Stereotype und Schicksalssinfonien Khadija El Alaoui führt ein Leben gegen Vorurteile. Nach Jahren in Marokko, Deutschland und Nordamerika brachte ihre Forschung sie und ihre Tochter nach Saudi-Arabien. Unterdrückt fühlt sie sich nirgendwo.

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Eine Familie am Strand von al-Chubar – Saudi Arabien (Foto: marviikad unter CC BY-SA 3.0)

Wäre Beethoven nicht gewesen, Khadija El Alaoui hätte Marokko vielleicht nie verlassen. Das Studium in Deutschland wäre ein Traum geblieben, die Karriere als Wissenschaftlerin in den USA und Kanada hätte sie nicht eingeschlagen. Möglicherweise hätte sie sich auch nicht für ihr heutiges Leben in Saudi-Arabien entschieden – ein Land, von dem es heißt, Frauen würden unterdrückt werden. Doch El Alaoui kennt Beethoven sehr gut. Immer wenn sie nervös war oder skeptisch, lauschte sie seiner „Schicksalssinfonie“. „Alle Schwierigkeiten schienen lösbar“, sagt sie in arabisch eingefärbten Englisch. „Ich habe zugehört und gewusst, dass ich bereit bin weiterzuziehen.“ Immer mit dem Ziel, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Zwischen al-Chubar und München liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten

El Alaouis Gesicht ist verpixelt. Das Orange ihres Kopftuches sticht hervor, beißt sich mit dem blauen Pullover. Die Skype-Verbindung zwischen München und al-Chubar in Saudi-Arabien, wo die 45 Jahre alte Frau heute lebt, ist schlecht. Dazwischen liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten. Erst als sie die Kamera deaktiviert, wird der Ton besser. El Alaoui kann ungestört erzählen – von klassischer Musik und von ihrem Lebensweg. Er hat sie vor zwei Jahren zu einer Lehrstelle an die Prince Mohammad bin Fahd University geführt, wo sie die Geschichte der US-arabischen Beziehungen erforscht, und in das kleine Haus, in dessen Esszimmer sie sitzt.

Ihren Alltag in der 160.000-Einwohnerstadt al-Chubar widmet El Alaloui den Frauen: In ihrem Drei-Zimmer-Häuschen lebt sie mit ihrer 14 Jahre alten Tochter, an der Universität unterrichtet sie ausschließlich Studentinnen. Dass sie die Seminare getrennt von ihren männlichen Kommilitonen besuchen müssen, kritisiert die Geschichtsdozentin nicht. Vielmehr stört es sie, wie die jungen Frauen im Ausland wahrgenommen werden. „Die Menschen erwarten schüchterne Mädchen, die sich nicht artikulieren können“, sagt El Alaoui. Dieses Bild sei falsch.

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. "Ich reise mehr mit meinen Augen", sagt sie. (Foto: privat)

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. „Ich reise mehr mit meinen Augen“, sagt sie (Foto: privat)

Um es zu widerlegen, erzählt sie von einem gesellschaftskritischen Referat dreier Studentinnen über die Sucht nach Smartphones als Form moderner Sklaverei. Mit ihrem Lehrauftrag möchte El Alaoui vor allem eines erreichen: „Das vielleicht Wichtigste für mich ist es, meinen Studentinnen neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen und ihr kritisches Denken zu fördern.“

Eine einzige Geschichte über andere

Den Anspruch an Offenheit stellt El Alaoui auch an sich. Durch ihre Reisen versucht sie, ihm gerecht zu werden. Als sie eines Tages die Antwort auf die längst vergessene Bewerbung für die Prince Mohammad bin Fahd University bekam, überlegte sie nicht lange. Trotz der Einwände ihrer Freunde. Die europäischen sprachen von Unterdrückung und Kopftüchern, die marokkanischen von Konsumsucht und Oberflächlichkeit. Gerade diese Vorurteile haben sie an der Stelle gereizt. „Ein Stereotyp entsteht, wenn man nur eine einzige Geschichte über die anderen kennt”, sagt el Alaoui. „Ich will mich deswegen mit den Menschen zusammensetzen, um zu begreifen, wie vielfältig ein Land wie Saudi-Arabien ist.”

