Unsichtbar

Männerhandel zur Arbeitsausbeutung

Ein Beitrag von Theresa Dräbing & Tatina Trakis 

Bedroht, ausgebeutet, männlich. Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung ist ein Phänomen, das vorwiegend Männer betrifft. Spezialisierte Beratungsangebote aber fehlen. Das hat historische Gründe – lange fiel nur sexuelle Ausbeutung unter Menschenhandel, in welchem Bereich die meisten Opfer Frauen sind.

Dominik K.* ging davon aus, dass ein Stundenlohn von 2,60 Euro für Kraftfahrer in Deutschland üblich ist. Und so ließ sich der Tscheche von einem deutschen Unternehmer anwerben. Dominik K. war nicht der einzige, mit ihm kamen 123 weitere Landsleute nach Deutschland. In seinem Job arbeitete er täglich bis zu 14 Stunden und der viel zu geringe Lohn blieb oftmals ganz aus. Der Täter hatte sich einen eigenen Strafenkatalog ausgedacht, den er willkürlich einsetzt, um den Lohn zu kürzen. Zusätzlich übte er gegenüber seinen Angestellten psychischen Druck aus. Dominik K. wurde damit Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung. Doch ein Fall wie dieser wird oft nicht erkannt. Dafür gibt es viele Gründe.

Seit 2005 zählt Arbeitsausbeutung zum Straftatbestand des Menschenhandels. Bis dahin galt als einziger Fall von Menschenhandel die Zwangsprostitution. Strukturen in Hilfsorganisationen und Justizbehörden fehlen noch größtenteils, um auch beispielsweise in der Kraftfahrzeugbranche, auf dem Bau oder im Gastronomiegewerbe gegen Menschenhandel anzugehen.

Im „Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel“ (KOK) sind 37 Beratungsstellen für Betroffene von Menschenhandel organisiert. Geschäftsführerin Naile Tanış  sagt, die Ausbeutungsform „Arbeitsausbeutung“ sei im KOK immer schon ein wichtiger Teil gewesen. Dadurch, dass der Bereich 2005 aber erst strafrechtlich anerkannt wurde, lag der Fokus der Fachberatungsstellen vorher eher auf sexueller Ausbeutung. „Und von sexueller Ausbeutung waren und sind überwiegend Frauen betroffen und so haben sich die spezialisierten Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel in der Vergangenheit dahingehend entwickelt und ihre Konzepte ausgebildet“, so Tanış. Zwischenzeitlich habe jedoch eine Änderung stattgefunden und es werde verstärkt versucht Angebote für Männer vorzuhalten.

Naile Tanış, KOK

Naile Tanış, KOK

Viele beraten zwar auch männliche Betroffene, Beratungsstellen speziell für Männer gibt es aber keine. Obwohl die Betroffenenzahlen etwas anderes sagen. Das Projekt „Bündnis gegen Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung“, ein Zusammenschluss vom DGB, dem Verein Arbeit und Leben und anderen Hilfsorganisationen spricht von 575 Betroffenen von Menschenhandel in der Arbeitsausbeutung in den letzten zehn Jahren, allein in den vier Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Brandenburg und Rheinland-Pfalz. Darunter seien 381 Betroffene, also rund 90 Prozent, männlich. Die Zahlen gründen auf offiziellen Ermittlungsverfahren. Zwar sei die Statistik nicht repräsentativ, da nur vier Bundesländer betrachtet wurden, aber, so erklärt Philipp Schwertmann vom Verein Arbeit und Leben und Koordinator des Projekts: „Es sind definitiv viele Männer betroffen. Und das steht im Konflikt mit der Situation der Beratung und der Unterstützung, denn hier gibt es kaum entsprechende Angebote für Männer.“

Statistiken geben nicht die tatsächlichen Zahlen wieder

Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht jährlich ein Bundeslagebild von Menschenhandelsbetroffenen. Für das Jahr 2014 sind hier lediglich 26 Opfer – männlich und weiblich – aufgezählt. Grund ist, dass das BKA lediglich Fälle mit einem abgeschlossenen Ermittlungsverfahren aufführt. Diejenigen, die nicht abgeschlossen werden, tauchen folglich auch nicht in der Statistik auf. „Im BKA Lagebild sind nur ein Teil der tatsächlich geführten Ermittlungsverfahren aufgeführt. Es gibt also noch ein Dunkelfeld im Hellfeld,“ erklärt Schwertmann.

Als einen der Gründe für eine hohe Dunkelziffer in diesem Bereich nennt das BKA selbst die schwere Handhabbarkeit des § 233 StGB, in dem der Straftatbestand des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung geregelt ist. „Da ist natürlich was dran,“ sagt Schwertmann, „aber ein Strafrechtsparagraph der wehrt sich nicht, da kann man gut mal sagen, der ist Schuld. Es gibt eben noch sehr viele andere Faktoren, die dazu führen, dass der Straftatbestand des Menschenhandels nicht verfolgt wird. Dazu gehört im wesentlich auch die Betreuung. Oft haben die Opferzeugen selbst Angst wegen Straftaten verfolgt zu werden. Nur wenn die Zeugen nicht aussagen, dann ist es natürlich auch schwierig mit einem Verfahren. Deshalb ist es wichtig, dass die Zeugen betreut werden.“

