Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“