Von Pressefreiheit und Gender in der Türkei – eine Momentaufnahme Erfahrungen einer türkischen Journalistin

Angesichts der aktuellen Lage türkischer Medien, ist die Diskussion über GenderIm Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Im Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus.themen fast Luxus. Diesen Zustand verdeutlicht die Journalistin Sevgi Akarçeşme.

Ihre Miene ist ernst. Ihr Blick fest in die Kamera gerichtet. Ihre Mimik verleiht der Botschaft Nachdruck. Free Media cannot be silenced steht in weißen Großbuchstaben auf dem rot hinterlegten Plakat, das Sevgi Akarçeşme vor sich in die Höhe hält. Harte und ernüchternde Worte einer Journalistin aus der Türkei, einem Land, das unserem geographisch nahe, aber gesellschaftlich derzeit ferner nicht sein könnte. „Wir als Medienschaffende werden im Moment in der Türkei förmlich erstickt“, zieht die Journalistin ihr Fazit.

Schnell beleidigt

Pressefreiheit ist derzeit ein schwieriges Terrain in der Türkei. Unter dem Vorwand der Terrorgesetzgebung kann jeder, der sich regierungskritisch äußert, verhaftet werden. Aufgrund ihrer Multiplikatorfunktion fallen Journalisten häufiger als Zielscheibe ins Visier der Polizei, insbesondere Frauen. „Journalistinnen werden immer öfter gezielt angegriffen, da sie als verletzlich und schwach gelten“, erklärt Sevgi Akarçeşme. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Redaktionsdurchsuchung vom 14. Dezember 2014, die erste von zweien innerhalb eines Jahres:

„Es war einer der denkwürdigsten Momente während meiner bisherigen Tätigkeit. Wir warteten die ganze Nacht lang in der Redaktion. Wir warteten auf die Polizei. Als sie endlich da war, standen Hunderte Menschen draußen vor der Redaktion, vielleicht waren es um die Tausend. Wir protestierten friedlich. Sie nahmen unseren Chefredakteur fest.“

Ein Jahr später sitzt sie selbst auf der Anklageband. Der Vorwurf lautet Beleidung des Ministerpräsidenten Davutoğlu. Ein Nutzer hatte sich unter ihrem Tweet abfällig über diesen geäußert. De facto eine Verurteilung aufgrund des Kommentars eines Dritten. Ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung lautet die Strafe. Begeht sie dasselbe Vergehen innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut, tritt die Strafe in Kraft.

Quelle: Twitter / @SevgiAkarcesme

 

Twitter als Ventil der Gesellschaft

In der Türkei gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, regelmäßig auch in den sozialen Medien zu publizieren. Fast 110.000 Menschen folgen den Aktivitäten von Sevgi Akarçeşme auf Twitter. „Die sozialen Medien sind das einzige Milieu, in dem die Menschen ungefilterte Informationen erhalten. „Wenn man mutig genug ist, sich regierungskritisch zu äußern, fangen Menschen an, Dir zu folgen“, berichtet sie auf der Tagung.

 

 

 

„Manchmal bin ich es leid und möchte am liebsten aufgeben. Das ist natürlich nur meine innere Stimme. Dann wiederum denke ich, dass jede Nachricht, die ich schreibe oder mit meinen Followern teile, eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken kann. Wir sollten nicht aufgeben.“

Sevgi Akarçeşme ist eine Frau auf der Überholspur. Eine derjenigen, die Erfolg nicht vom Geschlecht abhängig machen. Das zeigt ihre jüngste Ernennung zur Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Zaman Today. Sie lässt auf einen positiven Schritt in der patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft hoffen.

Über Sevgi Akarçeşme

Sevgi Akarçeşme ist 1979 in Istanbul geboren und stammt aus einer religiös-traditionellen Familie. Sie studierte Politikwissenschaft, Öffentliche Verwaltung und Internationale Beziehungen in Ankara und Istanbul sowie in den USA. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Temple University und bei einem Think Tank, bevor sie im April 2008 in die Türkei zurückkehrte, um u.a. für die türkische Regierung tätig zu werden. Seit Juli 2012 arbeitet Sevgi Akarçeşme als Redakteurin für Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und Today’s Zaman, deren englischsprachige Ausgabe. Mitte Dezember 2015 wurde sie zur Chefredakteurin von Today’s Zaman befördert.

Ein kurzer Blick auf die türkische Medienlandschaft

Die Medienlandschaft ist wirtschaftlich stark konzentriert und mit anderen wirtschaftlichen Interessen in großen Holdings verbunden. Diese Verflechtung birgt Gefahren für die Pressefreiheit, da die Unternehmen wegen Aufträgen bemüht sind gute Beziehungen zu Regierungsstellen zu pflegen. Das Fernsehen ist oft staatlich gelenkt und gibt Informationen gar nicht, verfälscht oder regierungskonform wider.

Die fünf auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen und deren politisch-ideologische Ausrichtung sind (Stand Januar 2016):

  • Zaman (1.1017.757, religiös-konservativ, regierungskritisch)
  • Posta (442.852, Boulevardzeitung)
  • Hürriyet (379.865, liberal-konservativ, regierungskritisch)
  • Sabah (345.943, mitte-rechts, regierungsnah)
  • Sözcü (345.126, kemalistisch, regierungsfern)