Landläufige Meinungen In zwei Panels wurde auf den Bildkorrekturen die Zukunft Afghanistans diskutiert: Viele Visionen, dafür wenig Optimismus

Zwei Panels sollten auf der Bildkorrekturen-Konferenz zunächst Klischees über das Land Afghanistan diskutieren. Vertreter aus Medien und Politik Afghanistans traten dabei in den Dialog. Zunächst diskutierten die afghanische Kü̈nstlerin und politische Aktivistin Nahid Shahalimi und die Moderatorin Mariam Sediqi. Die wissenschaftliche Sicht auf die Situation der Medien lieferte Dr. Kefa Hamidi von der Universität Leipzig. Schnell wurde klar: Afghanistan ist ein kompliziertes Land mit einer ungewissen Zukunft. Für Frauen ist das Leben dort besonders kompliziert, dennoch kämpfen einige für ihre Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung – teilweise mit Erfolg. Dies ging aus den Reden der drei Diskussionsteilnehmer hervor. Jeder von ihnen hat eine andere Sicht auf die Zukunft seines Landes.

Negative Artikel, viel Gewalt

Das Interesse des Publikums konzentrierte sich vor allem auf eine der drei Teilnehmerinnen: Nahid Shahalimi. Die Debatte wurde – passend bei einer Veranstaltung zum Thema Gender – von einer Frau dominiert. Shahalimi faszinierte das Publikum mit ihrem Optimismus für Afghanistan. Ihre zentrale Aussage: „Don’t show afghan women as victims!“ – stellt afghanische Frauen nicht als Opfer dar. Sie zeigte die Geschichten von Frauen, die ein sehr erfolgreiches Leben führen. Die meisten Fragen aus dem Publikum waren an sie gerichtet. Hat Afghanistan überhaupt eine Zukunft? Ja, wenn den Leuten die Möglichkeit gegeben werde, ihr eigenes Leben zu leben, so Shahalimi. Geht es afghanischen Frauen insgesamt nicht trotz allem sehr schlecht? Doch, Afghanistan sei einer der gefährlichsten Orte der Welt für eine Frau, meint die Aktivistin. Was kann der Westen tun, um den Frauen Afghanistans zu helfen? Die westlichen Medien müssten aufhören, ständig negative Artikel über Frauen in Afghanistan zu schreiben. Mariam Sediqi, die dritte Teilnehmerin, teilte den Optimismus von Nahid Shalahimi nicht – dafür habe sie zu viel Gewalt gegen Frauen in Afghanistan erlebt.

Nach dem Panel begaben sich die drei Teilnehmer ins Publikum, um Gespräche mit den Zuschauern zu führen. Am Nachmittag diskutierten Susanne Koelbl, Auslandsreporterin vom Magazin DER SPIEGEL und Shalla Shaiq, die als Journalistin einen Radiosender in Kundus betreibt. Obwohl sich Alltag und Lebensumstände der beiden Frauen sehr unterscheiden, gleichen sich doch ihre Ansichten und Tätigkeiten. Koelbl unternimmt regelmäßig Reisen in den Nahen Osten. Gut nachvollziehbar trug sie Anekdoten aus ihrer dortigen Arbeit als SPIEGEL-Korrespondentin vor. Etwa, wie sie auf ihrer letzten Reise zum ersten Mal eine Burka trug. Im Gespräch mit Moderator Hamidi lieferte sie neue Denkanstöße: Das neue Erstarken der Taliban, erklärte Koelbl, sei Folge der langwierigen bürokratischen Vorgänge im Land. Der Staat könne sich nicht immer durchsetzen, meinte die Journalistin. Fühlten sich Bürger ungerecht behandelt, würden diese sich lieber an die effektiver handelnden Taliban wenden, als an die Regierung. Shalla Shaiq lebt als Journalistin in Afghanistan unter ständiger Bedrohung. Nicht nur, weil es dem Journalismus schlecht gehe: Shaiq ist besorgt, dass so viele, vor allem Junge und talentierte Menschen das Land Richtung Westen verlassen, sich der Taliban anschließen oder sogar in den Fängen des Islamischen Staates landen.

Der Fortschritt ist angekommen

Derzeit leiden die Afghanen unter Anschlägen und einem Wiedererstarken der Taliban. Viele besonders durch Frauen erkämpfte Freiheiten sind wieder stärker bedroht. Wie geht es weiter mit Afghanistan? Welche Zukunft hat das Land? Was wird aus den Frauen, die sich in den letzten Jahren bescheidene Freiheiten erkämpften? Das sind die drängendsten Fragen der Teilnehmer des Panels “Gender & Gesellschaft“ in Afghanistan. „Die Aussichten sind sehr düster“, sagte Shalla Shaig, die als Frau mit Nargis FM einen Radiosender für Frauen betreibt, „wir haben in den letzten Jahren viele Chancen vertan.“ Einmal gemachte Fortschritte würden immer wieder über den Haufen geworfen, sagte auch Spiegel-Auslandsreporterin Susanne Koelbl. Immer wieder bekam Shaiq Drohungen durch die Taliban. Die Radiostation ist regelmäßig Anschlagsziel: Drei Mal durch Raketenbeschuss und einmal durch einen Selbstmordattentäter. „Wir leben ständig mit der Angst“, konstatiert Shaig. Trotz der Widrigkeiten macht Shaiq mit viel Geduld und auch Trotz weiter: „Man muss in jeder Gesellschaft einmal anfangen, um etwas zu verändern.“

