Wellen der Hoffnung

Das afghanische Frauenbild scheint so zerrüttet wie die Gesellschaft, aus der es hervorgeht. Doch der Wille zur Veränderung wächst: Seit 2007 gibt es Nargis FM, einen Radiosender von Frauen für Frauen.

„Ich frage mich, wie man das alles schafft“, sagt der Moderator und Übersetzer des Vortrags, Kefa Hamidi, und wirft Shahllah Shaiq einen Blick zu. Sie ist afghanische Journalistin, Leiterin eines Frauenradios und einer Frauenhilfsorganisation, nebenbei studiert sie politische Rechtswissenschaft und ist Mutter von vier Kindern. Shaiq hat viel erreicht: Seit neun Jahren läuft ihr Radiosender Nargis FM in vielen afghanischen Haushalten. Und die Hörerschaft wächst stetig.

Im Sinne der Aufklärung

Zusammen mit zehn anderen Journalistinnen produziert Shaiq Beiträge für Frauen. Es geht um Gesundheit, Bildung und Unterhaltung. Gleichzeitig ist Nargis FM ein Sprachrohr für Frauen: Zuhörerinnen können während der Sendungen ihre Probleme schildern und Fragen stellen. „Unsere Intention ist es nicht, zu polarisieren oder den Kritikern zu sagen, was sie falsch machen, sondern die Gesellschaft aufzuklären“, sagt Shaiq. Die Stellung der Frau ist ein sensibles Thema in der patriarchisch geprägten Welt Afghanistans. Da braucht es Fingerspitzengefühl: „Wir versuchen, unsere Botschaften indirekt zu vermitteln. Wir passen unsere Sprache an und achten auf regionale Traditionen.“

Veränderung von unten

Der Sender, der seinen Sitz in Dschalalabad hat, richtet sich dabei nicht ausschließlich an Frauen, gezielt sollen auch Männer angesprochen werden. „Väter und Ehemänner müssen einsehen, welche Vorteile es hat, wenn Frauen eine gute Bildung genießen und arbeiten gehen.“ Diese Veränderung müsse auf der untersten Ebene beginnen – das heißt in den Familien. Nur so könne sich auch im Großen, beispielsweise in der Frauenpolitik, etwas ändern. Wenn Shaiq betont, wie wichtig die Unterstützung der Familie – vor allem ihrer männlichen Mitglieder – für ein Weiterkommen der Frauen sei, weiß sie wovon sie redet: Nargis FM gehört Shaiq Network, einer Firma, die 1996 von Shahllah Shaiqs Ehemann Shafiq Shaiq gegründet wurde. Neben Nargis FM betreibt Shaiq Network die Zeitung Sharq Weekly, die Radiosender Sharq FM und Menbar Radio FM, Sharq TV und die Produktionsfirma Shaiq Film. Darüber hinaus engagiert sich die private Organisation vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung: Beispielsweise wurden ein Bildungscenter für Waisenmädchen und eine Klinik gegründet sowie ein Zehn-Kilometer-Lauf gegen Drogen und Workshops zum Umgang mit Computern organisiert.

Ein Leben in Angst

Im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen spielen die Medien eine wichtige Rolle, insbesondere das Radio. Denn speziell Nargis FM sendet, nach eigenen Angaben, in einer Region, in der die Analphabetenrate der Frauen knapp unter hundert Prozent liegt. Aber: „In jeder Familie, ob auf dem Land oder in der Stadt, gibt es ein Radio. Unsere Botschaften haben dadurch eine sehr große Reichweite.“ Und langsam zeigen sich erste Erfolge: Immer mehr Männer hören Shaiqs Sender. Manche von ihnen begleiten ihre Frauen sogar zu Interviewterminen ins Studio.

Aber die positiven Entwicklungen werden oft überschattet – von Angst, Hass und Missgunst. Shaiq und ihr Team mussten in den letzten Jahren viele Rückschläge verkraften: „Wir haben von vielen Seiten Drohungen erhalten: von konservativen Gruppen und religiösen Führern.“ Insgesamt wurden vier Anschläge auf das Gebäude des Senders verübt. „Wir leben in ständiger Angst“, sagt die Journalistin. Außerhalb des Studios hat sie einen eigenen Fahrer. Eine Sicherheitsperson ist immer an ihrer Seite. Will sie alleine auf die Straße gehen, muss sie sich eine Burka überziehen, um nicht erkannt zu werden. Sie steht täglich in der Öffentlichkeit, führt aber ein Leben im Verborgenen.

                                                                            „Wir kämpfen weiter“

Aufgeben will sie dennoch nicht. „Wir kämpfen weiter. Nur so können wir eine Veränderung in der Gesellschaft hervorrufen. Es geht uns auch um die nächste Generation.“ Shaiqs Arbeit geht deshalb über die reine Aufklärungsarbeit hinaus: „Viele Frauen brauchen psychologische Hilfe und Unterstützung im Alltag.“ Heela Social Association, die Frauenhilfsorganisation, die 2009 gegründet wurde, unterstützt vor allem Frauen in ärmeren Verhältnissen: Hier lernen sie einfache Handwerksarbeiten oder lesen und schreiben. „Wenn eine Frau arbeitet, profitiert die ganze Familie. Das Geld können sie wieder in die Bildung der Kinder investieren.“ Shaiqs Radiosendungen bieten der Stimme der afghanischen Frauen eine Plattform. Hier können sie ihre Meinung äußern, hier werden sie gehört.