bis zur Schließung am 14. Mai 2015 arbeitete sie als Radiojournalistin für den privaten Radiosender Bonesha FM. Außerdem ist sie als Korrespondentin des US-amerikanischen Radiosenders Voice of America tätig.

 

Irgendwann bleibt nur die Flucht

Trotz der akuten Bedrohung von Journalisten durch die burundische Regierung ließ sich Diane Nininahazwe zunächst nicht an ihrer Arbeit hindern. Sie berichtete weiterhin für den US-amerikanischen Radiosender Voice of America. Dies änderte sich schlagartig, als am 24. Juni eine Granate auf ihrem Grundstück explodierte. Ein Anschlag, der ihr als Journalistin galt. Diane arbeitete gerade an einer Story über unaufgeklärte nächtliche Entführungen in Gihanga, einer Stadt nördlich der Hauptstadt Bujumbura. Für einen Bericht sprach sie vor Ort mit der burundischen Armee. Kurz darauf erhielt sie mehrere anonyme Drohungen, darunter eine konkrete Todesdrohung, dann folgte der Anschlag. Niemand wurde bei der Explosion verletzt. Dennoch blieb Diane nur die Flucht in das Nachbarland Ruanda. Dort kam sie bei ihren Geschwistern unter, ihre Eltern bleiben in Burundi.

 

Verdiente Auszeit

Ab Sommer 2015 lebte Diane als erste Stipendiatin des Auszeit-Stipendiums von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung in einer kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Aufenthalt in Berlin sollte ihr helfen wieder zu Kräften zu kommen. Da sich die politische Lage in Burundi weiter zugespitzt hat, wurde Dianes Aufenthalt bis Ende Januar 2016 verlängert. Mit Ablauf des Stipendiums muss Diane Deutschland verlassen. Bis die politische Lage in Ruanda es ihr erlaubt zurückzukehren sucht sie erneut Zuflucht in Ruanda.

 

Zum Interview mit der burundischen Journalistin Diane Nininahazwe

 

Pressefreiheit in Afrika
Zeit zum Durchatmen: Das Auszeit-Stipendium

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung. Es ermöglicht Journalisten und Journalistinnen aus Kriegs- und Krisengebieten einen bis zu dreimonatigen Aufenthalt in Berlin. Das Programm richtet sich vorwiegend an Journalisten und Journalistinnen, die in einem repressiven Umfeld tätig sind oder aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht oder verfolgt werden. In Berlin erhalten die Stipendiaten die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. Sie können die Zeit aber auch zum Schreiben und Denken nutzen und das politische Leben in Berlin erkunden.

Rund 270 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt haben sich für das Stipendium beworben, das 2015 zum ersten Mal vergeben wurde. Bewerbungen kamen unter anderem aus Bolivien, Südafrika, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Die erste Stipendiatin ist die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Sie möchten mehr über das Auszeit-Stipendium erfahren oder sich bewerben?

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/hilfe-schutz/auszeit-stipendium/

Medienlandschaft in Burundi

Ursprünglich gab es in Burundi staatliche und private Medien. Noch bis Ende Februar 2015 war es Journalisten möglich, relativ frei zu berichten. Nachdem der burundische Präsident Pierre Nkurunziza entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte, kam es zu politischen Unruhen im Land. Am 14. Mai 2015 wurden alle privatwirtschaftlichen und somit regierungsunabhängigen Medienhäuser von der burundischen Regierung gewaltsam geschlossen. Diese hatten zuvor regierungskritisch berichtet. 95 Prozent der unabhängigen Journalisten flohen in die Nachbarländer, insbesondere nach Ruanda.

Offiziell gibt es derzeit in Burundi nur noch staatliche Medien. Diese werden von der Regierung kontrolliert und zu Propagandazwecken eingesetzt. Inoffiziell erhält die burundische Bevölkerung noch Informationen über soziale Medien. Doch viele Burundier haben keinen Zugang zu Internet oder Smartphone. Zuvor sendeten zehn private Radiosender aus Burundi – Radio ist das wichtigste Medium für eine Bevölkerung, in der viele weder lesen noch schreiben können. Neben den staatlichen Radiosendern bleiben nun nur noch die beiden Auslandssender Voice of America und Radio France Internationale, die aus Washington D.C. bzw. Paris senden. Doch die Sender berichten auf Englisch oder Französisch –  Sprachen, die in Burundi nur die Gebildeten sprechen, denn Amtssprache ist Kirundi. Die breite Masse der burundischen Bevölkerung erreicht also nur noch die staatlichen Medien.

