'>Viel mehr als nur Gleichstellung Jede Menge Vorurteile gibt's über den Feminismus. Antje Schrupp erklärt: Wieso Gleichstellung das falsche Ziel ist und wieso es auch als Feministin okay ist, die Kinder zu hüten.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken von italienischen Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischen Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken italienischer Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischer Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus dem gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

FEMINISMUS & GESELLSCHAFT

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz sprachen Frauen aus Afghanistan oder der Türkei, die aufgrund ihres Geschlechts massive Problemen haben. Hier in Deutschland haben wir diese Probleme doch längst nicht mehr. Eigentlich brauchen wir keinen Feminismus mehr, oder?

Diese Frauen haben nicht Probleme, weil sie Frauen sind, sondern weil Frauen und Männer anders bewertet werden und weil es für normaler und besser gehalten wird, ein Mann zu sein. Ob das hier in Deutschland keine Rolle mehr spielt, weiß ich nicht. Es gibt sicher Kontexte, in denen es weniger eine Rolle spielt als in der Türkei oder Afghanistan. Aber in bestimmten Kontexten sind die Zahlenverhältnisse sehr eindeutig: Der prozentuale Anteil von Frauen und Männern ist in verschiedenen Bereichen in der Gesellschaft sehr ungleich, und das ist ja kein Zufall.

Sie zitieren gern Lisa Muraro: Wir wollten die Welt verändern, aber sie haben uns die Gleichstellung angeboten. Reicht Ihnen Gleichstellung nicht?

Nein, das reicht mir gar nicht. Denn die Idee der Gleichstellung betrifft ja immer die Gleichstellung der Frau mit den Männern. Und dadurch ist so ein Bild entstanden: Das, was die Männer in der Welt machen ist super, das einzige Problem besteht darin, dass wir Frauen das nicht auch dürfen. Das sehe ich aber nicht so. Ich will nicht frei sein unter der Bedingung, dass ich Männer imitieren muss. Und deswegen reicht mir Gleichstellung nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Feminismus und Gender?

Feminismus ist eine politische Bewegung. Gender ist einfach das Wort für Geschlechterrollen. Gendermainstreaming als eine Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei alle politischen Entscheidungen mitzudenken, ist sicher sinnvoll. Aber es ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was Feminismus als politische Bewegung macht. Bei „Gender“ vor allem mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Der Feminismus beschäftigt sich damit, wie Frauen sich die Welt wünschen. Das sind zwei verschiedene Sachen, die beide für sich genommen wichtig sind, aber sich nicht gegenseitig ersetzen können.

FEMINISMUS & ENTWICKLUNG

Was fällt Ihnen zu den Schlagwörtern Feminismus und Entwicklung ein?

Der Feminismus ist historisch bedingt sehr westlich geprägt. Viele Zugänge zu dem Thema sind von den Kämpfen geprägt, die wir Frauen in Europa und den USA hatten. Dabei ging es vorrangig um das Thema Wahlrecht und Gleichstellung. Das sind nicht dieselben Probleme, die Frauen in anderen Regionen haben. Und deswegen kommt der Feminismus vielleicht manchmal ein bisschen paternalistisch daher, mit der Einstellung: Wir westlichen Frauen wissen doch besser, was auch für die Frauen auf der restlichen Welt gut ist. Auch der Feminismus ist nicht frei von rassistischen und kolonialistischen Traditionen. Das müsste stärker reflektiert werden.

Sie sagen, dass der Feminismus nicht frei ist von kolonialistischen Ansichten. Ist es für eine westliche Feministin überhaupt nachvollziehbar, wenn eine Frau gern eine Burka trägt?

Auch wenn mir das nicht einleuchtet – es kommt drauf an, dass wir aus diesen Unterschieden eine fruchtbare Diskussion machen. Ich müsste mich dafür interessieren, welche Argumente sie vorbringt, welche Erfahrungen sie damit hat. Und sie müsste sich dafür interessieren, warum ich das problematisch finde. Aus diesem gegenseitigen Interesse können neue Ideen entstehen. Die Diskurse um Feminismus und westlichen Lebensstil sind sehr miteinander verknüpft. Ich fände es schön, wenn der Feminismus sich von dieser Verbindung frei machen und mehr Bündnisse mit Frauen aus anderen Kulturen suchen würde. Diese Frauen haben viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Wir könnten uns gegenseitig unterstützen.

FEMINISMUS & FÜRSORGE

Sie setzen sich für die Care-Revolution ein – worum geht es da überhaupt?

Vor allem in westlichen Ländern, die schon fortgeschritten, emanzipiert und kapitalisiert sind, ist nicht klar, wer die Fürsorgearbeit übernehmen soll. Wir haben ja keine klassischen Hausfrauen mehr wie früher.

Dass Frauen arbeiten können, ist ja nur möglich, weil Frauen aus anderen Ländern herkommen und für wenig Geld Kinder hüten und die Alten versorgen. Es ist nicht so, dass die Männer diese Arbeiten übernommen haben. Diese ungelöste Frage der Fürsorge ist ein verleugnetes Thema in unserer Gesellschaft und muss dringend gelöst werden. Es wird aber meistens nur oberflächlich unter Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert.

Und jetzt kommt die Care-Revolution. Was sind Ihre Pläne?

Die Care-Revolution ist ein Netzwerk, das sich mit diesem Thema beschäftigt und es auf die politische Agenda heben möchte. Das Neue daran ist, dass wir alle Betroffenen vereinen wollen. In der Kindererziehung zum Beispiel organisieren sich normalerweise diejenigen, die für Erziehungsarbeit bezahlt werden, und die, die es unbezahlt machen, getrennt. Dabei ist das Thema immer dasselbe. Deshalb müssen sich alle, also die Erzieherinnen und die Eltern, an einen gemeinsamen Tisch setzen und überlegen: Was für eine Qualität müsste Fürsorgearbeit eigentlich erfüllen, damit sie gut ist? Wie organisieren wir das? Soll Kindererziehung besser als bezahlte Arbeit, als unbezahlte Arbeit oder als freiwilliges Engagement gemacht werden? Und wenn es unbezahlte Arbeit sein soll: Wie werden dann die Leute, die diese Arbeit tun, materiell abgesichert?

Was wäre Ihre persönliche Lösung für das Problem?

Die Lösung wäre, das Thema der Fürsorgearbeit nicht mehr als reines Randthema zu sehen, sondern als zentrales Thema der Ökonomie. Wenn Sie ein Ökonomielehrbuch aufschlagen, dann steht meistens auf der ersten Seite: Ökonomie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Ab Seite zwei geht es aber nur noch um Bilanzen und Geld. Die unbezahlte Arbeit muss da aber zentral mit berücksichtigt werden. Ein erster Schritt in die Richtung wäre zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde einfach mal Experimente ermöglichen. Damit wären Menschen, die Fürsorgearbeit leisten, materiell abgesichert und wären nicht mehr unbedingt dazu gezwungen, Geld zu verdienen.

In Ländern wie Afghanistan halten Frauen durch Sorgearbeit ihre Familie zusammen, Sorgearbeit ist Tradition und wird nicht „ausgelagert“. Was können wir hier von solchen Frauen lernen?

Auch die Frauenbewegung hat die Arbeit von Frauen im Haushalt lange Zeit gering geschätzt. In meiner Generation wollten wir alles werden – nur nicht so wie unsere Mütter, die Hausfrauen waren. Die Emanzipation fand auch auf dem Rücken von klassischen weiblichen Tätigkeiten statt, von denen sich die Frauen dann selbst distanziert haben. Und das war falsch. Wir hätten sehen müssen, dass diese Arbeiten natürlich sehr wichtig sind. Von Frauen aus anderen Kulturen können wir lernen, dass Hausarbeit und Fürsorgearbeit nicht abgewertet werden dürfen. Sie müssen aufgewertet, raus aus dem Privaten und auf die politische Agenda geholt werden.


How to be a Feminist! Tipps von Antje Schrupp

So glänzt du feministisch korrekt:

  • Achte darauf, was Frauen in deiner Umgebung sagen, und nimm es genau so ernst wie das, was Männer sagen.
  • Nimm die Verschiedenheit von Frauen wahr.
  • Sei aufmerksam für die vielfältige Bedeutung von Geschlecht im Alltag.

Das solltest du lieber lassen:

  • Schreibe anderen Menschen nicht vor, was sie tun oder denken sollen.
  • Glaube nicht, es gebe den „neutralen, geschlechtslosen Menschen“. Geschlechter existieren und das ist auch gut so!
  • Strebe nicht nach dem wahren, allumfassenden Feminismus. Es gibt vielzählige feministische Denkrichtungen.

