Schwein gehabt: Wie Pomerode das Biogas entdeckte

Brasilien braucht Energie. Dafür setzt das Land vor allem auf Megastaudämme. Ein strittiges Modell. Eine lokale Alternative dazu bietet eine Stadt im Süden.

Von Tatjana Kulpa und Friederike Zörner

DIE IDEE

Eisbein, Bockwurst und Kassler. Im südbrasilianischen Pomerode besinnt man sich auf deutsche Traditionen. Da darf das fleischreiche Essen in der Gaststätte „WunderWald“ nicht fehlen. Kein Braten ohne Vieh: Die bergige Region um die 30.000-Einwohnerstadt im atlantischen Regenwald ist vor allem für seinen Industriesektor und seine Viehzucht bekannt. Neben einem Schweinebauern mit rund 4000 Sauen haben sich hier deutsche Konzerne wie Bosch und Netzsch angesiedelt. „Wir haben beste Produktionsbedingungen und sehr motivierte Leute, die eine ähnliche Arbeitsmoral wie in Deutschland vorweisen“, sagt Ércio Kriek.

Der 45-jährige Unternehmer gehört zu den gut 60 Prozent der Pomeroder, die Deutsch sprechen können. Wie die Mehrheit hier hat er deutsche Wurzeln. Das ist auf die Siedlungsgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Damals kamen überwiegend Siedler aus Pommern in das Tal des Rio Testo, im brasilianischen Bundesstaat Santa Caterina. Der deutsche Apotheker Hermann Blumenau hatte unweit von hier eine deutsche Kolonie gegründet. Die heutige Stadt Blumenau umfasst gut 300.000 Einwohner und lockt mit dem Oktoberfest jährlich hunderttausende Besucher an. Pomerode spaltete sich 1959 von Blumenau ab.

Schweine als Problem

Diese kulturelle Verbundenheit fördert auch wirtschaftliche Kooperationen. Ércio und seine Firma „Eco Conceitos“ eröffneten im September 2014 die erste Biogas-Anlage in der Region mit Technologie der Archea Unternehmensgruppe aus Hessisch Oldendorf. Betrieben wird diese Pilotanlage mit Schweinegülle und anderen Abfallprodukten. „Der Bundesstaat Santa Caterina ist einer der größten Schweineproduzenten Brasiliens“, erklärt Ércio. Die Gülle werde meistens unverarbeitet auf die Felder gebracht, verseuche den Boden und gelange in Flüsse und Bäche. Zudem setze ihre offene Lagerung klimaschädliche Gase frei. Für ihn war daher die Entwicklung der Biogas-Anlage, die nicht nur die Gülle in unbedenklichen Dünger umwandelt, sondern diese auch energetisch nutzt, eine Herzensangelegenheit. Nachdem er von 2005 bis 2008 Bürgermeister seiner Heimatstadt Pomerode gewesen war, arbeitete er bis 2012 für die örtliche Abwasser- und Müllentsorgungswirtschaft*. Zusammen mit seinen deutschen Geschäftspartnern gründete er 2010  „Eco Conceitos“. Zwei Jahre später begannen sie mit der Planung der Biogas-Pilotanlage.

An dem Bau der Pilotanlage waren unter anderem Eco Conceitos und Archea beteiligt. Foto: BN Umwelt

Rohstoff-Lieferanten für die Biogas-Anlage. Foto: BN Umwelt


Der Gärrest wird in der Kompostieranlage mit Holzspänen angereichert. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte "WunderWald" ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte „WunderWald“ ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt


Pomerode pflegt neben Greifswald auch mit der Stadt Torgelow in Mecklenburg- Vorpommern eine Städtepartnerschaft. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

[*In dieser Zeit begann Ércio auch seine Geschäftsbeziehungen mit der Firma BN Umwelt, deren Geschäftsführer, Frank Zörner, der Vater einer der Autorinnen ist.]

