30 Jahre Reisejournalismus: Rückblick, Standortbestimmung, Ausblick

Vor dreißig Jahren ist bei mir eine Situation entstanden, über die ich bis heute staune: Ich suche keine Themen – sie finden mich. Und mit den richtigen Tricks führt ein Thema zum nächsten.

Gastbeitrag von Klaus Betz

Klaus Betz

Klaus Betz

Und – worüber ich am meisten staune, diese Themen sind in den meisten Fällen aus einer endlos miteinander verwobenen Beziehung entstanden.

Stellen Sie sich vor – es war 2008 -: Wir befinden uns im Norden der Philippinen, in der Provinz Pangasinan. Das ist die Reisschüssel der Philippinen.
Wir sind mit dem Überlandbus nach Manila unterwegs, acht Stunden dauert die Fahrt. Nach vier Stunden gibt es die erste Pause. Und ich bin, wie häufig, alleine unterwegs.
Ich nehme also meinen Rucksack und meine Ausrüstungstasche aus dem Bus mit nach draußen und höre plötzlich so von hinten links die Frage: Sag mal, misstraust Du uns Philippinern? Glaubst Du wir wollen Dich beklauen?
Der Typ der mich das fragt, Mitte/Ende Dreißig, Bürstenhaarschnitt, T-Shirt, Camouflage-Hose – wäre er nicht eindeutig ein Philippiner -, sieht aus wie ein amerikanischer GI.

Wie geht man mit einer solchen Situation um?

Nur mit Ehrlichkeit natürlich. Ich erkläre dem Fragenden, dass ich an einer Reportage über die Reiskrise auf den Philippinen arbeite und nur dann in Deutschland berichten kann, wenn ich das ganze Aufnahmematerial mit nach Hause bringen kann. Ich erkläre ihm, dass nicht die Ausrüstung wichtig ist, sondern die Inhalte, die in dieser Ausrüstung stecken.

Müllsammeln auf dem Everest

Nachdem sich mein „GI“ alles angehört hat, stellt sich heraus: Er ist Militärpfarrer und er bietet mir an, mich einem anderen katholischen Priester vorzustellen. Dieser Priester lebt und arbeitet bei den Ärmsten der Armen in Santa Anna, einem der schlimmsten Slums von Manila, in den man sonst kaum rein kommt. Dadurch erst bin ich eigentlich zum „I-Tüpfelchen“ gekommen, zum bestmöglichen Einstieg in das Thema „Reiskrise“.

Wie aber kommt man nun dazu, eine Reportage über die Reiskrise auf den Philippinen zu machen?
Weil die Redaktionen mit denen ich zusammen arbeite, meine Bandbreite kennen. Das reicht von der Eisbrecher-Reportage über eine Tauchfahrt im Genfer See bis zu Themen wie Gentechnik in Entwicklungsländern, Müllsammeln auf dem Everest-Treck, der Privatisierung von Wasser oder eben dem Aufbau einer Facebook-Datenbank in der nordschwedischen Universitätsstadt Luleå. Hinzu kommen seit 1995 Hintergrundthemen zum israelisch-palästinensischen Konflikt und zum irisch-nordirischen Konflikt.

All dies ist im Verlauf von über dreißig Jahren aus einem Reisejournalismus heraus entstanden, den ich nie als Reisejournalismus definiert habe, sondern als Journalismus, der unterwegs stattfindet, auf einer Reise, in einem fremden Land, in einer fremden Kultur. Und damit nun wieder zurück zu den Philippinen.

Eigentlich war ich dort zunächst nur unterwegs, um über die Aktivitäten des Tatort-Vereins zu berichten und um den in dieser Angelegenheit besonders engagierten Schauspieler Dietmar Bär zu begleiten (Tatort-Kommissar Freddy Schenk). Unser Thema: Verarmte und zum Teil auch missbrauchte Kinder, die dort zu Tausenden in den Gefängnissen sitzen – unter unmöglichen Bedingungen.