Oxfam-Chefin Marion Lieser über Gender in der Entwicklungspolitik Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland e.V., erzählt von ihren Karriereanfängen unter Zigarrenrauchern und warum Frauenförderung nach wie vor wichtig ist.

Frau Lieser, sind Sie Feministin?

So würde ich mich nicht bezeichnen. Das hat für mich häufig einen sehr extremen Anstrich. Ich glaube, dass ich oft weniger agitativ und viel kompromissbereiter bin, als man das im Kontext von Feminismus erwartet.

Sie haben in den achtziger Jahren in Berlin studiert. Wurde Gender damals anders als heute diskutiert?

Damals habe ich mich ausgiebig mit der Weltfrauenkonferenz in Kenia beschäftigt und bin während des Studiums für ein Jahr dorthin gegangen. Da merkte ich, was es für einen großen Bruch zwischen dem intellektuellen Ansatz in Bezug auf die Gleichberechtigung von Frauen und dem alltäglichen Leben dieser Frauen gab. Die Theorie war wesentlich weiter als die Wirklichkeit. Heute haben wir mehr Hintergrunddaten, Analysen und Handlungsoptionen.

In Ihrem Vortrag erzählten Sie, dass geschäftliche Deals zu Beginn Ihres Berufslebens „bei Whiskey und Zigarre“ abgeschlossen wurden. Sie, oder Frauen allgemein, wurden ausgeschlossen. Hat sich das inzwischen geändert?

Das hat sich insofern geändert, als Frauen immer öfter in Positionen sind, wo sie mit Männern auf Augenhöhe an einem Tisch sitzen. Es wird sehr hart gearbeitet, aber irgendwann ist auch ganz klar Arbeitsschluss. Es gibt nicht mehr so häufig Nebenabsprachen und man geht morgens in ein Treffen und fragt sich, wieso plötzlich Punkte auf dem Tisch liegen, die gestern noch ganz anders aussahen.

Sie sind schon lange in unterschiedlichen Funktionen in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv. Welche Rolle spielt dort Gender?

Eine große! Bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ist Geschlechtergerechtigkeit zum Beispiel ein Querschnittsthema. Das heißt, bei jedem Vorhaben muss darauf geachtet werden, dass Frauen nicht benachteiligt werden und ihre Position möglichst gestärkt wird. Auch bei vielen anderen Organisationen wird inzwischen so oder ähnlich verfahren.

Was ist mit anderen Gruppen – „Gender” bedeutet ja nicht nur Frauen…?

So lange Frauen erst in 189 Jahren so viel verdienen wie Männer heute, so lange sie nicht mal ein Viertel aller Aufsichtsratspositionen innehaben, und so lange sie in keinem Parlament adäquat repräsentiert sind, muss das Thema Frauenförderung als wichtiger Teil internationaler Gender-Programme prominent auf der Agenda bleiben.

Warum muss es eigentlich Frauenrechte geben – reichen nicht Menschenrechte?

Jeder möchte, dass Menschenrechte umgesetzt werden. Frauenrechte sind Menschenrechte. Und wenn die Weltgemeinschaft sieht, dass die Menschenrechte von Frauen wenig Beachtung finden, muss sie ihnen durch ihre explizite Nennung Gehör und Bedeutung verschaffen.

Sie sagten in Ihrem Vortrag, dass die abgeschlossenen Millennium Development Goals übertroffen werden könnten. Andererseits warnten Sie vor einem „Desaster“, wenn Armut nicht ausreichend bekämpft wird. Auf welchem Weg sind wir?

Es gibt inzwischen die wesentlich weiterreichenden Sustainable Development Goals. Hier ist es sehr wichtig voranzukommen, da wir derzeit die Folgen bestehender Ungleichheit und daraus resultierender Armut auf jedem Nachrichtenticker sehen, was ich „recipe for desaster“ nenne. Zusätzlich ist weltweit eine Person von 122 auf der Flucht – mehr als im Ersten und im Zweiten Weltkrieg zusammen. Auch damit ist die Armutsthematik unmittelbar verbunden.

Das klingt nicht gerade ermutigend. Woher nehmen Sie den Optimismus, den Sie brauchen, um jeden Tag aufzustehen und in Ihr Büro zu gehen?

Ich finde, solche Szenarien mit aller Kraft zum Besseren wenden zu wollen, ist Anreiz genug! Ich habe auch Hoffnung in Ihre Generation. Ich hoffe, dass Sie etwas intelligenter und scharfsinniger sind als frühere Generationen, dass Sie aus alten Fehlern gelernt haben und diese nicht wiederholen.

Portrait Marion Lieser

Marion Lieser ist seit 2012 Geschäftsführerin des deutschen Zweiges von Oxfam. Zuvor war sie im In- und Ausland in unterschiedlichen Positionen in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, unter anderem beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) und der Gesellschaft für Internationale Entwicklungszusammenarbeit (GIZ). Sie hat Sozialpädagogik, Soziologie und Umweltwissenschaften studiert.

Glossar

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Die GIZ ist ein Unternehmen der Deutschen Bundesregierung und bietet Dienstleistungen im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Die GIZ entwickelt Ideen für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen und unterstützt die Auftraggeber in der konkreten Planung und Umsetzung derselben. Zu den Kernkompetenzen zählt das „Capacity Development“, also die Hilfe zur Selbsthilfe, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Recht, öffentliche Finanzen, Kommunikation und Organisationsentwicklung.

 

Millennium Development Goals (MDGs)

Als MDGs werden acht Entwicklungsziele bezeichnet, die die Vereinten Nationen im Jahr 2000 festgelegt haben. Neben der Gleichbehandlung der Geschlechter beinhalteten die Ziele die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, eine Senkung der Kindersterblichkeit und Verbesserung der Müttergesundheit, die Bekämpfung von HIV/AIDS und Malaria, ökologische Nachhaltigkeit sowie den Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung. Seit September 2015 gelten die MDGs als abgeschlossen.

Oxfam

Oxfam steht ursprünglich für „Oxford Committee for Famine Relief“ und ist heute ein Zusammenschluss von 17 Mitgliedsorganisationen, darunter Oxfam Deutschland e.V. Ziel dieser internationalen, unabhängigen Nonprofit-Organisation ist es, Nothilfe zu leisten und nachhaltig Armut zu überwinden. Dafür arbeitet Oxfam vor allem mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Schwerpunkte sind unter anderem Ernährungssicherheit, Frauenrechte und Klimaschutz.

Querschnittsthema

Das Konzept der Querschnittsthemen hat sich in vielen politischen Organisationen durchgesetzt, um wichtige Aspekte bei allen Projekten gezielt und überprüfbar mitzudenken. So soll nicht zuletzt die Qualität der Projekte gesichert werden. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat beispielsweise Partizipation, Gleichberechtigung der Geschlechter sowie Nachhaltigkeit als Querschnittsthemen definiert. Kritiker bemängeln, dass eine solche Herangehensweise das Ziel oft verwässert. So könne die zwingende Berücksichtigung der Querschnittsthemen zu einer bloßen Abhandlung derselben ohne weitere konzeptuelle Einbettung führen.

Sustainable Development Goals (SDGs)

Die SDGs knüpfen an die MDGs an. Die 17 Ziele wurden im Sommer 2014 von den UN-Mitgliedsstaaten vereinbart. Die SDGs gelten als ambitionierter als die MDGs und betonen besonders das Thema Nachhaltigkeit. Die Ziele umfassen völlige Geschlechtergleichstellung, das Ende von Armut und Hunger und verschiedene Aspekte nachhaltiger Entwicklung wie etwa klimaneutrales Wirtschaftswachstum oder eine ökologisch vertretbare Erhöhung des Lebensstandards in Entwicklungsländern.

Die Angst eritreischer Flüchtlinge vor regimetreuen Dolmetschern

Nutzen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen beim BAMF ihre Machtposition aus, um eritreische Geflüchtete im Asylinterview einzuschüchtern? Eine Recherche von Elisabeth Kimmerle und Lucas Grothe.

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten - und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten – und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

Ein einziger Satz kann entscheiden: Anerkennung oder Ablehnung. Wenige Worte können ausschlaggebend dafür sein, ob geflüchtete Eritreer*innen Schutz in Deutschland bekommen. In der Asylanhörung sitzt der Flüchtling einem Entscheider vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegenüber, dem er detailliert seine Fluchtgründe schildern soll. Zwischen ihnen ein Dolmetscher – er ist die Schlüsselfigur in der Asylanhörung, denn er ist der einzige, der beide Sprachen beherrscht. Der Dolmetscher muss in seinem Beruf zwei Dinge können: Reden und Schweigen. Er muss inhaltsgetreu verdolmetschen, was der Flüchtling in der Anhörung berichtet. Und er muss darauf verzichten, eigene Kommentare in das Gespräch einzubringen. Vor allem aber muss er schweigen über alles, was er im Asylinterview über den Geflüchteten erfährt. Doch was, wenn er Teil des Regimes ist, vor dem die Eritreer*innen geflüchtet sind? Was, wenn er falsch übersetzt oder den Geflüchteten einschüchtert?

