Energiewende in Deutschland: Ein Jahrhundertprojekt? Ein Gespräch mit Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy

Sicher, sauber und bezahlbar soll die Energiewende sein. Es scheint, dass Konzerne wie die Siemens AG nicht weniger als mit der Quadratur des Kreises konfrontiert sind. Welche Probleme bestehen und wie können sie überwunden werden? Ein Gespräch mit Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy.
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Energiewende von unten

Bürgerenergiegenossenschaften unterstützen mit regionalen Projekten die Energiewende. Ein Beispiel findet sich in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels.

„Wir brauchen eine Vision für die Energiezukunft. 100 Prozent erneuerbare Energien in 20 Jahren – das wäre doch eine schöne Vorstellung, oder?“ Aus dem Mund von Jens Backert klingt das ganz einfach. Der junge Grünen-Politiker ist Aufsichtsratsvorsitzender der Neue Energie Obermain eG (NEO), einer Bürgerenergiegenossenschaft in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels. Er hat eine klare Vision für die Energiezukunft Deutschlands. Nach dem Motto „Gemeinsam erreichen, was einer allein nicht schaffen kann“ versucht er mit den anderen Genossenschaftsmitgliedern der NEO eG durch regionale Projekte wie Freiflächen-Photovoltaikanlagen zur Energiewende beizutragen.

Vom Arbeitskreis zur Genossenschaft

Aus wöchentlichen Mahnwachen nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima entstand zunächst der Arbeitskreis Bürgerbündnis Erneuerbare Energien im Landkreis Lichtenfels und schließlich im Dezember 2011 die NEO eG. „Als wir uns regelmäßig Montagabend vor dem Rathaus getroffen haben, um für eine bessere Energiepolitik zu demonstrieren, lag die Frage auf der Hand, was wir selbst dazu beitragen können“, erzählt Backert. „Unser Ziel war es, dieses Vorhaben basisdemokratisch zu gestalten, in Form einer Genossenschaft.

Eigener Beitrag zur Energiewende

Seit 2012 wurden durch diese Genossenschaft bereits drei Photovoltaik-Projekte geplant und realisiert: Eine kleinere Aufdachanlage sowie zwei Freiflächenanlagen mit Maximalleistungen von 984 beziehungsweise 1200 kWh. Diese Zahlen stehen für den Jahresverbrauch von etwa 250 beziehungsweise 300 Vier-Personen-Haushalten. Damit folgt die NEO eG dem Vorbild von über 700 weiteren Bürgerenergiegenossenschaften in Deutschland. Für Jens Backert macht es durchaus Sinn, die Energiewende zumindest teilweise in die Hände der Bürger zu legen. „Das Abschalten der Atomkraftwerke hat bis heute noch zu keinem Stromausfall geführt. Das liegt vor allem daran, dass die Bürger auf ihren Dächern und die zahlreichen Bürgerenergiegenossenschaften fleißig erneuerbare Energien zugebaut haben.“

Grundkonzept fehlt

Unterstützt wurde das Bürgerengagement auch durch das alte Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, das Jens Backert für ein Erfolgsmodell hält: „Klare Rahmenbedingungen haben es auch für den ‚kleinen Mann‘ leicht gemacht, Investitionen in diesem Bereich zu tätigen.“ In der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung hingegen fehlt ihm dieses klare Konzept. „Meine Vision von 100 Prozent erneuerbaren Energien in 20 Jahren wäre zwar eine große Herausforderung, aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben. Die Politik müsste einfach endlich einen Weg aufzeigen. Details erwartet niemand, aber ein Grundkonzept schon.“

Energiewende in Deutschland: Chance oder Herausforderung?

Ein  Beitrag von Maleen Bösenberg und Mareike Rath.

„Die Energiewende ist ökologisch zwingend, technisch machbar und ökonomisch vorteilhaft.“ (Bartosch et al.: 2014)

Auch auf politischer Ebene wurden mit dem Energiekonzept 2010 und dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition 2013 Maßnahmen und Leitlinien festgelegt, die eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung gewährleisten sollen.

