Nobelpreisverdächtig Interview mit Nahid Shahalimi

Skaterinnen und Radiomacherinnen, Volleyballspielerinnen und Architektinnen: Die Künstlerin Nahid Shahalimi hat sich auf die Suche nach Afghanistans starken Frauen gemacht.

Frau Shahalimi, mit zwölf Jahren mussten Sie mit Ihrer Familie vor den Sowjets aus Afghanistan fliehen. Polemisch gefragt: War diese Zeit nicht die beste für afghanische Frauen?

Nahid Shahalimi: Frauen hatten unter den Sowjets mehr Rechte, das steht fest – etwa einen Zugang zu Bildung. Aber ob es besser war? Es war sicherlich besser als jetzt. Was die Ideologie angeht: Ich glaube, Afghanistan wäre heute ohne die Sowjets ganz anders. Unter den Sowjets konnte eine junge Parteigängerin in der Öffentlichkeit mit ihrem Freund spazieren gehen. Das hat viele afghanische Männer in Rage versetzt, die nicht an einen solchen Anblick gewöhnt waren. Die Taliban sind nach den Sowjets später ins andere Extrem gefallen. Langfristig hat das Afghanistan also vielleicht geschadet.

Sie arbeiten gerade an einem Buch: Darin porträtieren Sie starke, unabhängige Frauen aus Afghanistan – Volleyballspielerinnen, Radiomacherinnen und skatende Mädchen. Was war die Idee dahinter?

Mein ganzes Leben lang war ich umgeben von starken und wundervollen Frauen. Ich hatte keinen Bruder und als mein Vater verstarb, fehlte mir die Vaterfigur. Das hat mir gezeigt, wie viel Kraft eigentlich in mir selbst steckt. Meine Mutter wurde für mich Mutter, Vater und Freundin gleichzeitig – sie ist die stärkste Frau, die ich kenne. Ein Kunstprojekt wie We, the women, in dem ich spannende Frauen porträtiere, war eigentlich vorprogrammiert. Ich habe so viele fantastische Frauen in Afghanistan gefunden, dass ich beinahe schockiert war. Es gibt hunderte davon – und alle wären in meinen Augen gute Anwärterinnen auf den Friedensnobelpreis.

Haben Sie sich denn da nicht nur die Ausnahmen herausgepickt?

Ausnahmen sind diese Frauen nur in den Augen der internationalen Öffentlichkeit. Vor dem Projekt hat mich einmal eine afghanische Frau gefragt: „Nahid, glaubst du nicht, dass wir tausende Malalas in Afghanistan haben?“ (Anm. d. Red.: Malala Yousafzai ist eine pakistanische Kinderrechtlerin, die 2014 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.) Was Malala zugestoßen ist und wie sie diese Tragödie zum Guten gewandt hat – dieses Schicksal trifft auf viele Frauen Afghanistans zu. Die Frauen, die ich getroffen habe, sind eine Inspiration für mich. Sie kämpfen ständig für das, woran sie glauben. Ihr einziges Verbrechen war, als Frau in dieser Kultur geboren zu sein. Das Verbindende zwischen ihnen ist ihre Furchtlosigkeit. Sie haben es satt, niedergedrückt zu werden. Dafür nehmen sie sogar den Tod in Kauf.

Kritiker könnten sagen, dass Sie die Frauen nach sehr westlichen Ideen von Erfolg ausgewählt haben. Da dreht sich alles um CEOs, um Architektinnen und Pilotinnen…

Na ja – die afghanische Kommandantin, die ich interviewt habe, ist eine siebzigjährige Analphabetin. Sie ist eine sehr traditionelle Frau und hat trotzdem lauter Männer unter sich. Den Westen hat sie nie besucht. Ich möchte Geschichten von ganz verschiedenen Frauen erzählen – Polizistinnen, Studentinnen, Prostituierten. Die afghanische Gesellschaft kennt ganz unterschiedliche Individuen. Häufig nimmt man den Frauen aber in der Berichterstattung diese Individualität. Ich bin wirklich enttäuscht von den internationalen Medien. Wir haben alle unsere eigenen Farben, und Journalisten werfen afghanischen Frauen alle in denselben Topf.

Aber die Berichterstattung geht doch über Stereotype hinaus. Einige der Frauen, die Sie porträtiert haben, waren auf der TIME-Liste der 100 wichtigsten Personen des Jahres.

In den USA wird vielleicht etwas mehr berichtet, aber auch das reicht nicht. In Deutschland kennt keine einzige Person, der ich begegnet bin, diese afghanischen Frauen. Alle waren sehr erstaunt, als ich ihre Geschichten erzählt habe. Ich habe viel recherchiert, und sogar für mich waren einige dieser starken Frauen neu. Wussten Sie beispielsweise, dass es ein Mädcheninternat in Kabul gibt?

Viele Emanzipations-Programme gehen von westlichen Organisationen aus. Können afghanische Frauen das auch ohne Anreiz von außen schaffen?

Noch nicht. Das hat mit konservativen Werte zu tun, die außerhalb der großen Städte tief in der Kultur verwurzelt sind. Die Sicherheitslage in Afghanistan bindet Frauen bis zu einem gewissen Grad die Hände. Ohne das Engagement des Westens – militärisch, logistisch, auch im Bildungsbereich – hätten Frauen viele Möglichkeiten nicht. Es gibt hier 20-Jährige, die fließend Englisch sprechen und es auch einem Programm der kanadischen Botschaft zu verdanken haben, dass sie heute Journalistinnen sind.

Letztes Jahr waren Sie zehn Mal in Afghanistan. Werden Sie bei Ihrer Rückkehr auch kritisiert?

Ja, ich bekomme sehr viel Kritik. Man sieht mich als Fremde, weil ich so lange weg war. Jemand hat einmal zu mir gesagt: „Deine Familie ist damals aus Afghanistan abgehauen, weil ihr Geld hattet. Wir dagegen sind geblieben und haben gekämpft. Und dafür unser Leben riskiert.“ Das ist wahr. Wir hatten das Geld, um die Schmuggler zu bezahlen. Wenn ich jetzt in Afghanistan unterwegs bin, habe ich genug Geld für einen Wächter, ein gepanzertes Auto, sichere Hotels. Da gibt es viel Neid – auch von Frauen. Warum ich nicht schon früher im Land war? Wenn diese Frage kommt, antworte ich: Na ja, ich bin doch jetzt hier!

Und akzeptieren die Frauen das?         

Ehrlich gesagt, das ist mir egal. Es ist mein Geburtsrecht, in Afghanistan zu sein. Vielen Leuten gefällt nicht, was ich tue. Sie werfen mir Steine in den Weg. Aber es macht mich glücklich, in Afghanistan zu sein, und ich weiß, dass ich dem Land viel zu geben habe. Wenn sich eine Tür schließt, klopfe ich solange, bis sich eine andere öffnet.

 

Elsbeth Föger