“Digital Love Gap” in Indien

Wie das Internet romantische Beziehungen und die Gesellschaft verändert

Mit der Liebe ist es so eine Sache in Indien. Sex vor der Ehe gilt als ein Tabu, Ehen werden öfter von den Eltern, statt von den Betreffenden selbst arrangiert und die Partnersuche auf eigene Faust entweder ganz abgelehnt oder als schwierig empfunden. Das Ziel scheint klar definiert zu sein: Hochzeiten sind traditionell ein wichtiges Element in der indischen Gesellschaft. Um den oder die Richtige zu finden, nutzen viele Inder auch die digitale Welt. Dating-Apps wie Tinder oder Woo sind auf dem Vormarsch. Ihr erstes Auslandsbüro eröffnete Tinder im Januar dieses Jahres in Indien.

Die Nutzer*innen

Ein Wisch bis zur großen Liebe

Tinder, Aisle.co, Trulymadly.com, Thrill, OkCupid oder Woo: Das Dating-App-Phänomen ist in Indien weit verbreitet. Mit einem Wisch gelangt der oder die Nutzerin schnell zum nächsten Date. Doch manchmal geht es dabei nicht immer darum, die große Liebe zu finden, wie eine junge Inderin erzählt:

Die App-Gründer*innen

„Dating-Apps werden Mainstream in Indien,“ sagt Sumesh Menon, Mitbegründer der indischen Dating-App Woo. Er ist CEO des Unternehmens mit Sitz in Gurgaon. „Wegen des traditionellen System der arrangierten Ehe sind Wünsche und Bedürfnisse junger Menschen oft unerfüllt geblieben,“ meint Menon. Das hieße oft, dass die Familien sich für mögliche Ehepartner entscheiden und sie ihren Kindern vorschlagen. Das ändere sich. Ein Grund: Viele Jugendliche seien finanziell unabhängig und könnten ihr Leben selbst gestalten. Laut Menon ergreifen sie verstärkt Initiative, wenn es um Partnerschaft geht.

Er soll Sie finden

Das Prinzip von Woo ähnelt dem von Tinder. User verbinden ihr Konto mit dem bei Facebook und wischen dann nach links und rechts. Ein Unterschied: Woo zeigt Profile auf Basis gemeinsamer Interessen. #HipHop, #Yoga, #PoliticallyIncorrect – wer sich angesprochen fühlt, vergibt Likes.

Die App ist im Juli 2014 in Indien gestartet und ist seit Mai 2016 international verfügbar. Im Unternehmen arbeiten 60 Menschen, alle zwischen 26 und 30 Jahren alt. Nach Angaben von Woo sind mehr als die Hälfte von ihnen Frauen, fast alle davon sind Singles. Menon gründete Woo, um Menschen zu ermöglichen, neue Leute kennenzulernen. Von Anfang an war es sein Ziel: Er soll Sie finden.

https://www.youtube.com/watch?v=alK4zW6_UJg&feature=youtu.be

Woo richtet sich an alle Singles, Zielgruppe seien jedoch die 25 bis 35 Jährigen, die pendeln, arbeiten und keine Chance hätten, jemanden kennenzulernen. Besonders Frauen stünden dabei im Fokus. Die weiblichen User entscheiden, mit welchen männlichen Interessenten sie chatten möchten. Das Ganze ist anonym, da nur Initialen der User, aber nicht ihre vollständigen Namen angezeigt werden. Das verhindere, dass Profile in sozialen Netzwerken wie Facebook gefunden werden.

Markt mit eigenen Regeln

Für die Suche per Woo ist ein mobiler Internetzugang notwendig. Den hat eine Minderheit der insgesamt 1,2 Milliarden Menschen in Indien. Die Internet and Mobile Association of India (IAMAI) schätzt, dass Mitte des Jahres 2016 knapp 371 Millionen Menschen mobiles Internet nutzten. Im Dezember 2015 seien es 307 Millionen Menschen gewesen. Nach Angaben der IAMAI leben mehr als zwei Drittel der User in städtischen, ein Drittel in ländlichen Gebieten.