DIE UMSETZUNG

Den erneuerbare Energien-Sektor bestimmen in Brasilien vor allem Wasserkraftwerke. Sie erzeugen 80 Prozent des Stroms. Zwar stehen außerdem Wind- und Solarenergie im Fokus der Regierung, doch können diese meist nicht mit dem preisgünstigen Strom aus Wasserkraft mithalten. Obwohl es bisher noch an stärkerer Unterstützung des Staates fehlt, sei das Marktpotenzial von Biogas groß, so André Aguilar, ortsansässiger Mitarbeiter der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). „Brasilien hat eine große Nachfrage nach Biogas und Strom“, sagt er. „Deutschland spielt eine wichtige Rolle im hiesigen Markt, denn es verfügt über die nötige Technologie und das Know-How.“ Mit seinen rund 8000 Biogas-Anlagen ist Deutschland weltweit ein Vorreiter.

Die DEG hat den Bau der Anlage in Pomerode im Zuge ihres Förderprogrammes „Klimapartnerschaften mit der Wirtschaft“ unterstützt. Ziel sei es, den Privatsektor als zusätzlichen Akteur für den Klimaschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern zu mobilisieren, sagt Yvonne Veth, Mitarbeiterin der DEG in Köln. „Wir evaluieren derzeit weitere Biogasprojekte in Brasilien und hoffen so Biogas als erneuerbare Energiequelle langfristig zu etablieren.“

Die Pilotanlage in Pomerode ist im Vergleich zu deutschen Maßstäben ein Leichtgewicht, doch sie leistet einen kleinen Beitrag dazu, Biogas in Brasilien salonfähig zu machen. Ihrer Inbetriebnahme im September 2014 war eine langwierige Planungsphase vorausgegangen. „Die Genehmigung dauerte anderthalb Jahre, weil die dafür zuständige Behörde bisher keine Erfahrung mit solchen Anlagen hatte“, schildert Ércio Kriek. In der brasilianischen Bevölkerung gebe es zwar noch Vorbehalte gegen Biogas, da die bisher gebauten Anlagen wenig wirtschaftlich arbeiteten. Aber der Wunsch in Pomerode, etwas gegen die Geruchsbelästigung durch die Schweinegülle zu tun, war für Ércio Motivation genug. Mit Hilfe von Archea wurde die Pilotanlage auf einen verhältnismäßig hohen technischen Standard gebracht. Die vorkalkulierten Kosten konnten um zwei Drittel auf 250.000 Euro gesenkt werden, da es sich um eine „tropikalisierte“, also vereinfachte, Bauweise handelt. So wurde die Anlage drei Meter tief in den Boden eingelassen, um weniger Beton zu verwenden – dieser ist in Brasilien sehr teuer. Stattdessen wurde eine spezielle Folie zur Abdichtung der Grube benutzt.

Weiterverwertung von Rohstoffen

„Wir haben außerdem sehr günstige klimatische Bedingungen für Biogas. Die jährliche Durchschnittstemperatur beträgt etwa 17 Grad Celsius“, sagt Ércio. Anders als im kalten Deutschland – mit einem Jahresdurchschnitt von circa neun Grad Celsius – kann die nötige Prozesstemperatur somit ganzjährig kostengünstiger erzeugt werden. Denn damit der stufenweise Nassvergärungsprozess, der aus Gülle und anderen Substraten Methan und Kohlenstoffdioxid erzeugt, möglichst schnell vonstatten geht, operieren Biogas-Anlagen idealerweise mit Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad Celsius. Im sogenannten Fermenter, dem gasdichten Behälter, wird die Biomasse erwärmt und gerührt. Mithilfe von Bakterien bildet sich nach und nach das Biogas. Es wird unter niedrigem Druck in Gasspeichern gelagert. Der übrig gebliebene Gärrest kann anschließend als Dünger verwendet werden. Dazu wird er in Pomerode in eine Kompostieranlage gegeben und mit Holzspänen angereichert.

Bislang befindet sich die Biogas-Anlage noch im Testbetrieb. Ab dem Frühjahr 2015 soll sie 50 Kubikmeter Bioerdgas pro Stunde produzieren. Später soll dann zusätzlich ein Blockheizkraftwerk installiert werden, das zur Nutzung elektrischer und thermischer Energie verwendet wird. Die Stromleistung soll Ércio Kriek zufolge etwa 70 bis 80 Kilowatt betragen, was etwa 1000 Familien jährlich versorgen könnte. Auf einen großen wirtschaftlichen Gewinn kann er nicht hoffen, doch darum gehe es ihm auch nicht. Solange die Baukosten wieder erwirtschaftet werden und die Schweinegülle sinnvoll weiterverwertet werden kann, sei er zufrieden. Das bis dato gewonnene Bioerdgas wird verdichtet in Tanklastwagen zu regionalen Abnehmern transportiert. „Langfristig planen wir, ein Gasnetz um die Anlage herum zu errichten.“

