Teil 1: Die Alte Säcke-Republik Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön alt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön alt aus. Wie kann das sein?


Nehmen wir das Beispiel Industrie 4.0: Produktion wird hier mit der modernsten Informations- und Kommunikationstechnik verbunden. Wer hat’s erfunden? Die Deutschen. Auf den ersten Blick also das gewohnte Bild. Blöd nur, wenn es im Folgenden dann an Grundvoraussetzungen wie einem vernünftigen Breitbandausbau im Bundesgebiet scheitert. Das Vordenken gelingt, die Umsetzung ist für ein derart industrialisiertes Land schon fast peinlich.

Aber Abhilfe ist in Sicht. 2018 „schon“ soll es nun schnelles Internet für alle geben, die berühmten 50 Megabit pro Sekunde. Da haben Länder wie Schweden, die Türkei oder Spanien schon jahrelang den Sprung ins Glasfaser-Zeitalter geschafft. Dass diese Revolution auf dem Gebiet der Digitalisierung schon lange keine mehr ist und eigentlich nur noch unter Schadensbegrenzung, für die Unternehmen in Deutschland verbucht werden kann, ist klar. So ein Versäumnis ist nicht nur fehlender Luxus für streamende Kids, hier geht es um gefährliche Nachteile für unsere Wirtschaft im Vergleich mit anderen Nationen.

Diese Dringlichkeit schien man allerdings in der politischen Führung lange nicht zu verspüren, obwohl Deutschland auf einem der letzten Plätze im OECDDie Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine zwischenstaatliche Wirtschaftsorganisation mit 35 Mitgliedsländern, die 1960 gegründet wurde, Das Ziel der OECD ist es, eine Politik zu befördern, die das Leben der Menschen weltweit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht verbessert. Die meisten OECD-Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-kopf-Einkommen und gelten als Industrieländer.-Vergleich liegt, was den Ausbau der Glasfasertechnologie an allen Breitbandanschlüssen angeht. Politik wird und wurde eben für die Wähler gemacht und in der zweitältesten Nation der Welt, in der ein Drittel der Wähler über 60 Jahre sind und es auch unter den Entscheidungsträgern nur so von weißen Köpfen wimmelt, leistet man sich lieber eine außerplanmäßige Rentenerhöhung als den Ausbau der digitalen Infrastruktur. Und außerdem: Das Internet ist für uns alle auch immer noch „Neuland“, wie Angela Merkel 2013 (!) so schön auf einer Pressekonferenz sagte. Der Demokratieforscher und Publizist Wolfgang Gründiger nennt das in einem Buch treffend „Alte Säcke Politik“ (2016). Ist Deutschland also einfach zu alt, um im digitalen Zeitalter Schritt zu halten? Man könnte es meinen. Wieso schafft es dann aber der Alters-Spitzenreiter Japan, gleichzeitig das beste Glasfasersystem der Welt zu besitzen? Der Begriff „Alte Säcke“ ist also weniger an das biologische Alter gebunden, er bezeichnet vielmehr eine Einstellung. Auch unter jungen Leuten gibt es Skeptiker, Ausbremser, Angstschürer. Die sind es, die einen Wandel in Deutschland unterbinden und uns langsam ganz schön alt aussehen lassen.