Wie solle eines der ärmsten Länder der Welt in wenigen Jahren eine Entwicklung schaffen, für die die westlichen Gesellschaften Jahrhunderte gebraucht hätten?, fragte Susanne Koelbl. Leider seien bei der Arbeit von Frauen in Afghanistan immer noch die Männer der der Schlüssel, nur durch ihre Akzeptanz sei ein Fortschritt möglich, so die Reporterin. Früher seien die Männer strikt gegen erwerbstätige Frauen gewesen. Inzwischen gäbe es sogar Ehemänner die ihre Frauen für Interviews zum Sender brächten, sagte Shaiq. „Man sieht nicht immer die Hartnäckigkeit der Frauen, aber sie ist da, und sie ist mächtig“, sagte Koelbl, „aber nur dort, wo sie ihre Familien und ihre Männer lassen.“ Heute gäbe es Twitter und Skype, der Fortschritt sei auch in Afghanistan angekommen, urteilte die Reporterin, egal was passiere die Entwicklung der Frauen sei nicht aufzuhalten, denn sie könnten sich inzwischen allein organisieren.

Dunkel und schwarz

Und so war Shalla Shaig, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten muss, am Ende hoffnungsvoller als ihre deutsche Kollegin. „Ich bin optimistisch“, sagte sie, „die neue Regierung hat zwar unlösbare Probleme zu bewältigen, aber nichts kann so schlimm werden wie die Herrschaft der Taliban.“ Denn die sei nur dunkel und schwarz.

'>Viel mehr als nur Gleichstellung Jede Menge Vorurteile gibt's über den Feminismus. Antje Schrupp erklärt: Wieso Gleichstellung das falsche Ziel ist und wieso es auch als Feministin okay ist, die Kinder zu hüten.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken von italienischen Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischen Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken italienischer Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischer Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus dem gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

FEMINISMUS & GESELLSCHAFT

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz sprachen Frauen aus Afghanistan oder der Türkei, die aufgrund ihres Geschlechts massive Problemen haben. Hier in Deutschland haben wir diese Probleme doch längst nicht mehr. Eigentlich brauchen wir keinen Feminismus mehr, oder?

Diese Frauen haben nicht Probleme, weil sie Frauen sind, sondern weil Frauen und Männer anders bewertet werden und weil es für normaler und besser gehalten wird, ein Mann zu sein. Ob das hier in Deutschland keine Rolle mehr spielt, weiß ich nicht. Es gibt sicher Kontexte, in denen es weniger eine Rolle spielt als in der Türkei oder Afghanistan. Aber in bestimmten Kontexten sind die Zahlenverhältnisse sehr eindeutig: Der prozentuale Anteil von Frauen und Männern ist in verschiedenen Bereichen in der Gesellschaft sehr ungleich, und das ist ja kein Zufall.

Sie zitieren gern Lisa Muraro: Wir wollten die Welt verändern, aber sie haben uns die Gleichstellung angeboten. Reicht Ihnen Gleichstellung nicht?

Nein, das reicht mir gar nicht. Denn die Idee der Gleichstellung betrifft ja immer die Gleichstellung der Frau mit den Männern. Und dadurch ist so ein Bild entstanden: Das, was die Männer in der Welt machen ist super, das einzige Problem besteht darin, dass wir Frauen das nicht auch dürfen. Das sehe ich aber nicht so. Ich will nicht frei sein unter der Bedingung, dass ich Männer imitieren muss. Und deswegen reicht mir Gleichstellung nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Feminismus und Gender?

Feminismus ist eine politische Bewegung. Gender ist einfach das Wort für Geschlechterrollen. Gendermainstreaming als eine Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei alle politischen Entscheidungen mitzudenken, ist sicher sinnvoll. Aber es ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was Feminismus als politische Bewegung macht. Bei „Gender“ vor allem mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Der Feminismus beschäftigt sich damit, wie Frauen sich die Welt wünschen. Das sind zwei verschiedene Sachen, die beide für sich genommen wichtig sind, aber sich nicht gegenseitig ersetzen können.

FEMINISMUS & ENTWICKLUNG

Was fällt Ihnen zu den Schlagwörtern Feminismus und Entwicklung ein?

