Beschneidung im Sudan: Warum die Hilfe nicht ankommt

Eine Multimediareportage von Julia Ruhnau und Ines Eisele

Der Sudan hat eine der höchsten Beschneidungsraten in Afrika. Um das zu ändern, betreiben Hilfsorganisationen viel Aufwand. Das Problem: Sie sind zu weit weg von den Menschen.

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Beschneidung FGM/C
Jeder Einzelne zählt

Es ist eine grausame Praxis: Weibliche Genitalien, mit Messern oder Rasierklingen verstümmelt, vernäht mit Nadel und Faden, und das oft ohne jede Betäubung. Die Betroffenen leiden meist ein Leben lang unter der Behandlung, das Gesundheitsrisiko ist hoch. Der Kampf gegen Beschneidung ist daher oft ein Aushängeschild von Hilfsorganisationen wie Unicef oder der WHO. Sie sammeln Spendengelder, konzipieren Kampagnen, werben in den Medien und verfassen viele Seiten an Berichten und Statistiken. Trotz des Aufwands bleibt der Erfolg manchmal hinter den Erwartungen zurück. Daran sind die Organisationen teilweise selbst schuld. Denn die Grundlagen, auf denen sie ihre Kampagnen entwerfen, sind zwar theoretisch ausgefeilt. Dafür fehlt es manchen Konzepten an Praxistauglichkeit, wie lokale Aktivisten und nun auch Wissenschaftler kritisieren.

Beispiel Sudan: Viel Engagement mit wenig Wirkung

Zum Beispiel im Sudan. Etwa 88 Prozent aller Mädchen und Frauen sind hier beschnitten, im afrikanischen Durchschnitt liegt das Land auf einem unrühmlichen fünften Platz. Seit Mitte der 90er Jahre engagieren sich internationale Akteure wie Unicef für die Eindämmung der Praxis. Seit 2008 gibt es ein gemeinsames Projekt von Unicef, Unfpa und WHO zusammen mit lokalen Organisationen. Ihr Ziel: Die Beschneidungsrate unter jungen Mädchen innerhalb von fünf Jahren um 40 Prozent zu senken. Die Mission scheiterte. Die Ziele seien zu hoch gesteckt gewesen, gibt Unicef zu. Warum? All die Expertise und die finanziellen Mittel, die Schwergewichte der EntwicklungszusammenarbeitUnter Entwicklungszusammenarbeit wird der gemeinsame Versuch der sogenannten Entwicklungs- und Industrieländer bezeichnet, die weltweiten wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Unterschiede zu überwinden. Entwicklungszusammenarbeit oder auch Entwicklungshilfe umfasst zur näheren Erläuterung die Begriffe Entwicklungsland, Dritte Welt, Least Developed Countries (LDC), Brand Kommission, Brundlandt-Kommussion und Gruppe der 77. mitbringen – sind sie am Ende so wenig wert?

Ein Hinweis, woran die Arbeit der Organisationen krankt, kommt aus der Schweiz. Forscher der Universität Zürich haben im vergangenen Herbst eine Studie veröffentlicht, in der sie die Verbreitung von Beschneidung im Sudan untersuchen. Und zwar mit praktischer Ausrichtung: „Wir haben Annahmen getestet, auf denen sehr viele Programme gegen Mädchenbeschneidung beruhen“, erklärt Sonja Vogt, eine der Autorinnen der Studie. Das heißt: Die Forscher haben überprüft, ob die theoretischen Ansätze vieler Hilfsorganisationen mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Schwächen im Konzept

Um es vorwegzunehmen: Das theoretische Fundament von Unicef und Co. hat Schwächen. Viele der Kampagnen gegen Beschneidung beruhen nämlich auf der Annahme, dass Beschneidung eine soziale Norm ist. Wer die Norm nicht befolgt, wird geächtet, ausgegrenzt oder hat schlechtere Chancen auf dem Heiratsmarkt. Anti-Beschneidungskampagnen setzen daher darauf, die soziale Norm der Beschneidung zu ändern. Sie versuchen, durch öffentliche Kundgebungen eine kritische Masse zu erreichen, die sich gegen die Praxis ausspricht. Sind die Beschneidungs-Gegner einmal in der Überzahl, stirbt die Praxis sozusagen von selbst aus. Denn von da an passen sich alle der neuen Anti-Beschneidungsnorm an. Soweit die Theorie.