„Ich weiß, darin bin ich gescheitert“

Mit ihren 45 Jahren kann El Alaoui viele Geschichten erzählen. Einige der schönsten handeln von ihrer Zeit in Dresden, wo sie erst Amerikanistik studierte und später ihre Doktorarbeit verfasste: Sie ging in die Oper und besuchte den Weihnachtsmarkt, sie verliebte sich in den süßen Geruch gebrannter Mandeln und lachte über die Witze ihrer deutschen Freunde. Beim Erinnern wird El Alaouis Stimme sanfter, sie lacht. „Mir fehlen die Geschenke.“ Eine besondere Verbindung zu Deutschland wird ihr bleiben. Ihre Tochter Sara ist dort geboren, bei ihrem Vater verbringt sie jeden Sommer und die Festtage. Als „wundervolle, großzügige“ Menschen beschreibt El Alaoui dessen Familie. 2008 führte sie ihr damaliger Forschungsschwerpunkt „Amerikanische Beziehungen” dennoch weg aus Dresden: an das Vassar College in New York. Für ihre Karriere war das ein wichtiger Schritt, trotzdem fiel ihr die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, niemals leicht: „Als Mutter hatte ich damit zu kämpfen, dass wir so oft umgezogen sind und ich Sara nicht immer ein stabiles Umfeld bieten konnte”, sagt El Alaoui. „Ich weiß, darin bin ich gescheitert.”

„Glücklich sein kann man überall“

Damit Sara mit Gleichaltrigen aufwachsen konnte, lebte die kleine Familie nach der Zeit in den USA bei El Alaouis Bruder, dessen Frau und Kindern in Montreal. Sie blieben zwei Jahre, dann kam die Einladung nach al-Chubar. Auch für ihre Tochter sah El Alaoui eine Chance: die, die Welt in all ihren Facetten zu erfahren. Das Mädchen bleibt in ihren Entscheidungen frei, ein Kopftuch trägt sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht.

In dem Leben, das sich die beiden in den letzten 23 Monaten in Saudi-Arabien aufgebaut haben, fehlt El Alaoui nur weniges. „Ich vermisse die Märkte in Dresden, den wöchentlichen El-beflohmarkt und die vielen Cafés und kleinen Läden, die die Louisenstraße pflastern, in der ichgelebt habe“, sagt sie. „In den Straßen ist so viel Leben. Das erinnert mich an meine Heimat-stadt Casablanca.” Ihr Glück jedoch will sie nicht von ihrer Umgebung abhängig machen. Sich nirgends zu Hause fühlen – das ist es, was die Lehrerin zu erreichen versucht: „Glücklich sein kann man überall, solange man das Gefühl in sich trägt. Ich bin es im Dialog mit anderen.”

Oxfam-Chefin Marion Lieser über Gender in der Entwicklungspolitik Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland e.V., erzählt von ihren Karriereanfängen unter Zigarrenrauchern und warum Frauenförderung nach wie vor wichtig ist.

Frau Lieser, sind Sie Feministin?

So würde ich mich nicht bezeichnen. Das hat für mich häufig einen sehr extremen Anstrich. Ich glaube, dass ich oft weniger agitativ und viel kompromissbereiter bin, als man das im Kontext von Feminismus erwartet.

Sie haben in den achtziger Jahren in Berlin studiert. Wurde Gender damals anders als heute diskutiert?

Damals habe ich mich ausgiebig mit der Weltfrauenkonferenz in Kenia beschäftigt und bin während des Studiums für ein Jahr dorthin gegangen. Da merkte ich, was es für einen großen Bruch zwischen dem intellektuellen Ansatz in Bezug auf die Gleichberechtigung von Frauen und dem alltäglichen Leben dieser Frauen gab. Die Theorie war wesentlich weiter als die Wirklichkeit. Heute haben wir mehr Hintergrunddaten, Analysen und Handlungsoptionen.

In Ihrem Vortrag erzählten Sie, dass geschäftliche Deals zu Beginn Ihres Berufslebens „bei Whiskey und Zigarre“ abgeschlossen wurden. Sie, oder Frauen allgemein, wurden ausgeschlossen. Hat sich das inzwischen geändert?