Indien ist  einer der  letzten großen verbliebenen Internet-Märkte, das Potential für Apps sei enorm, meint Sumesh Menon. Internationale Apps würden aber nicht unbedingt in Indien funktionieren, sagt  er: „Viele Produkte aus dem Westen wurden für den Westen konzipiert. Wir wollten ein Produkt für indische User kreieren, weil Inder anders über Partnerschaft denken.“

Datings-Apps seien kein Bruch mit traditionellen indischen Werten, findet Menon. Deshalb bezeichnet er die User auch nicht als Rebellen. „Wir sagen aber, dass sie clever genug sind, Technologie zu verwenden, um neue Leute kennenzulernen.“ Trotz der Digitalisierung bliebe jedoch eines: Wenn sich junge Männer und Frauen finden, bräuchten sie immer noch den Segen der Eltern

Zwischen Tradition und Moderne

Die Eltern bleiben weiterhin eine wichtige Instanz, wenn es um Partnerwahl und Ehe geht. Die jüngere Generation hingegen nutzt Dating-Apps immer mehr, um selbst zu bestimmen, wenn sie daten.

Passen Online-Dates mit dem traditionellen Bild von Beziehungen in Indien zusammen?

Medha ist Doktorandin am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg

Murali Nair ist Senior Project Manager an der Bertelsmann Stiftung und arbeitet im Programm „Deutschland und Asien“

Jürgen Webermann ist Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Ja, sagt auch Dr. Fritzi-Marie Titzmann von der Universität Leipzig. Denn der App-Markt sei nicht unbedingt neu, vielmehr hätten sich analoge Ehevermittlungen digital weiterentwickelt. Früher seien Heiratsvermittler durch die Dörfer gezogen und hätten Fotos der potenziellen Ehepartner*innen dabei gehabt. Es folgten Heiratsvermittlungsbüros und schließlich Partnerbörsen im Internet. Trotzdem gebe es einen Unterschied: Zwischen Websites, bei denen ein sogenanntes „matchmaking“ stattfindet, sind ausschließlich dazu gedacht ist, potenzielle Ehepartner*innen zu finden, sagt Titzmann. Bei Dating-Apps ginge es eher um das Experimentieren. Deshalb differenziere sich der Markt zunehmend aus.

https://www.youtube.com/watch?v=3nswI5HqXsQ&feature=youtu.be

Auch das indische Horoskop und der Familienhintergrund würden bei einer Anmeldung detailliert erfragt. Außerdem gebe es Websiten zum Beispiel für Geschiedene und HIV-Positive. Das sei revolutionär, denn Scheidung gilt in der indischen Gesellschaft oftmals als Tabuthema. Trotzdem suchten die meisten Inder erst dann online nach einer Partnerin, einem Partner, wenn konventionelle Wege fehlgeschlagen seien.

Online-Partnerbörsen strahlen Seriosität aus

Für die Ethnologin stellen Online-Dating-Portale daher ein spannendes Untersuchungsfeld dar, um Unterschiede bei der Wertvorstellung bei der Partnersuche zu erkennen. Die Websites würden auch deshalb mittlerweile mehr genutzt, weil sie Seriosität ausstrahlten. Zwar fänden sich auch auf den Dating-Websites immer Menschen, die nur einen One-Night-Stand suchten, diese würden aber durch eigens dafür engagierte Heiratsdetektive schnell ausfindig gemacht. Anfangs nutzten noch mehr Männer als Frauen die Online-Partnerbörsen, mittlerweile sei es fast ausgeglichen, sagt die Wissenschaftlerin. Titzmann untersuchte in ihrer Forschung zum einen das Selbstbild der Frauen, die sich auf den Websiten registrieren, sowie die Werbestrategien der Betreiber.

„Eine Gemeinsamkeit ist, dass ein Bild von einer perfekten Harmonie zwischen Tradition und Moderne entsteht.“

Den Frauen auf den Dating-Portalen seien „indische“ Werte genauso wichtig wie der Beruf. So wünschten sich die meisten eine gewisse Religiosität oder Familie von ihrem zukünftigen Partner, beschrieben sich selbst aber als „moderne“ Frau, die berufstätig sei und Hobbies habe.