Regimetreue Dolmetscher*innen setzen eritreische Geflüchtete unter Druck

Eine Studie über Tigrinya-Dolmetscher in Anhörungen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die in den kommenden Wochen in der Zeitschrift Moderne Sprachen veröffentlicht wird, liefert Anhaltspunkte dafür, dass regimetreue eritreische Dolmetscher*innen für das BAMF arbeiten. „Es soll vorgekommen sein, dass der Dolmetscher in der Anhörung sagt: Hör auf, so über dein Land zu sprechen“, berichtet die Verfasserin der Studie, Eden Mengis. Aus den Interviews, die sie mit eritreischen Geflüchteten und Dolmetscher*innen geführt hat, geht hervor, dass es in Asylanhörungen wiederholt zu Einschüchterungsversuchen gegenüber eritreischen Geflüchteten gekommen sein soll. Freweyni Habtemariam, die als vereidigte Dolmetscherin seit vielen Jahren für Behörden und Gerichte ins Tigrinische dolmetscht, bestätigt diesen Verdacht: „Zu mir kommen gruppenweise Flüchtlinge, die sich darüber beschweren, dass sie im Asylinterview unter Druck gesetzt wurden, nichts Kritisches über die eritreische Regierung zu sagen.“

Ein Satz mit gravierenden Folgen

„Sprich nicht so über dein Land!“ Das ist ein Satz, der den Ausgang des Asylverfahrens verändern kann. Wenn ein Dolmetscher ihn zum Geflüchteten auf der eritreischen Amtssprache Tigrinya sagt, bemerkt der Entscheider das nicht, weil er die Sprache nicht versteht. Doch der Asylbewerber bekommt Angst: Wie soll er vor einem regimetreuen Dolmetscher offenlegen, warum er aus Eritrea geflohen ist – einem Land, in dem Flucht unter Strafe steht? Wie soll er über seinen Herkunftsort, seine Familienverhältnisse in einem Land berichten, in dem Angehörige der Geflüchteten wegen Fluchthilfe ins Gefängnis kommen können? Die Konsequenzen dieses einen Satzes können weitreichend sein: Beschließt der Geflüchtete, Details auszusparen, kann das BAMF seinen Asylantrag als unglaubwürdig einstufen oder als unbegründet ablehnen. Der Asylbewerber riskiert damit eine Abschiebung nach Italien, dem Land, über das die meisten Eritreer*innen nach Europa kommen. Gibt er vor dem regimetreuen Dolmetscher Einzelheiten über seine Familie preis, gefährdet er schlimmstenfalls seine Angehörigen in Eritrea. Schon mit der Flucht nach Europa werden Eritreer*innen vom repressiven Regime ihres Heimatlandes kriminalisiert. In dem Land am Horn von Afrika werden alle Männer und Frauen ab 18 Jahren zum sogenannten National Service – einem Militär- oder Zivildienst – eingezogen, der in der Praxis mehrere Jahrzehnte dauern kann. Ein Grund für die Flucht nach Europa – und für die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland.

Dringen über die Dolmetscher*innen private Informationen nach Eritrea?

„Ich sehe eindeutig die Gefahr, dass diese hochsensiblen Informationen von den regimetreuen Dolmetschern an die eritreische Botschaft weitergeleitet werden“, erklärt Eden Mengis, die selbst als Konferenzdolmetscherin arbeitet. „Was damit in Eritrea an Unrecht geschehen kann, ist viel folgenreicher als die konkreten Konsequenzen für die Asylsuchenden.“ Dass regimetreue Dolmetscher*innen tatsächlich Informationen über eritreische Geflüchtete an die Botschaft übermitteln, ist schwer nachzuweisen. Doch in einem UN-Bericht über Eritrea, der im Juni 2015 erschienen ist, geht die Untersuchungskommission davon aus, dass die eritreischen Bespitzelungsstrukturen, die die Bevölkerung unter ständiger Angst halten, bis nach Europa reichen und dass das Regime in der eritreischen Diaspora Spione einsetzt, um an Informationen über die Geflüchteten zu gelangen. Dass auch Dolmetscher*innen als Spitzel arbeiten könnten, legt ein Gespräch nahe, das Freweyni Habtemariam mit einem Eritreer geführt hat, der in einem eritreischen Ministerium arbeitet: „Er wusste nicht, dass ich Oppositionelle bin und hat mir gesagt: Wir bekommen das, was die Flüchtlinge erzählen, von den Dolmetschern geschickt. Wir sind gut informiert. Das hat mir schon zu denken gegeben“, sagt sie.

Die Angst der Geflüchteten vor dem Regime bleibt

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, kennt die Vorwürfe, dass das BAMF in Anhörungen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen einsetze. „Die Hinweise auf regimetreue eritreische Dolmetscher sind ein Problem, das im Auge behalten werden muss. Wir beobachten, dass es in vielen Fällen ein großes Misstrauen unter eritreischen Geflüchteten gibt, was die Dolmetscher angeht“, erklärt er. Allerdings sei es schwierig, empirisch zu belegen, dass regimetreue Dolmetscher*innen Flüchtlinge in Asylinterviews einschüchtern oder Informationen an die eritreische Botschaft weiterleiten.

 

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Das liegt auch daran, dass eritreische Geflüchtete in Deutschland Angst haben, sich öffentlich über das Regime zu äußern, vor dem sie geflohen sind. Wie groß das Misstrauen der Asylsuchenden gegenüber der eritreischen Regierung ist, bekommen auch Journalist*innen zu spüren: Bei der Recherche zu diesem Artikel ist kein Flüchtling bereit, über Einschüchterungsversuche von regimetreuen Dolmetscher*innen zu sprechen, nicht einmal anonymisiert.

Intransparenz beim Bundesamt

Auch die Zusammenarbeit des Bundesamts mit Tigrinya-Dolmetscher*innen ist intransparent. Zwar antwortet das BAMF auf Anfrage, das Bundesamt lege „großen Wert darauf, nur zuverlässige und geeignete Dolmetscher einzusetzen und die Qualität der Arbeit kontinuierlich zu kontrollieren und zu bewerten“. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses sei obligatorisch, des Weiteren würden Kontakte des Dolmetschers zu Behörden seines Heimatlandes in die Auswahlentscheidung einbezogen. Dem stehen Aussagen von Seghen Gebreyosus von United4Eritrea entgegen, einer Initiative, die nach den Beschwerden über regimetreue Dolmetscher*innen versucht hat, zu überprüfen, in wie vielen Fällen eritreische Flüchtlinge in ihrer Asylanhörung eingeschüchtert wurden. „Es ist sehr schwierig, das aufzuklären. Die Liste mit Dolmetschern, die vom BAMF veröffentlicht wurde, ist veraltet. Weil so viele eritreische Flüchtlinge kommen, werden die Dolmetscher nicht im Verzeichnis aufgenommen, sondern sie arbeiten auf Rechnung, sind also nicht beim BAMF angestellt“, erklärt Gebreyosus. Teilweise würden die Dolmetscher*innen nur temporär vereidigt. „Anscheinend ist die Not so groß, dass man sagt: Wir brauchen jeden, der uns helfen kann.“

Missstände gibt es nicht erst seit letztem Jahr“

Georgia Mais vom Berufsverband Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e. V. (ADÜ Nord) bekräftigt diese Einschätzung: „Missstände gibt es nach unseren Informationen nicht erst seit letztem Jahr. Ich sehe nicht, dass die Kriterien, die wir als Berufsverband fordern – sei es hinsichtlich der Berufsethik oder der Professionalität – ausreichend berücksichtigt werden“, sagt Mais, die als Diplom-Übersetzerin seit 20 Jahren im ADÜ Nord aktiv ist. „In den aktuellen Stellenausschreibungen ist schwammig von ethischen Grundsätzen die Rede, aber ich höre von Kollegen, dass der Entscheider zulässt, dass der Dolmetscher wesentlich mehr oder weniger redet als der Asylbewerber und auch kommentiert. Da müsste jeder Entscheider hellhörig werden“, berichtet sie. Ihre Beobachtungen stützen sich auf Berichte von freiwilligen Helfer*innen, die mit arabisch sprechenden Flüchtlingen arbeiten. Im Namen des ADÜ Nord hat Mais einen offenen Brief an das Bundesamt mitverfasst, in dem die Entscheider*innen aufgefordert werden, bei Zweifeln an der adäquaten Verdolmetschung zu intervenieren. Dazu komme, dass das BAMF Dolmetscher*innen weit unter Tarif bezahle: Für Termine am Gericht liege der Stundensatz gemäß dem Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz (JVEG) bei 70 bis 75 Euro, für Asylanhörungen bekämen Dolmetscher*innen jedoch nur 25 Euro pro Stunde. „Das Bundesamt versucht, die Kosten für die Dolmetscher so gering wie möglich zu halten“, bestätigt Cornelia Remde vom Verein beeidigter Dolmetscher und Übersetzer Sachsen. Auch der Vorstandsvorsitzenden des Berufsverbands mit Sitz in Dresden ist das Problem der regimetreuen Dolmetscher*innen bekannt. „Es gibt Gerüchte, dass regimetreue Dolmetscher durchaus auch beim BAMF eingesetzt werden, aber wir haben keine Beweise. Die Frage ist: Wie prüft das Bundesamt die Dolmetscher? Das BAMF definiert keine Qualitätsstandards“, kritisiert Remde.