Interview mit Claudia Simons: „Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen sind ein globales Problem“

Interview mit der Peacebuilding-forscherin Claudia Simons von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Wie würden Sie die gesellschaftliche Stellung der Frau im Kongo beschreiben? Wie haben sie selbst es dort erlebt?

Die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung der Frau kann man fast global beantworten: Sie ist trotz vieler Veränderungen in verschiedenen Teilen der Welt noch prekär. Das gesamte gesellschaftliche System ist sehr patriarchal strukturiert, das wirkt sich im Rechtssystem aus, in bestimmten kulturellen Praktiken etc. Man kann zwar sagen, dass sich durch die Frauenbewegung in Europa viel geändert hat. Aber selbst in Europa hat man in vielen Ländern, inklusive Deutschland, immer noch bestimmte Strukturen, in denen man merkt, dass der Bias in der Gesellschaft sehr patriarchal ist. In Ländern wie Kongo und Burundi ist es zum Teil schlimmer, da die Gesellschaftsstrukturen noch stärker männerdominiert sind und diese Themen in der Politik kaum Beachtung finden. Gerade die Rechtsprechung, vor allem im Erbrecht, ist ein guter Indikator dafür, ob es gesellschaftliche Gleichstellung gibt oder nicht. In Burundi zum Beispiel hat die Frau nach wie vor kein volles Erbrecht. Wenn ihr Mann stirbt, hat sie kein Recht auf das hinterlassene Land.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Lage im Kongo aus? Werden nach Frauen in Bezug auf sexuelle Übergriffe ausreichend geschützt?
Vom Gesetz her schon. Die demokratische Republik Kongo ist eines der wenigen Länder, das Vergewaltigung explizit mit der sogenannten „rape-law“ im Gesetz verankert hat. Es ist interessant zu sehen, dass sich mittlerweile auch viele Zivil- und Militärgerichte mit Vergewaltigungen befassen. Aber leider kommt es sehr selten zu einer Verurteilung. Es ist natürlich immer die Frage, inwiefern das formelle Recht auch angewandt wird und inwiefern informelle Rechtspraktiken bestehen. Ein anderes Problem ist, dass viele Vergewaltigungen nicht angezeigt werden. Vor allem bei Vergewaltigungen durch Soldaten und Familienmitglieder im Rahmen häuslicher Gewalt ist dies der Fall. Auch in Deutschland ist häusliche Gewalt ist ein sensibles Problem. Es besteht eine wahnsinnig hohe Dunkelziffer, die man überhaupt nicht einschätzen kann.

Liegt es vielleicht auch daran, dass vergewaltigte Frauen im Kongo oftmals von ihren Männern verstoßen werden und sich deshalb gar nicht trauen, die Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung?
Vergewaltigung ist immer ein Stigma. Es ist auch ein typisches Phänomen, die Schuld umzudrehen und zu sagen, dass die Frau schuld sei an der Vergewaltigung oder sie provoziert hätte. Das passiert sehr häufig überall auf der Welt.
Es hat sich in den letzten Jahren im Kongo insofern gewandelt, da das Thema „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ extrem dominant geworden ist. Viele internationale NGOs befassen sich nun mit diesem Thema. Was einerseits positiv ist, da gerade in den Kriegsgebieten wie im Ostkongo Frauen und sogar Männer mehr Mut haben, über Vergewaltigungen zu sprechen und das Thema dadurch etwas enttabuisiert wird. Gleichzeitig hat es den perversen Effekt, dass in manchen Krankenhäusern die Angabe einer Vergewaltigung schon fast notwendig ist, um überhaupt medizinische Versorgung zu bekommen. Das kann von Männern wiederrum benutzt werden, um zu behaupten, dass es gar keine Vergewaltigung gab und die Frau sich diese nur ausgedacht habe. Das Tabu ist deshalb noch längst nicht gebrochen.