Noch bleiben nennenswerte und zukunftsträchtige Erfolge jedoch aus. Steckt die Energiewende strukturell und politisch noch in den Kinderschuhen?

Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) bezweifelt das: „Für einen nachhaltigen Klimaschutz müssen mindestens die Ziele des Energiekonzeptes von 2010 erfüllt werden. Allerdings werden die nötigen Maßnahmen, wie zum Beispiel das Erneuerbare-Energien-Gesetz, zurzeit heruntergeschraubt.“ Um aufzuzeigen, welche Maßnahmen nötig sind, um zumindest die Minimalziele des Energiekonzeptes 2010 zu erreichen, entwickelte er das „Szenario 100“. Darin wird unter anderem eine hundertprozentige Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien vorausgesetzt. Daher fordert Nitsch jetzt einen stärkeren Ausbau der Stromproduktion aus Wind, Sonne und Wärme, da ein späterer übermäßiger Ausbau volkswirtschaftlich ineffizient wäre. Dem „Szenario 100“ stellt Nitsch das „Szenario GroKo“ gegenüber, welches die Maßnahmen des Koalitionsvertrags 2013 beinhaltet und die Auswirkungen beschreibt, wenn nur diese umgesetzt werden. Da der Koalitionsvertrag keine neuen Impulse für die Umsetzung der Energiewende liefere, führe er die Trends der letzten Jahre fort und gefährde so den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Ziele des Energiekonzeptes 2010. Trotz der aktuellen Entwicklungen ist Nitsch der Überzeugung: „Die Energiewende kann gelingen, wenn die Rahmenbedingungen geändert und die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.“

Wie sehen diese Rahmenbedingungen aus und welche Bedeutung haben diese für die deutsche Wirtschaft?

Bildquelle: Vortrag Dr. Peter Stuckenberger

Bildquelle: Vortrag Dr. Peter Stuckenberger

„Man muss sich zunächst die Frage stellen, wohin der Markt geht. Die Herausforderung besteht darin, Techniken zu finden, mit der die Energiewende sicher und sauber vonstattengehen kann“, sagt Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy. Um die Energiewende umzusetzen nennt er fünf Herausforderungen, die individueller Lösungen bedürfen: ökonomische Effizienz, Zuverlässigkeit der Versorgung, sinnvolle Ressourcennutzung, Klimaschutz und die Akzeptanz der Bevölkerung. „Letztendlich wird der Preis darüber entscheiden, welchen Weg Deutschland einschlägt. Deshalb ist es wichtig, die Bürger umfassend über die Probleme, aber auch über die Chancen der Energiewende aufzuklären“, sagt Stuckenberger.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Nayla Fawzi sieht vor allem die Medien in der Pflicht, Verständnis in der Bevölkerung hervorzurufen. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Funktion der Medien im politischen Entscheidungsprozess am Beispiel der Energiepolitik infolge der nuklearen Katastrophe in dem japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi 2011. Hierfür befragte sie unter anderem Verantwortliche aus Ministerien und Forschungsinstituten sowie Journalisten nach ihrer Zufriedenheit mit der anschließenden Berichterstattung, die einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kernenergie forderte. Die Befragung ergab einen signifikanten Einfluss der Massenmedien auf den gesamten politischen Prozess. Auf diese Weise konstatiert sie die Annahme, dass Massenmedien sowohl politischer Akteur als auch politisches Instrument sein kann.

Ein Pionier der Energiewende Mit wissenschaftlichen Analysen beweist Joachim Nitsch schon lange: Die Energiewende in Deutschland ist machbar.

Ein Gespräch mit Dr. Joachim Nitsch von Mareike Rath.

Seit vier Jahrzehnten kämpft Dr. Joachim Nitsch für die Energiewende. Bei der Bildkorrekturen-Tagung sprach er über die Herausforderungen einer energieeffizienten Stromversorgung.