Der Feminismus ist historisch bedingt sehr westlich geprägt. Viele Zugänge zu dem Thema sind von den Kämpfen geprägt, die wir Frauen in Europa und den USA hatten. Dabei ging es vorrangig um das Thema Wahlrecht und Gleichstellung. Das sind nicht dieselben Probleme, die Frauen in anderen Regionen haben. Und deswegen kommt der Feminismus vielleicht manchmal ein bisschen paternalistisch daher, mit der Einstellung: Wir westlichen Frauen wissen doch besser, was auch für die Frauen auf der restlichen Welt gut ist. Auch der Feminismus ist nicht frei von rassistischen und kolonialistischen Traditionen. Das müsste stärker reflektiert werden.

Sie sagen, dass der Feminismus nicht frei ist von kolonialistischen Ansichten. Ist es für eine westliche Feministin überhaupt nachvollziehbar, wenn eine Frau gern eine Burka trägt?

Auch wenn mir das nicht einleuchtet – es kommt drauf an, dass wir aus diesen Unterschieden eine fruchtbare Diskussion machen. Ich müsste mich dafür interessieren, welche Argumente sie vorbringt, welche Erfahrungen sie damit hat. Und sie müsste sich dafür interessieren, warum ich das problematisch finde. Aus diesem gegenseitigen Interesse können neue Ideen entstehen. Die Diskurse um Feminismus und westlichen Lebensstil sind sehr miteinander verknüpft. Ich fände es schön, wenn der Feminismus sich von dieser Verbindung frei machen und mehr Bündnisse mit Frauen aus anderen Kulturen suchen würde. Diese Frauen haben viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Wir könnten uns gegenseitig unterstützen.

FEMINISMUS & FÜRSORGE

Sie setzen sich für die Care-Revolution ein – worum geht es da überhaupt?

Vor allem in westlichen Ländern, die schon fortgeschritten, emanzipiert und kapitalisiert sind, ist nicht klar, wer die Fürsorgearbeit übernehmen soll. Wir haben ja keine klassischen Hausfrauen mehr wie früher.

Dass Frauen arbeiten können, ist ja nur möglich, weil Frauen aus anderen Ländern herkommen und für wenig Geld Kinder hüten und die Alten versorgen. Es ist nicht so, dass die Männer diese Arbeiten übernommen haben. Diese ungelöste Frage der Fürsorge ist ein verleugnetes Thema in unserer Gesellschaft und muss dringend gelöst werden. Es wird aber meistens nur oberflächlich unter Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert.

Und jetzt kommt die Care-Revolution. Was sind Ihre Pläne?

Die Care-Revolution ist ein Netzwerk, das sich mit diesem Thema beschäftigt und es auf die politische Agenda heben möchte. Das Neue daran ist, dass wir alle Betroffenen vereinen wollen. In der Kindererziehung zum Beispiel organisieren sich normalerweise diejenigen, die für Erziehungsarbeit bezahlt werden, und die, die es unbezahlt machen, getrennt. Dabei ist das Thema immer dasselbe. Deshalb müssen sich alle, also die Erzieherinnen und die Eltern, an einen gemeinsamen Tisch setzen und überlegen: Was für eine Qualität müsste Fürsorgearbeit eigentlich erfüllen, damit sie gut ist? Wie organisieren wir das? Soll Kindererziehung besser als bezahlte Arbeit, als unbezahlte Arbeit oder als freiwilliges Engagement gemacht werden? Und wenn es unbezahlte Arbeit sein soll: Wie werden dann die Leute, die diese Arbeit tun, materiell abgesichert?

Was wäre Ihre persönliche Lösung für das Problem?

Die Lösung wäre, das Thema der Fürsorgearbeit nicht mehr als reines Randthema zu sehen, sondern als zentrales Thema der Ökonomie. Wenn Sie ein Ökonomielehrbuch aufschlagen, dann steht meistens auf der ersten Seite: Ökonomie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Ab Seite zwei geht es aber nur noch um Bilanzen und Geld. Die unbezahlte Arbeit muss da aber zentral mit berücksichtigt werden. Ein erster Schritt in die Richtung wäre zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde einfach mal Experimente ermöglichen. Damit wären Menschen, die Fürsorgearbeit leisten, materiell abgesichert und wären nicht mehr unbedingt dazu gezwungen, Geld zu verdienen.

In Ländern wie Afghanistan halten Frauen durch Sorgearbeit ihre Familie zusammen, Sorgearbeit ist Tradition und wird nicht „ausgelagert“. Was können wir hier von solchen Frauen lernen?

Auch die Frauenbewegung hat die Arbeit von Frauen im Haushalt lange Zeit gering geschätzt. In meiner Generation wollten wir alles werden – nur nicht so wie unsere Mütter, die Hausfrauen waren. Die Emanzipation fand auch auf dem Rücken von klassischen weiblichen Tätigkeiten statt, von denen sich die Frauen dann selbst distanziert haben. Und das war falsch. Wir hätten sehen müssen, dass diese Arbeiten natürlich sehr wichtig sind. Von Frauen aus anderen Kulturen können wir lernen, dass Hausarbeit und Fürsorgearbeit nicht abgewertet werden dürfen. Sie müssen aufgewertet, raus aus dem Privaten und auf die politische Agenda geholt werden.


