Afghanistan im Aufbruch? Das Land aus den Augen einer deutschen Journalistin Die Chance auf Veränderung wird in Afghanistan ausgebremst durch Gewalt und Terror. Spiegel-Korrespondentin Susanne Koelbl kennt die Zerrissenheit des Landes.

Susanne Koelbl, Auslandsreporterin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, spricht aus ihrer Erfahrung von Einsätzen in Kriegs- und Krisenregionen in Afghanistan.

Afghanistan ist wie ein Kaleidoskop, Mosaikteilchen, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Ein Land, schillernd und zerrissen zugleich. Wo verschiedene Ethnien koexistieren, wo immer wieder von neuem Gewalt ausbricht, ist es schwierig, Stabilität zu schaffen.

Trotzdem hat sich viel getan in den letzten 15 Jahren, seit Susanne Koelbl für den Spiegel vor Ort ist. Die Digitalisierung findet auch hier statt und eröffnet neue Möglichkeiten. „Afghanistan ist nicht mehr isoliert“, sagt Koelbl, „früher haben die Leute keine Chance gehabt, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen“. Auch die internationalen Bemühungen zeigen Wirkung, Institutionen konnten entstehen, Medienhäuser wurden gegründet, Krankenhäuser errichtet.

Gleichzeitig wird es wieder gefährlicher im Land. „Es gibt Fortschritte und Rückschritte gleichzeitig, das läuft parallel“, meint Koelbl. Das Hauptproblem sei die herrschende Ungerechtigkeit. Die Afghanen erlebten ihre Regierung als korrupt und die Taliban als gewalttätig.

 

Das Patriarchat gefährdet die Stärke der Frauen

Dem Land fehlt es an Sicherheit. Das bedroht insbesondere die Frauen, deren Stimme vom Patriarchat erstickt wird. „Sie sind fast unsichtbar in der Gesellschaft“, bedauert Koelbl. Frauen können sich nur mit Unterstützung der Männer verwirklichen. Diese Abhängigkeit kann für sie gefährlich werden. So wie am 28. September 2015, als das Feuer der Taliban die Stadt Kundus erreichte.

In Kundus gibt es ein Frauenhaus für Opfer von Gewalt, unterstützt von der NGO Women for Afghan Women. Für die konservativen Kreise ist ein solches Projekt die Spitze der Provokation, erklärt Koelbl. Als die Taliban vorübergehend die Stadt eroberten, sei ein Angriff vorprogrammiert gewesen. Doch niemand der Sicherheitskräfte brachte die Bewohnerinnen in Sicherheit. Als die Leiterin des Frauenhauses wegen der immer lauter werdenden Schüsse und den Explosionen von Mörser-Granaten nachts die Polizei anrief, erfuhr sie, dass weder die Polizisten noch die Armee in der Stadt waren. „Sie waren einfach geflohen, ohne die Stadt zu verteidigen“, erinnert sich Koelbl. Die Leiterin des Frauenhauses flüchtete daraufhin selbst unter großem Risiko mit ihren Schützlingen in einem Mini-Van aus der Stadt. Alle überlebten. „Es gibt sehr starke Frauen dort“, sagt Koelbl, doch „sie können nie wissen, wie lange ihre Unterstützung durch Väter, Onkel, Brüder anhält“.

 

Die junge Elite flieht vor der Korruption

Wegen der schlechten Sicherheitslage verlässt die junge Elite inzwischen wieder das Land. Sie wollen aufbrechen zu neuen Ufern und zahlen dafür bis zu 18.000 Dollar. „Schlepper gibt es dort wie Sand am Meer“, beobachtet Koelbl. Viele der gut ausgebildeten Frauen und Männer sehen keine ökonomische Perspektive, aber auch wer das System reformieren will, gerät schnell unter Druck. Journalistin Koelbl berichtet von einem jungen Mann, der aufgrund eines kritischen Artikels über die Selbstgerechtigkeit von Moslems, vor das lokale Ulema Council vorgeladen wurde, ein Scharia-Gericht. „Argumentiert wird mit dem Islam, aber gemeint ist eigentlich das patriarchalische Machtgefüge, da kommen sie nicht dagegen an“, fasst Koelbl die Lage zusammen, „Religion wird benutzt, um die eigenen Machtinteressen durchzusetzen“. Afghanistan verliert damit die Menschen, die das Land stabilisieren könnten und den Modernisierungstrend fortführen.

 

Leben mit dem Terror 

Koelbls Ausführungen machen deutlich, dass die Menschen in Afghanistan mit der ständigen Bedrohung leben. Trotzdem ist die Stereotypisierung von „Regierung gut, Taliban böse“ zu kurz gedacht: „Es geht um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit wird auch von der Regierung nicht hergestellt“, erklärt Koelbl, „deswegen wechseln viele Leute die Seite, nicht weil sie fundamentalistisch sind, sondern weil sie enttäuscht sind“.

Das Verbrämen mit religiösem Gedankengut mischt sich mit in die Gerechtigkeitsfrage, meint Koelbl: „Die islamistischen Gruppen haben ein anderes politisches Ziel, die wollen eine andere Regierung und mit ihr eine andere Lebensform durchsetzen.“ Diese an der Religion orientierte Lebensform unterstütze den Machtanspruch der Islamisten, als Gegenpol zu einer dem Westen zugewandten Gesellschaft. In der Folge wächst die Gewalt, so Koelbl: „Es ist Krieg, und jeder kämpft mit anderen Mitteln.“

Und was bedeutet das für uns Europäer? Auch wir hätten uns, meint die Journalistin, inzwischen gedanklich an die Existenz von Selbstmordattentätern gewöhnt. Jetzt rückt der Terror näher, erst London, dann Madrid, jetzt Paris. „Terror wird uns die nächsten Jahre begleiten“, sagt Susanne Koelbl, „das heißt aber nicht, dass er übernehmen wird, ich bin optimistisch, dass unsere Staaten stark sind.“ Diese Stärke ist es, die Europa von Afghanistan unterscheidet. Das Kaleidoskop braucht Zeit, um zu einem festen Mosaik werden zu können.

 

Foto: Christiane Fritsch