Das Black Box-Problem der Asylanhörung

Bernd Mesovic von Pro Asyl teilt die Einschätzung, dass das Bundesamt „bundesweit ein Qualitätsproblem mit Dolmetschern“ habe. Die Überprüfung von Dolmetscher*innen sei ein ernstzunehmendes strukturelles Problem des Bundesamts. „Es ist kaum leistbar für das BAMF, die Qualität der Dolmetschleistung zu prüfen. Weil keine externen Beobachter am Verfahren beteiligt sind, entsteht hier das Black Box-Phänomen“, erklärt er. Als

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Kontrollmöglichkeit schlägt Mesovic vor, gelegentlich einen weiteren Dolmetscher hinzuzuziehen – was zur Folge haben könnte, dass dann korrekt übersetzt wird – oder Tonbandaufnahmen zu machen. Allerdings müsse man die Qualität von der politischen Einstellung der Dolmetscher*innen trennen. „Die Behauptung der politischen Manipulation eines Dolmetschers ist schwerwiegend. Wie kann ein Dolmetscher beweisen, dass er unverdächtig ist?“, gibt er zu bedenken. Der Kontakt zur Botschaft ist kein zwingendes Indiz dafür, dass ein Dolmetscher regimetreu ist, da viele Eritreer*innen die Dienste der Botschaft in Anspruch nehmen müssen, um etwa Dokumente aus ihrem Heimatland ausgestellt zu bekommen. Eden Mengis plädiert in ihrer Studie dennoch dafür, dass das Bundesamt keine Dolmetscher*innen einstellt, die Kontakte zur eritreischen Botschaft haben. „Das wäre ein Abwägen, weil dadurch Dolmetscher ausgeschlossen werden, die auf die Botschaft angewiesen sind, weil sie zum Beispiel Unterlagen brauchen. Aber viel schlimmer ist, wenn Menschenrechtsverletzungen in Eritrea begangen werden, weil regimetreue Dolmetscher Zugang zu sensiblen Informationen hatten“, erklärt sie. Zwar könne nicht abschließend festgestellt werden, dass die Botschaft gezielt Dolmetscher*innen in die Asylanhörungen einschleust, aber die Vermutung liege nahe, so Mengis. Problematisch sei zudem, wenn Geflüchtete von Dolmetscher*innen eingeschüchtert würden.

Einzelfälle oder strukturelles Problem?

Das BAMF weist die Vorwürfe zurück: „Die von Ihnen geschilderten Situationen sind uns nicht als generelles Problem bei eritreischen Dolmetschern bekannt. Weder liegen uns hierzu Hinweise aus den Außenstellen noch von anderer Seite vor“, antwortet die Pressestelle des Bundesamts auf Anfrage. Die Problemlage ist kompliziert, das sieht auch Seghen Gebreyosus von United4Eritrea ein. „Natürlich sprechen wir immer noch von Einzelfällen, aber wir wissen nicht, wie viele Fälle es noch gibt. Gerade, weil es so schwer nachzuvollziehen ist. Im Nachhinein kann man nicht aufklären, ob falsch verdolmetscht wurde oder nicht. Es gibt keine Tonbandaufnahmen aus der Anhörung“, wendet sie ein. Bei fast 11000 Asylanträgen von eritreischen Geflüchteten im vergangenen Jahr handelt es sich bei den wenigen dokumentierten Beschwerden für das Bundesamt statistisch um Einzelfälle, die keine Reaktion erfordern. Doch hinter jedem Einzelfall, in dem ein Tigrinya-Dolmetscher nicht neutral verdolmetscht oder seine Verschwiegenheitspflicht verletzt, steht ein Mensch, der mit den gravierenden Konsequenzen leben muss. Dass die Dunkelziffer weit höher liegt, ist angesichts der Angst eritreischer Geflüchteter, sich öffentlich über das Regime zu äußern und der intransparenten Zusammenarbeit des Bundesamts mit Dolmetscher*innen denkbar. Die Initiative United4Eritrea überlegt, dem BAMF ihre Mithilfe bei der Überprüfung der Tigrinya-Dolmetscher*innen anzubieten, und auch Pro Asyl will das Problem im Auge behalten. „Da wird ein strukturelles Problem weggeredet“, kritisiert Bernd Mesovic. „Man kann aber nicht über die Einzelfälle hinweggehen, weil es da um Existenzen geht.“

Trotz tausender Kilometer, die eritreische Schutzsuchende auf ihrerFlucht bis nach Deutschland zurückgelegt haben, können sie sich also scheinbar nicht immer dem langen Arm des Regimes entziehen. Eine Sensibilisierung für das Thema scheint im BAMF derzeit wenig vorhanden zu sein. Und das, obwohl in der Asylanhörung jedes (falsch) übersetzte Wort über die Zukunft der Geflüchteten entscheiden kann.

Frauenrechte in Eritrea: Zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und faktischer Benachteiligung

In Eritrea sind Frauen und Männer gleichberechtigt. So steht es in der Präambel der Konstitution, die 1997 ratifiziert wurde. Grund für die besondere Stellung, die Eritrea den Frauenrechten einräumt, ist die Beteiligung der Frauen am 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg der eritreischen Befreiungsarmee EPLF. Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1991 kämpften eritreische Frauen Seite an Seite mit den Männern gegen die Kolonialmacht Äthiopien. Auch in der Zivilgesellschaft waren die Frauen während des Kriegs emanzipiert: Sie übernahmen für ihre abwesenden Männer die Verantwortung für den Haushalt, die Geschäfte und die Landwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit hat Eritrea mehrere Gesetze zur Gleichstellung der Frauen erlassen. So gewährt etwa die Landreform-Proklamation von 1994 und 1997 jedem Bürger unabhängig von Geschlecht, Religion und Ethnie das Recht, Land zu besitzen. Dieses Gesetz ermöglicht Frauen, landwirtschaftliche Betriebe und kleine Geschäfte aufzubauen. Laut dem Jahresbericht der afrikanischen Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count (MEWC) aus dem Jahr 2014 kontrollieren Frauen 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Eritrea.

Die Arbeitsproklamation von 2001 schützt Frauen im Beruf gesetzlich. In der Verwaltung und im Parlament gilt eine Frauenquote: 30 Prozent der Sitze sind für Frauen reserviert. Bereits 1995 hat Eritrea zudem die internationale Frauenrechtskonvention CEDAW ratifiziert, ein Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Damit ist die Gleichstellung der Frau gesetzlich vergleichsweise gut geschützt.

In der Praxis sind eritreische Frauen dennoch Diskriminierung und sexueller Gewalt ausgesetzt. Im aktuellen Bericht zur Umsetzung der CEDAW äußert das UN-Komitee vor allem Besorgnis über die negativen Auswirkungen des National Service auf die Rechte der Frau. Der Militärdienst ist in Eritrea für Männer und Frauen von 18 bis 40 Jahren verpflichtend. Eigentlich auf 18 Monate begrenzt, müssen Eritreer*innen den National Service oft auf unbegrenzte Zeit ableisten. Alle Schüler*innen werden im 12. Schuljahr zum Militärdienst im Ausbildungslager Sawa eingezogen. Die UN-Kommission kritisiert die Zwangsrekrutierung, auch von minderjährigen Frauen in den zeitlich unbegrenzten Militärdienst unter Bedingungen, die der Zwangsarbeit ähneln. Berichten zufolge würden Frauen im National Service zudem häufig Opfer sexueller Gewalt durch Offiziere und männliche Rekruten. Als problematisch bewertet das Komitee auch, dass junge Frauen vermehrt frühzeitig die Schule verlassen oder minderjährig schwanger werden, um den Militärdienst zu umgehen. Abseits des National Service besteht für Frauen die Gefahr, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Auch Genitalverstümmelung betrachtet die Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count als ein ernstzunehmendes Problem in Eritrea: 89 Prozent aller eritreischen Frauen sind laut MEWC davon betroffen.