How to be a Feminist! Tipps von Antje Schrupp

So glänzt du feministisch korrekt:

  • Achte darauf, was Frauen in deiner Umgebung sagen, und nimm es genau so ernst wie das, was Männer sagen.
  • Nimm die Verschiedenheit von Frauen wahr.
  • Sei aufmerksam für die vielfältige Bedeutung von Geschlecht im Alltag.

Das solltest du lieber lassen:

  • Schreibe anderen Menschen nicht vor, was sie tun oder denken sollen.
  • Glaube nicht, es gebe den „neutralen, geschlechtslosen Menschen“. Geschlechter existieren und das ist auch gut so!
  • Strebe nicht nach dem wahren, allumfassenden Feminismus. Es gibt vielzählige feministische Denkrichtungen.

„Ich trug zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“ Seit rund 15 Jahren berichtet Susanne Koelbl als Journalistin über Afghanistan. Ihr Geschlecht war ihr bei der Arbeit aber nie ein Nachteil – bis auf einige Ausnahmen.

Ein selbstbewusster Blick, der graue Anzug passt perfekt, das Makeup sitzt und auch die blonde Frisur ist makellos. Dennoch ist in Susanne Koelbls Gesicht ein Hauch von Müdigkeit und Überanstrengung zu sehen. Kein Wunder, die erfahrene Journalistin hat eine lange Reise hinter sich: Sie kommt geradewegs aus dem fernen Afghanistan, um den Interessierten der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig Rede und Antwort stehen zu können. Gerade noch rechtzeitig hat sie es zu ihrem Panel geschafft. Jedoch muss sich Koelbl mehrmals aufgrund eines Hustenanfalls kurz vom Publikum entschuldigen: Anzeichen einer anrollenden Erkältung.

Afghanistan: ein zerrissenes Land                     

Doch was hatte Koelbl in Afghanistan zu suchen? Das Land befindet sich seit rund 40 Jahren im Bürgerkrieg und gilt aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse vor allem für Frauen als heißes Pflaster. Ganz einfach: Koelbl ist Auslandsreporterin für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 1991 berichtet sie aus den verschiedensten Krisenregionen der Welt, darunter auch Afghanistan.

„Das Land nötigt einem ein gewisses Wachstum ab“, sagt Koelbl. „Das ist natürlich eine sehr fremde Welt gewesen und ich bin da hinein gewachsen – das ist ein sehr interessantes Land“.

Trotzdem bewertet Koelbl die Lage in Afghanistan negativ: „Das Land ist in keinem guten Zustand“, berichtet sie. „Die Armee ist zu schwach, um es zu kontrollieren“. Afghanistan hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel erlebt: Erst die Besatzung durch die Sowjetunion in den siebziger Jahren, dann die Herrschaft der Mudschahedin sowie Taliban und schließlich die Intervention westlichen Mächte zur Bekämpfung der Unterdrückung. Letzteres hat aber wenig Erfolg gezeigt, nicht zuletzt wegen der vielen, rivalisierenden Ethnien im Land sowie Korruption in Politik und Gesellschaft.

Politik ist wichtiger als Religion

Die kritische Situation im Land und den wiedererstarkenden Einfluss der Taliban hat auch Koelbl zu spüren bekommen. Auf ihrem Weg zurück nach Deutschland war sie gezwungen, eine gefährliche achtstündige Autofahrt von der Provinz Kunduz in die Hauptstadt Kabul zu unternehmen. Die Provinzhauptstadt wurde erst vor kurzem vorübergehend von den Taliban eingenommen: „Aus Sicherheitsgründen trug ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“, sagt sie.

Es gab noch eine andere Situation, in dem ihr Geschlecht ein Nachteil war – nämlich als sie ein Interview mit Abdul Rasul Sayyaf, einem afghanischen Politiker und Salafisten, führen wollte. „Er hat enge Beziehungen zu den Fundamentalisten in Saudi Arabien und hat mich viele Jahre nicht empfangen,  angeblich weil er keine weiblichen Journalisten als Gesprächspartner akzeptiert“, sagt Koelbl. Sayyafs Meinung änderte sich jedoch schlagartig, als er bei dem letzten Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat antrat. „Sie sehen also, diese religiösen Überzeugungen werden gelegentlich auch einmal umgebogen, wenn es nützlich ist“.

Ansonsten hat Koelbl an sich keine großen Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts gespürt: „Ich fühle mich mehr benachteiligt, weil ich keine Amerikanerin bin, bei den US-Top Shots, aber ich fühlte mich nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin“.