Wenn man es als Reisejournalist gut macht, führt ein Thema zum nächsten

Der Kölner Tatort-Verein ist entstanden nach den Dreharbeiten zu dem berühmt gewordenen WDR „Tatort Manila“ der den Missbrauch von Kindern durch Sextouristen zum Thema hat bzw. hatte und in dessen Mittelpunkt die wahre Geschichte des irischen Priesters Shay Cullen und sein Kampf gegen Sextourismus steht.

Der Tatort-Verein wiederum hatte mich eingeladen, weil ich zwei Jahre zuvor für den NDR über eben die von Father Shay Cullen gegründete Kinderhilfsorganisation „Preda“ berichtet habe.

Weshalb erzähle ich das? Weil es eine journalistische Langzeitentwicklung darstellt, die im Reisejournalismus begonnen hat.
Meine, wenn man so will, politische Berichterstattung zum Nordirland-Konflikt hat mit einer Reisereportage über Belfast begonnen, die ein Jahr später zu einer Radioreportage geführt hat, in der ich einen ehemaligen IRA-Fighter porträtiert habe, der zusammen mit anderen ehemaligen IRA-Mitgliedern die West-Belfast Taxi Association gegründet hat, um nach der Entlassung aus dem britischen Gefängnis überhaupt ein privates Leben führen zu können, sprich seine Familie zu ernähren. Eine Woche lang saß ich von morgens um Sieben bis nachmittags um Fünf neben Gerry Loughlin auf dem Beifahrersitz und habe einen sehr intelligenten Menschen über Krieg und Frieden reden lassen, während wir durch (s)eine ehemals mörderische Zone gefahren sind. Vier Sender haben das Stück damals übernommen.

Ausgangspunkt war also fast immer der reisejournalistische Auftrag einer Redaktion, der mich am Ende zu einer ganz anderen Geschichte gebracht hat, als ursprünglich vermutet. Oder der mir die Tür zu einem neuen Thema aufgestoßen hat.

Beispiele:

  • Eine Geschichte über den Ski-Tourismus in den Trois Vallés nach der Winterolympiade 1992 in Albertville, endete mit einem Bericht über die immense Verschuldung der Trois Vallé-Gemeinde St. Martin de Belleville.
  • Statt dem Meeresrauschen auf den Kanarischen Inseln nachzugehen, habe ich über die unterschwelligen korrupten Alcades berichtet (und deren Verknüpfungen mit Bauwirtschaft).
  • Im Allgäu waren es nicht die saftigen Wiesen die mich interessiert haben, sondern die Verflechtungen der Elektrizitätswirtschaft mit Skilift-Gesellschaften.

Diesen etwas anderen Blick habe ich in den siebziger Jahren in der Zusammenarbeit mit Merian gelernt. Damals war es eine Elite-Zeitschrift und ich war da ein ganz kleiner Wurm – neben so Leuten wie Hans Magnus Enzensberger. Doch dessen Art eine Geschichte zu erzählen und Reportagen über komplexe Zusammenhänge auf ein verständliche, aber intelligent-unterhaltsame Art zu schreiben, genau dieses Können habe ich mir damals zum Vorbild genommen und für mich zum Maßstab gemacht.

Der Tourismus verändert die Orte

Zeitgleich ist aber auch noch etwas anderes geschehen: Ausgangspunkt war das Fischerstädtchen Sète in Südfrankreich. Ich bin da 1971 zum ersten Mal hingekommen. War toll. Doch fünf Jahre später hatte sich dieses Fischerstädtchen bereits völlig verändert. Es war touristisch geworden. Ich habe es nicht wieder erkannt. Ähnliche Veränderungen konnte ich in den Alpen beobachten. Besonders beim Skifahren (in St. Anton, Lech, Zürs, in Graubünden, Frankreich, Italienischen Alpen) und im Sommer, während vieler Wanderungen und Bergtouren. Ich habe mich damals gefragt: Wieso bleibt das Schöne nicht schön? Warum verändert sich ständig alles, wie ich fand, zum Nachteil. Warum, warum, warum?

