„Ich trug zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“ Seit rund 15 Jahren berichtet Susanne Koelbl als Journalistin über Afghanistan. Ihr Geschlecht war ihr bei der Arbeit aber nie ein Nachteil – bis auf einige Ausnahmen.

Ein selbstbewusster Blick, der graue Anzug passt perfekt, das Makeup sitzt und auch die blonde Frisur ist makellos. Dennoch ist in Susanne Koelbls Gesicht ein Hauch von Müdigkeit und Überanstrengung zu sehen. Kein Wunder, die erfahrene Journalistin hat eine lange Reise hinter sich: Sie kommt geradewegs aus dem fernen Afghanistan, um den Interessierten der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig Rede und Antwort stehen zu können. Gerade noch rechtzeitig hat sie es zu ihrem Panel geschafft. Jedoch muss sich Koelbl mehrmals aufgrund eines Hustenanfalls kurz vom Publikum entschuldigen: Anzeichen einer anrollenden Erkältung.

Afghanistan: ein zerrissenes Land                     

Doch was hatte Koelbl in Afghanistan zu suchen? Das Land befindet sich seit rund 40 Jahren im Bürgerkrieg und gilt aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse vor allem für Frauen als heißes Pflaster. Ganz einfach: Koelbl ist Auslandsreporterin für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 1991 berichtet sie aus den verschiedensten Krisenregionen der Welt, darunter auch Afghanistan.

„Das Land nötigt einem ein gewisses Wachstum ab“, sagt Koelbl. „Das ist natürlich eine sehr fremde Welt gewesen und ich bin da hinein gewachsen – das ist ein sehr interessantes Land“.

Trotzdem bewertet Koelbl die Lage in Afghanistan negativ: „Das Land ist in keinem guten Zustand“, berichtet sie. „Die Armee ist zu schwach, um es zu kontrollieren“. Afghanistan hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel erlebt: Erst die Besatzung durch die Sowjetunion in den siebziger Jahren, dann die Herrschaft der Mudschahedin sowie Taliban und schließlich die Intervention westlichen Mächte zur Bekämpfung der Unterdrückung. Letzteres hat aber wenig Erfolg gezeigt, nicht zuletzt wegen der vielen, rivalisierenden Ethnien im Land sowie Korruption in Politik und Gesellschaft.

Politik ist wichtiger als Religion

Die kritische Situation im Land und den wiedererstarkenden Einfluss der Taliban hat auch Koelbl zu spüren bekommen. Auf ihrem Weg zurück nach Deutschland war sie gezwungen, eine gefährliche achtstündige Autofahrt von der Provinz Kunduz in die Hauptstadt Kabul zu unternehmen. Die Provinzhauptstadt wurde erst vor kurzem vorübergehend von den Taliban eingenommen: „Aus Sicherheitsgründen trug ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“, sagt sie.

Es gab noch eine andere Situation, in dem ihr Geschlecht ein Nachteil war – nämlich als sie ein Interview mit Abdul Rasul Sayyaf, einem afghanischen Politiker und Salafisten, führen wollte. „Er hat enge Beziehungen zu den Fundamentalisten in Saudi Arabien und hat mich viele Jahre nicht empfangen,  angeblich weil er keine weiblichen Journalisten als Gesprächspartner akzeptiert“, sagt Koelbl. Sayyafs Meinung änderte sich jedoch schlagartig, als er bei dem letzten Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat antrat. „Sie sehen also, diese religiösen Überzeugungen werden gelegentlich auch einmal umgebogen, wenn es nützlich ist“.

Ansonsten hat Koelbl an sich keine großen Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts gespürt: „Ich fühle mich mehr benachteiligt, weil ich keine Amerikanerin bin, bei den US-Top Shots, aber ich fühlte mich nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin“.

Viel gelernt in Afghanistan

Das Land hat viel von Koelbl gefordert, aber auch einiges zurückgegeben. „Afghanistan hat mich gezwungen, den Kontext besser zu verstehen“, erzählt sie. Die vielen und involvierten Länder, so wie Pakistan, USA, Russland und China haben von ihr abverlangt, sich weiter mit der Materie auseinanderzusetzen. Dazu war sie unter anderem nach Saudi Arabien gereist, hat neun Monate an der Universität von Michigan über die Konflikte im Nahen Osten geforscht und auch einige Zeit in China gewohnt, um ein sich Bild der dortigen Interessen zu verschaffen.

Nicht alles ist schwarz

Trotz des Krieges und der Korruption hat Afghanistan aber auch seine guten Seiten. Koelbl berichtet von der Treue und Freundlichkeit der Menschen, „die mich tief berühren“. So erzählt die Reporterin, wie sie zuletzt im November im Land noch zwei Weihnachtsgeschenke gekauft hat und ein Schmuckstück erwerben wollte. Dazu brachte sie dem Juwelier ein Beispiel: Einen gefassten Stein, den sie dann aber auf dessen Verkaufstresen vergaß. Zu ihrem Glück kam der Mann Koelbl aber hinterhergelaufen, als sie noch einmal an seinem Stand vorbeikam. Er brachte den vergessenen Gegenstand zurück. Und das, obwohl die Journalistin schon lange fort war.