Stereotype und Schicksalssinfonien Khadija El Alaoui führt ein Leben gegen Vorurteile. Nach Jahren in Marokko, Deutschland und Nordamerika brachte ihre Forschung sie und ihre Tochter nach Saudi-Arabien. Unterdrückt fühlt sie sich nirgendwo.

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Eine Familie am Strand von al-Chubar – Saudi Arabien (Foto: marviikad unter CC BY-SA 3.0)

Wäre Beethoven nicht gewesen, Khadija El Alaoui hätte Marokko vielleicht nie verlassen. Das Studium in Deutschland wäre ein Traum geblieben, die Karriere als Wissenschaftlerin in den USA und Kanada hätte sie nicht eingeschlagen. Möglicherweise hätte sie sich auch nicht für ihr heutiges Leben in Saudi-Arabien entschieden – ein Land, von dem es heißt, Frauen würden unterdrückt werden. Doch El Alaoui kennt Beethoven sehr gut. Immer wenn sie nervös war oder skeptisch, lauschte sie seiner „Schicksalssinfonie“. „Alle Schwierigkeiten schienen lösbar“, sagt sie in arabisch eingefärbten Englisch. „Ich habe zugehört und gewusst, dass ich bereit bin weiterzuziehen.“ Immer mit dem Ziel, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Zwischen al-Chubar und München liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten

El Alaouis Gesicht ist verpixelt. Das Orange ihres Kopftuches sticht hervor, beißt sich mit dem blauen Pullover. Die Skype-Verbindung zwischen München und al-Chubar in Saudi-Arabien, wo die 45 Jahre alte Frau heute lebt, ist schlecht. Dazwischen liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten. Erst als sie die Kamera deaktiviert, wird der Ton besser. El Alaoui kann ungestört erzählen – von klassischer Musik und von ihrem Lebensweg. Er hat sie vor zwei Jahren zu einer Lehrstelle an die Prince Mohammad bin Fahd University geführt, wo sie die Geschichte der US-arabischen Beziehungen erforscht, und in das kleine Haus, in dessen Esszimmer sie sitzt.

Ihren Alltag in der 160.000-Einwohnerstadt al-Chubar widmet El Alaloui den Frauen: In ihrem Drei-Zimmer-Häuschen lebt sie mit ihrer 14 Jahre alten Tochter, an der Universität unterrichtet sie ausschließlich Studentinnen. Dass sie die Seminare getrennt von ihren männlichen Kommilitonen besuchen müssen, kritisiert die Geschichtsdozentin nicht. Vielmehr stört es sie, wie die jungen Frauen im Ausland wahrgenommen werden. „Die Menschen erwarten schüchterne Mädchen, die sich nicht artikulieren können“, sagt El Alaoui. Dieses Bild sei falsch.

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. "Ich reise mehr mit meinen Augen", sagt sie. (Foto: privat)

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. „Ich reise mehr mit meinen Augen“, sagt sie (Foto: privat)

Um es zu widerlegen, erzählt sie von einem gesellschaftskritischen Referat dreier Studentinnen über die Sucht nach Smartphones als Form moderner Sklaverei. Mit ihrem Lehrauftrag möchte El Alaoui vor allem eines erreichen: „Das vielleicht Wichtigste für mich ist es, meinen Studentinnen neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen und ihr kritisches Denken zu fördern.“

Eine einzige Geschichte über andere

Den Anspruch an Offenheit stellt El Alaoui auch an sich. Durch ihre Reisen versucht sie, ihm gerecht zu werden. Als sie eines Tages die Antwort auf die längst vergessene Bewerbung für die Prince Mohammad bin Fahd University bekam, überlegte sie nicht lange. Trotz der Einwände ihrer Freunde. Die europäischen sprachen von Unterdrückung und Kopftüchern, die marokkanischen von Konsumsucht und Oberflächlichkeit. Gerade diese Vorurteile haben sie an der Stelle gereizt. „Ein Stereotyp entsteht, wenn man nur eine einzige Geschichte über die anderen kennt”, sagt el Alaoui. „Ich will mich deswegen mit den Menschen zusammensetzen, um zu begreifen, wie vielfältig ein Land wie Saudi-Arabien ist.”

„Ich weiß, darin bin ich gescheitert“

Mit ihren 45 Jahren kann El Alaoui viele Geschichten erzählen. Einige der schönsten handeln von ihrer Zeit in Dresden, wo sie erst Amerikanistik studierte und später ihre Doktorarbeit verfasste: Sie ging in die Oper und besuchte den Weihnachtsmarkt, sie verliebte sich in den süßen Geruch gebrannter Mandeln und lachte über die Witze ihrer deutschen Freunde. Beim Erinnern wird El Alaouis Stimme sanfter, sie lacht. „Mir fehlen die Geschenke.“ Eine besondere Verbindung zu Deutschland wird ihr bleiben. Ihre Tochter Sara ist dort geboren, bei ihrem Vater verbringt sie jeden Sommer und die Festtage. Als „wundervolle, großzügige“ Menschen beschreibt El Alaoui dessen Familie. 2008 führte sie ihr damaliger Forschungsschwerpunkt „Amerikanische Beziehungen” dennoch weg aus Dresden: an das Vassar College in New York. Für ihre Karriere war das ein wichtiger Schritt, trotzdem fiel ihr die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, niemals leicht: „Als Mutter hatte ich damit zu kämpfen, dass wir so oft umgezogen sind und ich Sara nicht immer ein stabiles Umfeld bieten konnte”, sagt El Alaoui. „Ich weiß, darin bin ich gescheitert.”

„Glücklich sein kann man überall“

Damit Sara mit Gleichaltrigen aufwachsen konnte, lebte die kleine Familie nach der Zeit in den USA bei El Alaouis Bruder, dessen Frau und Kindern in Montreal. Sie blieben zwei Jahre, dann kam die Einladung nach al-Chubar. Auch für ihre Tochter sah El Alaoui eine Chance: die, die Welt in all ihren Facetten zu erfahren. Das Mädchen bleibt in ihren Entscheidungen frei, ein Kopftuch trägt sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht.

In dem Leben, das sich die beiden in den letzten 23 Monaten in Saudi-Arabien aufgebaut haben, fehlt El Alaoui nur weniges. „Ich vermisse die Märkte in Dresden, den wöchentlichen El-beflohmarkt und die vielen Cafés und kleinen Läden, die die Louisenstraße pflastern, in der ichgelebt habe“, sagt sie. „In den Straßen ist so viel Leben. Das erinnert mich an meine Heimat-stadt Casablanca.” Ihr Glück jedoch will sie nicht von ihrer Umgebung abhängig machen. Sich nirgends zu Hause fühlen – das ist es, was die Lehrerin zu erreichen versucht: „Glücklich sein kann man überall, solange man das Gefühl in sich trägt. Ich bin es im Dialog mit anderen.”