Ein Macbook voller Heldinnen

Mit 12 Jahren verlässt Nahid Shahalimi ihre Heimat Afghanistan, auf der Flucht vor der Sowjetarmee. Auch 30 Jahre später kehrt sie immer wieder zurück. Als Künstlerin und Aktivistin kämpft sie für die Rechte der Frau am Hindukusch.

Nahid Shahalimi möchte nicht über Steinigungen sprechen. Viel lieber erzählt sie gestenreich von Unternehmerinnen, Gründerinnen und Generalinnen. Nicht um Erfolgsgeschichten aus dem Westen geht es ihr dabei. „Ihre Frauen“ leben in einem Land, das noch immer mehr mit der Burka identifiziert wird als mit freiem, weiblichem Leben: Afghanistan.

Ihr Vater war Minister unter Afghanistans letztem König Mohammed Sahir Schah. Nach seinem Tod steht die Familie auf der Abschussliste der 1979 einmarschierenden Sowjetunion. Ihre Mutter flieht mit ihr nach Kanada, über Spanien und die USA. Heute lebt die 42-Jährige in München.

Ihre Mutter ist für sie die wichtigste Vorbildfigur, sagt Shahalimi und streicht sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. Ihr Engagement für Frauenrechte folgte daraus fast zwangsläufig, und auch ihre Wurzeln hat sie nie vergessen.

Von regelmäßigen Besuchen in der „alten Heimat“ bringt sie Geschichten mit, Einzelschicksale von Frauen, die Hoffnung machen für die Zukunft des gebeutelten Landes. Dutzende davon hat sie auf ihrem Macbook gespeichert, demnächst soll ein Buch erscheinen. Wenn sie darüber spricht, werden ihre Gesten noch ausladender, ihre Stimme lauter, ihre Sätze schneller. Sie erzählt von Roja Mahboob, CEO des ersten Tech-Unternehmens in Afghanistan, von der Ingenieurin Zakia Wardak und der Kampfpilotin Niloofar Rahmani.

Sie alle würden in den westlichen Medien nicht beachtet, seien aber die Puzzleteile dessen, was sie die „stille Revolution“ Afghanistans nennt. Ja, es gebe Steinigungen, Zwangsehen und Unterdrückung, sagt sie. Doch dies sei eben nur ein Teil der Wahrheit. Und wenn man Nahid Shahalimi zuhört, ihre Augen leuchtend vor Optimismus, fragt man sich tatsächlich, wie viel weibliches Potential westlichen Zeitungslesern noch unter einer medialen Burka verborgen bleibt.

Christian Simon