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

„Wir sind als junge, stürmische und auch naive Wissenschaftler in die Forschung zu erneuerbaren Energien eingestiegen und haben uns gesagt, `das ist doch der richtige Weg, das müssen doch alle begreifen´. Aber so einfach ist das ja nicht, wie wir alle gelernt haben“, erzählt Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Rund vierzig Jahre später kann Joachim Nitsch auf eine erfolgreiche Forscherlaufbahn zurückblicken, für die er im Jahr 2010 mit dem „Sonderpreis für persönliches Engagement“ von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien EUROSOLAR geehrt wurde.

Eine positive Gesamtbilanz für die Energiewende

Nitschs persönliches Engagement geht weiter: „Ich bin Ruheständler seit neun Jahren, aber das Thema lässt einen natürlich nicht los. Deshalb berate ich unter anderem die Landesregierung von Baden-Württemberg bei energiepolitischen Fragen.“ In seiner aktiven Zeit beim DLR erstellte Nitsch zum Beispiel Analysen, wie eine alternative Energieversorgung von Haushalten gelingen könnte: „Früher wurde behauptet, in erneuerbare Energien müsste man so viel Geld hineinstecken, dass sich der Aufwand finanziell gar nicht lohnt. Wir haben daraufhin Modelle entwickelt, die den ganzen Langzeitlebenszyklus vom Rohstoff bis zur Energiegewinnung untersucht haben und konnten eine positive Gesamtbilanz ziehen. Hätte man damals schon solche Analysen für die Kernenergie gehabt, hätte man sie wahrscheinlich nie etabliert,“ erklärt der Wissenschaftler.

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Objektive Berichterstattung ist Grundvoraussetzung

Auf die jetzige Situation der Energiewende in Deutschland angesprochen, wird Joachim Nitsch nachdenklich: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, aber seit eineinhalb Jahren wachsen meine Sorgen wieder, dass wir uns da verzetteln und dass wir uns eher wieder einen Schritt zurück bewegen, weil die Politik einfach nicht vorausschauend genug handelt.“ Die Schuld sieht er nicht nur bei den Politikern, auch die Medien müssten ihren Teil beitragen: „Die Aufgabe der Medien ist, objektiv zu berichten, aber zurzeit werden nur die Bedenken transportiert. Die Politiker lassen sich zu sehr auf diese negative Berichterstattung ein, anstatt den Bürgern die Notwendigkeit der Energiewende aufzuzeigen, damit unsere Kinder und Enkel auch noch von einer funktionierenden Energieversorgung profitieren. “ Natürlich sieht Joachim Nitsch auch die finanziellen Probleme vieler Bürger: „Der Verbraucher zahlt immer, wir zahlen aber auch, wenn die Energiewende nicht umgesetzt wird. Ich kann mir deshalb gut Finanzierungsmodelle seitens der Banken und Bausparkassen vorstellen, Steuererleichterungen, zinsverbilligte Kredite und dergleichen mehr. Diese Plattitüde, `das zahlt der Verbraucher´ ist für mich nur eine Flucht ins Vage und eine Flucht vor dem Handeln.“

Wissenswertes über Dr. Joachim Nitsch

Dr. Joachim Nitsch (*1940) hat an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und wurde im Jahr 1971 mit einer Arbeit über gekoppelten Wärme- und Stoffaustausch an der RWTH promoviert. Knapp 30 Jahre lang war Nitsch Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am DLR beschäftigte er sich insbesondere mit den erneuerbaren Energien und fertigte Szenarioanalysen und Technikfolgenabschätzungen an. In den letzten Jahren berät Joachim Nitsch unter anderem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und die Landesregierung Baden-Württemberg in Fragen rund um die Energiewende.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht in den fünf Kernbereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit. Der Fokus liegt auf der Erforschung von Erde und Sonnensystem und der Entwicklung von nachhaltigen Technologien zum Schutz der Umwelt.