Die Studie der Züricher zeigt, dass das Phänomen komplexer ist. Mit einer Zählung erfassten die Forscher die Verbreitung von Beschneidung in mehreren Dörfern. „Wenn Mädchenbeschneidung wirklich eine soziale Norm ist, beschneiden alle oder niemand. Das heißt, wir hätten Beschneidungsraten finden müssen, die bei 100 oder bei 0 Prozent liegen“, erklärt Wissenschaftlerin Vogt. „Wir haben aber genau das Gegenteil gefunden.“ Familien, die beschneiden, und solche, die es nicht tun, lebten oft Tür an Tür, berichtet Vogt.

Wenn also nicht die soziale Norm ausschlaggebend ist – was ist es dann? „Die Gründe für Genitalverstümmelung sind sehr unterschiedlich. Es geht unter anderem um die Jungfräulichkeit der Frau, um Reinheit oder hygienische Gründe. Auch der religiöse Glaube und die Tradition spielen oft eine Rolle.“ berichtet Idah Nabateregga von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Die Praxis ist fest in der Gesellschaft verankert und seit Jahren etabliert. Viele Familien verlangen beschnittene Ehefrauen für ihre Söhne. Obwohl im Islam Beschneidung nicht propagiert wird, argumentieren Beschneidungsbefürworter auch mit religiösen Gründen.

Jumana Eltigani arbeitet bei der Frauenrechtsorganisation Seema im Sudan. Bei ihrer Arbeit hat sie fast täglich mit Beschneidung zu tun. Auch sie sieht verschiedene Gründe für Female Genital Mutilation (FGM): „Manche Familien praktizieren Beschneidung aus religiösen Gründen, andere als Reinigung“, erzählt sie. „Es sind individuelle Überzeugungen. Es ist keine soziale Norm für alle.”

Die Menschen, für die Beschneidung Alltag ist, überraschen die Ergebnisse der Studie nicht. Jumana kommt aus Khartoum, der Hauptstadt des Sudan. Sie selbst ist nicht beschnitten, ihre zwei älteren Schwestern schon. Sogar innerhalb einzelner Familien variiert die Praxis also. Hier erzählt Jumana von ihren Erfahrungen mit FGM:

Was bedeutet es für die Arbeit der Hilfsorganisationen, dass die Gründe für FGM so unterschiedlich sind? „Man muss sehr spezifisch vorgehen. Es ist zwar schwieriger, im Rahmen der Kampagnen alle Familien einzeln aufzusuchen, aber man muss in jeder einzelnen Gruppe die Gründe für die Beschneidung herausfinden und nicht nur die Gemeinschaft als großes Ganzes betrachten”, sagt Jumana.

Die Regierung im Sudan ist nicht immer eine Hilfe für die Beschneidungsgegner. Zwar hat sie einige Abkommen und Richtlinien zur Bekämpfung von FGM ratifiziert. Auch wurde im Sudan bereits 1946 die schwerste Form der Beschneidung, die Infibulation, gesetzlich verboten. Momentan gibt es in der Gesetzgebung aber keine Formulierung, die die Praxis generell unter Strafe stellt. Nur für Ärzte ist sie explizit untersagt. Nach außen hin vertritt die Regierung eine ablehnende Haltung und fährt eigene Kampagnen gegen FGM. Jumana Eltigani zweifelt aber an der Ernsthaftigkeit der Kampagnen: Denn Organisationen, die gegen FGM arbeiten, werden vom Staat in ihrer Arbeit oft behindert, erzählt sie. Zum Beispiel, indem Aktionen abgesagt oder Kampagnen reglementiert werden. Auch der Spielraum der internationalen Helfer wie Unicef sei damit eingeschränkt, berichtet Jumana von ihren Einschätzungen. Lokale Akteure wie die Frauenrechtsorganisation Seema oder die Frauenuniversität Ahfad treten daher auch für eine stärkere Gesetzgebung ein. Dies sei die Grundlage, um Beschneidung nachhaltig zu begegnen, sagen sie.