Das hat sich insofern geändert, als Frauen immer öfter in Positionen sind, wo sie mit Männern auf Augenhöhe an einem Tisch sitzen. Es wird sehr hart gearbeitet, aber irgendwann ist auch ganz klar Arbeitsschluss. Es gibt nicht mehr so häufig Nebenabsprachen und man geht morgens in ein Treffen und fragt sich, wieso plötzlich Punkte auf dem Tisch liegen, die gestern noch ganz anders aussahen.

Sie sind schon lange in unterschiedlichen Funktionen in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv. Welche Rolle spielt dort Gender?

Eine große! Bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ist Geschlechtergerechtigkeit zum Beispiel ein Querschnittsthema. Das heißt, bei jedem Vorhaben muss darauf geachtet werden, dass Frauen nicht benachteiligt werden und ihre Position möglichst gestärkt wird. Auch bei vielen anderen Organisationen wird inzwischen so oder ähnlich verfahren.

Was ist mit anderen Gruppen – „Gender” bedeutet ja nicht nur Frauen…?

So lange Frauen erst in 189 Jahren so viel verdienen wie Männer heute, so lange sie nicht mal ein Viertel aller Aufsichtsratspositionen innehaben, und so lange sie in keinem Parlament adäquat repräsentiert sind, muss das Thema Frauenförderung als wichtiger Teil internationaler Gender-Programme prominent auf der Agenda bleiben.

Warum muss es eigentlich Frauenrechte geben – reichen nicht Menschenrechte?

Jeder möchte, dass Menschenrechte umgesetzt werden. Frauenrechte sind Menschenrechte. Und wenn die Weltgemeinschaft sieht, dass die Menschenrechte von Frauen wenig Beachtung finden, muss sie ihnen durch ihre explizite Nennung Gehör und Bedeutung verschaffen.

Sie sagten in Ihrem Vortrag, dass die abgeschlossenen Millennium Development Goals übertroffen werden könnten. Andererseits warnten Sie vor einem „Desaster“, wenn Armut nicht ausreichend bekämpft wird. Auf welchem Weg sind wir?

Es gibt inzwischen die wesentlich weiterreichenden Sustainable Development Goals. Hier ist es sehr wichtig voranzukommen, da wir derzeit die Folgen bestehender Ungleichheit und daraus resultierender Armut auf jedem Nachrichtenticker sehen, was ich „recipe for desaster“ nenne. Zusätzlich ist weltweit eine Person von 122 auf der Flucht – mehr als im Ersten und im Zweiten Weltkrieg zusammen. Auch damit ist die Armutsthematik unmittelbar verbunden.

Das klingt nicht gerade ermutigend. Woher nehmen Sie den Optimismus, den Sie brauchen, um jeden Tag aufzustehen und in Ihr Büro zu gehen?

Ich finde, solche Szenarien mit aller Kraft zum Besseren wenden zu wollen, ist Anreiz genug! Ich habe auch Hoffnung in Ihre Generation. Ich hoffe, dass Sie etwas intelligenter und scharfsinniger sind als frühere Generationen, dass Sie aus alten Fehlern gelernt haben und diese nicht wiederholen.

Portrait Marion Lieser

Marion Lieser ist seit 2012 Geschäftsführerin des deutschen Zweiges von Oxfam. Zuvor war sie im In- und Ausland in unterschiedlichen Positionen in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, unter anderem beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) und der Gesellschaft für Internationale Entwicklungszusammenarbeit (GIZ). Sie hat Sozialpädagogik, Soziologie und Umweltwissenschaften studiert.

Glossar

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Die GIZ ist ein Unternehmen der Deutschen Bundesregierung und bietet Dienstleistungen im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Die GIZ entwickelt Ideen für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen und unterstützt die Auftraggeber in der konkreten Planung und Umsetzung derselben. Zu den Kernkompetenzen zählt das „Capacity Development“, also die Hilfe zur Selbsthilfe, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Recht, öffentliche Finanzen, Kommunikation und Organisationsentwicklung.

 

Millennium Development Goals (MDGs)

Als MDGs werden acht Entwicklungsziele bezeichnet, die die Vereinten Nationen im Jahr 2000 festgelegt haben. Neben der Gleichbehandlung der Geschlechter beinhalteten die Ziele die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, eine Senkung der Kindersterblichkeit und Verbesserung der Müttergesundheit, die Bekämpfung von HIV/AIDS und Malaria, ökologische Nachhaltigkeit sowie den Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung. Seit September 2015 gelten die MDGs als abgeschlossen.