DIE EINORDNUNG

Seit Mitte der 2000er Jahre gab es in Deutschland einen regelrechten Biogas-Boom. Wie Daniela Thrän, Professorin für Bioenergiesysteme an der Universität Leipzig erklärt, sah die Bundesregierung eine Vergütung der Stromproduktion aus Energiepflanzen mit dem sogenannten „Nawaro-Bonus“ vor. Dieser kann von Anlagen, die bis Mitte 2014 in Betrieb gegangen sind, für 20 Jahre in Anspruch genommen werden. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verankerte Regelung beförderte vor allem den Anbau von Energiepflanzen, die mit einer relativ hohen Methanausbeute gut für die Biogas-Erzeugung geeignet sind. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe schätzt, dass deren Anbaufläche 2014 über zwei Millionen Hektar betrug – gut die Hälfte davon werde für Biogas genutzt. Der Anbau von Mais-Monokulturen und anderen Pflanzen in Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln rief in den letzten Jahren vermehrt Kritik hervor. Im Gegensatz dazu verfolgt Ércio Kriek in Pomerode das Ziel, ohne zusätzlich angebaute Pflanzen auszukommen. Seine Anlage setzt als Substrate lediglich Schweinegülle, Abfälle aus Schlachthäusern und der örtlichen Reisfabrik sowie Speisereste aus Restaurants und Supermärkten ein.

Laut dem Wirtschafts- und WissenschaftsZentrum Brasilien – Deutschland (WWZ-BD) mache in Brasilien auf Seiten der erneuerbaren Ressourcen die Energiegewinnung aus Zuckerrohr, Holz und anderer Biomasse einen erheblichen Teil aus. Die Anzahl der Biogasanlagen sei aber noch sehr gering. Bei der Nationalen Agentur für Elektroenergie (ANEEL) seien bislang lediglich elf Anlagen erfasst, die Gas beziehungsweise Elektroenergie produzieren. Dazu kämen noch mehrere Hundert einfacher Anlagen, die in der Regel eine kurze Lebenszeit und einen geringen Wirkungsgrad hätten.

Gülle wird umweltfreundlicher

Daniela Thrän beschreibt dreierlei Vorteile der Nutzung von Schweinegülle für Biogas: Erstens könne Gülle nur zu bestimmten Jahreszeiten aufs Feld, ansonsten werde sie in offenen Güllebecken gelagert und setze in dieser Zeit sehr hohe Methanemissionen frei. „Zum Zweiten ist Gülle, wenn sie in der Biogasanlage war, weniger reaktiv. Das bedeutet auch im Boden ist sie dann pflanzenfreundlicher als frische Gülle.“ Drittens spiele der Geruchsfaktor eine Rolle: Zum einen sei eine Biogasanlage immer geruchsdicht, weil die Biogasbakterien sehr sensibel reagierten. Zum anderen rieche die Gülle nach der Vergärung und dem Entzug von Ammoniak weniger stark.

Mögliche Gefahren seien nach Angaben von Professorin Thrän: Explosionen bei der Reaktion von Methan und Sauerstoff, die Freisetzung von giftigem Schwefelwasserstoff und das Auslaufen von Behältern. Durch Anlagenüberwachung und geeigneten Betrieb sind diese jedoch inzwischen in Deutschland nahezu ausgeschlossen. Auch in Pomerode wirkt man durch ständige Kontrollen gegen diese Risiken. Es wird überprüft, ob Gülle durch undichte Stellen in der Folie ins Erdreich sickert. „Außerdem begegnen wir dem Schwefel-Problem mit deutscher Technologie“, erklärt Ércio. Durch das Hineinblasen von Luft würden aerobe Bakterien angeregt, Schwefel abzubauen. Durch den natürlichen, geringen Sauerstoffanteil in der Luft werde ein Explosionspotenzial vermieden.