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Von Pressefreiheit und Gender in der Türkei – eine Momentaufnahme Erfahrungen einer türkischen Journalistin

Angesichts der aktuellen Lage türkischer Medien, ist die Diskussion über Genderthemen fast Luxus. Diesen Zustand verdeutlicht die Journalistin Sevgi Akarçeşme.

Ihre Miene ist ernst. Ihr Blick fest in die Kamera gerichtet. Ihre Mimik verleiht der Botschaft Nachdruck. Free Media cannot be silenced steht in weißen Großbuchstaben auf dem rot hinterlegten Plakat, das Sevgi Akarçeşme vor sich in die Höhe hält. Harte und ernüchternde Worte einer Journalistin aus der Türkei, einem Land, das unserem geographisch nahe, aber gesellschaftlich derzeit ferner nicht sein könnte. „Wir als Medienschaffende werden im Moment in der Türkei förmlich erstickt“, zieht die Journalistin ihr Fazit.

Schnell beleidigt

Pressefreiheit ist derzeit ein schwieriges Terrain in der Türkei. Unter dem Vorwand der Terrorgesetzgebung kann jeder, der sich regierungskritisch äußert, verhaftet werden. Aufgrund ihrer Multiplikatorfunktion fallen Journalisten häufiger als Zielscheibe ins Visier der Polizei, insbesondere Frauen. „Journalistinnen werden immer öfter gezielt angegriffen, da sie als verletzlich und schwach gelten“, erklärt Sevgi Akarçeşme. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Redaktionsdurchsuchung vom 14. Dezember 2014, die erste von zweien innerhalb eines Jahres:

„Es war einer der denkwürdigsten Momente während meiner bisherigen Tätigkeit. Wir warteten die ganze Nacht lang in der Redaktion. Wir warteten auf die Polizei. Als sie endlich da war, standen Hunderte Menschen draußen vor der Redaktion, vielleicht waren es um die Tausend. Wir protestierten friedlich. Sie nahmen unseren Chefredakteur fest.“

Ein Jahr später sitzt sie selbst auf der Anklageband. Der Vorwurf lautet Beleidung des Ministerpräsidenten Davutoğlu. Ein Nutzer hatte sich unter ihrem Tweet abfällig über diesen geäußert. De facto eine Verurteilung aufgrund des Kommentars eines Dritten. Ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung lautet die Strafe. Begeht sie dasselbe Vergehen innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut, tritt die Strafe in Kraft.

Quelle: Twitter / @SevgiAkarcesme

 

Twitter als Ventil der Gesellschaft

In der Türkei gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, regelmäßig auch in den sozialen Medien zu publizieren. Fast 110.000 Menschen folgen den Aktivitäten von Sevgi Akarçeşme auf Twitter. „Die sozialen Medien sind das einzige Milieu, in dem die Menschen ungefilterte Informationen erhalten. „Wenn man mutig genug ist, sich regierungskritisch zu äußern, fangen Menschen an, Dir zu folgen“, berichtet sie auf der Tagung.

 

 

 

„Manchmal bin ich es leid und möchte am liebsten aufgeben. Das ist natürlich nur meine innere Stimme. Dann wiederum denke ich, dass jede Nachricht, die ich schreibe oder mit meinen Followern teile, eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken kann. Wir sollten nicht aufgeben.“

Sevgi Akarçeşme ist eine Frau auf der Überholspur. Eine derjenigen, die Erfolg nicht vom Geschlecht abhängig machen. Das zeigt ihre jüngste Ernennung zur Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Zaman Today. Sie lässt auf einen positiven Schritt in der patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft hoffen.

Über Sevgi Akarçeşme

Sevgi Akarçeşme ist 1979 in Istanbul geboren und stammt aus einer religiös-traditionellen Familie. Sie studierte Politikwissenschaft, Öffentliche Verwaltung und Internationale Beziehungen in Ankara und Istanbul sowie in den USA. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Temple University und bei einem Think Tank, bevor sie im April 2008 in die Türkei zurückkehrte, um u.a. für die türkische Regierung tätig zu werden. Seit Juli 2012 arbeitet Sevgi Akarçeşme als Redakteurin für Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und Today’s Zaman, deren englischsprachige Ausgabe. Mitte Dezember 2015 wurde sie zur Chefredakteurin von Today’s Zaman befördert.

Ein kurzer Blick auf die türkische Medienlandschaft

Die Medienlandschaft ist wirtschaftlich stark konzentriert und mit anderen wirtschaftlichen Interessen in großen Holdings verbunden. Diese Verflechtung birgt Gefahren für die Pressefreiheit, da die Unternehmen wegen Aufträgen bemüht sind gute Beziehungen zu Regierungsstellen zu pflegen. Das Fernsehen ist oft staatlich gelenkt und gibt Informationen gar nicht, verfälscht oder regierungskonform wider.

Die fünf auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen und deren politisch-ideologische Ausrichtung sind (Stand Januar 2016):

  • Zaman (1.1017.757, religiös-konservativ, regierungskritisch)
  • Posta (442.852, Boulevardzeitung)
  • Hürriyet (379.865, liberal-konservativ, regierungskritisch)
  • Sabah (345.943, mitte-rechts, regierungsnah)
  • Sözcü (345.126, kemalistisch, regierungsfern)

 

 

„Als Frau ist man nicht so viel wert!“ Das Geschlecht als Faktor beim Auslandseinsatz

Wie Geschlechterrollen den Alltag von medizinischem Personal im Auslandseinsatz bestimmen und wie wenig sie darauf vorbereitet werden

Entwicklungshilfe ist ein immens wichtiges Instrument der deutschen Außenpolitik. Das Ziel ist, durch Hilfeleistungen – sowohl materieller als auch nicht materieller Art – eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern zu erreichen. Oft wird dabei übersehen, welchen Belastungen entsendete Entwicklungshelfer_innen auf sich nehmen, um hilfsbedürftige Menschen in aller Welt zu unterstützen. Durch den Kontakt mit anderen Kulturen und Denkweisen geraten viele Helfer_innen an ihre Grenzen. Das gilt besonders für medizinisches Fachpersonal, das häufig Extremsituationen ausgesetzt ist. Das Rollenverständnis von Mann und Frau spielt in der praktischen Arbeit der Helfer_innen eine große Rolle. Spiegelt sich diese Bedeutung in der Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz, gerade mit Blick auf medizinisches Personal, wieder? Und wie gehen Helferinnen und Ärztinnen in Entwicklungsländern in ihrer täglichen Arbeit mit den Geschlechterrollen vor Ort um?

Dr. med. Irmela Müller-Stöver weiß wovon sie spricht. Um ihre Auslandseinsätze aufzuzählen reichen ihre zehn Finger nicht. Angefangen hat alles mit mehrwöchigen Kurzzeiteinsätzen in Tansania. Statt Urlaub zu machen flog sie jedes Jahr für mehrere Wochen nach Afrika – um zu helfen. So kamen 20 Kurzzeiteinsätze zusammen. Für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED), heute Teil der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), war sie schließlich von 1997 bis 2000 in Uganda. Im Distrikt Kamuli leitete sie das Kamuli-Mission-Hospital. Möglich gemacht hat das auch ein Gesetz. Im Jahr 1969 verabschiedete der Bundestag das „Entwicklungshelfer-Gesetz“. Es definiert, was unter einem Entwicklungshelfer zu verstehen ist und es legt fest, welche Voraussetzungen für die staatliche Anerkennung von Trägern des Entwicklungsdienstes nötig sind. In Deutschland entsenden zurzeit sieben Organisationen mehr als 1500 Entwicklungshelfer_innen – darunter auch medizinisches Personal – nach dem Entwicklungshelfer-Gesetz. Die staatliche Organisation GIZ ist die bedeutendste von ihnen. Allein für die GIZ sind derzeit etwa 800 Entwicklungshelfer_innen im Einsatz. Für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) sind es circa 280, für Dienste in Übersee (getragen von Brot für die Welt) etwa 200. Bei keiner der anderen fünf Organisationen ist die Zahl dreistellig. Neben diesen Organisationen gibt es auch Hilfsorganisationen, die sich auf die Entsendung von Ärzt_innen und medizinischem Personal spezialisiert haben. Am bekanntesten ist wohl die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Von Deutschland aus agieren aber auch Ärzte der Welt, German Doctors und LandsAid. Ärzt_innen fallen dabei in den seltensten Fällen unter das Entwicklungshelfer-Gesetz, da es einen Mindestaufenthalt von zwei Jahren vorsieht.