Claudia Simons Quelle: http://www.swp-berlin.org/de/wissenschaftler-detail/profile/claudia_simons.html

Claudia Simons ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Berliner Forscherin arbeitet in einer Forschungsgruppe mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika. Sie ist Expertin für die zentralafrikanischen Länder DR Kongo und Burundi. Zu ihren Forschungsgebieten zählen Peacebuilding, innerstaatliche Konflikte wie Bürgerkriege sowie regionale und zwischenstaatliche Konflikte. Außerdem setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit viel mit dem Thema Gender und „Frauen in Kriegen“ auseinander.

Wie schätzen sie die Berichterstattung über den Kongo und Burundi in den deutschen Medien ein?
Es gibt allgemein recht wenig Berichterstattung über diese Länder. Die Mainstream-Berichterstattung ist einfach sehr stark auf bestimmte politische Entwicklungen fokussiert. Häufig wird über gewaltsame politische Ereignisse wie Rebellionen, Putschversuche oder Massenvergewaltigungen berichtet, wenig von anderen interessanten Ereignissen. In vielen Auslandsredaktionen ist es ein richtiger Kampf, ein Thema aus einem afrikanischen Land auf die Agenda zu bringen.

Was würden Sie sich von den deutschen Medien bezüglich der Berichterstattung über afrikanische Länder wünschen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Leute in den Redaktionen sitzen, die sich für bestimmte andere Themen über Afrika begeistern und das auf eine Weise berichten können, die für die Leser interessant ist. Oftmals wird sehr einseitig berichtet oder sich an alten Klischees bedient. Aus Leserperspektive ist das wirklich schade, da ich auch mal was anderes erfahren möchte als das, was man sowieso schon weiß.

Es gibt viele Studien und Berichte, die die Vergewaltigungen im Kongo als strategische Kriegswaffe und systematische Unterdrückung des Feindes definieren. In ihrem Vortrag haben Sie von Studien berichtet, die einen anderen Blickwinkel hervorheben. Könnten Sie diese Studien nochmals erläutern?
Im Rahmen einer Studie von Maria Ericksson Baaz und Maria Stern wurden sehr viele Soldaten der kongolesischen Armee FARDC zum Thema Vergewaltigung in Kriegssituationen befragt. Ericksson und Stern stellten fest, dass mehrere Aspekte von diesem Konzept „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ so nicht ganz zutreffen oder sich in der Realität als wesentlich komplexer ergeben. Unter anderem wurde die Frage, ob Vergewaltigungen von oben angeordnet sind und von Kriegsführern als Strategie angewandt werden, um systematisch Städte zu erobern, Menschen zu vertreiben, etc. von fast allen Soldaten verneint. Es soll nicht heißen, dass Vergewaltigung kein Faktor im Krieg ist, aber es geht darum, das Phänomen zu verstehen und zu begreifen, auf welcher Ebene angesetzt werden muss. Muss man sich mit den Rebellenführern an einen Friedenstisch setzen und diskutieren, was wir tun können, damit Vergewaltigungen nicht mehr als Strategie verwendet werden? Oder geht es allgemein um patriarchale Gesellschaftsformen und das Bild der Frau in der Gesellschaft? Das sind die unterschiedlichen Ansatzpunkte.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Simons.

 

Weitere Infos über die Referentin

Mehr über Claudia Simons und ihre Arbeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik finden Sie auf der Homepage des Instituts.

 

 

Q&A mit Journalist und Fotograf Till Mayer

Als Journalist und Fotograf erkundet Till Mayer die Welt. Immer wieder führen ihn seine Reisen in Kriegs- und Krisenländer sowie Katastrophengebiete Afrikas, Asiens und Europas. Über seine Arbeit als Journalist und die Rolle der Frau im Kongo hat er einige Fragen beantwortet.

 

Wie haben Sie die Situation und die bestehnden Konflikte bei Ihrem letzten Besuch im Kongo wahrgenommen?

TM: Ich berichtete aus Goma. Dort hausten zu diesem Zeitpunkt rund 200.000 Flüchtlinge beziehungsweise Binnenvertriebene, die vor den Kämpfen geflohen waren. Auch bei den Reisen durch das Land wurde ich natürlich durch starke Militärpräsenz, Checkpoints und Blauhelme erinnert, dass die DR Kongo ein sehr instabiles Land ist.

© Till Mayer

Wie schätzen Sie persönlich die Situation der Frauen im Kongo ein?

