Guinea: Eine Frau an der Spitze des ersten Gründerzentrums

Mit 28 Jahren verlässt Fatoumata Guirassy ihren Pariser Komfort, um in ihrer Heimat etwas zu bewirken. Jetzt soll sie Guineas Wirtschaft ankurbeln. Ein Porträt.

Porträt: Foutamta Guirassy

Ich komme aus einer Gesellschaft die leider keine große Bedeutung darin sieht Frauen auszubilden.

„Ich bin jung und ich bin eine Frau. Manche sehen das als eine Art doppeltes Handicap, ich nicht. Also wie stellt man es an? Ganz einfach, indem man zeigt, dass man es kann“, beginnt Fatoumata Guirassy das Interview. Im Alter von 30 Jahren ist sie die Leiterin von Saboutech, Guineas erstem Gründerzentrum, das im März 2016 eröffnet. Es soll gleichzeitig auch Westafrikas größtes sein. In Sachen Gleichberechtigung steht Guinea jedoch laut GenderIm Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Im Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus.-Equality-Index auf dem viertletzten Platz Afrikas. Jetzt ist eine Frau verantwortlich für ein Pilot-Projekt, das die Wirtschaft des Landes beleben soll. Wie hat sie es dorthin geschafft?

Von Paris bis Conakry

Geboren wurde Fatoumata Guirassy, wie all ihre Geschwister, in Frankreich. Aus ökonomischen Gründen hatten ihren Eltern Guinea in den achtziger Jahren verlassen und sind nach Paris gezogen. Im Arbeiterviertel des zwanzigsten Arrondissements wächst Fatoumata auf. Neben ihrer französischen Identität, legten die Eltern immer Wert darauf, dass die Kinder auch mit der guineischen Kultur verbunden bleiben.

Anders als in ihrem Heimatland üblich, unterstützen die Eltern ihre Töchter darin, sich zu bilden und ihr Potenzial auszuschöpfen. Fatoumata Guirassy beschreibt sich als eine ambitionierte Schülerin. In der Zeit, als sie ihr Abitur macht, spielt sie mit dem Gedanken, irgendwann nach Guinea zurückzugehen. Doch nicht einfach nur so. Ab der Oberstufe wählt sie ein wirtschaftliches Profil. Sie absolviert zwei Master: einmal in internationaler Wirtschaft an der Sorbonne und graduiert am angesehenen Institut supérieur du commerce de Paris in Projektmanagement und nachhaltiger Entwicklung. Im August 2012 erhält Guirassy eine Stelle als Unternehmensberaterin bei Bolloré Africa Logistic, einer einflussreichen französischen Firma auf dem afrikanischen Markt. Die Arbeit ermöglicht es ihr, in die verschiedensten afrikanischen Länder zu reisen, Geschäftsbeziehungen aufzubauen und den Kontinent in seinen vielseitigen Facetten kennenzulernen. Ein Afrika, jenseits der reproduzierten Fernsehbilder. Fatoumata Guirassy fällt die Entscheidung, ganz dort zu bleiben.

Entscheidung für die Zukunft

Die Stelle bei Bolloré ist auf zwei Jahre befristet, doch die 28-Jährige hat Glück: Zum selben Zeitpunkt sucht die guineische Filiale der französischen Bank Société Générale in Conakry eine Projektleiterin. Fatoumata Guirassy bewirbt sich erfolgreich, lässt Paris hinter sich und zieht in die Hauptstadt Guineas. „Zurückkehren“, wie sie es nennt.

Ich konnte während meiner Reisen erleben und sehen, dass ein enormes Entwicklungspotenzial in diesem Kontinent steckt.

Auch  wenn es im Schnitt für Frauen in diesem Land Westafrikas sehr schwer ist an gut bezahlte oder höhere Jobs zu gelangen, hat Guirassy andere Erfahrungen gemacht. „Es hat mich auch überrascht, aber die Frauen sind bei der Société Générale, was die mittleren Managementposten angeht, sogar in der Mehrzahl. Das ist eine Besonderheit“, betont sie. Frauen würden hier insofern bevorzugt, weil sie hart und zielstrebig arbeiten, kann Guirassy sich vorstellen. Allerdings, wenn es um die hohen Führungsposten geht, sind auch dort Frauen rar gesehen.

