Interview mit Claudia Simons: „Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen sind ein globales Problem“

Interview mit der Peacebuilding-forscherin Claudia Simons von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Wie würden Sie die gesellschaftliche Stellung der Frau im Kongo beschreiben? Wie haben sie selbst es dort erlebt?

Die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung der Frau kann man fast global beantworten: Sie ist trotz vieler Veränderungen in verschiedenen Teilen der Welt noch prekär. Das gesamte gesellschaftliche System ist sehr patriarchal strukturiert, das wirkt sich im Rechtssystem aus, in bestimmten kulturellen Praktiken etc. Man kann zwar sagen, dass sich durch die Frauenbewegung in Europa viel geändert hat. Aber selbst in Europa hat man in vielen Ländern, inklusive Deutschland, immer noch bestimmte Strukturen, in denen man merkt, dass der Biasin der Meinungsforschung: durch falsche Untersuchungsmethoden verursachte Verzerrung des Ergebnisses einer Repräsentativerhebung. in der Sozialpsychologie: aus der Perspektive z.B. des eigenen Geschlechts oder der eigenen Kulturzugehörigkeit heraus verzerrte und voreingenommene Sichtweise oder Grundhaltung. in der Gesellschaft sehr patriarchal ist. In Ländern wie Kongo und Burundi ist es zum Teil schlimmer, da die Gesellschaftsstrukturen noch stärker männerdominiert sind und diese Themen in der Politik kaum Beachtung finden. Gerade die Rechtsprechung, vor allem im Erbrecht, ist ein guter Indikator dafür, ob es gesellschaftliche Gleichstellung gibt oder nicht. In Burundi zum Beispiel hat die Frau nach wie vor kein volles Erbrecht. Wenn ihr Mann stirbt, hat sie kein Recht auf das hinterlassene Land.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Lage im Kongo aus? Werden nach Frauen in Bezug auf sexuelle Übergriffe ausreichend geschützt?
Vom Gesetz her schon. Die demokratische Republik Kongo ist eines der wenigen Länder, das Vergewaltigung explizit mit der sogenannten „rape-law“ im Gesetz verankert hat. Es ist interessant zu sehen, dass sich mittlerweile auch viele Zivil- und Militärgerichte mit Vergewaltigungen befassen. Aber leider kommt es sehr selten zu einer Verurteilung. Es ist natürlich immer die Frage, inwiefern das formelle Recht auch angewandt wird und inwiefern informelle Rechtspraktiken bestehen. Ein anderes Problem ist, dass viele Vergewaltigungen nicht angezeigt werden. Vor allem bei Vergewaltigungen durch Soldaten und Familienmitglieder im Rahmen häuslicher Gewalt ist dies der Fall. Auch in Deutschland ist häusliche Gewalt ist ein sensibles Problem. Es besteht eine wahnsinnig hohe Dunkelziffer, die man überhaupt nicht einschätzen kann.

Liegt es vielleicht auch daran, dass vergewaltigte Frauen im Kongo oftmals von ihren Männern verstoßen werden und sich deshalb gar nicht trauen, die Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung?
Vergewaltigung ist immer ein Stigma. Es ist auch ein typisches Phänomen, die Schuld umzudrehen und zu sagen, dass die Frau schuld sei an der Vergewaltigung oder sie provoziert hätte. Das passiert sehr häufig überall auf der Welt.
Es hat sich in den letzten Jahren im Kongo insofern gewandelt, da das Thema „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ extrem dominant geworden ist. Viele internationale NGOs befassen sich nun mit diesem Thema. Was einerseits positiv ist, da gerade in den Kriegsgebieten wie im Ostkongo Frauen und sogar Männer mehr Mut haben, über Vergewaltigungen zu sprechen und das Thema dadurch etwas enttabuisiert wird. Gleichzeitig hat es den perversen Effekt, dass in manchen Krankenhäusern die Angabe einer Vergewaltigung schon fast notwendig ist, um überhaupt medizinische Versorgung zu bekommen. Das kann von Männern wiederrum benutzt werden, um zu behaupten, dass es gar keine Vergewaltigung gab und die Frau sich diese nur ausgedacht habe. Das Tabu ist deshalb noch längst nicht gebrochen.

Claudia Simons Quelle: http://www.swp-berlin.org/de/wissenschaftler-detail/profile/claudia_simons.html

Claudia Simons ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Berliner Forscherin arbeitet in einer Forschungsgruppe mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika. Sie ist Expertin für die zentralafrikanischen Länder DR Kongo und Burundi. Zu ihren Forschungsgebieten zählen Peacebuilding, innerstaatliche Konflikte wie Bürgerkriege sowie regionale und zwischenstaatliche Konflikte. Außerdem setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit viel mit dem Thema GenderIm Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Im Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. und „Frauen in Kriegen“ auseinander.

Wie schätzen sie die Berichterstattung über den Kongo und Burundi in den deutschen Medien ein?
Es gibt allgemein recht wenig Berichterstattung über diese Länder. Die Mainstream-Berichterstattung ist einfach sehr stark auf bestimmte politische Entwicklungen fokussiert. Häufig wird über gewaltsame politische Ereignisse wie Rebellionen, Putschversuche oder Massenvergewaltigungen berichtet, wenig von anderen interessanten Ereignissen. In vielen Auslandsredaktionen ist es ein richtiger Kampf, ein Thema aus einem afrikanischen Land auf die Agenda zu bringen.

Was würden Sie sich von den deutschen Medien bezüglich der Berichterstattung über afrikanische Länder wünschen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Leute in den Redaktionen sitzen, die sich für bestimmte andere Themen über Afrika begeistern und das auf eine Weise berichten können, die für die Leser interessant ist. Oftmals wird sehr einseitig berichtet oder sich an alten Klischees bedient. Aus Leserperspektive ist das wirklich schade, da ich auch mal was anderes erfahren möchte als das, was man sowieso schon weiß.

Es gibt viele Studien und Berichte, die die Vergewaltigungen im Kongo als strategische Kriegswaffe und systematische Unterdrückung des Feindes definieren. In ihrem Vortrag haben Sie von Studien berichtet, die einen anderen Blickwinkel hervorheben. Könnten Sie diese Studien nochmals erläutern?
Im Rahmen einer Studie von Maria Ericksson Baaz und Maria Stern wurden sehr viele Soldaten der kongolesischen Armee FARDC zum Thema Vergewaltigung in Kriegssituationen befragt. Ericksson und Stern stellten fest, dass mehrere Aspekte von diesem Konzept „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ so nicht ganz zutreffen oder sich in der Realität als wesentlich komplexer ergeben. Unter anderem wurde die Frage, ob Vergewaltigungen von oben angeordnet sind und von Kriegsführern als Strategie angewandt werden, um systematisch Städte zu erobern, Menschen zu vertreiben, etc. von fast allen Soldaten verneint. Es soll nicht heißen, dass Vergewaltigung kein Faktor im Krieg ist, aber es geht darum, das Phänomen zu verstehen und zu begreifen, auf welcher Ebene angesetzt werden muss. Muss man sich mit den Rebellenführern an einen Friedenstisch setzen und diskutieren, was wir tun können, damit Vergewaltigungen nicht mehr als Strategie verwendet werden? Oder geht es allgemein um patriarchale Gesellschaftsformen und das Bild der Frau in der Gesellschaft? Das sind die unterschiedlichen Ansatzpunkte.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Simons.

 

Weitere Infos über die Referentin

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