TM: Frauen sind die Hauptleidtragenden des Konflikts, bei dem Vergewaltigungen als gezielte Waffen eingesetzt wurden. Viele der Frauen in den Camps haben Unvorstellbares überstehen müssen.

Wie frei haben Sie den Journalismus im Kongo erlebt?

TM: Ich kann wenig sagen, wie lokale Kollegen arbeiten können, da ich nur kurz vor Ort war. Ich konnte mich ungehindert bewegen.

Wie unterscheiden sich Ihre Arbeit und bzw. dahingehende Freiheiten o.ä. im Kongo von denen in Deutschland?

TM: Die Sicherheitslage im Kongo verlangt den notwendigen Respekt.

Welche besonderen Fähigkeiten mussten Sie für Ihre Arbeit im Kongo beherrschen?

TM: Das journalistische und fotografische Handwerkszeug und Respekt vor den Menschen und ihren Schicksalen.

Hatte Ihr Geschlecht einen Einfluss auf die Erfahrungen, die Sie im Kongo machen durften? Hätten sie manche Erfahrungen nicht machen können, hätten Sie den Kongo als JournalistIN bereist?

TM: Bei meiner Recherchereise machte es aus Sicherheitsgründen keinen Unterschied.

Info Till Mayer

Der Journalist und Fotograf mit Herz für Bedürftige

TillMayer_MP

Wo Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt herrschen ist er zur Stelle: Mit Leidenschaft reist Till Mayer als Fotograf und Journalist in Krisengebiete, um denjenigen zuzuhören und Respekt entgegenzubringen, die unter oft widrigsten Bedingungen ihren Alltag meistern. Dabei arbeitet er seit Jahren eng mit dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond zusammen. Zusätzlich engagiert sich Till Mayer außerberuflich für Bedürftige. So ist er ehrenamtlich beim Rotkreuz-Kreisverband Lichtenfels als Vorstandsmitglied und Konventionsbeauftragter tätig. In Kooperation mit der Tageszeitung Obermain Tagblatt (OT), bei der er als Redakteur angestellt ist, hat der Bamberger die OT-Leseraktion „Helfen macht Spaß“ ins Leben gerufen. Über seine Erfahrungen in den Krisengebieten dieser Welt schreibt Till Mayer für Spiegel-Online und zahlreiche Magazine. Seine Fotos schmücken Ausstellungen und Bildbände. Für sein cross-mediales Ausstellungsstück „Barriere:Zonen“ erhielt Till Mayer im vergangenen Jahr den Coburger Medienpreis.

Falls Sie mehr über Till Mayer und seine Arbeit erfahren möchten, laden wir Sie herzlich dazu ein, seine Website zu besuchen.

 

Armes reiches Land

Es ist ein grausames Schicksal, was das Leben tausender Frauen in der Demokratischen Republik Kongo zerstört:
Rund 400.000 Frauen werden jährlich Opfer von Vergewaltigungen.

Lohngleichheit von Mann und Frau, Frauenquote und der Gender-Star – während sich die Geschlechter in Deutschland um Gleichstellung bemühen, kämpfen Frauen auf der anderen Seite der Erde um ihr grundlegendes Menschenrecht: Im zentralafrikanischen Kongo werden jährlich 400.000 Frauen Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen, die Dunkelziffer ist deutlich höher. Die Gründe hierfür sind vielschichtig – die Lösungsansätze komplex.

 

 

Vergewaltigung nur Militärstrategie?

Häufig wird die systematische Unterdrückung und sexuelle Ausbeutung mit den andauernden bewaffneten Konflikten in Verbindung gebracht. In den Medien werden Bilder vermittelt, die von der gezielten Vergewaltigung der Frauen durch Militärs erzählen. Strategisch soll so der Feind terrorisiert werden, um ihn schlussendlich zu brechen. Dennoch ist die Vergewaltigung als Militärstrategie nur eine Form des Verbrechens: Sexuelle Sklaverei und opportunistische Vergewaltigungen sind weitere Typen, die die kongolesischen Frauen bedrohen. Doch was führt dazu?