Unzureichende Einsatzvorbereitung

Es gehört nicht viel dazu, um sich vorzustellen, dass Ärzt_innen wegen ihrer Verantwortung für Leib und Leben, besonderen Belastungen im Ausland ausgesetzt sind. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent bestimmen neben wirtschaftlichen auch gesellschaftliche Zwänge das Arbeiten. Vor allem Frauen müssen um Anerkennung kämpfen. Auf die Frage, ob sie je wegen ihres Geschlechts in Uganda diskriminiert wurde, antwortet Müller-Stöver schlicht „immer“. „Als Frau ist man nicht so viel wert“, sagt sie weiter. Von diesem Umstand wurde sie aber nicht überrascht. Mit den Jahren in Tansania hat sie gelernt damit umzugehen. Den Berichten der Ärztin widerspricht Achim Geckle, Personalmanager bei Christliche Fachkräfte International: „Wir als Organisation haben – und das möchte ich betonen – keine schlechten Erfahrungen mit Frauen im Auslandseinsatz verzeichnet. Uns sind auch keine Beschwerden bekannt. Die Frauen werden in ihren Einsatzländern für voll genommen.“ Natürlich lässt sich kaum eine Aussage über einen kompletten Kontinent treffen, Vorfälle von Diskriminierung lassen sich aber nicht von der Hand weisen.

Einsparungen und Kürzungen bei der Vorbereitung

Vor ihrem dreijährigen Einsatz in Uganda wurde Irmela Müller-Stöver ein halbes Jahr geschult. Sie erfuhr mehr über die Sprache des Landes, den Umgang mit Gewalt, Geburtenkunde und Genderfragen. Vor Ort wurde sie weitere sechs Wochen von Einheimischen in Geschichte, Politik, Kultur und Sprache unterrichtet. Sie selbst bezeichnet die Vorbereitung als „ausgesprochen gut“. Allerdings ist das fast zwanzig Jahre her. Heute weiß sie wenig Gutes zu berichten über die Vorbereitung ihrer Kolleg_innen, die den Sprung ins Ausland wagen. Als Oberärztin in der Tropenmedizin des Düsseldorfer Universitätsklinikums hat sie regelmäßig mit Entwicklungshelfer_innen, Ingenieur_innen, Freiwilligen und auch Ärzt_innen zu tun, die Deutschland für längere Zeit den Rücken kehren. „Die Vorbereitung der GIZ wurde stark verkürzt“, weiß sie aus Gesprächen. Kann dann überhaupt noch genderspezifisch vorbereitet werden? Wie steht es um Organisationen, die Ärzt_innen nur für wenige Wochen oder Monate ins Ausland schicken?

Warum Geschlechterfragen nicht vernachlässigt werden dürfen

Geschlechterfragen und -rollen sind in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung für die Arbeit in Hilfs- und Entwicklungsprojekten. Katharina Behmer von der Ruhr-Universität Bochum hält eine „geschlechtersensible Herangehensweise für absolut notwendig, um effektive Hilfe zu leisten“. Sie arbeitet am Institut für Friedens- und Konfliktforschung und unterrichtet im Master Humanitäre Hilfe. Ohne eine ausreichende Kenntnis des Projektumfelds und der gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort wird der Erfolg von Projekten also verringert. Männliche Ärzte müssen beispielsweise wissen, ob sie Frauen behandeln dürfen oder ob sie dafür zumindest die Erlaubnis des Ehemannes brauchen. „Wenn man da einmal etwas falsch macht, spricht sich das rum und man ist unten durch“, betont Irmela Müller-Stöver.

Ärztinnen müssen wissen, wie sie mit möglicher Diskriminierung umgehen und wie sie ihre persönliche Situation vor Ort stärken können. Die physische und psychische Belastung ist ohnehin immens, sollten sich Ärztinnen da nicht um andere Sachen Gedanken machen? Die Gesellschaft vor Ort kann nicht auf einen Schlag verändert werden. Geschlechterrollen und Frauenbilder haben sich in Jahrhunderten entwickelt und sind in vielen Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent tief verwurzelt. Geht es aber um die Vorbereitung auf diese Geschlechterrollen und eine intelligente Auseinandersetzung mit ihnen, sind die deutschen Entsendeorganisationen gefragt. „Die meisten Organisationen haben Policy-Dokumente dazu, wie man einen bestimmten Genderfokus oder eine besondere Berücksichtigung von Frauen in der Projektarbeit integriert“, macht Katharina Behmer klar. Sie stellt aber immer wieder fest: „Es gibt die Richtlinien, es gibt das Wissen. Das Problem ist die Umsetzung.“ Was sagen die Organisationen selbst? Wie steht es um die geschlechterspezifische Vorbereitung?

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Antworten der sieben Organisationen, die nach dem Entwicklungshelfer-Gesetz Fachpersonal in Entwicklungsländer entsenden und in der Arbeitsgemeinschaft der Entwicklungsdienste (AGdD) organisiert sind:

Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH): „Rückfragen bei dem entsprechenden Bereich in unserem Haus haben ergeben, dass wir standardmäßig keine genderspezifische Vorbereitung für Ärztinnen in Auslandseinsätzen anbieten.“ (Katharina Engels)

Christliche Fachkräfte International (CFI): „Diese Genderspezifische Thematik wird bei uns in der Vorbereitung natürlich angesprochen. Besonders wenn der Einsatzort im arabischen Raum ist. Da wird von Beginn an schon hinterfragt, wie man sich im jeweiligen Land als Frau am besten verhält. Gerade in zum Beispiel Pakistan oder Jordanien ist ein anderes Verhalten einer Frau gefragt als in Deutschland. Wir besprechen das schon beim Auswahlverfahren. Wir fragen alle Frauen direkt: Könnt ihr euch vorstellen, in so einem kulturellen Umfeld arbeiten zu können? Das beinhaltet auch das Tragen eines Kopftuches.“ (Achim Geckle)

Dienste in Übersee (getragen von Brot für die Welt): Bietet Ausreisekurse, intensive Sprachvorbereitung und Länderkundliche, persönliche und berufsspezifische Vorbereitung. Bietet Einzelcoachings hinsichtlich der Genderdimension im Tätigkeitsfeld.

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): „Die GIZ bereitet alle ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intensiv auf einen Auslandseinsatz vor. In den Vorbereitungskursen ist auch Gender ein wichtiges Thema. So werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem darauf vorbereitet, ein Verständnis für die kulturellen Gegebenheiten des Partnerlands zu entwickeln. Die Kurse sind bewusst klein gehalten und bieten so die Möglichkeit, auch spezielle Fragestellungen individuell zu besprechen – etwa den gendersensiblen Umgang in einem Arzt-Patienten-Verhältnis.“ (Alexander Köcher, Sprecher GIZ)

Eirene, Forum ziviler Friedensdienst, Weltfriedensdienst: Entsenden als Organisationen selbst kein medizinisches Personal und bieten dementsprechend keine Vorbereitung an.

Antworten von Organisationen, die auf medizinische Nothilfe spezialisiert sind:

Ärzte der Welt: „Die „Gender-Frage“ ist nicht im Vorbereitungsschema integriert. Solche Fragen werden eher auf individueller Basis angesprochen.“ (Damien Przybylski)

Ärzte ohne Grenzen: Konnten keinen Ansprechpartner stellen und waren auch nach mehrfacher Nachfrage nicht zu einer Antwort bereit.

German Doctors: „Unsere Vorbereitungsseminare sind nicht genderspezifisch ausgerichtet.“ (Eva-Maria Freudenberger)

LandsAid: „In den offiziellen Seminaren von LandsAid liegt der Schwerpunkt eher in der allgemeinen Vorbereitung von Einsatzkräften auf ihre Einsätze. Das heißt, in den Seminaren gibt es zurzeit keine konkreten gender-spezifischen Module oder Inhalte. Bei den Seminaren sind jedoch auch erfahrene Einsatzkräfte dabei, die von ihren Erfahrungen und auch Herausforderungen in anderen Kulturen berichten. Besonders wichtig ist auch, dass LandsAid immer mit lokalen Partnern zusammenarbeitet, die sich sehr gut mit den (kulturellen) Gegebenheiten vor Ort auskennen. Jede Einsatzkraft bzw. jedes Team, das für LandsAid ins Ausland entsendet wird erhält aber noch eine individuelle Vorbereitung für den Einsatz und das jeweilige Einsatzland. So werden die Einsatzkräfte vor ihrem Einsatz z.B. auch auf kulturelle und gender-spezifische Aspekte hingewiesen. So wird das Personal über Aspekte wie angemessene bzw. kulturell akzeptierte Kleidung (z.B. in für Frauen lange Kleidung und Haare bedeckt in einem islamischen Land), Körpersprache und Verhalten geschult. Insgesamt werden Männer und Frauen nicht anders vorbereitet.“ (Andrea Janssen)