Viel gelernt in Afghanistan

Das Land hat viel von Koelbl gefordert, aber auch einiges zurückgegeben. „Afghanistan hat mich gezwungen, den Kontext besser zu verstehen“, erzählt sie. Die vielen und involvierten Länder, so wie Pakistan, USA, Russland und China haben von ihr abverlangt, sich weiter mit der Materie auseinanderzusetzen. Dazu war sie unter anderem nach Saudi Arabien gereist, hat neun Monate an der Universität von Michigan über die Konflikte im Nahen Osten geforscht und auch einige Zeit in China gewohnt, um ein sich Bild der dortigen Interessen zu verschaffen.

Nicht alles ist schwarz

Trotz des Krieges und der Korruption hat Afghanistan aber auch seine guten Seiten. Koelbl berichtet von der Treue und Freundlichkeit der Menschen, „die mich tief berühren“. So erzählt die Reporterin, wie sie zuletzt im November im Land noch zwei Weihnachtsgeschenke gekauft hat und ein Schmuckstück erwerben wollte. Dazu brachte sie dem Juwelier ein Beispiel: Einen gefassten Stein, den sie dann aber auf dessen Verkaufstresen vergaß. Zu ihrem Glück kam der Mann Koelbl aber hinterhergelaufen, als sie noch einmal an seinem Stand vorbeikam. Er brachte den vergessenen Gegenstand zurück. Und das, obwohl die Journalistin schon lange fort war.

Afghanistan im Aufbruch? Das Land aus den Augen einer deutschen Journalistin Die Chance auf Veränderung wird in Afghanistan ausgebremst durch Gewalt und Terror. Spiegel-Korrespondentin Susanne Koelbl kennt die Zerrissenheit des Landes.

Susanne Koelbl, Auslandsreporterin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, spricht aus ihrer Erfahrung von Einsätzen in Kriegs- und Krisenregionen in Afghanistan.

Afghanistan ist wie ein Kaleidoskop, Mosaikteilchen, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Ein Land, schillernd und zerrissen zugleich. Wo verschiedene Ethnien koexistieren, wo immer wieder von neuem Gewalt ausbricht, ist es schwierig, Stabilität zu schaffen.

Trotzdem hat sich viel getan in den letzten 15 Jahren, seit Susanne Koelbl für den Spiegel vor Ort ist. Die Digitalisierung findet auch hier statt und eröffnet neue Möglichkeiten. „Afghanistan ist nicht mehr isoliert“, sagt Koelbl, „früher haben die Leute keine Chance gehabt, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen“. Auch die internationalen Bemühungen zeigen Wirkung, Institutionen konnten entstehen, Medienhäuser wurden gegründet, Krankenhäuser errichtet.

Gleichzeitig wird es wieder gefährlicher im Land. „Es gibt Fortschritte und Rückschritte gleichzeitig, das läuft parallel“, meint Koelbl. Das Hauptproblem sei die herrschende Ungerechtigkeit. Die Afghanen erlebten ihre Regierung als korrupt und die Taliban als gewalttätig.

 

Das Patriarchat gefährdet die Stärke der Frauen

Dem Land fehlt es an Sicherheit. Das bedroht insbesondere die Frauen, deren Stimme vom Patriarchat erstickt wird. „Sie sind fast unsichtbar in der Gesellschaft“, bedauert Koelbl. Frauen können sich nur mit Unterstützung der Männer verwirklichen. Diese Abhängigkeit kann für sie gefährlich werden. So wie am 28. September 2015, als das Feuer der Taliban die Stadt Kundus erreichte.

In Kundus gibt es ein Frauenhaus für Opfer von Gewalt, unterstützt von der NGO Women for Afghan Women. Für die konservativen Kreise ist ein solches Projekt die Spitze der Provokation, erklärt Koelbl. Als die Taliban vorübergehend die Stadt eroberten, sei ein Angriff vorprogrammiert gewesen. Doch niemand der Sicherheitskräfte brachte die Bewohnerinnen in Sicherheit. Als die Leiterin des Frauenhauses wegen der immer lauter werdenden Schüsse und den Explosionen von Mörser-Granaten nachts die Polizei anrief, erfuhr sie, dass weder die Polizisten noch die Armee in der Stadt waren. „Sie waren einfach geflohen, ohne die Stadt zu verteidigen“, erinnert sich Koelbl. Die Leiterin des Frauenhauses flüchtete daraufhin selbst unter großem Risiko mit ihren Schützlingen in einem Mini-Van aus der Stadt. Alle überlebten. „Es gibt sehr starke Frauen dort“, sagt Koelbl, doch „sie können nie wissen, wie lange ihre Unterstützung durch Väter, Onkel, Brüder anhält“.