 

„Vergewaltigung ist nicht erst vorgestern im Kongo entstanden.“

Menschenrechtsaktivist und Politiker Kabeya Kasongo

 

Veraltete Wertvorstellungen – aktuelles Problem

Ein grundsätzliches und großes Problem bildet die im Kongo vorherrschende patriarchale Gesellschaftsordnung: Durch die Ungleichstellung der Geschlechter und die Sozialisation wird vielen Männern vermittelt, sich an allem bedienen zu können – auch an den Frauen des Landes. Verstärkend wirken zudem die seit Jahren immer wieder aufkeimenden Kriege. Konfliktpotenzial für die vielen Unruhen bildet unter anderem das reiche Coltan-Vorkommen des Landes, welches zu Gewalt und Kämpfen in den entsprechenden Gebieten führt.

 

„Der Fokus darf nicht nur auf den vergewaltigten Frauen liegen; hauptsächlich
muss eine Betrachtung der Täter erfolgen und die Frage nach dem Warum gestellt werden.
Hier muss man ansetzen.“

Politikwissenschaftlerin Claudia Simons zu den Lösungsansätzen

 

Die eine Lösung?!

Im Fall einer Vergewaltigung haben kongolesische Frauen das Recht auf eine medizinische sowie psychologische Behandlung und auf eine Anzeige der Täter. Dennoch ist die Umsetzung dieser Rechte de facto nicht immer gewährleistet.  Damit es gar nicht so weit kommt, müssen die tatsächlichen Probleme in ihrem Ursprung behoben werden: durch bessere Bildungschancen für Männer und Frauen, durch besser ausgebildete Streitkräfte zum Schutze der Zivilbevölkerung, durch die gerechte Verteilung der Ressourcen und durch den aktiven Einsatz der Regierung. Denn nur wenn sich das Land von Grund auf stabilisiert, kann den Frauen des Kongo geholfen und den Vergewaltigungen Einhalt geboten werden.

 

Problematik im Kongo

Rohstoffkämpfe, Machtansprüche und Stammesstreitigkeiten beherrschen die angespannte Situation in der demokratischen Republik Kongo. 1994 gipfelte der Konflikt zwischen den Völkergruppen Hutu und Tutsi im Völkermord von Ruanda, dessen Nachbeben bis heute zu spüren sind. Durch fehlende staatliche Strukturen und Korruption in wichtigen Institutionen wie Parlament, Militär und Polizei ist der Staat chronisch geschwächt. Seit dem Sturz des Diktators Mobutu im Jahr 1997, gehen der Wiederaufbau und die Befriedung des Landes nur schleppend voran. Problematisch sind vor allem die ständigen Auseinandersetzungen rivalisierender Rebellengruppen, die von der Ausbeutung der reichen Bodenschätze des Landes profitieren. Generationen von Menschen kennen nur Flucht, Gewalt und Konflikte und haben aufgrund fehlender wirtschaftlicher Alternativen oft keine andere Wahl, als am Krieg teilzunehmen.

© Till Mayer

Typologie der Vergewaltigungen

Dass Vergewaltigung in Kriegsgebieten nicht immer gleich Kriegsvergewaltigung ist, hat das Internationale Konversionszentrum Bonn (BICC) herausgearbeitet. In einer Studie haben die Forscher herausgefunden, dass es viele verschiedene Arten, Gründe und Täter gibt. Insgesamt unterscheiden die Forscher acht Typen von Vergewaltigungen: Vergewaltigungen durch einen Verbündeten, Sexuelle Sklaverei, Vergewaltigung als Militärstrategie, Vergewaltigung durch einen Nachbarn, Vergewaltigungslager, Vergewaltigung in Gefangenschaft, opportunistische Vergewaltigung und gezielte Vergewaltigung. Abhängig von der Art der sexuellen Unterdrückung ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen für die Frauen bzw. für die Gesellschaften. Die ganze Studie findet sich hier zum Nachlesen:

Coltan-Vorkommen

Es ist das wohl am meisten umkämpfte Erz der Welt: Coltan, ein Rohstoff aus dem das seltene Metall Tantal gewonnen wird. Tantal wird benötigt für all das, was die westliche Welt modern macht – Smartphones, Laptops oder Flachbildschirme. Doch Coltan ist ein Konfliktmineral, zu einem Großteil gewonnen in Krisenregionen der Demokratischen Republik Kongo. Dort entziehen sich der Abbau und der Export hochwertiger Bodenschätze häufig staatlicher Kontrolle. Die rivalisierenden Rebellengruppen im Kongo kämpfen täglich um die Eroberung der kleinen, illegalen Minen. Sie profitieren erheblich vom Abbau und Verkauf der seltenen Bodenschätze des Landes, denn der Erlös aus dem Erz Coltan fließt häufig direkt wieder in die Finanzierung des Bürgerkrieges. Ein Kreislauf der Gewalt, der nur durchbrochen werden kann, wenn sich ausländische Elektronikunternehmen der Problematik des „Blut-Coltan“ bewusst werden und beginnen zu handeln.