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Offensichtlich steht es um die genderpezifische Vorbereitung bei den Hilfsorganisationen nicht besonders gut. Diese Beobachtung deckt sich auch mit den Erfahrungen von Gabriele Krüger. Die Hebamme arbeitet seit 2004 mit unterschiedlichen Hilfsorganisationen in der medizinischen Katastrophenhilfe zusammen und begleitete bereits 1986 ihren Ehemann im Rahmen von Dienste in Übersee nach Kamerun. Der heutigen Vorbereitung auf diese Auslandseinsätze steht Gabriele Krüger kritisch gegenüber:

Zwei Gründe, warum Gender in den Organisationen vernachlässigt wird, weiß Katharina Behmer:

Um auf die Herausforderungen vor Ort und die kulturellen Unterschiede vorbereitet zu sein, hat Gabriele Krüger deshalb zahlreiche Seminare besucht. „Ich habe International Health studiert und dadurch sehr viel kulturelle Kompetenz erlangt“, berichtet die Hebamme und führt weiter aus, „durch das Studium habe ich mich mit eigenem Rüstzeug auf diese Auslandseinsätze vorbereitet.“ Ein wichtiger und auch erforderlicher Schritt, schließlich sei ihre Arbeit ohne diese Vorbereitung nicht zu bewerkstelligen.

Als Frau im Einsatz

Dr. Gloria Mwanza Tshilumba ist Ärztin für Innere Medizin in Kinshasa, Kongo. Für die Medizinerin gehört Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts zum Alltag. Sei es beim Umgang mit ihren Kolleg_innen oder mit Blick auf das Verhältnis zwischen weiblichen Ärzten und Patienten. Ausführlich beschreibt sie, welche Auswirkungen ihr Geschlecht auf ihren Arbeitsalltag und ihre Karriere hat:

Genderfragen entscheiden über den Erfolg eines Projektes

Wie können Genderaspekte bei Hilfsprojekten und medizinischen Einsätzen mitgedacht werden? Indem sich die Mitarbeiter_innen beispielsweise fragen, wie trete ich in Interaktion mit der Gesellschaft vor Ort, wie ändere ich Rollenbilder durch meine eigene Person und durch meine Projektarbeit vor Ort. Besonders das Rollenverständnis von Männern und Frauen in der entsprechenden Kultur rückt in den Fokus der täglichen Arbeit. Das macht diese mitunter sehr komplex, betont Katharina Behmer: „Häufig merkt man in der Art und Weise wie man aufgenommen wird, ob man sich richtig verhält, aber man muss sich über die eigene Position bewusst sein. Wenn Männer versuchen in Gesellschaften, in denen männliche und weibliche Räume getrennt sind, Wissen von Frauen zu bekommen oder Frauen medizinisch zu behandeln, kann das zu extremen Frustrationen führen, weil der Zugang sehr erschwert ist“. Eine Frau hätte unter gleichen Umständen einen wesentlich einfacheren Zugang.

Häufig ist die Auseinandersetzung mit den Rollenbildern vor Ort sogar ursächlich für den Erfolg oder Misserfolg eines Projektes. Folgende Beispiele zeigen die Problemstellung eindrücklich:

Auch Irmela Müller-Stöver kann sich nicht an Situationen erinnern, in denen Genderfragen zu lebensgefährlichen Situationen geführt haben. Um dennoch Menschenleben nicht unnötig aufs Spiel zu setzten, besteht ein Einsatzteam im Ausland idealerweise aus Frauen und Männern. Es ist von großer Bedeutung, dass im Voraus bekannt ist, welche gesellschaftlichen Strukturen vorherrschen und wen man mit einem Projekt erreichen möchte. Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ist im Moment in humanitären Hilfsprojekten nicht immer gegeben. Das gilt besonders für Positionen mit erheblichem Sicherheitsrisiken. Dort hat die Bevorzugung von Männern ganz praktische Gründe. Dazu Katharina Behmer:

Was muss sich ändern?

Auch wenn einige deutsche Hilfsorganisationen betonen, dass sie genderspezifische Vorbereitung im Rahmen ihrer Seminare berücksichtigen, wird der dafür eingeräumte Stellenwert der Bedeutung des Themas nicht gerecht. Aus Gesprächen mit praktizierenden Ärzt_innen im Auslandseinsatz geht hervor, dass das Thema Gender eine bedeutende Kategorie ist. Entscheidend sind Genderfragen in erster Linie im Alltag und nicht bei medizinischen Notfällen. Mitunter werden die Stimmen und die Bedürfnisse von Frauen nicht ausreichend berücksichtigt. Bleiben Frauen unerhört, wird es Hilfsorganisationen nicht gelingen ihre Ziele zu erreichen. Projekten die Genderfragen nicht mitdenken, fehlt es an Nachhaltigkeit. Geschlecht ist aber nur eine von vielen Kategorien in denen humanitäre Hilfe ihren Prinzipien Humanität, Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit treu bleiben muss, sagt Katharina Behmer. Auch „Alter, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Status und Gesundheitszustand“ hätten einen Einfluss auf die Bedürfnisse der Menschen und damit auf die Arbeit der Organisationen.

Policy-Dokumente, individuelle Breefings im Rahmen der Vorbereitung und Gendermodule in Seminaren zeigen, dass sich Hilfsorganisationen der Thematik angenommen haben. Allerdings müssen die Bemühungen und der Umfang deutlich erhöht werden, um eine umfassende genderspezifische Vorbereitung zu erreichen. Die für diesen Artikel kontaktierten Hilfsorganisationen können nicht argumentieren, dass entsprechende Angebote fehlen. „Es gibt sehr gute und spezialisierte Angebote, welche die Organisationen in ihre Vorbereitung integrieren könnten“, betont Katharina Behmer. Nach ihrer Auffassung gilt es nun, diese zu nutzen. Ein positives Beispiel ist Brot für die Welt. Seit 2010 kooperiert die Organisation mit dem privaten Genderbüro in Berlin. Im Rahmen der Vorbereitung werden Fachkräfte dort für „den Auslandseinsatz hinsichtlich der Genderdimension im Tätigkeitsfeld“ geschult und sensibilisiert. Aber Vorbereitung ist nicht alles. Was zählt ist der Einsatz des gewonnenen Wissens vor Ort.

Guinea: Eine Frau an der Spitze des ersten Gründerzentrums

Mit 28 Jahren verlässt Fatoumata Guirassy ihren Pariser Komfort, um in ihrer Heimat etwas zu bewirken. Jetzt soll sie Guineas Wirtschaft ankurbeln. Ein Porträt.

Porträt: Foutamta Guirassy

Ich komme aus einer Gesellschaft die leider keine große Bedeutung darin sieht Frauen auszubilden.

„Ich bin jung und ich bin eine Frau. Manche sehen das als eine Art doppeltes Handicap, ich nicht. Also wie stellt man es an? Ganz einfach, indem man zeigt, dass man es kann“, beginnt Fatoumata Guirassy das Interview. Im Alter von 30 Jahren ist sie die Leiterin von Saboutech, Guineas erstem Gründerzentrum, das im März 2016 eröffnet. Es soll gleichzeitig auch Westafrikas größtes sein. In Sachen Gleichberechtigung steht Guinea jedoch laut Gender-Equality-Index auf dem viertletzten Platz Afrikas. Jetzt ist eine Frau verantwortlich für ein Pilot-Projekt, das die Wirtschaft des Landes beleben soll. Wie hat sie es dorthin geschafft?

Von Paris bis Conakry

Geboren wurde Fatoumata Guirassy, wie all ihre Geschwister, in Frankreich. Aus ökonomischen Gründen hatten ihren Eltern Guinea in den achtziger Jahren verlassen und sind nach Paris gezogen. Im Arbeiterviertel des zwanzigsten Arrondissements wächst Fatoumata auf. Neben ihrer französischen Identität, legten die Eltern immer Wert darauf, dass die Kinder auch mit der guineischen Kultur verbunden bleiben.

Anders als in ihrem Heimatland üblich, unterstützen die Eltern ihre Töchter darin, sich zu bilden und ihr Potenzial auszuschöpfen. Fatoumata Guirassy beschreibt sich als eine ambitionierte Schülerin. In der Zeit, als sie ihr Abitur macht, spielt sie mit dem Gedanken, irgendwann nach Guinea zurückzugehen. Doch nicht einfach nur so. Ab der Oberstufe wählt sie ein wirtschaftliches Profil. Sie absolviert zwei Master: einmal in internationaler Wirtschaft an der Sorbonne und graduiert am angesehenen Institut supérieur du commerce de Paris in Projektmanagement und nachhaltiger Entwicklung. Im August 2012 erhält Guirassy eine Stelle als Unternehmensberaterin bei Bolloré Africa Logistic, einer einflussreichen französischen Firma auf dem afrikanischen Markt. Die Arbeit ermöglicht es ihr, in die verschiedensten afrikanischen Länder zu reisen, Geschäftsbeziehungen aufzubauen und den Kontinent in seinen vielseitigen Facetten kennenzulernen. Ein Afrika, jenseits der reproduzierten Fernsehbilder. Fatoumata Guirassy fällt die Entscheidung, ganz dort zu bleiben.

