Digitalisierung ohne Nebenwirkungen? Estland ist Europas digitaler Musterschüler. Doch sind die Esten selbst so weit wie die Politik und Infrastruktur ihres Landes? Ihr Beispiel zeigt, wie ein komplett vernetzter Alltag eine Gesellschaft verändern kann.

Man stelle sich vor: Wer seine Steuererklärung machen will, erledigt das mit ein paar Klicks online. Für ein Rezept vom Hausarzt kann der PC gleich an bleiben. Und das achtjährige Kind schreibt als Hausaufgabe nebenan seine ersten HTML-Codes. Was in Deutschland nach Zeitreise klingt, ist nur eine Flugreise entfernt: Willkommen in Estland.

Der kleine baltische Staat rühmt sich als eines der am besten vernetzten und am weitesten digitalisierten Länder der Welt. Nicht ohne Grund: 99 Prozent der Bankgeschäfte werden hier online abgewickelt, 95 Prozent der Medikamente online verschrieben, die Steuererklärung wird in ein paar Jahren nur noch online möglich sein und Kinder programmieren im Pflichtfach Informatik bereits an der Grundschule. 88,4 Prozent der estnischen Bevölkerung nutzten 2015 das Internet.

Das Internet ist in Estland ein grundlegendes Menschenrecht, eine Selbstverständlichkeit.

Was macht das mit einer Gesellschaft? Sind die Esten schon so weit wie die Digitalisierung ihres Landes? Und wenn ja, was haben sie den Bewohnern anderer Länder – auch uns in Deutschland – voraus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Andra Siibak. „Die Digitalisierung in Estland war ein langer Prozess, sie ist nicht über Nacht passiert“, sagt die Professorin für Media Studies von der University of Tartu.

Siibak erforscht die Internet- und Social-Media-Nutzung sowie die Privatsphäre im Netz. Auch psychologische Aspekte fließen in ihre Untersuchungen ein, beispielsweise, wenn es um Selbstdarstellung in den sozialen Medien, die Online-Nutzung von Jugendlichen oder die Touchscreen-Nutzung von Kleinkindern geht.

Auch Estland durchzieht ein digitaler Graben

„Die Esten sind sehr stolz auf das Image ihres e-Estonias. Wo auch immer sie hingehen, betonen sie, dass sie aus e-Estonia kommen“, erzählt die estnische Wissenschaftlerin. Die Gründe sind vielseitig: Das fortschrittliche estnische System reduziert die Bürokratie, indem es Prozesse effizienter, körperliche Anwesenheit überflüssig und Verfügbarkeiten schrankenlos macht. Es erleichtert die Kommunikation innerhalb der Gesellschaft.

Doch als Wissenschaftlerin, die sich mit den Auswirkungen der Internetnutzung auseinandersetzt, weiß Siibak, dass es auch noch Probleme mit der Digitalisierung in Estland gibt: „Es existiert ein digitaler Graben.“ In ländlichen Gebieten seien viele Postämter und Banken inzwischen geschlossen, weil sie sich nicht mehr rentierten. Besonders für die älteren Generationen habe dies vieles eher verkompliziert als vereinfacht. „Deshalb stehen viele ältere Esten der Digitalisierung kritisch gegenüber“, so die Professorin.

Aber auch der Alltag der jungen Esten – 100 Prozent der 16- bis 24-Jährigen und 99 Prozent der 25- bis 34-Jährigen nutzen das Internet – hat sich verändert. Viele fühlen sich verbundener mit ihrem sozialen Umfeld und bringen sich stärker in die Gesellschaft ein.

„Die Leute haben das Gefühl, mehr Möglichkeiten zu haben, ihre Meinung zu sagen. Das tun sie beispielsweise durch Plattformen, über die sie der Regierung Vorschläge machen können. Die, die diese Möglichkeit zur Kritik tatsächlich nutzen, sind jedoch die laute Minderheit. Die Mehrheit schweigt, wenn innerhalb der Gesellschaft etwas passiert.“

Anders sieht das in den sozialen Medien aus, in denen sich nur gut die Hälfte der estnischen Internetnutzer aufhält. Viele sehen dort die letzte Möglichkeit, sich frei zu äußern. Einige missbrauchen diese Freiheit aber auch. „Das Problem mit Hasskommentaren ist überall das gleiche – auch in Estland“, sagt Siibak. „Anfang 2016 hat die Nachrichtenseite Postimees.ee ihre Kommentarfunktion umgestellt. Um kommentieren zu können, muss man sich jetzt mit seinem vollen Namen registrieren. Seitdem sind die Kommentare nicht mehr so aggressiv.“ Aber sie sind auch seltener geworden.

Viel PR, wenig Kritik

Für die Wissenschaftlerin ist hier Digital Literacy, zu deutsch “Digitalkompetenz”, ein Schlüsselbegriff. „Ohne digitale Kenntnisse und Fähigkeiten kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr leben“, so Siibak, „sie sind so wichtig geworden wie lesen und schreiben zu können.“

Dabei gehe es nicht nur darum zu wissen, welchen Knopf man drücken müsse oder wie man die Maus benutze. Vielmehr stünden bei Digital Literacy Aspekte wie kritisch-analytische Fähigkeiten, das Bewusstsein für das Publikum im Netz und das Erstellen eigener Inhalte im Mittelpunkt.

Siibak plädiert für einen reflektierten, kritischen Umgang – auch mit der Digitalisierung im eigenen Land:

„Es gab so viel PR, die uns sagte, wie gut Estland in Sachen digitaler Fortschritt ist, dass wir uns heute kaum mit den Problemen und Gefahren beschäftigen. Wir müssen ein Auge auf mögliche negative Szenarien haben – etwa dass tonnenweise private Daten im Netz landen und der Staat uns als ‚Big Brother‘ beobachtet oder dass all diese Daten gehackt werden könnten.“

Doch gerade was Datenschutz und Privatsphäre betreffe, seien die Esten äußert sorglos. Dafür findet die Forscherin unter anderem folgende Erklärung:

„Wir haben wegen unserer sowjetischen Vergangenheit einen anderen Bezug zu Privatsphäre. Besonders junge Esten haben das Gefühl, nichts zu verstecken zu haben, solange sie nichts verbrochen haben – weder vor dem Arbeitgeber noch vor dem Staat noch vor sonst wem.“

Und so wird in Estland die digitale Entwicklung weiter vorangetrieben und im Ausland weiter skeptisch beäugt. Denn trotz allem kämpft das Land mit den gleichen Nebenwirkungen der Digitalisierung wie auch wir hierzulande: Hasskommentare, Generation Gap und Datenschutz sind nur einige Schlagworte. Überzeugende Lösungen sind in Estland wie hierzulande Mangelware. Was die Esten uns dagegen voraushaben, ist Vertrauen – und digitalen Optimismus.