Sexuelle Revolution durch Dating-Apps

Der Journalist Jürgen Webermann ist Korrespondent für die ARD in Neu Delhi. Er glaubt, dass neuartige Dating-Apps, wie zum Beispiel Tinder, im besten Fall zu einer sexuellen Revolution in Indien führen könnten. Trotzdem müssten sich die Apps der indischen Realität anpassen. So gebe es eine indische Version von Tinder, in der sich die Eltern einverstanden zeigen könnten, wen ihre Kinder daten.

Viele Inder würden die Apps vor allem zum Chatten nutzen. Tinder sei eine spielerische Variante, dem anderen Geschlecht näher zu kommen. Direkt nach seiner Ankunft im Norden Indiens habe er in den Kneipen und Bars oft bemerkt, dass Frauen kaum anwesend waren. Sie profitierten sehr von der Anonymität der digitalen Partnersuche.

Können Dating-Apps zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen?

Doch nicht für alle sind die Dating-Apps der ideale Weg, jemanden kennenzulernen. Gerade Homosexuelle nähmen oft Kontakt zu anderen über Kleinanzeigen auf, sagt Webermann.

Auch Eltern nutzen Online-Partnerbörsen

Die Doktorandin Medha schätzt, dass von 1,3 Milliarden Indern rund 20 Prozent online sind. Das sei in einem Land, in dem der Internetzugang nicht selbstverständlich ist, ein großer Markt für Dating-Apps. Die meisten Jugendlichen seien zudem mit der digitalen Welt groß geworden, für sie sei es eine Selbstverständlichkeit, diese auch bei der Partnersuche zu benutzen, sagt auch Dr. Titzmann:

https://www.youtube.com/watch?v=cvc6d7WBXqc&feature=youtu.be

Bestimmte Filter ermöglichten aber eben auch den Eltern, gezielt eine Partnerin oder einen Partner für ihre Sprösslinge online zu finden. Trotzdem gehe der Trend – auch durch die Digitalisierung – immer mehr weg von arrangierten Ehen, sagt auch Murali Nair von der Bertelsmann Stiftung.

„Meine Mutter hat auch noch versucht, mir jemanden auszusuchen. Das hat sie aber nicht geschafft.“

Trotzdem werde eine Heirat nicht zwischen zwei Individuen, sondern zwischen zwei Familien angesehen. Deshalb würden Dating-Apps auch eher genutzt, um sich unverbindlich zu treffen, während Online-Partnerbörsen oft die Heirat zum Ziel hätten.

Regionalität ist ein wichtiges Suchkriterium

Der Partner sollte den Eltern also möglichst gefallen. Doch auch die persönlichen Vorlieben seien eher traditionell, sagt Dr. Titzmann. So gäbe es zwar durch die Digitalisierung eine höhere Mobilität, eine regionale Durchmischung finde aber kaum statt. Die meisten suchten in ihrer Region, manche sogar nur in ihrem Viertel. Sprache sei hierfür ein wichtiger Grund, denn in Indien gibt es über 100 Sprachfamilien. Sprache sei an kulturelle Dinge gekoppelt, wie zum Beispiel das Essen. „Wenn jemand aus Nordindien jemanden aus Südindien heiratet, dann wäre das so, als würde ich als Deutsche einen Sizilianer heiraten.

Apps und Websites richteten sich nicht an eine ärmere, ländliche Schicht, sondern vielmehr an eine urbane Mittelklasse. Abgehangen würde aber trotzdem niemand, denn es gäbe für jeden einen zugeschnittenen Heiratsmarkt in Indien. Der müsse nicht immer digital sein, so Titzmann, sondern könne auch traditionell über einen Heiratsvermittler laufen. Wichtig sei vielmehr, dass es kein Konfliktpotenzial mit den Eltern gebe, denn die Religion und Familienzugehörigkeit seien nach wie vor wichtig.