Entscheidung für die Zukunft

Die Stelle bei Bolloré ist auf zwei Jahre befristet, doch die 28-Jährige hat Glück: Zum selben Zeitpunkt sucht die guineische Filiale der französischen Bank Société Générale in Conakry eine Projektleiterin. Fatoumata Guirassy bewirbt sich erfolgreich, lässt Paris hinter sich und zieht in die Hauptstadt Guineas. „Zurückkehren“, wie sie es nennt.

Ich konnte während meiner Reisen erleben und sehen, dass ein enormes Entwicklungspotenzial in diesem Kontinent steckt.

Auch  wenn es im Schnitt für Frauen in diesem Land Westafrikas sehr schwer ist an gut bezahlte oder höhere Jobs zu gelangen, hat Guirassy andere Erfahrungen gemacht. „Es hat mich auch überrascht, aber die Frauen sind bei der Société Générale, was die mittleren Managementposten angeht, sogar in der Mehrzahl. Das ist eine Besonderheit“, betont sie. Frauen würden hier insofern bevorzugt, weil sie hart und zielstrebig arbeiten, kann Guirassy sich vorstellen. Allerdings, wenn es um die hohen Führungsposten geht, sind auch dort Frauen rar gesehen.

Doch genau diese Führungsposition interessiert die junge Franco-guineerin, sie will ihr ganzes Potenzial ausschöpfen. Nach nur einem Jahr bei der Bank, bewirbt sie sich auf den Direktorenposten des ersten Gründerzentrums Guineas.

Mit Anfang dreißig ist Fatoumata Guirassy nun Chefin des größten Gründerzentrums Westafrikas. Es ist eine Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor. Internationale Firmen wie Orange, Total, Société Générale de Banques en Guinée sind dabei, aber auch Bolloré Logistics beteiligt sich dadurch, dass sie 1100m² Bürofläche zur Verfügung stellen. Gefördert werden, sollen Projekte und Unternehmen, die sich mit Kommunikationstechnologien, erneuerbaren Energien oder Umwelt befassen. Gerade hier sieht die Chefin den Vorteil ihres noch jungen Alters. Sie sei aus einer Generation, die mit all diesen Dingen aufgewachsen ist und einen anderen Bezug zu Umwelt und Innovation hat. Gibt es trotzdem Momente, in denen es schwer ist, sich als junge Frau in dieser Position durchzusetzen? Nicht, wenn man den passenden Management-Stil hat, sagt Guirassy.

Kommunikation: Auf diese Weise verschafft man sich den Respekt auch bei den Leuten, die nicht mit einem einverstanden sind.

Zurzeit läuft die Bewerbungsphase für kleine und mittlere Betriebe sowie Start-Ups, um sich auf einen Platz bei Saboutech zu bewerben. Im Gründerzentrum haben sie die Möglichkeit betreut zu werden, finanziell, aber auch durch Beratung, der Bereitstellung von Räumlichkeiten und Infrastruktur, wie Internet und Strom. Das Programm kann von sechs Monaten bis zu drei Jahren dauern. Damit soll vor allem eins erreicht werden: die Überlebenschancen der kleineren Firmen zu erhöhen und Guineas Wirtschaft damit anzukurbeln. „Heutzutage überleben mehr als 85 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen nicht einmal zwei Jahre Aktivität.“, erzählt Fatoumata Guirassy. Die Begleitung durch das Gründerzentrum soll das ändern. Doch nicht jeder begrüßt die Idee von Saboutech.

Vor vier Jahren unternahm sie ihre ersten Geschäftsreisen nach Afrika. Sie hat für sich entdeckt, welches Potenzial in diesem Kontinent steckt und sich entschieden, etwas in Bewegung zu setzen, etwas zu verändern. Als Direktorin des ersten Gründerzentrums von Guinea, ist Fatoumata Guirassy mit 30 Jahren auf jeden Fall in der Position, ihre Ambitionen auch umzusetzen.

Gründerzentrum: Chance oder Risiko?

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Zukunftschance Gründerzentrum: Aufschwung für Guineas Wirtschaft?

Mit Saboutech soll in Guinea ein Gründerzentrum entstehen, das die heimische Privatwirtschaft voranbringt. Doch die Frage ist, ob die Vision von Fatoumata Guirassy und ihren Mitstreitern überhaupt eine Zukunft hat. Nicht nur wirtschaftlich steht Guinea, trotz enormer Rohstoffvorkommen wie Eisenerz, Nickel oder Gold, schlecht da. Das Land zählt auch zu einem der korruptesten des afrikanischen Kontinentes. So belegte Guinea 2014 beim Corruption Perception Index Rang 145 von 175. Nicht nur hier, auch bei anderen Bewertungssystemen landet Guinea stets auf einem der hinteren Plätze. Ist es also überhaupt möglich, dass ein Gründerzentrum wie Saboutech ein Land voranbringen kann, dessen wirtschaftliche Standortbedinungen die Weltbank im Rahmen des Doing-Business-Index als sehr schlecht einschätzt? Und welche Rolle spielt dabei Fatoumata Guirassy – als Geschäftsführerin und Frau?

„Gründerzentren allein lösen die Probleme nicht“, sagt Karl Wohmuth, Wirtschaftsprofessor und Senoir Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Prinzipiell sei die Idee hinter solchen Zentren eine positive, allerdings gebe es viele verschiedene Ansätze, die nur funktionieren können, wenn sie auch beschäftigungsorientiert sind. Und: Gründerzentren allein kurbeln die Wirtschaft der afrikanischen Länder nicht an. „Es muss auch insgesamt etwas für die Privatwirtschaft getan werden, die in vielen Staaten unterdrückt wird“, so der Experte, der schon viele Gründerzentren hat scheitern sehen. „Insgesamt sind die Erfahrungen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich“, erklärt Wohlmuth. So gibt es beispielsweise in Südafrika funktionierende, staatlich organisierte Gründerzentren, die sich vor allem auf Agrarkulturprojekte spezialisiert haben, aber die Bereitschaft ein Unternehmen zu gründen, sei hier, wie in vielen anderen Ländern auch, sehr gering.

Für den Fall Saboutech sieht Wohlmuth trotzdem eine Chance, allerdings ist Fatoumata Guirassy nicht der Grund dafür. Zwar käme es immer häufiger vor, dass Frauen in Führungspositionen wie ihre aufrücken. Allerdings würden sie meist aus der Oberschicht mit engen Verbindungen zur politischen wie ökonomischen Elite des jeweiligen Landes stammen. „Die breite Beteiligung von Frauen in Führungspositionen von Wirtschaftsunternehmen ist hilfreich, da die Karriereaussichten von Frauen dadurch steigen und somit die Motivation zur Beteiligung am Wirtschaftsleben größer wird“, erklärt der Wirtschaftsexperte. Laut ihm kommt es vor allem darauf an, welche Initiator-Unternehmen bei einem solchen Projekt die Weichen stellen. „Mit Bolloré Africa Logistics und Orange Guinea hat Saboutech interessante Partner. Beide sind bedeutende Unternehmen“, so der 73-Jährige. Er hofft, dass sie die kleinen Unternehmen, die mithilfe von Saboutech gefördert werden sollen, mit sich ziehen.

Denn die bittere Erfahrung zeigt, dass sobald kleinere Unternehmen nach zwei, drei Jahren die Hilfe der Gründerzentren verlassen und auf eigenen Beinen stehen sollen, sie nicht durchhalten. Letztendlich seien „Gründerzentren nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Wohlmuth, „das Konzept funktioniert nur, wenn auch insgesamt, beispielsweise vom Staat, etwas für die Förderung der Privatwirtschaft getan wird.“ Denn das Wachstum innerhalb der Länder ist schwach, der Einstieg mit enormen bürokratischen Hürden verbunden.


Prof. Karl Wohlmuth

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Karl Wohlmuth wurde am 8. Dezember 1942 geboren und ist emeritierter Professor für den Vergleich ökonomischer Systeme der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind dabei afrikanische Entwicklungsperspektiven und ökonomische Systeme im Wandel der Weltwirtschaft. Derzeit arbeitet Wohlmuth als Senior Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Außerdem ist er seit 1998 Teil der Herausgebergruppe des „African Development Perspective Yearbook“.