Psyche und Motive der Vergewaltiger

Unbestritten ist: Frauen müssen – nicht nur im Kongo – vor sexueller Gewalt geschützt werden. Was jedoch leicht vergessen wird, ist die Tatsache, dass der Schutz der Opfer mit der Analyse der Täter einhergeht: Versteht man die Motive der Vergewaltigungen, versteht man auch mögliche Lösungsansätze. Die Wissenschaftlerinnen Maria Eriksson Baaz und Maria Stern von der Universität Göteborg fanden in einer Analyse der sexuellen Vergewaltigungen im Kongo unter anderem heraus, dass Übergriffe nicht zwangsläufig militärische Druckmittel sind. Viel mehr erfolgten die sexuellen Gewalttaten wenig taktisch und sind deutlich komplexer, als es eine Militärstrategie sein könnte. Entsprechend sind die Ursachen unter anderem in Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch zu suchen. Ebenso trägt die Institution des Militärs zu den Vergewaltigungen bei: Soldaten werden – nicht nur im Fremd- sondern vor allem im Selbstbild – mit Männlichkeit und hoher sexueller Potenz verbunden. Weitere Informationen und die gesamten Ergebnisse der Studie finden sich hier:

Schwulenheiler in Mexiko Mit der Bibel zur Heterosexualität

Obwohl Mexiko auf dem Papier zu den LGBTI-freundlichsten Staaten der Welt gehört, werden Schwule oft zu „Therapeuten“ geschickt – um sie umzupolen. Auch Osmin Reyes sollte von seiner sexuellen Orientierung „kuriert“ werden. Im Video erzählt er seine Geschichte – ein Pastor rechtfertigt dagegen die Umpolungs-„Therapien“.

Der Kurzfilm „¡Estan Curados!“ (dt.: „Sie sind geheilt!“) karikiert die Schwulen-„Therapien“ und überspitzt die Vorstellung von Homosexualität als Krankheit oder Störung. Als Zuschauer fällt es leicht, über die Absurditäten zu lachen: Doch kann das Realität sein? Noch dazu in Mexiko, das weltweit zu den Ländern mit den meisten Rechten für queere Menschen gehört?

„Mit dem Kurzfilm „¡Estan Curados!“ wollte ich darauf aufmerksam machen, dass die Therapien zur Schwulenheilung eine totale Farce sind, um Geld zu verdienen. Ich finde diese Praktiken wirklich alarmierend, da sie dem Betroffenen schaden, indem sie seinen Selbstwert zerstören. Damit ist absolut Niemandem geholfen.“ Gustavo Ambrosio Bonilla (23, Regisseur aus Agua Blanca)

 

Tatsächlich sieht es auf dem Papier gut aus für die LGBTI-Gemeinde in Mexiko, besser als in vielen europäischen Staaten, einschließlich Deutschlands. Schwule und Lesben können Kinder adoptieren, Blut spenden und im Militär dienen. Und während im deutschen Grundgesetzt in Artikel drei lediglich die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben ist, schützt das mexikanische Pendant dazu jede Form sexueller Orientierung. Seit 2003 gibt es außerdem ein zusätzliches Gesetz, das Diskriminierung explizit verbietet. In manchen Bundesstaaten können Homosexuelle schon seit Jahren heiraten. Und im Sommer 2015 hebelte das oberste Gericht eine Reihe von Gesetzen anderer Bundesstaaten aus, die Ehe ausschließlich als Verbindung von Mann und Frau definiert hatten.

