Dr. Hamidis Mission Wissenschaftliche Betrachtung einer Heimat

Dr. Hamidi spricht langsam und deutlich. Er wirkt unaufgeregt, geht nicht hin und her, referiert im nüchternen Ton. Hamidi bedeutet sein Thema viel, denn es hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Auf der Bildkorrekturen Konferenz beschreibt Hamidi im Afghanistan-Panel die wissenschaftliche Sicht auf sein Land. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich „Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Leipzig. Ursprünglich sollte seine Biographie eine andere werden. Medizin studieren sollte er, so der Wunsch seiner Eltern, als er sein Abitur in Afghanistan abschloss. Eine rationale Entscheidung. Eine vielversprechende Profession in dem durch Unruhen gezeichnetem Land.

Vom Bürgerkrieg nach Deutschland

Als eines von acht Kindern erlebte Kefa Hamidi seine Jugend in der islamischen Republik. „Heute“, so Hamidi, „habe ich meine Familie hier“. Mit Frau und Kindern lebt er in Leipzig. Geprägt und sozialisiert wurde Hamidi jedoch in einer anderen Kultur, fern ab der deutschen. Mit 18 Jahren musste sich Hamidi dieser Herausforderung stellen. Sein Land und seine afghanische Familie verlassen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges bewegte ihn dazu, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Doch Dr. Hamidi ließ nicht alles in Afghanistan zurück. Der Wunsch, zu studieren und sich weiterzubilden war ein ständiger Begleiter.

Kommunikationswissenschaft, ein Zufall.

Vier Jahre lang musste Hamidi sein Ziel zurückstellen, denn während er in Deutschland auf die Bewilligung seines politischen Asyls wartete, durfte er weder studieren, noch arbeiten. „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die auch alle Flüchtlinge hier machen“, resümiert er. Mit viel Unterstützung und Geduld kam 1996 schließlich die gute Nachricht, das gute Gefühl. Hamidi durfte bleiben und das Flüchtlingsheim verlassen, um endlich zu studieren. Als seine größte Herausforderung sieht er heute jedoch nicht sein Studium. Nein, nicht einmal den Umweg von einem abgebrochenen Jurastudium, über ein Doppelstudium der Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache bis hin zum Abschluss in Kommunikationswissenschaft im Jahr 2006. „Die größte Herausforderung war“, so Hamidi, „sich hier zu integrieren“. Sich zu beweisen und mehr zu leisten als der Durchschnitt. Besser zu sein als die anderen. Ein Streben, das durch den Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft geprägt wurde. Akzeptanz ist für Hamidi nicht gleichbedeutend mit Leistungsorientierung. Es bedeutet für ihn, sich nach 18 Jahren Sozialisation in Afghanistan, in einer neuen Umgebung, einem neuen Sozialisationskontext, zurechtfinden zu können. Das hat er geschafft. „Ich denke auf Deutsch“, sagt er. Das sage wohl alles.

Zwischen Information und Mission

Ganz zurückgelassen hat er seine Heimat aber nie. In der Magisterarbeit greift er seine Wurzeln in einem völlig neuen Kontext auf: Aus der Sicht der Wissenschaft. „Was in Afghanistan um 2005/2006 geschehen ist war ein weltweites Thema. Ein wichtiges Ereignis in der Weltpolitik. Diese Diskussion hat auch mich geprägt“, erklärt er. Jene Veränderungen wurden anschließend auch Schwerpunkt seiner Doktorarbeit. Unter dem Titel „Zwischen Information und Mission“ erforschte Hamidi berufliche Einstellungen und Leistungen von Journalisten in Afghanistan: Sie verstehen sich einerseits als Informationsvermittler, wie deutsche Journalisten auch. Andererseits sind sie geprägt von ihrer Mission etwas Positives zu bewirken, indem sie etwa Missstände thematisieren um zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, statt aus Angst zu schweigen.

Information und Mission: Der Titel seiner Doktorarbeit ist ebenfalls eng verbunden mit Hamidis persönlicher Geschichte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig steht er heute vor einer ähnlichen Zweiteilung. Er will einerseits die rasanten Entwicklungen in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht reflektieren, andererseits die Außensicht auf sein früheres Heimatland korrigieren. „Die Berichterstattung über Afghanistan ist allzu oft schwarz-weiß.“ Es gebe in der Sicht von außen nur Gut und Böse. „Es könnte eine Aufgabe sein, das Facettenreichtum zu erklären“, findet er. Denn das Selbstverständnis der afghanischen Journalisten weicht kaum von dem der europäischen Kollegen ab. Ihr Beitrag zur Demokratie wird dennoch häufig unterschätzt.

Machen müssen sie es selbst“

Hamidi blickt optimistisch auf Afghanistan und seinen Weg zur Demokratisierung nach dem Taliban-Regime: „Ich sehe, dass sich viel in dem Land geändert hat, seit ich es verlassen habe. Trotz aller Probleme glaube ich, dass das Land es schaffen wird.“ Wie auch Dr. Hamidi, muss Afghanistan seinen Weg bestreiten, seine Prüfung bestehen. Unterstützung von außen wie den deutschen Bundeswehr-Einsatz hält er dabei für notwendig. Doch die politische Stabilisierung des Landes kann nicht allein durch fremde Hilfe geschehen. Für Hamidi bleibt eine Voraussetzung unabdingbar: „Machen müssen die Afghanen es selbst.“