„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.