Zukunftsaussichten

Ércio ist von seiner Idee überzeugt. Im energiehungrigen Schwellenland Brasilien ist man auf alternative Stromgewinnung angewiesen. Trockenperioden hätten in der Vergangenheit bewiesen, dass auf das Allheilmittel Wasserkraft nicht immer Verlass sein kann. Fossile Brennstoffe rücken daher wieder verstärkt in den Fokus der Regierung. Als Zukunftsvision schwebt Ércio auch eine Lösung für das Abfallproblem in Großstädten vor. „Biogas-Anlagen könnten zum Beispiel in São Paulo mehrere Megawatt Strom pro Stunde durch Abfall produzieren.“

Zunächst müsse sich aber noch zeigen, wie die Pilotanlage in Pomerode im Normalbetrieb arbeite. Danach könne mit dem Bau weiterer Anlagen in der Region begonnen werden. Denn eins ist gewiss: Schweine hinterlassen ihre Spuren in ganz Südbrasilien.

 

 

Per Fahrrad durch Dänemark Dänemark ist der Streber unter den Ländern in der Energiewende. Das Vorzeigemodell des kleinen Nachbarn Deutschlands auf dem Prüfstand – was können wir uns davon abgucken? Ein Spickversuch.

Dass Dänemark Europas kleiner Liebling im Ranking der Energiewende ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Unser Nachbar beeindruckt mit einer staatlich gelenkten Energiewirtschaft: Bereits 1985 hat das dänische Parlament entschieden, keine Atommeiler zu bauen. In den 90er Jahren wurde die Verminderung von Steinkohle-Einsatz, Erhöhung der regenerativen Energien sowie deren Verbesserung per Regierung festgelegt. Doch dieser Ehrgeiz kommt nicht von irgendwo. Neben Umweltschutz und Ressourcenschonung steht vor allem im Fokus, der globalen Erwärmung entgegenzuwirken. Ein möglicher Meeresspiegelanstieg in Folge des Verbrauchs aller fossilen Brennstoffe wäre für Dänemark äußerst fatal.

Natürlich ist die Energiewende ein ganz schöner Brocken. Denn die Schwierigkeit, der sich alle Länder gegenüber gestellt sehen, liegt darin, drei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Doch wie setzt man dies um?

Eine Bestandsaufnahme: Dänemark arbeitet von oben, die Regierung schafft das Fundament und alle machen mit. Ohne viel Widerspruch. Trotz der hohen Strompreise für Haushaltskunden findet der Weg zur Energiewende hohen gesellschaftlichen Konsens. Neben den energiepolitischen Zielen für 2020, die Deutschland ebenso für sich festgelegt hat, wurde bereits 2012 in Dänemark verboten, Gas- und Ölheizungen in neuen Häusern zu installieren. Das Bauen neuer Kohlekraftwerke ist auch tabu. Dänemark drückt an der richtigen Stelle: der Steuerpolitik. Die Dänen zahlen mit rund 3,81 Cent/Kilowattstunde für die Nutzung fossiler Energieträger siebenmal mehr als die Deutschen. Während Deutschland steuerpolitisch vor solchem Ausmaß noch zurückschreckt, schafft Dänemark damit einen wirkungsvollen Anreiz für die erneuerbare Wärmeversorgung.

Der Anreiz, das darf man nicht vergessen, wird durch Dänemarks geographisch günstige Bedingungen für Erneuerbare Energien bekräftigt. Ein Drittel der gesamten Stromerzeugung stammt aus der Windenergie. Wasserkraft, Biomasse und Geothermie machen weiteree 20 Prozent aus. Ganz kann sich Dänemark der Nutzung „schmutziger“ Energieträger nicht entziehen, immerhin beträgt der fossile Anteil noch 50 Prozent, denn auf Kernenergie wird komplett verzichtet. Und die Dänen brauchen viel Energie für Licht, schließlich regnet es etwa 150 Tage im Jahr.

Auch die deutsche Politik hat sich sehr ehrgeizige Ziele gesetzt. Die Umstellung auf ein klimafreundliches Energiesystem soll erreicht werden, indem Treibhausgase drastisch reduziert werden, während gleichzeitig auf Kernkraft verzichtet wird. Deutschland macht sich’s also doppelt schwer und schneidet im internationalen Vergleich leider auch noch schlechter ab: Deutschlands energiepolitische Strategie führt zu den geringsten Fortschritten. Momentan zeichnet sich die deutsche Energiewende durch überdurchschnittliche Kosten zu unterdurchschnittlichen Ergebnissen aus. Die hiesigen Energieressourcen sowie geographische Bedingungen erschweren die ehrgeizigen Ziele. Die hohen Kosten verärgern die deutsche Bevölkerung. Handlungsbedarf besteht also vor allem in der Politik. Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, stellte Anfang Dezember 2014 seinen Plan zu den Klimazielen vor. Nun wird steuerpolitisch nachgeholfen: Neben der massiven Steigerung der Energieeffizienz sollen privaten Verbrauchern steuerliche Anreize zur energetischen Gebäudesanierung geschaffen werden. Das bedeutet für die Klimabilanz eine Diät um 25 Millionen Tonnen CO².

