Der Mensch hinter dem Text oder Journalisten im digitalen Zeitalter Ein Überblick über die Geschichte des Journalismus und über die Personalisierung der Journalisten mit Stimmen der Tagung.

Das 20. Jahrhundert hat den Journalismus verändert: Mit dem Radio etablierte sich ab 1920 das erste elektronische Massenmedium, ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts boomte das Fernsehen. Seit Mitte der 1990er Jahre revolutionierte das Internet die Informationsübertragung und damit auch den Journalismus. Inzwischen ist das Netz dank Smartphones mobil überall verfügbar, der permanente Internetzugang verändert unsere Mediennutzung. Die neuen Medien ziehen dadurch auch in den Journalismus ein: Ganze Zeitungen sind bei Facebook vertreten, amerikanische Moderatoren haben einen eigenen Youtube-Kanal und Reporter tweeten aus der ganzen Welt.

Dadurch veränderte sich zwangsläufig auch die Rolle des Journalisten. Die Aufgabe eines Journalisten besteht darin, für die Allgemeinheit politisch, wirtschaftlich und kulturell relevante Sachverhalte durch professionelle Beobachtung öffentlich zu machen. Diese Veröffentlichung findet auf andere Art und Weise statt als noch im letzten Jahrhundert. Inzwischen ist sie aktueller und kurzlebiger. Konsumenten nutzen nicht mehr ausschließlich die Zeitung, sondern greifen auf andere Medien zurück. Bei tagesaktuellen Ereignissen nutzen die Menschen vor allem das Fernsehen als Informationsquelle. Um sich über ein (selbst-)bestimmtes Thema zu informieren, löste das Internet 2014 das Fernsehen als Hauptinformationsquelle ab. Die Erwartungshaltung der Konsumenten zeichnet sich hierbei deutlich ab: die Menschen nutzen zunehmend die schnelllebigen Medien des 21. Jahrhunderts.

© IfD Allensbach.

© IfD Allensbach.

Vor allem Tageszeitungen blicken daher einer schweren Krise entgegen. Während im Jahr 2000 noch 54,4% der 20- bis 24-Jährigen Tageszeitungen lasen, sank die Anzahl bei derselben Zielgruppe 2015 auf 28,9%. Die Prognose ist, dass dieser Anteil weiter sinken wird.

© IfD Allensbach

Die Digitalisierung ermöglicht neben rascher Informationsgewinnung, beispielsweise in Form von Live-Berichterstattungen, auch eine zunehmende Beteiligung der Nutzer: Anrufe, Kommentarfunktionen und ganze Internet-Portale ersetzen den Leserbrief. Stichwort hierbei ist der Begriff „user-generated-content“, welcher im Zusammenhang mit dem World Wide Web entstand. Er bezieht sich vor allem auf Portale wie Wikipedia, Youtube und MySpace, in denen die Nutzer eigene Inhalte kreieren können. Diese Portale und soziale Netzwerke wie Facebook bringen neben den Vorteilen, die eigene Meinung aktiv zu verbreiten und sich besser über verschiedene Themen austauschen zu können, auch Nachteile mit sich. Im Rahmen der US-Präsidentenwahl 2016 wurden sogenannte „Fake News“ via Facebook geteilt. Nutzerkonten von angeblichen Nachrichtenportalen berichteten, dass verschiedene Prominente den republikanischen Kandidaten und späteren Präsidenten Donald Trump wählen würden. Wohingegen man seiner Konkurrentin, der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton, Satanismus und Phädophilie vorwarf.  Problematisch ist hierbei, dass fast 44% der Amerikaner Facebook als Nachrichtenquelle nutzen.

Vor dem Internet fabrizierten die Journalisten diese „Fake News“ noch selbst – in Form von Zeitungsenten, die sie in der nächsten Ausgabe wieder korrigieren konnten. Heute kann theoretisch jeder Nutzer sozialer Medien „Fake News“ dauerhaft generieren und große Menschenmengen damit beeinflussen. Auch Journalisten lassen sich daher von „Fake News“ in die Irre führen. Das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Leser-Beiträgen verschwimmen.

Der Künstler Andy Warhol sagte 1968: „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“. Diese Aussage wird heutzutage oft auf das Internet und die Möglichkeit jedes Individuums dort reichweitenstarke Inhalte einzustellen bezogen. Es stellt sich die Frage, ob auch der Journalist als Mensch hinter seinen Texten hervortreten sollte, um sich mit seiner Berichterstattung von der Masse abzuheben und persönlich zu berichten – via den neuen Medien.

Ein gutes Beispiel für einen persönlich bekannten Journalisten ist Richard Gutjahr. Der Journalist,  Moderator und Blogger ist der Meinung, dass man heutzutage auf Social Media nicht mehr verzichten könne, da dort die Informationen wesentlich schneller zugänglich seien. Einer großen Öffentlichkeit wurde er als weltweit erster Mensch mit einem iPad bekannt: 2010 stand Gutjahr dafür 23 Stunden vor einem Apple Store an. Er wollte wissen, worin die Faszination liegt wegen einem Produkt zu campieren. Es folgten weitere Liveberichte während des arabischen Frühlings in Kairo und den Terroranschlägen in Nizza und München. Auf einem Vortrag in Hamburg sprach er davon, dass man als Journalist neugierig bleiben muss und niemals vor Neuem zurück schrecken sollte – zu diesem Zeitpunkt testete er gerade Snapchat als Medienkanal.