„Viele Betroffene machen auch deshalb keine Aussage, weil sie dadurch selbst oft keine Vorteile sehen,“ vermutet Naile Tanış. „Entschädigungsansprüche sind ganz schwierig durchzusetzen.“ Katarzyna Zentner, Projektleiterin und Beraterin bei der Beratungsstelle für Mobile Beschäftigte des Vereins Bildungsvereinigung Arbeit und Leben in Hannover, beschreibt, warum insbesondere Männer häufig Probleme haben, sich zu öffnen: „Männer haben oft eine noch größere Hemmschwelle sich anzuvertrauen. Sie schämen sich, dass sie überhaupt in eine solche Situation gekommen und ausgeliefert sind.“

Katarzyna Zentner, Arbeit und Leben e.V.

Katarzyna Zentner, Arbeit und Leben e.V.

Philipp Schwertmann sieht in dem Zusammenhang aber auch die Behörden in der Kritik: „Wir hatten uns eben auch mal angeguckt, welche Maßnahmen die Strafverfolgungsbehörden eingeleitet haben im Zuge ihrer Ermittlungen und haben festgestellt, dass in 91 Ermittlungsverfahren laut der uns vorgelegten Akten nur fünf eine Beratungsstelle einbezogen wurden.“ Zentner äußert ebenfalls Kritik an den zuständigen Behörden: „Mir fehlen richtig geschulte Ansprechpartner, zum Beispiel bei der Polizei oder der FinanzkontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im
Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer
Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen
Teilnehmer zu erreichen.
Schwarzarbeit, die auf kurzem Weg vernünftige Vernehmungen führen können und die den Straftatbestand von Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung auch erkennen.“

Rechte existieren, sind aber oft nicht bekannt

Kommt ein Betroffener in eine Beratung heißt das, demjenigen wird neben psychologischer Betreuung eine sichere Unterkunft bereit gestellt sowie Rechtsbeistand gewährt, wenn der Betroffene gegen seinen Arbeitgeber aussagen will – um sich dazu zu entscheiden, hat der Betroffene drei Monate Zeit.

„Und unsere Erfahrung ist, dass diese Rechte, auch wenn sie existieren, in der Praxis keine Rolle spielen, weil sie oft gar nicht bekannt sind,“ so Schwertmann. Die Organisation hat in den letzten Jahren daran gearbeitet die Problematik offenzulegen, Akteure zu vernetzen und zu schulen. Dazu veranstaltete das Bündnis Workshops und brachte Akteure zusammen, wie die Jobcenter, Ausländerbehörden, Arbeitsschutzbehörden, NGO’s und Beratungsstellen. Die Bringschuld liege insbesondere bei den Behörden, sie müssen die Zwangslagen erkennen und den Opfern die Rechte gewähren. Doch auch finanziell fehlt es an Mitteln: „Im Moment gibt es für männliche Opfer kaum ein öffentliches Bewusstsein und entsprechend gibt es dann dafür auch keine Gelder,“ beklagt Philipp Schwertmann.

Die Finanzierung ist Geschlechterabhängig. Fachberatungsstellen für Menschenhandel finanzieren sich durch Spenden und bekommen Gelder vom Land, welche jedoch oftmals speziell für Frauen bestimmt sind und in vielen Fällen nicht für die Arbeit mit Männern verwendet werden dürfen. Dazu sind extra Anträge nötig.

Regine Reinalda betreut als Sozialarbeiterin Opfer von Menschenhandel in der Dortmunder Mitternachtsmission. Die Fachberatungsstelle ist allein zuständig für Prostituierte und Opfer von Menschenhandel in der sexuellen Ausbeutung. Im Vergleich zur Arbeitsausbeutung zeigen die Zahlen hier ein anderes Bild. Voriges Jahr waren 203 Frauen in der Beratung und nur zwei Männer. Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung müssen noch häufiger Gewalt erleiden. Daher ist Beratung in diesem Bereich besonders wichtig – auch für die davon betroffenen Männer.

„Die Arbeit mit Männern unterscheidet sich im Bereich der sexuellen Ausbeutung nicht groß von der der Frauen“, erklärt Reinalda. Zwar müssen auch hier Gelder für Männer extra beantragt werden, das sei aber keinesfalls ein Hinderungsgrund. Dadurch dass Männer im Bereich der sexuellen Ausbeutung eher eine geringfügige Zahl an Betroffenen ausmachen, ist das für die Beratungsstellen gut zu handhaben. Im Bereich der Arbeitsausbeutung kommt hingegen die Schwierigkeit dazu, dass oftmals auf einen Schlag dutzende Betroffene identifiziert werden. Und darauf seien die Beratungsstellen momentan nicht eingestellt. „Die Arbeit  mit Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung steht noch ganz am Anfang“, sagt Zentner. „Strukturen müssen erst noch etabliert werden und gesellschaftliche Vorurteile überwunden.“

Im Fall von Dominik K. konnten neben ihm 67 weitere Betroffene identifiziert werden. Somit konnte auch der Täter, ein 46-jähriger Deutscher gefasst werden. Er wurde zu dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe verurteilt.

*Fiktiver Name, da Betroffener im Fall anonymisiert wurde