Das Abnehmen würde aber laut Regierung schon im Kleinen anfangen: Fahrrad fahren, statt das Auto zu nutzen. Dänemarks Königsfamilie an der Kreuzung zum Schloss Amalienborg zu treffen ist in Kopenhagen keine Kuriosität. Sigmar Gabriel hingegen lässt sich dienstlich gern in einem Audi A8L 3.0 TDi quattro durch Berlin chauffieren, der mit 171 Gramm CO² pro Kilometer nicht einmal in der EU-Obergrenze zum CO² Ausstoß liegt.

Energiewende von unten

Bürgerenergiegenossenschaften unterstützen mit regionalen Projekten die Energiewende. Ein Beispiel findet sich in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels.

„Wir brauchen eine Vision für die Energiezukunft. 100 Prozent erneuerbare Energien in 20 Jahren – das wäre doch eine schöne Vorstellung, oder?“ Aus dem Mund von Jens Backert klingt das ganz einfach. Der junge Grünen-Politiker ist Aufsichtsratsvorsitzender der Neue Energie Obermain eG (NEO), einer Bürgerenergiegenossenschaft in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels. Er hat eine klare Vision für die Energiezukunft Deutschlands. Nach dem Motto „Gemeinsam erreichen, was einer allein nicht schaffen kann“ versucht er mit den anderen Genossenschaftsmitgliedern der NEO eG durch regionale Projekte wie Freiflächen-Photovoltaikanlagen zur Energiewende beizutragen.

Vom Arbeitskreis zur Genossenschaft

Aus wöchentlichen Mahnwachen nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima entstand zunächst der Arbeitskreis Bürgerbündnis Erneuerbare Energien im Landkreis Lichtenfels und schließlich im Dezember 2011 die NEO eG. „Als wir uns regelmäßig Montagabend vor dem Rathaus getroffen haben, um für eine bessere Energiepolitik zu demonstrieren, lag die Frage auf der Hand, was wir selbst dazu beitragen können“, erzählt Backert. „Unser Ziel war es, dieses Vorhaben basisdemokratisch zu gestalten, in Form einer Genossenschaft.

Eigener Beitrag zur Energiewende

Seit 2012 wurden durch diese Genossenschaft bereits drei Photovoltaik-Projekte geplant und realisiert: Eine kleinere Aufdachanlage sowie zwei Freiflächenanlagen mit Maximalleistungen von 984 beziehungsweise 1200 kWh. Diese Zahlen stehen für den Jahresverbrauch von etwa 250 beziehungsweise 300 Vier-Personen-Haushalten. Damit folgt die NEO eG dem Vorbild von über 700 weiteren Bürgerenergiegenossenschaften in Deutschland. Für Jens Backert macht es durchaus Sinn, die Energiewende zumindest teilweise in die Hände der Bürger zu legen. „Das Abschalten der Atomkraftwerke hat bis heute noch zu keinem Stromausfall geführt. Das liegt vor allem daran, dass die Bürger auf ihren Dächern und die zahlreichen Bürgerenergiegenossenschaften fleißig erneuerbare Energien zugebaut haben.“

Grundkonzept fehlt

Unterstützt wurde das Bürgerengagement auch durch das alte Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, das Jens Backert für ein Erfolgsmodell hält: „Klare Rahmenbedingungen haben es auch für den ‚kleinen Mann‘ leicht gemacht, Investitionen in diesem Bereich zu tätigen.“ In der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung hingegen fehlt ihm dieses klare Konzept. „Meine Vision von 100 Prozent erneuerbaren Energien in 20 Jahren wäre zwar eine große Herausforderung, aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben. Die Politik müsste einfach endlich einen Weg aufzeigen. Details erwartet niemand, aber ein Grundkonzept schon.“