 

Die junge Elite flieht vor der Korruption

Wegen der schlechten Sicherheitslage verlässt die junge Elite inzwischen wieder das Land. Sie wollen aufbrechen zu neuen Ufern und zahlen dafür bis zu 18.000 Dollar. „Schlepper gibt es dort wie Sand am Meer“, beobachtet Koelbl. Viele der gut ausgebildeten Frauen und Männer sehen keine ökonomische Perspektive, aber auch wer das System reformieren will, gerät schnell unter Druck. Journalistin Koelbl berichtet von einem jungen Mann, der aufgrund eines kritischen Artikels über die Selbstgerechtigkeit von Moslems, vor das lokale Ulema Council vorgeladen wurde, ein Scharia-Gericht. „Argumentiert wird mit dem Islam, aber gemeint ist eigentlich das patriarchalische Machtgefüge, da kommen sie nicht dagegen an“, fasst Koelbl die Lage zusammen, „Religion wird benutzt, um die eigenen Machtinteressen durchzusetzen“. Afghanistan verliert damit die Menschen, die das Land stabilisieren könnten und den Modernisierungstrend fortführen.

 

Leben mit dem Terror 

Koelbls Ausführungen machen deutlich, dass die Menschen in Afghanistan mit der ständigen Bedrohung leben. Trotzdem ist die Stereotypisierung von „Regierung gut, Taliban böse“ zu kurz gedacht: „Es geht um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit wird auch von der Regierung nicht hergestellt“, erklärt Koelbl, „deswegen wechseln viele Leute die Seite, nicht weil sie fundamentalistisch sind, sondern weil sie enttäuscht sind“.

Das Verbrämen mit religiösem Gedankengut mischt sich mit in die Gerechtigkeitsfrage, meint Koelbl: „Die islamistischen Gruppen haben ein anderes politisches Ziel, die wollen eine andere Regierung und mit ihr eine andere Lebensform durchsetzen.“ Diese an der Religion orientierte Lebensform unterstütze den Machtanspruch der Islamisten, als Gegenpol zu einer dem Westen zugewandten Gesellschaft. In der Folge wächst die Gewalt, so Koelbl: „Es ist Krieg, und jeder kämpft mit anderen Mitteln.“

Und was bedeutet das für uns Europäer? Auch wir hätten uns, meint die Journalistin, inzwischen gedanklich an die Existenz von Selbstmordattentätern gewöhnt. Jetzt rückt der Terror näher, erst London, dann Madrid, jetzt Paris. „Terror wird uns die nächsten Jahre begleiten“, sagt Susanne Koelbl, „das heißt aber nicht, dass er übernehmen wird, ich bin optimistisch, dass unsere Staaten stark sind.“ Diese Stärke ist es, die Europa von Afghanistan unterscheidet. Das Kaleidoskop braucht Zeit, um zu einem festen Mosaik werden zu können.

 

Foto: Christiane Fritsch

Stereotype und Schicksalssinfonien Khadija El Alaoui führt ein Leben gegen Vorurteile. Nach Jahren in Marokko, Deutschland und Nordamerika brachte ihre Forschung sie und ihre Tochter nach Saudi-Arabien. Unterdrückt fühlt sie sich nirgendwo.

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Eine Familie am Strand von al-Chubar – Saudi Arabien (Foto: marviikad unter CC BY-SA 3.0)

Wäre Beethoven nicht gewesen, Khadija El Alaoui hätte Marokko vielleicht nie verlassen. Das Studium in Deutschland wäre ein Traum geblieben, die Karriere als Wissenschaftlerin in den USA und Kanada hätte sie nicht eingeschlagen. Möglicherweise hätte sie sich auch nicht für ihr heutiges Leben in Saudi-Arabien entschieden – ein Land, von dem es heißt, Frauen würden unterdrückt werden. Doch El Alaoui kennt Beethoven sehr gut. Immer wenn sie nervös war oder skeptisch, lauschte sie seiner „Schicksalssinfonie“. „Alle Schwierigkeiten schienen lösbar“, sagt sie in arabisch eingefärbten Englisch. „Ich habe zugehört und gewusst, dass ich bereit bin weiterzuziehen.“ Immer mit dem Ziel, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Zwischen al-Chubar und München liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten

El Alaouis Gesicht ist verpixelt. Das Orange ihres Kopftuches sticht hervor, beißt sich mit dem blauen Pullover. Die Skype-Verbindung zwischen München und al-Chubar in Saudi-Arabien, wo die 45 Jahre alte Frau heute lebt, ist schlecht. Dazwischen liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten. Erst als sie die Kamera deaktiviert, wird der Ton besser. El Alaoui kann ungestört erzählen – von klassischer Musik und von ihrem Lebensweg. Er hat sie vor zwei Jahren zu einer Lehrstelle an die Prince Mohammad bin Fahd University geführt, wo sie die Geschichte der US-arabischen Beziehungen erforscht, und in das kleine Haus, in dessen Esszimmer sie sitzt.

Ihren Alltag in der 160.000-Einwohnerstadt al-Chubar widmet El Alaloui den Frauen: In ihrem Drei-Zimmer-Häuschen lebt sie mit ihrer 14 Jahre alten Tochter, an der Universität unterrichtet sie ausschließlich Studentinnen. Dass sie die Seminare getrennt von ihren männlichen Kommilitonen besuchen müssen, kritisiert die Geschichtsdozentin nicht. Vielmehr stört es sie, wie die jungen Frauen im Ausland wahrgenommen werden. „Die Menschen erwarten schüchterne Mädchen, die sich nicht artikulieren können“, sagt El Alaoui. Dieses Bild sei falsch.