„Meine Mutter und auch die Mütter vieler Freunde werfen sich vor, uns zu feminin erzogen zu haben. Die erste Reaktion auf mein Outing war ein Besuch beim Arzt. Dort wurde eine Computertomographie meines Kopfes gemacht. Darauf war natürlich nichts auffälliges zu sehen.“ Jorge Antonio Mendoza (24, aus Hermosillo)

Doch jungen Menschen wie Osmin Reyes, der im Video seine Geschichte erzählt, nützt all das oft nichts. Denn in großen Teilen des Landes begegnen vor allem homosexuelle Männer Unverständnis, oft auch Ablehnung und Hass. Das hat auch mit der mächtigen katholischen Kirche zu tun, die sich – mit wenigen Ausnahmen – gegen gleiche Rechte von Homosexuellen ausspricht. „Die Kirche liebt die Homosexuellen, deswegen lehnt sie die Homoehen ab“, verkündete etwa der einflussreiche Erzbischof von Mexiko-Stadt im Sommer. Eine andere Form, in der sich dieses homophobe Klima auswirkt, ist die Pathologisierung. Wer seinen Eltern als Jugendlicher von seiner Orientierung erzählt, wird – wie Osmin – oft zum„Therapeuten“ geschickt.

„Es ist eine kulturelle Sache“, sagt Gloria Careaga Pérez, Genderforscherin von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. “Wenn Eltern klar wird, dass sie ein homosexuelles Kind haben, glauben sie, sie haben etwas falsch gemacht in der Erziehung.“ Den vermeintlichen Schaden wollen sie oft wiedergutmachen. Das Verständnis von Homosexualität als Krankheit oder Störung ist dabei nicht nur in Mexiko weit verbreitet. Auch etwa in Deutschland geben Ärzte vor, Homosexualität „behandeln“ zu können und in den USA versprechen religiöse Organisationen eine Umpolung mithilfe des Glaubens.

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„Meine Familie hat zum Glück nie ein Problem damit gehabt, dass ich schwul bin. Bei vielen meiner Bekannten ist das anders. Der Vater eines Freundes hat mit den Worten ,Lieber ein Kind, das raubt, Drogen nimmt und mordet als ein Schwules‘, auf sein Coming-Out reagiert.“ Damian Feria (24, aus Mexiko Stadt)

Die „Exodus Global Alliance“ beispielsweise ist eine international agierende fundamentalchristliche Organisation. Deren lokale Vertretungen, wie die Kirchengemeinde von Pastor Farias im Video, sind oft die nächste Anlaufstelle, wenn Besuche bei Ärzten und Psychologen nicht den gewünschten Erfolg haben. „Sie arbeiten mit sehr aggressiven, gewalttätigen Methoden“, so Careaga Pérez, „sie isolieren die Kinder, spritzen sie mit kaltem Wasser ab.“ Ideologischer Unterbau ist dabei eine konservative Auslegung der Bibel, in der vor allem alttestamentarische Elemente wie die Geschichte von Sodom und Gomorrha betont werden. Die Kurse leiten sogenannte „Ex-Gays“ – wie Pastor Farias im Video – die angeben bereits „geheilt“ zu sein von dem, was sie nicht Homosexualität, sondern AMS nennen -Anziehung zum gleichen Geschlecht. „Sie wollen, dass die Kinder sich schuldig fühlen für die Wünsche und Gefühle, die sie haben“, so Careaga Pérez.

„Als ich mich mit 16 Jahren geoutet habe ist meine Mutter ausgerastet und wollte, dass ich zum Psychologen gehe. Da wollte ich auf keinen Fall hin. Deshalb habe ich jahrelang so getan, als ob ich doch auf Mädchen stehe und das Schwulsein nur eine kurze Phase gewesen ist.“ Rodolfo Delgado Zaldivar (23, aus Mexiko Stadt)

Dass Eltern trotzdem bereit sind, ihre Kinder in Behandlungen zu geben, liegt laut der Wissenschaftlerin an der Kommunikationspolitik von Exodus und ähnlichen Organisationen. Es gäbe ein passgenaues Narrativ für die Eltern, so Pérez, bei dem von Liebe und Fürsorge für die Kinder die Rede sei. Die Realität in der Organisation sei dann eine ganz andere.

Die Gefahr, die von den selbsternannten Schwulentherapeuten ausgeht, sieht die Genderforscherin dabei nicht nur für die Individuen: „Den Schaden dieser Behandlungen tragen nicht nur die Kinder davon, sondern auch die Familien und die Gesellschaft. Denn wer so behandelt wird, kann viel Hass und Wut mit sich herumtragen. Und so wird es von einem individuellen zu einem gesellschaftlichen Problem.“

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