Lasst die Flieger am Boden

Ein Jahr das Auto stehen lassen oder gleich den Tourismus einschränken: Warum nicht mal drüber nachdenken?

Von Theresa Moebus

„Warum sollten wir den Tourismus nicht einfach verbieten?“, kommt die Frage aus dem Publikum. Schauplatz: eine Podiumsdiskussion zum Tourismus und seiner Auswirkungen auf die Umwelt.

Doch statt einer Antwort: gönnerhaftes Kichern und verächtliches Kopfschütteln in den Reihen der Zuhörer. Und die Diskutanten – darunter die Botschafterin El Salvadors und Antje Monshausen von der tourismuskritischen Organisation Tourism Watch – können die Absurdität des Vorschlags gar nicht genug betonen. Das Mikrofon wird schnell weitergereicht, Lobeshymnen auf den positiven Einfluss des Tourismus gesungen. Was für eine absurde Frage!2. Szene, Samstag früh, Einführung in den nachhaltigen Tourismus von der Tourismusexpertin Birgit Steck . Der Flug von Deutschland nach New York soll die Umweltbelastung durch das Reisen verdeutlichen. „Wissen Sie, wie lange man ein Auto als Ausgleich für diesen Flug stehen lassen müsste?“ fragt Steck. „1 Jahr!“ Das gönnerhafte Kichern bleibt aus, das verächtliche Kopfschütteln bewegt sich wieder durch den Raum. Birgit Steck nimmt das sofort auf: Natürlich könne das keiner verlangen, sein Auto ein ganzes Jahr stehen lassen! Stattdessen solle man lange in New York Urlaub machen und seinen CO2-Ausstoß durch Spenden an grüne Projekte kompensieren.

Erzeugen wir eine dritte, imaginäre Szene zu diesen zwei realen der Bildkorrekturen 2013: ein Tourismusverbot und ein Jahr lang aufs Auto verzichten. Nur diesmal: einfach mal drüber nachdenken statt abwiegeln.

Tourismusverbot klingt erst einmal absurd und abschreckend – und zu Recht kommt man zu dem Schluss, dass ein Reiseverbot für den Menschen mehr vernichtet als es erhält. Aber warum nicht weiter denken? Auch wenn man keine Mauer bauen will, darf man sich schon die Frage stellen, ob es in Zukunft für jeden Menschen auf der Welt das Menschenrecht schlechthin sein kann, im nur halb besetzten Flugzeug jederzeit irgendwohin zu düsen – nur so zum Spaß. Man könnte sich fragen, ob Regelungen oder Beschränkungen von Touristen in einigen Regionen nicht überfällig sind. Man könnte sich dieser Zeigefingerpolitik aber auch entledigen und trotzdem neue Ideen entwickeln: etwa wie sich touristische Routen besser mit den Wegen von Gütern und Einheimischen verbinden lassen. Man könnte sich überlegen, ob einheimischer oder naheliegender Tourismus nicht stärker gefordert und gefördert sein sollte. Man könnte sich auch einfach darüber streiten, warum Bahn fahren oft viel teurer ist als gleich mit dem Flugzeug abzuheben.

Eine Spende, um das Gewissen zu beruhigen?

Auch das Auto ein Jahr lang stehen zu lassen, klingt zunächst realitätsfern. Aber wäre es nicht das Ehrlichste, das Grünste, das Nachhaltigste (und das Radikalste)? Könnte man nicht wenigstens so ehrlich sein, zu sagen: Trotz Spenden an grüne Projekte ist es der einzige, tatsächliche Ausgleich von CO2, den es geben kann? Natürlich ist es nett, einen Brunnen in Afrika zu unterstützen oder einen Baum zu pflanzen – solche Projekte sind aber nicht nur deshalb sinnvoll, weil man sich in ein Flugzeug gesetzt hat. Dann nämlich gibt man sein eigenes Problem und die eigene Verantwortung durch eine kleine Spende einfach ab – an Afrika oder ein kleines Bäumchen, was erst in Jahrzehnten so viel CO2 umwandeln kann, wie es einem die CO2-Rechner vormachen wollen. Kohlenstoffdioxid – und nebenbei noch Stickoxide und Wasserdampf – sind durch den eigenen Flug nun schon mal in der Atmosphäre. Die „Ich mach’s wieder gut“-Mentalität ist vielleicht besser als nichts, aber der nachhaltigste Weg bleibt, das CO2 selbst einzusparen. Über dieses Einsparen könnte man dann, auch über das Auto hinaus, einmal nachdenken.

Ob dieses Gedankenexperiment die richtigen Antworten zur NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." liefert? Vielleicht liefert es nicht die richtigen Antworten – sofern es diese geben kann – aber es zeigt, dass die Fragen richtig sind. Sie können absurd, naiv, dumm oder realitätsfern sein. Aber sie sind dann richtig, wenn sie überhaupt erst zum Nachdenken anregen, statt nur beruhigende Phrasen und grüne, gute Laune zu erzeugen.

Vielleicht können ja alle weiterhin um die Welt fliegen, solange sie nur genug Bäumchen pflanzen und sich ihren Jahresurlaub an einem Stück nehmen. Vielleicht wird ja alles nicht so schlimm, vielleicht ändert sich das Klima gar nicht wirklich, sondern nur ein bisschen. Wirklich wissen tut es schließlich niemand. Vielleicht ist es aber gerade dann sinnvoll, in einer NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sdebatte vom schlimmsten auszugehen und Änderungen wenigstens im ersten Schritt zu denken. Wenn es dann gar nicht so schlimm wird, dann hat man eben was getan; schaden wird es wohl nicht. Wenn es dann schlimm wird – dann hat man immerhin was getan. Am Anfang stünde aber das Nachdenken, ganz ohne Kichern und Kopfschütteln.