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. "Ich reise mehr mit meinen Augen", sagt sie. (Foto: privat)

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. „Ich reise mehr mit meinen Augen“, sagt sie (Foto: privat)

Um es zu widerlegen, erzählt sie von einem gesellschaftskritischen Referat dreier Studentinnen über die Sucht nach Smartphones als Form moderner Sklaverei. Mit ihrem Lehrauftrag möchte El Alaoui vor allem eines erreichen: „Das vielleicht Wichtigste für mich ist es, meinen Studentinnen neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen und ihr kritisches Denken zu fördern.“

Eine einzige Geschichte über andere

Den Anspruch an Offenheit stellt El Alaoui auch an sich. Durch ihre Reisen versucht sie, ihm gerecht zu werden. Als sie eines Tages die Antwort auf die längst vergessene Bewerbung für die Prince Mohammad bin Fahd University bekam, überlegte sie nicht lange. Trotz der Einwände ihrer Freunde. Die europäischen sprachen von Unterdrückung und Kopftüchern, die marokkanischen von Konsumsucht und Oberflächlichkeit. Gerade diese Vorurteile haben sie an der Stelle gereizt. „Ein Stereotyp entsteht, wenn man nur eine einzige Geschichte über die anderen kennt”, sagt el Alaoui. „Ich will mich deswegen mit den Menschen zusammensetzen, um zu begreifen, wie vielfältig ein Land wie Saudi-Arabien ist.”

„Ich weiß, darin bin ich gescheitert“

Mit ihren 45 Jahren kann El Alaoui viele Geschichten erzählen. Einige der schönsten handeln von ihrer Zeit in Dresden, wo sie erst Amerikanistik studierte und später ihre Doktorarbeit verfasste: Sie ging in die Oper und besuchte den Weihnachtsmarkt, sie verliebte sich in den süßen Geruch gebrannter Mandeln und lachte über die Witze ihrer deutschen Freunde. Beim Erinnern wird El Alaouis Stimme sanfter, sie lacht. „Mir fehlen die Geschenke.“ Eine besondere Verbindung zu Deutschland wird ihr bleiben. Ihre Tochter Sara ist dort geboren, bei ihrem Vater verbringt sie jeden Sommer und die Festtage. Als „wundervolle, großzügige“ Menschen beschreibt El Alaoui dessen Familie. 2008 führte sie ihr damaliger Forschungsschwerpunkt „Amerikanische Beziehungen” dennoch weg aus Dresden: an das Vassar College in New York. Für ihre Karriere war das ein wichtiger Schritt, trotzdem fiel ihr die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, niemals leicht: „Als Mutter hatte ich damit zu kämpfen, dass wir so oft umgezogen sind und ich Sara nicht immer ein stabiles Umfeld bieten konnte”, sagt El Alaoui. „Ich weiß, darin bin ich gescheitert.”

„Glücklich sein kann man überall“

Damit Sara mit Gleichaltrigen aufwachsen konnte, lebte die kleine Familie nach der Zeit in den USA bei El Alaouis Bruder, dessen Frau und Kindern in Montreal. Sie blieben zwei Jahre, dann kam die Einladung nach al-Chubar. Auch für ihre Tochter sah El Alaoui eine Chance: die, die Welt in all ihren Facetten zu erfahren. Das Mädchen bleibt in ihren Entscheidungen frei, ein Kopftuch trägt sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht.

In dem Leben, das sich die beiden in den letzten 23 Monaten in Saudi-Arabien aufgebaut haben, fehlt El Alaoui nur weniges. „Ich vermisse die Märkte in Dresden, den wöchentlichen El-beflohmarkt und die vielen Cafés und kleinen Läden, die die Louisenstraße pflastern, in der ichgelebt habe“, sagt sie. „In den Straßen ist so viel Leben. Das erinnert mich an meine Heimat-stadt Casablanca.” Ihr Glück jedoch will sie nicht von ihrer Umgebung abhängig machen. Sich nirgends zu Hause fühlen – das ist es, was die Lehrerin zu erreichen versucht: „Glücklich sein kann man überall, solange man das Gefühl in sich trägt. Ich bin es im Dialog mit anderen.”

Dr. Hamidis Mission Wissenschaftliche Betrachtung einer Heimat

Dr. Hamidi spricht langsam und deutlich. Er wirkt unaufgeregt, geht nicht hin und her, referiert im nüchternen Ton. Hamidi bedeutet sein Thema viel, denn es hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Auf der Bildkorrekturen Konferenz beschreibt Hamidi im Afghanistan-Panel die wissenschaftliche Sicht auf sein Land. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich „Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Leipzig. Ursprünglich sollte seine Biographie eine andere werden. Medizin studieren sollte er, so der Wunsch seiner Eltern, als er sein Abitur in Afghanistan abschloss. Eine rationale Entscheidung. Eine vielversprechende Profession in dem durch Unruhen gezeichnetem Land.