Doch genau diese Führungsposition interessiert die junge Franco-guineerin, sie will ihr ganzes Potenzial ausschöpfen. Nach nur einem Jahr bei der Bank, bewirbt sie sich auf den Direktorenposten des ersten Gründerzentrums Guineas.

Mit Anfang dreißig ist Fatoumata Guirassy nun Chefin des größten Gründerzentrums Westafrikas. Es ist eine Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor. Internationale Firmen wie Orange, Total, Société Générale de Banques en Guinée sind dabei, aber auch Bolloré Logistics beteiligt sich dadurch, dass sie 1100m² Bürofläche zur Verfügung stellen. Gefördert werden, sollen Projekte und Unternehmen, die sich mit Kommunikationstechnologien, erneuerbaren Energien oder Umwelt befassen. Gerade hier sieht die Chefin den Vorteil ihres noch jungen Alters. Sie sei aus einer Generation, die mit all diesen Dingen aufgewachsen ist und einen anderen Bezug zu Umwelt und Innovation hat. Gibt es trotzdem Momente, in denen es schwer ist, sich als junge Frau in dieser Position durchzusetzen? Nicht, wenn man den passenden Management-Stil hat, sagt Guirassy.

Kommunikation: Auf diese Weise verschafft man sich den Respekt auch bei den Leuten, die nicht mit einem einverstanden sind.

Zurzeit läuft die Bewerbungsphase für kleine und mittlere Betriebe sowie Start-UpDer Begriff beschreibt ein neues und schnell wachsendes Unternehmen. Sie
versuchen, einen Marktbedarf zu erfüllen und bieten ein innovatives Produkt, Prozess oder
Service. Häufig nutzen Startup-Unternehmen das Internet, E-Commerce, Computer und
Telekommunikation.
s, um sich auf einen Platz bei Saboutech zu bewerben. Im Gründerzentrum haben sie die Möglichkeit betreut zu werden, finanziell, aber auch durch Beratung, der Bereitstellung von Räumlichkeiten und Infrastruktur, wie Internet und Strom. Das Programm kann von sechs Monaten bis zu drei Jahren dauern. Damit soll vor allem eins erreicht werden: die Überlebenschancen der kleineren Firmen zu erhöhen und Guineas Wirtschaft damit anzukurbeln. „Heutzutage überleben mehr als 85 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen nicht einmal zwei Jahre Aktivität.“, erzählt Fatoumata Guirassy. Die Begleitung durch das Gründerzentrum soll das ändern. Doch nicht jeder begrüßt die Idee von Saboutech.

Vor vier Jahren unternahm sie ihre ersten Geschäftsreisen nach Afrika. Sie hat für sich entdeckt, welches Potenzial in diesem Kontinent steckt und sich entschieden, etwas in Bewegung zu setzen, etwas zu verändern. Als Direktorin des ersten Gründerzentrums von Guinea, ist Fatoumata Guirassy mit 30 Jahren auf jeden Fall in der Position, ihre Ambitionen auch umzusetzen.

Gründerzentrum: Chance oder Risiko?

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Zukunftschance Gründerzentrum: Aufschwung für Guineas Wirtschaft?

