Ungleichheit im sozialistischen Paradies

Der Tourismus hat Kuba verändert. Reisende bringen Geld auf die Insel und zeigen ihren Wohlstand. Doch auch Kubas Jugendliche haben Träume. Der sozialistischen Gesellschaft drohen soziale Konflikte.

Von Andreas Wenleder

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Kolumbianer mit kubanischer Geschichte: Tourismus-Experte Dr. Wilson Cardozo. Foto: Jasper Ruppert

Für viele Touristen ist Kuba das Land der Zigarren, des Rums und der Revolution, ein romantisches Sozialexperiment inmitten der Karibik. Doch 1990 drohte diesem scheinbaren Paradies der finanzielle Kollaps. Die sowjetische Schutzmacht stürzte. Kubas Wirtschaft lag am Boden. Wieder einmal waren die kubanischen Revolutionäre gefragt. Das abgeschottete Land musste sich öffnen, denn der Tourismus schien Kubas letzte Chance zu sein. Mehr als zwanzig Jahre später prägen die Touristen immer mehr das Land. Aus 300.000 Reisenden im Jahr 1990 wurden mehr als zweieinhalb Millionen.

Eine Steigerung um das Achtfache, die dem Land jedes Jahr rund eine Milliarde US-Dollar einbringt.
Vom Massentourismus ist Kuba dennoch weit entfernt, sagt Kuba-Experte Dr. Wilson Cardozo: „Man kann Kuba noch nicht mit anderen Touristeninseln vergleichen. Die Dominikanische Republik hat jedes Jahr über eine Million Touristen mehr, obwohl Kuba doppelt so groß ist.“ Dazu regele die Regierung den Tourismus, was dem Naturschutz zugute komme. „Nicht überall dürfen zum Beispiel neue Hotels gebaut werden“, sagt Cardozo. Für den Kolumbianer ist Kuba eine zweite Heimat.

Die jungen Kubaner erwarten mehr vom Leben

Zehn Jahre lang arbeitete der Politologe für das kubanische Fremdenverkehrsamt, schrieb für die kubanische Staatszeitung „Granma“, studierte auf der Insel Anthropologie und Geschichte und arbeitet heute für „aventTOURa“, einen deutschen Spezialisten für Individual- und Gruppenreisen nach Kuba und Lateinamerika. Das Land liegt ihm am Herzen. Leidenschaftlich beschreibt er die Vorzüge der Insel und sieht dennoch Probleme, die mit dem Tourismus verbunden sind. „Die homogene Gesellschaft löst sich auf. Wir steuern auf einen Generationenkonflikt zu“, sagt Cardozo. Neben den alternden Revolutionären und den Kubanern, die nur das Land der Castros kennen, bilde sich eine dritte Generation heraus, die mehr vom Leben verlangt als die zufriedene Generation der Eltern. „Die jungen Kubaner sehen das Geld und den Wohlstand der Touristen. Sie wollen auch diese Möglichkeiten haben und das führt zu sozialer Unzufriedenheit“, sagt Cardozo.

Der Tourismus verstärkt die Widersprüche der sozialistischen Insel. Kuba verfügt über ein vorbildliches Gesundheits- und Bildungssystem. Jedes Jahr verlassen viele Akademiker die Universitäten der Insel. Ärzte und Ingenieure, die aber nur wenig Perspektive haben. Viele bekommen keine Anstellung, die ihrer Qualifikation entspricht, falls doch, dann nur zu schlechten Konditionen. Schon einfache Tätigkeiten im Tourismusbereich bringen mehr Geld ein als Akademikerberufe. Während der Wirtschaftskrise vor zwanzig Jahren musste Kuba den US-Dollar als Zahlungsmittel zulassen. Als Alternative entwickelte die Regierung zusätzlich zur Landeswährung „Peso“ den „Peso convertible“ (CUC), eine an den Dollar gekoppelte Zweitwährung.

„Die Ängste verschwinden langsam“

Während die Angestellten in anderen Sektoren ihren Lohn nur in der herkömmlichen Währung beziehen, haben die Kubaner im Tourismusbereich durch Trinkgelder oder die private Vermietung von Zimmern Zugang zum CUC und damit zu kaufkräftigen Devisen. Als Angestellte von ausländischen Tourismusunternehmen können sie außerdem fast doppelt so viel verdienen wie andere Kubaner. Damit entsteht eine privilegierte Schicht. Ungleichheit und Unzufriedenheit bei der jungen Bevölkerung könnten dabei zunehmen.

Dazu kommt, dass vor allem Akademiker noch immer Einschränkungen bei der Reisefreiheit hinnehmen müssen. Wem eine Ausreise möglich ist, dem fehlt dafür oft das Geld. „Das System produziert das Problem nicht allein. Auch das seit fünf Dekaden bestehende Handelsembargo der USA verschärft die Situation“, sagt Cardozo. Der Tourismus biete dennoch eine große Chance für die weitere Öffnung Kubas, bei der Reisefreiheit denke die Redierung bereits um.„Die Ängste verschwinden langsam“, davon ist Cardozo überzeugt. „Die Kubaner wollen vielleicht ein paar Monate raus, aber sie wollen auch wieder zurück. Sie brauchen ihre Insel.“ Eine Haltung die viele Kuba-Touristen wohl nur zu gut verstehen können.