Vom Bürgerkrieg nach Deutschland

Als eines von acht Kindern erlebte Kefa Hamidi seine Jugend in der islamischen Republik. „Heute“, so Hamidi, „habe ich meine Familie hier“. Mit Frau und Kindern lebt er in Leipzig. Geprägt und sozialisiert wurde Hamidi jedoch in einer anderen Kultur, fern ab der deutschen. Mit 18 Jahren musste sich Hamidi dieser Herausforderung stellen. Sein Land und seine afghanische Familie verlassen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges bewegte ihn dazu, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Doch Dr. Hamidi ließ nicht alles in Afghanistan zurück. Der Wunsch, zu studieren und sich weiterzubilden war ein ständiger Begleiter.

Kommunikationswissenschaft, ein Zufall.

Vier Jahre lang musste Hamidi sein Ziel zurückstellen, denn während er in Deutschland auf die Bewilligung seines politischen Asyls wartete, durfte er weder studieren, noch arbeiten. „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die auch alle Flüchtlinge hier machen“, resümiert er. Mit viel Unterstützung und Geduld kam 1996 schließlich die gute Nachricht, das gute Gefühl. Hamidi durfte bleiben und das Flüchtlingsheim verlassen, um endlich zu studieren. Als seine größte Herausforderung sieht er heute jedoch nicht sein Studium. Nein, nicht einmal den Umweg von einem abgebrochenen Jurastudium, über ein Doppelstudium der Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache bis hin zum Abschluss in Kommunikationswissenschaft im Jahr 2006. „Die größte Herausforderung war“, so Hamidi, „sich hier zu integrieren“. Sich zu beweisen und mehr zu leisten als der Durchschnitt. Besser zu sein als die anderen. Ein Streben, das durch den Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft geprägt wurde. Akzeptanz ist für Hamidi nicht gleichbedeutend mit Leistungsorientierung. Es bedeutet für ihn, sich nach 18 Jahren Sozialisation in Afghanistan, in einer neuen Umgebung, einem neuen Sozialisationskontext, zurechtfinden zu können. Das hat er geschafft. „Ich denke auf Deutsch“, sagt er. Das sage wohl alles.

Zwischen Information und Mission

Ganz zurückgelassen hat er seine Heimat aber nie. In der Magisterarbeit greift er seine Wurzeln in einem völlig neuen Kontext auf: Aus der Sicht der Wissenschaft. „Was in Afghanistan um 2005/2006 geschehen ist war ein weltweites Thema. Ein wichtiges Ereignis in der Weltpolitik. Diese Diskussion hat auch mich geprägt“, erklärt er. Jene Veränderungen wurden anschließend auch Schwerpunkt seiner Doktorarbeit. Unter dem Titel „Zwischen Information und Mission“ erforschte Hamidi berufliche Einstellungen und Leistungen von Journalisten in Afghanistan: Sie verstehen sich einerseits als Informationsvermittler, wie deutsche Journalisten auch. Andererseits sind sie geprägt von ihrer Mission etwas Positives zu bewirken, indem sie etwa Missstände thematisieren um zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, statt aus Angst zu schweigen.

Information und Mission: Der Titel seiner Doktorarbeit ist ebenfalls eng verbunden mit Hamidis persönlicher Geschichte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig steht er heute vor einer ähnlichen Zweiteilung. Er will einerseits die rasanten Entwicklungen in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht reflektieren, andererseits die Außensicht auf sein früheres Heimatland korrigieren. „Die Berichterstattung über Afghanistan ist allzu oft schwarz-weiß.“ Es gebe in der Sicht von außen nur Gut und Böse. „Es könnte eine Aufgabe sein, das Facettenreichtum zu erklären“, findet er. Denn das Selbstverständnis der afghanischen Journalisten weicht kaum von dem der europäischen Kollegen ab. Ihr Beitrag zur Demokratie wird dennoch häufig unterschätzt.

Machen müssen sie es selbst“

Hamidi blickt optimistisch auf Afghanistan und seinen Weg zur Demokratisierung nach dem Taliban-Regime: „Ich sehe, dass sich viel in dem Land geändert hat, seit ich es verlassen habe. Trotz aller Probleme glaube ich, dass das Land es schaffen wird.“ Wie auch Dr. Hamidi, muss Afghanistan seinen Weg bestreiten, seine Prüfung bestehen. Unterstützung von außen wie den deutschen Bundeswehr-Einsatz hält er dabei für notwendig. Doch die politische Stabilisierung des Landes kann nicht allein durch fremde Hilfe geschehen. Für Hamidi bleibt eine Voraussetzung unabdingbar: „Machen müssen die Afghanen es selbst.“