Mit Saboutech soll in Guinea ein Gründerzentrum entstehen, das die heimische Privatwirtschaft voranbringt. Doch die Frage ist, ob die Vision von Fatoumata Guirassy und ihren Mitstreitern überhaupt eine Zukunft hat. Nicht nur wirtschaftlich steht Guinea, trotz enormer Rohstoffvorkommen wie Eisenerz, Nickel oder Gold, schlecht da. Das Land zählt auch zu einem der korruptesten des afrikanischen Kontinentes. So belegte Guinea 2014 beim Corruption Perception Index Rang 145 von 175. Nicht nur hier, auch bei anderen Bewertungssystemen landet Guinea stets auf einem der hinteren Plätze. Ist es also überhaupt möglich, dass ein Gründerzentrum wie Saboutech ein Land voranbringen kann, dessen wirtschaftliche Standortbedinungen die Weltbank im Rahmen des Doing-Business-IndexDer Doing-Business-Index misst jährlich die wirtschaftlichen Standortqualitäten in insgesamt 183 Ländern. Er zeigt an, inwiefern Behörden und staatliche Regulierungen in den einzelnen Ländern das Geschäftemachen begünstigen oder erschweren. Die Messung wird gemeinsam von der Weltbank und der International Finance Corporation (IFC) bewertet und herausgegeben. Dabei gehen sie auf elf verschiedene Themenkomplexe ein. als sehr schlecht einschätzt? Und welche Rolle spielt dabei Fatoumata Guirassy – als Geschäftsführerin und Frau?

„Gründerzentren allein lösen die Probleme nicht“, sagt Karl Wohmuth, Wirtschaftsprofessor und Senoir Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Prinzipiell sei die Idee hinter solchen Zentren eine positive, allerdings gebe es viele verschiedene Ansätze, die nur funktionieren können, wenn sie auch beschäftigungsorientiert sind. Und: Gründerzentren allein kurbeln die Wirtschaft der afrikanischen Länder nicht an. „Es muss auch insgesamt etwas für die Privatwirtschaft getan werden, die in vielen Staaten unterdrückt wird“, so der Experte, der schon viele Gründerzentren hat scheitern sehen. „Insgesamt sind die Erfahrungen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich“, erklärt Wohlmuth. So gibt es beispielsweise in Südafrika funktionierende, staatlich organisierte Gründerzentren, die sich vor allem auf Agrarkulturprojekte spezialisiert haben, aber die Bereitschaft ein Unternehmen zu gründen, sei hier, wie in vielen anderen Ländern auch, sehr gering.

Für den Fall Saboutech sieht Wohlmuth trotzdem eine Chance, allerdings ist Fatoumata Guirassy nicht der Grund dafür. Zwar käme es immer häufiger vor, dass Frauen in Führungspositionen wie ihre aufrücken. Allerdings würden sie meist aus der Oberschicht mit engen Verbindungen zur politischen wie ökonomischen Elite des jeweiligen Landes stammen. „Die breite Beteiligung von Frauen in Führungspositionen von Wirtschaftsunternehmen ist hilfreich, da die Karriereaussichten von Frauen dadurch steigen und somit die Motivation zur Beteiligung am Wirtschaftsleben größer wird“, erklärt der Wirtschaftsexperte. Laut ihm kommt es vor allem darauf an, welche Initiator-Unternehmen bei einem solchen Projekt die Weichen stellen. „Mit Bolloré Africa Logistics und Orange Guinea hat Saboutech interessante Partner. Beide sind bedeutende Unternehmen“, so der 73-Jährige. Er hofft, dass sie die kleinen Unternehmen, die mithilfe von Saboutech gefördert werden sollen, mit sich ziehen.

Denn die bittere Erfahrung zeigt, dass sobald kleinere Unternehmen nach zwei, drei Jahren die Hilfe der Gründerzentren verlassen und auf eigenen Beinen stehen sollen, sie nicht durchhalten. Letztendlich seien „Gründerzentren nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Wohlmuth, „das Konzept funktioniert nur, wenn auch insgesamt, beispielsweise vom Staat, etwas für die Förderung der Privatwirtschaft getan wird.“ Denn das Wachstum innerhalb der Länder ist schwach, der Einstieg mit enormen bürokratischen Hürden verbunden.


Prof. Karl Wohlmuth

Wohlmut_privat

Karl Wohlmuth wurde am 8. Dezember 1942 geboren und ist emeritierter Professor für den Vergleich ökonomischer Systeme der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind dabei afrikanische Entwicklungsperspektiven und ökonomische Systeme im Wandel der Weltwirtschaft. Derzeit arbeitet Wohlmuth als Senior Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Außerdem ist er seit 1998 Teil der Herausgebergruppe des „African Development Perspective Yearbook“.