Oxfam

Oxfam steht ursprünglich für „Oxford Committee for Famine Relief“ und ist heute ein Zusammenschluss von 17 Mitgliedsorganisationen, darunter Oxfam Deutschland e.V. Ziel dieser internationalen, unabhängigen Nonprofit-Organisation ist es, Nothilfe zu leisten und nachhaltig Armut zu überwinden. Dafür arbeitet Oxfam vor allem mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Schwerpunkte sind unter anderem Ernährungssicherheit, Frauenrechte und Klimaschutz.

Querschnittsthema

Das Konzept der Querschnittsthemen hat sich in vielen politischen Organisationen durchgesetzt, um wichtige Aspekte bei allen Projekten gezielt und überprüfbar mitzudenken. So soll nicht zuletzt die Qualität der Projekte gesichert werden. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat beispielsweise Partizipation, Gleichberechtigung der Geschlechter sowie Nachhaltigkeit als Querschnittsthemen definiert. Kritiker bemängeln, dass eine solche Herangehensweise das Ziel oft verwässert. So könne die zwingende Berücksichtigung der Querschnittsthemen zu einer bloßen Abhandlung derselben ohne weitere konzeptuelle Einbettung führen.

Sustainable Development Goals (SDGs)

Die SDGs knüpfen an die MDGs an. Die 17 Ziele wurden im Sommer 2014 von den UN-Mitgliedsstaaten vereinbart. Die SDGs gelten als ambitionierter als die MDGs und betonen besonders das Thema Nachhaltigkeit. Die Ziele umfassen völlige Geschlechtergleichstellung, das Ende von Armut und Hunger und verschiedene Aspekte nachhaltiger Entwicklung wie etwa klimaneutrales Wirtschaftswachstum oder eine ökologisch vertretbare Erhöhung des Lebensstandards in Entwicklungsländern.

Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“

 

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Journalisten in Burundi – Bleiben oder fliehen? Autorin: Nadine Dinkel

Erst vor zehn Jahren ging in Burundi ein Bürgerkrieg mit rund 300.000 Toten zu Ende. Auch jetzt liest man in den Medien von einer „Spirale der Gewalt“. Seit April 2015 kommt es immer wieder zu Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der burundischen Bevölkerung, Oppositionellen und der Regierung. Anlass ist, dass der burundische Präsident Pierre Nkurunziza sich dazu ermächtigen ließ, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Die burundische Verfassung sieht jedoch maximal zwei Amtszeiten vor. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Mai ließ die burundische Regierung alle unabhängigen Medienhäuser gewaltsam schließen. Seitdem kommt es immer wieder zu Protesten, bei denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2015 mindestens 240 Menschen ums Leben kamen. Regierung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld an den Morden. Binnen eines Jahres sind mehr als 200.000 Menschen aus Burundi geflohen – hauptsächlich in die Nachbarländer Ruanda und TansaniaDie Vereinten Nationen warnen vor einem bevorstehenden Genozid.

 

Stummschaltung der privaten Medien

Die Pressefreiheit in Burundi ist erheblich eingeschränkt. Seit der gewaltsamen Schließung aller privaten Medienhäuser herrscht beinahe ein Informationsblackout. Informationen erhält die burundische Bevölkerung nur noch über staatliche Medien, die von der Regierung kontrolliert und zu ihren Zwecken instrumentalisiert werden. Kritische Stimmen werden gewaltsam stumm geschalten. Nur etwa fünf Prozent der unabhängigen burundischen Journalisten, die zuvor für private Medienhäuser gearbeitet haben, sind im Land geblieben und berichteten weiterhin.

Auch die Journalistin Diane Nininahazwe war mit ihrer kritischen Berichterstattung zunehmend in das Visier der Regierung geraten. Noch vor wenigen Monaten berichtete sie aus der burundischen Hauptstadt Bujumbura über die politischen Geschehnisse des Landes. Bis zur Schließung am 14. Mai 2015 arbeitete sie als Radiojournalistin für den privaten Radiosender Bonesha FM. Außerdem ist sie als Korrespondentin des US-amerikanischen Radiosenders Voice of America tätig.

