Teil 4: Digital Immigrants aus dem analogen Steinzeitalter Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön unterentwickelt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön unterentwickelt aus. Wie kann das sein?


Während in Estland und Kenia bereits Kinder in der Schule zu kleinen Digital Natives erzogen werden, sitzen unsere Schüler noch immer im analogen Steinzeitalter fest. Im vermeintlich hoch technisierten Deutschland werden häufig nur die Gefahren eines frühzeitigen Umgangs mit digitalen Medien gesehen. Von Tablets im Unterricht, Lernaufgaben per SMS oder virtuellen Klassenbüchern kann nicht die Rede sein. Sicherlich muss man diese Angebote sinnvoll in den Unterricht einbauen, einen Lehrer können Computer nicht ersetzen. Doch warum wird das natürliche Interesse der Jugend an technischen Neuheiten nicht deutlich mehr genutzt? Sei es spielerisch, als Präventionsmaßnahme oder in Bezug auf Medienkompetenz – die Chancen und Möglichkeiten sind riesig.

Stattdessen bleiben wir stehen bei Papier und Tafelkreide und schließen bedeutende technische Entwicklungen aus dem Lernalltag aus. Laut ICILS-Studie 2013 werden Computer in keinem anderen Land der Welt (!) seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland. So entsteht immer mehr eine analoge Parallelwelt Schule, in der Kinder nicht ausreichend für die Aufgaben in zukünftigen Arbeits- und Lebenswelten ausgebildet werden. Dabei muss es eigentlich eine Kernaufgabe jeder Bildungseinrichtung sein, den Schülern zu vermitteln, wie die Dinge im hier und jetzt um uns herum funktionieren. Nicht nur zu Zeiten Pythagoras’ oder Caesars. Programmier- und Kodierkenntnisse werden bald nicht mehr nur von Nerds und Geeks verlangt werden, wie ein Blick nach Estland zeigt. Hier sind sie schon heute in vielen „normalen“ Jobs Voraussetzung.

Goethe sagte: „Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.“ In Deutschland wissen die Schüler allerdings heute in der Regel schon allein durch Alltagserfahrungen mehr als ihre Lehrer, sind fitter im Umgang mit neuen Medien und zeigen dadurch den Mangel an digitaler Ausbildung direkt auf. Blamabel für eine selbsternannte Dichter- und Denkernation. Doch wäre es falsch den Fehler allein bei den Lehrkräften zu suchen. Dort ist nach einer Studie der Telekom Stiftung von 2015 das Bewusstsein für einen Wandel bereits entstanden. Demnach sehen nur 35,6% der Lehrer die pädagogische Unterstützung in Sachen Computernutzung für ihre Schüler ausreichend und wünschen sich zu 81,5%, dass bereits die Universitäten besser auf einen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht vorbereiten sollten. Es reicht also nicht, einfach nur jedem Kind einen Laptop oder ein Tablet in die Hand zu drücken, Mediendidaktik durch kompetente Lehrkräfte ist genauso entscheidend. Doch nicht nur in der Wirtschaft, auch im Bildungssystem mahlen die Mühlen im Bürokratie-Staat Deutschland langsam. Und so produzieren deutsche Bildungseinrichtungen nicht nur wertvolles Wissen sondern v.a. auch viel alten Staub. Es bleibt nur zu hoffen, dass hier bald mehr Schwung in alte Systeme kommt. Sonst wird der deutsche Nachwuchs abgehängt.