Beschneidungsgegner gegen Befürworter

Beschneidungsbefürworter betreiben im Sudan umfassende Propaganda für die Praxis und sind oft gut organisiert. Sie wollen die Tradition gegen Einfluss von außen und vor allem aus dem Ausland schützen. Oft haben sie einen religiösen Hintergrund. Manchmal argumentieren die Pro-Aktivisten auch damit, dass FGM medizinische Vorteile habe. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Trotzdem erreichen sie die Bevölkerung oft leichter als internationale Helfer. Sie argumentieren beispielsweise über die Religion, auch wenn im Islam von Beschneidung überhaupt keine Rede ist. Doch gläubige Einwohner lassen sich so oft leichter überzeugen als von den Argumenten der Helfer aus dem Ausland. Ein weiteres Problem: Viele Einheimische wissen inzwischen, dass die westlichen Organsiationen gegen Beschneidung sind und haben daher gelernt, die Praxis nach außen hin abzulehnen. Innerhalb der Gruppen bliebe die Einstellung dagegen dieselbe, berichtet Jumana von ihren Erfahrungen.

Die Unterstützung von Unicef und anderen internationalen Organisationen wissen die lokalen NGOs aber trotzdem zu schätzen: „Die Spenden sind sehr wichtig für uns”, ergänzt Jumana. Sie plädiert allerdings für mehr Zusammenarbeit und eine genaue Vorbereitung jeder Maßnahme:

Was die Strategie der westlichen Großorganisationen angeht, sind sich Jumana und die Schweizerin Sonja Vogt also einig: Nur wenn vor jeder Maßnahme genau untersucht wird, wo die jeweiligen Gründe für Beschneidung liegen, kann es flächendeckene Erfolge geben. Und auch kleine Schritte sind wichtig: „Wir ermuntern Familien zum Beispiel auch, Festen fernzubleiben, die nach der Beschneidung eines Mädchens stattfinden”, erzählt Jumana. Außerdem sprechen sie mit Hebammen,  die häufig die Beschneidungen durchführen:

Unicef selbst sieht wenig Grund zur Veränderung. Die Vertretung von Unicef im Sudan antwortete auf Anfrage, dass sie Forschung zum Thema begrüße, sich aber von der Studie nicht angesprochen fühle. Ihr Ansatz sei bereits ganzheitlich und multidimensional angelegt und beziehe alle Ebenen, von einzelnen Familien über locale NGOs bis hin zur Regierung, mit ein. Sie verlassen sich lieber auf die eigenen Evaluationen: Die Zustimmung zu Beschneidung sei vor allem bei jungen Frauen stark gesunken, berichtet Unicef. Ob sich das in den tatsächlichen Beschneidungsraten niederschlägt, müsse sich allerdings erst noch herausstellen.

Die Kritik an Unicef-Programmen ist nicht neu. Mehr dazu finden Sie auf der nächsten Seite.

Worte ohne Wirkung

Nicht zum ersten Mal wird die Arbeit von Unicef hinterfragt. Vor einigen Jahren gab es im Sudan eine Diskussion um „Saleema“, eine Kampagne von Unicef und dem National Council for Child Welfare, die seit 2009 besteht. Sie arbeitet mit dem Ansatz, unbeschnittene Mädchen positiv darzustellen. Der Schlüsselbegriff dafür ist „Saleema“, was so viel bedeutet wie „intakt“, „gesund“ oder „makellos“. Davor gab es für unbeschnittene Mädchen nur den Begriff „qulfa“, was soviel wie „Scham“ bedeutet. Saleema soll den positiven Gegenpol bilden.
Die Kampagne arbeitet über die Medienöffentlichkeit, zum Beispiel mit Anzeigen, Bannern oder auch Videos:

Außerdem gibt es ganze Kollektionen, von Kleidern bis Schals, die ein charakteristisches, buntes Muster haben und mit Saleema in Verbindung gebracht werden sollen. „Das Ziel der Saleema Kommunikationsinitiative ist es, auf lange Sicht die Abkehr von FGM/C zu erreichen“, erklärt Unicef. Der Weg dorthin führe über die soziale Akzeptanz unbeschnittener Mädchen und die Verbreitung des Saleema-Begriffs. Dafür arbeitet Unicef mit den Dorfgemeinschaften zusammen, leistet Überzeugungsarbeit und organisiert zum Abschluss einer Maßnahme eine Feier, in der sich die Dorfgemeinschaft öffentlich zur Abkehr von der Praxis bekennt.

Der Ansatz klingt sinnvoll. Nur wenn unbeschnittene Frauen und Mädchen als wertvoll und positiv wahrgenommen werden, kann dauerhaft ein Umdenken und eine Veränderung der Tradition stattfinden. Die Kritik an Saleema betrifft aber die Umsetzung: Denn in den Kampagnen wird Beschneidung nie explizit angesprochen. „Ich habe schon Leute gehört, die sagen: Was ist das? Werbung für Mode?“, erzählt Jumana Eltigani aus Khartoum. Sie spricht die bunte Kleidung an, die für die Kampagne entworfen wurde und in den Dörfern verteilt wird. Aber wenn viele den Begriff Saleema und die zugehörigen Accessoires nicht mit Beschneidung verbinden – wie soll die Kampagne dann helfen, die Praxis zu ächten? Auch dieses Saleema-Video zeigt die Problematik: bunte Kleider überall, das Wort FGM kommt dagegen nicht vor:

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Dass es anders besser geht, berichtet Jumana aus ihrer praktischen Arbeit für die Frauenrechtsorganisation Seema: „Es gab eine Kampagne, Tuti Island free of FGM“. Das Projekt fand in Zusammenarbeit mit Unfpa statt und funktioniert ähnlich wie Saleema. Der Unterschied liegt im Titel: FGM, also Genitalverstümmelung, wird explizit genannt. „Free of FGM“ lässt keinen Interpretationsspielraum zu. Saleema schon. Außerdem wurde im Rahmen des Projekts zusammen mit den Einwohnern vor Ort nach den konkreten Gründen für FGM geforscht. Respektpersonen aus den jeweiligen Gruppen wurden ebenfalls aktiv mit einbezogen. Die Beschneidungsrate ging nach der Intervention laut Seema auf 50 Prozent zurück und war damit eine der erfolgreichsten Kampagnen im Sudan.

Infobox
Hinweis

Weibliche Genitalverstümmelung im Sudan

Im Sudan sind etwa 88 Prozent der Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Der Sudan liegt damit auf Platz fünf im afrikanischen Vergleich. Der internationale Term lautet Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C) und bedeutet soviel wie weibliche Genitalverstümmelung/Beschneidung. Es gibt verschiedene Formen: Beim Typ I, der Klitoridektomie, wird die Klitoris und die Klitorisvorhaut entfernt. Bei Typ II werden die inneren Schamlippen entfernt und vernäht. Typ III, auch Infibulation genannt, umfasst die Entfernung aller Genitalteile, also innerer und äußerer Schamlippen sowie der Klitoris. Außerdem werden die äußeren Schamlippen zugenäht. Die Infibulation ist die schwerste Form der Genitalverstümmelung und kommt im Sudan am häufigsten vor. Im Sudan arbeiten lokale Frauenrechtsorganisationen und internationale Hilfsorganisationen wie Unicef (United Nations children´s fund), Unfpa (United Nations Populations Fund) oder WHO (World Health Organisation) zusammen gegen Beschneidung.