 

Irgendwann bleibt nur die Flucht

Trotz der akuten Bedrohung von Journalisten durch die burundische Regierung ließ sich Diane Nininahazwe zunächst nicht an ihrer Arbeit hindern. Sie berichtete weiterhin für den US-amerikanischen Radiosender Voice of America. Dies änderte sich schlagartig, als am 24. Juni eine Granate auf ihrem Grundstück explodierte. Ein Anschlag, der ihr als Journalistin galt. Diane arbeitete gerade an einer Story über unaufgeklärte nächtliche Entführungen in Gihanga, einer Stadt nördlich der Hauptstadt Bujumbura. Für einen Bericht sprach sie vor Ort mit der burundischen Armee. Kurz darauf erhielt sie mehrere anonyme Drohungen, darunter eine konkrete Todesdrohung, dann folgte der Anschlag. Niemand wurde bei der Explosion verletzt. Dennoch blieb Diane nur die Flucht in das Nachbarland Ruanda. Dort kam sie bei ihren Geschwistern unter, ihre Eltern bleiben in Burundi.

 

Verdiente Auszeit

Ab Sommer 2015 lebte Diane als erste Stipendiatin des Auszeit-Stipendiums von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung in einer kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Aufenthalt in Berlin sollte ihr helfen wieder zu Kräften zu kommen. Da sich die politische Lage in Burundi weiter zugespitzt hat, wurde Dianes Aufenthalt bis Ende Januar 2016 verlängert. Mit Ablauf des Stipendiums muss Diane Deutschland verlassen. Bis die politische Lage in Ruanda es ihr erlaubt zurückzukehren sucht sie erneut Zuflucht in Ruanda.

 

Zum Interview mit der burundischen Journalistin Diane Nininahazwe

 

Pressefreiheit in Afrika
Zeit zum Durchatmen: Das Auszeit-Stipendium

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung. Es ermöglicht Journalisten und Journalistinnen aus Kriegs- und Krisengebieten einen bis zu dreimonatigen Aufenthalt in Berlin. Das Programm richtet sich vorwiegend an Journalisten und Journalistinnen, die in einem repressiven Umfeld tätig sind oder aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht oder verfolgt werden. In Berlin erhalten die Stipendiaten die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. Sie können die Zeit aber auch zum Schreiben und Denken nutzen und das politische Leben in Berlin erkunden.

Rund 270 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt haben sich für das Stipendium beworben, das 2015 zum ersten Mal vergeben wurde. Bewerbungen kamen unter anderem aus Bolivien, Südafrika, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Die erste Stipendiatin ist die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Sie möchten mehr über das Auszeit-Stipendium erfahren oder sich bewerben?

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/hilfe-schutz/auszeit-stipendium/

Medienlandschaft in Burundi

Ursprünglich gab es in Burundi staatliche und private Medien. Noch bis Ende Februar 2015 war es Journalisten möglich, relativ frei zu berichten. Nachdem der burundische Präsident Pierre Nkurunziza entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte, kam es zu politischen Unruhen im Land. Am 14. Mai 2015 wurden alle privatwirtschaftlichen und somit regierungsunabhängigen Medienhäuser von der burundischen Regierung gewaltsam geschlossen. Diese hatten zuvor regierungskritisch berichtet. 95 Prozent der unabhängigen Journalisten flohen in die Nachbarländer, insbesondere nach Ruanda.

Offiziell gibt es derzeit in Burundi nur noch staatliche Medien. Diese werden von der Regierung kontrolliert und zu Propagandazwecken eingesetzt. Inoffiziell erhält die burundische Bevölkerung noch Informationen über soziale Medien. Doch viele Burundier haben keinen Zugang zu Internet oder Smartphone. Zuvor sendeten zehn private Radiosender aus Burundi – Radio ist das wichtigste Medium für eine Bevölkerung, in der viele weder lesen noch schreiben können. Neben den staatlichen Radiosendern bleiben nun nur noch die beiden Auslandssender Voice of America und Radio France Internationale, die aus Washington D.C. bzw. Paris senden. Doch die Sender berichten auf Englisch oder Französisch –  Sprachen, die in Burundi nur die Gebildeten sprechen, denn Amtssprache ist Kirundi. Die breite Masse der burundischen Bevölkerung erreicht also nur noch die staatlichen Medien.