Die Antworten habe ich in den Büchern des verstorbenen Jost Krippendorf gefunden. Jost Krippendorf war ein scharf beobachtender Ökonom aus der Schweiz, der sich kritisch mit der Entwicklung des Tourismus in seinem Heimatland auseinander gesetzt hat. Die Titel seiner Bücher hießen:

  1. „Die Landschaftsfresser“
  2. „Die Ferienmenschen“
  3. „Alpsegen – Alptraum“

Endlich hat mir damals jemand die Augen öffnen und erklären können, was da in welcher Bandbreite mit welchen Auswirkungen durch Tourismus geschehen kann.
Nicht muss, aber geschehen kann.

Mit den Erkenntnissen aus diesen Krippendorf-Büchern hat eigentlich alles erst richtig begonnen. Meine erste tourismuskritische Geschichte hatte den Titel: „Was vor und nach dem Skilift war.“ Ein Vorher-Nachher-Vergleich von zwei Orten/Regionen in Graubünden.

Das wichtigste: Haltung

Was ich in all den Jahren gelernt habe: Ich kann mich in relativ kurzer Zeit so tief in ein Thema einarbeiten, dass ich am Ende dieses Prozesses fast schon ein kleine Doktorarbeit abliefern könnte.

Außerdem schadet es nichts, eine Haltung zu haben, die man nötigenfalls korrigieren muss – falls während der Recherche Fakten auftauchen, die nicht ins bisherige Bild passen.

Es braucht Mut, einem Redakteur mit Argumenten zu widersprechen und es braucht Mut, eigene Themen vorzuschlagen und diese durchzusetzen. Letzteres schafft man jedoch nur, wenn man thematisch weit voraus ist und also einen Wissens- und – ganz wichtig: wenn man einen Kontaktevorsprung hat, den man sich über viele Jahre hinweg selbst aufgebaut hat und der gepflegt werden muss.

Sonst kann man nicht zaubern. Sonst kann man nicht auf den Philippinen unterwegs sein und aus dem Stehgreif heraus mit der Recherche zu einer 30 minütigen Reportage über die dortige Reiskrise beginnen, um sie eine Woche später im Kasten zu haben.

Das ist jetzt mal eine sehr, sehr kurze Zusammenfassung von Eigenschaften, die auch dazu geführt haben, dass ich mich mehr und mehr von den Reiseseiten und mehr und mehr von den Tageszeitungen entfernt habe. Dort nämlich haben sich die Rahmenbedingungen zuerst verändert. Und zwar auf zwei Ebenen.

  1. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Reiseseiten heute – aus meiner Sicht – ziemlich apolitisch geworden und mitunter auch belanglos. Ich setze sogar noch eins darauf und behaupte – bis auf die wenigen Ausnahmen – wir befinden uns in einem Loop und erleben derzeit einen Rücksturz in die siebziger Jahre: Zurück zu Friede, Freude, Eierkuchen.
  2. Die Redaktionen haben praktisch kein Budget mehr.
    Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre konnte ich noch sagen: Ich recherchiere eine Geschichte auf eigene Kappe. Ein Drittel der Kosten übernahm damals die FR, ein Drittel der NDR, ein Drittel ich selbst. (meine Kosten habe ich dann durch entsprechende Nachdrucke in der Zweit- und Drittverwertung wieder hereingeholt). Diese Vorgehensweisen sind längst passé, weshalb ich heute überwiegend nur noch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeite. Das heißt nicht, dass man dort Geld übrig hat, aber die Honorare sind einigermaßen fair und meist kann ich eine Geschichte bei drei oder vier Sendern unterbringen, wodurch es sich wieder rechnet.