„Das Internet ist eine natürliche Fortschreibung dessen, was wir Menschen von jeher getan haben: uns informiert und Geschichten erzählt. Bei den klassischen Medien hat mir da etwas gefehlt: der Rückkanal. Der ist jetzt da und wir wissen noch gar nicht so genau, was wir mit diesem Geschenk anfangen wollen und können. Wir tasten uns derzeit alle voran, um das herauszufinden. Ich sehe mich als Journalist geradezu in der Pflicht, mich auf diesem Feld weiterzuentwickeln. Schließlich sind Informationen das, womit wir unser Geld verdienen.“ (Richard Gutjahr im Gespräch mit t3n)

Das Hervortreten hinter dem Bericht liegt allerdings nicht zwangsläufig in den Händen des Journalisten. Die ZEIT veröffentlichte 2015 in ihrem Magazin ein Porträt des Tagesthemen-Moderators Ingo Zamperoni. Er war zu diesem Zeitpunkt als ARD-Korrespondent in Washington und kehrte im Herbst 2016 zu den Tagesthemen zurück. Seitdem ist er gemeinsam mit Caren Miosga Hauptmoderator der Sendung. Bevor er zum ersten Mal nach seiner Rückkehr moderierte, diskutierte die Tagesschau über seinen Schlusssatz – die Zuschauer reichten Vorschläge ein. Ingo Zamperoni will nach eigenen Aussagen die Nachricht im Mittelpunkt sehen, dennoch ist er ein beliebter Journalist und man berichtet über ihn.

Auf der Bildkorrekturen-Tagung äußern sich die eingeladenen Journalisten überwiegend negativ zur Personalisierung des Journalisten.
Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Isabell Pfaff arbeitet seit 2014 im Afrika-Ressort. Die Digitalisierung Afrikas vereinfacht den Zugang zu Informationen über aktuelle Ereignisse auf dem Kontinent. Sie spricht sich gegen eine Personalisierung aus, da diese von der Botschaft ablenke. Dennoch habe jeder Journalist Haltungen und diese werden von den Lesern auch in Form von Meinungsbeiträgen eingefordert. Die neuen Medien nutzt sie größtenteils nur als Journalistin, nicht als Privatperson.

„Ich habe erst als Journalist angefangen, Twitter und Facebook zu nutzen. Ich habe das vorher abgelehnt und nutze es auch nur beruflich. Ich twittere nur Dinge, die mit meinem Themengebiet zu tun haben. Ich habe kein Interesse daran, mich stark als Privatsperson darzustellen. […] Ich glaube, man kann das schon relativ gut trennen und viele Journalisten machen das auch. Ich bin eher gegen eine Personalisierung. Es lenkt von der Botschaft ab.“ (Isabell Pfaff)

Der Journalist und Fotograf Niko Wald betreibt seit 1999 einen eigenen Blog. Er schrieb für Non-Profit-Organisationen und arbeitet inzwischen für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in der strategischen Kommunikation. Für ihn schließt journalistisches Arbeiten persönliche Bindung zu dem jeweiligen Thema aus.

„Wenn man persönlich zu sehr  in einem Thema involviert ist, kann man journalistisch daran nicht arbeiten.“ (Niko Wald)

Eine gegensätzliche Meinung findet man bei der Tagungsteilnehmerin Brigitte Isaac. Die syrische Journalistin lebt seit einigen Jahren im Exil. In Deutschland kann sie zum ersten Mal frei ihre Meinung äußern. Das war in Syrien nicht möglich. Sie sagt, dass Journalismus objektiv sein sollte, dies aber nicht bei jeder Thematik möglich sei. Botschaften seien oftmals subjektiv. Wenn sie über Syrien spreche, hätte sie auch Gefühle über Syrien.

„If I talk about Syria, I have feelings about Syria.“ (Brigitte Isaac)

Bisher gibt es noch keine klare Prognose, wie der zukünftige Journalismus aussieht und welche Formen die Berichterstattung annehmen wird. In der heutigen Gesellschaft können sich Individuen persönlich entfalten und sich der Welt mitteilen. Es bleibt offen, ob auch im Journalismus eine Personalisierung relevant wird oder ob der Mensch hinter den Text tritt und nur die Nachricht im Vordergrund stehen sollte. Im Bezug auf „Fake News“ könnte die Personalisierung durchaus positiv ausfallen: die Informationen lassen sich leichter der Quelle zuordnen. Eine Personalisierung könnte allerdings auch von der eigentlichen Nachricht ablenken und würde nur eine bestimmte Berufsgruppe repräsentieren: im Bezug auf unsere Tagung wären dies afrikanische und europäische Journalisten. Die Digitalisierung beschleunigt die Informationsbeschaffung. Trotz dieser Entwicklung muss der Journalismus auch zukünftig professionell und authentisch bleiben. Dies bringt Jochen Spangenberg in seiner Keynote auf den Punkt: „Get it first, but first get it right.“