Beim WDR zum Beispiel unterschreibe ich mit jedem neuen Urhebervertrag folgende Bedingung:
„Der/die freie Mitarbeiter(in) versichert, das Werk ohne sachfremde/vertragswidrige Einflussnahmen Dritter herzustellen bzw. hergestellt zu haben. Er/Sie versichert insbesondere, keine vertragswidrigen finanziellen Zuwendungen und/oder sonstige geldwerte oder ungebührliche Vorteile von dritter Seite anzunehmen bzw. angenommen zu haben.“

Wenn man eine solche Arbeitsweise haben möchte – und das kann ich nur unterstützen – dann muss man entweder entsprechende Honorare zahlen oder die Kosten einer Recherche. Wenn das nicht machbar ist, Finger davon lassen. Gleiches gilt für Bücher bzw. Buchverträge.

Transparenz als Voraussetzung

Ich weiß nicht, wer von Ihnen in letzter Zeit den Reiseteil der ZEIT studiert hat. Dort wird seit kurzem jede Woche ein Hinweis der (Reise)Redaktion veröffentlicht, in dem es heißt: „Bei unseren Recherchen nutzen wir gelegentlich die Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern. Tourismusagenturen, Veranstaltern, Fluglinien oder Hotelunternehmen. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung.“

Dieses Verhalten gegenüber den Lesern ist wenigstens aufrichtig und nebenbei bemerkt auch glaubhaft. Warum sich all diese Rahmenbedingung verändert haben, hat der Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in einem Vortrag zu den sieben Versäumnissen des Journalismus erläutert. Unter anderem sagt er:

„Wir haben uns unterwerfen lassen. Ein entkräfteter Journalismus hat vielerorts zugelassen, dass die Kaste der Kaufleute das Kommando übernahm. Es kam zu einer Verschiebung in der inneren Machtarchitektur der Verlage. Seither begegnet uns der Bock in der Schürze des Gärtners. (…)
(…) Im Internet haben diese Zahlenmenschen ihr Waterloo erlebt. Mit dem Verschenken unserer Analysen, Reportagen und Kommentare begingen sie einen Jahrhundertfehler, mit dem bedauerlichen Unterschied, dass ihre Niederlage nicht in der Einsamkeit von Korsika endete, sondern auf den Chefsesseln vieler Verlage.
Wenn Starbucks, Langnese oder Becks Bier eine ähnliche Strategie verfolgt hätten – zehn Jahre bekommt jeder Deutsche Kaffee, Eiscreme und Bier umsonst nach Hause geliefert – lägen diese Unternehmungen längst auf dem Friedhof der gescheiterten Geschäftsmodelle. Es grenzt an ein Wunder, dass wir Journalisten das Jahrzehnt der verlegerischen Verirrung überlebt haben. (…)

(…) Das Tröstliche: Die Zustände, an denen wir leiden, können wir selbst beseitigen. Kein Gott und kein Google müssen uns erlösen. Die Glut glüht noch, sie muss nur neu entfacht werden. Die preisgekrönten Reporter, die politisch unkorrekten Kolumnisten und die von Hause aus widerspenstigen Feuilletonisten wissen, wie lebendiger Journalismus aussieht: unterscheidbar und unformatiert, streitbar und tief, experimentell und elementar, den Leser liebend, den Mächtigen auf Abstand haltend, unabhängig – auch gegenüber den Kollegen anderer Blätter, lauter im Umgang mit Fehlern, auch den eigenen. (…)
(…) Wir müssen nur diese elendige Selbstunterforderung beenden. Weinerlichkeit ist ein für Journalisten unzulässiger Aggregatzustand. Wir brauchen in den Redaktionen nicht Synergie, sondern Reibung. Die Demutshaltung gegenüber den Mächtigen gehört verboten. Und unsere Zeitungen und Zeitschriften sollten wir nicht länger als Unterabteilung der Holzindustrie definieren, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung der Aufklärung.“

In diesem Sinne baue ich natürlich auch auf Sie und Ihre Unerschrockenheit.